und der Sage liebliche Laute klingen an unser Ohr. Sie erzählt uns von
einem gewaltigen Recken, der aus den Niederlanden kam. Siegfried war
sein Name. Er wollte ein Ritter werden. Um sich ein Schwert schmieden
zu können, bat er den Waffenschmied Mimer, der in einer Waldschlucht
des Siebengebirges wohnte, ihn als Gesellen anzunehmen. Und als man
ihn verlachte, da er noch sehr jung war, ergriff er den Hammer und
schwang ihn so gewaltig, daß der Amboß in den Grund sank und alles
Eisen zersprang. Von der letzten Eisenstange jedoch machte er sich ein
Schwert, gar lang und groß, und mit diesem erlegte er den Drachen, der
in einer Höhle des Drachenfelsens hauste. Nach einer andern Erzählweise
hat den Drachen, „welcher beid Menschen und Vieh ganz sehr schedtlich
war, ertödtet ein stolzer Ritter bürtig aus Griechenland. Deshalben
ihm seine menliche und kühne That wider vergolten ward und man gab ihm
denselben Berg mit ein guten Theil daran gelegener Landtschafft und
verheyrathete ihn an die Tochter des Veldöbersten der Quaden, die sich
zu Oberwinter niedergeschlagen hatten“. In dieser Form wird die Sage
anno 1609 von Matthis Quaden von Kinkelbach berichtet. Der Ritter,
bürtig aus Griechenland, war Dietrich von Bern, der Gotenheld, der in
der Wilkinasage und in Eckens Ausfahrt vorkommt. So mischen sich in der
Drachensage der fränkische und der gotische Sagenkreis. Eine dritte
Erzählweise derselben, von Kopisch aufgezeichnet, läßt dem Drachen
durch eine christliche Jungfrau den Untergang bereiten. Sie sollte auf
Geheiß des heidnischen Priesters, der wegen der gefangenen Jungfrau
den Streit zwischen zwei Brüdern, Anführern eines heidnischen Stammes,
befürchtete, dem Drachen geopfert werden. Schnaubend und Feuer und
Schwefel aus dem furchtbaren Rachen blasend, naht sich das schreckliche
Ungetüm dem angstgequälten Mädchen. In ihrer Herzensangst greift die
Jungfrau zu einem Kreuze, das sie auf der Brust trug. Und siehe da! Der
Drachen weicht entsetzt zurück und stürzt rücklings hinab in den tiefen
Abgrund, wo er zerschmettert liegen bleibt. Indem die Sage weiter
erzählt, daß die beiden Brüder mit ihren Stammesangehörigen Christen
wurden, und daß die Jungfrau unten am Rhein ein Kloster gründete, gibt
sie deutlich zu erkennen, daß ihre Entstehung mit der Bekehrung der
Germanen zum Christentum in Zusammenhang zu bringen ist. Symbolisch ist
auch eine vierte Form der Sage, die Simrock mitteilt. Der Drache, der
am Drachenfels hauste, pflegte die Schiffer auf dem Strom anzufallen.
Einst fuhr ein pulverbeladenes Schiff vorbei. Das dem Rachen des
Ungeheuers entströmende Feuer entzündete das Pulver -- und Drache und
Schiff flogen in die Luft. Die Erfindung des Pulvers war es, die auch
dem Raubrittertum ein Ende machte, denn sie gab das Mittel, um die
Felsennester der Schnapphähne, die wie der Drache auf Raub lauerten,
zu zerstören. Wie aber kam es, daß das Bild des Drachen gerade in der
Gegend des Drachenfels in der Phantasie des Volkes so lebendig wurde?
Es gibt noch eine zweite Gegend in Deutschland, wo die Drachensage
Boden gefaßt hat, nämlich die Wormser Gegend. Vielleicht hat der
Gedanke einige Berechtigung, daß die Auffindung von Knochenresten
ausgestorbener Riesentiere, vor allem ungeheurer Schädelformen, in
diesen Gegenden der Phantasie die erste Anregung zur Gestaltung
des Drachentieres gegeben hat. Noch heute wird an der Südseite des
Drachenfels das Loch gezeigt, in dem das Ungeheuer einst gehaust
hat. Wer mit dem Schiff vorbeifährt, vermag den dunklen Punkt des
Drachenloches in der hellgefärbten Felswand deutlich zu erkennen. Und
wer es nicht sieht, dem wird noch vieles in der Poesie des Rheinlands
verborgen bleiben.
[Illustration: Abb. 163. Inneres des Kölner Domes, Blick von Westen
nach Osten. Nach einer Photographie von Anselm Schmitz in Köln. (Zu
Seite 167.)]
[Sidenote: Der Drachenfels.]
Auf dem Plateau des Drachenfels entfaltet sich während der Reisezeit
des Jahres ein fröhliches Leben und Treiben. Zu den zahlreichen
Besuchern, die Eisenbahn und Dampfschiff von den benachbarten Städten,
besonders von Bonn und Köln, bringen, gesellen sich die Scharen der
fremden Besucher. Nur wenige von diesen letzteren versäumen es, dem
Drachenfels einen Besuch abzustatten. Für die von Norden Kommenden ist
der Drachenfels und im weiteren Sinne das Siebengebirge der erste
Punkt, der ihnen den vollen Glanz des Rheintales entfaltet, und für die
in der umgekehrten Richtung Reisenden bildet er das Schlußstück der
herrlichen Rheinreise, und nur mit Wehmut vermögen sie sich loszureißen
von dem schönen Bilde, das das Auge von der Höhe des Drachenfels
schaut. Doch wehmütige Stimmungen dauern am Rhein nicht lange. Im
Kreise der vielhundert frohen Zecher, die an schönen Sommer- oder
Herbsttagen auf dem Drachenfelsplateau beim Drachenblut oder einer
würzigen Bowle sitzen, beim hellen Gläserklang und beim Sang des alten
Barden (Abb. 146), der beliebte Rheinlieder vorträgt, vergessen wir die
Wehmut, das Scheiden, und nur noch der Gedanke des Zurückkehrens nach
diesem wonnigen Lande, nach diesem romantischen Fleckchen Erde liegt
uns im Sinn.
[Illustration: Abb. 164. Köln im 16. Jahrhundert. Nach Braun &
Hohenberg. (Zu Seite 171.)]
[Sidenote: Der Petersberg.]
Noch zu vielen anderen genußreichen Wanderungen ladet das Siebengebirge
ein. Es verbietet der Raum, sie alle auch nur in Kürze zu zeichnen.
Vielbesucht ist auch der Petersberg, dessen breitgewölbte Kuppe in
wuchtiger Gestalt nördlich von Königswinter und in etwas größerer
Entfernung vom Rhein aus dem Rheintale aufsteigt. Seine Rheinaussicht
steht zwar hinter der des Drachenfels weit zurück. Um so schöner
ist der Blick, die sogenannte Gebirgsaussicht, der sich auf andere
Kuppen des Siebengebirges öffnet. Während der Drachenfels aus dem
hellfarbigen, besonders auf der West- und Südwestseite lebhaft
herausleuchtenden Trachytgestein besteht, ist der Petersberg eine
Basaltkuppe. Aber ein dichtes Waldkleid läßt das dunkle Basaltgestein
nirgendwo landschaftlich zur Geltung kommen. So geht dem Petersberg
die wilde Romantik seines bevorzugten Nebenbuhlers ab. Und wie seine
Formen weicher und gerundeter sind, so ist er auch in der Geschichte
weniger eine Kriegs- als vielmehr eine Kultusstätte gewesen. Schon
im zwölften Jahrhundert gründete ein Klausner namens Walter auf dem
Petersberg, der damals Stromberg hieß, eine klösterliche Gemeinschaft.
Die Mönche verlegten aber bald ihren Sitz, und auch andere Mönchsorden
hielten nicht aus. Doch fand, wie Caesarius von Heisterbach berichtet,
noch zuweilen Gottesdienst auf dem Berge statt. Auch heute steht auf
ihm ein Kirchlein, das im Jahre 1762 erbaut wurde, und am Peter- und
Paulsfesttage pilgern viele Andächtige zu diesem hin. Der Petersberg
ist, seitdem er ein prächtiges Hotel und eine Zahnradbahn erhalten hat,
gleich dem Drachenfels, vor dem er den Vorzug schattiger Promenaden
hat, ein vielbesuchter Punkt geworden. Vor dem Hotel fesseln gewaltige,
gerundete Basaltblöcke unser Auge. Vier von ihnen, die übereinander
liegen, scheinen von Menschenhand in diese Lage gebracht zu sein.
Man hält sie deshalb für den Rest eines megalithischen Denkmals aus
vorrömischer Zeit, das den Berg zugleich als eine uralte Kultusstätte
kennzeichnen würde. Im Jahre 1879 wurde auf dem Petersberg auch
ein noch gut erhaltener germanischer Ringwall festgestellt. Als
Zufluchtsstätte bei Kriegszeiten war diese Kuppe des Siebengebirges,
weil sie das größte Plateau besitzt, in der Tat am geeignetsten in der
ganzen Gegend. Eine mittelalterliche Burg hat dagegen auf derselben
nicht gestanden.
[Sidenote: Heisterbach.]
Am Nordfuße des Petersberges liegt in stiller Waldesruhe die Ruine
Heisterbach (Abb. 147), der letzte Rest der herrlichen Abteikirche,
die 1809 abgebrochen wurde. Wie wechselten um uns der Landschaft
Bilder! Auf dem Drachenfels die alte Kriegsfeste, auf dem Petersberg
ein Kirchlein, das nahe der großen Heerstraße des Lebens den Wanderer
zu sich ladet, hier ein stilles, weltentlegenes Fleckchen Erde, das
sich selbst genügen will und einst den frommen Mönchen auch die Welt
war! Gleich jenem Mönch von Heisterbach, der, wie die Sage uns erzählt,
nachgrübelnd sich in der Ewigkeit verlor, so ist es auch uns in dieser
Waldeinsamkeit, als wenn die Weltenuhr stille uns stände. In dem
prächtigen Buchenhochwald umfängt uns Dämmerung am hellen Tage, und
des Mittags Hitze wird zu erquickender Kühle. So schwinden uns die
Stunden-, die Zeitbegriffe.
Tausend Jahre sind ihm wie ein Tag,
Und ein Tag wie tausend Jahre!
[Illustration: Abb. 165. Ringstraße in Köln. (Zu Seite 173.)]
Die Erinnerung an den Mönch von Heisterbach, der, aus seinen Träumen
aufwachend, eine neue, um tausend Jahre jüngere Welt um sich sieht und
nur aus einer alten Chronik Kunde von sich selbst vernimmt, begleitet
uns auf allen Schritten; denn der Sinn dieser Sage wurzelt in der
Stimmung der Landschaft. Wer unter frohen Menschen weilen will, wandert
hin zum Drachenfels, wer jedoch von des Lebens Hast und Unruhe genesen
will, der sucht die Waldesstille von Heisterbach auf. Der Waldesodem
haucht neue Kraft in Körper und Geist, und im stillen beginnen wir
die klugen Mönche zu bewundern, die sich diese Waldesherrlichkeit im
Tale wählten und den Rittern gern die luftige Bergeshöhe ließen. Die
Bergeshöhe mit ihrem freien Blick in die Ferne und hinab auf das Leben
und Treiben der geschäftigen Menschheit, das stille Tal mit seiner
Einsamkeit und Ruhe, mit seinem Alleinsein und Alleinfühlen, das sind
die beiden Gegensätze, die, wie in vielen anderen Berglandschaften,
so auch im Siebengebirge zu unserer Empfindung kommen, und die uns
in jeder Örtlichkeit ihren eigenen Zauber finden läßt, je nach dem
Grade, in dem die eine oder die andere Stimmung auf uns wirkt. Die
Idylle des Margaretenhofes am Fuße des Ölberges, sowie des Burghofes
in Zweidrittelhöhe des Drachenfels und die Stille des Forsthauses
an der Löwenburg stimmen unser Herz ähnlich wie die Waldesruhe von
Heisterbach. Aber nicht so ganz ist die Stimme des Lebens dort
verstummt, und wenn wir emporsteigen und auf den genannten Bergkuppen
Umschau halten, so fühlen wir uns Städten und Dörfern, so fern sie auch
liegen, den Menschen näher.
[Illustration: Abb. 166. Denkmal Kaiser Wilhelm ~I.~ in Köln.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in
Berlin-Steglitz. (Zu Seite 173.)]
[Sidenote: Das Siebengebirge.]
Es ist vorwiegend das Verdienst des eifrig tätigen
Verschönerungsvereins für das Siebengebirge, daß jede Örtlichkeit
in dieser herrlichen Landschaft bis heute ihre natürliche Eigenart
erhalten hat. Es ist allzeit sein Streben gewesen, die Schönheit des
Siebengebirges aufzuschließen, ohne die Naturstimmung der Landschaft
irgendwie zu beeinträchtigen. Schöne Landstraßen, von denen die eine
rings um das eigentliche Siebengebirge führt, die beiden anderen es vom
Margaretenhof am Ölberg zum Rhein hin durchqueren, lassen alle schönen
Punkte auch zu Wagen leicht erreichen. Aber der Fußgänger braucht
nicht überall ihnen zu folgen. Wo sie schattigen Wald durchschneiden,
zweigen sich wohlgepflegte Waldwege ab, auf denen es sich herrlich
wandert, und der Wanderer fühlt dort sich näher der Natur, den Blumen
und Gräsern, den Bäumen und Sträuchern, dem Kuckuck, dessen Ruf ertönt,
und der Nachtigall, die dicht neben uns plötzlich ihren schmetternden
Schlag anstimmt. Eine andere Sorge des Verschönerungsvereins war
darauf gerichtet, den Betrieb der Steinbrüche, die tiefe Wunden in die
Bergkuppen rissen und einigen die Schönheit völlig zu rauben drohten,
einzuschränken oder durch Ankauf gänzlich zum Stillstand zu bringen.
Durch Bewilligung einer Lotterie zur Erhaltung des Siebengebirges sind
dem Verein die Mittel gewährt worden, seine gemeinnützigen Bestrebungen
in größerem Umfange zu verwirklichen. Durch Ankauf von Gelände soll
auch einer weiteren Besiedelung, besonders auch einer Bebauung mit
Villen vorgebeugt werden. Denn ein verborgenes Heiligtum der Natur sei
diese Landschaft, das nicht ein Opfer werde der menschlichen Habsucht
und nicht entweiht vom Menschenhader. Drum Dank den Männern, die
an der Rettung und Verschönerung des Siebengebirges, der Perle des
Rheinlandes, mitgewirkt haben. Dank auch der preußischen Staatsbehörde,
die durch Genehmigung der Siebengebirgs-Lotterie die Bestrebungen des
Verschönerungsvereins so wirksam unterstützte und für die Erhaltung der
wenigen Ruinen, die vom Kulturschmucke früherer Jahrhunderte in dieser
Landschaft übriggeblieben sind, Sorge trug. Gewaltige Schutzmauern
stützen den alten Bergfried auf dem Drachenfels, und demnächst sollen
auch die geringen Burgreste auf der Löwenburg vor weiterem Verfall
geschützt werden. Von anderen Burgen, so von der Wolkenburg, die
einst, im zwölften Jahrhundert, den Juden bei einer Verfolgung als
Zufluchtsstätte angewiesen wurde, ist kein Stein mehr vorhanden, und
riesige Schutthalden, von früherem Steinbruchbetrieb herrührend,
verunstalten den Berg dieses Namens. So führt derselbe abschreckend
uns vor Augen, was frühere Zeiten gefrevelt haben am schönen Bilde der
Natur, und mächtig hallt die Mahnung der Dichterin Fanny Stockhausen in
uns wider:
Rheinland, steh’ auf! Laß keinen Stein
Dir mehr von deinen sieben Bergen brechen,
Und laß die kühle Prosa nicht hinein
Dir sprechen!
Rheinland steh’ auf und halte stand
Zum Schutze deiner siebenzack’gen Krone,
Daß sie des unbedachten Frevlers Hand
Verschone!
Und standst du auf, ihr Schutz zu sein,
Muß dir dein herrlich Rettungswerk gelingen;
Welch einen frohen Dank wird dir dein Rhein
Dann singen!
[Sidenote: Entstehung des Siebengebirges. Das Siebengebirge zur
Tertiärzeit.]
Wie wir, versunken in die Schönheit des Siebengebirges, freudig dem
plaudernden Quell der Sage und Geschichte lauschten, so wollen wir
gerne auch dem forschenden Geiste folgen, der uns in das Werden dieses
schönen Landes einweihen möchte. Nicht immer standen die sieben Berge
so stolz und so schön. Verhältnismäßig jung ist ihr Alter. Als der
Boden des Rheinischen Schiefergebirges längst gebildet und der größte
Teil desselben emporgetaucht war aus den Wasserfluten des Meeres,
auf dessen Grunde es sich abgelagert hatte, da wälzten sich über die
Gegend des Siebengebirges mächtige Ströme. Große Massen von Ton,
Quarzsand und Kieselgeröll lagerten sie ab, und in Buchten bildeten
sich die Ablagerungen der Braunkohle. Nach dieser, für den menschlichen
Haushalt so wichtig gewordenen Bildung bezeichnet man jene Ablagerung
mit einem allgemein verständlichen Worte als Braunkohlenformation.
Sie gehört der Tertiärzeit an. Im Siebengebirge ist sie besonders
im Nordwesten verbreitet. Nördlich von Königswinter erstreckt sie
sich ostwärts weit in dasselbe hinein, bis über den Wintermühlenhof
hinaus reichend. In der Nähe dieses Hofes treffen wir namentlich Lager
von weißlich gefärbtem Quarzit an. Beim Zerschlagen dieses etwas
schiefrigen Gesteins kommen häufig Abdrücke von Blättern zum Vorschein,
von Lorbeer, ferner von Palmen und Myrte. So sind uns die Spuren einer
einst im Rheinland heimischen Pflanzenwelt erhalten, die heute nur
noch in viel südlicheren Ländern vorkommt. Die Funde beweisen, daß im
Rheingebiet zur Tertiärzeit ein wärmeres Klima herrschte.
[Illustration: Abb. 167. Madonna im Rosenhag.
Dem Meister Stephan von Köln zugeschriebenes Tafelgemälde im
Wallraf-Richartz-Museum zu Köln.
(Zu Seite 173.)]
[Sidenote: Gesteine des Siebengebirges.]
In der Zeit, in der die Braunkohlenlager entstanden, oder etwas
später begann auch die vulkanische Tätigkeit im Siebengebirge. Als
die ältesten vulkanischen Auswurfsmassen sind die trachytischen
Tuffe festgestellt worden, die man eine lange Zeit, weil sie die
anderen überlagern, für die jüngsten hielt. Zwei Tatsachen haben bei
der Beweisführung hauptsächlich die Entscheidung gebracht. In einer
Schlucht im Siebengebirge, die den Namen Hölle führt, erblicken wir an
mehreren Stellen in den senkrecht aufsteigenden, gelblich gefärbten
Tuffwänden Adern einer anderen Gesteinsmasse. Eine von ihnen ist mit
Basalt angefüllt, der von unten emporgequollen sein muß. Es kann keinem
Zweifel unterliegen, daß letzteres erst nach Ablagerung des Tuffs
geschehen sein kann. Dieser ist also älter als der Basalt. Ferner sehen
wir in einer nördlichen Vorkuppe des Siebengebirges, in dem Großen
Weilberg, der sich durch seine schönen Säulenbasalte auszeichnet, daß
die Tuffhülle, in der der Basalt stecken blieb, an der Berührungszone
mit diesem eine rötliche Färbung angenommen hat, eine Folge der Hitze,
die der emporgequollene Basalt entwickelte. Wäre der Trachyttuff
erst nach diesem, also auch nach dessen Erkaltung abgelagert worden,
dann hätte die Feuerwirkung nicht stattfinden können. Hierdurch wird
allerdings wiederum nur bewiesen, daß der Trachyttuff älter als der
Basalt ist, das Altersverhältnis zu dem Trachyt, der im Siebengebirge
ebenfalls sehr viel verbreitet ist, dagegen nicht berührt. Man nimmt
an, daß aus Ausbruchsstellen, die heute nicht mehr nachgewiesen werden
können, zuerst ein starker Auswurf von Trachyttuff stattfand, daß dann
die Trachytgesteine und zuletzt die basaltischen Gesteine hervorquollen.
Der Trachyttuff bedeckte einst wohl das ganze Gebiet des
Siebengebirges. In größerer Mächtigkeit lagert er jetzt noch
bei der Hölle, die sich als eine echte Cañonschlucht durch die
Tuffdecke gebildet hat und mit dem ebenfalls tief eingeschnittenen
Nachtigallental zusammenstößt, ferner am Kühlsbrunnen und an der
Ofenkaule. Der Quarzit am Wintermühlenhof wird vom Trachyttuff
überlagert, ein Beweis, daß die vulkanische Tätigkeit im Siebengebirge
erst nach seiner Ablagerung begann.
[Illustration: Abb. 168. Das Hahnentor in Köln. (Zu Seite 173.)]
Die Trachyte des Siebengebirges sind von verschiedener Beschaffenheit.
Der Trachyt des Drachenfels hat keine Hornblende, dafür Feldspat,
der auch in Form von schönen, großen Sanidinkristallen dem Gestein
eingeschlossen ist. Diese Kristalle, deren Glitzern sofort auffällt,
machen den Drachenfels-Trachyt als Baustein minderwertig. Am Kölner
Dom, bei dessen Bau er verwendet wurde -- der Domsteinbruch befand
sich an der Südwestseite des Drachenfels -- zeigte es sich, daß
die Sanidinkristalle ausgewittert waren, wodurch besonders der
Bildhauerschmuck sehr gelitten hatte. Infolgedessen wurde bei der
Fortführung des Dombaues kein Trachyt mehr verwandt. Aus echtem Trachyt
bestehen auch die Kuppen des Lohrberg, Schallenberg und Geisberg. Am
Kühlsbrunnen im Rhöndorfer Tal kommt ein Trachyt vor, der fast nur
aus Sanidin besteht, aber keine Sanidinkristalle ausschließt. Es ist
dies die einzige Fundstelle eines solchen Trachyts in ganz Nordeuropa.
Von ganz anderer Beschaffenheit ist das trachytische Gestein der
Wolkenburg. Es ist ein Hornblende-Trachyt oder Andesit, benannt nach
den Anden in Südamerika. Die Hornblende bildet oft schöne schwarze
Kristalle. Aus Andesit bestehen außerdem noch die Breiberge, der
Hirschberg, die Rosenau und der Stenzelberg.
Auch der im Siebengebirge vorkommende Basalt ist nicht gleichartig.
Die mächtigsten und die höchsten Kuppen bestehen aus diesem Gestein,
aus echtem Basalt der Ölberg, der Petersberg, der Nonnenstromberg und
zahlreiche nördliche und südliche Vorberge, aus Dolerit, einer Abart
des Basaltes, die Löwenburg.
[Illustration: Abb. 169. Hauptpostamt in Köln. (Zu Seite 173.)]
Es ist eine Eigenart des Siebengebirges, daß die Trachyt- und
Basaltausbrüche nicht in Form von Lavaströmen, die in der Eifel so
zahlreich sind, erfolgten. Nur auf der Oberkasseler Heide nördlich vom
Weilberg wurden Lavaströme nachgewiesen. Im eigentlichen Siebengebirge
dagegen blieben Trachyte und Basalte in der Devon- und Tuffdecke
stecken. Von den schönen Formen der Bergkuppen war damals noch nichts
zu sehen. Allmählich wurde die Tuffhülle von den Gewässern weggetragen.
Es bildeten sich Talfurchen, und stolz traten die bloßgelegten Kuppen
heraus, das Bild der Landschaft mit der Schönheit schmückend, die wir
heute an ihm bewundern.
[Sidenote: Das Siebengebirge.]
Die Zahl der Kuppen ist nicht sieben, wie es der Name „Siebengebirge“
vermuten läßt, sondern viel größer. Die „Sieben Berge“, die man in
der Kölner Gegend, in einer Reihe liegend, mit dem Drachenfels auf
der einen und dem Großen Ölberg auf der anderen Flanke, sieht, und
von denen das Gebirge, von dieser Gegend aus, seinen Namen erhielt,
sind nicht einmal die sieben höchsten, wie folgende Zusammenstellung
der bedeutendsten Kuppen, in der die „Sieben“ durch ein Sternchen
bezeichnet sind, erkennen läßt:
* Großer Ölberg 464 ~m~
* Löwenburg 459 „
* Lohrberg 440 „
* Nonnenstromberg 337 „
* Petersberg 334 „
Geisberg 329 „
* Wolkenburg 328 „
* Drachenfels 325 „
Rosenau 324 „
Großer Breiberg 318 „
Hirschberg 255 „
Wenn wir die Rangordnung nach der Höhe träfen, so würde also der
Drachenfels nicht einmal zu den „Sieben Bergen“ gehören. Doch wenn wir
ihn aus der stolzen Berggemeinschaft herausstoßen wollten, die Wogen
des Rheins würden wild aufbrausen, und die Sage würde fliehen aus
diesem Land, wo nicht der Prosa kaltes Licht, sondern das Farbenreich
der Poesie das Gold der Berge malt.
VIII. Die Eifel.
[Sidenote: Die Eifel.]
Unter „Eifel“ versteht man in geographischem Sinne das Gebirgsland
nördlich von der Mosel und westlich vom Rhein, also den nordwestlichen
Flügel der großen Gebirgsscholle des Rheinischen Schiefergebirges. So
sagen die Geographen und die geographischen Lehrbücher, denen man ja
alles glauben soll. Reist man aber durch die Eifel, so fragt man in
vielen Gegenden vergeblich nach einem Lande, das so heißt, und mancher
ist von einer vieltägigen Eifelreise zurückgekehrt und, nach den
Versicherungen der Bewohner, nicht in der Eifel gewesen. „Die Eifel ist
noch weit,“ so hieß die Rede, und immer war sie noch weit. Eigentlich
haben die Bewohner vollständig recht, wenn sie sich gegen einen Namen
sträuben, der so wenig für das Ganze paßt, nach der Nebenbedeutung, die
ihm von seinem Heimatlande anklebt. Ursprünglich bezeichnete man mit
dem Wort „Eifel“ nur einen kleinen Bezirk im Umkreise der Stadt und
früheren Abtei Prüm. Eine Schenkungsurkunde Pippins aus dem Jahre 762
redet von dem „~pagus Eflinsis~“, dem Eifelgau. Der Name soll von dem
keltischen Worte ~ap~, das dem lateinischen Worte ~aqua~ entspricht und
also Wasser heißt, herkommen. Danach würde Eifel soviel als Wasserland
oder Land der Quellen bedeuten. In der Tat ist die Gegend von Prüm
reich an Gewässern, und etwas nördlicher liegt das Quellgebiet der
meisten größeren Eifelbäche. Im Volke aber lebt dieser ursprüngliche
Sinn des Wortes nicht fort. Unter „Eifel“ versteht es ein rauhes und
ödes Gebirgsland mit langem und kaltem Winter und kurzem Sommer, wo
nur wenig Getreide gezogen werden kann und in manchen Jahren die
Ernte nicht zur vollen Reife gelangt, wo die Bewohner also arm sind,
kurz, wo man nicht gern leben möchte. Arm sind auch in Wirklichkeit
viele Gegenden der Eifel. Die Notstände, welche vor Jahren wiederholt
herrschten und ein Eingreifen des Staates nötig machten, haben die
wirtschaftliche Lage der Bewohner in einem düstern Lichte gezeigt. Dies
erklärt noch mehr, warum man sich in den reicheren Nachbargegenden
der eigentlichen Eifel gegen die Übertragung dieses Namens sträubt.
Indem aber die schreiende Not des armen Eifelvolkes die Blicke der
Behörden und auch weiter Kreise der rheinischen Bevölkerung auf ein
Land lenkte, von dem fast jeder nur unsichere Vorstellungen und unklare
Begriffe hatte, begann sich das Interesse zu regen, die Eifel besser
kennen zu lernen. Es bildete sich der Eifelverein, der besonders unter
der Leitung des verstorbenen Direktors Dronke sowohl in touristischer
als auch in wirtschaftlicher Hinsicht segensreich wirkte, der Bau von
Eisenbahnen erleichterte das Reisen, und so ward die „verschriene
Eifel“ ein Touristenland. Ungeahnte Schönheiten lernte man kennen. Gar
viele lernten die Eifel lieb gewinnen, und viele kehren alljährlich im
Sommer oder Herbst zurück in dieses Land, wo das Auge gebannt ist von
den merkwürdigen Spuren, die die vulkanische Tätigkeit hinterlassen
hat, wo es sich erfreut an des Waldes Pracht und an dem hellen Grün der
Wiesen, und wo der Küchenzettel noch oft die leckere Forelle, die in
den klaren Gewässern spielt, für das Mahl verheißt. Und selbst die öde
Eifelheide mit ihrer Melancholie und mit ihrem Purpurkleide, wenn die
Heide blüht, hat ihre Bewunderer gefunden. In dieser kurzen Darstellung
kann nicht ein vollständiges Bild des weiten Gebietes, das man heute
geographisch Eifel nennt, gezeichnet werden. Es kann nur versucht
werden, die charakteristischsten Züge dieses Bildes wiederzugeben.
[Sidenote: Vulkane der Eifel.]