scheiden. Weiter geht die Fahrt, und auf eine hochragende steile
Bergwand, die Bopparder Hamm genannt, steuert unser Schiff los. Quer
ist diese dem Strome vorgelagert, der vor ihr nach Osten umbiegen muß.
Keine Bergwand im ganzen Rheintal, abgesehen vom Rüdesheimer Berg,
hat eine solche günstige Lage nach Süden wie die Bopparder Hamm. Ein
vorzüglicher Wein wächst auf derselben. Bis hoch hinauf ist sie mit
Reben bepflanzt. Beim Vorbeifahren müssen wir den Kopf weit zurück
in den Nacken legen, um zu den obersten Weinbergen hinaufschauen zu
können. Zur rechten Hand begleitet uns dagegen eine kleine Niederung,
die dicht mit Bäumen bepflanzt ist. Der Gegensatz zwischen der
hochragenden, steilen Felswand zur Linken, auf der der Winzer seiner
Rebe nur mit großer Mühe ein Plätzchen erobern konnte und erhalten
kann und den fruchtbaren Talgefilden zur Rechten, wo die Rheinbewohner
mühelos pflanzen und ernten können, verleiht dem Rheintale einen neuen
Zauber. Bis Coblenz hin bleibt ihm dieser Wechsel erhalten. Vor der
Bergwand zur Linken muß der Rhein nach Osten ausweichen. Aber eine
andere Bergwand tritt ihm nun im Osten entgegen. Sie zwingt ihn,
von neuem auszubiegen und wieder die alte Richtung nach Nordwesten
einzuschlagen. Aber der mächtige Strom tut’s nicht ohne Kampf. Er nagt
und frißt nun an der östlichen Bergwand, und an dem linken Ufer, wo er
ruhiger strömt, lagert er einen Niederungssaum ab, der immer breiter
wird. Auf diesem haben die beiden Dörfchen Ober- und Niederspay, die
gleich Salzig und Boppard von zahllosen Obstbäumen umschattet sind, ein
herrliches Plätzchen gefunden. Auf dem bergigen rechten Ufer aber ragt,
beherrschend über das herrliche Tal und den Strom hinwegschauend, über
dem Städtchen Braubach die stattliche Marksburg (Abb. 74) empor.
[Illustration: Abb. 72. Boppard a. Rh. und Blick in das Mühltal.
Nach einer Photographie von Louis Glaser in Leipzig. (Zu Seite 64.)]
[Sidenote: Marksburg. Königsstuhl.]
Die Marksburg, auf hohem Fels, 150 ~m~ über dem Rheinspiegel
gelegen, ist die einzige unzerstörte Burg am Rhein und im ganzen
noch wohl erhalten. Sie kann daher als ein lehrreiches Beispiel des
mittelalterlichen Burgbaues gelten. Der Verein zur Erhaltung deutscher
Burgen, in dessen Besitz die Marksburg vor kurzem übergangen ist,
hat diese wieder in guten Stand setzen lassen. Die Innenräume sind
mit Hausgerät, Waffen usw. wieder so ausgestattet worden wie zur
Ritterzeit. Die Besucher der Burg erhalten also ein anschauliches Bild
von der Stätte, wo einst die Ritter gelebt haben. Wir hatten schon
auf S. 50 die Hauptbestandteile einer mittelalterlichen Burg kennen
gelernt. Wenn die Marksburg wieder vollständig eingerichtet ist,
wird sie uns auch manches aus dem häuslichen Leben der Ritterfamilie
erzählen. Sie hatte es in vielem nicht so gut wie wir in unserer
heutigen Zeit, obgleich eine stolze Burg ihr Heim bildete. Besonders in
dem langen Winter ging es ihr herzlich schlecht. Da war man gezwungen,
in Pelze gehüllt, mit fröstelndem Gefühl an dem nur mangelhaft
geheizten offenen Kamin zu sitzen. Bei schlechter Witterung mußten
auch tagsüber die Fensterläden geschlossen werden, denn die kleinen
trüben Horn- oder Pergamentfensterscheiben boten nicht soviel Schutz
wie unsere hellen Glasscheiben. Alles wohnte enge zusammen, und oft
mußte der Wohnraum auch als Schlafraum dienen. Aus dem winterlichen
Leben der Burgbewohner erklärten sich die sehnsuchtsvollen Klagen
der von Burg zu Burg ziehenden Minnesänger, daß der Winter gar nicht
weichen und der holde Sommer gar nicht nahen wolle. Wie ganz anders
war das Burgleben zur schönen Sommerzeit! Dann war es lustig, vom
hohen Burgerker in das sonnige Tal, auf die Häuser und Gärten und
auf den von Schiffskähnen belebten Strom herniederschauen zu können.
Dann war es auch luftiger und heller in den Zimmern, besonders im
Saale, dem Hauptraume des Palas, dessen Wände und Boden mit bunten
Teppichen geschmückt waren. Das Hauptvergnügen der Burgbewohner waren
die Kampfspiele und die Jagd. Es muß ein herrlicher Anblick gewesen
sein, wenn das Burgtor sich öffnete und der Ritter mit den Edeldamen
und seinen Knappen, alle in farbenprächtiger Kleidung und die Männer in
glänzender Rüstung, hinausritten und die Rosse mit lautem Gepolter über
die heruntergelassene Zugbrücke trabten.
[Illustration: Abb. 73. Der Königsstuhl bei Rhens.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 66.)]
Entschwundene Zeiten! entschwunden für immer! Die Burgen mag man
wiederherstellen, die Menschen, die in ihnen wohnten und die in jene
Zeit paßten, kann man nicht mehr aus den Gräbern rufen. Dies sagt uns
auch der Königsstuhl (Abb. 73), der am Rheinufer bei Rhens, einem
Städtchen auf der linken Rheinseite, verlassen von den Geschlechtern,
die ihn erbauten, dasteht. Er war einst der Ort, wo sich die
deutschen Kurfürsten, um über Reichsangelegenheiten sich zu beraten,
versammelten. 1376 wurde er vom Kaiser Karl ~IV.~ errichtet. Warum er
diesen Platz wählte, das erklärt uns ein Blick auf eine historische
Karte. Gegenüber dem Königsstuhl stießen die Gebiete von vier deutschen
Kurfürsten im Rhein zusammen. Rhens gehörte zu Cöln, Braubach zur
Pfalz, Lahnstein zu Mainz und Stolzenfels zu Trier. Im Laufe der
Jahrhunderte war der berühmte Bau, als seine hohen Gäste nicht mehr
kamen, allmählich fast zur Ruine geworden. Im Jahre 1843 wurde er
mit Benutzung der Trümmer in seiner alten Gestalt wieder hergestellt.
Das achteckige, kanzelartige Bauwerk hat eine Höhe von beinahe 6 ~m~
und einen Durchmesser von 7 ~m~. Eine Freitreppe führt zu seinem Sitze
hinauf.
[Illustration: Abb. 74. Braubach und die Marksburg.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 65.)]
[Sidenote: Lahneck. Stolzenfels. Coblenz.]
Noch einmal entfaltet das Rheintal seine ganze Schönheit dort, wo
von rechts, über den in breiter Niederung liegenden Schwesterstädten
Oberlahnstein (rund 8500 Einw.) und Niederlahnstein (rund 4500 Einw.),
die durch die einmündende Lahn getrennt sind, Burg Lahneck, von links
das stattliche Schloß Stolzenfels von der Höhe herniedergrüßen.
Burg Stolzenfels (Abb. 75 u. 76) ließ in den Jahren 1442 bis 1459
der trierische Erzbischof zur Erhebung des Rheinzolles erbauen. Die
Franzosen zerstörten sie 1689. Der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm
~IV.~ ließ als Kronprinz sie von 1836 bis 1842 nach Schinkelschen
Entwürfen wiederherstellen in neuer Pracht. Prächtig hebt sich der
stolze Bau, den man Stolzenfels taufen möchte, wenn er nicht schon so
hieß, von dem waldesdunkeln Hintergrunde ab.
[Illustration: Abb. 75. Capellen und Schloß Stolzenfels.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 68.)]
Nach dem steten Anblick der steilen Rebengehänge des Rheintals, die
doch häufig kahl erscheinen, begrüßen wir die waldgeschmückten Berge
mit doppelter Freude. Solche begleiten uns nun auf beiden Seiten, bis
hinter den Bogen von zwei festen Rheinbrücken links das Häuserbild von
Coblenz (55000 Einw.) (Abb. 78) vor uns auftaucht.
Wir sind am ersten Ziele unserer Rheinfahrt, in Coblenz, angelangt.
Eine lange Reihe prächtiger Gasthöfe heißt am Stromesufer uns
willkommen. Weiter zieht „Lohengrin“, unser Schiff, um auch anderen
Rheinstädten Scharen von frohen Reisenden zuzuführen.
[Illustration: Abb. 76. Stolzenfels und Oberlahnstein.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 68.)]
[Sidenote: Coblenz, Geschichte.]
Die eigenartige Schönheit des Landschaftsbildes von Coblenz beruht
nicht zum wenigsten auf dem Wechsel zwischen waldgeschmückten
Bergkuppen und kahlen Felswänden. Besonders der Gegensatz zwischen
dem hochgewölbten, wohlgerundeten Kühkopf, der bis obenhin in dichtem
Waldkleide prangt und im Süden der Stadt aufsteigt, und zwischen der
schroffen, tief durchfurchten Felswand des Ehrenbreitsteins (Abb.
77), dessen felsiges Gepräge durch die Steinmassen der Festungswerke
noch verstärkt wird, beherrscht die Landschaft.
[Illustration: Abb. 77. Ehrenbreitstein.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 70.)]
[Illustration: Abb. 78. Der Rhein bei Coblenz.
Neue Photographische Gesellschaft in Berlin. (Zu Seite 68.)]
[Sidenote: Coblenz.]
Coblenz’ herrliche Lage ist unbestritten, und jeder, der vom Plateau
des Ehrenbreitsteins und von den andern Höhen hinabschaute auf
die Stadt, auf die beiden sich vermählenden Ströme und auf die
Waldberge ringsum, vermag das Bild dieses Anblicks im Geiste nicht
mehr zu löschen. Auch die Stadt Coblenz selbst schreitet jetzt einer
schnellern Entwicklung entgegen, nachdem ein enger Festungsgürtel
zu lange die Bautätigkeit gehemmt hatte. Besonders nach Süden hin
beginnt sich ein schöner, neuzeitlicher Stadtteil zu entwickeln.
In der Altstadt dagegen ist es düster und enge, besonders in dem
Stadtteil an der Mosel, in dessen Anlage wir den ältesten Kern von
Coblenz unschwer wiedererkennen. Ob das alte ~Confluentes~, benannt
nach dem Zusammenfließen von Rhein und Mosel, das in späterer Zeit
auch ~Castellum Confluens~ oder ~Castrum Confluentes~ oder kurz
~Confluentia~ hieß, nur eine römische Poststation bezeichnete, oder
ob schon frühzeitig ein römisches Bollwerk an diesem wichtigen
Punkte errichtet wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. Denn
bedeutende römische Bauwerke sind gar nicht erhalten, und auch auf
die Grundmauern derselben ist man nur selten gestoßen. Wie mächtige
Eichenpfähle, die man im Moselbette fand, bewiesen haben, führte in
der Römerzeit eine Brücke über die Mosel. Durch Chlodwig wurde das
römische Kastell in einen fränkischen Königshof verwandelt. Durch eine
Schenkung des Kaisers Heinrich ~II.~ gelangte dieser mit ausgedehntem
Domänenbesitz (~quaedam nostri iuris curtis nomine confluentia~) im
Jahre 1018 in den Besitz der Erzbischöfe von Trier. Der kleine Ort
wuchs zum Rheine hin, wo schon längst, ursprünglich auf einer Insel,
ein Kirchlein sich erhob. Die Gebeine des heiligen Kastor, der in
Carden an der Mosel gestorben war, wurden darin aufbewahrt. Die
Normannen zerstörten dasselbe im Jahre 822. Die jetzige Kastorkirche,
die älteste und geschichtlich interessanteste Kirche der ganzen
Gegend, stammt aus späterer Zeit, wohl aus dem zwölften Jahrhundert,
mit Bauresten jedoch aus früherer Zeit. Im Innern besitzt sie manche,
kunstgeschichtlich wertvolle Denkmäler. Nach außen wirkt der Bau,
besonders durch seine wenig belebte Umgebung, ziemlich nüchtern. Im
dreizehnten Jahrhundert wurde die immer mehr sich vergrößernde Stadt
mit Mauern und Festungswerken umgeben. So konnte sie Trutz bieten den
Stürmen der Kriegszeiten, und auch Handel und Gewerbe fanden die nötige
Sicherheit, um festen Fuß fassen zu können. Durch den Handelsverkehr
und durch Bündnisse mit anderen rheinischen Städten vermehrte Coblenz
sein Ansehen bedeutend. Es kann als ein Zeichen von Kraft gelten,
daß im vierzehnten Jahrhundert der Bau einer steinernen Moselbrücke,
die heute noch den Fluß mit ihren zahlreichen, gedrungenen Bogen
überspannt, geplant und ausgeführt werden konnte. Im Jahre 1343 war
die Anlage einer Brücke, „also schön als man in tewtcher Nacion soll
finden“, genehmigt worden. Schon im Jahre 1364 war sie fertig; denn
die Geschichte meldet, daß in diesem Jahre Karl ~IV.~ über dieselbe
seinen Einzug in Coblenz hielt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die
Moselbrücke erneut und in der neuesten Zeit, im Jahre 1884, damit
sie dem anspruchsvolleren neuzeitlichen Verkehr genügen könnte,
verbreitert. Den lebhaften Verkehr der Vorstadt Lützel-Coblenz und
der zahlreichen, in der fruchtbaren Rheinebene gelegenen Orte mit
der Stadt Coblenz hat sie zu vermitteln. Indem wir uns dem Strom der
Fußgänger, unter denen besonders Landleute und Soldaten vorwiegen,
anschließen, fällt unser Blick auf ein unmittelbar am Ausgange der
Moselbrücke stehendes altertümliches Gebäude. Es ist die alte Burg,
die sich die Kurfürsten von Trier errichten ließen. Ihr Bau stammt
aus dem Jahre 1276. Sie war ein Lieblingsaufenthalt des Kurfürsten
Lothar von Metternich, unter dessen Führung sich in ihren Mauern ein
bedeutungsvolles geschichtliches Ereignis, nämlich die Gründung der
katholischen Liga im Jahre 1609 vollzog. Nach der Fertigstellung
des am Rhein gelegenen Residenzschlosses gegen Ende des achtzehnten
Jahrhunderts verlor die alte Burg ihre Bedeutung. Die Neuzeit achtete
nicht die Weihe der Vergangenheit. Bis vor wenigen Jahren wurde in
dem stattlichen Gebäude eine Blechfabrik betrieben. Durch Ankauf
desselben hat die Stadt Coblenz dem unwürdigen Zustande ein Ende
gemacht. Sie will die alte Burg als Museum benutzen und in ihr die
städtische Gemäldesammlung unterbringen. Noch manche altertümliche
und interessante Gebäude besitzt Coblenz, so die aus dem Anfang des
zwölften Jahrhunderts stammende Florinskirche, die 1431 vollendete
Liebfrauen- oder Oberpfarrkirche, die ebenfalls alte, 1609 bis 1617
aber umgebaute Jesuitenkirche, das jetzt als Realgymnasium dienende
Kaufhaus, das im Jahre 1479 als Rathaus erbaut worden war, ferner das
1530 errichtete, mit einem hübschen Erker verzierte Schöffenhaus, in
dem die in der Umgegend gefundenen römischen und fränkischen Altertümer
untergebracht sind, und das ehemalige Deutsche Herrenhaus, das aber
mit Benutzung älterer Gebäudeteile aus dem fünfzehnten und siebzehnten
Jahrhundert umgebaut wurde und nun als Staatsarchiv dient, auf dem
„Deutschen Eck“. Am Rhein wurde vor einigen Jahren ein monumentales
neues Gebäude für die Königliche Regierung errichtet.
[Illustration: Abb. 79. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Coblenz. (Zu Seite
75.)]
[Illustration: Abb. 80. Kreuznach, vom Pavillon gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 88.)]
[Illustration: Abb. 81. Nahebrücke und Schloß Kauzenberg. (Zu Seite
89.)]
Das großartigste, schon einer neueren Zeit angehörende Gebäude von
Coblenz ist das jetzige Königliche Schloß, das frühere Residenzschloß
der Kurfürsten von Trier. Sein Erbauer ist der Kurfürst Clemens
Wenzeslaus, der für dasselbe eine für die damalige Zeit recht
bedeutende Bausumme von 650000 Talern aufwendete. Der langgestreckte
Bau ist sowohl auf der Rhein- als auch auf der Stadtseite, wo sich
der baumbesetzte Schloßplatz ausbreitet, mit einem achtsäuligen,
jonischen Portikus geschmückt. Einen reichen Wandel der Zeiten hat das
Schloß schon miterlebt. Im Jahre 1786 hielt sein Erbauer, der Kurfürst
Clemens Wenzeslaus, seinen feierlichen Einzug. Bis 1794 wohnte er in
ihm. Dann sah es die französischen Machthaber in seinen Gemächern,
die vorher von den französischen Soldaten ausgeplündert worden waren.
Unter preußischer Herrschaft diente es zunächst militärischen Zwecken.
Erst nachdem ihm König Friedrich Wilhelm ~IV.~ durch Stüler eine
neue Einrichtung gegeben hatte, konnte es seinem alten Zwecke wieder
dienen. Bald sollte das Schloß einen königlichen Bewohner erhalten.
Der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, bewohnte als
Militärgouverneur von Rheinland-Westfalen dasselbe in den Jahren 1850
bis 1858 mit seiner Gemahlin, der späteren Kaiserin Augusta. Während
dieser Zeit entwarf er, in gemeinsamer Arbeit mit hervorragenden
Offizieren, den Plan zur Reorganisation des preußischen Heeres. Seine
Gemahlin aber gewann den Coblenzer Aufenthalt so lieb, daß sie auch
als Königin und Kaiserin alljährlich im Frühling und im Herbst mehrere
Wochen das Schloß bewohnte. Ihre eigne Schöpfung sind die herrlichen
Rheinanlagen, die sich vom Königlichen Schlosse an, etwa 2½ ~km~ weit,
nach Süden längs des Rheines ziehen. Stände auch nicht das Denkmal
der hochherzigen Kaiserin inmitten der von schönen Promenadenwegen
durchzogenen Gehölzpartien, ein ehrenvolles Denkmal hat sie sich in
der schönen und daher zur Pflege des Schönen immerfort einladenden
Rheinlandschaft selbst gesetzt. Dankbaren Herzens erinnern sich die
Coblenzer der Donnerstag-Nachmittag-Konzerte, bei welchen die Kaiserin
mit Vorliebe unter den Spaziergängern und Konzertbesuchern weilte.
Als Kaiser Wilhelm nach den Emser Verhandlungen, bei Ausbruch des
Krieges von 1870, zusammen mit der Königin in den Anlagen erschien,
da umbrauste ihn die erste jener großartigen Huldigungen des Volkes,
die ihn begleiteten auf der ganzen Reise nach Berlin. Wir lesen die
Inschrift, die auf dieses Ereignis hinweist, und eine innere Stimme
ruft uns hin nach dem Deutschen Eck, wo wir dem Heldenkaiser vor
seinem großartigen Reiterstandbild (Abb. 79) erneut unsere Huldigung
darbringen können. Dasselbe ist wohl das großartigste rein persönliche,
von fast allem symbolischen und von allem historischen Beiwerk frei
gehaltene Denkmal der Welt. Die Rheinprovinz ließ es nach einem
Entwurf von Bruno Schmitz an dieser geschichtlich und landschaftlich
bedeutsamen Stelle, wo Rhein und Mosel ihre Fluten mischen, errichten.
Das 14 ~m~ hohe, in Kupfer getriebene Reiterbild des Kaisers ist von
einem 9 ~m~ hohen Genius, dem Träger der Kaiserkrone, begleitet. 22 ~m~
hoch erhebt sich der Unterbau des Denkmals, und dieser ist von einer
halbkreisförmigen, 18 ~m~ hohen Pfeilerhalle umgeben. Über eine 45 ~m~
breite untere Freitreppe steigen wir zur 1200 ~qm~ großen Hochterrasse
und lesen am Unterbau des Denkmals über einem mächtigen Adlerrelief
die in gotischen Buchstaben geschriebene Widmung „Wilhelm dem Großen“.
Ein Fußrelief zeigt uns, auf den Zusammenfluß von Rhein und Mosel
hindeutend, den Vater Rhein und die aus den Fluten auftauchende
Mosella. Im Jahre 1897 fand die Enthüllung des Denkmals statt, durch
dessen Errichtung an dieser bevorzugten Stelle zugleich ein neuer
schöner Standpunkt zur Betrachtung des herrlichen Landschaftsbildes von
Coblenz gewonnen wurde.
[Illustration: Abb. 82. Der Rheingrafenstein. (Zu Seite 91.)]
[Illustration: Abb. 83. Münster am Stein. (Zu Seite 92.)]
[Illustration: Abb. 84. Die Ebernburg. (Zu Seite 92.)]
Coblenz hat wohl zu allen Zeiten vorwiegend eine strategische Bedeutung
gehabt. Von der Stelle aus, wo es seine Bollwerke errichtete, konnte
dem Rheintal und dem quer zu diesem gerichteten Moseltale zugleich
Schutz geboten werden. Auch das etwas oberhalb sich öffnende Nebental
der Lahn, das die nur etwas verschobene Fortsetzung des Moseltales
bildet, war durch Coblenz geschützt. Riesige Summen sind auf die
Befestigung der meisten der rings um die Stadt aufsteigenden Höhen
verwendet worden, besonders des Ehrenbreitsteins. Dieser Berg trug
schon im Mittelalter eine kurtrierische Landesfestung, die im
Dreißigjährigen Kriege eine bedeutende Rolle spielte und im Jahre
1799 von den Franzosen erst nach einer heldenmütigen Verteidigung
erobert wurde. Die heutigen Festungswerke stammen aus den Jahren 1816
bis 1826. Sie wurden unter Leitung des preußischen Generals von Aster
aufgeführt. Einst galten sie als uneinnehmbar. In der Neuzeit haben
sie jedoch, infolge der großen Verbesserungen des Geschützwesens, ihre
frühere Bedeutung fast ganz eingebüßt. Von benachbarten Bergkuppen
aus können sie, sowie die Feste Asterstein, die sich auf derselben
Rheinseite auf der Pfaffendorfer Höhe erhebt, die auf der linken
Rheinseite gelegene Kartause und die noch nördlich von der Mosel in
der Rheinebene gelegenen Vorwerke leicht zusammengeschossen werden. So
ist Coblenz aus einer Festung ersten Ranges zu einer Festung zweiten
Ranges herabgesunken, die nur noch durch ihre starke Besatzung und als
Kommandositz des ~VIII.~ Armeekorps an ihre frühere hohe strategische
Bedeutung erinnert.
[Illustration: Abb. 85. Hutten-Sickingen-Denkmal auf der Ebernburg.
(Zu Seite 94.)]
Als Kreuzungspunkt zweier großen Talfurchen, der Rhein- und der
Mosel-Lahn-Furche, hat Coblenz eine wichtige Verkehrslage. Schon
ein Blick auf sein Landschaftsbild, auf seine drei Rhein- und zwei
Moselbrücken, unter denen sich im ganzen drei Eisenbahnbrücken
befinden, überzeugt uns hiervon. Die geringe Verschiebung des Lahntales
nach Süden bewirkte aber, daß als besonderer rechtsrheinischer
Verkehrsmittelpunkt neben Coblenz auch die Doppelstadt Ober- und
Niederlahnstein aufblühen konnte, so daß jenem nur die Fortführung
des linksseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Moselverkehrs, dieser
dagegen die Fortführung des rechtsseitigen Rhein- und die Anknüpfung
des Lahnverkehrs zufielen. Erhöht wird die Gunst der Lage von Coblenz
durch die unmittelbare Nachbarschaft eines größeren, sehr fruchtbaren
Talbeckens, der gut angebauten Niederung des Neuwieder Beckens. Indem
aber der Rhein die Stadt von dessen rechtsrheinischem und die Mosel
sie von seinem linksrheinischen Teile abschloß, konnte sie nicht
verhindern, daß neben ihr in dem einen Neuwied (fast 20000 Einw.), in
dem anderen Andernach (9000 Einw.) als größere Orte aufblühten, die
besonders für das Gebirgshinterland des Westerwaldes und der Eifel
Bedeutung erlangten. So hatte Coblenz auch mit hemmenden Einflüssen zu
kämpfen, die es ihm erschwerten, ein weites Gebiet wirtschaftlich eng
an sich zu gliedern. Seine Lage ist in Wirklichkeit keine so zentrale
als die von Frankfurt oder Mainz oder selbst als die von Trier.
Immerhin genügt die Gunst der Lage, um der Stadt den Vorrang, der ihr
als Sitz der Provinzial-, Regierungs- und Militärbehörden zugefallen
ist, auch wirtschaftlich zu stützen. Die endlich in Fluß gekommene
Stadterweiterung wird auch mancherlei Gewerben, die bisher in dem engen
Festungsgürtel keinen Raum finden konnten, eine Heimstätte bieten
können. Von Bedeutung ist gegenwärtig nur die Champagnerbereitung,
deren Entwicklung an den lebhaften Weinhandel anknüpfte, den Coblenz
betreibt. Alljährlich finden im Frühling und Herbst bedeutende
Weinversteigerungen statt. Coblenz ist auch ein Mittelpunkt des Obst-
und besonders des Kirschenhandels. Der reiche Kirschensegen der
Orte Salzig am Rhein und Güls an der Mosel geht zum großen Teil zum
Coblenzer Kirschenmarkt, der Anfang bis Mitte Juni abgehalten wird, und
auf dem sich zahlreiche Händler einfinden. Gegenwärtig zählt Coblenz
55000 Einwohner. Zählen wir die Nachbarorte Moselweiß, Ehrenbreitstein
und Pfaffendorf, wo viele Coblenzer Familien Wohnung suchen mußten, die
die eingeengte Stadt ihnen früher nicht zu geben vermochte, so erhalten
wir eine Gesamtbevölkerung von etwa 75000.
[Illustration: Abb. 86. Die Altenbaumburg. (Zu Seite 94.)]
V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltal.
[Sidenote: Der Hunsrück.]
Der Hunsrück ist ein geographisch scharf abgegrenztes Gebiet.
Im Osten trennt ihn die etwa 200 ~m~ tiefe Rheinfurche von dem
Taunus, im Norden zieht die Mosel eine fast ebenso tiefe Furche als
Scheidelinie gegen die Eifel, im Westen bezeichnet der bedeutendste
Zufluß der Mosel, die wasserreiche Saar, die Grenze, und nur im Süden
ist die Abgrenzung des Gebietes nicht so scharf. Im Südosten bildet
die Nahe als ein kleinerer Fluß schon eine viel weniger deutlich
ausgeprägte Grenzlinie, und im Südwesten geht der Hunsrück unmerklich
in das hügelige Gelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges über.
Schwieriger ist es, den Hunsrück auch als eine geologische Einheit
abzugrenzen. Mit dem Taunus stimmt er in seinem inneren Bau so überein,
daß der eine als die Fortsetzung des anderen betrachtet werden muß
und die nachfolgenden geologischen Bemerkungen auch für jenen gelten
können. Der von den Geologen mit Vorliebe für den Hunsrück gebrauchte
Name „Linksrheinischer Taunus“ drückt die Zusammengehörigkeit der
beiden Gebiete deutlich aus. Die Rheinfurche ist nichts weiter als
ein großartiger Durchschnitt durch die Taunusfalte des Rheinischen
Schiefergebirges, und einen zweiten Durchschnitt schuf fern im Westen,
wo diese Erdfalte noch nicht völlig verflacht ist, die Saar. Erst eine
kleine Strecke westlich von dieser Talfurche tauchen die Schichten
des Hunsrück unter die lothringische Trias unter. Im Norden kommt
der Moselfurche in geologischer Hinsicht eine ganz andere Bedeutung
zu als der Rheinfurche. Sie trennt die Taunus-Hunsrückfalte von dem
ebenfalls nordöstlich gerichteten Faltensystem der Eifel. In der
Moselsenkung fanden auch nach der Aufrichtung jener Faltengebirge noch
neue Erdbildungen statt. Das Buntsandsteinmeer und in noch jüngerer
Zeit das Jurameer griffen von Westen in dieselbe hinein und ließen
wenigstens im westlichen Teile ihre Bildungen entstehen. Im Osten
aber, in der Verlängerung der Moselfurche, brach das Senkungsfeld des
Neuwieder Beckens ein, das die vier großen Schollen des Rheinischen
Schiefergebirges, Taunus, Hunsrück, Eifel und Westerwald, auf der
Ecke, wo sie zusammenstoßen würden, deutlicher voneinander trennte,
als es Flußtäler vermögen. Im Süden bezeichnet die Diskordanz (=
ungleiche Lagerung) der karbonischen Schichten des Saarbrückener
Steinkohlengebirges und des Rotliegenden, die die Faltenbewegung des
Hunsrück nicht mehr zeigen, also erst nach dieser entstanden sind,
dessen Grenze. Im Gebiet des Rotliegenden fanden, in der Nahegegend,
die vulkanischen Ausbrüche des schwärzlichen Melaphyr- und des
rötlichen Porphyrgesteins statt.
[Illustration: Abb. 87. Kirn und die Kyrburg. (Zu Seite 94.)]
[Sidenote: Der Hunsrück, Entstehung und Namen.]