Die beiden Städte Remscheid (65000 Einw.) und Solingen (50000 Einw.)

sind die Hauptsitze der so berühmten Eisen- und Stahlindustrie des

Bergischen Landes. In Solingen soll die Kunst, Schwerter zu schmieden,

der Überlieferung gemäß, durch den Grafen Adolf ~IV.~ von Berg, der sie

auf dem zweiten Kreuzzug in Damaskus kennen gelernt hatte, eingebürgert

worden sein. Die Grafen von Berg taten viel für die junge Industrie.

Graf Adolf Wilhelm verlieh ihr viele Vorrechte, er erhob Solingen zur

Stadt und befreite sie von allen Abgaben. Schon im Mittelalter waren

die Solinger Klingen sehr berühmt und auf den Handelsplätzen fast der

ganzen Erde eine gesuchte Ware. Erst 1809 wurden die Vorrechte der

Solinger Waffenschmiede, der Härter, Schleifer, Messermacher, Kreuz-

und Knopfschmiede, aufgehoben. Der freie Wettbewerb, der damit begann,

hat der Industrie nicht geschadet. Dieselbe fußt jetzt auf einer

jahrhundertelangen Schulung, auf einer gleichsam übererbten Fertigkeit

und Tüchtigkeit, und zugleich wird ihr Betrieb sehr begünstigt durch

die Natur des Bergischen Landes, durch dessen Reichtum an sprudelnden

Bächen. Da das nach Osten ansteigende, also dem vom Atlantischen Ozean

kommenden Wolkenzuge zugekehrte Land eine bedeutende Regenmenge,

jährlich 900 bis 1000 ~mm~, empfängt, sind die Bäche nicht bloß

zahlreich, sondern fast während des ganzen Jahres auch wasserreich.

Ferner zeichnen sie sich durch ein bedeutendes Gefälle aus. So konnten

überall in den schluchtenartigen Tälchen unzählige Schleifkotten

angelegt werden. In diesen verrichten die Schleifer ihre harte und

mühselige Arbeit. Die Schmiedemeister hatten keine Veranlassung, sich

in den tiefen Tälern anzusiedeln; sie bevorzugten die Bergeshöhe.

Von blumigen Gärtchen meist umgeben, liegen dort ihre Wohnungen und

Werkstätten. Laute Hammerschläge hallen von allen Seiten an unser Ohr,

und wenn der Abend dunkelt, leuchten ringsumher, auf allen Höhen, die

flackernden Feuer auf, die dunkeln Männergestalten, die den Hammer

schwingen, grell beleuchtend. Durch die Gunst der Verhältnisse hat die

Solinger Industrie, die außer allerlei Hieb- und Stichwaffen und den

verschiedensten Arten von Messern auch Gabeln, Scheren, Korkzieher,

Sporen und Bügeln für Geld-, Zigarren- und Reisetaschen liefert, ihren

alten Ruf bis heute bewahren können. „Alles,“ so sagte einmal etwas gar

selbstbewußt ein Engländer, „können wir in England besser machen als in

Deutschland, nur nicht Solinger Klingen.“

Auch in Remscheid wurde ursprünglich hauptsächlich das Schmieden von

Schwertern betrieben. Graf Adolf ~VII.~ von Berg (1256 bis 1295) führte

die Schmiedekunst daselbst ein, indem er zahlreiche französische

Kolonisten, im ganzen etwa 2000 Familien, in sein Land zog. Später

erhielten diese noch einen bedeutenden Zuwachs von französischen

Hugenotten. Letztere waren intelligente Leute, die auch die Herstellung

von anderen Eisen- und Stahlwaren versuchten und viele neue Artikel,

wie Handwerkszeuge, Schlösser, Hausgeräte usw. in die Remscheider

Industrie einführten. Diese wurde dadurch immer vielseitiger. Das

Schmieden von Waffen trat allmählich ganz in den Hintergrund. Die Art

der Eisen- und Stahlwaren, mit deren Verfertigung man sich vorwiegend

beschäftigte, bedingte auch eine Änderung der Betriebsweise. Während

in Solingen sich eine immer weitergehende Arbeitsteilung ausbildete,

trat in Remscheid zu dem Kleinbetrieb in Werkstätten der Großbetrieb

in Fabriken. Indem sich die Remscheider Industrie in stärkerem Maße

auf die Maschinenarbeit stützen konnte, erlangte sie eine bedeutende

Ausdehnung. Der Wert ihrer Erzeugnisse wird auf jährlich 35 bis 40

Millionen Mark geschätzt.

[Sidenote: Siedelungsweise. Talsperren.]

Die beiden Städte Solingen und Remscheid sind weit auseinander gebaut;

nur ein kleiner Teil der Häuser schart sich dichter zusammen. Wir

erkannten, daß die alte Eisen- und Stahlindustrie diese zerstreute

Besiedelungsweise bedingte. Wir finden dieselbe jedoch auch in den

übrigen Teilen des Bergischen Landes, wo jene Industrie sich nicht

verbreitete. Sie ist also eine allgemeine Landessitte, die das

Bergische Land mit dem größten Teile Westfalens und mit anderen

Gegenden Deutschlands teilt. Die Siedelungsweise der Einzelhöfe

hat keltischen Ursprung, das Wohnen in Dorfschaften, sogenannten

Gewanndörfern, wie wir es im größten Teile Rheinlands antreffen, ist

germanische Sitte. Man muß annehmen, daß dort, wo die alte keltische

Besiedelung bestehen blieb, die Einwanderung der germanischen Stämme

sich allmählich und auf friedlichem Wege vollzog, dagegen dort, wo die

germanische Besiedelungsweise eingeführt wurde, die Verdrängung der

keltischen Völker auf gewaltsamem Wege stattfand.

[Illustration: Abb. 183. Königl. Kunstakademie in Düsseldorf.

Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu Seite 182.)]

Wie in der Solinger und Remscheider Gegend zahlreiche Schleifkotten in

den Tälern angelegt wurden, so entstanden in andern Gegenden an diesen

noch mancherlei gewerbliche Betriebe, welche die Wasserkraft ausbeuten,

wie Spinnereien, Webereien, Tuchfabriken usw. Für das Bergische Land

haben die Wasserkräfte der Bäche eine ähnliche Bedeutung wie für das

Ruhrgebiet, wo das Großeisengewerbe blüht, die Kohlenschätze haben.

Dies hat man in jüngster Zeit in vollem Umfange erkannt, und das

Streben ist überall darauf gerichtet, aus der Wasserkraft der Bäche

einen möglichst großen Nutzen zu ziehen. Durch die Anlage von großen

Stauweihern, sogenannten Talsperren, sucht man das in der regenreichen

Jahreszeit überflüssig abfließende Wasser zurückzuhalten und für die

trockenen Monate aufzusparen. An der Sperrmauer kann ferner eine neue,

bedeutende Wasserkraft ausgenutzt werden. Andere Vorteile, die der

Bau von Talsperren verheißt, sind die Verhütung von Überschwemmungen

am Unterlaufe der Gewässer und die Versorgung der Städte mit gutem,

noch nicht durch gewerbliche Anlagen verunreinigtem Wasser. Im

Bergischen Land sind zahlreiche Talsperren bereits erbaut worden oder

im Bau begriffen. Die erste, welche fertiggestellt wurde, war die bei

Remscheid im Eschbachtal gelegene. Ihr Erbauer ist Professor Intze aus

Aachen. 1891 war die Anlage, die 1000000 ~cbm~ Wasser zu fassen vermag

und den unterhalb gelegenen Hammerwerken und Schleifkotten täglich 6000

~cbm~ Wasser liefert, fertig. Der blinkende Wasserspiegel, auf den man

von der Terrasse des Restaurationsgebäudes einen schönen Blick genießt,

ist zugleich ein neuer Schmuck der Remscheider Gegend.

[Sidenote: Burg. Altenberg. Elberfeld, Barmen.]

Wenn wir dem Eschbachtale, in dem die Remscheider Talsperre liegt,

abwärts folgen bis zur Einmündung in das Wuppertal, so gelangen wir,

nach etwa einundeinhalbstündiger Wanderung, zu dem Städtchen Burg, das

von dem gleichnamigen Schlosse (Abb. 174), dem alten Stammsitze der

Grafen von Berg, überragt wird. Sowohl die landschaftliche Schönheit

der Gegend als auch das Interesse für den alten Herrschersitz des

Bergischen Landes locken alljährlich zahlreiche Besucher dorthin.

Dieses Interesse ließ im Jahre 1887 auch eine Vereinigung von Männern

aus allen bergischen Städten entstehen, die den Wiederaufbau des

einst so stolzen, aber allmählich zur Ruine gewordenen Schlosses

ins Werk setzte. Sein erster Erbauer im Jahre 1118 war Graf Adolf

~III.~; Engelbert ~I.~ ließ es mit Mauern und Türmen versehen und

den herrlichen Palas, den ersten gotischen Profanbau in Deutschland,

aufführen, so daß die Feste gar stattlich über das Land hinwegschaute.

Nur bis 1298 wohnten die Grafen von Berg ständig in Burg. Sie verlegten

ihre Residenz nach Düsseldorf und weilten nur noch zeitweise auf ihrem

Stammschlosse, das vielfach umgebaut wurde. Der kaiserliche Oberst von

Plettenberg zerstörte den schönen Bau nach dem Friedensschlusse des

Dreißigjährigen Krieges. Der prächtige Palas litt damals zwar wenig,

und nur das alte Dach mit den malerischen Aufbauten büßte er ein.

Noch größere Veränderungen vollzogen sich im Innern. Die Romantik des

Rittertums mußte der Prosa des werktätigen Lebens Platz machen. Der

Palasbau wurde nacheinander als Deckenfabrik, Roßmühle, Wollspinnerei

und Schule benutzt. Unsere Zeit steht den Erinnerungsstätten der

Geschichte mit größerer Pietät gegenüber. Sie sah auch Schloß Burg in

altem Glanze wiedererstehen wie so manche andere Burgen am Rhein und

an der Mosel. Der Architekt Fischer leitete den Wiederaufbau, für den

reiche Mittel flossen, als der Aufruf hierzu durch das Bergische Land

ging. Im Düsseldorfer Archiv war eine alte Zeichnung vom Baumeister und

Geographen Ploennis aus dem Jahre 1765 aufgefunden worden, und so war

es möglich, den stolzen Bau ziemlich genau in seiner einstigen Gestalt

wiederherzustellen.

Auch eine Perle kirchlicher Baukunst besitzt das Bergische Land. In

stiller Waldeseinsamkeit des schönen Dhüntales, des größten Nebentales

der Wupper, liegt der Altenberger Dom (Abb. 175), die würdige

Schwesterkirche des Kölner Doms. Die Kunstkenner sind entzückt von

der feinen Gotik jenes Bauwerkes, zu dem der Grundstein 1255, also

sieben Jahre nach Beginn des Kölner Dombaues, gelegt wurde. 1379 stand

der Altenberger Dom als Kirche einer 1133 von den Brüdern Adolf und

Eberhard Grafen von Berg gegründeten Zisterzienserabtei fertig da.

Er ist ein turmloser, dreischiffiger Riesenbau mit fünfschiffigem

Chor und Kapellenkranz. Für seine Erhaltung und Verschönerung ist in

verdienstvoller Weise der Altenberger Domverein tätig.

[Sidenote: Die Wuppertaler Schwebebahn.]

Unser letztes Reiseziel im Bergischen Lande sei die im engen Wuppertal

gelegene Doppelstadt Elberfeld (170000 Einw.) und Barmen (160000

Einw.) (Abb. 176). Wenn wir auf der Eisenbahnlinie Köln-Elberfeld

plötzlich hinter Vohwinkel, nachdem wir schon von Ohligs ab viele

kleine Tälchen des Bergischen Landes durchquert haben, in dessen

größtes Tal, in das tief eingeschnittene Wuppertal einbiegen, bietet

sich uns ein überraschender Anblick dar. Dichte Häusermassen drängen

sich in das Bild, hochragende Fabrikschornsteine wetteifern mit den

steilen Talwänden an Höhe, tief unten fließt die dunkel gefärbte Wupper

und über ihr von Häusern und Fabriken engumschlossenes Bett zieht

sich ein eigentümliches Eisengerüst, das, auf schräg gerichteten,

eisernen Trägern ruhend, den Schlangenbiegungen des Flusses folgt.

Noch haben wir den Sinn dieses Bauwerkes nicht klar erfaßt, da huscht

ein großer Gegenstand aus der Ferne heran. Er bewegt sich eilig, und

wie er näher kommt, erkennen wir einen mit Menschen dicht besetzten

Wagen, der in der luftigen Höhe schwebend unter dem Eisengerüste

dahinfährt. Es ist die von Kommerzienrat Lange erdachte Schwebebahn

(Abb. 177), eine von den Wunderbauten des Bergischen Landes, die

sich den anderen, der Kaiser Wilhelms-Brücke bei Müngsten und den

Talsperren, würdig anreiht, und auf die die Wuppertäler so stolz

sind. Die Schaffung einer geeigneten Verkehrsanlage in dem engen,

dicht besiedelten Wuppertale war eine schwierige Aufgabe, die durch

die Schwebebahn in einer trefflichen Weise gelöst wird. An Böcken

ist eine starke Schiene freischwebend aufgehängt. Auf dieser Schiene

rollen die Spurräder. Je zwei hintereinander befindliche Räder sind an

einem Rahmen angeordnet, von dem überaus kräftig gebaute ~D~-förmige

Träger ausgehen. An diesen sind die Wagenkästen so aufgehängt, daß

deren Schwerpunkt genau senkrecht unter die Schiene zu liegen kommt.

Durch Verwenden von Drehzapfen wird es ermöglicht, daß selbst sehr

lange Wagen außerordentlich kleine Kurven machen können. Auf Grund

dieses Prinzips ergeben sich folgende Vorteile der Schwebebahnen: Die

Gleisanlagen, sowie die ganzen Bahn- und Tragekonstruktionen werden

sehr viel leichter, einfacher und billiger als die Konstruktion von

Hochbahnen mit Doppelschienen; eine Schwebebahn nimmt nicht entfernt

in dem Maße, wie dies z. B. bei elektrischen Hochbahnen der Fall ist,

den Straßen Licht und Luft; es können die Wagen, weil sie hängen,

durch seitliches Ausschwingen der Zentrifugalkraft nachgeben, und sie

stellen sich bei jeder Geschwindigkeit immer genau nach der tatsächlich

eintretenden Zentrifugalkraft schief; infolgedessen können selbst die

engsten Krümmungen mit beliebiger Geschwindigkeit durchfahren werden

und ist überhaupt eine bedeutendere Steigerung der Geschwindigkeit als

bei andern Bahnen möglich. Den rührigen Wuppertälern aber gebührt der

Ruhm, das Wagestück der ersten Verkehrsanlage dieser Art versucht zu

haben.

[Illustration: Abb. 184. Der Malkasten in Düsseldorf, Gartenseite.

Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu Seite 183.)]

[Illustration: Abb. 185. Provinzial-Ständehaus in Düsseldorf.

Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu Seite 183.)]

[Sidenote: Elberfeld und Barmen.]

In einer Länge von fast 10 ~km~ zieht sich das Häuserbild der beiden

Städte Elberfeld (Abb. 178) und Barmen in dem engen Wuppertal von

Westen nach Osten hin. Raum für breite und schöne Straßenanlagen und

schmückende Plätze war wenig vorhanden. Auch die zahlreichen Fabriken,

die meist längs des Wupperlaufes angelegt wurden, gereichen dem äußern

Bilde nicht zum Vorteil. Ihre Verwaltung ist jedoch eifrigst bestrebt,

dieses durch Prachtbauten immer mehr zu verschönern. Elberfeld, das als

die schönere Stadt gelten muß, hat jüngst noch das prächtige Rathaus,

Barmen die schöne Ruhmeshalle (Abb. 179) festlich eingeweiht. In der

letzteren Stadt wurde auch dem Dichter Emil Rittershaus ein Denkmal

(Abb. 180) gesetzt. Historische Bauten fehlen aber hier wie dort;

denn beide Städte sind noch verhältnismäßig jung. Der Name Elberfeld

soll von geheimnisvoll schaffenden, neckischen Geistern des Waldes

und Feldes herkommen. Ursprünglich bezeichnete er, wie Hengstenberg

schreibt, einen Hof, der im zwölften Jahrhundert zu Köln gehörte und

1176 in den Pfandbesitz des Grafen Engelbert von Berg kam, aber erst

im fünfzehnten Jahrhundert mit dieser Grafschaft vereinigt wurde.

Als einwandernde Protestanten das Gewerbe des Garnbleichens und

Garnhandels, das im Wuppertale schon im fünfzehnten Jahrhunderte eine

gewisse Bedeutung hatte, zu großer Blüte brachten, begann der Ort, der

1618 Stadtrechte erhielt, aufzublühen. Dem nämlichen Gewerbe verdankte

Barmen sein Emporkommen. Sein Name wird schon im elften Jahrhundert in

einem Heberegister des Klosters Werden genannt. 1245 kam es zu Berg,

und vom vierzehnten Jahrhundert bis 1807 gehörte es zum Amte Beyenburg;

doch war es schon seit dem vierzehnten Jahrhundert eine Freiheit, mit

selbständiger bürgerlicher Verwaltung und einem eigenen Hofesgerichte.

Nach Beginn der preußischen Herrschaft, also von 1815 an, blühte Barmen

so schnell auf, daß es die ältere Nachbarstadt zu überflügeln schien.

Anfangs der siebziger Jahre hatte es tatsächlich mehr Einwohner als

diese, bis Elberfeld durch die Eingemeindung von Sonnborn den Vorrang

wieder erlangte. Das schnelle Wachstum der beiden Städte erkennen wir

aus folgenden Zahlen: sie zählten zusammen 1815 40000, 1861 106000,

1890 242000, 1900 300000 und 1905 330000 Einwohner.

[Illustration: Abb. 186. Das Münster zu Aachen, von der Nordseite

gesehen. (Zu Seite 184.)]

[Sidenote: Wuppertaler Industrie.]

Das Aufblühen der Garnbleicherei im Wuppertale lag in einer besondern

örtlichen Gunst begründet. Da das Wasser der Wupper etwas kalkhaltig

ist, war es zum Garnbleichen wohl geeignet. Dieses aber konnte auf

den grünen Wiesen, die den Fluß säumten, geschehen. Das Gewerbe

nahm einen bedeutenden Aufschwung, als den beiden Orten Elberfeld

und Barmen das alleinige Recht des Bleichens und Zwirnens von Garn,

sowie des Garnhandels verliehen wurde. Es begann sich zunftartig als

Garnnahrung auszubilden. An der Spitze derselben stand der Garnmeister.

Es lag nahe, daß als die Elberfelder und Barmener Garne immer mehr

Weltruf erlangten, sich auch früh die Leinwandweberei einbürgerte.

Aber nur eine Zeitlang blühten diese Gewerbe. Je stärker sich das

Wuppertal besiedelte und je höher die Löhne stiegen, desto mehr

schwanden frühere Vorteile. Mutig wandten sich da die Wuppertäler

andern Fabrikationszweigen zu, zuerst dem Baumwollgewerbe, das aber

zu schwer gegen den englischen Wettbewerb ankämpfen mußte, dann

dem Seidengewerbe, das seine Bedeutung in der Mitte des vorigen

Jahrhunderts einbüßte, und zuletzt dem Wollgewerbe, das heute noch

blüht. Andere Industriezweige hatten sich daneben entwickelt, so

die Färberei, besonders die Türkischrotfärberei, die 1784 aufkam,

die chemische Industrie, die Knopfverfertigung, die Riemendreherei

und andere. Die Industrie der beiden Städte ist längst nicht mehr

gleichartig. In Elberfeld werden vorwiegend die Herstellung von

wollenen Geweben der verschiedensten Art, die chemische Industrie und

die Kattunfärberei, in Barmen die Bandwirkerei, Riemendreherei und

Knopfverfertigung, deren Erzeugnisse als „Barmer Artikel“ in den Handel

kommen, betrieben.

Rastlose Arbeit ist der Tagesruf, der uns im Wuppertal überall, aus

den menschenbesetzten und von Maschinengeräusch erfüllten Fabriken,

aus den Arbeitszimmern der Kaufleute und aus der Menge der zur

Arbeitsstätte hineilenden Arbeiter, entgegenhallt. Wenn aber die

Wuppertäler frei sich fühlen vom harten Druck der Arbeit, dann steigen

sie empor zu den waldigen Höhen, die das Tal eng umschließen, und auf

denen sie, entrückt dem Dunstkreise und dem Rauchschleier der beiden

großen Städte, frei atmen können in herrlicher Bergluft. Die Abhänge

von einigen Höhen sind mit schönen Anlagen geschmückt, auf allen aber

leiten hübsche Promenadenwege den Wanderer zu den Aussichtspunkten hin.

Von Barmen aus erreichen wir auf der südlichen Bergwand den Toelleturm.

Wir überschauen das Wuppertal mit seinem endlosen Häuserbild und

blicken auch weit in das Bergische Land hinein. Im Südosten säumen die

Linien des Ebbe-Gebirges den Horizont, nach Norden reicht der Blick

bis zum Vincketurm bei Hohensyburg, und im Westen blitzt an einer

Stelle der helle Spiegel des Rheines auf. Durch den Barmer Wald weiter

wandernd nach Westen, gelangen wir zur Kaiser Friedrich-Höhe, wo wir

ziemlich in der Mitte über dem langgezogenen Häusermeer der beiden

Städte stehen. Wieder ein anderes Bild entfaltet sich uns auf den

Höhen, die im Westen von Elberfeld, nördlich und südlich, aufsteigen.

Wir blicken nach Osten in die Längsrichtung des ganz von Häusermassen

angefüllten Wuppertales. Im Nebel der Ferne verschwinden die letzten

Häusergruppen. Nach Westen aber dehnt sich endlos die weite Rheinebene

mit ihren Städten, Dörfern und einzelnen Gehöften aus, und mehr als an

einer Stelle blinkt der Spiegel des Rheines auf.

Der Eisenbahnzug entführt uns aus dem Wuppertale, er eilt westwärts

durch die Rheinebene, deren Bild wir von der Höhe schauten, ein großes

Stadtbild erscheint vor uns, und bald fahren wir in den Hauptbahnhof

von Düsseldorf ein.

[Sidenote: Düsseldorf.]

Düsseldorf (260000 Einw.) erhielt seinen Namen von dem kleinen

Düsselbache, an dessen Mündung die Stadt aufblühte, und dem sie den

Schmuck der vielen schönen Teiche verdankt. Im Jahre 1159 wurde der Ort

zuerst genannt. Als die Grafen von Berg ihn zu ihrer ständigen Residenz

wählten, erlangte er politische Bedeutung. Besonders der prachtliebende

Kurfürst Johann Wilhelm aus dem Hause Pfalz-Neuburg, der von 1690 bis

1716 regierte, hat viel für das Aufblühen und den Schmuck der Stadt

getan. In der Altstadt steht auf dem Markt, vor dem 1570 bis 1573

erbauten, 1885 zum Teil aber erneuerten Rathause sein überlebensgroßes

Reiterstandbild (Abb. 181). Es ist in Zinkbronze gegossen und wurde

1711, wie eine Inschrift sagt, von der Bürgerschaft, in Wirklichkeit

aber von dem etwas eiteln Kurfürsten selbst errichtet. Sein Nachfolger

verlegte die Residenz nach Mannheim. Aber was Düsseldorf hierdurch

einbüßte, gewann es doppelt durch die Gründung der Kunstakademie, die

im Jahre 1767 erfolgte. Es wurde, besonders seit Erneuerung dieser

wichtigen Stiftung im Jahre 1818, der Mittelpunkt des rheinischen und

auch eine Hauptstätte des deutschen Kunstlebens. Schon ein Gang durch

die mit vielen Prachtbauten geschmückte Stadt verrät uns, daß ihr

die Musen der Kunst freundlich lächelten. Noch weihevoller ist der

Willkomm, den uns das Äußere und Innere der städtischen Kunsthalle

(Abb. 182) darbietet, die 1881 im Stil französischer Renaissance

erbaut wurde; vor derselben steht das Bismarckdenkmal. Die Fassade der

Kunsthalle ist mit dem großen Mosaikbilde „Die Wahrheit als Grundlage

aller Kunst“ geschmückt, im Treppenhause führen Fresken von Gehrts die

Geschichte der Kunst vor, und in den Sälen sind viele wertvolle Bilder

von neueren Düsseldorfer Malern zur Schau ausgestellt. Das stattliche,

1879 bis 1881 ebenfalls im Renaissancestil aufgeführte Gebäude der

Kunstakademie (Abb. 183) begrenzt die Altstadt im Norden und zeigt

mit 158 ~m~ langer Fassade nach den schönen Anlagen des Hofgartens hin.

Zwei Jahre nach der Gründung der Kunstakademie, 1769, wurde dieser

angelegt, aber 1804 bis 1813 nach Beseitigung der Festungswerke

erweitert. Keine rheinische Stadt kann eine solche herrliche

Gartenanlage aufweisen. Alte Baumriesen spiegeln sich in blinkenden

Teichen, auf denen weiße Schwäne in stolzer Ruhe daherschwimmen und

buntgefiederte Enten ein lustigeres Wasserleben führen, wohlriechende

Gebüsche umschatten Ruhebänke, die zu kurzer Rast einladen, und über

frischgrüne Rasenflächen und buntfarbige Blumenbeete schweift unser

Auge zu den Springbrunnen hin, die in der Ferne ihr plätscherndes

Spiel treiben. Der Hofgarten reicht nach Osten bis zu dem Malkasten

(Abb. 184), dem Gesellschaftshause des gleichnamigen, seit 1848

bestehenden Künstlervereins, nach Westen bis zum Rheine, über dessen

breite Wasserfläche sich seit 1898 eine feste Brücke spannt. Erwähnung

verdienen noch das Kunstgewerbemuseum, das schöne Stadttheater, die

vor der Kunsthalle aufgestellte Bismarckstatue, das in der Alleestraße

1896 errichtete Reiterstandbild Wilhelms des Großen und das hinter

den Anlagen am Schwanenspiegel und Kaiserteich gelegene Ständehaus

(Abb. 185), in dem der rheinische Provinzial-Landtag seine Sitzungen

abhält. In neuerer Zeit ist Düsseldorf auch der Sitz einer bedeutenden

Industrie geworden. So vereinigt es in sich den Geist der Kunst, das

Bild des Schönen mit dem Trieb des Nützlichen, eine Verknüpfung, die

im ganzen rheinischen Leben zum Ausdruck kommt und den Bewohnern

Rheinlands wie ein glückliches Schicksal schon durch die Landesnatur,

durch die herrlichen Bilder der Landschaft und durch die reiche Gunst

des Heimatbodens vorgezeichnet ist.

[Illustration: Abb. 187. Das Rathaus in Aachen nach seiner

Wiederherstellung. (Zu Seite 184.)]

[Sidenote: Aachen.]

Am Rhein · 第 14 / 17 段