Das neuere Frankfurt blüht mächtig wieder auf. Die letzte Volkszählung

ergab eine Bevölkerung von rund 340000 Einwohnern. Noch immer ist die

Stadt einer der bedeutendsten Handelsplätze Deutschlands, besonders ein

wichtiger Geldmarkt (Abb. 11). Ein lebhafter Verkehr flutet durch die

Zeil, die Hauptgeschäftsstraße Frankfurts, und prächtige Schauläden

locken unsere Augen. Die Fortsetzung der Zeil bildet nach der einen

Seite hin die Neue Zeil, nach der anderen, vom Roßmarkt ab, die schöne

Kaiserstraße, die zum Hauptbahnhofe hinführt. Prächtig sind auch die

Anlagen, die an Stelle der früheren Festungswerke getreten sind. Ihnen

folgend, gelangen wir an dem schönen Eschenheimer Turm (Abb. 12)

vorbei zu dem großartigen Opernhause (Abb. 13). Mehr lockt den Fremden

wohl noch der berühmte Palmengarten (Abb. 14), der weiter außerhalb

seitwärts von der Bockenheimer Landstraße liegt. Hinter dem großen,

am Eingang gelegenen Blumenparterre, auf dem vom zeitigen Frühjahr an

bis in den späten Herbst hinein ein ununterbrochener Blumenflor in

kunstreichen Zeichnungen und vielfarbigen Mustern einen entzückenden

Anblick darbietet, erhebt sich das im Jahre 1879 in deutschem

Renaissancestil erbaute Gesellschaftshaus, in dem täglich zweimal

Konzerte der Palmengarten-Kapelle stattfinden. Unmittelbar an das

Gesellschaftshaus, nur durch große Glasscheiben getrennt, schließt sich

das Palmenhaus (Abb. 15) an. Eine ideal aufgebaute tropische Landschaft

zeigt sich unserem überraschten Auge. Wir bewundern die stolzen

Palmen, die malerisch hängenden Farnkräuter und nicht weniger den so

frischgrünen eigenartigen Rasen. Wenn sich das abendliche Halbdunkel

in diesen seltsamen Raum schleicht, so fühlen wir uns, traumverloren

auf einer Bank sitzend, in eine andere Welt versetzt, in die bisher nur

die Phantasie uns trug. Plötzlich zuckt das elektrische Licht hell auf,

und ein neuer magischer Zauber durchdringt den Raum. Seltsam stehen die

Pflanzengestalten da, und eigenartige Schattenbilder decken den Boden.

Dieser Tropentraum ist mit das Schönste, das Frankfurt uns mitgibt auf

den weiteren Reiseweg.

[Illustration: Abb. 24. Kreuzaltar in der Peterskirche zu Mainz. (Zu

Seite 32.)]

[Sidenote: Mainz.]

Wo der Main in den Rhein einmündet, an der Innenseite des Knies, das

letzterer an dieser Stelle macht, liegt die alte Stadt Mainz. Ihr

Gesamtbild (Abb. 18) und die Eigenart und Wichtigkeit ihrer Lage

überschauen und erkennen wir am besten, wenn wir auf der stattlichen,

schönen Rheinbrücke stehen, die nach dem gegenüberliegenden Kastell

hinführt. Unter uns rauschen die Wogen des majestätischen Stroms,

der soeben seine Vereinigung mit seinem bedeutendsten Nebenflusse

vollzogen hat. Noch hat sich ihr Wasser nicht vermischt. Neben dem

grünen Rheinwasser ziehen die dunklen Fluten des Mains dahin. Erst wo

der Rhein am Binger Loch sich in ein enges Felsenbett zusammendrängen

muß, findet die eigentliche Vermählung der beiden Gewässer statt.

In herrlicher Lage steigt vor uns das Häuserbild von Mainz, mit der

großen Stadthalle im Vordergrund, auf. Majestätisch, mit beherrschender

Hoheit, reckt sich der Dom aus ihm hervor. Heller Sonnenglanz liegt

auf den Dächern und Türmen der Stadt, auf der weiten Ebene, die rings

sich ausdehnt, und auf den grünen Gehängen des Taunus, dessen Höhen

im Nordwesten emporsteigen, und das ganze Bild mit Häusern, Türmen,

Rebengehängen, Brücken und Schiffen spiegelt sich in den breiten

Wasserflächen der beiden Ströme, über deren leicht bewegte Wellen

überall ein helles Glitzern huscht. Das ist das „Goldene Mainz“, das

in der Römerzeit und im Mittelalter so glanzvoll strahlte, und das

nach seinem Niedergange auch in der Gegenwart neuen Glanz zu entfalten

beginnt.

[Illustration: Abb. 25. Homburg vor der Höhe. Gesamtblick von der

Ellerhöhe aus gesehen.

Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft in

Steglitz-Berlin. (Zu Seite 35.)]

In der Römerzeit hatte Mainz fast noch eine größere Bedeutung als Köln.

Es konnte wie dieses sich nähren von einer fruchtbaren Umgebung, es

beherrschte weithin nicht bloß das Rheintal, sondern auch das Maintal,

und ein wichtiger Punkt war es ferner deshalb, weil es ziemlich in

der Mitte der langen römisch-germanischen Grenzlinie, wo die beiden

Schenkel derselben in einem stumpfen Winkel zusammenstießen, lag

und einen starken Stützpunkt darstellte, der vor Angriffen durch

zwei breite Stromläufe geschützt war. Bereits die Kelten hatten

die Wichtigkeit dieser Lage erkannt, und eine größere keltische

Niederlassung bestand schon, als Drusus daselbst ein stehendes

Winterlager errichtete. Diese römische Festung war eine der größten

am Rhein. Sie faßte zwei Legionen, also, wenn wir die Auxiliartruppen

hinzurechnen, eine Truppenzahl von etwa 20000 Mann. ~Moguntiacum~

scheint das Hauptquartier des Drusus gewesen zu sein. Denn die

römischen Soldaten setzten daselbst ihrem geliebten Feldherrn ein

Denkmal, das in den Urkunden Drusilek, im Volksmunde aber Eigelstein

genannt wird. Noch ragt die kegelförmige Ruine dieses Römerdenkmals auf

der Zitadelle empor. Vor demselben fand in römischer Zeit alljährlich

als Totenfeier eine Leichenparade statt. In der Nähe steht noch ein

anderes Denkmal, der Ehrenbogen, der dem Germanicus (gest. 19 n. Chr.),

dem Sohn des Drusus, errichtet wurde.

[Illustration: Abb. 26. Das Schloß zu Homburg vor der Höhe.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 35.)]

[Illustration: Abb. 27. Das Saalburg-Kastell. Wiederaufgebaut. Porta

Praetoria. (Zu Seite 36.)]

Eine bedeutende römische Ansiedelung konnte ~Moguntiacum~ erst werden,

als die römische Grenzlinie nach der Eroberung des Taunuslandes

weiter nach Norden vorgeschoben wurde und die Stadt nunmehr auch die

nötige Sicherheit und Ruhe für andere Ansiedler bot. Die Erbauung des

~Castellum Mattiacum~ auf der rechten Seite an der Stelle, wo heute

Kastel liegt, rückte Mainz in die zweite, ja nach Errichtung des Limes

oder Pfahlgrabens (vgl. eine spätere Stelle in diesem Abschnitt)

sogar in die dritte Verteidigungslinie. Über den Rhein wurde eine

feste Brücke geschlagen, deren steinerne Pfeiler auf einem Pfahlrost

ruhten und eine hölzerne Brückenbahn trugen. Als im Jahr 1880 an der

nämlichen Stelle der Bau der neuen festen Rheinbrücke begonnen wurde,

stieß man auf die Eichenpfähle, die von den Römern in den Strom gesenkt

worden waren. Es war ein glücklicher Gedanke, aus diesen Resten ein

geschichtliches Andenken zu gestalten. Es wurde aus ihnen ein Pfeiler

der alten Römerbrücke rekonstruiert, der im Hofe des erzbischöflichen

Schlosses Aufstellung fand. Nach Fundstücken konnte auch festgestellt

werden, daß das großartige Bauwerk während der Regierungszeit des

Kaisers Domitian um das Jahr 89 n. Chr., und zwar durch die vierzehnte

und zweiundzwanzigste Legion aufgeführt wurde. Als im dritten

Jahrhundert die germanischen Stämme der Alemannen und Franken ihre

verheerenden Einfälle in das Römergebiet unternahmen, wurde die Brücke

zum Schutze der Stadt Mainz zum Teil abgebrochen. Unter Diokletian

fand aber ihre Wiederherstellung statt. Ihre endgültige Zerstörung

fällt wohl in die Zeit nach Valentinian.

[Illustration: Abb. 28. Nauheim.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in

Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

[Illustration: Abb. 29. Kronberg.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in

Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

Mainz war Sitz des römischen Statthalters von Obergermanien und

daher auch der Verwaltung mit zahlreichen Beamten. Die Zivilisten,

die Händler und der Troß des Heeres wohnten vor der Stadt. Auch die

entlassenen Soldaten, die sog. Veteranen, schlugen daselbst ihr Heim

auf, nachdem sie sich mit eingeborenen Frauen verheiratet hatten. Die

Kolonie, die auf diese Weise heranwuchs, erhielt erst unter Diokletian,

nach 293, Stadtrechte und ward von da ab ~Civitas~ genannt.

[Illustration: Abb. 30. Friedberg.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in

Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

So fluten die Erzählungen der ältesten Geschichte von Mainz durch

unsern Geist, wie dort unten die Wogen des Stromes sich drängen, die

da kommen und gehen und keine dauernde Gestalt annehmen, oder wie

die Rheinnebel aus dem Strome aufsteigen, die den Glanz des Goldenen

Mainz verdunkeln wollen. Vierhundert Jahre dauerte die Herrlichkeit

der Römerherrschaft, dauerte auch die Herrlichkeit des römischen

Mainz. Die über den Limes, über den Rhein drängenden Germanen legten

es in Trümmer. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht dann das Mainz

des Mittelalters, fast glänzender noch als das der Römerzeit, auf.

Zwar melden glaubwürdige Nachrichten, daß die Anfänge des Christentums

bis ins vierte Jahrhundert, bis zum Jahre 368 zurückreichen. Aber

erst im achten Jahrhundert gewann das christliche Mainz wieder eine

beherrschende Stellung in der neu sich bildenden Kulturwelt. Der

heilige Bonifatius (Winfried, gest. 755) erhob das dortige Bistum zu

einem Erzbistum und verlieh dem neuen Erzbischof zugleich das Primat

über ganz Deutschland. Durch das ganze Mittelalter hindurch behielt

die Stadt eine hohe, besonders politische Bedeutung. Ihre zentrale

Lage in dem damaligen Deutschland ermöglichte es den Erzbischöfen von

Mainz, die zugleich zu den sieben Wahl- oder Kurfürsten des Deutschen

Reiches gehörten, enge Beziehungen nach allen Seiten zu unterhalten.

Ihr Einfluß war unter den deutschen Fürsten daher sehr groß. Die Stadt

selbst wußte sich die Rechte einer freien Reichsstadt zu sichern. Im

Jahre 1254 wurde in ihren Mauern der deutsche Städtebund zur Sicherung

des Landfriedens gegründet. Derselbe umfaßte während seiner kurzen

Blütezeit über 100 Städte von Basel bis zum Meere. Mainz war sein

Haupt. Der Handel der Stadt blühte mächtig auf, ihr Reichtum wuchs,

und mit Recht hieß sie das „Goldene Mainz“. Zwei Jahrhunderte dauerte

diese Zeit der Hauptblüte. 1462 verlor Mainz seine meisten Rechte. Die

frühere freie Reichsstadt wurde jetzt den Erzbischöfen untertan, und

über ihr thronte, Gehorsam fordernd, die kurfürstliche Burg.

[Illustration: Abb. 31. Schloß Friedrichshof.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in

Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

Die strategische Wichtigkeit der Lage von Mainz am Zusammenflusse von

Rhein und Main machte die Stadt zu einem Zankapfel der Völker. In

Kriegszeiten ward sie fast niemals verschont. Im Dreißigjährigen Kriege

eroberten nacheinander die Schweden (1631), die Kaiserlichen (1635)

und die Franzosen (1644) dieselbe. Ihre starken Festungswerke wurden

von letzteren auch 1688 eingenommen, und 1792 wurde sie von ihnen ohne

Kampf zum dritten Male besetzt. Nach der französischen Herrschaft, von

1816 bis 1866, war Mainz deutsche Bundesfestung. Im neuen Deutschen

Reiche hat Mainz zusammen mit Köln die Sicherung der Rheinlinie

übernommen. So ist es noch heute ein Waffenplatz ersten Ranges und

seiner Geschichte treu geblieben bis zur Gegenwart.

[Illustration: Abb. 32. Königstein.

Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in

Frankfurt a. M. (Zu Seite 38.)]

[Illustration: Abb. 33. Soden.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

Am Rheinufer hat Mainz sich in jüngster Zeit durch Anlagen bedeutend

verschönert. Die Rampe der prächtigen Brücke, das unterhalb derselben

sich erhebende alte kurfürstliche Schloß (Abb. 16), ein aus rotem

Sandstein aufgeführter, umfangreicher Bau, der schon 1627 begonnen,

aber erst 1754 vollendet wurde, ferner die riesige Stadthalle und die

nach dem Rhein sich öffnenden Torbauten geben der Rheinpromenade

einen malerischen Rahmen und Schmuck. Die Konzerte, die an mehreren

Abenden der Woche in der Stadthalle (Abb. 17) abgehalten werden,

locken besonders in der Sommerzeit zahlreiche Spaziergänger zu der

Rheinpromenade hin. Vielbesucht sind auch die „Neuen Anlagen“, die

weiter oberhalb, am Sicherheitshafen und an der Eisenbahnbrücke, am

Rheinufer auf einer kleinen Anhöhe geschaffen wurden. In umgekehrter

Richtung gelangt der Spaziergänger zu den großen Hafenanlagen von

Mainz, dem Zollhafen, dem Allgemeinen Hafen und einem zweiten

Sicherheitshafen, der zugleich als Floßhafen dient. Gleich Mannheim,

Cöln und Ruhrort ist Mainz heute wieder ein wichtiger Stützpunkt der

Rheinschiffahrt.

[Illustration: Abb. 34. Eppstein im Taunus, vom Malerplatz aus gesehen.

Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu Seite

39.)]

Aus der Rheinpromenade führen uns zahlreiche, quer zum Rhein laufende

Gassen in die unansehnliche, enggebaute, aber doch wieder interessante

Altstadt von Mainz. Bald stehen wir auf dem Markt vor dem ehrwürdigen

Dom (Abb. 19 und 20). Gewaltig ragt der Bau mit den sechs Türmen vor

uns auf, in dessen einzelnen Teilen eine seltsame Stilmischung, die

von so vielen Jahrhunderten erzählen will, zum Ausdruck kommt. Unter

den drei großen romanischen Domen von Mainz, Speier und Worms ist er

der älteste. Schon im Jahr 978 begann der Erzbischof Willigis seinen

Bau, dicht neben einer älteren Kirche. Noch am Tage der Einweihung,

im Jahre 1009, wurde das Werk ein Raub der Flammen. Durch Erzbischof

Bardo wurde der Dom wiederhergestellt. Aber eine gewaltige Feuersbrunst

zerstörte ihn 1081 von neuem. Die hölzerne Decke wurde nun, um die

Feuersgefahr zu vermindern, durch eine steinerne ersetzt. Das Langhaus

erhielt damals seine heutige Form. Dohme nennt es in seiner „Deutschen

Baukunst“ ein „Werk, gewaltig in den Massen, einheitlich in der

Gesamterscheinung, aber einfach, wie es Bauten zu sein pflegen, in

denen der Architekt noch mit den konstruktiven Gedanken ringt“. In den

Kämpfen des Erzbischofs Arnold mit der Bürgerschaft (1155 bis 1160)

wurde der Dom von der letzteren als Festung benutzt. Wieder zerstörte

dann im Jahre 1191 ein Brand seine oberen Bauteile. Mit der Reparatur

wurde eine großartige Erweiterung des Baues verbunden. Das westliche

Querschiff mit dem Hauptchor und der achteckigen Kuppel, sowie der

Kapitelsaal wurden angefügt. Die Zeit der Gotik erdachte für das bis

dahin romanische Bauwerk noch einen herrlichen Schmuck: Sie umgab das

Langhaus mit einem gotischen Kapellenkranze, wodurch dasselbe aus

einem dreischiffigen in einen fünfschiffigen Bau umgewandelt wurde,

schmückte den Dom mit einer glänzenden Fensterarchitektur und mit

Ziergiebeln und gab Türmen und Dächern ein mehr gotisches Gepräge.

Noch viele Wandlungen, zum Teil wieder durch Brandschäden veranlaßt,

hat der wundervolle Bau durchgemacht, der durch alles, was die

Jahrhunderte beigefügt oder in ihrem Sinne verändert haben, eins der

interessantesten Bauwerke für die Geschichte der Baukunst geworden

ist. Aus dem verwüsteten Zustande, in dem ihn die französische Zeit

hinterlassen hat, ist er mit großen Opfern gerettet worden, so daß er

nun wieder in einer Vollendung dasteht, wie ihn keine Zeit seit den

Tagen des höchsten Glanzes gesehen hat.

[Illustration: Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im

Taunus.

Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu Seite

39.)]

Vom Dome wandern wir weiter zu dem nahe gelegenen Gutenbergplatz,

auf dem seit dem Jahre 1837 ein Denkmal (Abb. 21) des Erfinders der

Buchdruckerkunst steht, das von Thorwaldsen in Rom modelliert wurde.

Zwischen den Jahren 1450 und 1455 stellte Gutenberg in Mainz zuerst

gedruckte Bücher mit Metallbuchstaben her. Wie seine Erfindung nach

mancher Richtung in Dunkel gehüllt ist, so läßt sich auch nicht

bestimmt sagen, ob so viele Häuser in Mainz mit vollem Grund mit der

Ausübung der neuen Kunst in Verbindung gebracht werden.

Mainz besitzt viele historisch oder architektonisch interessante

Gebäude. Hingewiesen sei auf den Holzturm und den Eisenturm, die von

der alten Stadtbefestigung noch übrig geblieben sind, auf das Haus „zum

Boderam“ (Abb. 22) am Markt, auf das alte Gymnasium (Abb. 23), den

ehemaligen Kronberger Hof, der zwischen 1604 und 1626 erbaut wurde,

auf den ehemaligen Knebelschen Hof, der sich durch einen reichen

Renaissance-Erker im inneren Hof auszeichnet, auf die frühgotische St.

Stephanskirche, die als doppelchörige Hallenkirche von 1257 bis 1328

auf einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut wurde, sowie auf die

doppeltürmige Peterskirche, die in der französischen Zeit, insbesondere

der heutige Kreuzaltar (Abb. 24), dem Kultus der Göttin der Vernunft

diente. Diese letztere Kirche erhebt sich unmittelbar an dem großen,

baumgeschmückten Schloßplatze, und vor uns liegt das schon erwähnte

kurfürstliche Schloß (Abb. 16), dessen ausgedehnte Räume seit 1842

als römisch-germanisches Zentralmuseum dienen und eine hochbedeutende

Sammlung römischer und germanischer Original-Altertümer enthalten. Beim

Durchwandern der Säle und beim Betrachten der interessanten Fundstücke

wird die ganze Geschichte der Stadt Mainz und des rheinischen Landes

noch einmal in uns wach. Die prächtige, mit schönen Anlagen geschmückte

Kaiserstraße, in die wir durch einen nordwestlichen Ausgang des

Schloßplatzes einbiegen, aber zaubert uns das Bild des neuen Mainz

(90000 Einw.) vor, wie es sich nach dem Hinausschieben des engen

Festungsgürtels zu gestalten begonnen hat. Prächtige Gebäude fesseln

den Blick, und am Ende der Kaiserstraße taucht der Hauptbahnhof vor uns

auf.

[Illustration: Abb. 36. Schloß Biebrich.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

[Illustration: Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.

Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 39.)]

[Sidenote: Umgebung von Mainz.]

Nachdem wir in den beiden Städten Frankfurt und Mainz, die die

Ausgangspunkte unserer Rheinwanderung bilden sollen, Umschau gehalten

haben, wollen wir einen Blick auch in das sie umgebende Land werfen,

um den Boden, auf dem sie erwuchsen, genauer kennen zu lernen. Es ist

ein weites, meist flaches, stellenweise aber hügeliges Land, das sie

umbettet. Fruchtbare Äcker dehnen sich meist vor uns aus; stellenweise

aber trat an die Stelle des Ackerbaues die Gemüsezucht, für deren

Erzeugnisse die beiden Städte eine gute Absatzquelle bilden, so

südwestlich von Mainz, wo auch eine bedeutende Spargelzucht betrieben

wird; große Obstanlagen schaut ferner das Auge, die uns schon verraten,

daß wir uns in der Gegend befinden, wo der beste Apfelwein herkommen

soll; auch Rebenschmuck fehlt nicht der Landschaft, in der hier und

da große, wohlhabende Dörfer auftauchen, und deren Bild endlich

vervollständigt wird durch dunkle Kiefernwaldungen, die zwar selten,

in weiten Abständen voneinander erscheinen und meist die niedrigen

Anhöhen bedecken, diese von weitem schon als Sandhügel kennzeichnend.

Bei schönem, klarem Wetter braucht der Blick nicht bei diesen nahen

Bildern zu verweilen. Er schweift in die nebelige Ferne, wo rings

sich die Linien von höheren Erhebungen abzeichnen. Im Nordwesten

säumt der hohe Zug des Taunus, der „Höhe“, wie man im Lande sagt, den

Horizont, von Norden streichen die Ausläufer des Vogelsberges, der

gewaltigsten Basaltmasse Deutschlands, heran, im Osten grüßen des

Spessart waldbedeckte Höhen, im Südosten erscheinen des Odenwaldes

liebliche Abhänge, im Südwesten läßt das freundliche Bergland der

Pfalz den Blick weiter schweifen, einerseits nach dem hochgewölbten

Donnersberg und anderseits nach dem Soonwald des Hunsrück, und nur

im Süden bleibt der Horizont frei, dem Rheine den Lauf zu diesem

schönen, reichen Lande öffnend. Rings also Höhen und in der Mitte

ein eingesenktes, ein eingesunkenes Land, ein Becken, das nach der

ziemlich in der Mitte gelegenen Stadt Mainz das Mainzer Becken genannt

wird. Diese Bezeichnung drückt nicht bloß, den plastischen Bau der

Landschaft anzeigend, einen geographischen Begriff aus, sondern ist

zugleich ein geologischer Begriff. Das „Tertiärbecken von Mainz“

reiht sich den Tertiärbecken von Wien, von Paris und London mit ihrer

reichen Kulturentwicklung würdig an. Die Süßwasserbildungen, die in dem

seichten Meeresbecken entstanden, sind meist fruchtbare Bodenarten.

Am wichtigsten sind die Mergelschichten, die die glücklichste

Bodenmischung darstellen, indem sie sowohl den nötigen Sandgehalt, der

sie locker macht, als auch den nötigen Tongehalt, der sie wasserhaltig,

und endlich auch einen bedeutenden Kalkgehalt, der sie fruchtbar macht

und ihre schnelle Erwärmung fördert, besitzen. Andere Bodenarten sind

die Taunusschotter, die weniger fruchtbar sind, aber dem Weinbau

genügen, Geschiebelehm, der als Ackerboden wertvoll ist, Sand, der

nur stellenweise dem Anbau dient, und Löß, der wieder von großer

Fruchtbarkeit ist. Der Sand, der bei Mainz und Darmstadt auftritt,

ist echter Flugsand. Dünenzüge sind erkennbar. Auch das Auffinden von

dreikantigen Steinen, deren Form nur durch Windwirkung entstanden

sein kann, beweist den Dünencharakter. Nach oben gehen die Dünenzüge

allmählich zu dem feineren Löß über. Aus diesen Erscheinungen müssen

wir folgern, daß Deutschland im späteren Diluvium teilweise, wenigstens

im nördlichen Teile der Oberrheinischen Tiefebene, Steppencharakter

hatte. Auf den höheren Abhängen schlossen sich an die Steppe

Waldgebiete an; denn im Löß werden neben echten Steppentieren auch

andere Tiere in Überresten gefunden, deren Leichen durch Wasserfluten

angeschwemmt wurden.

[Illustration: Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (Zu Seite

40.)]

[Sidenote: Das Mainzer Becken.]

Verlassen wir hiermit das Bild früherer Erdzeiten, die noch nicht

lange hinter uns liegen, und wenden wir uns der Betrachtung des

heutigen Bildes der Landschaft zu! Von allen Randgebieten des Mainzer

Beckens lockt uns keines so wie der Rheingau, der sich so sonnig zu

den Füßen des hochragenden Taunuszuges bettet, über den der warme

Hauch der südlichen Winde weht, und wo noch mehr die Glutstrahlen der

Mittagssonne helfen, ein goldenes Weinland, vielleicht das gepriesenste

auf Erden, zu schaffen. Und zu den Vorzügen, die Windeshauch und

Sonnenschein der reich gesegneten Landschaft bringen, gesellt sich

ein dritter, der dieselbe nicht minder berühmt gemacht hat. An vielen

Stellen sprudeln aus dem Erdboden warme Quellen, die schon von den

Römern als Heilquellen benutzt wurden, und die in unserer Zeit das

Land der Reben zum Ziele von Tausenden machen, die entweder Genesung

suchen oder in den zahlreichen, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens

ausgestatteten Badeorten nur ein angenehmes und genußreiches Leben

suchen.

[Illustration: Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (Zu Seite

40.)]

Für den Besuch der zahlreichen Badeorte, die am Südabhange des Taunus

oder auf dem Taunus selbst, anmutig in die Täler gebettet, liegen, ist

teils Frankfurt, teils Mainz der geeignetste Ausgangspunkt. Als solcher

kommt für einige auch Höchst (16000 Einw.), die erste Station der

schon 1839 eröffneten Taunusbahn von Frankfurt nach Mainz, wo sich die

großartigen Höchster Farbwerke befinden, in Betracht.

[Sidenote: Homburg vor der Höhe.]

Am Rhein · 第 2 / 17 段