In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele

Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben

uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in

modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen

französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas!

Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte.

Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und

allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären

wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns

in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden

Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor.

Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die

Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen

und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere

Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen

Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch

vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren!

Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme!

Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die

Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war,

meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ (Abb. 58) ist ihr jetziger Name.

Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern

Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689

in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem

Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht

des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm

weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem

Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg

Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der

Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie

die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur

Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder

Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal.

Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem

mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der

Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen

Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen.

Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine

Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte

die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte

niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der

Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit

wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.

[Illustration: Abb. 56. Der Mäuseturm und Burg Ehrenfels. (Zu Seite

48.)]

[Sidenote: Falkenburg. Sooneck. Heimburg.]

Weiter geht die Fahrt. Da ist kein Auge, das nicht die neuen Bilder

mit Spannung erwartet und freudig grüßt. Im Reisehandbuch und auf der

Karte wird aufmerksam die Fahrt verfolgt. Sollen doch die schönen

Bilder weiter leben, zusammen mit ihren berühmten Namen! Längst liegt

Aßmannshausen (Abb. 59) hinter uns, und auch Burg Rheinstein auf der

anderen, der linken Rheinseite entschwindet jetzt unseren Blicken. Die

lange Häuserreihe des Ortes Trechtingshausen, überragt von den Ruinen

der Falkenburg (Abb. 60), einer der Raubburgen, die der rheinische

Städtebund 1252 zerstören ließ, gleitet vorüber.

[Illustration: Abb. 57. Das Rheinknie bei Bingen. (Zu Seite 48.)]

Dann steigt, über dem Eingang einer engen Bergschlucht, der schlanke

Turm der prächtigen Burg Sooneck (Abb. 61) empor. Auch sie erstand

durch Fürstengunst aus ihren Trümmern. Der „Prinz von Preußen“, der

spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, erwarb sie zusammen mit seinem Bruder

Prinz Karl von Preußen und ließ sie von 1834 ab neu herstellen. Ihr

erster Erbauer war der Erzbischof Willigis von Mainz, der zu Anfang

des elften Jahrhunderts lebte. Aber später wurde sie, gleich der

Falkenburg, ein Räubernest, und König Rudolf von Habsburg ließ sie

zerstören. Neu erstand sie aus ihrem Schutt, bis spätere Zeiten sie

wieder zerstörten. Daß die Burg Sooneck auch in unserer Zeit in neuer

Pracht hergestellt wurde, verdankt sie der prächtigen Aussicht, die

sie darbietet. „Seeartig erscheint von den Zinnen der Burg aus in

ruhiger Majestät der Spiegel des Stromes, grüne Inseln spiegeln sich

in seinem Bette, und die üppigen Weingelände von Lorch (Abb. 62)

und Trechtingshausen scheinen sich auf den Strommauern fortsetzen

zu wollen. Wild starren über den Weinbergen, die rechts den edlen

Bodentaler liefern, die Felsklippen empor; ein Bergpfad durchzieht

die finstere Schlucht der Burg zu Füßen; er führt auf des Soonwaldes

wildreiche Höhen, wo der Eber noch den Boden aufwühlt und der Hirsch

mit den gewaltigen Stangen den Buchenwald durchästet“ (Mehlis).

[Illustration: Abb. 58. Schloß Rheinstein. (Zu Seite 50.)]

[Sidenote: Lorch.]

Bis südlich von Lorch (Abb. 62), das schmuck auf dem rechten Ufer

bald vor uns auftaucht, während links das langgestreckte Dorf

Niederheimbach und die Heimburg grüßen, bauen sich die Talwände aus

Taunusquarzit auf. Es war ein mühevolles Werk, das der Rheinstrom

beim Einsägen in dieses harte Gestein auszuführen hatte. Noch hat er

es nicht ganz vollendet, noch lauern überall Quarzriffe unter seinem

Wasserspiegel, besonders bei niedrigem Wasserstande die Schiffahrt sehr

gefährdend. An vielen Stellen mußten, wie am Binger Loch, umfangreiche

Sprengungen vorgenommen werden, um diese überhaupt möglich zu machen.

Auf der folgenden Strecke, auf der der Rhein den Hunsrückschiefer

zu durchfurchen hatte, war das Werk wohl leichter. Aber manche

harte Felsbänke durchsetzen auch dort den Strom und lassen ihn wild

aufbrausen, so am Wilden Gefährt bei Bacharach, ferner bei Caub, wo

die Pfalz, eine kleine Burg, auf einem Felsen mitten im Strom erbaut

ist, sowie besonders auf der Strecke zwischen dem Kammereck und der

Lorelei. Mit dem Eintritt in den Hunsrückschiefer geht zugleich eine

große Veränderung in dem Gepräge der Landschaft vor sich. Während

der Quarzit eine ziemlich gleichmäßig zusammengesetzte Gesteinsmasse

bildet, ist der Schiefer in seinen einzelnen Lagen oft sehr verschieden

beschaffen und von ungleicher Härte. Infolgedessen sind die Formen, die

die Verwitterung und die gewaltsame Zerstörung durch den Strom und der

einmündenden Bäche entstehen ließen, mannigfaltiger, und malerischer

ist das Bild der Felswände, die ihre wuchtige Gesamterscheinung durch

einen reichen Wechsel zwischen beleuchteten kleinen Vorsprüngen und

dunkeln Klüften beleben können.

[Illustration: Abb. 59. Aßmannshausen. (Zu Seite 50.)]

Zwischen trotzigen Schieferwänden geht also die Fahrt weiter. Schon

gleich die Ruinen der hinter dem Städtchen Lorch aufragenden Burg

Nollich zeigen sich uns auf zackigem Schieferberge. Ein scharfer

Felsgrat tritt aus dessen südwestlichem Abhange heraus, die

Teufelsleiter genannt. Ein Ritter von Lorch soll einst an dieser

Stelle hinaufgeritten sein, um durch diese kühne Tat die Hand eines

Edelfräuleins zu erringen. Lorch selbst ist ein sehr alter Ort. Schon

844 wird es als Lorecha erwähnt. Im Mittelalter wohnten daselbst

viele Adlige, die, nach dem Wortlaut einer Urkunde, ein „Leben wie

im Paradiese“ führten. Auch heute hat Lorch noch manche historisch

interessante Gebäude. Die aus dem dreizehnten bis fünfzehnten

Jahrhundert stammende Martinskirche, die sich durch ihr herrliches

Geläute auszeichnet, enthält mehrere bemerkenswerte Grabdenkmäler, so

das Denkmal des Ritters Johann Hilchen von Lorch, eines Waffengenossen

Sickingens, der „in den Zügen gegen den Erbfeind, den Dürcken,

und den König zu Francreich in den Jahren 1543 und 1544 oberster

Veltmarschalck“ war. Auch das fünfstöckige Wohnhaus dieses Ritters

wird in Lorch noch gezeigt.

[Sidenote: Wispertal. Fürstenberg. Bacharach.]

Bei Lorch mündet das Wispertal in das Rheintal. Kalte Winde führt es

diesem zu, Bergwinde, die die im Rheintale aufsteigende warme Luft zu

ersetzen suchen und dem Weinbau viel Schaden zufügen.

[Illustration: Abb. 60. Die Falkenburg (Schloß Reichenstein). (Zu Seite

52.)]

Von Lorch und Burg Nollich wenden wir den Blick ab und schauen nach

links auf die gegenüberliegende Bergwand, die den kalten Windhauch

des Wispertales empfängt. Von der Höhe grüßen uns die Ruinen der Burg

Fürstenberg. Einst fuhr ein neugewählter deutscher Kaiser, Adolf von

Nassau war es, hier vorbei, auf dem Wege zur Krönung nach Aachen. Da

gebot die pfälzische Besatzung dieser Burg seinem Schifflein Halt und

forderte trotzig den Rheinzoll. So geschehen im Jahre 1292. Noch sinnen

wir nach über eines solchen Kaisers Herrlichkeit, der seine Kaiserwürde

verzollen mußte, da taucht, schimmernd im Lichtglanze des Tages, das

alte ehrwürdige Städtchen Bacharach (2000 Einw.) (Abb. 63) aus den

Fluten vor uns auf. Malerisch überragen es die roten Sandsteinbogen

einer gotischen Kirchenruine und die weitläufigen Mauertrümmer der oft

und heiß umstrittenen Burg Stahleck. Das Schiff mäßigt die Fahrt, um an

der Landebrücke anzulegen, und in Muße können wir das Bild betrachten,

dessen einzelne Züge so viele historische Erinnerungen in uns wecken.

Die mittelalterlichen Stadtmauern, die von der Burg herabkommen und

noch fast die ganze Stadt umschließen, machen uns schon klar, daß diese

eine lange Geschichte zu erzählen weiß. Im Mittelalter wurde kaum

ein Ort mehr genannt als Bacharach, und auch in der weiten Welt war

es überall bekannt. Kamen doch von dort die herrlichsten Weine, wie

Widtmanns musikalisches Kurzweil aus dem Jahre 1632 uns meldet, worin

es heißt:

Zu Klingenberg am Main,

Zu Würzburg an dem Stein,

Zu Bacharach am Rhein,

Hab’ ich in meinen Tagen

Gar oftmals hören sagen,

Soll’n sein die besten Wein’!

[Illustration: Abb. 61. Schloß Sooneck.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 52.)]

[Sidenote: Bacharach. Stahleck.]

Wohl haben Bacharachs Rebengehänge eine günstige Lage; denn unterhalb

der Stadt macht der Rhein eine Biegung, so daß auf dieser Strecke die

linke Bergwand mehr Sonnenbestrahlung und den warmen Hauch von Süden

empfängt. Aber dennoch ist die Lage nicht so hervorragend günstig, und

es sind nur mittelmäßige Weine, die bei Bacharach und in der Umgegend,

so im Blüchertal, das den beliebten Steeger liefert, wachsen. Der

hohe Ruf der Weine von Bacharach in früherer Zeit hatte einen anderen

Grund. Im Mittelalter war die Stadt der Stapelplatz für die meisten

Weine, die im oberen Rheintal und in dem angrenzenden Rheingau, der

besten Weingegend Deutschlands, wuchsen. Die zahlreichen Felsklippen

im Rhein machten nämlich die Schiffahrt zwischen Bacharach und Bingen

fast unmöglich. Die herrlichen Rheingauer Weine mußten auf Fuhren

nach Bacharach gebracht werden und wurden dort erst auf die Schiffe

verladen. So galten sie als Bacharacher Weine. Die frühere Bedeutung

hat Bacharach mit der Erweiterung der Rheinschiffahrt und dem Ausbau

des Eisenbahnnetzes verlieren müssen. Doch besitzt es noch immer

einige Bedeutung auf dem Gebiete des Weinhandels. Denn in den Tälern

von Steeg, von Oberdiebach und Manubach wächst eine Fülle von Wein.

Im Innern macht Bacharach einen altertümlichen Eindruck. Noch viele

alte Fachwerkbauten, Giebelhäuser mit weit vorstehendem und dadurch

schwerfällig überhängendem Obergeschoß engen die Straßen ein. Ein

altberühmtes Fachwerkhaus mit turmartigem Erker, das aus dem Jahre

1568 stammt, wurde 1897 zum Teil auf Staats- und Provinzialkosten

neu hergestellt. Hinter der spätromanischen Peterskirche steigt auf

einer kleinen Anhöhe der auch als Mauerruine noch schöne Bau der

ehemaligen Wernerskirche vor uns auf. In zierlichem gotischem Stil

war diese 1293 in Form eines Kleeblattes erbaut worden; das Maßwerk

in den Fensteröffnungen, in denen nun der Wind sein Spiel treibt,

veranschaulicht noch die edlen Formen des Baues. Nun hinauf zur Burg

Stahleck! An der Einmündung des breiten Steeger- oder Blüchertales, das

den Zugang zur Hochfläche des Hunsrück bildet und auch von Blücher als

Marschroute auf dem Zuge nach Frankreich gewählt wurde, gelegen, war

sie ein strategisch wichtiger Punkt. Nicht weniger als achtmal wurde

sie im Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1620 und 1640, nebst der Stadt

von den Franzosen erobert, die sie auch 1689 zerstörten.

[Sidenote: Die Pfalz. Caub. Oberwesel.]

Von Eindrücken, die frühere oftmalige Einkehr im alten Bacharach

zurückgelassen hatte, durfte ich in Kürze erzählen. Nur zu schnell

setzt sich unser Schiff „Lohengrin“ wieder in Bewegung, und neue Bilder

verdrängen die alten. Die zierliche Pfalz, mitten im Strome gelegen und

von dessen Wogen oft wild umbraust, läßt uns vorübergleiten, und rechts

begleitet uns die lange Häuserreihe von Caub, überragt von der Burg

Gutenfels, die vor kurzem ausgebaut wurde. Am Ufer steht, der Pfalz

gegenüber, seit 1894 ein Denkmal Blüchers (Abb. 65). Es ist die Stelle,

wo dieser mit einem preußischen und einem russischen Armeekorps in

der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. Mit Hilfe der Cauber

Schiffer wurde die Pontonbrücke geschlagen, für die die Felsklippe

der Pfalz einen vortrefflichen Stützpunkt darbot. Bei Caub wird der

beste rheinische Dachschiefer gewonnen. In dem schwärzlichen Gestein,

dessen Farbe die Sonnenstrahlen stärker auf sich sammelt, gedeiht auch

vortrefflich die Rebe.

Mit freudigem Staunen wenden wir uns dann dem prächtigen Bilde zu,

das am linken Stromesufer im Rahmen einer der schönsten Landschaften

des Rheintales erscheint, dem mit Kirchtürmen, Ringmauern und

zinnengekrönten Türmen reich geschmückten Städtchen Oberwesel (2800

Einw.) (Abb. 64). Von der Bergeshöhe schaut ernst die in Trümmern

liegende Schönburg hinab auf die freundlichen Gärten im Tale, aus denen

schmuck die zahlreichen Landhäuser Oberwesels herauslugen.

[Illustration: Abb. 62. Lorch.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 52.)]

[Illustration: Abb. 63. Bacharach und Burg Stahleck. (Zu Seite 54.)]

[Sidenote: Die Lorelei.]

Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der

hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe

umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer

neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige

Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 ~m~ über dessen

Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen (Abb.

66). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins

steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der

Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das

Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze

golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den

schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen,

der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der

die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum

Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von

der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe

der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische,

auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim

Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben.

Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze

des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des

Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche

Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten

Bergesspitze hernieder klingt.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar,

Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme

Und singt ein Lied dabei,

Das hat eine wundersame,

Gewalt’ge Melodei.

Dem Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh,

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, am Ende verschlingen

Die Wellen noch Schiffer und Kahn,

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

(¯Heine.¯)

Die Abstammung des Wortes Lorelei ist nicht völlig aufgeklärt. Die

einen wollen es, an das schöne Echo, das vom Berge widerklingt,

erinnernd, als „lauter Fels“ deuten. In der Bibelübersetzung Luthers

wird „lören“ in dem Sinne von „heulen, laut jammern“ gebracht.

Die Übersetzung „Totengesangfelsen“ würde zu der mit der Lorelei

verknüpften Sage passen.

[Illustration: Abb. 64. Oberwesel.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 56.)]

[Illustration: Abb. 65. Blücherdenkmal in Caub und Burg Gutenfels.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 56.)]

Von den steilen Bergwänden, die sich bis auf 165 ~m~ einander

nähern, während die Breite des Rheines bei Rüdesheim 830 ~m~ beträgt,

eingeengt, mußte der gefesselte Strom mit um so größerer Gewalt sich an

den Felsen brechen, die in seinem Bette aufragten. Bis zu einer Tiefe

von 27 ~m~ hat er dasselbe ausgefurcht. Tiefdunkel sind daher seine

Fluten, in die aber früher hier und da einzelne härtere Felsklippen

höher, gefahrdrohend für die Schiffahrt, hinaufragten, bis Sprengungen

sie beseitigten. Der helle Sonnenschein, der unserer Rheinfahrt lacht,

gibt nicht das rechte Stimmungsbild in diesem engsten, schluchtartigen

Teile des Rheintals. Wenn Gewitterwolken über dem Strome sich ballen

oder die Rheinnebel durch das Tal wallen, wenn aus dem Wolkengrau,

dem weißen Nebelschleier wie schwarze Mauern die trotzigen Bergwände

mit den Trümmerresten der Burgen herausschauen, dann erst entsteht

eine Stimmung, die in diese Landschaft hineinpaßt und uns ein düsteres

Fjordbild von Norwegens felsiger Küste vortäuschen könnte.

[Illustration: Abb. 66. Die Lurlei.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 56.)]

[Illustration: Abb. 67. St. Goar und Rheinfels.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 60.)]

[Sidenote: St. Goar. Rheinfels. Katz und Maus. Die Brüderburgen.]

Unterhalb des Loreleifelsens wird der Rhein wieder breiter, und bei St.

Goarshausen, dem das alte Städtchen St. Goar (Abb. 67) gegenüberliegt,

fand sich sogar Raum genug zur Anlage eines Sicherheitshafens, in

dem die Schiffe zur Winterzeit vor dem Eisgange oder zu anderen

Jahreszeiten vor plötzlich eintretendem Hochwasser Schutz suchen

können. Während über St. Goarshausen der hohe Turm der 1393 erbauten

Burg Katz (Abb. 68) emporragt, ist St. Goar durch die Ruinen der

umfangreichen Burg Rheinfels (Abb. 69), die mehr als 100 Jahre

älter ist, malerisch geschmückt. Die Besitzer dieser beiden Burgen

waren die Grafen von Katzenelnbogen, die eine Stunde landeinwärts

auch die Burg Reichenberg (Abb. 70) besaßen. Spottweise nannten

diese eine andere Burg, die wenig unterhalb von der rechten Talwand

herniederschaut, die Maus. Dann erscheinen auf derselben Seite, nach

einer längeren Strecke, auf wildgerissenen Felsen die Trümmer der

beiden „Brüderburgen“ Liebenstein und Sterrenberg. Eine tiefe Schlucht

trennt die beiden Burgen voneinander, über die die Geschichte wenig

Verbürgtes zu melden weiß. Gesprächiger ist die Sage. Sie erzählt

von zwei Brüdern, die, nachdem sie ihre blinde Schwester bei der

Erbschaftsteilung betrogen haben, selbst miteinander in heftigen Streit

geraten und sich gegenseitig töten. Anders berichtet Horn die Sage.

Zwei Brüder liebten eine Maid -- Gräfin Laura nennt Heine sie -- und

gerieten darüber in Streit.

„Wehe! Wehe! Blut’ge Brüder!

Wehe! Wehe! Blut’ges Tal!

Beide Kämpfer stürzen nieder,

Einer in des andern Stahl.“

(¯Heine.¯)

[Illustration: Abb. 68. St. Goarshausen und Ruine Katz.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 60.)]

[Illustration: Abb. 69. Ruine Rheinfels, mit Durchblick nach St.

Goarshausen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 60.)]

[Illustration: Abb. 70. Burg Reichenberg bei St. Goarshausen.

Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 60.)]

[Sidenote: Salzig.]

Gegenüber den beiden Brüderburgen und dem Kloster Bornhofen, einem

vielbesuchten Wallfahrtsort, liegt, umschattet von Hunderten von

Kirschbäumen, das Dörfchen Salzig. Im Frühling entfalten die

Kirschenhaine einen Blütenschmuck, daß das Auge, wie schon Wolfram von

Eschenbach sang, „schier trunken wird ob solcher Pracht“. Im Juni aber,

wenn die Kirschenernte stattfindet, fließt ein reicher Goldsegen in

den berühmten Kirschenort. In kleinen Körbchen wandern die rotbackigen

süßen Früchte auf den Kirschenmarkt nach Coblenz, wo zahlreiche Händler

aus allen Städten des Niederrheins, sowie aus Holland und England sich

einfinden. Bei guter Ernte soll Salzig einen Erlös von 200000 Mark aus

seinen Kirschen machen. Auch die Rheinorte, die weiter unterhalb vom

baumgeschmückten Strand grüßen, wie Camp, das Städtchen Boppard, ferner

Filsen, Osterspay, Ober- und Niederspay, treiben neben dem Weinbau

einen bedeutenden Obstbau. Im Frühling sind diese Ortschaften von dem

weißen Blütenmeer der Kirschbäume, in dem hier und da, wie ein duftiger

Strauß, das liebliche Rosa eines Pfirsichbaumes erscheint, umrahmt.

[Sidenote: Boppard.]

Zwar lacht nicht des Frühlings Blütenpracht bei der Ankunft unseres

Schiffes, des stolzen „Lohengrin“, im gastlichen Boppard (6600 Einw.)

(Abb. 71). Aber der Schmuck der schönen Gärten, die die zahlreichen

Villen umgeben, erfreut unser Auge und lockt mehr noch die, welche mit

ihrem Reisebündel bereit stehen, das Schiff zu verlassen. Genußreiche

Wanderungen werden sie hinauf führen zur Bergeshöhe, wo der Landschaft

Pracht zu ihren Füßen liegt, zum Vierseenplatz, wo sie den sich

krümmenden Rheinlauf vierfach zwischen den Bergen aufblitzen sehen,

oder in das anmutige Mühltal (Abb. 72). So heiter lacht des Lebens,

der Gegenwart frischer Reiz, und fast vergessen wir, den Geist in die

lange Geschichte zu versenken, von der Boppard zu erzählen weiß. Von

den Kelten wurde das alte Bodobriga gegründet. Die Römer errichteten

daselbst ein Wurfmaschinendepot (~balistarii Bodobricae~). Im vierten

Jahrhundert n. Chr. wurde der Ort von ihnen von neuem stark befestigt.

Bedeutende Reste dieser spätrömischen Festungsanlage sind noch

erhalten. Es konnte festgestellt werden, daß dieselbe ein Rechteck

von etwa 300 ~m~ Länge und halber Breite bildete und von einer 3 ~m~

dicken und 8 ~m~ hohen Ringmauer, in der sich vier runde Ecktürme

und 24 halbrunde Mauertürme befanden, umgeben war. Im dreizehnten

Jahrhundert wurde Boppard, das seit dem zwölften Jahrhundert freie

Reichsstadt gewesen war, zusammen mit Oberwesel an den Erzbischof von

Trier verpfändet. Von mittelalterlichen Gebäuden sind besonders die

in der Mitte der Stadt gelegene spätromanische Pfarrkirche, deren

alte Malereien 1894 und 1895 sorgfältig erneuert wurden, die gotische

Karmeliterkirche und die ehemalige kurtriersche Burg, die jetzt als

Amtsgericht dient, zu nennen.

[Illustration: Abb. 71. Boppard und Filsen von „Alte Burg“ aus gesehen.

Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in

Berlin-Steglitz. (Zu Seite 64.)]

[Sidenote: Die Bopparder Hamm. Marksburg.]

Am Rhein · 第 4 / 17 段