Biegungen mehr gegliedert wird, erkennen wir an dem Aufblühen
zahlreicher Städtchen und Flecken, z. B. von Bernkastel (4500 Einw.)
(Abb. 102), Traben-Trarbach (5500 Einw.) (Abb. 103), Zell (Abb. 106)
und Cochem (Abb. 105), die sämtlich auf der mittleren Moselstrecke
liegen, während zwischen Cochem bis Coblenz kaum noch ein Ort von der
Bedeutung dieser Städtchen folgt. Auch die obere Strecke, zwischen
Trier und Bernkastel, kann sich in dieser Hinsicht nicht mit der
mittleren messen. In früherer Zeit hatte dort die Mosel einen andern
Lauf. Sie folgte in mehr gerader Richtung einer Senke, die nördlich
von dem jetzigen Lauf auch heute noch ausgeprägt ist und als ein
ziemlich ebenes Gelände einen Teil der Ansiedelungen an sich zog.
Auf dem mittleren Laufdrittel bildeten sich die genannten Städtchen
zu natürlichen Mittelpunkten der durch die Talbiegungen voneinander
ziemlich abgeschlossenen Landschaften aus. Diese erweitern sich meist
noch durch ein kleines Seitental, auf dessen unterste Strecke die
nämliche Wirtschaftsweise, vor allem der Weinbau, übertragen werden
konnte.
[Illustration: Abb. 116. Neuenahr, von der Thomashöhe gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 120.)]
[Sidenote: Mosellandschaft und -orte.]
Die zahlreichen Biegungen der Mosel hatten ferner zur Folge, daß, bei
der Hauptrichtung des Flusses nach Nordosten, stets nur die wechselnde
Talseite mit Reben bepflanzt werden konnte. Auf der andern, mit ihren
Abhängen mehr nach Norden gerichteten -- bald ist’s die linke, bald
die rechte -- blieb der Wald bestehen. Meistens sind es Lohhecken,
die diese bekleiden. So entsteht ein Wechsel der Belaubung. Auf
die kahlen und in sehr gleichmäßigem Grün erscheinenden Weinberge
folgen wechselvoller beleuchtete und gefärbte Waldpartien, auf diese
wieder Weinberge und so fort: entschieden ein landschaftlicher Vorzug
gegenüber dem Rheintal, wo auf weiten Strecken die Rebenanlagen bis zur
Ermüdung im Landschaftsbilde immer wiederkehren. Die stärkere Bewaldung
hat auch zur Folge, daß die Moselberge gerundeter erscheinen als die
Berge des Rheintales, dessen schroffe Formen durch die Weinberge nur
wenig gemildert werden.
[Illustration: Abb. 117. Der Rolandsbogen mit Blick auf den Drachenfels.
(Zu Seite 123.)]
Unter den Moselorten sind manche, die auf ein hohes Alter zurückschauen
können, wie Pfalzel (von ~Palatiolum~), wo Adela, die Tochter des
Frankenkönigs Dagobert ~II.~, ein Frauenkloster gründete; Riol (von
~Rigodulum~), wo nach dem Bericht des Tacitus der römische Feldherr
Cerealis die Treverer besiegte; Neumagen (von ~Noviomagus~), wo in der
Nähe der Kirche eine Festung Constantins lag, die der Dichter Ausonius
erwähnt:
„Drauf sah ich an des Belgerlandes Grenzen
Die Prachtburg Constantins Neumagen glänzen.“
[Sidenote: Burg Cochem.]
Enkirch, schon 690 als ~Villa Ancaracha~ genannt; Cochem (~Cuchuma~),
das im zehnten Jahrhundert als Reichslehn des Aachener Pfalzgrafen
erwähnt wird; Treis (~Trisvilla~); Carden (~Caradona~) (Abb. 106),
wo im vierten Jahrhundert der heilige Kastor in einer Höhle gelebt
haben soll u. a. Von den zahlreichen Burgen seien als die schönsten
oder in Sage und Geschichte am meisten genannten außer der Marienburg
noch erwähnt die Burgen von Cobern, Burg Thurant bei Alken, die in
einem engen Seitental gelegene Ehrenburg (Abb. 107), die Reichsburg
Beilstein (Abb. 108), die Festung Montroyal auf dem Trabener Berg,
deren Schleifung 1697 durch den Ryswycker Frieden verfügt wurde, und
vor allem die turmreiche, in neuer Schönheit wieder hergestellte Burg
Cochem (Abb. 109). Letztere gehörte von 866 bis 1140 den Pfalzgrafen
bei Rhein und war bis 1294 Reichsburg. Die Franzosen zerstörten den
herrlichen Bau im Jahre 1689. Lange lag sie in Trümmern, bis der
Geheime Kommerzienrat Ravené sie nach alten Plänen und Ansichten
1868 bis 1878 neu aufführen ließ und dadurch dem Moseltal seinen
hervorragendsten Schmuck wiedergab. Andere Moselorte sind noch als
Weinorte berühmt geworden, wie Graach, Erden, Zeltingen (Abb. 110),
Lieser, Winningen usw. In einem Seitental der Mosel liegt inmitten
einer herrlichen Waldespracht das Bad Bertrich (Abb. 111).
[Illustration: Abb. 118. Schloß Drachenburg und Zahnradbahn nach dem
Drachenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 123.)]
VI. Das Rheintal von Coblenz bis Bonn.
[Sidenote: Das Neuwieder Becken.]
Wieder ladet ein stattlicher Dampfer, die „Hansa“, zur Rheinfahrt uns
ein, zur Fahrt von Coblenz nach Bonn, der rheinischen Musenstadt. An
dem Denkmal Wilhelms des Großen gleiten wir vorüber, und der Stadt
Coblenz, ihrer ehrwürdigen Kastorkirche, dem hochragenden Kühkopf und
dem trotzigen Ehrenbreitstein senden wir die letzten Grüße zu. Die
freie Ebene säumt nun auf der linken Seite den Strand des stolzen
Stromes. Etwa eine Stunde weit treten die Höhen zurück, um in dieser
Entfernung nordwärts den Strom zu begleiten. Rechts aber bleiben
sie ihm noch eine Strecke weit so nahe, daß sie sich in seinen
Fluten spiegeln können. Eine grüne Rheininsel, Niederwerth mit dem
gleichnamigen Örtchen, verdeckt den Blick nach Osten, wo sich das
Städtchen Vallendar an den Strom schmiegt. An ihrem Nordende weichen
auch die Höhen auf der rechten Rheinseite zurück, und weicher Strand
begleitet auf beiden Seiten den zu größerer Breite anschwellenden
Strom. Wir blicken frei über die inmitten des Rheinischen
Schiefergebirges eingebrochene Scholle des Neuwieder Beckens. Nordwärts
aber nähern sich wieder die beiderseitigen Höhen, um von neuem den
Rhein zu umklammern.
[Illustration: Abb. 119. Brückenbogen über den Rhein bei Bonn.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Dresden. (Zu Seite 124.)]
Die qualmenden Hochöfen der Kruppschen Concordiahütte ziehen in
der rechtsseitigen Ebene unsern Blick auf sich, und an das rechte
Stromufer drängt sich der Ort Engers, dessen früheres, 1758 erbautes
kurtrierische Schloß seit 1863 als Kriegsschule dient. Links aber wird
das Dorf Urmitz sichtbar, ein den Archäologen wohlbekannter Ort, mit
dem sie sich in jüngster Zeit wieder in erhöhtem Maße beschäftigt haben.
[Illustration: Abb. 120. Zollhäuschen auf der Bonner Rheinbrücke.
Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (Zu Seite 125.)]
[Sidenote: Wo waren Cäsars Rheinbrücken? Urmitz.]
Es handelt sich wieder um die Frage, wo Cäsar seine beiden Brücken
über den Rhein geschlagen hat. Es ist eine alte Kampffrage. Nicht
weniger als etwa zwanzig Orte haben sich auf der 320 ~km~ langen
Rheinstrecke von Mainz bis Xanten, wie Nissen schreibt, zur Auswahl
angeboten. „In Engers überschaut der Fremde vom Römerturm die lachende
Landschaft und hält im Gasthof zur Römerbrücke Rast, in Bonn freut
er sich der Huldigung, die 1898 dem ersten rheinischen Brückenbauer
zuteil geworden ist, sieht ein Steinbild, das den großen Imperator
darstellen soll, liest eine Inschrift, die in bedenklichem Latein das
Gedächtnis des Brückenschlages von 55 v. Chr. erneuert.“ Der um die
Altertumsforschung im Rheinland hochverdiente Oberst von Cohausen
verlegte die erste Brücke, die im Jahre 55 v. Chr. geschlagen wurde,
nach Xanten, die zweite, zwei Jahre später erbaute nach Neuwied,
indem er in der Stelle „~paulum supra eum locum quo ante exercitum
traduxerat, facere pontem instituit~“ in Cäsars „~Bellum gallicum~“
den beiden ersten Worten „ein wenig oberhalb“, nämlich von der Stelle
des ersten Brückenbaues, einen sehr dehnbaren Sinn gab. In dem
großen Werke Napoleons ~III.~ über die Feldzüge Cäsars ist Bonn als
Brückenstelle angenommen worden, und hierauf gründet sich die Ehrung
des römischen Feldherrn an der Bonner Rheinbrücke. Andere, wie General
von Peucker und General Wolf, traten für Köln ein, wieder andere,
wie Professor Ritter 1864 und Professor Klein 1888, nahmen die erste
Brücke für Bonn, die zweite für Neuwied in Anspruch. In neuester Zeit
glaubt nun Koenen, der unermüdliche Durchforscher unseres Heimatbodens
nach Spuren der Vergangenheit, wenig unterhalb von Urmitz und dem
Urmitzer Wörth Cäsars Rheinfestung ermittelt und in ihrer Ausdehnung
und Anlage genau festgestellt zu haben. Es handelt sich um eine
Festungsanlage von fast 4 ~km~ Umfang, die auf einer erhöhten, von den
Fluten nicht erreichbaren Bimssandsteinablagerung errichtet war. In
dem Rahmen derselben waren früher schon viele römische und vorrömische
Funde gemacht, u. a. zahlreiche Kesselgruben der Bronze-, Hallstatt-
und La Tène-Zeit, sowie ein großes vorrömisches Gräberfeld, das
Totenwohnungen besonders aus jenen Perioden barg, entdeckt worden. Es
handelt sich also um eine im früheren Völkerleben wichtige Örtlichkeit.
Innerhalb der großen Festungsanlage hat Koenen ferner eins der fünfzig
Drusus-Kastelle von quadratförmiger Gestalt nachgewiesen. Welche
Gründe berechtigten ihn aber, jene als die Cäsarsche Brückenfestung zu
deuten? In dem Füllwerk der Festungsgräben fanden sich Gefäßscherben
aus allen Perioden der vorrömischen Zeit, keine aber, die bis in die
Augusteische Zeit hineinreichen. Die jüngsten Scherben zeigen den
Typus, der in der Zeit der Eroberung Galliens durch Cäsar herrschte.
Im Rheine wurden gegenüber der Mitte des Lagers Reste von Pfählen
gefunden, desgleichen etwas (1270 ~m~) unterhalb, wohin Koenen den Bau
der ersten Brücke verlegt. Die Cäsarsche Brückenfestung hat, nach der
Beweisführung Koenens, bis nach dem unter Augustus erfolgten Bau der
Coblenzer Straße bestanden; denn diese biegt, wo sie jene erreicht,
nach Westen aus. Nach völliger Beruhigung des linken Rheinufers war
eine große Rheinfestung nicht mehr nötig. Das kleine Drusus-Kastell
übernahm an dieser Stelle die Sicherung der Rheingrenze, und jene
wurde aufgegeben. Die Entscheidung der Frage, wo Cäsar über den Rhein
gegangen ist, hat große Wichtigkeit für die Feststellung der alten
Grenzen der germanischen Völkerschaften, in deren Gebiet der Kriegszug
führte. Ob aber Koenens Forschungen dem Streit ein Ende machen werden,
ist noch nicht gewiß. Allgemein scheint man sich aber jetzt der Ansicht
anzuschließen, daß jedenfalls in der Gegend des Neuwieder Beckens, also
zwischen Coblenz und Andernach, die Stellen zu suchen sind, wo Cäsar
den Rhein überschritt.
Der Rheindampfer trägt uns an der interessanten Örtlichkeit, um die
sich jetzt der wissenschaftliche Streit dreht, vorbei. Wir sehen
im Geiste die Cäsarsche Pfahlbrücke, die uns auf der Schulbank
schon so viel Kopfzerbrechen machte. Wo einst römische Legionen
lagerten, sind jetzt zahlreiche Arbeiter tätig im Dienste einer
eigenartigen Industrie. Sie stechen den Bimssand, den einst die
Vulkane der Eifel als Aschenregen entsandten, ab, untermischten ihn
mit Kalkmilch und formen aus der Masse weiße Bimssandsteinziegel,
die bei Bauten im Rheinland jetzt viel Verwendung finden. Die Steine
sind viel leichter als die gewöhnlichen Ziegelsteine und sollen den
Gebäuden eine gleichmäßige Temperatur geben. Durch den Abbau der
Bimssandsteinschichten für die zahlreichen Ziegeleien, die zwischen
Coblenz und Andernach, sowie auch auf der rechten Rheinseite in Betrieb
gesetzt wurden, und die jährlich über hundert Millionen Ziegel fertig
stellen, sind schon viele wertvolle, besonders vorgeschichtliche Funde
gemacht worden -- den Namen Urmitz können wir in den meisten Museen
lesen --, und auch Koenen verdankt ihnen die Entdeckung der Cäsarschen
Rheinfestung und des Drusus-Kastells.
[Sidenote: Weißenturm. Neuwied.]
Am linken Rheinufer folgt der langgestreckte Ort Weißenturm, hinter dem
sich, seitwärts von der Landstraße, auf einer Anhöhe das Denkmal des
französischen Generals Hoche in Gestalt eines Obelisken erhebt. Rechts
aber wird, unterhalb zweier Kruppscher Hüttenwerke, das Stadtbild von
Neuwied (fast 20000 Einwohner) sichtbar. Schon der Name deutet das
junge Alter der betriebsamen Stadt an. Einst lag an ihrer Stelle ein
Ort namens Langendorf. Im Dreißigjährigen Kriege war er völlig verödet.
Da lud 1653 der Graf Friedrich von Wied zahlreiche Ansiedler „ohne
vnterschied der Religion und ohne einigen Pfenning zu zahlen“ zur
Ansiedelung an dieser Stelle, die, inmitten einer fruchtbaren Ebene, am
Ufer des Rheinstromes und am Ausgange des Wiedtales, als eine günstige
gut erspäht war. Und ein blühendes Gemeinwesen ist dort entstanden,
in dem Protestanten, Katholiken, Herrnhuter, Mennoniten und Juden, im
Sinne des Gründers, friedlich nebeneinander wohnen. Auch in der Gegend
von Neuwied sind, bei dem Orte Niederbiber, die Reste eines römischen
Kastells, und zwar eines der größten am Rhein, aufgedeckt worden. Es
maß 255 ~m~ in der Länge und 187 ~m~ in der Breite. Kein römischer
Schriftsteller nennt den Namen dieses Kastells. Bei den Ausgrabungen
wurden manche wertvolle Funde gemacht, die in einem Nebengebäude des
fürstlichen Schlosses zu Neuwied aufbewahrt werden. Als das wertvollste
Fundstück wird uns ein silbernes Kohortenzeichen gezeigt. Von Neuwied,
seinem Schloß und dem schönen Parke, der dieses umgibt, können wir
nicht Abschied nehmen, ohne der gottbegnadeten Dichterin Carmen Sylva,
der Königin von Rumänien, zu gedenken, die dort geboren ist und von
dort die schönen Rheinbilder schaute, die so manche poetische Stimmung
weckte.
[Illustration: Abb. 121. Rheinischer Humor in den Bildhauerarbeiten der
Bonner Rheinbrücke.
Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (Zu Seite 125.)]
[Sidenote: Andernach.]
Unterhalb der Stadt Neuwied strömen dem Rhein zwei starke Bäche zu, von
links die muntere Nette, von rechts die Wied. Aber kaum hat er diese,
noch im ruhigen Laufe durch die Ebene, aufgenommen, da nähern sich
wieder die Berge, um von neuem in ein felsiges Bett ihn zu zwingen.
Auf der letzten Uferfläche, die die Berge noch frei ließen, erwuchs
die alte Stadt Andernach (8000 Einwohner) (Abb. 112). Vielleicht
befand sich schon eine keltische Ansiedelung daselbst. Die Römer
hatten mit scharfem Blick den wichtigen Punkt am Eingange des zweiten
engen Abschnittes des Rheintales erspäht und legten eins der fünfzig
Drusus-Kastelle dort an, das sie ~Antunnacum~, ~Antonaco~ nannten.
Dann ward Andernach ein fränkischer Königshof und im Mittelalter
freie Reichsstadt, bis es, durch Gewalt gezwungen, dem Erzbistum Köln
einverleibt wurde. Und von Kriegeswehr spricht auch das heutige Bild
der Stadt noch zu uns. Schon von weitem grüßt uns der hohe, unten
runde, oben achteckige Wartturm, der von 1451 bis 1468 erbaut wurde
und 1880 in seiner schönen Form wiederhergestellt worden ist. Näher
kommend, erblicken wir aber noch viele Gebäude, die das Mittelalter
übrig gelassen hat: die alte Bastei, das Rheintor, die Trümmer des
kurkölnischen Schlosses und am unteren Ende, einsam am Rheinufer
stehend, den alten Kranen, die Stelle bezeichnend, wo schon die Römer
die bei Niedermendig gebrochenen Mühlsteine verluden, und wo auch heute
die im weiten Umkreise gewonnenen vulkanischen Produkte zur Verladung
gelangen. Mauern umgeben noch den größten Teil der Stadt. In dem
altertümlichen Rathause, einem spätgotischen Bau aus dem Jahre 1564,
werden römische und fränkische Altertümer aufbewahrt. Den schönsten
Schmuck Andernachs aber bildet die der heiligen Genoveva geweihte,
viertürmige Pfarrkirche. Sie ist ein spätromanischer Bau aus dem Jahre
1206. Das mit einer Säulchengalerie geschmückte Chor ist jedoch etwas
älter und stammt schon aus dem Jahre 1120. Wie der Besucher Andernachs
von den altertümlichen Gebäuden der eng gebauten Stadt gefesselt wird,
so kehrt er befriedigt auch von dem nördlich, am Eingang des Rheintales
aufsteigenden Kranenberg, auf den seit einigen Jahren eine Zahnradbahn
führt, zurück. Zu seinen Füßen lag das eigenartige Stadtbild von
Andernach; weit schweifte der Blick über die fruchtbaren Gefilde des
Neuwieder Beckens; in der Ferne winkte Coblenz, durch das Silberband
des Rheinstroms mit der Nähe verbunden, und nordwärts konnte er diesen
in seinem engen Tal, das sich am späten Nachmittage allmählich in eine
dunkle Schlucht verwandelt, bis Remagen hin verfolgen.
[Illustration: Abb. 122. Das Bröckemännche der Bonner Rheinbrücke. (Zu
Seite 125.)]
[Sidenote: Hammerstein. Rheineck.]
Die Rheintalstrecke von Andernach bis Bonn kann sich an Schönheit mit
der Strecke von Bingen bis Coblenz nicht messen; nur für den letzten
Abschnitt, in dem die Sieben Berge vor uns auftauchen, gilt dieses
Urteil nicht. Aber der landschaftlichen Reize bleiben noch genug, um
eine genußreiche Stromfahrt zu bereiten. Trotzig ragt auf der rechten
Rheinseite der gewaltige Grauwackenfels vor uns auf, der einst die
stolze Burg Hammerstein trug, in der Kaiser Heinrich ~IV.~ auf der
Flucht vor seinem Sohne Heinrich ~V.~ sich im Jahre 1105 eine Zeitlang
aufhielt. Im Dreißigjährigen Kriege hausten abwechselnd Schweden,
Spanier, Kurkölner und Lothringer in derselben. Schon 1660 wurde sie
auf Veranlassung des Erzbischofs von Köln zerstört, und zwar recht
gründlich; denn nur noch geringe Trümmerreste bedecken die Bergeskuppe.
Günstiger war das Schicksal der Burg Rheineck, die uns von der linken
Talwand grüßt, sobald das Schiff an den beiden freundlichen Rheinorten
Brohl und Rheinbrohl, von denen jener links, dieser rechts das Ufer
säumt, vorübergleitet. Zwar wurde sie zweimal, 1689 von den Franzosen
und 1692 von kurkölnischen Truppen zerstört. Aber der stattliche, 20
~m~ hohe Bergfried hielt trotzig stand und blickt noch heute stolz in
die Fluten des Rheines hinab. Längst, seit 1548, ist das Geschlecht
von Rheineck ausgestorben. Ein Herr von Bethmann-Hollweg ließ jedoch
1832, unter dem Schirm des alten Bergfrieds, einen neuen Bau aufführen
und diesen im Innern durch Steinle mit Fresken schmücken. Auch schräg
gegenüber auf einem Bergabhange der rechten Rheinseite, über dem
Orte Hönningen, der durch seinen Hubertussprudel und den in der Nähe
erbohrten Arienheller Sprudel bekannt geworden ist, erwuchs in neuer
Pracht ein stolzer Bau, Schloß Arenfels oder Argenfels. Sein erster
Erbauer, Heinrich von Ilsenburg, benannte es nach seiner Gemahlin,
einer Gräfin von Are. 1849 kam es in den Besitz des Grafen Westerholt,
der es durch keinen geringeren als den berühmten Kölner Dombaumeister
Ernst Friedrich Zwirner prächtig erneuern ließ.
[Sidenote: Goldene Meile.]
Indem wir unsern Blick auf die beiden Schlösser richteten, bemerkten
wir kaum, welche große Veränderung mit dem Rheintale vor sich ging. Aus
der engen Felsenspalte, die bei Andernach sich schloß, bei Rheinbrohl
aber wieder öffnete, hat der Strom sich glücklich herausgewunden. Nun
kann er wieder zwischen weichen Strand sich betten, nun lachen ihm
wieder grüne Wiesen, mit Obstbäumen besetzte Fluren. Eine kleinere
Ebene hat sich zwischen Rheinbrohl und Hönningen auf der rechten
Rheinseite gelagert, eine größere zwischen Niederbreisig, das Hönningen
gegenüber liegt, und Remagen auf der linken Seite. Jene ist etwa 1
~km~, diese 2 bis 3 ~km~ breit. Die schnellfüßige Ahr, die infolge
ihres eiligen Laufes viel Schlamm und Gerölle mit sich führt, hat die
größere Ebene abgelagert. Durch ihre Anschwemmungen wurde der Rhein
immer mehr nach Osten gedrängt. Indem er aber diese Biegung machte,
wurde er veranlaßt, das rechte, felsige Ufer anzunagen, am linken,
dem toten Ufer dagegen seine Schwemmstoffe abzulagern. So halfen Ahr
und Rhein gemeinsam, die schöne fruchtbare Ebene an der Ahrmündung,
die Goldene Meile genannt, aufzubauen, über die mit Wonne unser Blick
hinüber nach den beiden Städtchen Sinzig (über 3000 Einw.) und Remagen
(3800 Einw.) (Abb. 113) schweift. Am rechten Ufer aber grüßt uns das
alte Städtchen Linz (3600 Einw.).
[Illustration: Abb. 123. Arndt-Denkmal in Bonn. (Zu Seite 126.)]
[Sidenote: Sinzig. Linz.]
Sinzig, das wahrscheinlich das römische ~Sentiacum~ ist, liegt nicht am
Rhein, sondern in halbstündiger Entfernung an dem schon etwas erhöhten
Fuße der linksseitigen Höhen. Malerisch tritt besonders die Kirche
mit ihrem achteckigen Hauptturme, der an der Chorseite von kleinen
Türmchen flankiert ist, hervor. Sie gilt für eine der schönsten
Kirchen am Rhein. In spätromanischem Stile erbaut, zeigt sie noch die
vorherrschende Verwendung der Rundbogen. Der Bau wurde 1220 geweiht.
Das Innere der Kirche ist ausgemalt. Kunsthistorischen Wert hat ein
Flügelbild im nördlichen Kreuzarm, von einem altkölnischen Meister
herrührend, das auf Goldgrund Christi Kreuzigung, seine Himmelfahrt
und den Tod Mariä darstellt. Auch die Stadt Linz, die gleich Andernach
zum Teil noch von Mauern und Türmen umgeben ist, besitzt eine aus dem
Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stammende romanische, dem St.
Martin geweihte Kirche, die jedoch in späterer Zeit einen gotischen
Turmhelm und anderen gotischen Schmuck erhielt. Über Linz erhebt sich
der Donatus- oder Kaiserberg, der einen schönen Blick ins Rheintal
und das auf der anderen Seite sich öffnende Ahrtal darbietet. Mehr
locken den Fremden aber noch die großartigen Basaltsteinbrüche bei
Dattenberg -- der Ort ist bekannt durch seinen Rotwein --, ebenso auf
dem Minderberg. Er bewundert dort die Pracht der Basaltsteinsäulen und
ist erstaunt über die schöne, smaragdgrüne Färbung des Wassers, das
sich in den Vertiefungen der Steinbrüche ansammelt und überraschende
Spiegelbilder der infolge langsamer Erkaltung so regelmäßig
gegliederten, bis zu 7 ~m~ langen und 20 ~cm~ dicken Basaltsäulen
zeigt. Der Geologe, der ihn dieses Wunderwerk der Natur schauen läßt,
führt ihn auch zu den Rheinkiesablagerungen, die in bedeutender Höhe
über dem jetzigen Spiegel des Stromes verraten, wo dieser einst seine
Fluten durch das noch nicht so tief ausgenagte Tal bewegte.
[Illustration: Abb. 124. Kriegerdenkmal in Bonn.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.
(Zu Seite 128.)]
[Sidenote: Remagen. Apollinariskirche.]