Nach dem Besuche Düsseldorfs soll die alte Kaiserstadt Aachen (150000

Einw.) unsern Abschiedsgruß aus dem schönen Rheinland empfangen, so

wie Frankfurt, der Kaiserstadt am Main, unsere ersten Grüße galten.

Der Geist der Geschichte fängt auch dort an zu leben, obschon

sie weniger Spuren als in Trier, Köln und selbst in Frankfurt

hinterlassen hat und das heutige Aachen eine durchaus moderne Stadt

mit breiten, zum Teil prächtigen Straßen, mit glänzenden Kaufläden

und großartigen Fabriken ist. In römischer Zeit führte die Stadt den

Namen ~Aquisgranum~; in fränkischer Zeit war sie, wohl infolge ihrer

heißen Quellen und ihrer schönen Lage in fruchtbarem Tal, von sanft

ansteigenden, waldgeschmückten Höhen umgeben, der Lieblingsaufenthalt

und Herrschersitz des Kaisers Karls des Großen, dann ward sie die

Krönungsstadt der deutschen Kaiser, in der dreißig Kaiser, Karls des

Großen Sohn, Ludwig der Fromme, als der erste und Ferdinand ~I.~

(1531) als der letzte, gekrönt wurden; im Mittelalter wurde Aachen als

Reichsstadt meist „des hl. römischen Reiches königl. Stuhl“ (~urbs

Aquensis, urbs regalis, regni sedes principalis, prima regum curia~)

genannt, und in französischer Zeit hieß es ~Aix-la-Chapelle~. In diesem

Wandel der Zeiten sah Aachen keine solch glanzvolle Entfaltung wie

Trier, Köln und Frankfurt. Aber der Ruhm, der aus der Herrschergröße

Karls des Großen strahlt, hat dauernden Glanz. Das Aachener Münster

versetzt uns in die karolingische Zeit. Der merkwürdige Bau (Abb.

186) besteht aus zwei Hauptteilen, die eine ganz verschiedene Bauart

zeigen. Der eigenartige, achteckige Kuppelbau in der Mitte ist das

bedeutendste Denkmal karolingischer Baukunst; er wurde unter Karl

dem Großen in den Jahren 796 bis 804 als Hof- und Staatskirche des

fränkischen Reiches nach dem Vorbilde von S. Vitale zu Ravenna erbaut.

Vom Papst Leo ~III.~ wurde sie geweiht. Den achteckigen Bau umgeben

mehrere Kapellen aus späterer Zeit, und neben der Eingangshalle steht

ein neuerer gotischer Glockenturm. Auf der Ostseite aber schließt

sich an den Kuppelbau das hohe, in reichem gotischen Stile erbaute

Chor, dessen Bau 1353 begonnen und 1413 vollendet wurde. In Innern

des Kuppelbaues, des Oktogons, bewundern wir die kunstvollen Säulen

und Kapitäle, sowie das schöne Mosaikbild, das seit 1882 wieder wie

früher die Decke schmückt, und den von Kaiser Friedrich ~I.~

geschenkten Kronleuchter, der einen Durchmesser von 4 ~m~ hat. Auf

der Empore des Oktogons steht der marmorne Thron Karls des Großen. Der

reiche Domschatz des Münsters enthält neben wertvollen Kunstschätzen

die Aachener Heiligtümer, die alle sieben Jahre öffentlich ausgestellt

werden. An dem Chorbau fallen besonders die riesigen, 27 ~m~ hohen und

5 ~m~ breiten, mit farbenprächtigen neuen Glasgemälden geschmückten

Fenster auf. Das zweite hervorragende Baudenkmal Aachens aus dem

Mittelalter, unmittelbar neben diesen kirchlichen gelegen, ist das von

zwei hohen Türmen flankierte stattliche Rathaus (Abb. 187), dessen

gotischer Bau an der Stelle und mit Benutzung von den Resten der

einstigen Kaiserpfalz der Karolingerzeit um das Jahr 1330 errichtet

und in jüngster Zeit renoviert wurde. Von neueren Bauten sind die

Technische Hochschule, das großartige Postgebäude und der Kursaal,

der hinter dem aus dem Jahre 1782 stammenden Kurhause in den Jahren

1863/64 im maurischen Stile erbaut wurde. Seinen Ruf als Badestadt

verdankt Aachen den berühmten heißen Schwefelquellen und seiner schönen

Lage inmitten waldgeschmückter Berge, die schöne Spaziergänge bieten,

und von denen man, besonders vom Lousberg, einen prächtigen Blick auf

die gewerbreiche Stadt genießt, die gleich dem benachbarten, jetzt

eingemeindeten Burtscheid eine bedeutende Tuch- und Nadelindustrie

besitzt.

[Illustration]

[Footnote C: Heer, Im Deutschen Reich, Reisebilder.]

[Footnote D: Vergl. meine Landeskunde der Rheinprovinz, Verlag von W.

Spemann, Stuttgart und Berlin, 1901.]

X. Der rheinische Weinbau.

[Sidenote: Der rheinische Weinbau.]

Unter den Weinen der Erde nehmen die deutschen Weine eine ganz

eigenartige Stellung ein, und unter den deutschen zeichnen sich wieder

am meisten die Rheinweine, die von Worms bis Bonn wachsen, durch

ihre Eigenart aus. Die Weinrebe ist eine Tochter südlicher Länder.

Fern in Kolchis’ üppigem Pflanzengarten, an den Südwestgehängen des

Kaukasus, rankt sie noch heute wild, bis zu den obersten Zweigen

hoher Bäume emporkletternd und Girlanden nach allen Richtungen

sendend. Dort bringt sie in wildem Zustande süße und saftreiche,

zur Weinbereitung brauchbare Früchte hervor. Nach unserer heutigen

Kenntnis können wir nur diese klimatisch so bevorzugte Landschaft als

die Heimat des Weinstocks ansehen. Allmählich eroberte die Weinrebe

das ganze Mittelmeergebiet und von Italien aus zuletzt nicht bloß

das schon kühlere Gallien, sondern auch einen Teil des klimatisch so

wenig begünstigten Germanien. Zwei Merkwürdigkeiten, die bei anderen

Kulturen bei weitem nicht in solchem Maße beobachtet wurden, traten

bei der Ausbreitung des Weinbaus in die Erscheinung. Die Weinrebe

blieb nirgendwo ein Kind ihrer alten Heimat, sondern überall, wo sie

angepflanzt wurde, paßte sie sich dem neuen Klima an, nahm sie andere,

zum Teil wertvollere Eigenschaften an. Dieser Anpassungsfähigkeit

der Pflanze und dieser Charakter- und Wertveränderung ihres Produkts

verdankten es die jungen Weinbauländer, daß sie mit den alten ernstlich

in Wettbewerb treten konnten, ja daß sie ihnen sogar den Rang ablaufen

und von ihnen einen Teil des Weltmarktes erobern konnten. Hieraus

entsprang die zweite Merkwürdigkeit, daß der Weinbau stets in den

jüngsten Weinbauländern die höchste, die führende Stellung einnahm.

Durch eine größere Pflege vermochte man sogar eine geringere Gunst

des Klimas siegreich zu überwinden. Nach Kleinasien und Griechenland

ward Italien, nach Italien Frankreich das erste Weinland, und neben

letzterem hat Deutschland, das jüngste Weinbaugebiet in Europa und das

nördlichste auf der ganzen Erde, sich eine Stellung erobert, die in

bezug auf manche Erzeugnisse unbestritten und unerreicht dasteht.

[Illustration]

Für den deutschen Weinbau war es vielleicht gerade ein Glück, daß er

nicht mit günstigen klimatischen Verhältnissen rechnen konnte. Diese

zwangen zum vorwiegenden Anbau von weißen Trauben; denn die roten

Trauben vermögen die kühle und nebeligfeuchte Herbstwitterung viel

weniger gut zu ertragen. Die verschiedene Art der in Deutschland

also vorherrschenden Weißweinbereitung von der in südlichen Ländern

vorwiegenden Rotweinbereitung sicherte dem deutschen Weinbau nicht

bloß seine Eigenart, sondern auch mancherlei Vorzüge. Rotwein kann

nur durch Maischegärung, das heißt durch Gärung auf den Beerenhülsen

geschehen. Diese müssen den roten Farbstoff liefern. Sie scheiden

aber zugleich auch andere Stoffe, besonders Gerbstoffe, aus, die dem

Traubenaroma schaden. Dem Weißwein dagegen, der durch Mostgärung aus

dem ausgepreßten Traubensaft gekeltert wird, bleibt das köstliche Aroma

der Traube erhalten, und diesem Umstande verdanken die deutschen Weine

ihre unübertroffene Eigenart.

Die geringe klimatische Gunst Deutschlands bedingt es, daß in ihm zur

Anpflanzung der Rebe fast nur hügeliges und bergiges Gelände, und zwar

nur die der Sonne zugekehrten Abhänge benutzt werden können. Geneigte

Bodenflächen werden statt unter einem Winkel von etwa 40 bis 60° unter

einem solchen von 90 oder fast 90° von den Sonnenstrahlen getroffen.

Besonders das Gebiet des Rheinischen Schiefergebirges besitzt in seinen

zahlreichen tief eingeschnittenen Tälern viele günstige Weinbergslagen,

die zugleich vor kalten Winden geschützt sind. Nicht weniger ist

das schiefrige Gestein, das in dem ganzen Gebiet vorherrschend ist,

für die Anpflanzung der Rebe geeignet. Es wird wegen seiner dunkeln

Färbung leicht erwärmt und läßt den Regen, dessen Verdunstung neue

Kälte erzeugt, schnell ablaufen. Durch eine Überdeckung der Weinberge

mit losem Schiefergeröll erreichen die rheinischen Winzer ferner, daß

die Wärme dem Boden erhalten bleibt und nicht in kühlen Nächten durch

Ausstrahlung verloren geht.

[Illustration: Abb. 188. Rheinische Winzer und Winzerinnen bei der

Lese. (Zu Seite 188.)]

Die Lage des rheinischen Weinbaugebietes im Westen Deutschlands,

in ziemlicher Nähe des Atlantischen Ozeans, bringt für den Weinbau

Vorteile und Nachteile. Ein Vorzug des ozeanischen Klimas ist, daß

der Winter in den meisten Jahren ein milder ist, und daß er nicht zu

früh eintritt, so daß das junge Holz der Weinstöcke gut ausreifen

kann, ferner, daß im Frühjahr der neue Trieb frühzeitig beginnt.

Diese letztere Gunst wird allerdings zum Verderben, wenn Spätfröste

eintreten, die in manchen Lagen nur zu häufig alle Hoffnungen in

einer Nacht zerstören. Gefürchtet sind besonders die Maifröste. Das

Volk schreibt sie naiv den drei kalten oder bösen Heiligen Mamertus,

Pankratius und Servatius zu, deren kirchliche Festtage am 12., 13.

und 14. Mai gefeiert werden, und ist froh, wenn sie vorüber sind. In

Wirklichkeit ist das Eintreten der Spätfröste eine Folge der stärkeren

Erwärmung der mittel- und südeuropäischen Landstrecken durch die immer

höher steigende Sonne. Die stark erwärmte Luft steigt nach oben, und

um den luftverdünnten Raum auszufüllen, strömt kalte Luft von Norden

herbei, wodurch ein tiefes Sinken der Temperatur eintritt. In engen

Tälern, wie im Ahrtale, sucht man die verderblichen Wirkungen der

Spätfröste durch eine Räucherwehr abzuwenden.

Eine Ungunst des ozeanischen Klimas Rheinlands für den Weinbau sind

die andauernden Regenzeiten, die manche Jahre bringen. Dieselben sind

besonders dann schädlich, wenn sie während der Traubenblüte, die sonnig

und schnell verlaufen muß, eintreten und diese dann sehr verzögern. Ein

Blick auf die Regenkarte lehrt uns jedoch, daß die besten rheinischen

Weinbaugebiete, das Moseltal, das obere Rheintal, das Nahetal und der

Rheingau, im Regenschatten der Eifel, des Hunsrück und des Taunus

liegen.

[Illustration: Abb. 189. Das Abladen und Messen des Weins. (Zu Seite

188.)]

Nach einem warmen Sommer, der rechtes Sonnenglühen gebracht hat, ist

noch ein schöner Herbst nötig, damit ein gutes Gewächs entsteht. Nicht

zu selten bringt der rheinische Herbst das rechte, nachts kühle, am

Tage aber heitere, sonnige Wetter, das die Trauben zur vollen Reife

bringt. Dann lacht mit dem Himmel des Winzers Herz, der seine Weinberge

nicht mehr betreten darf, aber trotzdem weiß, welche Wunderwirkung

dort geheimnisvoll vor sich geht. Auch die Herbstnebel, die besonders

im Rheintal morgens über den Weinbergen lagern, weiß der Winzer zu

schätzen. Sie rufen die Edelfäule der reifen Trauben hervor, indem sich

ein Schimmelpilz, ~Bortrytis cinerea~, bildet, der Säuren und Gerbstoff

zerstört und Verbindungen erzeugt, aus denen das wundervolle Bouquet,

der Duft des Weines, entsteht.

Vorwiegend drei Traubensorten verdankt der rheinische Weinbau seinen

großen Ruf: dem Riesling, der den Anspruch erheben kann, die edelste

Traube der Welt zu sein, dem Österreicher, der auch Sylvaner genannt

wird, und dem Burgunder. Die beiden erstgenannten Reben liefern den

Weißwein, letzterer den Rotwein. Der Riesling gehört zu den harten

Sorten, er reift spät und liefert Weine, die sich durch ihr herrliches

Bouquet auszeichnen. Der Österreicher reift früher und gibt gute,

runde und volle Qualitätsweine, denen aber der Duft der Rieslingsweine

abgeht. Die rheinischen Rotweine zeichnen sich durch ein eigenartiges,

würziges Aroma aus.

[Sidenote: Die Weinlese.]

Eine frohe Zeit ist im Herbst die Zeit der Lese. Dann entfaltet sich

in den Weinorten Rheinlands ein lustiges Leben und Treiben. Wenn auch

unser heutiges Geschlecht mit manchen schönen alten Sitten gebrochen

hat, so ist doch die frohe Stimmung dieser Zeit geblieben. Sie kommt

besonders dann zur Geltung, wenn die Weinstöcke einen guten Behang

haben, und wenn neben einem guten Ertrag -- der Winzer redet von einem

halben oder dreiviertel Herbst -- auch eine gute Qualität zu erwarten

ist. Mit solcher Ernte ist der Winzer wohl zufrieden; kennt er doch

all die Feinde, die diese hätten vernichten können, die Tücken der

Witterung, die Plagen der Insekten und die Pilzkrankheiten. Helle

Freude lacht aus seinem Auge, wenn er sieht, wie unter der Kraft der

kochenden Sonne in den Beeren der Trauben der Saft anfängt in Wein

überzugehen. Er merkt’s an dem Durchsichtigwerden der Beeren. Die

Gemeindeväter bestimmen jetzt die Schließung der Weinberge. Selbst der

Besitzer darf sie nicht mehr betreten. Während des ganzen Tages geben

die Hüter der Weinberge scharf acht.

Endlich sind die Trauben völlig reif. Der Beginn der Lese wird

öffentlich bekannt gemacht. Böllerschüsse künden den bedeutungsvollen

Tag an, und Glockenklang läutet ihn feierlich ein. So ist es wenigstens

noch in vielen Rheinorten.

Mit Jubel im Herzen steigt das Winzervölkchen hinauf in die Weinberge.

Die Sonne hat die Herbstnebel zerstreut, und herrlich blickt’s sich

hinab in das liebliche Rheintal. Dort unten liegt das Heimatörtchen,

so traut gebettet am Ufer des blinkenden Stromes und umgeben von den

Gruppen der Obstbäume. Dort das Kirchlein mit dem alten, moosigen

Schieferdache! Selbst das eigene Wohnhäuschen ist zu sehen. Bald sind

schon die ersten Tragkörbe voll Trauben gepflückt. Die starken Burschen

tragen sie hinab. Dort unten hält auf dem Wege ein Ochsengespann. Große

Bottiche stehen auf dem Wagen, die die süße Last aufnehmen sollen. Wie

flink springen die Burschen die vielen Stufen des Bergpfades hinab!

Voll Lust schwenken sie die Mützen, nach oben und nach unten grüßend.

Dort oben aber, bei der Lese, sind bald die Mädchen in fröhlicher

Stimmung. Das Tal erklingt von frohen Weisen, bis ein Scherzwort alle

zum Lachen bringt und den Gesang verstummen macht (Abb. 188 u. 189).

Auch in dem Kelterraum der Winzerhäuser herrscht geschäftiges Leben.

Die ankommenden Bottiche werden in die Presse geleert. Schon fließt

der Traubensaft, der süße Most, heraus. Wie herrlich er schmeckt! Die

Oechslesche Wage zeigt ein hohes Mostgewicht an. Das gibt ein Weinchen!

so schmunzelt der Alte, der von vielen guten Weinjahren, doch auch von

schlechten zu erzählen weiß (Abb. 190, 191 u. 192).

Nach etwa acht Tagen fängt der Most an zu gären. Er verliert seinen

süßen Geschmack und nimmt einen bitteren an. Zugleich wird seine Farbe

milchig trübe. Der erfahrene Winzer weiß schon am Federweißen, wie der

Most jetzt heißt, herauszuschmecken, wie der spätere Wein wird. Mit der

fortschreitenden Gärung entsteht aus dem Federweißen der junge Wein.

Erst nachdem dieser geklärt ist und genug gelagert hat, kommt er in den

Handel. Im Frühjahr beginnen die Weinhändler, die Wirte, die Kasinos,

ihre Weineinkäufe zu machen, und in manchen Weinorten, wie in Bingen,

Mainz, Rüdesheim, Kloster Eberbach, Kreuznach, Trier, Traben-Trarbach,

Bernkastel und Coblenz finden dann öffentliche Weinversteigerungen

statt. Dann klingen die Taler in des Winzers Tasche, fast noch heller

als vorher das Jauchzen in seiner Brust.

Nach Beendigung der Weinlese wurden in früherer Zeit in vielen

Weinorten öffentliche Winzerfeste gefeiert. Das einzige Winzerfest, das

sich im Rheinland erhalten hat, findet in Winningen, einem blühenden

Weinorte an der unteren Mosel, statt. Es wird in allen guten Weinjahren

gefeiert. Der Verlauf eines solchen Festes wird folgendermaßen

geschildert[E]: „Auch in diesem Jahre ist an der Mosel der Wein gut

geraten, und deshalb wird in dieser Woche das Winzerfest ganz der alten

Tradition getreu begangen. Es bildet sich die sogenannte ‚Kompanie‘;

junge, unbescholtene Leute treten zusammen, bringen die Kosten für das

Fest auf und liefern das Fleisch, das während der Festtage verzehrt

wird. Die Mädchen bringen den Wein zusammen, und nun beginnt das Fest

damit, daß die jungen Leute im schwarzen Anzug, mit Zylinder und weißen

Handschuhen, die weißgekleideten, mit Blumen geschmückten Mädchen

einzeln mit Musik am Hause abholen. Vor dem Hause jedes einzelnen

Mädchens wird ein Ständchen gebracht. Sind alle Paare zusammen, so geht

es im Zuge zum Bürgermeister, dann ins Festlokal. Hier wird getanzt

und neuer Wein, der heute schon federweiß ist oder, wie man hier sagt,

‚schierpst‘, in großen Mengen getrunken. Abends geht es wieder im Zuge

mit Windlichtern in ein anderes Lokal, wo das Abendessen eingenommen

wird. Wie vor hundert Jahren besteht das Tischgerät aus Zinn: zinnernen

Schüsseln, Tellern und Trinkbechern, die meist mit Denksprüchen geziert

sind. Reden und Gesänge würzen das Mahl. Nach dem Essen, zu dem nur

wenige fremde Gäste geladen werden, geht es wieder zum Tanzlokale

zurück. Das dauert die ganze Woche durch, bis -- der Wein alle ist.

Hält die Feststimmung an, so wird auch weiter Wein gesammelt. Heuer

bilden 48 Paare die ‚Kompanie‘. Tausende von Zuschauern von nah und

fern strömen in dem freundlichen Moselorte zusammen.“

[Illustration: Abb. 190. Erste Probe. (Zu Seite 188.)]

[Sidenote: Berühmte Weinorte.]

Besuchen wir nun die berühmtesten Weinbaustätten Rheinlands auf

flüchtiger Wanderung, um all die Weingeister kennen zu lernen, die sich

Prinzessin Rebenblüte auf rheinischem Boden als ihren Stab erzog. Auf

sonnigem Hang sind diese Geister geboren, als Kobolde hüten sie des

Kellers Schätze, und neckend betören sie die frohgestimmten Zecher.

Durch sechs sonnige Reiche führt uns Prinzessin Rebenblüte, und in

jedem wartet sie unser mit neuem Gefolge. Das erste Reich, das sie

uns, wenn wir von Süden kommen, zeigt, ist das schöne Hessenland.

Dort ist fast kein Ort, der nicht seine Rebengärten hat. Etwa 270000

~hl~ beträgt der jährliche Weinertrag Rheinhessens. Das Gelände ist

von plateauartigem Charakter mit hügeliger Oberfläche, und auf zwei

Seiten, nach Osten und Norden, fällt es zum Rhein ab. Die besten

Weine wachsen an diesem äußeren Rande, so bei Worms die weltbekannte

Marke Liebfrauenmilch, weiter nördlich der Niersteiner, Bodenheimer,

Laubenheimer, Oberingelheimer, der Schwarzberger vom Rochusberge und

der Schloßberger bei Bingen. Im Innern jenes Weinreichs werden nur

kleine Weine gezogen, die im Lande selbst auch wohl Pfälzer genannt

werden. Der Anbau von Weißweinen wiegt vor. Die Hauptsorte ist der

Österreicher. Für feinstes Gewächs kommt noch der Riesling in Betracht.

Der höchste Preis, der bisher für rheinhessische Weine bezahlt wurde,

war 13660 Mark für ein Stück von 1200 ~l~ 1893er Niersteiner. Einen

sehr geschätzten Rotwein baut Oberingelheim, wo schon Karl der Große

den Weinbau pflegte.

[Illustration: Abb. 191. Kelter alter Art (vom Jahre 1650). (Zu Seite

188.)]

[Sidenote: Rheinweine.]

Drüben auf der anderen Rheinseite steht schon Prinzessin Rebenblüte,

bereit, uns ihr zweites Sonnenreich zu zeigen. Glänzender ist ihr

Stab, und so viele fürstliche Namen werden uns genannt, daß wir nur

zögernd der Einladung folgen. „Rheingau“ heißt dieses Rebenreich. Es

ist nur klein, soweit es mit Reben bepflanzt ist, noch nicht 2000 ~ha~

groß. Selbst bei ergiebigen Jahrgängen beträgt die Ernte nur 70–80000

~hl~. Im Durchschnitt der Jahre ist sie wohl kaum halb so hoch zu

rechnen. Gute Jahrgänge stellen aber durch die Qualität des Weines

einen fürstlichen Reichtum dar. Wurden doch für 600 ~l~ 1893er Auslese

17570 Mark, für das Stück also 35140 Mark gezahlt. Es war ein halbes

Stück Steinberger, das der Kaiserliche Hof im Mai 1896 in Wiesbaden

für diesen ungeheuren Preis ersteigerte. Um den ersten Rang unter

den Rheingauer Weinen streiten sich Johannisberger und Steinberger.

Als das drittedelste Gewächs pflegt man den Rauentaler, als das

viertbeste den Marcobrunner zu bezeichnen. Etwa im gleichen Rang mit

den dann folgenden Marken Gräfenberger und Schloß Vollradser steht

der Rüdesheimer Berg. Auch den Geisenheimer Rotenberg und den Winkler

Hasensprung dürfen wir nicht vergessen, und in Wiesbaden schätzt man

noch den Neroberger sehr hoch. Nach dem Hochheimer, der weiter östlich

wächst, werden von den Engländern alle deutschen Weine „Hock“ genannt.

Aßmannshausen baut den besten deutschen Rotwein. Sowohl Weinbau als

auch Weinbereitung und Weinpflege sind im Rheingau musterhaft. Große

Weingüter geben überall ein gutes Vorbild. Man kann den Rheingau das

klassische Anbaugebiet der Rieslingsrebe nennen. Diese entfaltet

in dem vorzüglichen Weinbergsboden und in der nebeligen, für die

Trauben günstigen Herbstwitterung Eigenschaften wie sonst nirgendwo.

Die bei guten Jahrgängen erzielten Rheingauer Auslesen stehen

ohnegleichen da in der ganzen Welt. Im Rheingau, und zwar in Hochheim,

Schierstein, Eltville, Geisenheim und Rüdesheim, hat auch die deutsche

Schaumweinbereitung ihren Hauptsitz genommen.

[Sidenote: Naheweine.]

Es war zuviel des Herrlichen, das Prinzessin Rebenblüte uns in ihrem

schönsten Rebenreiche zeigte. Und wie uns das Herz vor Wonne fast

verging, wenn so goldiger Tropfen duftig im Glase perlte, so hauchte

des Weines fröhliche Kraft auch den Rheingauern eine sprudelnde, fast

übermütige Fröhlichkeit ins Herz. Schwer fällt uns das Scheiden aus

dem wonnigen Lande, aus den schmuckvollen Orten. Bei Rüdesheim öffnet

sich uns die große Rebenstraße des Rheines. Doch wir lassen den Rhein,

den stolzen, fahren und greifen nach dem duftenden Pokal, den uns sein

Töchterlein, die Nahe, mit schelmischen Augen reicht; denn gefährlich

ist der Nahewein für manchen Zecher. Wir schlürfen den Kauzenberger,

Kreuznachs edelsten Wein, und im Zwielicht hinüberschauend nach den

gespensterhaften Umrissen des trotzigen Rheingrafenstein, glauben wir

den trunkfesten Ritter zu sehen, der mit gewaltigem Stiefeltrunke in

einer Wette das ganze Dorf Hüffelsheim gewann. Der Umfang des Weinbaues

an der Nahe ist ziemlich bedeutend. Der Kreis Kreuznach mit seinen

55 weinbautreibenden Orten und einer Anbaufläche von 3500 ~ha~, das

ist der doppelten des ganzen Rheingaues, hat sogar den bedeutendsten

Weinbau im Deutschen Reiche. Der mittlere Gesamtertrag an der Nahe und

in den zugehörigen Bezirken wird auf 90–100000 ~hl~ geschätzt. Es wird

fast nur Weißwein gezogen, und zwar in gemischten Rebensatz, wobei aber

der Österreicher vorherrscht. An der unteren Nahe wachsen mehr volle,

kräftige und feurige Weine, die den Rheinweinen nahe kommen, an der

oberen flüchtige, rassige, lichtfarbige, die den Moselweinen ähneln.

Kreuznach ist der Mittelpunkt des Weinbaues und des Weinhandels.

Außer dem Kauzenberger sind Roxheimer, Norheimer, Sobernheimer,

Langenlonsheimer und Münsterer bekannte Naheweine.

[Illustration: Abb. 192. Hydraulische Kelter (moderner Betrieb). (Zu

Seite 188.)]

[Sidenote: Mosel-, Rhein- und Ahrweine.]

Die Rheinfahrt, zu der uns nun Prinzessin Rebenblüte mit großem

Gefolge zur Besichtigung der drei anderen Rebenreiche, des Rhein-,

Mosel- und Ahrtals, ladet, ist eine Triumphfahrt, an die alle, die

vielen Tausende, die alljährlich sie machen, mit wonnetrunkenen Herzen

gerne zurückdenken. Wer in größerer Gesellschaft reist, kann auf dem

Dampfer, der vorzügliche Weine an Bord hat, eine lustige und gründliche

Weinprobe machen, indem er jedesmal die Weinsorten aus dem Bauche des

Schiffes heraufholen läßt, die uns die in Sicht kommenden Weinorte

lieferten. Rebenbekränzte Berge überall, wohin das Auge schaut, und

stolze Ritterburgen blicken hinab ins Tal, wo in stiller Ruhe die

Weindörfchen und Weinstädtchen liegen. Des lieblichen Rotweines von

Aßmannshausen gedachten wir schon bei den Rheingauer Weinen. Lorch

spendet seinen Bodentaler, das alte Städtchen Bacharach seinen

Bacharacher und den weltbekannten Steeger, der in einem Seitentale

wächst, und Oberwesel seinen Enghöller. Dann schauen wir hinauf zu

Boppards stattlichen Rebengeländen, grüßen die zwischen Ober- und

Niederlahnstein einmündende Lahn, deren Uferwände nur bei Runkel etwas

Rotwein hervorbringen, und biegen dann bei Coblenz in das weinreiche

Moseltal ein. Auf jährlich etwa 200000 ~hl~ wird dessen Produktion

geschätzt, wobei die Saarweine mitgerechnet sind. Das enge Rheintal

bringt zusammen mit dem kurzen Ahrtal wenig mehr als 50000 ~hl~ hervor.

Bald begleiten uns an der Mosel wieder Rebenberge zu beiden Seiten,

und was sie spenden, wir wollen es nicht verachten, wenn auch manches

Tröpflein, besonders an der unteren Mosel, etwas sauer schmeckt. Ein

Spaßvogel will uns gar erzählen, der Nachtwächter gebe nachts um zwölf

Uhr den Leuten ein Zeichen, und die es hörten, legten sich dann auf

die andere Seite, damit der Wein ihnen die Magenwand nicht durchbeiße.

Doch in Winningen vergessen wir beim Trank des köstlichen Weines diesen

Spott und kosten wir erst an der mittleren Mosel den Zeltinger, den

Graacher, den Lieserer, den Erdener, den Piesporter, den Brauneberger,

den Josephshöfer, den Ohlingsberger und vor allem den weltberühmten

Bernkasteler Doktor, so sind wir voll des Preises und möchten nicht

mehr weiter ziehen. Wie das duftet aus dem Glase! Das wundervolle

Bouquet der besseren, die ziemlich bedeutende Säure der geringeren

Sorten sind die hervorstechendsten Eigenschaften des Moselweines.

Noch Lieblicheres wollen die Mosel und ihre beiden Töchter, Ruwer und

Saar, uns kredenzen, den Kaseler, der im Ruwertal wächst, Grünhäuser

und Kartäuser bei Trier und Scharzhofberger, Wawerner Herrnberger,

Bocksteiner, Geisberger und Oberemmeler bei Saarburg sind der reinste

Göttertrank, bouquetreich und voll Kraft.

Am Rhein · 第 15 / 17 段