nach Osten noch immer höher ansteigt und in dem kaum hervortretenden
Fuchskauten (657 ~m~) den höchsten Punkt erreicht; nach Westen aber
senkt sich stufenmäßig zum Rheine hin der Untere Westerwald. Jener
liegt durchschnittlich 580 ~m~ hoch, dieser erreicht eine mittlere
Höhe von 430 ~m~ nicht mehr. Im Unteren Westerwald lohnt zwar noch der
Ackerbau; seinen Hauptschmuck bilden aber die prächtigen Waldungen. Die
eintönigen Hochflächen des Hohen Westerwaldes sind vom Wald ziemlich
stark entblößt, und weithin dehnen sich neben Heide und Moor Wiesen
oder Weiden, auf denen die kleinen Westerwälder Rinder grasen, aus. Der
flüchtige Besucher des Landes hält jedoch auch manche Landstriche des
Hohen Westerwaldes für waldreich. Überall erscheinen Nadelholzpartien,
die er für große Wälder hält. Kommt er aber näher, so bemerkt er
staunend, daß der vermeintliche Wald nur aus einigen langen Reihen
Tannen besteht. Er sieht nur eine von den zahlreichen Schutzhecken vor
sich, die fast überall angepflanzt sind, um die Ortschaften, die Äcker
und die Wiesen vor den rauhen Winden zu schützen.
[Illustration: Abb. 147. Klosterruine Heisterbach. (Zu Seite 151.)]
[Illustration: Abb. 148. Daun in der Eifel.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 158.)]
Der Wind ist das Charakteristischste an dem Klima des Hohen
Westerwaldes. „Er weht dort,“ wie Tarnuzzer schreibt, „das ganze Jahr,
fast zu jeder Stunde, selbst an den Tagen drückendster Sonnenschwüle,
die man durch ihn im hohen Westerwald eigentlich nie kennen lernt.
Leise bewegt zieht er zwischen Wäldern und Höhen kräuselnd und kühlend
dahin. Vom Wald, diesen ‚Lungen des Landes‘, kommt seine Frische und
Stärke, die ihn wirksam, ja gewaltig macht, fast wie den Wind von der
See ... Unaussprechlich wohltuend und kühlend, allen Duft des Waldes
und seine unvergleichliche Würze zu einem herübertragend, webt und
webt er in aller Wärme der Sonne und macht dem Wanderer jeden Gang zum
Labsal.“
[Illustration: Abb. 149. Schalkenmehrener Maar.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 158.)]
[Illustration: Abb. 150. Abtei Laach und Laacher See.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 160.)]
[Sidenote: Dornburg und die Eislöcher.]
Auf der Weiterfahrt durch den Westerwald von Westerburg nach Montabaur
versäumen wir nicht, in Frickhofen, dessen Namen man von Freya
ableiten will, auszusteigen, um die Dornburg zu besuchen. Nicht ein
verwünschtes Schloß, in dem Dornröschen schläft, lockt uns dorthin,
sondern eine merkwürdige Naturerscheinung, die berühmten Eislöcher, in
denen sich selbst während der heißesten Sommerzeit Eis bildet. Sobald
wir uns, nach einer Wanderung über eine heißdürre Heide, dem Berge
nähern, weht uns schon ein kalter Lufthauch entgegen. Wirkliches Eis
in heißer Sommerzeit sich bilden zu sehen, und zwar an einer Stelle,
am Fuße einer aus losem Steingeröll bestehenden Schutthalde, auf die
die Sonnenstrahlen beständig scheinen, kommt uns zuerst fast wie
ein Naturwunder vor. Und doch ist die Erscheinung ganz natürlich zu
erklären als Wirkung einer kalten Luftströmung, die unter dem lose den
Abhang des Berges überlagernden Felsgeröll mit starkem Zuge herströmt.
Sobald diese kalte Luft mit der warmen in Berührung kommt, verdunstet
die mitgebrachte Feuchtigkeit sehr schnell, und die neue Kälte, die
hierbei erzeugt wird, reicht zur Eisbildung vollständig hin.
[Illustration: Abb. 151. Kreuzgang der Abteikirche Laach.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 160.)]
[Sidenote: Lahnwanderung.]
An dem freundlichen Städtchen Hadamar vorbei trägt uns die Bahn durch
fruchtbares Hügelland und schöne Wälder hinab in das Lahntal zu der
Stadt Limburg (10000 Einw.) (Abb. 133) mit dem prächtigen Dom, der mit
seinen sieben Türmen malerisch einen Felsvorsprung hoch über dem Flusse
krönt. In Limburg müssen wir Einkehr halten, weil dort die Bahnlinie,
die durch den unteren Westerwald führt, beginnt. Zuerst wollen wir
aber im Lahntal kurze Umschau halten. Die Stadt Limburg war im frühen
Mittelalter Residenz der 1407 ausgestorbenen Grafen des Lahngaues.
Sie fiel dann an Kurtrier. Der Dom ist eine ebenso prachtvolle als
großartige Schöpfung des spätromanischen oder Übergangsstils. Von 1213
bis 1242 wurde an ihm gebaut (Abb. 134).
[Illustration: Abb. 152. Die Urft-Talsperre bei Gemünd. (Zu Seite 164.)]
Aufwärts leitet uns das Lahntal zu manchen landschaftlich schönen
Punkten hin. Das Städtchen Runkel liegt in geringer Entfernung von
Limburg malerisch auf beiden Seiten der Lahn und wird überragt von
einem gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts erbauten Schlosse
der Grafen von Wied. Die weitere Fahrt wird durch die zahlreichen
Flußübergänge und Tunnels sehr abwechslungsreich. Der letzte
durchschneidet den Schloßberg des Städtchens Weilburg (etwa 4000
Einw.), das sich im Rahmen eines schönen Landschaftsbildes dem
Blicke zeigt. Bis 1816 residierten die Fürsten (seit 1806 Herzöge)
von Nassau-Weilburg daselbst. Das Schloß stammt aus dem sechzehnten
Jahrhundert, wurde aber 1721 bedeutend vergrößert und kann, auf steilem
Felsen gelegen, zu den hervorragendsten Schönheiten des Lahntales
gerechnet werden.
Der oberhalb Weilburg gelegene Teil des Lahntales fällt außerhalb des
Rahmens dieser Schrift, und nur noch auf die reichen Erzschätze der
Weilburger Gegend, wo besonders ausgedehnte Lager von Roteisenstein
und Phosphorit vorkommen, sowie des Bezirks von Dillenburg und
Herborn im östlichen Westerwald sei hingewiesen. Ihr Vorkommen ist
an das zahlreiche Auftreten von Diabasen geknüpft. Diese brachen in
der devonischen Zeit als glutflüssige Massen hervor, breiteten sich
deckenartig auf dem alten Meeresgrunde aus und wurden später selbst
wieder von andern Erdschichten bedeckt. Infolgedessen kommen sie meist
linsen- oder lagerartig zwischen Grauwacken, Kalken und Schiefern vor.
Auf die reichen Erzvorkommen des Westerwaldes, die auch die obere
Sieggegend mit ihrem vorzüglichen Spateisenstein umfassen, und die
auf dieselben sich gründenden Industrien hinweisend, sagt Riehl von
dieser Gegend mit poetischem Schwunge: „Die Feuersäulen der Hochöfen
gruppieren sich hier wie zu einem Strahlendiadem rings um den Saum der
Hochflächen.“
[Illustration: Abb. 153. Gerolstein, von der Burg gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 164.)]
An der untersten Strecke des Lahntales von Limburg bis zur Mündung des
Flusses sind die landschaftlich schönsten Punkte das von dem früheren
Schloß der Grafen von Nassau-Dillenburg überragte Städtchen Diez (4500
Einw.), die auf bewaldeter Basaltkuppe thronende Schauenburg, die
Schloßruine Balduinstein, deren großartige Baureste sich aus enger
Schlucht auf Kalk- und Porphyrfelsen erheben, Burg Nassau (Abb. 135)
und Burg Stein, vor letzterer das im Jahre der Wiedererrichtung des
Deutschen Reiches vollendete Denkmal des Freiherrn vom Stein (Abb.
136), das alte Städtchen Nassau, welches schon 790 als Nasonga erwähnt
wird, und in dessen Schloß der eben genannte große Staatsmann das Licht
der Welt erblickte und wohnte, und endlich Ems (rund 7000 Einw.),
(Abb. 138). Bad Ems ist alljährlich das Ziel von Tausenden, und nicht
immer sind es die Kranken und Schwachen, die dorthin pilgern, um vom
Emser Krähnchen, vom Fürsten- oder vom Kaiserbrunnen zu trinken;
auch herzensfrohe Menschen finden sich unter den Kurgästen, die
eben nur eine Badereise machen wollen, denen es in den freundlichen
Landhäusern zu gut gefällt, die von den Klängen der Kurkapelle gar zu
gern sich locken lassen, die das Promenieren im Kurgarten (Abb. 137)
lieben oder auch an den schönen Spaziergängen über die benachbarten,
waldgeschmückten Höhen immer wieder neues Gefallen finden. Auch
historische Erinnerungen knüpfen sich an Ems. Ein Marmorstandbild
des Kaisers Wilhelm ~I.~ erinnert an die Zeit, in der der Monarch
alljährlich zum Kurgebrauch nach Ems zurückkehrte, und man zeigt uns
die Stelle, wo der greise König den allzu zudringlichen französischen
Gesandten im Juli des Jahres 1870 abwies. Die Hauptbestandteile der
Emser Quellen sind doppeltkohlensaures Natron und Chlornatrium. Ihr
Kurgebrauch wird hauptsächlich bei Erkrankungen der Atmungsorgane,
sowie bei Magen- und Darmkatarrhen verordnet.
[Sidenote: Montabaur und Kannenbäckerland. Westerwalder Tonindustrie.]
Nach diesen Streifzügen durch das Lahntal nach oben und nach unten
sind wir wieder in Limburg angelangt. Zur Fahrt durch den untern
Westerwald besteigen wir von neuem die Eisenbahn, die uns über ein
hügeliges Land, in dem schöne Wälder mit fruchtbaren Äckern wechseln,
zunächst nach Montabaur bringt. Das Städtchen ist der größte Ort des
Westerwaldes, obschon es nur etwa 4000 Einwohner zählt. Es liegt in
sehr waldreicher Gegend. Die im Besitze von Montabaur befindlichen
Waldungen werfen z. B. einen jährlichen Ertrag von etwa 13000 Mark ab.
Der Stolz des Städtchens ist das ehemalige kurfürstlich-trierische
Schloß, das aus einem Walde von Hainbuchen auf einem abgestumpften
Bergkegel emporsteigt. Schattige und felsgeschmückte Wege führen zu
demselben hinan, und auf dem Schloßberge entfaltet sich eine prächtige,
vielgerühmte Aussicht, namentlich auf das malerisch gelegene Städtchen
selbst.
[Illustration: Abb. 154. Kyllburg im Kylltal.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 164.)]
Westlich von Montabaur liegt das sogenannte Kannenbäckerland, wo eine
alte, jetzt wieder frisch blühende Tonindustrie betrieben wird. Um nach
den bedeutendsten Orten dieses Bezirks, nach Ransbach, Grenzhausen
und schließlich nach Höhr, dem wichtigsten, wo eine Keramikschule
besteht, zu gelangen, besteigen wir in Siershahn die Zweigbahn,
die in westlicher Richtung nach Engers führt. Der tertiäre Ton in
dieser Südwestecke des Westerwaldgebietes führt den Namen Pfeifenton
oder Pfeifenerde, weil er früher hauptsächlich zur Verfertigung von
Tonpfeifen benutzt wurde. Er ist wie alle Tonarten aus der Verwitterung
von feldspatreichen Gesteinsarten (Granit, Trachyt, Porphyr usw.)
entstanden und durch Wasserfluten von seiner ursprünglichen Lagerstätte
weggeschwemmt worden. Er besteht aus 53,50% Kieselsäure, 29,63%
Tonerde, 1 bis 3% Eisenoxyd und 1 bis 2% Magnesia. Der Eisengehalt
und der Gehalt an Pflanzen- oder Tierresten geben dem Ton eine
bestimmte Färbung, die bald weißgrau, bald gelblich oder rötlich,
bald bläulich ist. Der Ton des Westerwaldes ist durchweg sehr fein
und gleichartig. Seine Gewinnung oder Werbung geschieht mittels des
Reifenschachtbetriebes. Auf den Ton wird durch die ihn überlagernden
Lehm- und Sandschichten ein etwa 2 ~m~ breiter Schacht getrieben, der
mit starken Holzreifen ausgekleidet wird. Sobald man die zähe Tonmasse
erreicht, hört die Auskleidung mit Holz auf. Man sticht den Ton mit
großen, messerartigen Werkzeugen ab und fördert ihn in Kübeln noch
oben. Allmählich werden die Gruben trichterförmig erweitert. Der zähe
Ton hält zwar eine Zeitlang stand. Allmählich aber rücken die Wände des
Trichters, dem ungeheuren Druck nachgebend, zusammen: der Ton „wächst“.
Die Arbeiter kennen diese Erscheinung ganz genau und verlassen den
Schacht erst, wenn sie durch die Öffnung kaum noch hindurchschlüpfen
können. Die Töpferkunst des Westerwaldes ist schon sehr alt. Sie ist
bis ins vierzehnte Jahrhundert zu verfolgen. Besonders im sechzehnten
Jahrhundert stand das Gewerbe in hoher Blüte. Es lieferte vielfach
auch kunstvollendete Arbeiten, die durch eingeritzte Ornamente
geschmackvoll verziert waren und sich durch eine seltene Schönheit
der Färbung auszeichneten. Die Hauptfarben waren blau und violett
(Blauwerk). Beim Niedergang der Töpferkunst war das Geheimnis der
Farbenmischung verloren gegangen, bis es vor wenigen Jahren durch einen
glücklichen Zufall wieder gefunden wurde. Das neue Aufblühen verdankt
die Westerwalder Tonindustrie hauptsächlich dem guten Ruf der mit
großem Geschick wieder nachgeahmten altdeutschen Ware, die nach der
herrschenden Mode mit Vorliebe auch zur Ausstattung von altdeutschen
Zimmereinrichtungen verwandt wurde. Die Tonpfeifenfabrikanten von Höhr
haben fast den ganzen Handel mit Tonpfeifen in Händen. Namentlich nach
Holland und Amerika findet eine bedeutende Ausfuhr statt.
[Illustration: Abb. 155. Ober- und Niederburg von Manderscheid.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 164.)]
[Sidenote: Wiedtal. Siebengebirge.]
Nachdem wir auf der vorher erwähnten Bahnlinie bei Engers den Rhein
erreicht haben, lockt es uns noch einmal hinein in die Waldespracht
des Westerwaldes. Wir folgen dem tief eingeschnittenen, von
waldgeschmückten Abhängen umrahmten Tale des Wiedbaches, grüßen
Monrepos, das fürstlich Wiedsche Lustschloß, und wandern, nach
herrlichem Rückblick auf das Rheintal, weiter nach Altwied, das von den
efeuumrankten Trümmern der Stammburg (Abb. 139) der Grafen von Wied
überragt wird. Wieder wandern wir dann zurück an den Rhein und, seinem
Laufe folgend, dem schönsten Wanderziele entgegen, das Rheinland uns zu
bieten vermag: zu den Sieben Bergen, die schon auf der Rheinfahrt in
herrlichem Bilde vor uns erschienen.
[Illustration: Abb. 156. Burg Eltz.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 164.)]
Das Siebengebirge (Abb. 1 und 141) wird als die siebengestaltige Krone
in Rheinlands Schönheit gepriesen. Es ist in der Tat ein kleines
Wunderland, in der Sage, Geschichte und Dichtung fast jeden Punkt
verherrlicht haben. Überall ist die Schönheit des Siebengebirges eine
andere. Anders ist sie dort, wo der Drachenfels mit seiner zerklüfteten
Felsgestalt aus den Wogen des Rheines emportaucht, anders dort, wo sich
die Löwenburg oder der Ölberg hoch über die Bergeskrone, hoch über die
Hochflächen des Westerwaldes erheben. Wenigstens den schönsten und
besuchtesten Berg, den Drachenfels, wollen wir besteigen und dabei den
Sagen lauschen, die aus dem Born der grauen Vorzeit fließen.
[Sidenote: Drachenburg und Drachenfels.]
In Königswinter (4000 Einw.) (Abb. 141) landet uns das Dampfschiff. Wir
gesellen uns gern dem frohen Wandervölkchen zu, das auf dem steilen
Pfad, zwar etwas mühselig, aber doch in freudigster Stimmung zum Gipfel
des Drachenfels pilgert. Die Zurückkehrenden sind in noch besserer
Laune. Sie haben oben die Schönheit der Landschaft und wohl auch die
Kraft des Weines in vollem Maße gekostet. So singen sie frohe Rhein-
und Weinlieder, und Efeu- oder Eichenkränze zieren ihre Hüte. Andere
reiten auf einem muntern Pferdchen oder sitzen, etwas bequemer, auf dem
Rücken eines Langohrs, der zu einem roten Sessel eingerichtet ist. Des
Tierrückens ungewohnt, machen die meisten eine possierliche Gestalt,
so daß man sich des Lachens kaum enthalten kann. Aber was tut’s?
Zum Lachen und Scherzen zog ja jeder hinaus. Es gehört zum frohen
rheinischen Leben, zum Wandern am Rhein, und es macht das Herz wieder
so jung und so neu.
[Illustration: Abb. 157. Hof der Burg Eltz.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 164.)]
[Illustration: Abb. 158. Doppelkirche von Schwarzrheindorf.
Nach einer Photographie von C. Schaf in Bonn. (Zu Seite 165.)]
[Sidenote: Geschichte des Drachenfels.]
Wir steigen immer höher, anfangs durch Weinberge, später durch Wald
oder zwischen zerklüfteten Felswänden. Schon liegen die Häuser, der
Kirchturm der Stadt Königswinter tief unter uns; die Schiffe auf
dem Rhein werden immer zwerghafter, und der Bergzug auf der andern
Rheinseite scheint tiefer sich zu senken. An jeder Lichtung machen wir
halt, um den herrlichen Blick hinab ins Tal zu genießen. Dann schreiten
wir rüstig weiter. Links pustet die Zahnradbahn, die zum Gipfel des
Drachenfels führt, an uns vorüber und rast zur Tiefe. Rechts begleitet
uns jetzt das Gitter, das die Anlagen der neuen Drachenburg umschließt.
Durch die Eisenstäbe hindurch gucken wir nach den Damhirschen aus,
die in dem lichten Gehölz gewöhnlich sichtbar sind, zuweilen sogar an
das Gitter kommen und aus der Hand des Wanderers ihr Futter nehmen.
Den schönen Blick auf die Burg selbst genießen wir etwas höher. Wie
stolz hebt sich der prächtige, turmreiche und zinnengekrönte Bau
(Abb. 118 und 142) aus der hellen Wiesenmatte und aus den dunkeln
Baumgruppen heraus! Gegen fünf Millionen Mark haben Grundstück und Bau
gekostet. Nun steht sie auf halber Höhe des Drachenfels als ein stolzes
Baudenkmal der Neuzeit da. Der jetzige Besitzer hat das prächtige, mit
schönen Kunstwerken und Gemälden (Abb. 143) ausgeschmückte Schloß der
öffentlichen Besichtigung gegen ein mäßiges Eintrittsgeld freigegeben.
Hoch über uns erscheint der viereckige, halbzerfallene Turm der alten
Drachenburg (Abb. 144), der von dieser fast allein noch übrig geblieben
ist, als das berühmteste Denkzeichen der Landschaft des Siebengebirges.
Was wäre der Drachenfels ohne seine Ruine! Er hätte schier kein Recht
mehr, so trutzig aus den Fluten des Rheines emporzusteigen und sich
als Wächter dort hinzustellen, so kühn und so stolz. Nun stehen wir
vor der schwindelnden Höhe. Aus der fast senkrecht aufsteigenden
Trachytwand wächst das Gemäuer des riesigen Turmes heraus. Bergwand und
Mauer erscheinen zu einem Ganzen verwachsen. Kein mutiger Kletterer
vermag da emporzusteigen. Unangreifbar! Welcher Wert in einstiger
Zeit! Es schuf diese Burg, deren ersten Bau der Kölner Erzbischof
Arnold ~I.~ zwischen 1137 und 1151 ausführen ließ. Als „Trachenfels“,
„Drakinfels“ und „~Mons draconis~“ wird sie in den Lehns-Urkunden
bezeichnet. Sie ging später in den Besitz des Bonner Cassius-Stifts
über. Der Kölner Erzbischof und Kurfürst behielt aber das Recht der
Besatzung für den Kriegsfall. Die Verwaltung der Burg wurde einem
Burggrafen übertragen. Der erste Burggraf, den eine Urkunde aus dem
Jahre 1176 nennt, war Gottfried von Drachenfels. Die Geschichte weiß
uns noch manches von der Drachenburg und den Burggrafen von Drachenfels
zu erzählen, deren rotes Wappenschild ein silberner geflügelter und
flammenspeiender Drache schmückte. Der Ritter Godard erwarb auch die
Pfandschaft am Schloß Wolkenburg, das die benachbarte Bergkuppe krönte.
Später wurden noch andere Schlösser und Herrschaften durch Kauf oder
Heirat erworben. So wuchs das Ansehen der Burggrafen von Drachenfels.
Godards Sohn, Klaus von Drachenfels, wagte dem Kölner Erzbischof offene
Fehde anzusagen; im Kampfe besiegt, mußte er das Land verlassen. Als
er sich mit dem Erzbischof wieder ausgesöhnt hatte, verweigerten ihm
seine Vettern den Eintritt in die väterliche Burg. Am untern Burgweg
kam es zum blutigen Kampfe, und an der Stelle, wo jetzt der zweite
Kucksteiner Hof am Wege zum Drachenfels liegt, ward Klaus von seinem
Vetter Heinrich erschlagen. Um den Mörder zu bestrafen, belagerte der
Kurfürst Hermann die beiden Festen Drachenfels und Wolkenburg, die sich
ihm 1493 ergeben mußten. Aber Heinrich war geflohen. Der Geächtete
wurde später begnadigt und als Burgherr anerkannt. Dem ermordeten Klaus
mußte er in Heisterbach nachträglich ein standesgemäßes Begräbnis mit
Geläut, Messen, Vigilien und Commendacien bereiten lassen, sowie an der
Mordstelle ein ehrlich steinernes Kreuz errichten. Er selbst starb 1530
und fand, wie seine Vorgänger, in Heisterbach seine letzte Ruhestätte.
Sein Grabstein wurde aber später an der Kapelle zu Rhöndorf am
südlichen Fuße des Drachenfels eingemauert. Im truchsessischen Kriege,
1583 bis 1588, wurde die Drachenburg hart belagert. Aber sie hielt
wacker stand, und ihr Verteidiger, Hauptmann Funk, schlug alle Angriffe
des Pfalzgrafen Johann Kasimir auf den Drachenfels und Königswinter
zurück. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten 1633 die Schweden die Burg.
Aber noch im selben Jahre wurden sie von den Spaniern vertrieben.
Hiermit hören die Kriegsstürme für die Drachenburg auf. Der Kurfürst
Ferdinand ließ sie nicht mehr von neuem in Verteidigungszustand setzen,
sondern gab sie im Jahre 1642 als Ruine den Freiherrn Walbott von
Bassenheim, Nachkommen von Klau’s Schwester, zu Lehen. Jetzt ist der
Drachenfels Eigentum des preußischen Staates.
[Illustration: Abb. 159. Köln. (Zu Seite 166.)]
[Illustration: Abb. 160. Kölner Rheinbrücke. (Zu Seite 166.)]
[Sidenote: Der Drachenfels.]
Den Spuren der Geschichte, die uns dies alles erzählt, im Geiste
nachfolgend, wandern wir weiter, vorüber an wild zerklüfteten
Trachytwänden. Mächtige Teile des Berges haben einst sich gelöst,
und die abgestürzten Felsmassen türmen sich auf der andern Seite des
Pfades vor uns auf, der sich zu einem Felsentore zu schließen scheint.
Dann öffnet sich das Gehölz, und nach wenigen Schritten stehen wir auf
der ersten Platte des Drachenfels, auf der sich einst der Burggarten
ausbreitete, jetzt das Gasthaus zum Drachenfels erbaut ist. Eine
Gedenksäule erinnert an die Befreiungskriege von 1813 bis 1815. Sie
waren ein Kampf um die deutsche Freiheit, zugleich ein Kampf um den
Rhein, von dem Max von Schenkendorf in seinem schönen Lied vom Rhein
klagend sang:
Sie hatten ihm geraubt
Der alten Würden Glanz,
Von seinem Königshaupt
Den grünen Rebenkranz.
In Fesseln war der Held geschlagen,
Sein Zürnen und sein stolzes Klagen,
Wir haben’s manche Nacht belauscht,
Von Geisterschauern hehr umrauscht.
[Illustration: Abb. 161. Rathaus in Köln. (Zu Seite 166.)]
Wenn eine Stelle im Rheinstrom uns sagt, um welch hohen Preis es sich
bei diesen Kämpfen handelte, so ist es der Drachenfels. Zu unsern Füßen
rauscht der herrliche Strom, von zahlreichen Schiffen, von stolzen
Dampfern und schwer beladenen Schleppkähnen, die die Reichtümer des
Landes bergen, belebt. An seinen freundlichen Ufern reiht sich Dorf
an Dorf. Warmgebettet liegt Honnef, das rheinische Nizza (Abb. 145),
vor uns. Dort im Strome schwimmen die beiden Inseln Nonnenwerth, auf
dem ein altes Kloster liegt, und Grafenwerth, und von drüben winkt
der Rolandsbogen. Auf der höchsten Spitze des Drachenfels, die wir
in zwei Minuten erreichen, um unsern Fuß auf das Gemäuer der alten
Drachenburg zu setzen, entfaltet sich der Blick noch herrlicher.
Stromaufwärts sehen wir, wie der Rhein aus seinem engen Felsentale
kommt, stromabwärts, wie er den freien Lauf durch die Ebene beginnt.
An der zierlichen Burgruine Godesberg haftet der Blick, weiter trifft
er das Häusermeer der Stadt Bonn, und dort in der nebeligen Ferne, zu
der uns das schlangenartig gewundene Silberband des Stromes hinführt,
tauchen bei klarem Wetter auch die beiden Türme des Kölner Domes auf.
Ja herrlich ist dieses Land und wonnig, inmitten dieser Herrlichkeit zu
leben!
[Illustration: Abb. 162. Der Kölner Dom, Westansicht.
Nach einer Photographie von Anselm Schmitz in Köln. (Zu Seite 167.)]
[Sidenote: Drachenfelssagen.]