Einw.) (Abb. 25), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt
des deutschen Kaisers Wilhelm ~II.~ geworden ist. Das dortige Schloß
(Abb. 26), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet
ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg
war, wurde 1680 bis 1685 von dem Landgrafen Friedrich ~II.~ aufgeführt
und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt
aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert.
Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum
mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde
entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit
einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede
sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung
befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die
Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten
Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen
ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen
Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend
zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist
kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen
inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der
Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem
Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad
erbaut.
[Illustration: Abb. 40. Das Rathaus in Wiesbaden. (Zu Seite 40.)]
[Sidenote: Die Saalburg.]
Eine elektrische Bahn führt uns bequem von Homburg zu der 420 ~m~ über
dem Meere gelegenen Saalburg. Dort grüßt uns ein lebenswahres Bild der
Römerzeit. Das in seiner ganzen Anlage freigelegte Römerkastell ist
wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt worden. Es bildet ein
Rechteck von 221 × 146 ~m~, mit einem Flächeninhalt also von über 32000
~qm~. Die Ecken sind abgerundet. Vier Tore führten in das Kastell.
Auf der Südseite öffnet sich uns die 8,2 ~m~ breite ~Porta decumana~.
Eine 3 ~m~ hohe Mauer und zwei Spitzgräben umgeben die Anlage. Am
11. Oktober des Jahres 1900 wurde durch Kaiser Wilhelm ~II.~, der
ein hohes Interesse für den Wiederaufbau der Saalburg bekundete, der
Grundstein zum Hauptgebäude in der Mitte, zum ~Praetorium~ (Abb. 27),
unter Veranstaltung eines glanzvollen Festes gelegt. Vor diesem Bau,
der als Limes-Museum dient, wurde dem ersten Erbauer der Saalburg, dem
römischen Kaiser Antoninus Pius, ein Denkmal errichtet.
[Sidenote: Der Limes.]
Die Saalburg bildete ein Glied der 542 ~km~ langen Befestigungslinie,
mit welcher die Römer den unterjochten Teil Germaniens umzogen, um das
Land vor den Einfällen der übrigen germanischen Stämme zu schützen,
des Pfahlgrabens oder Limes. Derselbe begann bei Kehlheim an der
Donau, lief als rätischer Limes von dort nach Lorch bei Stuttgart
und als obergermanischer Limes über Miltenberg am Main, über den
Taunus und über Ems und endete am Rhein bei Rheinbrohl. Er bestand
aus einer Grenzmarkierung, aus einem Erddamm mit aufgesetzter Mauer
und davorliegendem Graben und aus etwas zurückliegenden Wachttürmen
und Kastellen. Die Grenzmarkierung bestand entweder nur aus Steinen
oder streckenweise auch aus Palisadenreihen. Ursprünglich war wohl nur
diese Anlage, die man einen ~limes perpetuus~ nannte, vorhanden. Die
Palisaden bildeten ein Annäherungshindernis und für die Patrouillen
einen Schutz. Als später der Erdwall angelegt wurde, verlor die
Grenzmarkierung ihre Bedeutung. Die Wachttürme waren anfangs Holz-,
später Steintürme. Sie lagen gewöhnlich 30 ~m~ hinter dem Erdwall
und etwa 750 ~m~, also auf Signalweite, voneinander. Kastelle waren
überall dort angelegt, wo ein Flußlauf die Befestigungslinie kreuzte.
Am rätischen Limes waren sie, weil dort die Bodenform eine günstige
war, selten, um so zahlreicher am obergermanischen. Bisher sind etwa
70 Kastelle bekannt. Die größten hatten einen Innenraum von etwa 60000
~qm~ und eine Besatzung von 1000 Mann, die mittleren waren 20000 bis
35000 ~qm~ groß und mit 500 Mann belegt, die kleinsten maßen nur 5000
bis 8000 ~qm~ und hatten nur eine kleine Besatzung. Alle hatten die
Aufgabe, Flußtäler und Straßen zu sperren. Sie waren also Sperrforts
und als solche festungsmäßig mit Türmen versehen und mit Ballisten,
d. h. Wurfgeschützen ausgerüstet. Die Besatzung mußte imstande
sein, kleine Feindesscharen zurückzuweisen, größere aber so lange
aufzuhalten, bis die Legionen herankamen.
[Illustration: Abb. 41. Das Kurhaus in Wiesbaden.
Nach einer Photographie von Hofphotograph Karl Schipper in Wiesbaden.
(Zu Seite 40.)]
Auf das Verhalten der unruhigen, kriegs- und wanderlustigen
germanischen Volksstämme übte die Anlage des römischen Pfahlgrabens
eine bedeutende Wirkung aus. Der Grenzverkehr wurde scharf überwacht,
und bewaffnete Überschreitung der Grenzlinie war verwehrt. Die
Bewegung des germanischen Volkes wurde dadurch vorläufig zum
Stillstand gebracht. Da es aber für die in starker Vermehrung
begriffene Bevölkerung an weiteren Weideplätzen bald fehlte, waren die
Westgermanen gezwungen, von der Viehzucht zum Ackerbau überzugehen
und feste Siedelungen anzulegen. So nahm die Not den zum Nomadenleben
neigenden Germanen in eine harte und um so nützlichere Schule. Erst als
seßhafter Ackerbauer konnte er die zivilisatorischen Elemente in sich
aufnehmen und verbreiten (Mommsen).
[Sidenote: Kronberg. Altkönig. Feldberg.]
Von der Saalburg aus würde uns der Pfahlgraben zum Fuße des Feldbergs,
der höchsten Erhebung (880 ~m~ hoch) des Taunus, hinführen. Es hat
einen gewissen Reiz, so einen Patrouillengang römischer Soldaten
nachzuahmen. Genußreicher ist aber die Besteigung des Feldbergs von
dem westlicher gelegenen Kronberg aus. Darum kehren wir nach Homburg
zurück und statten von dort noch mittelst der Eisenbahn dem Städtchen
Friedberg (Abb. 30) und dem Badeorte Nauheim (Abb. 28) einen Besuch ab.
Nach Kronberg (Cronberg, Abb. 29) führt von Frankfurt eine
Eisenbahnlinie, die bei Rödelheim von der Homburger Bahn abzweigt. Das
Städtchen liegt, umgeben von Obstpflanzungen und Kastanienwäldern,
an einem Hügel und wird von dem im dreizehnten Jahrhundert erbauten
Schloß überragt. Der weit sichtbare Turm bietet eine prächtige Aussicht
dar. Wir schauen hinab auf die zahlreichen zierlichen Landhäuser, die
meist Eigentum Frankfurter Familien sind, zum Teil die Frankfurter
Malerkolonie bildend. Nordöstlich grüßt uns das Schloß Friedrichshof
(Abb. 31), der ehemalige Witwensitz der Kaiserin Friedrich.
[Illustration: Abb. 42. Der Kochbrunnenplatz in Wiesbaden. (Zu Seite
40.)]
Von Kronberg sind viele besuchenswerte Punkte leicht zu erreichen.
Nordwestlich steigen die Burgruine Falkenstein, das Stammschloß
des gewaltigen Erzbischofs Kuno von Trier, sowie die Trümmer der
Bergfestung Königstein (Abb. 32), die 1796 von den Franzosen geschleift
wurde, vor uns auf. Weiter nördlich ragt, in der Richtung auf den
Feldberg zu, die 798 ~m~ hohe Bergkuppe des Altkönig empor. Sein Gipfel
ist von zwei riesenhaften Ringwällen umgeben, die aus vorrömischer Zeit
stammen und wohl von einem keltischen Volke herrühren, das dort seine
Opfer- und seine Zufluchtsstätte in Kriegszeiten hatte. Der äußere
Wall hat einen Umfang von 1389 ~m~, der innere von 982 ~m~. Der Große
Feldberg (880 ~m~), dem sich links der 827 ~m~ hohe Kleine Feldberg
vorlagert, ist ganz von Wald bedeckt. Nur der Gipfel, auf dem drei
Gasthäuser stehen, und von dem man bei hellem Wetter einen ausgedehnten
Rundblick genießt, ist frei. Auf ihm liegt ein riesiger, 12 ~m~ breiter
und 3 ~m~ hoher Quarzblock, der schon in einer Urkunde vom Jahre 812
genannt und 1043 als Brunhildenbett bezeichnet wird.
[Sidenote: Soden. Eppstein. Biebrich.]
Eine dritte Taunusfahrt, die wir von Frankfurt aus unternehmen, führt
uns nach dem kleinen Badeort Soden (Abb. 33). In dem Tale, in welchem
es gebettet ist, entspringen 24 kohlensäurereiche, 9 bis 22 Grad warme
Kochsalzquellen, deren Wasser zusammen mit der milden Luft des Ortes
besonders Kehlkopfleidenden Linderung bringt. Und als eine vierte Tour
sei die nach dem in tiefem Tale gelegenen Eppstein (Abb. 34) empfohlen,
das durch seine alte Burg (Abb. 35) und seine malerischen Fels- und
Waldpartien ein Lieblingsaufenthalt für Maler geworden ist.
Die übrigen schönen Punkte am Südabhange des Taunus und in dem
Rebengarten des Rheingaues erreichen wir am bequemsten von Mainz
aus. Eine kurze Stromfahrt führt uns zwischen zwei langgestreckten
Rheininseln, der Ingelheimer Aue und der Petersaue, auf der 840 Kaiser
Ludwig der Fromme starb, hindurch, immer im Anblicke der Taunushöhen,
nach der am rechten Rheinufer gelegenen Stadt Biebrich (20000 Einw.),
deren rege Gewerbtätigkeit zahlreiche Fabrikschornsteine ankünden.
Unser Ziel ist das von 1704 bis 1706 im Barockstil erbaute Schloß
(Abb. 36) des früheren Herzogs von Nassau, späteren Großherzogs
von Luxemburg, und in dem Schloßpark bewundern wir die schöne
Kastanienallee, deren alte Bäume sich durch eine ungewöhnliche Größe
auszeichnen, und betrachten, den Geist in die Vergangenheit versenkend,
die kleine Moosburg. Zwar wurde diese erst 1806 aufgeführt, jedoch auf
den Trümmern der alten Kaiserpfalz Biburk, die 874 Ludwig der Deutsche
bewohnte.
[Illustration: Abb. 43. Griechische Kapelle am Neroberg bei Wiesbaden.
(Zu Seite 41.)]
[Sidenote: Wiesbaden.]
Von Biebrich erreichen wir in etwa einer Stunde Wiesbaden (Abb. 37),
das bedeutendste und besuchteste unter den Taunusbädern, wo jährlich
etwa 130000 Kurgäste zusammenströmen. Die Hauptsaison ist im Frühling
und Herbst. Früher als anderswo hält ja der Lenz dort seinen Einzug,
und im Herbst lacht ein heiterer Himmel, wie er in einem Weinlande
lachen muß. Im Sommer aber ist die Temperatur zu warm und schwül, und
manche Kurgäste reisen dann ab nach kühleren Orten. Etwa die Hälfte
der obengenannten Zahl der Kurgäste mag auf Durchreisende entfallen,
die übrigen nehmen längeren Aufenthalt. Die Bequemlichkeiten und
Annehmlichkeiten, die für diese geschaffen worden sind, haben auch
viele Rentner und pensionierte Beamte, besonders höhere Offiziere
angelockt und bestimmt, in Wiesbaden ihren dauernden Wohnsitz zu
nehmen. Dadurch wuchs die Stadt bedeutend an; sie zählt heute über
100000 Einwohner. Prächtige Alleenstraßen durchziehen dieselbe, wie
die mit schattigen Platanenreihen geschmückte Wilhelmsstraße, wie die
Rheinstraße, der Bismarck- und Kaiser Friedrich-Ring und die nach
Biebrich zu führende Adolfsallee; inmitten schmuckvoller Anlagen oder
auf Plätzen erheben sich schöne Denkmäler, wie das der Kaiser Wilhelm
~I.~ (Abb. 38) und Friedrich ~III.~, des Fürsten Bismarck und des
in Wiesbaden verstorbenen nationalen Dichters Gustav Freytag; viele
stattliche und stilvolle Gebäude geben ferner der Stadt Glanz und
Ansehen, wie das Königliche Theater (Abb. 39), das Königliche Schloß,
welches 1883 renoviert wurde, das Rathaus (Abb. 40), das im Jahre 1907
eröffnete prunkvolle neue Kurhaus (Abb. 41), die katholische Kirche,
die Ringkirche u. a. Von den zahlreichen Quellen Wiesbadens ist der
wichtigste Sprudel der Kochbrunnen (Abb. 42), der am Ende der schönen
Trinkhalle entspringt und eine Vereinigung von 15 Quellen darstellt.
Stündlich liefert er 22800 ~l~ sehr kochsalzreiches Wasser. Die
Temperatur desselben beträgt 69° ~C~. Schon Plinius spricht von den
heißen Quellen Wiesbadens, das in Römerzeit, ~Aquae Mattiacorum~, als
Hauptort der später fast ganz romanisierten Mattiaken aus einem Kastell
rasch emporblühte. Er berichtet, daß ihr Wasser, nachdem es geschöpft
wäre, drei Tage warm bliebe. Das Kastell wurde wahrscheinlich schon von
Drusus angelegt. In fränkischer Zeit hieß der Ort Wisibada und bildete
den Hauptort des Königssundragaues.
[Illustration: Abb. 44. Schlangenbad, von der Wilhelmshöhe gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 41.)]
So sehr uns auch das glanzvolle Badeleben lockt, so angenehm es
sich sitzt am Kurhause inmitten des Blumenflors oder wandert durch
den schattenkühlen Kurpark, mehr noch zieht es uns hinauf auf die
Höhen ringsum, die mit schmucken Villen so reich geschmückt sind.
Das lohnendste Wanderziel bildet der Neroberg, auf dessen Höhe
die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle (Abb. 43) im
hellen Sonnenlichte glanzvoll erstrahlen. Wir können einen doppelten
Weg wählen, und jeder verheißt eine genußreiche Wanderung. Wir
folgen entweder dem Nerotal und später dem Philosophenwege oder der
villengeschmückten Kapellenstraße, die uns nicht sofort zum Gasthofe
des Nerobergs, sondern zuerst zur griechischen Kapelle hinführt. Oben
entfaltet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt (Abb. 37) und eine
umfassende Aussicht auf das Rheintal; über den Mainzer Dom schweift der
Blick bis zu den Nebellinien ferner Gebirge, bis zur Bergstraße und zum
Melibocus.
[Illustration: Abb. 45. Rauenthal.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Langenschwalbach. Schlangenbad.]
Nordwestlich von Wiesbaden liegt, schon auf der Hochfläche des Taunus,
dessen hoher, aus Quarzit[B] aufgebauter Rücken nach Norden in ein
fast wagerecht liegendes Plateau übergeht, das Bad Langenschwalbach
(3000 Einw.), gewöhnlich nur Schwalbach genannt. In ein freundliches
Wiesental hat sich das Städtchen, das schon im siebzehnten und
achtzehnten Jahrhundert als ein Luxusbad ersten Ranges glänzte,
gebettet. Merian beschrieb die dortigen kalten Quellen, von denen die
bedeutendsten der Stahlbrunnen und der Weinbrunnen sind, im Jahre 1665
mit folgenden Worten:
„Das Wasser ist sehr kalt, von Farben vberauß schön, hell, wie ein
Crystall durchscheinend, zu trinken gar lieblich (wiewohl es einem
anfangs seltzsam vorkompt), am Geruch stark wie ein newer verjährter
Wein, also, daß man bißweilen meynet, man wollt’ nießen.“
Etwa 5000 Kurgäste, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechtes, beleben
in der Saison den sonst so stillen Ort, besonders Bleichsüchtige
und Nervenleidende. Indem wir wieder herniedersteigen von dem
Taunusplateau, führt uns der Weg nach dem kleinen, nur aus etwa 50
Häusern bestehenden Badeorte Schlangenbad (Abb. 44), der in einem
Waldtal ein so reizendes Plätzchen gefunden hat. Seine Quellen gehören
zu den erdig-mineralischen Mineralwässern und liefern ein klares,
völlig geruchloses Wasser von 29 bis 32° ~C~, das besonders bei
Hautkrankheiten und Nervenschwäche heilbringend wirkt.
[Illustration: Abb. 46. Eltville.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 47. Der Marcobrunnen.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Der Rheingau.]
Nach kurzer Wanderung von Schlangenbad weiter talwärts nehmen uns
sonnige Rebengelände auf. Der gepriesene Rheingau lacht mit seiner
Weinfülle uns entgegen. Vielleicht schon zur Merowingerzeit wurde
dieses Land in einen Rebengarten verwandelt. Seit alters führt es
seinen inhaltsvollen Namen, der es so innig mit dem Rheine vermählt.
Von allen Gauen am stolzen Strom wurde nur einer nach diesem benannt,
der Rheingau, der auf der rechten Seite des Rheintales bis Lorch
reichte und dieses alte Weinstädtchen noch mit umfaßte. Ursprünglich
war er ein königliches Gebiet, das 961 und 983 von den Ottonen an
Mainz überlassen wurde. Ein bis zur Undurchdringlichkeit verwachsener
Baumverhau umgab dasselbe damals und schloß es wie eine Festung ab.
Den heutigen Umfang erhielt der Weinbau im dreizehnten Jahrhundert.
Als die Rheingaugrafen 1279 verdrängt worden waren, setzten die
Mainzer Erzbischöfe einen Statthalter (Vicedom) ein, der aber bis zum
Jahre 1527 den Rheingauer Landtag befragen mußte. Erst als der große
Bauernaufstand niedergeschlagen war, begann die unmittelbare Herrschaft
der Mainzer Erzbischöfe. Viele Jahrhunderte hindurch ist nun schon der
Weinbau im Rheingau die Quelle des Wohlstandes. Vorübergehend kamen
zwar Zeiten, in denen die Einkünfte aus demselben zu wünschen ließen.
So wirkte das Verschwinden der zahlreichen kleinen Herrschaften in
Deutschland ungünstig ein; denn die Fürstenhöfe waren früher die
besten Absatzquellen. Daß damals die Rheingauwinzer ihren herrlichen
Wein selbst trinken mußten, war an sich ja eine schöne Sache; aber die
Taschen blieben dabei leer, und der Kopf wurde hitzig. In unserer Zeit
hat der wachsende Wohlstand den Rheingauer Weinen neue, zahlkräftige
Kunden gebracht. (Näheres über Weinpreise der besseren Marken siehe in
dem letzten Abschnitte über den rheinischen Weinbau.)
[Illustration: Abb. 48. Kloster Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 49. Kelterraum in Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Rheingauwanderung.]
Die Wanderung durch die Rebengefilde des Rheingaues ist, da das Herz
von vornherein schon so frohgestimmt ist, etwas gar Schönes. Sonnig,
meist schattenlos ist zwar der Weg, der uns von Schlangenbad über
Rauenthal (Abb. 45) nach dem lieblich am Rhein gelegenen Städtchen
Eltville oder Elfeld (4000 Einw.) (Abb. 46), von dort über Erbach am
Marcobrunnen (Abb. 47) vorbei nach Hattenheim, dann nach der einst
so berühmten Benediktinerabtei Eberbach (Abb. 48), wo wir uns in dem
schönen Kelterraum (Abb. 49), dem früheren Refektorium, gern der
weinkundigen Mönche, die dem Steinberger zu seinem berühmten Namen
verhalfen, erinnern, weiter über Hallgarten am Schloß Vollrads vorbei
nach Schloß Johannisberg (Abb. 50), wo der König der Weine und der Wein
der Könige gezogen wird, und schließlich über Geisenheim (4000 Einw.)
(Abb. 52), wo sich die Königliche Lehranstalt für Obst-, Wein- und
Gartenbau befindet, nach dem weinberühmten Städtchen Rüdesheim (5000
Einw.) (Abb. 51). Östrich und Winkel, nicht weniger bekannte Weinorte,
ließen wir bei dieser Wanderung abseits am Rheine liegen. Wohlgepflegte
Weinberge schaute überall unser Auge, und berühmte Namen klangen an
unser Ohr, die ein Gefühl der Hoheit dieses Landes in uns weckten. Doch
wenn es auch einem gewöhnlichen Sterblichen nicht vergönnt ist, von den
edelsten Weinen des Rheingaus in Fülle zu trinken oder auch nur davon
zu kosten, auch das andere Gewächs läuft wie Feuer durch unsere Adern,
und wenn wir in diesem Weinglück, in der Begeisterung, die eine solche
Wonne dem Menschen gibt, hinaufsteigen zum Niederwald, dann öffnet
sich beim Anblick des Germaniadenkmals das Herz zu jenem weihevollen
Empfinden, das alle deutschen Brüder, das ganze deutsche Vaterland
hineinziehen möchte in dieses Glück, in dieses Glück am Rhein.
[Illustration: Abb. 50. Schloß und Dorf Johannisberg.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu Seite 43.)]
[Sidenote: Das Nationaldenkmal.]
Das Germaniadenkmal (Abb. 53) wurde am 28. September 1883 im Beisein
des Kaisers Wilhelm I. und vieler deutscher Fürsten enthüllt. Sechs
Jahre war an ihm gearbeitet worden, die Bausumme betrug 1⅒ Millionen
Mark. Als im Jahre 1877 am 16. August der Grundstein zu dem Denkmal
gelegt wurde, begleitete Kaiser Wilhelm ~I.~ die ersten Hammerschläge
mit den Worten:
„Wie mein Königlicher Vater einst dem deutschen Volke vor dem Denkmal
zu Berlin zurief, so rufe ich heute von dieser bedeutungsvollen Stelle
den deutschen Völkern zu: Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden
zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachahmung!“
[Illustration: Abb. 51. Rüdesheim, vom Rochusberg gesehen. (Zu Seite
43.)]
[Illustration: Abb. 52. Geisenheim. (Zu Seite 43.)]
Die Gestalt der Germania wurde nach einem Entwurfe des Professors
Schilling in Dresden gegossen. Sie mißt 10,60 ~m~, mit dem Sockel, der
mit den sinnreichen Darstellungen: „Krieg“, „Friede“, „Des Kriegers
Abschied“ und „Des Kriegers Heimkehr“ geschmückt ist, aber 34 ~m~.
[Illustration: Abb. 53. Nationaldenkmal auf dem Niederwald. (Zu Seite
44.)]
[Illustration: Abb. 54. Bingen und der Niederwald. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Blick vom Nationaldenkmal. Der Mäuseturm.]
Der Blick vom Denkmal entfaltet ein ebenso reiches als prächtiges Bild.
Er reicht über den ganzen Rheingau und die Taunuskette, schweift zu der
weiß schimmernden Rochuskapelle und zur Burg Klopp, die, überragt von
dem Scharlachkopf, über dem Städtchen Bingen (10000 Einw.) (Abb. 54)
thront, folgt dem Laufe der Nahe, die aus einer Bergspalte zu kommen
scheint und zwischen Bingen und Bingerbrück in den Rhein mündet (Abb.
55), mißt den breiten Strom, der aus der weiten Ebene kommt und nun
westwärts in enger Talspalte, im Binger Loch (Abb. 57), verschwindet,
und grüßt den Mäuseturm (Abb. 56), der auf einer kleinen Rheininsel
so schmuck emporsteigt, fast schlanker noch als der hohe Turm der
Burgruine Ehrenfels (Abb. 56), die aus der rechten Talwand herausragt.
Die beiden Bauten wurden einst errichtet, um die Schiffahrt, die an
dieser Stelle auch durch Felsenriffe behindert war, bis die preußische
Regierung umfangreiche Sprengungen vornehmen ließ, sperren zu können.
Mäuseturm heißt soviel als Turm zum „Mûsen“, d. h. Ausschauen. Er wurde
von dem Erzbischof Willigis von Mainz erbaut. Das Volk aber knüpfte an
ihn die grausame Sage, daß dort der geizige Erzbischof Hatto, weil er
dem Volk das Brot verteuerte, von Mäusen zur Strafe aufgefressen worden
sei.
[Footnote B: Über den geologischen Bau des Taunus-Hunsrück vgl.
Abschnitt ~V~.]
IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.
[Sidenote: Eine Rheinfahrt.]
Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An
wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche
Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen
Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in
unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände
zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen,
die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die
blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd
den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie
wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das
Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder,
die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns
auftauchen.
Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des
Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem
Aufstieg zum Niederwalddenkmal -- sauer war er uns geworden -- sind wir
vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir
eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen,
die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim
am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir
wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in
Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der
Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht
es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der
Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.
[Illustration: Abb. 55. Nahemündung, Bingen, Scharlachkopf und
Bingerbrück. (Zu Seite 46.)]
[Sidenote: Burg Rheinstein.]