den Rheindampfer verlassen. Das Ahrtal mit seinen malerisch sich
türmenden Felsen, mit seinem zum Irrlauf gezwungenen Flusse, mit
seinen Burgruinen auf den Bergen und seinen Dorfidyllen in des Tales
Nischen, mit seinen Geschichten und Sagen, mit seinen heilkräftigen
Quellen ist ihr und unser Ziel. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges
benutzen wir, um die alte Stadt Remagen und ihre Sehenswürdigkeiten
in Augenschein zu nehmen. In dem Orte haben wir wieder eins der
fünfzig Drusus-Kastelle vor uns. Auf der Peutingerschen Karte, der
Nachbildung einer alten römischen Straßenkarte aus dem Mittelalter,
ist Remagen als ~Rigomagus~ aufgeführt. „Wertvoll für die früheste
Geschichte der Stadt,“ so schreibt Kollbach, „ist ferner ein in der
Nähe aufgefundener römischer Meilenstein, welcher uns nicht nur die
Zeit des Straßenbaues unter den Kaisern Markus Aurelius und Lucius
Verus verkündet, sondern auch genau die Entfernung von hier bis Köln
als 30000 Schritte angibt.“ Interessante römische Funde wurden zu
Remagen beim Bau der jetzigen Landstraße, im Jahre 1763, gemacht.
Dieselben wanderten, weil der Ort damals zur Pfalz gehörte, nach
Mannheim. Neuen Aufschluß über das römische ~Rigomagus~ ergab in
neuester Zeit der 1900 begonnene Neubau der alten Pfarrkirche. Es war
längst bekannt, daß diese inmitten des Drusus-Kastells stand. Durch die
vorgenommenen Nachgrabungen wurde die Nordmauer desselben am Deichweg
freigelegt. Eine gleich gut erhaltene oberirdische Festungsmauer
aus der römischen Zeit ist in der Rheinprovinz kaum noch irgendwo
erhalten. Ein aufgefundener römischer Ziegelstein trug die Aufschrift
~RICOM~, die den Gedanken nahe legt, daß der Name des Kastells nicht
~Rigomagus~, sondern ~Ricomagus~ hieß. Auch auf mächtige Schuttmassen
stieß man bei jener Gelegenheit. Kaum ein zweiter Ort am Rhein hat so
schwere Schicksale, so zahlreiche Belagerungen und Zerstörungen in
Kriegszeiten erdulden müssen wie Remagen. Es wurde 1198 von den Truppen
Philipps von Schwaben verbrannt, 1475 von den Burgundern erobert,
1632 von den Schweden erstürmt, 1633 von den Spaniern zurückerobert,
im selben Jahre aber von den Schweden zusammengeschossen, wobei der
Kirchturm und 200 Häuser zerstört wurden. Kein Wunder, daß nach solchen
schlimmen Zeiten der Ort am Ende des Dreißigjährigen Krieges nur noch
60 Häuser, wohl richtiger gesagt Hütten zählte. Und dennoch blieben uns
noch einige interessante, mittelalterliche Baureste erhalten, so das
1246 geweihte gotische Chor der alten Pfarrkirche und der seltsame,
schon viel gedeutete und doch vielleicht noch nicht richtig erklärte,
reich mit Skulpturen geschmückte Torbogen, der neben dem Pfarrhause
steht. In der Talfurche des Lützerbaches, der in den aussichtsreichen
Viktoriaberg eingeschnitten ist, sind noch Reste einer unterirdischen
römischen Wasserleitung erhalten. So plaudert, wie dieser Bach, fast
jede Örtlichkeit eine Geschichte. Aus der frisch blühenden Gegenwart,
die aber Remagen die frühere Bedeutung noch nicht wiederzugeben
vermochte, stammt die zierliche, von vier schlanken Türmchen flankierte
Apollinariskirche (Abb. 114), die der Graf Fürstenberg-Stammheim 1839
durch den Dombaumeister Zwirner in gotischem Stile aufführen ließ.
[Illustration: Abb. 125. Beethoven-Denkmal in Bonn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.
(Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 126. Das Münster in Bonn. (Zu Seite 128.)]
[Sidenote: Das Ahrtal.]
Nicht gar zu schnell führt uns der Eisenbahnzug von Remagen durch
das Ahrtal. Wir lassen die wechselnden Bilder an uns vorübergleiten,
und erst dort, wo die neben uns rauschende Ahr in der engsten
Felsenwildnis sich zu verlieren scheint, in deren Mitte malerisch
auf schroffem Felskegel die Burgruine Altenahr vor uns auftaucht,
machen wir halt, um rückwandernd dann des Tales Schönheit voll zu
genießen. Drei völlig verschiedene Talstücke des Ahrlaufes können
wir unterscheiden. Die oberste Strecke entfaltet noch nichts von der
wilden Schönheit, die das Ahrtal so berühmt gemacht hat. Nur wenig
hat der junge Fluß in dem Grauwacke- und Kalkgestein, das er zuerst
durchfließt, sein Bett vertieft. Grüne Wiesen säumen ihn, und die
Talgehänge prangen in dichtem Waldkleide. Erst bei Altenahr, wo die Ahr
in eine mehr schieferartige Grauwacke eintritt, ändert sich plötzlich
das Talbild. Dieses Gestein bot dem mit starkem Gefälle gegen die
Felsen anstürmenden Flusse, der inzwischen auch durch zahlreiche Bäche
seine wilde Kraft verstärkte, nur geringen Widerstand dar. So ward
die Landschaft durch tiefe Furchen zerrissen. Auf eine großartige
Felsenlandschaft schauen wir von der Burg Altenahr, dem Stammsitz
des Grafengeschlechts von Are, deren Bau bis ins zehnte Jahrhundert
zurückreichen soll, oder vom Weißen Kreuz (Abb. 115) herab. Wohl
zehnmal sehen wir die Ahr hinter den schroffen Felswänden, die entweder
mit zierlichem Buschwerk bewachsen oder bis hoch hinauf mit Reben
geschmückt sind, verschwinden und wieder hervorkommen. Bis Walporzheim
reicht der enge Teil des Ahrtales. Noch an vielen Punkten entfaltet
dieses mittlere Talstück seine eigenartige Schönheit. Zuweilen
verbreitert das Tal sich etwas, und ein größerer Rebengarten nimmt uns
auf. Dann aber treten die Berge in malerischen Formen wieder näher
an den Fluß heran und zwingen ihn zu neuen Irrläufen. In dem kühlen
Wassergrunde spielt die Forelle. Die rote Felsennelke schmückt das
Gestein. Hie und da führen von der Landstraße Steinstufen hinauf zu den
Weinbergen. Wir wandern an der vielbesuchten Lochmühle und an dem in
stillem Talfrieden liegenden Mayschoß vorüber und blicken hinauf zu den
geringen Resten der einst auf steiler Felshöhe so trotzig gelegenen
Sassenburg. In breiterem Tal erholt sich die Ahr von ihren Irrläufen.
Dann grüßen wir die Bunte Kuh, einen mit spitzer Nase aus der Bergwand
heraustretenden Fels. Der eigentümliche Name soll von einer Wette
herrühren. Für den Preis einer Kuh erkletterte ein Mädchen den Fels und
wechselte auf der vorspringenden Nase das Strumpfband. Gleich hinter
der Bunten Kuh erreichen wir Walporzheim, den weltberühmten Weinort, wo
im St. Peter gar mancher Zecher des Weines Kraft erfahren hat.
[Illustration: Abb. 127. Inneres des Münsters in Bonn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 128. Marktplatz in Bonn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 129. Die Universität zu Bonn.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in
Berlin-Steglitz. (Zu Seite 130.)]
Bei Walporzheim beginnt das untere, viel breitere Talstück der Ahr.
Das alte Städtchen Ahrweiler (4500 Einw.), der in jüngerem Glanze
aufblühende Badeort Neuenahr (Abb. 116) und der Weinort Bodendorf
sind die bekanntesten Orte auf dieser Strecke. Bei Ahrweiler liegt
auf dem Kalvarienberg das gleichnamige Kloster der Ursulinerinnen.
Wie anders ist auf dieser Strecke das Bild des Tales, wenn man von
einer der Berghöhen herniederschaut! Den schönsten Überblick haben
wir von der Landskrone hinab, die auf der Nordseite so beherrschend
hervortritt. Der Fluß zieht zwischen Wiesen und Feldern dahin, und die
zahlreichen Ortschaften liegen in einem Kranze von Obstbäumen. Die uns
gegenüberliegende Talwand prangt in üppigem Waldschmucke, während auf
der nördlichen, der Mittagssonne zugekehrten die Rebe bis fast zur
Mündung der Ahr hin ihr Plätzchen behauptet.
[Illustration: Abb. 130. Bismarck-Säule bei Bonn.
Nach einer Photographie der Bonner graph. Kunstanstalt (Rud. Schade) in
Bonn.
(Zu Seite 130.)]
[Illustration: Abb. 131. Cistercienserabtei Marienstatt auf dem
Westerwald.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 134.)]
[Sidenote: Rheinfahrt.]
Wieder stehen wir am Strande des Rheins, um das Dampfschiff für die
Fahrt von Remagen nach Bonn zu erwarten. Die „Loreley“ ist’s, die auf
den Fluten dort heranschimmert und nun an der Landebrücke anlegt.
Will der Name des schönen Schiffes noch einmal Kunde uns bringen von
dem herrlichen Bilde, das wir auf der Rheinfahrt schauten, von dem
sagenumwobenen Berge und der Nixe, der jener Schiffer vergessen
lauschte, oder will er der Sage liebliche Laute aufs neue wecken in
unserer Brust beim Anblick anderer Bilder herrlichster Art?
[Illustration: Abb. 132. Westerburg. Auf dem Westerwald.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 134.)]
[Illustration: Abb. 133. Limburg an der Lahn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 137.)]
[Sidenote: Rolandseck. Drachenfels. Königswinter.]
Tief steht die Sonne am Himmel. Auf die Talwand zur Linken senkten
sich schon des Abends Schatten, aber die Höhen auf der rechten Seite
des Stroms lecken noch das letzte Licht des sterbenden Tages. So
feurig strahlt der Abendröte Schein, als wollte sie die letzte Stunde
der Rheinfahrt uns vergolden, daß leuchtend der Erinnerung schöne
Bilder wieder auftauchen können noch in späteren Jahren, wenn ein
großes Stück des Lebens hinter uns liegt wie ein Traum. O schönes
Erinnern, das dann auch erzählt von jenem Sonnenuntergang am Rhein! Von
neuem sehen wir, wie die dunkle Bergmasse der so trotzig am rechten
Rheinufer aufragenden Erpeler Ley sich rötlich färbt und von den
sanften Rebengehängen Oberwinters auf der andern Seite die letzten
Sonnenstrahlen forthuschen, wie über Rolandseck von schattendunkler
Bergeswand der Rolandsbogen (Abb. 117) grüßt und vor uns das liebliche
Eiland Nonnenwerth mit seinem altersgrauen Kloster auftaucht, wie
endlich der Drachenfels (Abb. 1) aus den Fluten des Stromes auftaucht,
so trotzig, als wollt’ er ihn wehren, weiter zu ziehen und unser
Schiff fortzutragen aus diesem Lande der Poesie. Und auch der Sage
Laute klingen wieder an unser Ohr. Von Hildegunde erzählen sie, die,
einer falschen Nachricht glaubend, die den Tod ihres geliebten Ritters
meldete, im Kloster zu Nonnenwerth die Klage des Herzens vergessen
wollt’, von Roland, der traurig diese Kunde nach glücklicher Heimkehr
vernahm und droben, wo heute noch der Rolandsbogen steht, sich ein
Schloß baute, um immer hinabschauen zu können auf das Kloster, das die
Liebste barg, und von Siegfried, der den Drachen tötete.
[Illustration: Abb. 134. Inneres des Domes in Limburg an der Lahn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 138.)]
Doch ein prächtiges Bild, ein stolzer Bau, der aus neuerem Stein
sich auftürmt, scheucht die Bilder der Vergangenheit. In halber
Höhe des Drachenfels erscheint, überragt von der Burgruine, die die
höchste Spitze des Berges so malerisch krönt, das neue, vieltürmige
und zinnenreiche Schloß Drachenburg (Abb. 118 u. 141 bis 143). Und
wie reich das Leben flutet am herrlichen deutschen Rhein, inmitten
dieser, von einer alten Kultur gesegneten Landschaft, das verrät die
vielhundertköpfige Menge, die in Königswinter (Abb. 141) unser Schiff
erwartet. Bis auf den letzten Platz füllt dieses sich, und mit der
Menge zieht rheinische Fröhlichkeit in seine gastlichen Räume ein.
Lustig werden bei der Abfahrt die Tücher geschwenkt, und bald ertönen
die Klänge eines Rheinliedes. Nixen sieht man auf der Loreley und
junge Musensöhne, die in dem Sange die nämliche „gewalt’ge Melodei“
verspüren, die den Schiffer im kleinen Kahne lockte. Und desto froher
stimmen sie, als verklungen der Loreley Zaubergesang, selbst sich
warnend, Simrocks köstliches Lied an:
An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut;
Da geht dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,
Als wär’ es ein adlig Geschlecht;
Gleich bist du mit glühender Seele dabei:
So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön
Und die Stadt mit dem ewigen Dom;
In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’n
Und blickst hinab in den Strom.
Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund,
Und hast du ihr Lächeln gesehn,
Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es geschehn:
Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein,
Entzücken faßt dich und Graus:
Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein!
Und kehrst nicht wieder nach Haus.
[Illustration: Abb. 135. Nassau an der Lahn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 139.)]
[Sidenote: Bonn.]
Wie könnte das rheinische Land schöner gefeiert werden als in diesem
herrlichen Liede! Der es sang, er wohnte in Bonn, der schönen
Musenstadt am Rhein, die nun uns grüßt mit ihren schmucken Villen,
ihren lieblichen Gärten, mit dem trotzigen Alten Zoll und der
schwungvollen neuen Rheinbrücke (Abb. 119). Letztere ist im Jahre 1899
dem Verkehr übergeben worden. Wer über sie wandert, erfreut sich an
dem bildhauerischen Schmuck, der in den beiden Zollhäuschenpaaren
(Abb. 120) zum Ausdruck gelangt ist, an der naiven Darstellung der
rheinischen Sagen, des Studenten- und Volkslebens (Abb. 121). An der
Beueler Torburg der Rheinbrücke lachen wir recht herzlich über das
„Bröckemännche“ (Abb. 122), das durch seine Haltung die Bewohner von
Beuel sehr drastisch dafür straft, daß ihre Gemeinde zum Brückenbau
nichts zusteuerte.
[Illustration: Abb. 136. Denkmal des Freiherrn vom Stein bei Nassau.
Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (Zu Seite 139.)]
[Illustration: Abb. 137. Kurhaus und Kurgarten in Ems.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 139.)]
[Sidenote: Bonn. Das Siebengebirge.]
Bonn ist oft verglichen worden mit der ihm geistig so nah verwandten
Musenstadt am Neckar, mit dem nicht weniger gepriesenen Heidelberg.
Die Lage der beiden Städte ist jedoch völlig verschieden. Heidelberg
konnte sich gleichzeitig an einen Flußlauf betten und an eine
hochragende Bergwand lehnen. Bonn sieht sich von den Berggehängen,
die den Rheinstrom bis dorthin malerisch schmückten, verlassen, sieht
sie aber in schön geschwungenen Linien und in nicht zu weiter Ferne
auftauchen, sowohl seitwärts über der Poppelsdorfer Allee, die nach
Südwesten zur Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberge hinzeigt, als auch
in südöstlicher Richtung über der breiten Wasserfläche des Rheins, der
des Landes Krone, die Sieben Berge, auf seinem Spiegel trägt. So steht
in dem Landschaftsbilde der beiden schönen Musenstädte die malerische
Nähe, die nichts dem Auge verhüllt, der lockenden Ferne, die das Gemüt
des Beschauers zu sich hinzieht, einander gegenüber. Dieser Gegensatz
muß im Empfinden des Menschen zum Ausdruck kommen: die Nähe wirkt immer
großartig, die Ferne aber entfaltet den Reichtum der Erscheinungen
einer großen Welt, die täglich noch Neues zu zeigen vermag. Die Sieben
Berge, der wie ein Eckpfeiler trotzig aufragende, sagenumwobene
Drachenfels, die Burgruine, die ihn krönt, der Petersberg mit dem
stattlichen Gasthause, der wie ein König alle Berge überragende Ölberg,
dann jenseits des Flusses der zierliche Godesberg mit seiner schlanken
Turmruine, die an die Bergeshöhen, an den Strom gelehnten Ortschaften,
das wechselnde Bild der die Stromfläche belebenden Schiffe, die am
Stromufer aus ihren Gärten auftauchenden Villen, die in schwungvollen
Riesenbogen sich spannende Brücke mit ihrer Verkehrsbewegung, ferne
Kirchtürme und andere Gebäude, so die immer bei klarem Wetter deutlich
hervortretende Kuppe mit der Abtei Siegburg, sowie andere Erscheinungen
in dem weiten Rahmen des Bildes: sie werden heute übersehen und
morgen freudig neu entdeckt von den täglichen Besuchern des Alten
Zoll. Auf diesem berühmten Aussichtspunkte am Bonner Rheinufer steht
das Denkmal Vater Arndts (Abb. 123), und zwei französische Kanonen,
die von Kaiser Wilhelm ~I.~ der Bonner Universität geschenkt wurden,
schauen über die Brüstung des mächtigen Bollwerks hinweg. Was der
Landschaft von Bonn gegenüber der von Heidelberg an großartiger Plastik
fehlt, das ersetzt der zu den Füßen des Alten Zoll vorüberrauschende
Rhein, sowohl durch das natürliche Bild eines im Vergleich zum Neckar
riesenhaften Stromes, als auch durch die geistige Größe, die er in der
Geschichte des deutschen Volkes erlangt hat. So übertrifft die Lage
Bonns diejenige Heidelbergs. Nur das geistige Leben der beiden Städte
hat viele gemeinsame Züge. Die beiden durch eine herrliche Lage im
schönen Rebenlande und ein frisches rheinisches Leben ausgezeichneten
Städte vermögen ihren Musensöhnen eine Geistesnahrung zu geben, die die
andern deutschen Universitäten, nur noch Jena ausgenommen, nicht bieten
können, einen Impuls fürs Leben mit den starken Schwingen, um Großes
zu erreichen. Kam dies nicht oft genug in der Bonner Studentenschaft
zum Ausdruck? Sagte es nicht die Flamme der Begeisterung, die so
mächtig aufloderte, als 1870 die Kunde der Kriegserklärung erscholl
und die Bonner Studenten zu einer großartigen patriotischen Kundgebung
ungerufen zusammen sich fanden, und sagte es nicht vor wenigen Jahren
auch der Aufruf, der von Bonn aus zur Errichtung von Feuersäulen, um
das Andenken des heimgegangenen großen Kanzlers Bismarck zu ehren, in
die deutschen Lande ging und in allen deutschen Städten so begeisterte
Aufnahme fand, daß überall von den Bismarck-Säulen die Flammen der
Begeisterung für den größten deutschen Staatsmann, die Frühlingsfeuer
des jungen Deutschen Reiches auflodern werden! Von den großen
Männern, die dem Lehrkörper der Universität seit ihrer Gründung
im Jahre 1818 angehört haben und sich inmitten der Gedankenwelt der
rheinischen Musenstadt so wohl fühlten, von einem Niebuhr, dem großen
Geschichtsforscher, von einem Arndt, an dessen Denkmale auf dem Alten
Zoll wir die flammenden Worte lesen: „Der Rhein Deutschlands Strom,
nicht Deutschlands Grenze“, von einem Dahlmann, der gleich Arndt von
Deutschlands großer Zukunft träumte, von einem Wilhelm von Schlegel,
von dem rheinischen Poeten Karl Simrock, der in Bonn geboren war,
von Heinrich von Sybel, der zwar nur wenige Jahre in der rheinischen
Musenstadt wirkte, und von andern brauche ich nicht weiter zu reden,
denn die Namen dieser Männer wurzeln fest in der Erinnerung des ganzen
deutschen Volkes. Auf dem alten Friedhofe, wo auch ein Schumann, ferner
die Gemahlin und der zweite Sohn des Dichterfürsten Schiller begraben
liegen, können wir die treu in Ehren gehaltenen Grabstätten jener
großen Männer besuchen. Dort schauen wir auch das schöne, von Küppers
modellierte Kriegerdenkmal (Abb. 124), das uns an eine große Zeit
erinnert, die jene Männer heiß ersehnten. Wenden wir uns dem alten Bonn
zu, so grüßt uns auf dem Münsterplatze das Denkmal Beethovens (Abb.
125), der im Jahre 1770 in Bonn geboren wurde, und dessen Geburtshaus
in der Bonngasse von jedem Verehrer des größten Meisters der Töne
aufgesucht wird. Am Münsterplatze ragt die schöne, leider in ihrem
stimmungsvollen Innern etwas bunt bemalte Münsterkirche (Abb. 126 u.
127) empor, deren älteste Teile am Chor aus dem zwölften Jahrhundert
stammen. Dem Marktplatze (Abb. 128) von Bonn geben das Rathaus und die
alten oder in altertümlichem Stile neu aufgeführten Giebelhäuser, die
zum Teil mit Malereien geschmückt sind, sein eigenartiges Gepräge.
Nach Norden gelangen wir von dort in den Stadtteil, der sich auf dem
Boden des alten römischen Lagers entwickelt. Schöner ist allerdings der
von baumgeschmückten Straßen durchzogene südliche Stadtteil, wo der
Hofgarten, der zwischen der Universität, dem früheren kurfürstlichen
Schlosse (Abb. 129), und dem Rhein sich ausbreitet, wo der Kaiserplatz,
die Poppelsdorfer Allee, die zum Poppelsdorfer Schlosse und dem
Botanischen Garten führt, die Koblenzerstraße, die Rheinallee, die
Gronau mit dem neuen, am Rheinufer erbauten Stadthause und der
Bismarcksäule (Abb. 130) und endlich auf dem Venusberge der Kaiserpark
zu genußreichen Spaziergängen einladen.
[Illustration: Abb. 138. Ems, von der Bäderlei gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 139).]
[Illustration: Abb. 139. Schloß Altwied.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 142.)]
[Illustration: Abb. 140. Godesberg und das Siebengebirge. (Zu Seite
125.)]
VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das
Siebengebirge.
[Sidenote: Der Westerwald.]
Mit dem Namen „Westerwald“ wird der Teil des Rheinischen
Schiefergebirges bezeichnet, der im Südosten und Süden von der Lahn,
im Westen vom Rhein und im Norden von der Sieg begrenzt ist. Der Name
soll von Wister-Wald = weißer Wald herkommen und von den Bewohnern
des tiefer gelegenen unteren Westerwald ursprünglich dem höchsten
Teile des Gebirges, von dem der Schnee noch spät im Frühlinge weiß
herabschimmert, beigelegt worden sein. Wenn diese Erklärung richtig
ist, hat früher also nur ein Teil des Gebirges den jetzt für das ganze
Gebiet geltenden Namen geführt, ähnlich wie es beim Hunsrück und der
Eifel der Fall war.
[Illustration: Abb. 141. Königswinter und der Drachenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 123 u.
142.)]
[Illustration: Abb. 142. Schloß Drachenburg am Rhein, Südseite. (Zu
Seite 123 u. 143.)]
[Sidenote: In der Kroppacher Schweiz.]
Für die Durchwanderung des Gebietes können wir verschiedene Routen
wählen. Von Bonn, wo wir auf unserer Rheinfahrt halt machten, gelangen
wir ostwärts über den Rhein fast unmittelbar in das Siegtal. In der
Niederung, durch die die Sieg, zuletzt in sumpfigem Wiesengelände,
zwischen Weidengebüsch dem Rheine zuströmt, grüßt uns die auf einer
niedrigen Bergkuppe gelegene frühere Abtei Siegburg. Zu ihren Füßen
liegt die gleichnamige Stadt. Eine Königliche Geschoßfabrik ist
daselbst in Betrieb. Zur linken Hand, näher zum Rheine, ragen die
qualmenden Schlote der Friedrich Wilhelms-Hütte hervor. Indem wir
weiter nach Osten wandern, rücken bald die Berge von beiden Seiten
näher zusammen, um ein freundliches Wiesental zu umfassen. Meist ist
dieses nicht sehr enge, und die bewaldeten Abhänge steigen weniger
schroff als in den anderen Tälern des Rheinischen Schiefergebirges
empor. An die Stelle des Wilden und Großartigen tritt fast überall
das Anmutige. Von steiler, etwas vorspringender Bergwand grüßt uns
die Burgruine Blankenberg. Durch Weinpflanzungen, fast die einzigen
an der Sieg, steigen wir zu den Burgtrümmern und dem gleichnamigen
Örtchen hinan und lassen den Blick hinab in das Wiesental, durch das
der Fluß in Schlangenbiegungen zieht, und fern zur Rheinniederung,
wo, beleuchtet vom Abendglanze, die Abtei Siegburg noch einmal grüßt,
schweifen. Gastlich ladet uns dann das hübsche Städtchen Eitorf zu
längerem Verweilen in froher Gesellschaft zahlreicher Sommerfrischler
ein. Aber das gesteckte Wanderziel lockt uns weiter. Das Siegtal behält
weiter oberhalb seinen Charakter bei. Wir verlassen es deshalb bei dem
Orte Wissen und biegen in ein spaltartig sich öffnendes Nebentälchen
ein, durch das die Nister die Westerwaldgewässer der Sieg zuführt. In
dem engen Tale war nicht einmal Raum für eine Straße. So folgen wir
einem Pfade, der uns bald auf die eine, bald auf die andere Flußseite
führt und uns über Steine den Weg durch den schnellfließenden,
breiten Bach suchen läßt. In einer Wiesenau verlieren wir gar den
Weg und wandern an verkehrter Stelle an der Talwand empor, bis ein
Landmann uns zurechtweist. Das Tal wird noch immer romantischer,
und die Bewohner erzählen uns mit Stolz von der Kroppacher Schweiz.
Überall schauen Felsklippen aus den waldgeschmückten, steil und
ziemlich hoch aufragenden Talwänden heraus. Das Dorf Kroppach lassen
wir abseits liegen, und unser Weg führt uns durch zahlreiche kleine
Ortschaften, die meist nur eine größere Häusergruppe bilden. Die
Sonne brennt heiß, und uns quält nach dem vielen Hin- und Herwandern,
Auf- und Niedersteigen der Durst. Aber vergebens fragen wir nach
einem Wirtshause. So kommen wir wohl, vom Verlassen des Siegtales an
gerechnet, durch zehn kleine Dörfer und sind froh, mit einem Trunk
Wasser, den die Leute uns reichen, den stärksten Durst löschen zu
können. Ein merkwürdiges deutsches Land, wo keine Wirtshäuser sind
und dabei so nah dem rebenumkränzten Rhein! Nachdem wir nach solchen
so lange vergebens gesucht und gefragt hatten, treten wir beherzt in
eine alleinstehende Mühle ein und fragen nach Bier. Gern hätte uns die
Müllerin einen solchen Labetrunk dargeboten, aber die letzte Flasche im
Keller war schon von anderen durstigen Wanderern getrunken worden. So
lassen wir uns einen dampfenden Kaffee brauen. An süßer Milch und guten
Eiern fehlte es auch nicht, und in der blankgescheuerten Müllerstube
saß es sich gut, besser als in manchem prächtigen Gasthause. Doch
weit ist noch der Weg nach der Cistercienserabtei Marienstatt, und wir
müssen weiter wandern. Durch prächtige Buchen- und Tannenwälder führt
der Weg. Die Abtei Marienstatt (Abb. 131) liegt mit einer schönen
gotischen Kirche bald in wald- und wiesengeschmückter Landschaft vor
uns. Über Feld wandern wir dann nach dem Städtchen Hachenburg, das von
einem alten, fürstlich Saynschen Schloß überragt wird. Dort besteigen
wir die Eisenbahn zur Fahrt nach dem Städtchen Westerburg, über dem,
auf einer Basaltkuppe ebenfalls eine Burg, das fürstlich Leiningensche
Schloß thront (Abb. 132).
[Illustration: Abb. 143. Hochzeitszug eines Kölner Patriziers und einer
englischen Fürstentochter, die Blüte des Kölner Handels versinnbildend.
Wandgemälde im Schloß Drachenburg am Rhein. (Zu Seite 123 u. 143.)]
[Illustration: Abb. 144. Ruine Drachenfels.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 143.)]
[Illustration: Abb. 145. Honnef, vom Leiberg gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 146.)]
[Illustration: Abb. 146. Der Sänger vom Drachenfels.
(Zu Seite 149.)]
[Sidenote: Im Westerwald.]