Geiste. Zwei Männer von kühnem Geiste, ein Mann des Schwertes und
ein Mann der Feder, grüßen uns beim Aufstieg zur Ruine, Franz von
Sickingen und Ulrich von Hutten, deren Denkmal (Abb. 85) auf halber
Höhe des Berges steht. Ulrich von Hutten scheint in feuriger Rede
auf Sickingen einzustürmen, der, entflammt von der Rede Sinn, zum
Schwert greift. Der ganze Geist der Reformation mit ihrem geistigen
Ringen und ihren bitteren Kämpfen wird in uns wach. Welche politischen
Zustände, welche Ohnmacht der kaiserlichen Gewalt! Ein einzelner
Ritter vermag Städten und Fürsten den Fehdehandschuh hinzuwerfen.
Kaiser Maximilian spricht des Reiches Acht über Franz von Sickingen,
der mit Götz von Berlichingen und anderen im Bunde ist, aus, aber
bald muß er sich mit dem mächtigen Manne wieder versöhnen. In den
Religionsstreitigkeiten stellte Franz von Sickingen sich auf die Seite
Luthers. Hutten wurde sein Berater, die Triebfeder kühner Taten. Aber
der Versuch, den mächtigen Nachbarn, den Erzbischof von Trier, der von
Köln Hilfe erhielt, zu bezwingen, wurde Sickingens Verderben. Nach der
vergeblichen Belagerung von Trier wurde er selbst in Landshut belagert.
Von einer feindlichen Kugel ward er tödlich verwundet. So starb der
Mann, dessen Kühnheit jeder, ob Freund oder Feind, bewundern muß.
Nachdem wir noch die 1¼ Stunde entfernte Altenbaumburg (Abb. 86)
besucht haben, scheiden wir von Münster a. Stein, das ebenfalls
bedeutende Solquellen hat, und wo ebenfalls alljährlich zahlreiche
Kurgäste Heilung suchen, angelockt wohl auch von der Schönheit der
Landschaft. Noch viele landschaftlich schöne Punkte oder geschichtlich
bemerkenswerte Orte besitzt das Nahetal, wie Sobernheim und Kirn (Abb.
87 u. 88). Wir können überall nicht weilen und halten erst wieder in
Oberstein (Abb. 89) Rast. Ein Wunderbau ist die dortige Felsenkirche.
Die Sage erzählt, daß ein Ritter sie erbauen ließ zur Sühne für den
Mord seines Bruders, den er dort von der Felswand hinabgestoßen hatte.
Noch mehr ist Oberstein durch seine schönen Achatwaren bekannt.
Es teilt diesen Ruhm mit dem in der Nähe im Tale des Idarbaches
gelegenen Städtchen Idar; ja die ganze Gegend, ein großer Teil des
Birkenfelder Ländchens, kann Anspruch auf ihn machen. Wir befinden
uns in dem Gebiet der eigenartigen Achatindustrie. Wer kennt nicht
die schönen, buntstreifigen Steine, aus denen allerlei Gebrauchs- und
Schmuckgegenstände, wie Ohrringe, Broschen, Vorstecknadeln, Ringe,
Manschettenknöpfe, Knöpfe auf Spazierstöcke, Briefbeschwerer usw.,
verfertigt werden! In eine goldähnliche Masse, Obersteiner Gold
genannt, werden die Steine gefaßt. Die Sachen schillern in den
schönsten Farben. Als Andenken und Geschenke von der Reise werden sie
gern gekauft. Aber viele, die sich mit ihnen schmücken, ahnen nicht,
wie viel Mühe und Not einer beschwerlichen Arbeit mit ihnen verknüpft
sind. Wir können diese sehen in den zahlreichen Schleifkotten, die
im Tale des Idarbaches liegen, in denen die Steine zerschnitten
und dann von Arbeitern, die langgestreckt auf dem Boden liegen,
geschliffen werden. Wir erkennen sie auch aus den bleichen Gesichtern
der durch die mühselige und ungesunde Arbeit Abgehärmten. Dieses
Bild und dann die glänzende Ausstellung der fertig abgelieferten
Achatwaren in der Gewerbehalle zu Idar: es sind die immer und überall
wiederkehrenden Gegensätze des Lebens. Früher wurden die Achatsteine
in der Gegend selbst aus dem schwärzlichen Melaphyrgestein, in dem
sie sich in Hohlräumen durch Ausscheiden von Kieselsäure gebildet
hatten, gebrochen. Seitdem aus anderen Ländern, besonders aus Afrika
und Südamerika, schönere Steine zu mäßigen Preisen bezogen werden
können, ist der Betrieb der einheimischen Achatgruben fast ganz
eingestellt worden. Eine wichtige Erfindung für die Achatindustrie
war das künstliche Färben der Steine. Seit dem Jahre 1830 wird diese
Kunst geübt, doch soll sie schon den Alten bekannt gewesen sein. Sie
beruht auf der verschiedenen Porosität des Steins. Durch Behandlung
mit Honigwasser und Kochen in Salzsäure können einzelne Streifen
schwarz, mit Kupfervitriol und Ammoniak blau, mit Eisenchlorid und
Schwefelzyankalium rot gefärbt werden.
[Illustration: Abb. 103. Blick auf Traben-Trarbach und die Gräfinburg
an der Mosel. (Zu Seite 106.)]
[Illustration: Abb. 104. Carden an der Mosel.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 108.)]
[Sidenote: St. Johann. Saarbrücken. Spicherer Höhen.]
Wir nehmen Abschied von dem freundlich in dem Nebentälchen gebetteten
Städtchen Idar. In Oberstein werfen wir noch einen Blick auf die
beiden Burgruinen, die die senkrecht aufstrebenden Melaphyrfelsen
malerisch krönen, und noch eine Felsennelke, die in Büscheln die
Felswände schmückt, stecken wir uns ins Knopfloch. Dann müssen wir
scheiden von diesem Glanzpunkte des Nahetales. Schnell führt uns die
Eisenbahn über das Hügelgelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges
und vorbei an Neunkirchen mit seinen rußigen Häusern, wo qualmende
Schlote die großen Fabrikanlagen des Freiherrn von Stumm verraten, nach
den beiden Schwesterstädten St. Johann (25000 Einw.) und Saarbrücken
(28000 Einw.). Es ist ein ungleiches Geschwisterpaar, das in der fernen
Südecke der Rheinprovinz an den Saarufern erblüht ist. Saarbrücken,
bis 1793 Residenz der Fürsten von Nassau-Saarbrücken, ist eine alte
Stadt und von etwas hügeligen Straßen durchzogen. St. Johann breitet
sich als eine vollständig neuzeitliche Stadt, die ihren Aufschwung der
Eisenbahn verdankt, mit seinen prächtigen Geschäftsstraßen in der Ebene
aus. Durch eine Brücke sind die beiden Städte miteinander verbunden.
Der Fremde sucht in Saarbrücken an erster Stelle die Stätten, die durch
den deutsch-französischen Krieg vom Jahre 1870/71 denkwürdig geworden
sind. Er betrachtet die Gemälde, mit denen Kaiser Wilhelm ~I.~ den
Rathaussaal ausschmücken ließ -- es war dies der kaiserliche Dank für
die aufopfernde Pflege der ersten Verwundeten des Krieges durch die
Bürger der Stadt --, er wandert auf den kleinen Kirchhof im Ehrental,
wo die an den Wunden Gestorbenen, Deutsche und Franzosen, zur letzten
Ruhe gebettet wurden, von Grab zu Grab, und der staubigen Landstraße
folgt er zu dem früheren Wirtshaus „Zur goldenen Bremme“, wo der erste
Franzose gefangen genommen wurde, um dann den mühseligen Aufstieg zu
den Spicherer Höhen zu machen und dort oben die zahlreichen Denkmäler
der Gefallenen zu besuchen. Eine blutgetränkte Stätte, geweiht durch
den Heldentod von Tausenden von deutschen Kriegern! Das Abendrot
leuchtet über die stillen Gräber hin, und die letzten Strahlen der
untergehenden Sonne decken auch das weite deutsche Land, das zu unseren
Füßen liegt, zur Ruhe, zur Ruhe des Friedens, der aus dem Herzensblut
der Tapferen uns erwuchs, zusammen mit des Vaterlandes Kraft und Stärke.
[Illustration: Abb. 105. Cochem, von der Kapelle gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 106.)]
[Illustration: Abb. 106. Zell an der Mosel. (Zu Seite 106.)]
[Illustration: Abb. 107. Die Ehrenburg bei Brodenbach.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 108.)]
[Sidenote: Das Steinkohlengebirge. Neunkirchen.]
Das Steinkohlengebirge an der Saar lagerte sich nicht in einer tiefen
Senke ab. Im Norden der Hunsrück und im Süden ein anderer hoher
Gebirgswall, der aber jetzt verschwunden ist, faßten die Senke ein
und führten ihr durch die Gewässer den Gebirgsschutt zu. Die Geologen
behaupten, daß die Senke wohl 5000 ~m~ tief war. Ein neues Gebirge
entstand in ihr. In den Buchten des tiefen Meeresbeckens entfaltete
sich ein üppiges Pflanzenleben, und von diesem wurden die reichen
Kohlenschätze, die heute der Mensch ausbeutet, mit unter die neu sich
bildenden Erdschichten gebettet. Über ein Gebiet von etwa 100 ~km~
Länge und 30 ~km~ Breite reichen die Kohlenflöze des Saarbrückener
Steinkohlengebirges. Vier Milliarden Tonnen sollen die Kohlenvorräte,
die da aufgespeichert wurden, betragen. Es entwickelte sich ein
bedeutender Kohlenbergbau, dessen Hauptgebiet zwischen Neunkirchen und
der Saar liegt. Die meisten der im Betrieb befindlichen Kohlengruben
sind Eigentum des preußischen Staates. Das Kohlenvorkommen rief eine
hohe Blüte der Eisenindustrie, die ihre Eisenerze aus Lothringen und
Luxemburg beziehen kann, hervor. Außer Neunkirchen wurden besonders
Malstatt-Burbach (40000 Einw.) und Völklingen Hauptsitze dieser
Industrie.
[Illustration: Abb. 108. Beilstein. (Zu Seite 108.)]
[Illustration: Abb. 109. Burg Cochem.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 109.)]
[Illustration: Abb. 110. Zeltingen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 110.)]
[Sidenote: Saarwanderung.]
Die Fahrt durch das Saartal von St. Johann nach Trier führt uns
zuerst durch das fabrikreiche Bild der zuletzt genannten Orte. Dann
entfaltet das Tal seine liebliche Anmut. Mit fruchtbaren Äckern und
Wiesen ist es freundlich geschmückt. Waldige Höhen begleiten uns zu
beiden Seiten. Wir grüßen die alte Festung Saarlouis (800 Einw.) und
das Ackerbaustädtchen Merzig (7500 Einw.), das in breiterer Talmulde,
umgeben von einem Kranze von Obstpflanzungen, die das Tal und die
ansteigenden Höhen beschatten, umgeben ist. Enger wird dann das Tal und
höher werden die Berge. Denn zwischen Merzig und Saarburg hat die Saar
den Durchbruch durch den harten Quarzitrücken des Hunsrück erzwingen
müssen. Die Landstraße muß in Serpentinen die Berge hinauf- und
herunterklettern, und für den Eisenbahnreisenden verschwindet plötzlich
das heitere Grün der Landschaft bei der Einfahrt in einen dunkeln
Tunnel. Wir erreichen das verborgen in waldigem Talgrunde liegende,
durch die große Steingutfabrik von Villeroi & Boch aber weltbekannte
Mettlach, und weiter geht’s nach Saarburg, der Perle des Saartales.
Wir steigen empor zur steilen Felswand der Klause (Abb. 91), wo der
blinde König Johann von Böhmen sein stilles Grab gefunden hat, und bald
grüßen uns die Rebenberge, die sich um das alte Städtchen Saarburg
gruppieren. An die Stelle des Quarzits ist der Schieferfels getreten.
Ernst schauen die Reste der alten Saarburg (Abb. 90), deren erster Bau
schon aus dem zehnten Jahrhundert stammt, hinüber zu den Rebenhöhen,
die im warmen Sonnenlichte glänzen, und hinab in das wonnige Tal, wo
in Schlangenbiegungen die Saar durch grüne Wiesenauen zieht. Nur der
untere Teil des Städtchens Saarburg spiegelt sich in dem Flusse, der
obere jedoch erhebt sich zur luftigen Bergeshöhe. In der Unterstadt
lenkt plötzlich ein tosendes Geräusch unsere Schritte, und bald stehen
wir vor dem wildstürzenden, schäumenden Wasserfall des Leukbaches.
Auf dem Wege von Saarburg nach Trier treffen wir, dem Flußlauf
folgend, die besten Weinbergslagen der Saar an, so den Scharzhofberg
und den Wiltinger Berg. Eine bekannte Marke ist auch der „Wawerner
Herrenberger“.
Einst hatte die Saar, welche bei Conz in die Mosel mündet, auf ihrer
untersten Strecke einen ganz anderen Lauf. Sie machte mehrere große
Biegungen, die sie später abzuschneiden vermochte. Zuerst zog sie
unterhalb Saarburg auf der rechten Seite eine Schleife. Dann bog sie
noch weiter nach Westen aus, und zuletzt beschrieb sie einen sehr
großen Bogen, über Oberemmel und Niedermennig, wieder nach Osten. Sie
mündete aber ungefähr an der nämlichen Stelle wie heute.
[Sidenote: Trier.]
Es öffnen sich nun die Berge, und der helle Spiegel der Mosel blitzt
vor uns auf. Mosella fließt, wo sie zuerst uns grüßt, nachdem sie
schon weit gewandert durchs lothringische Land, in ziemlich breitem
Tal. Ostwärts erbreitet sich dieses noch mehr, und nach kurzer Strecke
hat es sich zu einem lieblichen Talkessel gestaltet, der von sanften,
sonnigen Abhängen umschlossen ist. Das ist die Stelle, wo die Römer
in ihrer südlichen Heimat zu weilen glaubten, wo sie an die sonnigen
Gefilde Italiens erinnert wurden und sich im alten Trier (fast 50000
Einw., Abb. 92), dessen Türme bald im Bilde der anmutigen Landschaft
auftauchen, ein zweites Rom -- so darf man fast sagen -- schufen.
Eine Inschrift, die am Roten Hause (Abb. 93), dem früheren
Versammlungshause der Ratsherrn, das sich am Hauptmarkt von Trier
erhebt, angebracht ist, sagt:
„~Ante Romam Treveris stetit annis MCCC.~“
„Vor Rom stand Trier 1300 Jahre.“
[Illustration: Abb. 111. Bertrich. (Zu Seite 110.)]
[Sidenote: Triers Vergangenheit.]
Es ist nur die mittelalterliche Sage von der Gründung Triers durch
Trebeta, den Sohn des assyrischen Königs Ninus, die dieser Inschrift
zugrunde liegt. Über das wirkliche Alter der Stadt weiß man nichts.
Sicher ist nur, daß sich an ihrer Stelle schon eine größere keltische
Niederlassung, der Hauptort der gallischen Treverer, befand, als Cäsar
im Jahre 56 v. Chr. auch diesen Volksstamm unterwarf, der damals
bereits zu einer höheren Kultur als die germanischen Stämme gelangt
war. Die Gründung der römischen ~Colonia Augusta Treverorum~ fällt
wahrscheinlich erst in die Zeit des Kaisers Augustus. Ihre Lage machte
sie zu einem wichtigen militärischen Stützpunkte. Weit genug von der
germanischen Grenze entfernt, um vor plötzlichen Überfällen gesichert
zu sein, lag sie wieder nahe genug, um ein Heer bereit halten zu
können. Die Kolonie war zugleich ein wichtiger Verkehrsmittelpunkt,
in welchem das westöstlich verlaufende Moseltal von der südnördlich
gerichteten Verkehrslinie des Saar- und Kylltales durchschnitten wird,
und Fruchtbarkeit zeichnete die umliegenden Gebiete wie noch heute
aus. Sie mußte besonders in den Zeiten als Wohnsitz bevorzugt werden,
in denen die Germanen ihre verheerenden Einfälle in das römische
Gebiet begannen. „In Trier und im Mosellande konnte man damals, wie
Boos schreibt, eines so selten gewordenen Glückes genießen. Die
heitere, rebenumsäumte Tallandschaft stimmt noch heute jedes Gemüt
fröhlich. Sie erweckt das Gefühl des Behagens und der Wohlfahrt, das
über den Weinländern in der Luft zu schweben scheint (Goethe). Der
Südländer vergaß, daß er im unfreundlichen Norden weilte, und die
ruhige Schönheit der Gegend gab der Dichtung des Ausonius einen höheren
Schwung.“
Als die Germanen im dritten Jahrhundert plündernd das Moseltal
durchzogen, bedrohten sie auch Trier. Ja es schien, als wenn damals
schon die Römerherrschaft am Rhein ihrem Ansturm völlig erliegen müßte.
Diokletian, dem Wiederhersteller des römischen Staates, gelang es
aber, die Gefahr abzuwenden, indem er seinem Mitkaiser Maximinian die
Verwaltung des Westens übertrug. Constantius Chlorus und Constantin
der Große setzten dessen Werk fort. Um das linksrheinische Land gegen
die Angriffe der Germanen besser zu schützen, wurden Burgen gebaut
und die Städte stärker befestigt. Das Material für die Befestigungen
nahm man, wie Boos schreibt, wo man es nur bekommen konnte. Selbst die
Grabsteine früherer Geschlechter wurden als Quadern benutzt, besonders
für die Fundamente. Sie enthalten die herrlichsten, instruktivsten
Darstellungen aus dem häuslichen Leben der Bewohner des Mosellandes für
das zweite Jahrhundert. Auch Trier, das im Jahre 286 zur Residenz der
in Gallien residierenden Cäsaren oder Kaiser erhoben wurde, erhielt
eine neue Befestigung und die Stadt wurde bedeutend erweitert. Sie
dehnte sich jetzt von der Porta Nigra (Abb. 94), dem mächtigen Torbau,
der schon aus einer früheren Zeit stammte, bis zur heutigen Vorstadt
St. Matthias aus. Die feste Brücke, die noch heute auf römischen
Pfeilern ruht, lag damals genau gegenüber der Mitte der Stadt. Die sie
fortsetzende Hauptstraße halbierte das römische Trier und führte an den
bedeutendsten Gebäuden, den Thermen von St. Barbara, dem Kaiserpalast
(Abb. 95), dem Amphitheater und unweit der Basilika vorbei. Wie Trier
sich zu einer glänzenden Residenzstadt entfaltete, so schmückte sich
die Umgegend mit prächtigen römischen Villen. Von den Berglehnen und
aus dem Grün der Moselufer schimmerten diese, und Menschen wohnten in
ihnen, die den Lebensgenuß durch die Kunst zu veredeln verstanden.
Ein schöner Mosaikboden in einer römischen Villa wurde z. B. bei dem
Orte Nennig, der an der Eisenbahnlinie von Trier nach Diedenhofen
liegt, aufgedeckt. Er ist 10 ~m~ breit und 15 ~m~ lang und zeigt in
der Mitte die große Darstellung eines Gladiatorenkampfes, während den
Rand kleinere Medaillonbilder schmücken. Ein berühmtes Denkmal aus der
Römerzeit ist auch die Igeler Säule, ein 23 ~m~ hoher und unten 5 ~m~
breiter, als Grabdenkmal errichteter Sandsteinbau, dessen Flächen mit
häuslichen und mythologischen Szenen geschmückt sind.
[Illustration: Abb. 112. Andernach.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 113.)]
[Sidenote: Trier.]
Schon zur Römerzeit fand das Christentum in Trier Eingang und daselbst
einen festen Stützpunkt. Erster Bischof von Trier wurde Agricius von
Antiochien im Jahre 328. Später wurde das Bistum in ein Erzbistum
verwandelt. Die Trierer Erzbischöfe waren vielfach zugleich sehr
wehrhafte Herren. Die Erneuerung des jetzigen Bistums erfolgte im
Jahre 1802. Das mittelalterliche christliche Trier hat uns ebenso wie
das römische heidnische bedeutende Bauwerke hinterlassen. Besonders
die Kirchen der Stadt ragen als Kunstwerke hervor. Zum Teil sind sie
aus römischen Bauten hervorgegangen, so der Dom (Abb. 96 u. 97) und
die Basilika. Der römische Bau, aus dem der Dom entstand, stammte
wahrscheinlich aus der Zeit Valentinians ~I.~ (364 bis 375). Er
hatte eine quadratische Form und füllte die ganze Breite des jetzigen
Gebäudes aus. Von den vier mächtigen Granitsäulen, die sein Inneres
trugen, liegt eine in ihrer ungetümen Gestalt vor dem Eingange des
Doms. Der Bau wurde nach den Zerstörungen, welche die Franken und nach
ihnen die Normannen anrichteten, erneuert, bei der zweiten Renovierung
durch den Erzbischof Poppo (1016 bis 1047) zugleich um ein Drittel
verlängert und mit einer Apsis versehen. Der Erzbischof Hillin (1152
bis 1169) fügte noch die zweite östliche Apsis hinzu. Im dreizehnten
Jahrhundert erhielten die Schiffe Kreuzgewölbe. Zuletzt, im siebzehnten
Jahrhundert, wurde noch die kreisrunde, mit einer Kuppel überwölbte
Schatzkammer angebaut. Was die verschiedenen Bauperioden geschaffen
haben, bis wohin der ältere Bau reichte und wo eine jüngere Zeit mit
ihrer Tätigkeit einsetzte, ist schon an dem Baustoff zu erkennen.
Am römischen Bau wurden roter Sandstein und Ziegel, am Popponischen
dagegen Kalkstein und Ziegel verwandt. An Pracht steht zwar der Trierer
Dom hinter den anderen großen rheinischen Domen zurück. Aber das hohe
Alter gibt ihm eine besondere Weihe, sowohl für den Gläubigen als auch
für den Kunstfreund.
[Illustration: Abb. 113. Remagen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 115.)]
Vom Dom lenken wir unsere Schritte zu der unmittelbar an ihn stoßenden
Liebfrauenkirche (Abb. 96 u. 98). Mit einem freudigen Erstaunen
richten wir im Innern den Blick in die Höhe, empor zu den zwölf
schlanken Säulen, die das Innere tragen. Es ist ein Rundbau, der von
einem Kreuzgewölbe durchschnitten ist. Man wird wohl selten einen Bau
finden, in dem eine solche Harmonie, ein solches Ebenmaß der Formen
herrscht, wie in dieser Trierer Liebfrauenkirche, die für das schönste
Bauwerk der Frühgotik gilt. Von den übrigen Kirchen Triers verdienen
noch die Basilika, von der wir schon sagten, daß sie gleich dem Dom
aus römischer Zeit stammt, vermutlich aus der Zeit Constantins des
Großen (306 bis 337), sowie die mit schönen Deckengemälden (Abb. 99)
geschmückte St. Paulinuskirche und die St. Matthiaskirche, von denen
die eine nördlich, die andere südlich von der Stadt liegt, unser
Interesse. Nachdem wir noch dem reichhaltigen Provinzialmuseum, das
besonders reich an römischen Fundstücken ist, einen Besuch abgestattet
haben, scheiden wir von Trier, wo so herrlicher Wein uns labte, um auch
anderen schönen Punkten im Moseltal einen flüchtigen Wandergruß zu
bringen.
[Sidenote: Das Moseltal.]
Es fehlt der Raum, um das Moseltal, das so viele herrliche Schönheiten
entfaltet, in gleicher Ausführlichkeit wie das Rheintal zu behandeln.
Wir müssen uns darauf beschränken, die Eigenart dieses größten
Nebentales gegenüber dem Haupt-, dem Rheintale, zu zeigen und zu
begründen. Übereinstimmend ist der reiche Rebenschmuck der Bergwände,
die ebenfalls aus schiefrigem Gestein bestehen; gleich ist auch die
große Zahl der Burgen, die malerisch die Berge krönen; sehr ähnlich
ferner das Bild der Ortschaften, die an den Fluß sich betten, und deren
schiefergraue Dächer im Sonnenschein hell aufblitzen. Und doch wie
verschieden ist das Gesamtbild! Weniger großartig ist das Moseltal,
wie auch sein Fluß sich mit dem stolzen Rheinstrom nicht messen kann.
Aber ein reicherer Wechsel des landschaftlichen Bildes ist ihm eigen.
Schon die viel zahlreicheren Biegungen, die die Mosel macht, bewirken
dies; denn bei jeder Biegung öffnet sich dem Auge ein neues, oft
völlig anderes Bild, während sich im Rheintal jeder Blick ins Endlose
verlängert. Am wenigsten ist die unterste Strecke des rheinischen
Mosellaufs, von Cochem ab, durch Biegungen gegliedert, am reichsten das
mittlere Drittel zwischen Bernkastel und Cochem. Dort macht der Fluß
vielstundenlange Umwege, um fast zur nämlichen Stelle zurückzukehren.
Am meisten nähert er sich selbst wieder nach der großen Schleife von
Zell an der Stelle, wo die auf hohem Felskamm gelegene Marienburg (Abb.
100) zur Betrachtung des eigenartigen Landschaftsbildes mit einem
doppelten Flußlaufe einladet.
[Illustration: Abb. 114. Die Apollinariskirche in Remagen. (Zu Seite
117.)]
[Sidenote: Die Marienburg. Von Bernkastel bis Cochem.]
Wir verlassen in Bullay das Moselschiff und steigen auf steilem Pfad
zwischen Weinbergen hinan. Rückwärts schauend, erblicken wir tief
unter uns den Fluß, der sich in Schlangenbiegungen hinter den Bergen
verliert, und grüßen das Schifflein, das langsam die Welle durchfurcht.
Bald haben wir die Gebäude der Marienburg (Abb. 101) erreicht. Es
sind die Ruinen eines sagenhaften Schlosses, an dessen Stelle 1146
ein Frauenkloster gegründet wurde. Das malerische Chor der damals
erbauten Kirche ist noch ziemlich gut erhalten. Wir wandeln zwischen
den Trümmern und durchschreiten den in Gartenanlagen umgewandelten
Burg- oder Klosterhof. Auf der andern Seite der Marienburg bleiben wir
überrascht stehen. Auch dort zu unsern Füßen ein großer Flußlauf, die
Mosel!
„Oftmals bewunderst du selbst im Stromlauf die eigene Rückkehr“
so sang schon der römische Dichter Ausonius, der auch die Mosel und den
Hunsrück bereiste. Im Burggarten lassen wir uns nieder und erquicken
uns am kühlen Wein. So sitzen wir lange. Aber immer wieder lockt es
uns, hinauszutreten und die herrliche Landschaft, das Doppelbild,
auf der einen Seite das Bild der Eifelhöhen, auf der andern das der
Hunsrückberge, zu betrachten, bis das Schifflein kommt, das wir vorher
verließen. Dann springen wir hurtig hinunter und setzen in Pünderich
die Fahrt fort.
[Illustration: Abb. 115. Altenahr. (Zu Seite 118.)]