worden, und noch immer scheinen die Geister nicht einig zu sein. Drei
Deutungen streiten miteinander. An „Hundesrücken“ zu denken, legte
der Klang des Wortes nahe. Die Namengebung wäre dann verwandt mit der
des „Katzenbuckel“ im südlichen Odenwald. Aber gerade jene Deutung
wurde viel bekämpft und ihr die Ableitung von „Hünenrücken“ = hoher
Rücken entgegengestellt, bis neuerdings Gymnasialdirektor Back im
„Hochwald- und Hunsrückführer“ wieder für die zuerst genannte Ableitung
eingetreten ist. Er stützt sich hierbei auf das Vorkommen eines alten
Gaunamens, der „Hundesrucha“ hieß. „Dieser Gau umfaßte,“ so schrieb
Back, „den höchsten Teil der Hochfläche in der nordöstlichen Hälfte
unseres Gebirgslandes. Dieser bildet aber einen von Nordosten nach
Südwesten ziehenden Rücken, der nach beiden Enden hin -- im Hochwald
und in der Halfter Heide -- sich erhebt, in der Mitte mäßig eingesenkt
ist. Darin liegt die Erklärung des Namens, indem das Eigentümliche des
Hunderückens die in der Mitte etwas eingesenkte Gestalt ist.“ Diese
Beweisführung erscheint wohl begründet. Dennoch vermag sie nicht alle
Zweifel zu beseitigen. Es kommt darauf an, ob nicht schon der alte
Gauname „Hundesrucha“ eine fehlerhafte Übertragung eines noch älteren
Namens ist, da doch das Bild des eingesenkten Hunderückens ein etwas
eigentümliches ist. In jüngster Zeit ist eine andere Deutung versucht
worden, die davon ausgeht, daß das Wort „~hun~“ die Bedeutung von
schwarzes, dunkel hätte, Hunsrück also „dunkler Rücken“ heißen würde.
Wichtiger als der Streit um die Herkunft des Namens ist die Tatsache,
daß er früher nur einen kleinen Teil des oben umgrenzten Gebietes
bezeichnete, und daß man heute im Lande selbst unter Hunsrück nur die
Hochflächen versteht, die dem eigentlichen Gebirgszuge nach Norden zur
Mosel hin vorgelagert sind, daß dieser selbst aber in seinen einzelnen
Abschnitten und Parallelketten ganz andere Namen führt. Es steigt der
Moselaner, der Coblenzer, der Bopparder hinauf zum Hunsrück, aber der
Bewohner des Nahetals wandert zum Soon-, zum Hoch- und Idarwalde, und
vom Hunsrück spricht er nicht.
[Illustration: Abb. 88. Schloß Dhaun. (Zu Seite 94.)]
[Illustration: Abb. 89. Oberstein. (Zu Seite 94.)]
[Illustration: Abb. 90. Saarburg. (Zu Seite 100.)]
[Illustration: Abb. 91. Die Klause bei Saarburg. (Zu Seite 100.)]
[Sidenote: Der Hunsrück.]
Schon aus dem Gebrauch verschiedener Namen für das vom Geographen
zu einer Einheit erhobene Gebiet können wir folgern, daß dessen
Oberflächenbild ein wechselndes ist, daß es völlig verschiedene
Landschaften in sich schließt. Wir müssen unterscheiden zwischen
waldgeschmückten Bergrücken, die hoch das Land überragen, und zwischen
einförmigen, schwachwelligen Hochflächen, die sich südlich und nördlich
von diesen ausdehnen, schmäler im Süden, breiter im Norden. Es sind
also die nämlichen Gegensätze wie beim Taunus vorhanden. Zwischen den
beiden Gebieten bestehen nur die Unterschiede, daß letzterem bloß im
Norden eine breite Hochfläche vorgelagert ist, nicht aber im Süden,
ferner, daß die Taunuskette höher ist. Landschaftlich kommen diese
Unterschiede sehr zur Wirkung. Wir finden am Südfuße des Hunsrück,
wegen der dort vorgelagerten Hochfläche, kaum einen solch günstigen
Standpunkt, wie ihn die Gegend von Frankfurt für die Betrachtung des
Taunus, um die fortlaufende Linie der unmittelbar aus dem Tieflande
aufsteigenden Höhenkette klar überschauen und verfolgen zu können,
darbietet. Wir müssen ferngelegene Erhebungen, wie den Donnersberg in
der Pfalz, aufsuchen, um ein übersichtliches Gesamtbild zu erhalten.
Fänden wir aber auch in der Nähe einen geeigneten Standpunkt, so würde
das Bild unseren Erwartungen doch wenig entsprechen, weniger weil die
Höhe der Bergzüge des Hunsrück, die doch immerhin durchschnittlich
700 ~m~ beträgt, nicht bedeutend genug wäre, als vielmehr, weil keine
so geschlossene Kette wie die des Taunus vor uns läge. Die Bergzüge
des Hunsrück sind mehrfach unterbrochen und laufen streckenweise
nebeneinander her. Am Rhein steigt zunächst, als unmittelbare
Fortsetzung des Taunus, der Soonwald auf. Es folgt, durch eine
ziemlich tiefe Senke getrennt und mehr nach Nordwesten verschoben,
aber in gleicher Richtung von Nordosten nach Südwesten verlaufend,
der Idarwald, in dem der Idarkopf die Höhe von 745 ~m~ erreicht. Mit
ihm hängt der Rücken des Hochwaldes unmittelbar zusammen. Er ist
die bedeutendste Erhebung des Hunsrück und steigt im Erbeskopf, dem
höchsten Punkt der Rheinprovinz, zu 816 ~m~ an. Das vierte und letzte,
in der Nähe der Saar gelegene Glied des hohen Hunsrück ist der Errwald.
Außerdem sind noch mehrere Parallelzüge vorhanden. Die Hochflächen des
Hunsrück, die schmälere im Süden und die breitere im Norden, liegen
durchschnittlich 400–500 ~m~ hoch. Sie senken sich etwas zur Mosel und
Nahe hin.
[Illustration: Abb. 92. Trier, vom Petersberg gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 101.)]
[Illustration: Abb. 93. Hauptmarkt, St. Gangolfskirche und Rotes Haus
in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 101.)]
[Sidenote: Entstehung des Hunsrück.]
Als ein stark abgetragenes Gebirge, das nur noch in seinen Grundresten
stehen geblieben ist, hat der Hunsrück gleich dem Taunus heute ein
ganz anderes Oberflächenbild als früher. Mit seiner Höhe büßte er auch
seine Farbenpracht ein. Die Längsachse der Auffaltung lag auch bei ihm
südlich von dem jetzigen Hauptzuge des Gebirges. Aber die ältesten
Gesteine des Hunsrück, kristallinische Sericite und Phyllite, die bei
der Aufwölbung aus tieferem Erdinnern hervortraten, wurden als die
weicheren stärker abgetragen. Sie bilden eine schmale Zone im südlichen
Hunsrück. Über ihr genaues Alter streitet man sich ebenso wie über das
der alten Gesteinsschichten, die am Südrande des Taunus auftreten.
Ein Teil der Geologen hält wenigstens die Sericite für cambrisch,
während Lossen diese, sowie auch die Phyllite des Hunsrück als
metamorphosierte, d. h. kristallinisch umgewandelte Unterdevongesteine
ansieht. Die härteren Taunusquarzite, die als das nächstfolgende
jüngere Gestein bei der Auffaltung seitwärts in eine Nebenzone gedrängt
worden waren, widerstanden der Verwitterung und den zerstörenden
Kräften des Wassers besser und wurden allmählich Hauptgebirgswall.
Die noch jüngeren Schichten, Hunsrückschiefer und Koblenzschichten,
die noch mehr seitwärts gedrückt worden waren, wurden als weichere
Gesteine stärker und zugleich sehr gleichmäßig abgetragen. So entstand
im Norden, wo diese Gesteinsschichten eine breite Zone einnehmen,
während sie im Süden fehlen, eine weite, schwachwellige Hochfläche, der
eigentliche Hunsrück.
[Illustration: Abb. 94. Die Porta nigra in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]
[Illustration: Abb. 95. Der Kaiserpalast in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]
[Illustration: Abb. 96. Der Dom und die Liebfrauenkirche in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102 u.
104.)]
[Sidenote: Hunsrück-Landschaft.]
Große Formenschönheit entfaltet das Gebirge auf seiner Oberfläche
nirgendwo. Auch die höher hervorragenden Quarzitrücken sind einförmig
gestaltet. Sie steigen sanft an und bilden langgezogene Gewölbe.
Schwache Erhöhungen deuten die Hauptgipfel an, von deren oberster
Spitze sich nirgendwo eine Aussicht auf formenreiche Landschaften
öffnet. Auch fehlt der Blick hinab auf eine kulturreiche Ebene, wie
ihn z. B. im Riesengebirge die Schneekoppe, wie ihn auch die Höhe
des Taunus nach Süden hin bietet. Nur kleine Siedelungen liegen über
die wellige Hochfläche zerstreut. Sie sind entweder an die sanft
ansteigenden Bergabhänge gelehnt, so daß man sie in den Mulden des
Landes kaum zu finden weiß, oder sie liegen freier auf hervorragenden
Punkten, von denen hier und da ein fernes Kirchlein zu uns herüber
winkt. In unserer nächsten Nähe, auf dem breiten Quarzrücken selbst,
sehen wir nichts als Wald. Durch herrlichen Hochwald stiegen wir ja in
dreistündigem Marsche empor, und im Schatten riesiger Buchen und Eichen
hielten wir Rast. Das ist noch echt deutsche Waldespracht, wie wir sie
nur noch in wenigen Teilen des Vaterlandes finden, ein Bild, wie es
vor zwei Jahrtausenden die Vorfahren schauten, die noch den Auerochs
jagten. Auch heute winkt noch im Hunsrück des Weidmanns Heil. Als die
herrlichsten Forsten, als die besten Jagdgründe Rheinlands, gelten die
schönen Waldbestände des Hochwalds, und leidenschaftliche Jäger scheuen
weite Reisen nicht, um in dieser Waldesherrlichkeit Hirsch und Reh,
Wildschwein und Fuchs jagen zu können.
[Sidenote: Ringwälle. Land und Volk.]
In vorhistorischer Zeit dienten einige der waldigen Höhen des Hunsrück
den Bewohnern bei feindlichen Einfällen als Zufluchtsstätten.
Vielleicht waren solche Berge, deren Scheitel mit mächtigen Ringwällen
umgeben wurde, zugleich auch Kultusstätten. Der bekannteste Ringwall
und einer der größten in den Rheinlanden ist der von Otzenhausen, im
Volksmunde einfach der „Ring“ genannt. Er ist meist 25 bis 30 ~m~
hoch, oben noch 5 bis 8 ~m~ breit und umzieht in ovaler Form in fast
2 ~km~ Länge die Spitze des Berges. Im Inneren des so umschlossenen
Schutzgebietes liegt eine Quelle; denn Wasser durfte in dem befestigten
Berglager nicht fehlen.
[Illustration: Abb. 97. Innenansicht des Trierer Domes mit Hochaltar.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 102.)]
Während der Quarzitboden wohl ein guter Waldboden ist, eignet er
sich für den Getreidebau weniger, weil er zu wenig Tongehalt hat und
daher zu sandig ist. So hatte man keine Veranlassung, die herrlichen
Forsten, mit denen die Granitrücken geschmückt sind, auszuroden. Auf
den weiten Hochflächen, besonders des nördlichen Hunsrück, hatte
der Ackerbau Raum genug, sich auszubreiten. Dort bildet der weit
verbreitete Hunsrückschiefer einen recht guten Ackerboden, und wäre
die Höhenlage nicht so bedeutend und das Klima milder, so würde der
Bauer des Hunsrück nicht bloß sein bescheidenes Auskommen finden. So
aber bleibt sein Leben ein steter Kampf, der rührigen Fleiß und ein
sparsames Wirtschaften verlangt. Die Natur des Landes ist der beste
Tugendlehrer. Als ein arbeitsames, fleißiges und genügsames Völkchen
werden die Bewohner des Hunsrück überall geschildert. Sie sind von
alemannischer Abstammung, wie Rottmann an der Sprache nachgewiesen.
Diese ist ein ähnlicher Dialekt, wie er auch im Rheintal von Bingen bis
Coblenz, im Nahetal und Moseltal gesprochen wird, wenn dort auch manche
Änderungen durch stärkere Völkermischung stattgefunden haben. Eine
von den Eigentümlichkeiten des Hunsrücker Dialekts, von dem uns das
hübsche Frühlingslied von P. J. Rottmann eine Probe geben soll, ist das
Übergehen von d und t in r, wenn diese Laute zwischen Vokalen stehen,
z. B. jerer statt jeder.
Frühlingslied.
Watt sin euch dehr Brierer,
Watt sin euch so froh;
Der Winder is danre,
Det Friehjohr es doh.
Eraaser, dehr Bue,
Verloost auer Huhl!
Watt weerd et ähm wierer
Im Freie so wuhl.
Im Haus hinn’gern Uwe,
Do iß nit uhs Blatz,
So drauß in dem Acker,
Do liht eur Schatz.
Der Bauer muß schaffe!
Sei nosert nit faul;
Et fliegt köh Dauwe
Gebrote in’t Maul.
Lang schloofe det Moorjets,
Datt brängt ähm köh Glick.
Wo frieher eraußer,
Wo größer det Stick.
Et steht in der Biewel,
Wie jerer aog wöäs,
Det Brot se verdiene
Mit Aarwet und Schwäs.
Dann schmeckt ähm det Esse,
Dann schmeckt ähm der Schloof,
So schmeckt et köhn Kienig,
So schmeckt et köhn Groaf.
Darum lustig an’t Wirke,
Uhs Herrgott will’t hohn.
Dem fleißige Bauer,
Dem gibt er sei Lohn.
[Sidenote: Simmern. Castellaun. Stromberg.]
Die Römer hatten über den Hunsrück eine Heerstraße angelegt, die von
Bingen über den sogenannten stumpfen Turm, an dem eine Ansiedlung
namens Belginum lag, nach Neumagen an der Mosel und von dort nach Trier
führte. Im Mittelalter war das Städtchen Simmern, wo eine Zeitlang ein
Fürst residierte, der geistige Mittelpunkt des Hunsrück. Schon 1532
bestand dort eine Druckerei, die uns ein berühmtes Werk, das mit vielen
Holzschnitten geschmückte Turnierbuch von Georg Rüxner, hinterlassen
hat. Das nordwestlich von Simmern in dem fruchtbarsten Teile des
Hunsrück gelegene Städtchen Castellaun, dessen Name jedenfalls auf
römischen Ursprung hinweist, besaß gleich Simmern eine Burg, die die
Franzosen im Jahre 1689 auf ihrem Raubzuge zerstörten. Im südlichen
Hunsrück ist Stromberg ein Ort, geschmückt mit den Ruinen zweier
Burgen, der einen Besuch reichlich lohnt. Devonischer Kalk tritt
daselbst auf, der zum Betrieb von Kalksteinbrüchen anregte. Von dort
wandern wir nach Sponheim, dem Stammsitze des bekannten Geschlechts
der Grafen von Sponheim, die auch die Abtei Sponheim gründeten. In
dieser herrschte nicht immer strenge Klosterzucht. Aber einen berühmten
Abt des Klosters, von dessen Gebäuden nichts mehr erhalten ist,
während ein fester Turm der Burg mit seinen 3 ~m~ dicken Mauern den
Stürmen der Zeit noch Trotz bietet, nennt die Geschichte, Trithemius,
benannt nach seinem Heimatorte Trittenheim an der Mosel, wo er 1462
geboren wurde. Er stellte die Klosterzucht wieder her und ragte
unter seinen Zeitgenossen durch seine Gelehrsamkeit hervor. Seine
berühmte Bibliothek wird noch heute in Heidelberg, wohin sie 1611 kam,
aufbewahrt.
[Sidenote: Kreuznach.]
Von Sponheim ist nur noch ein Sprung bis Kreuznach (24000 Einw.)
(Abb. 80), der gastlichen Stadt am Naheflusse, die alljährlich von
mehr als 6000 Kurgästen, die vom Gebrauch der vortrefflichen Solbäder
Heilung erhoffen, besucht wird. Dort wollen wir eine Rundwanderung
um den Hunsrück beginnen, dessen Rheinseite wir früher schon kennen
lernten. Sie wird uns durch das Tal der lieblichen Nahe, die uns mit
schelmischem Blick den Saft der Rebe, den gefährlichen Nahewein,
reicht, hinführen zur Saar, die ernsteres Leben an ihren Ufern schaut
und nur dort, wo die ältere Schwester Mosella die Hand ihr reicht,
Rebenschmuck trägt. Und von dort, vom altersgrauen Trier an, begleiten
uns fast fortwährend rebengeschmückte Berge, bis wir dem Vater Rhein
seine stolzeste Tochter zuführen können.
[Illustration: Abb. 98. Portal der Liebfrauenkirche in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 104.)]
Kreuznach führt seinen Ursprung auf eine keltische Ansiedlung zurück.
Aber ob die Kelten diesen Ort, wie Hessel meint, schon ~Crucinacum~
nannten, erscheint doch sehr zweifelhaft, da sie hierzu ja hätten
Latein lernen müssen. Auch daß die Römer, die diesen Namen verstanden,
nach ihnen kommen würden, konnten sie nicht gut wissen. Diese bauten,
das ist gewiß, in Kreuznach ein Kastell. Noch stehen in der Nähe
der Eisenbahnbrücke Reste der Umfassungsmauer, die das Volk die
Heidenmauer oder die „heiße Mauer“ nennt. Auch ist in den Feldern
die Vierecksform des römischen Kastells noch an einer Erhöhung des
Erdbodens deutlich zu erkennen. Nachdem dasselbe von den Alemannen
und später, nach seiner Wiederherstellung, von den Franken zerstört
worden war, wurde auf seinen Resten ein fränkischer Königshof, eine
Pfalz, die den Namen Osterburg führte, errichtet. Die Normannen haben
diese, sowie die in ihren Mauern errichtete älteste Kirche Kreuznachs,
die Kilianskirche, so zerstört, daß sie spurlos verschwanden. Weiter
südlich von der alten Heidenmauer entstand das jetzige Kreuznach.
Seinen Namen soll es nach einem Kreuze führen, das ein christlicher
Glaubensbote auf einer Nahe-Insel aus Stein errichtete, und das den
hochgeschwollenen Fluten der Nahe stand hielt, während neben ihm die
Fischerhütten von ihnen fortgerissen wurden. Die große Nahe-Insel ist
die wichtigste Örtlichkeit des neueren Kreuznach. Spielt sich doch
auf ihr das Badeleben ab. Auf der Südspitze der Insel, die gewöhnlich
Bade-Insel oder Badewörth genannt wird, entspringt aus Porphyrfels die
brom- und jodhaltige Elisabethquelle. Eine lange Wandelhalle führt zum
Kurhaus hin, neben dem das vortrefflich eingerichtete Badehaus und das
große Inhalatorium, ein Doppelgradierhaus mit Zwischengang, liegen.
Einen sehr malerischen Anblick bietet die alte, auf den Pfeilern mit
merkwürdigen Häuserbauten besetzte Nahebrücke (Abb. 81) dar, die über
das untere Ende des Badewörths geführt ist und die Altstadt mit der auf
dem linken Ufer gelegenen Neustadt verbindet.
[Illustration: Abb. 99. Die Martyrung der Christen. Deckengemälde in
der Paulinuskirche zu Trier.
Nach einer Photographie von Schaar & Dahle in Trier. (Zu Seite 104.)]
[Illustration: Abb. 100. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 105.)]
[Sidenote: Der Kauzenberg. Wanderungen um Kreuznach.]
Für die Nahewanderung aufwärts, von Kreuznach nach Münster a. Stein,
empfiehlt man uns drei Wege, und die Schönheit eines jeden wird uns so
sehr gepriesen, daß wir allen dreien folgen möchten. Der eine führt
hinan zum Kauzenberg (150 ~m~, Abb. 81), an dessen Südabhange der
beste, der feurigste Nahewein wächst, der weltberühmte Kauzenberger.
Oben liegen die Trümmer eines 1689 von den Franzosen zerstörten
Schlosses, das den Grafen von Sponheim gehörte. Der Berg wird daher
auch Schloßberg genannt. Schöne Parkanlagen schmücken denselben.
Von dort führt die Wanderung über die waldige Haardt (Waldberg) zu
der steil aus dem Nahetal aufsteigenden Porphyrwand des Rotenfels.
Eine herrliche Aussicht auf das zu unseren Füßen liegende Münster a.
Stein, auf die breitgewölbte Bergkuppe der Gans (323 ~m~), auf den wie
ein Felsturm steil aus der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein (235
~m~, Abb. 82) und auf die eine vorspringende Bergkuppe schmückende
Ebernburg öffnet sich am Schlusse dieser Wanderung unseren Blicken.
Zu den nämlichen schönen Punkten, die jeder aufsucht, der das Nahetal
besucht, führen die beiden anderen Wanderwege hin. Der eine steigt
auf dem rechten Naheufer zum Kuhberg hinan, von dessen Tempelchen wir
zum Niederwald, zur Rochuskapelle und auf Schloß Johannesberg fern im
Rheintal hinschauen können, und weiter zu der noch höheren Gans, wo wir
inmitten der nämlichen Herrlichkeiten wie auf dem Rotenfels stehen,
zugleich aber eine umfassende Fernsicht nicht bloß zum Rheintal,
sondern auch zum Hunsrück und nach Südwesten zum fernen Donnersberg
genießen. Und nun der dritte Wanderweg! Er führt nicht über Berge,
sondern unten durchs Tal, dessen ganze Anmut und Schönheit entfaltend.
Am südlichen Ende des Badviertels von Kreuznach empfängt uns die
schöne Salinenstraße, wenn wir es nicht vorziehen, zunächst eine
Strecke auf schattigem Promenadenweg am Flusse entlang zu wandern.
Die teils reben-, teils waldgeschmückten Berge, auf der einen Seite
die Haardt, auf der anderen der Kuhberg, begleiten uns. Wir erreichen
die Saline Karlshalle und nach Überschreiten des Flusses die Saline
Theodorshalle, mit der zugleich ein Kurhaus verbunden ist. Die beiden
Salinen gehörten früher dem Großherzog von Hessen, sind aber jetzt
Eigentum der Stadt Kreuznach. Gewaltig ragen die hohen Gradierwerke vor
uns auf. Das Wasser der Salzquellen, die im Nahetale, zum Teil sogar im
Bette des Flusses, heraussprudeln, hat nur einen geringen Salzgehalt
von etwa 1%. Ehe es auf die Siedepfannen geleitet wird, muß es deshalb
oftmals, und zwar siebenmal, denn die beiden Gradierwerke der Karls-
und Theodorshalle bestehen aus je sieben Abteilungen, den Weg über die
Dornenhecken machen. Durch eine einfache Pumpeinrichtung wird es in
die Höhe gehoben und durch Rinnen, die beim weiteren Verzweigen immer
enger werden, so verteilt, daß es fast tropfenweise auf die Dornen
gelangt. Beim langsamen Herabträufeln findet eine starke Verdunstung
statt. Wenn das Wasser siebenmal den Weg gemacht hat, besitzt es einen
Salzgehalt von 7 bis 8%. Auf den großen Siedepfannen, die seitwärts von
den Gradierwerken in einem Gebäude aufgestellt sind, wird es weiter
eingedampft, bis das Salz sich an der Oberfläche in Kristallen, die
sich beim Niedersinken vergrößern, ausscheidet. Schließlich bleibt
die Mutterlauge, eine bräunliche Flüssigkeit, die auch noch andere,
leichter lösliche Salze enthält und besonders für die Badekuren
wertvoll ist, übrig.
[Illustration: Abb. 101. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.
(Zu Seite 106.)]
[Sidenote: Münster a. Stein. Rheingrafenstein.]
Nach zwanzig Minuten haben wir von der Theodorshalle ab, nach einer
einstündigen Wanderung von Kreuznach ab den freundlichen Kurort Münster
a. Stein (Abb. 83) erreicht. Dort stehen wir in der Mitte zwischen den
vier Berggestalten, die wir schon kennen lernten, zwischen der breiten
Porphyrkuppe der Gans, den steil aufsteigenden Porphyrwänden des
Rotenfels und des Rheingrafenstein, und der zierlichen Bergkuppe, die
stolz die Ebernburg (Abb. 84) trägt. Und wohin wir auch schauen mögen,
empor zu diesen Höhen, deren rötliches Gestein oder grünes Waldkleid
sowohl im eigenen Wechsel als auch im Wechsel der Sonnenbeleuchtung
so verschiedenartige und reiche Farbentöne hervorbringen, überall
erscheinen vor unserem Geiste die Bilder und Gestalten der Geschichte,
und die Sage, der Geschichte sinniges Schwesterlein, möchte jedes
Wort mitplaudern und miterzählen in ihrer eigenen Art. Auf dem so jäh
und so trotzig aus dem Bett der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein
hausten einst die Rheingrafen. Sie wurden so genannt, weil sie zu
Karls des Großen Zeiten, als das fränkische Reich in Gaue eingeteilt
wurde, den Rheingau, der von Mainz bis Lorch reichte, erhalten
hatten. Sie verloren später diesen Besitz, und ihre Burg Rheinberg
fiel in Trümmer. Da siedelten sie nach Schloß Stein über, das auf
einem gewaltigen, über 400 Fuß hohen Stein, der unweit Kreuznach
senkrecht aus dem Naheflusse aufsteigt, lag, und seitdem hieß dieser
Fels Rheingrafenstein. Später beerbten die Rheingrafen die Wildgrafen,
die Nachkommen der Rheingaugrafen, und sie wurden dadurch Herren von
mehreren Burgen und vielen Dörfern an der Nahe. So konnten sie auf
ihrem Felsenneste, das die Sage durch den Teufel erbauen läßt, ein
lustiges Leben führen. Im Umkreise, im Banne von Norheim, Treisen und
Hüsselsheim wuchsen gar herrliche Weine. Einst saßen die Rheingrafen
auf ihrem Schlosse beim Wein, und viele andere Ritter waren in ihrer
Runde. Da sagte der Rheingraf, indem er einen riesigen Humpen aus Glas,
der die Form eines Stiefels hatte, emporhob: „Wer diesen Stiefel, ihr
Herren, auf einen Zug leert, dem gehört Dorf Hüsselsheim.“ In der
Runde befand sich aber ein sehr trunkfester Ritter, Boos von Waldeck:
„Gebt mir Brief und Siegel, Herr Rheingraf!“ rief er. Das geschah. Da
nahm der Ritter den Stiefel und trank ihn in einem gewaltigen Zuge
leer. Dann fiel er, noch die Worte herausstoßend: „Ich tat’s für Weib
und Kinder!“ sterbend hin. Nach einem anderen Wortlaut der Sage, der
ein wirkliches Begebnis zugrunde liegen soll, hätte Boos sich ganz
vergnüglich umgeschaut und dann gesagt: „Gebt Ihr mir noch das Dörflein
Roxheim dazu, so leer’ ich den Stiefel zum zweitenmal.“ Ein solch
trunkfester Kumpan sei er gewesen.
[Illustration: Abb. 102. Bernkastel, Burg Landshut und Cues.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 106.)]
[Sidenote: Ebernburg. Oberstein. Die Achatindustrie.]