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Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
In Verbindung mit Anderen
herausgegeben von A. Scobel
10
Am Rhein
1908
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Am Rhein
von H. Kerp
Mit 192 Abbildungen nach photographischen
Aufnahmen und einer farbigen Karte
Zweite Auflage
[Illustration]
1908
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Einleitung 3
II. Zur geologischen Einführung 6
III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus 18
IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz 48
V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltale 78
VI. Das Rheintal von Coblenz bis Bonn 110
VII. Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und
das Siebengebirge 130
VIII. Die Eifel 157
IX. Die Kölner Bucht und das Bergische Land 164
X. Der rheinische Weinbau 185
Literatur 193
Verzeichnis der Abbildungen 194
Register 197
Karte der Rheinlande.
[Illustration: Abb. 1. Rolandseck, Nonnenwerth und Siebengebirge.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu Seite 123.)]
I. Einleitung.
[Sidenote: Einleitung.]
Am Rhein! Welche Fülle von Vorstellungen, von Gedanken und Empfindungen
wird beim Klange dieses Wortes in uns geweckt! Das Auge schaut
herrliche Landschaftsbilder, die neben dem Schönsten auf Erden noch in
Schönheit strahlen; das Ohr lauscht den weihevollen Rheinliedern, die
von dem Tiefsten, was die deutsche Brust gefühlt, sprechen, die bald
von klagendem Schmerz, bald von stolzer Siegesfreude erzählen oder
in den Traum der Sage den Übermut eines fröhlichen Lebens mischen;
und der Geist, der die Spuren des Raumes und der Zeit gleich schnell
durchmißt, faßt all das Große und Schöne, das Ernste und Heitere, was
die Vergangenheit brachte, was die Gegenwart bietet und die Zukunft zu
erhoffen läßt, zusammen und weiht den Strom, der Deutschlands Stolz
und seines Landes Schönheit ist, zu einem Sinnbild, das alle deutschen
Lande und alle deutschen Bruderstämme mit dem Bande ewiger Einigkeit
und Treue umfaßt. Das ist der Rhein, und das bedeutet sein Name, und
so wird auch sein Name überall, nicht bloß im deutschen Vaterlande,
sondern auch in der übrigen Welt verstanden und gedeutet. Darum lockt
er die Menschen, führt fröhlich sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt
und läßt traurig sie weiter ziehen. Für Tausende und Millionen aber
bleibt er ein ewiger Traum, der nie sich erfüllen ließ, ein Traum, der
selbst bei anderen Völkern lebt, zu denen die Wellen der geheimnisvoll
plaudernden Myth’ und Sage, der laut redenden Geschichte schlugen und
des schönen Rheinlands begeisternde Kunde drang. Davon ein Beispiel!
Es war am Empfangsabende des Internationalen Geologen-Kongresses
zu Petersburg im Jahre 1897. In einem großen Restaurant in der
Demidowstraße hatten sich die Teilnehmer aus aller Herren Ländern
eingefunden. Das war für viele ein frohes Wiedersehen! Das
Stimmengewirr der zahlreichen Gruppen, die sich an den Tischen und
dem reichgedeckten Büfett gebildet hatten, durchdrang die gastlichen
Räume. Im frohen Austausch der Reiseerinnerungen und der weiteren
Reisepläne und im Auffrischen früherer Lebensbeziehungen vergingen
schnell, nur zu schnell, die schönen Stunden. Meine älteren deutschen
Reisefreunde wollten sich nun, gegen Mitternacht, verabschieden, und
den protestierenden jungen russischen Herren, die in liebenswürdiger
Weise uns an unserem Tische Gesellschaft geleistet hatten, wurde ich
als jüngster zurückgelassen, als das Opfer einer angenehmen Pflicht.
Wir rückten die Stühle näher zusammen und plauderten weiter. Ich
pries die gastliche Aufnahme, die uns in Rußland bereitet wurde, und
meine frohgestimmten Tischgenossen wollten wissen, in welchem Teile
Deutschlands ich wohne. Und als ich sagte: „Ich wohne am Rhein!“ da
riefen alle wie aus einem Munde: „O, so erzählen Sie uns vom Rhein!“
Und ich erzählte von meinem Heimatlande mit der Begeisterung, die der
Vater Rhein mir in das Herz gelegt hat, und mit dem Feuer, das ich
in den Augen der jungen Russen auflodern sah. Ich pries den stolzen
Strom mit seinen grünen Wellen, die Berge, die, rebenbekränzt, die
alten Burgen tragen, die rheinischen Städte, deren gewaltige Dome im
Rheine sich spiegeln, die freundlichen Dörfchen, die überall, manche
umschattet von Obsthainen, die Ufer des Stromes säumen, und auch die
rheinischen Mädchen und Frauen, die den fremden Wanderer von der hohen
Burgruine herab grüßen, wenn er muß scheiden aus solchem Paradies. Als
die Begeisterung überquoll, da erklangen Rheinlieder, fern am Strande
der Newá, beim lustigen Klang der Gläser, die mit kaukasischem Wein
gefüllt waren.
Wir saßen noch lange. Als wir endlich schieden, da fühlten auch die
jungen Russen etwas von jener Sehnsuchtsstimmung nach dem Vater Rhein,
die jeden Rheinländer erfaßt, wenn er in anderen Erdenländern weilt.
So oft ich noch von einer weiten Reise zurückkehrte, war es mir beim
Anblicke des stolzen Stromes, wenn wieder die Türme des Kölner Doms vor
mir erschienen und der Zug polternd über die Rheinbrücke fuhr, als
hätte ich etwas Verlorenes wieder gewonnen. Und nach meiner Ankunft in
Bonn war gewöhnlich mein erster Gang an den Rhein und auf den Alten
Zoll, wo ich die Sieben Berge grüßen konnte. Am ersten freien und
schönen Nachmittage aber fuhr ich auf einem der stolzen Rheindampfer
stromaufwärts, als müßte ich mich überzeugen, ob all die Herrlichkeit
noch da wäre.
[Illustration: Abb. 2. Das Kölner Dombild. Altargemälde von Meister
Stephan. (Zu Seite 5 u. 171.)]
Diese einleitenden Worte mögen dem freundlichen Leser sagen, mit
welch freudigen Gefühlen ich der Aufforderung, für die Sammlung
geographischer Monographien die Bearbeitung des Rheins und des
Rheinischen Schiefergebirges zu übernehmen, nachgekommen bin. War ich
doch durch den Stoff ausgezeichnet vor allen anderen! Durfte ich doch
den Strom schildern und preisen, um den zwischen den Völkern so oft
und so heiß gestritten worden ist, der durch die Weihe der Geschichte
für jeden Deutschen zum heiligen Strom geworden ist, so daß der Klang
seines Namens heute das Losungswort, das Triumphgeschrei deutscher
Einigkeit, Freiheit und Stärke bedeutet.
[Illustration: Abb. 3. Frankfurt im 17. Jahrhundert (nach Merian). (Zu
Seite 20.)]
Wie ich an jenem Abende in Petersburg in einer frohen Stunde den
jungen Russen -- es waren Studenten der Bergakademie und Anthropologen
-- von der Herrlichkeit des Rheines erzählen durfte, so möchte ich
auch dem freundlichen Leser von Land und Leuten am Rhein wenn auch
kein vollständiges, so doch ein in seiner Eigenart ausgeprägtes Bild
zu geben versuchen. Es ist das Bild einer ruhmreichen Vergangenheit
und einer nicht weniger glanzvollen Gegenwart, ein Bild, dessen
einzelne Züge durch Sage und Dichtung so verklärt sind, daß uns Wonne
umgibt fast überall, wohin wir schauen. Wir sehen in den Städten die
herrlichen Dome ragen, und andachtsvoll betreten wir die Stätten,
wo hochvollendete Kunstschöpfungen zu Thronen des Himmlischen und
Göttlichen wurden. Wir durchwandern die einzelnen Blütezeiten der
rheinischen Kunst, im Geiste und in der Wirklichkeit. Aus den
Gräbern steigt das glänzende Bild der römischen Kultur mit seinen
Lagern, Kastellen, Brücken, Straßen, Wasserleitungen, Tempeln und
reichgeschmückten Landhäusern; wir schauen das Bild der Frankenzeit
mit seinen Königshöfen oder Pfalzen und den ältesten christlichen
Gotteshäusern; reicher, in staunenerregender Fülle entfaltet sich
uns der Kulturschmuck des eigentlichen Mittelalters, der Zeit, die
die herrlichen Dome schuf, die von dem gemütvollen romanischen
Baustile nach interessanten Übergängen fortwanderte zur stolzen,
himmelanstrebenden Gotik, die auch die prächtigen Burgen auf die
Rebenhöhen setzte und die reichgeschmückten Rathäuser in den Städten
baute, die ferner durch Künstlerhand wertvolle Skulpturen und
geschätzte Malereien (Abb. 2) entstehen ließ; endlich, nach einer Zeit
traurigen Verfalls, sehen wir, in einer glücklichen Gegenwart, eine
neue Blütezeit der Kultur anbrechen, eine Zeit, die mit Verständnis
das Alte durchforscht und wie ein Schatz hütet und wahrt, die
zugleich neue Züge dem Gesamtbilde zufügt und es besonders mit den
menschenbeglückenden Wunderwerken der neuzeitlichen Technik ausstattet.
Einem kräftig pulsierenden Leben sind diese Neuschöpfungen menschlichen
Könnens vornehmlich gewidmet, einem Leben, in dem ein rühriges Streben
mit rheinischem Frohsinn so glücklich sich paart, wie es wohl auch in
den früheren Kulturzeiten, die das rheinische Land schaute, gewesen
ist und in dem sonnigen Lande der Reben auch nicht anders sein kann.
Dorthin mögen die freundlichen Leser froh mit mir wandern, möge auch
der rheinische Dichter Karl Simrock zurück uns winken mit den launigen
Worten:
„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!“
[Illustration: Abb. 4. Frankfurt, von Sachsenhausen gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 20.)]
Von der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main und vom alten goldenen
Mainz soll die Wanderung uns führen durch die Rebengefilde des
Rheingaues, durch das herrliche Rheintal selbst und durch die nicht
minder schönen Nebentäler der Nahe, der Saar, der Mosel, der Lahn,
der Ahr, der Sieg und der Wupper, sowie durch die schönsten Gegenden
des Rheinischen Schiefergebirges, durch das jene Täler tiefe Furchen
gezogen haben, bis hin nach Düsseldorf, der jung strahlenden Kunststadt
am Rhein, und nach Aachen, der alten Kaiserstadt.
[Illustration: Abb. 5. Der Kaisersaal im Römer zu Frankfurt.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt. (Zu Seite 20.)]
II. Zur geologischen Einführung.
[Sidenote: Geologische Einführung.]
Zwar bedarf es nicht unbedingt der Führung eines Naturforschers, um die
Schönheit, mit der die Oberfläche der Erde geschmückt ist, zu empfinden
und zu genießen. Anderseits bin ich auch nicht der umgekehrten
Ansicht, daß beim Genießen des Schönen der Verstand fernzuhalten sei
als ein Störenfried, der manche Empfindungen, naive des Volkes, die
aber von der Poesie geliebt werden, verscheuchen könnte. Herz und
Verstand vertragen sich in den meisten Menschen recht gut miteinander,
und für Empfindungen, die beim Fragen nach verborgenen Ursachen
flüchten, melden im Herzen sich andere, die sicheren Ursprung haben
und unser Gefühlsleben noch wärmer anhauchen. Auch die Geologie oder
Erdgeschichte, die manches Überlieferte, so auch den Drachen, der einst
am Drachenfels hauste, zur Fabel macht und manches Teufelswerk in der
Natur einer phantasieärmeren Wirklichkeit zurückgibt, entschädigt uns
reichlich, indem sie uns in dem Antlitz der Erde lebensvolle Züge
zeigt, die wir vorher nicht kannten, nicht sahen und nicht suchten. Es
wird uns, als wenn ein Marmorbild zu leben begänne. Der starre Fels, er
haucht Leben, indem er uns sagt, wie er geworden, seine Schichten, so
innig sie verbunden sind, entfliehen in verschiedene, weit voneinander
entfernte Zeiten, das verbrannte Gestein des Kraters beginnt zu glühen,
und Kiese und Sande, Lehm und Ton, die so wohl gebettet sind, beginnen
zu wandern und werden ein Spiel der Fluten. Durch die unermeßlichen
Räume der Zeiten eilt der Geist, die Phantasie beginnt großartige
Bilder der Vergangenheit zu gestalten, zu denen der Verstand die
Grundlinien eines Planes fand, und unser Herz wird erfüllt von jenem
Empfinden, das dem Werden alles Großen sich beugt.
[Sidenote: Die Variskischen Alpen.]
Wenn wir so auch das Antlitz unseres schönen Rheinlandes, wie es aussah
in früheren Erd-Epochen, im Geiste zu gestalten suchen, geleitet von
namhaften geologischen Forschern, so schauen wir ein riesenhaftes
Gebirge, ein Hochgebirge, das an die heutigen Alpen erinnert. Von
dem Ostende der mittelfranzösischen Gebirgsscholle zog es sich in
einem gewaltigen Bogen über Vogesen und Schwarzwald, durch Süd-,
West- und Mitteldeutschland, um den Nordrand Böhmens herum bis zu
den Karpathen hin. Nicht bloß diese Hauptrichtung hatte es mit den
ebenfalls bogenförmig verlaufenden Alpen gemein. Es war wie diese
auch ein einseitig aufgebautes Kettengebirge, das auf der konvexen
Südseite, wo die höchsten Gipfel lagen, eine kristallinische Hauptzone,
auf der konkaven Nordseite eine breite Zone mächtig entwickelter
Sedimentgesteine besaß. Von dieser letzteren Zone des früheren
mitteleuropäischen Hochgebirges, das Sueß nach dem Lande der alten
Varisker, dem heutigen Vogtlande, Variskische Alpen genannt hat, ist
das Rheinische Schiefergebirge, durch welches später der Rhein und
seine Nebenflüsse ihre tiefen Furchen gezogen haben, der Rest eines
kleinen Gliedes, ein recht armseliger Rest; denn nur das Fundament, der
Sockel der einstigen Hochgebirgsfalten, blieb unserer Zeit erhalten,
genug noch, um daraus die Schönheit des heutigen Rheinlandes zu
gestalten.
[Illustration: Abb. 6. Der Römer und der Gerechtigkeitsbrunnen zu
Frankfurt. (Zu Seite 21.)]
Der alte Hochgebirgssockel, als den wir also das Rheinische
Schiefergebirge betrachten müssen, baut sich, wie schon der Name
andeutet, aus schiefrigem Gestein auf. Die schiefrige Struktur des
Gesteins sagt uns schon, daß es eine Meeresablagerung, ein echtes
Sedimentgestein, ist. Wo der abgelagerte Schlamm sehr tonreich war,
entstand der eigentliche Schiefer, dessen reinste Form der schwarzblaue
Dachschiefer, wie er z. B. bei Caub gewonnen wird, ist; wo er stärker
mit Sand gemischt war, bildete sich ein Gestein, das wegen seiner
grauen Färbung Grauwacke genannt wird. Schiefer und Grauwacke sind die
beiden Hauptgesteinsarten Rheinlands; aber zahlreiche andere Gesteine,
Kalk, Sandsteine, ältere und jüngere Eruptivgesteine usw. kommen in
ihm noch vor, und indem wir ihre Altersfolge festzustellen suchen,
lernen wir die Wandlungen kennen, die dieses Gebiet durchgemacht hat,
wie es sich hob und senkte, wie seine Oberflächenformen entstanden und
verschwanden, welchen Lauf die Gewässer nahmen und schließlich das
heutige Bild schufen.
[Sidenote: Urzeit. Devon.]
Die ältesten Sedimentgesteine der Erde, die sich nach der Urzeit, nach
der Bildung einer festen Erdkruste um einen feurigen Kern, in den
Zeitperioden des Cambrium und des Silur als Ablagerungen eines Urmeeres
gebildet haben und die ersten deutlichen Spuren und Reste organischen
Lebens enthalten, treten nur im Hohen Venn und in den Ardennen, und
zwar verhältnismäßig spärlich zutage. Die älteste Kruste der Erde,
die aus den sogenannten Urgesteinen der Gneis- und Granitgruppe
gebildet wird, erscheint im ganzen Gebiete nirgendwo an der Oberfläche.
Daß diese Unterlage aber nicht fehlt, wird durch die zahlreichen
Einschlüsse von archäischen Gesteinen, von Granit, Diorit, Gneis,
Granulit, Glimmerschiefer usw. in den vulkanischen Tuffen, Basalten und
Laven des Laacher Sees, des Siebengebirges usw. bewiesen. Es kann nur
angenommen werden, daß sie bei den vulkanischen Ausbrüchen aus großer
Tiefe abgerissen und mit an die Oberfläche gefördert wurden. Im Hohen
Venn zeigte sich bei einem Bahnbau, daß dort Granit sogar bis nahe an
die Oberfläche reicht.
[Illustration: Abb. 7. Haus Frauenstein und Salzhaus am Römerberg in
Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.
(Zu Seite 21.)]
[Sidenote: Devonische Gesteine.]
Die Hauptgesteinsmasse des Rheinischen Schiefergebirges entstand in
der Erd-Epoche, die der silurischen Zeit folgte und den Namen Devon
erhalten hat. Dieselbe wurde benannt nach der englischen Grafschaft
Devonshire, weil sie dort vom englischen Geologen Murchison zum ersten
Male als ein selbständiges Glied der Erdrinde nachgewiesen wurde.
Bei der geologischen Erforschung des Rheinischen Schiefergebirges
zeigte sich, daß sie in diesem Gebiete viel vollständer entwickelt
ist. Sie könnte also zutreffender als Rheinische Formation bezeichnet
werden. Das Devon wird in drei Unterglieder, in das Unter-, Mittel-
und Oberdevon, eingeteilt. Von diesen ist das älteste Glied, das
Unterdevon, am mächtigsten entwickelt. Ihm gehören die Tonschiefer
und Grauwacken, ferner der noch ältere Taunusquarzit, der besonders
im Taunus und Hunsrück eine wichtige Rolle spielt, und als älteste
Gesteine die Phyllite und Sericite an. Letztere, die eine schmale Zone
am Südfuße des Taunus und des Hunsrück bilden, werden von einigen
Forschern auch für älter als devonisch gehalten. Im Vergleich zum
Unterdevon hat das Mitteldevon, wie ein Blick auf die geologische
Karte[A] uns sagt, nur eine geringe Verbreitung. Die Eifelkalke,
die bei Gerolstein als prächtige Dolomitfelsen aufragen, und die
Lenneschiefer, die zwischen der Sieg und der Ruhr verbreitet sind
und also den Boden des Bergischen Landes bilden, gehören ihr an. Das
Oberdevon ist noch viel weniger verbreitet. Schichten desselben kommen
nur in einer Kalkmulde bei Prüm in der Eifel, zwischen der Wupper und
der unteren Ruhr im Bergischen Lande, bei Aachen und in der Lahn- und
Dillgegend vor.
[Illustration: Abb. 8. Der Dom in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 21.)]
Obschon die unterdevonischen Schichten die ungeheure Mächtigkeit
von etwa 3300 ~m~ besitzen, sind sie, wie aus den Versteinerungen,
die sie enthalten, als den Spuren früherer Lebewesen, geschlossen
werden konnte, in einem ziemlich seichten Meere, das mit unserer
Nordsee verglichen werden kann, abgelagert worden. Es sind jedoch nur
wenige versteinerungsreiche Bänke bekannt geworden. Um so reicher ist
die Ausbeute des Paläontologen in den mitteldevonischen Kalken und
Schiefern, die sich als Tiefseebildungen zu erkennen geben. Diese
Schichten, besonders die Kalke der Eifel, enthalten eine solche Fülle
von Versteinerungen, daß man, wie Rauff sich ausdrückt, „streckenweise
keinen Stein aufheben kann, der nicht zugleich Versteinerung wäre,
und daß beispielsweise in der Umgebung von Gerolstein, ohne jede
Übertreibung gesprochen, die Straßen tatsächlich mit Korallen und
Stromatoporen beschottert werden“. Auch die oberdevonischen Schichten
enthalten stellenweise einen großen Reichtum von Versteinerungen. Außer
zahllosen Muscheln aus der Klasse der Brachiopoden oder Armfüßler,
Korallen, Seesternen, Seelilien und krebsartigen Tieren treten im
Devon zum ersten Male auch Fische und Ammoniten auf. Die Fische hatten
sämtlich ein knorpeliges Skelett gleich den Haifischen und Stören der
Gegenwart, weshalb von ihnen nur wenig erhalten ist.
Als sich die devonischen Schichten ablagerten, fanden gleichzeitig
viele submarine Ausbrüche von vulkanischem Gestein, von Diabasen und
Aschen statt; die Schalsteine der nassauischen Gegenden haben diesen
Ursprung. In Verbindung mit Kalksteinen bewirkten sie sekundär die
Entstehung von Eisenerzen, besonders von Roteisensteinen, so daß im
Nassauischen und in Westfalen ein bedeutender Eisenbergbau begonnen
werden konnte.
[Illustration: Abb. 9. Goethe-Haus in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in
Frankfurt a. M. (Zu Seite 22.)]
[Sidenote: Die Steinkohlenzeit.]
Auf die devonische Zeit folgte die Karbon- oder Steinkohlenzeit.
Sie schuf die Ablagerungen, die das Rheinische Schiefergebirge im
Norden, Osten und Südwesten säumen, im Norden in langer Ausdehnung von
Valenciennes in Frankreich bis nach Marsberg in Westfalen, von da am
Ostrande des Devon nach Süden herumgreifend bis über Wetzlar hinaus,
im Südwesten auf kleinerem Raume an der Saar und oberen Nahe. Wir
unterscheiden ein Unterkarbon und ein Oberkarbon oder das produktive,
d. h. von Kohlenflözen erfüllte Steinkohlengebirge. Jenes ist in
Belgien als Tiefseebildung in einer ungeheuren Mächtigkeit, östlich vom
Rhein aber als Flachseebildung entwickelt, letzteres haben wir überall
als die Ablagerung eines sehr seichten Meeres, in dessen Buchten sich
ein ungemein üppiges Pflanzenleben entfalten konnte, aufzufassen.
[Illustration: Abb. 10. Goethe-Denkmal in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 22.)]
[Sidenote: Entstehung der Gebirge.]
Schon die bandartige Ablagerung der karbonischen Schichten an den
Rändern des Rheinischen Schiefergebirges sagt uns, daß dieses zu
jener Zeit anfing, sich aus den Fluten des Meeres herauszuheben,
zusammen mit dem gewaltigen Hochgebirge, den Variskischen Alpen,
von denen wir eingangs sprachen. Dies führt uns zu der Frage, wie
wir uns die Entstehung der riesigen Gebirge, die in früherer Zeit
hervorragten und wieder verschwunden sind oder, jüngeren Ursprungs,
noch heute die Oberfläche der Erde schmücken, zu denken haben. Manche
Theorien sind hierüber aufgestellt worden. Die Katastrophentheorie,
der auch noch Humboldt huldigte, ist längst abgelöst worden von
der Kontraktionstheorie, die von Lyell begründet und von Heim und
Sueß weiter ausgebildet wurde und den großartigsten Vorgang der
Gebirgsbildung, die Entstehung der riesigen Ketten- oder Faltengebirge,
als Wirkung eines langsameren, aber allmählich immer stärker werdenden
Seitenschubs erklärt. Die fortschreitende Abkühlung der Erde ist
die letzte Ursache dieses Vorgangs, bei dem die oberen Erdschichten
immer stärker in Falten gelegt und zu Falten aufgebogen werden.
Im Rheinischen Schiefergebirge sind die einstigen Falten zum Teil
nachgewiesen worden. Sie bildeten zahlreiche Gebirgszüge, die, wie am
Oberflächenbilde stellenweise noch heute sichtbar ist, von Südwesten
nach Nordosten strichen. Namentlich drei große Faltenbewegungen wurden
wirksam. Zuerst wurde das Hohe Venn aufgebogen, dann folgte die
Auffaltung des Taunus und Hunsrück und daran schloß sich unmittelbar
die Aufwölbung der Eifelfalte. Jede dieser Hauptfalten war von
zahlreichen Nebenfalten begleitet. Der Druck kam vorwiegend von
Südwesten; doch sind auch Wirkungen einer quer hierzu gerichteten
Druckbewegung, besonders in der Eifel, zu erkennen. Die karbonischen
Schichten bei Aachen sind noch mitgefaltet worden, ein Beweis, daß bei
ihrer Ablagerung die Faltenbewegung noch nicht begonnen hatte, die des
Saargebiets dagegen nicht mehr. Die Forschungen haben ergeben, daß
sich an der Stelle, wo das Saarkohlengebirge abgelagert wurde, eine
wohl 5000 ~m~ tiefe Senke zwischen dem Hunsrück im Nordosten und einer
anderen Hochgebirgskette im Südwesten befand. Die Gewässer, die von
den beiden Gebirgen mit wildem Sturze herniederflossen, führten große
Massen Quarz und Schiefergeröll mit sich fort und füllten allmählich
die Senke aus. Ein großer Teil des Steinkohlengebirges, das so
entstand, wurde in der dann folgenden Permzeit von den Ablagerungen
des Rotliegenden überdeckt. Der ganze Ost- und Südrand des Rheinischen
Schiefergebirges war in dieser Zeit wieder unter den Meeresspiegel
geraten, bis zur Mosel hin, wo noch kleine Reste des Rotliegenden,
die der Reisende auf der Fahrt von Trier nach Coblenz auf der ersten
Strecke schaut, erhalten sind.
[Sidenote: Die späteren Erd-Epochen.]
In der nächsten Erd-Epoche, der Triaszeit, dauerte das Tiefersinken des
Gebietes fort. Immer weiter dehnte sich in dem früheren Gebirgslande
wieder die Herrschaft des Meeres aus, und mit neuen Ablagerungen
bedeckte dieses den alten Gebirgsrumpf. Auch das Jurameer flutete
wahrscheinlich noch über weiten Gebieten. In der nachfolgenden
Kreidezeit dagegen war der größte Teil des Rheinischen Schiefergebirges
wieder trockengelegt. In der Tertiärzeit gab es noch eine seichte
Meeresbucht, das sogenannte Mainzer Becken, mit einem reichen
Tierleben. Dann folgten zahlreiche Süßwasserbildungen, Geröll-, Sand-,
Ton- und Braunkohlenablagerungen, auf seiner Oberfläche, besonders
auf den eingesunkenen Schollen des Neuwieder und Limburger Beckens,
sowie des Mainzer Beckens im Süden und der Kölner Bucht im Norden,
begannen ferner die zahlreichen vulkanischen Ausbrüche, die bis in das
Diluvium fortdauerten und die Vulkanberge der Eifel, die Basaltkuppen
des Westerwaldes und vor allem die schöne Berggruppe des Siebengebirges
schufen.
Wir verfolgten die Landbildungen, die auf dem Raume des Rheinischen
Schiefergebirges in den verschiedenen Erd-Epochen vor sich gingen, und
es bleibt uns noch die andere Aufgabe, auch die Vorgänge zu verfolgen,
durch die das mächtige Hochgebirge und auch manche der später auf
seinem Sockel wieder abgelagerten Erdschichten wieder zerstört und
abgetragen wurden. Hierbei wird sich vor unseren Augen zum Schlusse das
jetzige Oberflächenbild des Rheinischen Schiefergebirges gestalten.
Wie alle Gebirge, besonders die hoch gehobenen Faltengebirge, die mit
starkem Gefälle fließende Gewässer hinabsenden, so unterlagen auch
die alten Faltenzüge des jetzigen Rheinischen Schiefergebirges gleich
nach ihrer Aufrichtung einer starken Zerstörung und Abtragung. Wieviel
letztere bisher betragen hat, darüber sind erst wenige Berechnungen
gemacht worden. Cornet und Briort veranschlagen in ihren Arbeiten über
das belgische Karbon das Maß der Abtragung bei Namur auf 5000–6000
~m~. Dies gibt uns eine annähernde Vorstellung, mit welchen Kräften
und Leistungen wir bei der Zerstörung der Gebirge zu rechnen haben.
Auch der Vergleich mit den viel jüngeren Alpen dürfte geeignet sein,
eine anschauliche Vorstellung hierüber zu geben. Von ihrer stolzen
Höhe büßten sie nach den Berechnungen von Professor Heim in Zürich in
einem verhältnismäßig noch kleinen Zeitabschnitte ein Drittel ein,
und für das heute noch 4280 ~m~ hohe Finsteraarhorn, den höchsten
Berg der Berner Alpen, betrug die Höhenabnahme mindestens 1000 ~m~ an
Sedimentgestein und eine nicht bestimmbare Höhe an kristallinischem
Schiefer.
[Illustration: Abb. 11. Die Börse in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
Die schnelle Zerstörung, welche das alpenartige Gebirge jedenfalls in
der ersten Zeit nach seiner Auffaltung erfahren hatte, verlangsamte
sich, als schon in der Permzeit das ganze Gebiet sich zu senken begann.
Aber eine andere Zerstörungsweise setzte mit diesem Zeitpunkte ein.
Das Meer umbrandete das Gebirge und überflutete es teilweise, wie die
Ablagerungen des Rotliegenden, des Buntsandsteins und noch jüngerer
Erdschichten beweisen. Das gewaltige Zerstörungswerk der Meeresbrandung
können wir an heutigen Küsten beobachten. Sie hobelt gleichsam das Land
allmählich gleichmäßig ab, so daß, wenn sich später das Meer wieder
zurückzieht, eine fast ebene Fläche zum Vorschein kommt. Besonders
dürfte das Buntsandsteinmeer die Abnagung und Einebnung weiter Gebiete
des Rheinischen Schiefergebirges bewirkt haben.
[Sidenote: Ausbildung der heutigen Formen.]
Als die Schwankungen der Meeresgrenzen aufhörten und das Rheinische
Schiefergebirge in seinem heutigen Umfange wieder als trockenes Land
heraustrat, wurde seine Oberfläche von neuem modelliert, und zwar
um so stärker, je höher sie gehoben wurde. Sie schmückte sich mit
neuer Schönheit, indem weiches Gestein fortgeschwemmt wurde, härteres
aber stehen blieb, und indem die heutigen Gewässer ihre Täler tief
eingruben. Die zahlreichen Bergrücken, welche den sonst einförmigen
Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges heute noch aufgesetzt
sind, wie die Taunuskette, der Soon-, Idar-, Hoch- und Errwald auf
dem Hunsrück, der Kondelwald, die Schneifel u. a. auf der Eifel usw.
sind nur Reste härterer Gesteinsschichten, stellen aber durchaus
nicht mehr die früheren Faltenzüge dar. Sie bestehen aus dem harten
Quarzit, der der Verwitterung besser als die Schiefer-, Grauwacke- und
Sandsteinschichten widerstand. Die Hauptachse der Taunus-Hunsrückfalte,
die früher eine ununterbrochene Gebirgskette darstellte, lag z. B.
südlich von der jetzigen höchsten Erhebungslinie und wird durch
die dort auftretende schmale Zone der stark abgetragenen Phyllite
und Sericite bezeichnet. Auch die Porphyr- und Melaphyrfelsen der
Nahegegend, ferner die überaus zahlreichen Vulkanberge, besonders
Basaltkuppen der Eifel, des Westerwaldes und des Siebengebirges, sowie
die Kalkfelsen bei Gerolstein in der Eifel verdanken ihr jetziges
stattliches Hervortreten meist nur dem Umstande, daß sie von der sie
umgebenden weicheren Gesteinshülle allmählich entblößt wurden.
[Illustration: Abb. 12. Eschenheimer Turm in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in
Frankfurt. (Zu Seite 23.)]
[Sidenote: Bildung der Flußtäler.]
Die heutige Talbildung des Rheinischen Schiefergebirges hat ihren
Anfang wohl erst gegen Ende der Tertiärzeit, in der Pliocänzeit,
genommen. Allmählich haben der Rhein und seine Nebenflüsse, die Mosel,
die Lahn, die Nahe, die Sieg, die Ahr und die Wupper, ihr Bett bis
zur jetzigen Tiefe ausgenagt und dadurch die große Gebirgsscholle
in mehrere kleinere zerlegt. In bedeutender Höhe der Täler finden
wir die Spuren ihres früheren Laufes. Am deutlichsten sind die alten
Flußterrassen im Rheintal ausgebildet, doch fehlen sie auch im Tal
der Mosel und in den Tälern der anderen Flüsse nicht. Im Rheintal ist
eine Hoch- und eine Niederterrasse nachzuweisen. Jene liegt etwas
nördlich von Coblenz in einer Höhe von 245, bei Linz von 200, auf der
Erpeler Ley von 150 und auf dem kleinen Krater des Rodderberges bei
Rolandseck von 130 ~m~ über dem jetzigen Rheinspiegel; sie setzt sich
mit abnehmender Höhe auch durch die Kölner Bucht als Schotterfläche
der Ville, ja bis nach Cleve und Nimwegen hin fort. Diese Hochterrasse
zu beiden Seiten des Tales ist der Rest des ehemaligen, sehr breiten
Strombettes. In dieses begann sich der Rhein später tiefer einzugraben.
Er zog hierbei von selbst seine Wassermasse enger zusammen. Tiefer
sank sein Spiegel, seine steilen Uferwände wurden immer höher und
wuchsen allmählich zu Bergen, auf denen in der Höhe die aus mächtigen
Schottermassen bestehende Terrasse zurückblieb. Außer dieser obersten
Hauptterrasse kommen an den Talwänden auch kleinere Hängeterrassen vor.
Die Niederterrasse, eine untere Hauptterrasse, liegt in einer Höhe von
20–30 ~m~ über dem jetzigen Wasserspiegel und bezeichnet wieder ein
längeres Verweilen des Stromes in seinem Bette. Dann begann er, sich
sein heutiges Bett zu graben.
[Illustration: Abb. 13. Das Opernhaus in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
[Illustration: Abb. 14. Der Palmengarten in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in
Frankfurt. (Zu Seite 23.)]
[Illustration: Abb. 15. Im Palmenhause des Frankfurter Palmengartens.
(Zu Seite 23.)]
Zu diesem tiefen Einnagen kann der Strom, wie schon erwähnt wurde, nur
durch eine langsame Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges
veranlaßt worden sein. Diese Aufwärtsbewegung war keine gleichmäßige,
sondern ging bald langsam, bald schneller vor sich. Es hätte sonst
eine Terrassenbildung nicht stattfinden können. Die Tatsache, daß die
Quelle bzw. der Oberlauf der außerhalb des Rheinischen Schiefergebirges
entspringenden Flüsse, der Saar, der Mosel, des Rheines (sein Lauf
durch die Oberrheinische Tiefebene) jetzt tiefer liegen als die
höchsten Spuren der alten Stromläufe, könnte auch so erklärt werden,
daß jene außerhalb gelegenen Gebiete später eingesunken und die
genannten Gewässer gezwungen worden seien, ihr Wasser aufzustauen,
um schließlich über die Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges
einen Abfluß zu finden. Die gleichzeitige Annahme von Spalten in
letzterem erleichtert diese Erklärungsweise, nach der das Rheintal und
seine Nebentäler nur als einfache Erosions-, d. h. Ausnagungstäler
aufzufassen seien. Führen wir aber, wie es oben geschah, ihre
bedeutende Vertiefung auf ein späteres langsames Emporsteigen des
Rheinischen Schiefergebirges zurück -- und hierzu sind wir gezwungen,
um den beiden Tatsachen, der früheren teilweisen Überflutung des
Gebiets durch das Tertiärmeer und der Terrassenbildung gerecht zu
werden --, so haben wir eine kompliziertere Talbildung vor uns, die
man die vorausgehende nennt. Diese Bezeichnung will andeuten, daß
der Beginn der Talbildung der Gebirgserhebung vorausgegangen war,
wenn sie auch durch diese erst zum schnellern Fortschreiten angeregt
wurde. Wir brauchen in diesem Falle keine großen Spaltenbildungen,
die den Gewässern den Weg wiesen, anzunehmen. Solche konnten sicher
bisher auch nur auf wenigen Strecken des Rheintales und seiner
Nebentäler nachgewiesen werden. Einem Gebirgsspalt folgt der Rhein z.
B. auf der Strecke von Braubach unterhalb Boppard bis Coblenz. Die
Deutung der Täler des Rheinischen Schiefergebirges als vorausgehende
Talbildungen schließt aber durchaus nicht aus, daß die außerhalb
entspringenden Gewässer, also Rhein, Mosel und Saar, in früherer Zeit
vor Eintritt in das Gebiet ihr Wasser seeartig aufgestaut haben,
wofür besonders hinsichtlich des Rheinlaufs, der das Mainzer Becken
und einen großen Teil der Oberrheinischen Tiefebene füllte, Beweise
vorhanden sind. Diese Aufstauung mußte sogar in dem Maße stattfinden,
als die Talvertiefung hinter der Aufwärtsbewegung des Rheinischen
Schiefergebirges zurückblieb. Auch die eingesunkenen oder in der
Aufwärtsbewegung zurückgebliebenen Schollen innerhalb des Gebietes, wie
das Limburger und Neuwieder Becken und die Kölner Bucht, blieben noch
lange Zeit von Wasserfluten bedeckt, bis sie sich mit dem Fortschreiten
der Talbildung allmählich entleerten. Der Rhein und seine Nebenflüsse
begannen ihre Talbildung in den überlagernden, aber wieder abgetragenen
Schichten und setzten sie ohne Rücksicht auf den Gebirgsbau der
unterlagernden Schichten fort, so daß man auch von epigenetischen
oder aufgelagerten Tälern sprechen kann. Von der Pliocänzeit bis zur
Diluvialzeit, und zwar bis etwa zu den letzten Abschnitten der Eiszeit,
in der auch schon der Mensch am Rheine wohnte, war beinahe diese ganze
Erosionsarbeit der Flüsse geschehen; denn der aus der letztgenannten
Zeitepoche stammende feinerdige Löß bekleidet vielfach die Gehänge der
Täler, besonders des Rheintales, fast bis zur Niederterrasse herab.
[Illustration: Abb. 16. Kurfürstliches Schloß in Mainz. (Zu Seite 29.)]
[Illustration: Abb. 17. Innere Ansicht der Stadthalle in Mainz. (Zu
Seite 30.)]
[Illustration: Abb. 18. Mainz.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu Seite 23.)]
[Footnote A: Geologische Übersichtskarte der Rheinprovinz und der
Provinz Westfalen, bearbeitet von H. v. Decken. -- Geologische
Übersicht von Mitteleuropa in Andrees Handatlas, ~V.~ Aufl. S. 37 38.]
III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus.
Die nördlichen Gegenden der Oberrheinischen Tiefebene, deren unterster
Schlußteil das fruchtbare Mainzer Becken bildet, „behaupten,“ so sagt
Kutzen, „vor den meisten Abschnitten unseres Vaterlandes, ja vor den
meisten Flußtalstücken unseres ganzen Erdteils den Vorrang. Während
zweier Jahrtausende waren sie ein Hauptschauplatz weltgeschichtlicher
Ereignisse und insbesondere auch der Entwicklung des deutschen Volkes;
denn gerade hier tummelten sich von jeher die Eroberer und Völker, von
den Zeiten Ariovists und Cäsars bis zu dem Cäsar der Neufranken und
seinen Gegnern. Kelten und Germanen, Römer und Hunnen, Schweden und
Spanier, Russen und Franzosen versuchten sich hier gegeneinander und
düngten mit ihrem Blute das Land, das, oft verwüstet, immer wieder
zu neuer Blüte sich erhob. Hier gingen bei weitem die Mehrzahl der
großen weltgeschichtlichen Völkerzüge über den Rhein und ließen ihre
Spuren zurück, wie auch das herrliche Land selbst stets der Zankapfel
der Völker war. An diesen Rheinufern blühten die Reiche der Burgunder
und Nibelungen auf und später Deutschlands schöne Pfalzgrafschaft. An
ihnen wuchsen jene Städte des Reiches, die Blüte deutschen Lebens,
in deren Mauern entscheidende Reichs- und Kirchenversammlungen
gehalten, Kaiser gewählt, gekrönt und in die Gruft gesenkt, Künste und
Wissenschaften gepflegt, bedeutsame, ja auf die ganze Zivilisation
umgestaltend einwirkende Erfindungen, z. B. die Buchdruckerkunst in
Straßburg und Mainz, gemacht und Handelsgeschäfte im großartigsten
Maßstabe gehandhabt wurden. Noch stehen als Zeugen einer gewaltigen
Vergangenheit die hohen Dome und ragen mit ihren Türmen und Zinnen
ehrfurchtgebietend ins weite Land hinein, von Berghöhen schauen ernste
Ruinen zur Ebene herab und reden von dunklen Sagen uralter, kaum
zu ergründender Tage oder von jener großen Zeit, wo die Gaue des
Oberrheins noch der Mittelpunkt des Deutschen Reiches waren, wo sich
alle Macht und Kraft, aller Reichtum, alle Kunst des germanischen
Volkes hier konzentriert hatte. Das alles ist anders geworden; aber das
schöne Land ist geblieben, um so inniger umschweben jene Erinnerungen
den Wanderer und erhöhen sein Interesse für dasselbe.“
[Illustration: Abb. 19. Der Dom in Mainz, vom Markt gesehen. (Zu Seite
30.)]
[Illustration: Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (Zu
Seite 30.)]
[Sidenote: Frankfurts Lage.]
Unter den oberrheinischen Städten, die die Wiege großer Zeitereignisse
waren und in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten,
ragen noch heute besonders zwei hervor: Frankfurt am Main und
Mainz. Zwar liegt Frankfurt, wo wir unsere Wanderungen durch das
Land am Rhein beginnen wollen, abseits von diesem Strome. Aber
an allen Vorteilen, die derselbe als Völkerstraße darbietet, hat
die Stadt teilnehmen können, und so kann sie doch, obschon nur am
Unterlaufe eines bedeutenden Nebenflusses, des Mains, gelegen, als
eine Rheinstadt gelten. Die eigentliche Fortsetzung des großen
Grabens der Oberrheinischen Tiefebene, dem der Rheinstrom folgt,
bildet nicht das enge Rheintal, sondern die fruchtbare Landschaft
der Wetterau, die sich nördlich von Frankfurt ausdehnt. Von dort aus
öffnen sich bequeme Verbindungen nach Norden nach dem Hessenlande und
nach Nordosten nach Thüringen hin und dadurch nach dem nördlichen
und nordöstlichen Deutschland. So bildet Frankfurt die Brücke vom
Rhein, der großen Verkehrsader des südwestlichen Deutschland, zu
dem übrigen Deutschland, und dieser wichtigen Lage verdankt es die
hervorragende Rolle, die es in der Vergangenheit spielen konnte und
auch in der Gegenwart auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs zu
behaupten vermag. Durch diese Gunst übertrifft seine Lage selbst die
des benachbarten Mainz, das von der von Süden nach Norden laufenden
Verkehrsstraße durch den Rheinstrom getrennt ist. Warum gerade die
durch Frankfurts Lage bezeichnete Stelle am Main für eine Niederlassung
bevorzugt wurde, lag in örtlichen geographischen Verhältnissen
begründet. Es war nicht bloß das zufällige Vorhandensein einer Furt,
die der Stadt den Namen „~Villa Franconofurd~“: Furt der Franken
gab, entscheidend. Ausläufer des Vogelsberges, die nur bei Frankfurt
bis an den Main heranstreichen, und eine kleine Bodenerhebung auf
dem linken Mainufer sicherten auch eine bequeme Benutzung dieser
Furt, während an anderen Flußstellen ein mehr oder weniger breites
Überschwemmungsgebiet Hindernisse bereitete. Am Mainufer, von wo aus
Frankfurt noch immer sein eigenartigstes Gesamtbild (Abb. 4) mit den
beiderseitigen Gebäudereihen, mit dem stattlichen, alles überragenden
Dom und den niedrig den Fluß überspannenden Brücken entfaltet, wird
uns die Situation, die die Gründung der Niederlassung veranlaßte,
klar. Recht bedeutend senken sich von der verkehrreichen Zeil aus die
zum Main hinführenden, meist sehr engen Gäßchen. In dem Flusse aber
schwimmen noch heute mehrere kleine Inseln, auf denen jetzt die alte
Mainbrücke ruht, die Furtstelle bezeichnend, wo die fränkischen Heere
den Main zu überschreiten pflegten. Die königliche Pfalz, die in der
Frankenzeit zu Frankfurt errichtet wurde, wird zuerst im Jahre 793
als Winteraufenthalt Karls des Großen erwähnt. Ludwig der Fromme ließ
daselbst 822 eine neue Kaiserpfalz, ~aula regia~, erbauen, vermutlich
an der Stelle, die jetzt der sog. Saalhof einnimmt. Dadurch wuchs das
Ansehen der Stadt bedeutend, 876, beim Tode Ludwigs des Deutschen, galt
sie als Hauptstadt des ostfränkischen Reiches. Von der fränkischen Zeit
an wurden in Frankfurt die deutschen Kaiser gewählt, und die Goldene
Bulle Karls ~IV.~ bestimmte, daß die Bartholomäuskirche, d. i. der Dom,
als Wahlstätte dienen sollte. Später mußte auch Aachen seinen Rang als
Krönungsstadt an Frankfurt abtreten. So wurde die freie Reichsstadt,
die durch Messen zugleich als Handelsplatz mächtig aufblühte, die
wichtigste Stadt im Deutschen Reiche, der erst später Wien als
ständiger Kaisersitz den Rang ablief (Abb. 3).
[Illustration: Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (Zu Seite 31.)]
[Sidenote: Frankfurts Vergangenheit.]
Wir begrüßen es dankbar, daß Frankfurt die Stätten der Erinnerung
an seine frühere Größe und Bedeutung so treu bewahrt hat, daß wir
heute noch aus dem Kaisersaal (Abb. 5) auf den Römerberg, den
wichtigsten Platz im alten Stadtteil, hinabschauen können, wie es
der neugewählte Kaiser tat, wenn er sich nach beendetem Festmahl
auf dem Balkon der festlich versammelten Volksmenge zeigte. In dem
angrenzenden Wahlzimmer, das die Kurfürsten zu ihren Vorberatungen
benutzten, während der eigentliche Wahlakt in der Wahlkapelle des Domes
stattfand, hält noch heute der Magistrat der Stadt Frankfurt seine
Sitzungen ab. Der Kaisersaal wurde 1411 vollendet und 1838 bis 1853 neu
hergestellt. Er ist mit dem überlebensgroßen Bilde Karls des Großen,
den Brustbildern der übrigen Karolinger und den großen Kaiserbildern
von Konrad ~I.~ (911 bis 918) bis Franz ~II.~ (1792 bis 1806), mit dem
die Herrlichkeit des alten Deutschen Reiches aufhörte, geschmückt. Das
Wahlzimmer wurde 1731 bis 1732 umgebaut. 1896 bis 1898 wurde das Haus
zum Römer (Abb. 6), das diese historisch denkwürdigen Räume enthält,
nebst zwei angrenzenden Häusern mit einer neuen, etwas zu gleichartigen
spätgotischen Fassade in hoher Giebelform versehen. Die drei Häuser
liegen in einer Gruppe von zwölf Häusern, die man heute insgesamt mit
dem Namen „Römer“ zu bezeichnen pflegt. Von den übrigen, zum Teil
sehr eigenartigen Gebäuden verdienen besonders das Haus Frauenstein,
das eine bemalte Fassade im Stil des achtzehnten Jahrhunderts hat,
und das neben ihm an der Ecke der Wedelgasse gelegene Salzhaus (Abb.
7), dessen schmaler Giebel ganz aus Holz geschnitzt ist, genannt zu
werden. Vom Römerberg, auf dem, wohl auf die Kaiserwahl hindeutend, der
Justitiabrunnen steht, lenken wir unsere Schritte durch eine Straße,
die den Namen Markt führt, zum Dom hin. Es ist ein historischer Weg,
den wir schreiten. Im Geiste sehen wir den Zug der Kurfürsten sich
zur Wahlkapelle im Dom bewegen und grüßen den neuen Kaiser, dem die
festliche Menge zujubelte. Dieses Zurückschweifen in vergangene Zeiten
wird uns leicht, ja zum Bedürfnis beim Anblick der altertümlichen
Häuser, die links und rechts vom Markt noch stehen blieben als stumme
Zeugen jener Geschehnisse, dort rechts das Eckhaus „Zum großen
Engel“, das aus dem Jahr 1562 stammt und halb im gotischen, halb im
Renaissancestil erbaut ist, links ein burgartiges Gebäude, genannt
das „Steinerne Haus“, das schon 1464 errichtet wurde und mit Fries,
Ecktürmchen und Madonnenstatue geschmückt ist, dann wieder rechts der
Tuchgaden, wo die Frankfurter Metzgerzunft, alter Überlieferung gemäß,
dem nach der Krönung vorüberziehenden Kaiser den Ehrentrunk darbringen
durfte.
[Illustration: Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (Zu Seite
31.)]
[Sidenote: Frankfurt.]
An dem Dome (Abb. 8) fällt uns besonders das unverhältnismäßig weit
vorstehende Querschiff auf. Das kurze, dreischiffige Langhaus, ein
gotischer Hallenbau, stammt aus den Jahren 1235 bis 1239. Die übrigen
Teile des Bauwerks sind alle jünger, meist aber, wie auch das Langhaus
selbst, Erneuerungsbauten älterer Gebäudeteile. Schon 870 ließ Ludwig
der Deutsche an derselben Stelle eine Kirche, die er als Salvatorkirche
weihen ließ, erbauen. Dieselbe wurde 1239 nach dem Umbau, von dem das
Burghaus herrührt, dem heiligen Bartholomäus geweiht. Die Wahlkapelle
stammt aus dem Jahre 1355. Am 15. August 1867 wurde der Dom durch
Feuer stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung erhielt auch der bis
dahin unvollendete Turm seine eigenartige Bekrönung, eine achtseitige
Kuppel, die in eine Spitze ausläuft, wie es ein alter Entwurf zeigte.
[Illustration: Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (Zu Seite 32.)]
Beim Anblick dieser alten Gebäude in der enggebauten Altstadt kommt
uns deutlich zum Bewußtsein, was Frankfurt in politischer Hinsicht dem
früheren Deutschen Reiche gewesen ist. Die Stadt, die die deutschen
Kaiser aus ihren Mauern hervorgehen sah, schenkte dem deutschen Volke
auch den größten Dichter. Im „Großen Hirschgraben“ steht, vom Roßmarkt
schnell zu erreichen, das Goethehaus (Abb. 9). Es ist ein für frühere
Zeiten stattliches Gebäude, aus dem Erdgeschoß, zwei etwas vorgebauten
Stockwerken und einem aufgesetzten Giebelhaus bestehend. Tausende
Besucher aus allen Ländern der Erde durchwandern alljährlich diese
durch einen großen Geist geweihten Räume, in denen der Dichter seine
glückliche Jugendzeit verlebte und die ersten Werke schuf, die ihn
so früh berühmt machten. Aus „Dichtung und Wahrheit“ sind wir mit
den inneren Räumen schon ziemlich vertraut. Es ist das Verdienst des
„Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen Vereinigung,
daß das denkwürdige Haus uns als ein deutsches Nationalheiligtum
erhalten blieb. Dasselbe wurde seit seiner Neugestaltung im Jahre
1884 stilgemäß wie zu Goethes Jugendzeit wieder eingerichtet. Alles
heimelt uns so merkwürdig an. Nun erst glauben wir dem großen Dichter
näher zu sein. Wir schauen in das Antlitz des strengen Vaters und
der ebenso lebensfrohen als lebensklugen Mutter, der Frau Rat, aus
deren Munde wir die Worte zu vernehmen glauben, „daß noch keine
Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen ist, wes Standes, Alters
und Geschlechtes sie auch gewesen sei“. Sie war der gute Schutzgeist
des Goetheschen Hauses. Es war ein schöner Gedanke, der bei den großen
Festlichkeiten, die bei Gelegenheit des 150. Geburtstages des Dichters
veranstaltet wurden, auftauchte, auch der herrlichen „Frau Rat“ ein
Denkmal zu setzen, nachdem ihrem großen Sohne auf dem benachbarten
Goetheplatze schon 1844 ein solches (Abb. 10) errichtet worden war.
Die Frankfurter Bürgerinnen, die deutschen Frauen griffen ihn mit
Begeisterung auf, im stillen flossen die Mittel und bald kann an seine
Verwirklichung gedacht werden. Durch eine solche Ehrung wird sich die
deutsche Frauenwelt selbst ein Denkmal setzen. Wenn wir den Hof des
Goethehauses durchschreiten, gelangen wir zu einem Neubau, in dem 1897
das Goethemuseum eröffnet wurde.