Fünftes Buch Der Andere

Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, liegt das

Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge

vor, leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des

Ostens treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie

sich zum Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei

Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit

geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg

Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle

zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem.

Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande Kanaan:

Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust, zur

Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr

Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden

unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der

Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in

kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige

Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes Haften

am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den Körper

zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte

Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig

sein. Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten.

Und die milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan.

Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden ineinander;

die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende vom

herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen

und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und

läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.

In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte

nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so

kleines Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim,

Syrien-Rom. Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt

werden oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will

dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran,

sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß,

immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es

wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle

gar zu hoch einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel

überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und

ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen

Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den drei Strömungen, was

ihm tauglich scheint, paßt es sich an.

Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der

gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu

wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der

Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel

solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den

Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet

auf, was ihm die drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene

Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom

Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des

Nichtwollens und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden

Bücher, die von allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das

große Buch vom Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht,

das Neue. Trotz zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem

seinem Leben und Wort.

Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre

des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht

recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und

Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl,

in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im

rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend

Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen,

nicht tun, verzichten auf das Ich.

Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden Wirbel

des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die Zerwesung zur

seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht.

* * * * *

Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den

Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die

Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den

Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor,

flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall

Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger.

Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So

erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch

wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern.

Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte

ein Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der

Herzog ist zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich

duckten, die Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam,

unzweifelbare Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog

ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude

auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der

schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen

Bock, ein Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein

geflügelter Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern

setzte er den Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier

der Teufel holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er

das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge

davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall,

den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, was für

schwarzblaues, gräßlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? Mit den

Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten.

In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um

sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der

Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute

früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte

immer denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen

Tag vorher gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht

getragen und Karl Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich

tot und wird sich nie an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie

empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht

Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel

der Stadt über den Tod des Herzogs.

Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich

und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend,

knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz

allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die

Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren

lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth.

Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte

Hofkanzler. Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch

sei erledigt und vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles

legitime. Das Testament gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater

Florian, doch bestimmter und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des

Kapuziners spann an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als

Beichtiger der regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten,

aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er

leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder Mazarin.

Aber Marie Auguste war, während ihr pastellfarbener, kleiner

Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr abwesend, sie dachte

an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu bestellenden Witwenschleier

– man konnte das sehr pikant und kleidsam machen, selbst die häßliche

Herzogin von Angoulème hatte gut darin ausgesehen – und nachdem die

Herren höchst positive Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt

mit kleiner, wichtiger Stimme: „_Que faire, messieurs? Que faire?_“

Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch

anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung

teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz.

Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr persönliches

Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese einfachste

Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer glaubte

wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster

phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und

geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte

zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht

seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der

Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es

eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte

der vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei

der Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit

Notwendigkeit eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern

herumgefragt; alle hatten es ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen

Umständen die Katastrophe eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht

sogleich zur Stelle waren. Und sie waren nicht zur Stelle, Karl

Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder hatte vielleicht eine

sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander starb ganz

allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in den

Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle

Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um

dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot.

Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig, daß

der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte,

flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann

seinen Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem

Moment war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt

waren, der Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten

sie und doch bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der

Stuttgarter Brutus in seiner düstern Größe.

Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die

Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt

war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern,

allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog

Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers werden

mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte. Auf den

konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer

Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht

noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz

aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil

von der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte

man noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard

Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener

gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden,

wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und

Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die

Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab,

ja selbst der Hofkanzler Scheffer.

Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin

verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen!

Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren

stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er

drein! Doch in weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um

die Militärs herum.

Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur

leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der

letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin

und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was

tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte,

Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte

keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste

Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen. Man

war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab,

streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden.

Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein

glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden

Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung:

Was tat Süß?

* * * * *

In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen

Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig

Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von

Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die

Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie

an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst

du fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine

Medizinflasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll

gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt

diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit

großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und gewissenhafte

_Judicium medico-chirurgicum_, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem

_Viso reperto_“, diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine

Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer

Inflammation oder _Gangraena_, nicht an einem Blutsturz, auch nicht an

einem _Polypo etc._, sondern an einem Steckfluß verschieden und in dem

Blut recht ersticket ist. Zu dieser so schnellen Veränderung hat ohne

allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines Teils der ehemals öfters

rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene _Spasmus

diaphragmatis etc._ und der große, das Zwerchfell über sich pressende,

mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die _ad

stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam_

(allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die

meisten Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen

dahingehen) ohnehin disponierte _Pulmones_.“

In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl Alexanders,

sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner ursprünglichen

Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl Rudolf von Neuenstadt

als Vormünder ein. Ein späteres, von den Geheimräten Fichtel und Raab

veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den Erzbischof von Würzburg als

Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod

unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit besonderer

Machtvollkommenheit aus.

Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen

Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der

Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger,

hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon

die Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich,

England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische

Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von

Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland

gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner

geführt, den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz

Eugen und Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den

Heerführern Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders

ihm die Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte

der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine

Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater

seines kleinen Volkes.

Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst

mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief

zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er

liebte seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie

Auguste, der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und

Komödianten, verzog er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war

klein, dürr, etwas schief, sein Wort von militärischer Kürze, seine

Kleidung und sein Hofhalt streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte:

Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz

seines Alters ein starker Arbeiter.

Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre

umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch

immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in

seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine

Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner

Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun

legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land

zu säubern und auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und

Reich herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von

Würzburg abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte

Subordination, hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern,

er nehme die Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter

Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die

Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte,

er werde schon andern Tags in die Residenz kommen.

Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie

brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem

Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.

Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren

Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und

Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf

die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm

ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm

von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen,

vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und

gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den

Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine

Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die

Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe

mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große

Entlassungen stünden bevor.

Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein,

bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der

Herzogin-Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er

kümmerte sich nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens

schon um sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete,

zunächst in der Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen

Beamten wurden entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet.

Die Mehrzahl der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.

Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch

nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig

und machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge

Ordres ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er

sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität!

Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische Transparent

mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge solcher Ordres

drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich der

schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus mußte

er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird

nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem

Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine

Hur, unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte

gräßlich, als er starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im

Blauen Bock sagten sie, der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch

am Tod dieses guten Bürgers schuld.

Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl Rudolf

und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau bewundern zu

lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug gewesen, jetzt

reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen Preußenkönig zu

werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der katholische

Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den Kaiser,

Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die

kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher

und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen

Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater

Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen

Politikus ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen,

schmollend, wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen,

nach Wien, nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde

Witwe zeigte sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine,

langäugige, blasse Kopf in dem schwarzen Pomp. Ihr Söhnchen, den Herzog,

ließ sie aus Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den

strahlend großen Augen, dem gerührten Volk.

Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er

veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu

verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung.

Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von

Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte

Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg,

bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles

verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit

ihnen das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator.

Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung. Die

Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl

Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof

und die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber

reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ

durch seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion

verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen

Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments

erwiesen wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die

Subtilität dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht.

Karl Rudolf saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der

Macht, war ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die

Proteste, Reklamationen blieben platonisch.

Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ

seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu

wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren

Rates Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit

Gewalt gar nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche

arbeitete auf lange Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu

rechnen, ihn fest im katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der

Bischof, wird diese Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer

Karl Alexander! Guter, fester, angenehmer Freund! _Requiescas in pace._

Er wird selber Messen für ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war

nur, auf gute Manier aus der württembergischen Affäre herauszukommen,

unkompromittiert.

Mit größter Umsicht wurde alles, was Würzburg und die Katholischen

bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige

Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in

Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet

war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten,

ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung

anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten

lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente

verschwanden nach Würzburg.

Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art

ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des

Generals, ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den

Asperg schaffen.

Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste aus

ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich,

Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne

Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der

geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten,

lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian

bei sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den

Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch

gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem

Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und

vorsichtig das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes

den guten Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste

ihrerseits beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen,

dürftigen, kleinen Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres

Trauerkleides nicht zu würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre

vielen Beschwerden an. Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger,

zählte neben Bedeutsamem lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich;

ihre Beiständer mußten ihre Reden wieder ins rechte Garn bringen.

Verächtlich und angewidert hörte Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am

falschen Ort, mit wichtigem Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die

heiligen Begriffe Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm

profaniert in diesem kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er

antwortete kurz, behutsam, grob, griff geschickt auf, was sie Unsinniges

gesagt hatte, die Einwände und Korrekturen des Kapuziners und des feinen

Bibliothekars überhörte er hart und verächtlich; er hatte, der Fürst,

nur mit der Fürstin zu tun. Er schalt Marie Auguste, sie sei übel

beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an, Remchingen, den schlechten,

landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In allen kleinen

Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte, versprach er

ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem politisch wirklich

Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen die Hände, wie die

Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen einstrich, um dem

schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche preiszugeben. Man kam

schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu sprechen. Davon verstand

nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus einem der reichsten

europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich wie andere mit

Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu reden. Karl

Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es um die

Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus

bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es

gewiß, daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht

schwer, sich nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet

ohne Mühe, schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt

und befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine

große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und

befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein

stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel.

Auf Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem

gewissen überlegenen und verächtlichen Wohlwollen.

Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen

Streitereien. Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige

Entrevue sich hinreichend klar geworden über die einzuschlagende

Politik. Wollte er von Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in

Verwaltungsfragen erreichen, so kränkte er sie in Dingen der Etikette.

Stritt ihr etwa einen Titel ab, schickte ihr einen Subalternoffizier

statt des bisherigen Stabsoffiziers als Wache, schikanierte ihren

Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar. Reklamierte sie, so

verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die Abstellung solcher

Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen.

Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl

Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei Monate

darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe des

Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze

katholische Welt ihre Hoffnung setzten, vor den Augen Europas zu

paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die

Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten

und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste

ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches

Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier

wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen

der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der

Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der

Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und

viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der

wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem

weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und

edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein

Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von

sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß

sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der

kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors,

äugte bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte

sich Marie Auguste in Trauer und großem Glanz.

Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die

Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der

Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites

seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste

seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor

der offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von

Ludwigsburg hatte beisetzen müssen.

* * * * *

Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders

überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In

der Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis

ihrer staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den

Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche

Siegerin bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches

Projekt nicht mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter

Führung eines Prinzen Waldeck lehnten es ab, sich auf den Boden der

Tatsachen zu stellen. Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz

gedacht, alle ihre Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der

Verfassung und unter Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant

gewesen. Es gab einen einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber

alles Schlechten, Hebel allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den

guten Fürsten verleitet und alle seine edlen Pläne ins Gegenteil

verkehrt hatte, Landverderber und Schelm und Schurken, einen einzigen,

den Juden. Und wie rein und staatstreu man sich selber fühlte, erhellte

daraus, daß man sotanen Juden nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn

sogleich gepackt hatte.

Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und

nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man

mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft

geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen.

Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war

Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus

Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus

geschlichen, sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme

von Preziosen und belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht.

Aber die braven Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann

und gute Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten

Aufenthalt und Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht.

Man erzählte genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge

geschlichen, sei auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute

Strecke weit entkommen. Da aber hatte der Major Röder seine besten

Stadtreiter genommen – sogar die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts,

Weis, Mann, Meier, – und so zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf

der Kornwestheimer Höhe hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit

gespannter Pistole habe der wackere Röder ihm sein Halt!

entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden seine Unverschämtheit, sein

Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die wackeren Stadtreiter hätten

seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich werden sie ihn über die

Galgensteige durch das Ludwigsburgertor einbringen.

Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling.

Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den

Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor, saß

mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein

aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen,

kleinen Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte

lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie

beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche

mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert,

stürzten sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen,

rissen den Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn,

schlugen ihn, stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ

derweilen den Major Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat

schmunzelnd Bescheid, während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm

sich übrigens keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück,

einem Knirps, der sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle,

daß der Junge unter die Beine der Nachdrängenden kollerte; auch

erwiderte er kräftig die Flüche und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es

war keine fanatische, sondern eine sachliche, saftige Rauferei. Aber

schließlich wäre der Jude, trotzdem es dem Volk eine im Grund harmlose

Angelegenheit war, aus purem Gaudium totgeschlagen worden, wenn nicht

Stadtgrenadiere dazu gekommen wären und ihn mit Hilfe der Stadtreiter

dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und atemlos hockte er im Wagen,

zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut. Der junge Langefaß, der

ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen sehr beliebt, hatte

witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei dem Geraufe

entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf seinem

Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den Markt in

das Herrenhaus.

Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des

jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine

Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der

sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen,

wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von

sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse

Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach

Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden

auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter

einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen,

dem Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser

Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor

gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit

schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine Ahnung, wieso das

katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie

wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit

Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als

sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in

Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen

Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens

bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei

Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der

württembergischen Regierung energische Klage führte. Der

Herzog-Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit!

und setzte drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache.

Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige Reime.

Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land;

insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich

jung und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder

stirb entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch

die umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen

hebräischen Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen,

und wo er mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner

knarrenden Stimme auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen.

Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man auch

sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei

diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des

Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige

Person hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich

ab, dicke, blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers

Gesicht. Die Häuser der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und

manches gute Stück Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem

Anlaß unter die Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes

Militäraufgebot geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge

getroffen. Noch ein anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um

den Schutz des Hauses bemüht, Dom Bartelemi Pancorbo. Als

Regierungskommissar erschien er mit Polizei und Militär und

beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas Pfäffle schlurrte er

langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten Räume, äugte aus

entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich ging er vorbei

an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von den kostbaren

Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger hungerten, war nichts da.

Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus; unbewegt,

phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der Portugiese wurde

drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab an dem Gleichmut

des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas Pfäffle, forschte ihn

peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz. Man fand nichts und

mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten Burschen bald wieder

freilassen.

* * * * *

Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht

schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem

Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben

Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten

nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er

wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich

hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter

Kaftanjude.

Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings

um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn

möglichst tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen

zu entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken,

mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar

nicht er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das

der alte Süß war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt

und erkannt hatte. Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in

einem wilden, hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller

Lebenszappelei, den fing kein Herzog, kein Kaiser, kein Gericht.

So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um

die vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und

Streiche zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester

Finanzienrat, mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige

Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von

Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen

Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte;

Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer,

hochmütiger Herr, angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die

Professoren Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz,

Jäger, strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren;

Sekretäre waren der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es

bestand für diese Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe

todeswürdiger Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß

man ihm streng juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit,

ihn nach den Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht

vereidigter Beamter, ja nicht einmal Staatsuntertan war. Er hatte

lediglich unter dem Titel eines Geheimen Finanzienrats völlig als

Privatperson dem Herzog Ratschläge erteilt. Wenn die vereidigten

Minister und Räte diese verderberischen Projekte ausführten, so waren

sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte sich die Untersuchung in

der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen man die Möglichkeit der

Verurteilung zu konstruieren suchte. Man verzögerte die Inquisition,

schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die Richter Eile haben? Man

fühlte sich so angenehm wichtig in dieser Untersuchungskommission. Alle

Bekannten fragten einen: „Nun, was habt ihr wieder Neues aus dem Juden

herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen die Augen des ganzen

schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war auch die Teilnahme an

der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen verbunden, die natürlich aus

dem beschlagnahmten Vermögen des Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem

den strebsamen Beamten in mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen

sehr gelegen.

Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen.

Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat. Der

biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein

Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem

Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere

rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich

darauf, die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf,

folgte ihm. Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam

allein zu Süß, haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen,

jovialen Art: „Was macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er

auf dem Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht

zuviel Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte,

ging auf seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei,

könnten sie ihn doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen,

gemütlichen Grobian, warf ihm Dinge hin, daß der schon glaubte, zupacken

zu können, entzog sich ihm wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit

langhängender Zunge stehen.

Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem

geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn,

redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen

Sicherheit heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll

mildspöttischer, kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern

Erdteil, wie aus einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu,

amüsierte sich still über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe

und Listen, ihn zu fangen. Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten,

schwitzten! Wie sie schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg

stierten, von dem sie glaubten, er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und

wie neugierig sie alle waren, und wie ganz fern und ohne einen Schimmer

Lichtes sie ihn beschauten, wie ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne

Witterung ihn berochen. Dabei war der eine oder andere guten Willens,

gewann im Lauf der langen Untersuchung sogar ein gewisses Wohlwollen für

den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber mit seinem behenden Witz, seiner

scharfen Geistigkeit etwas sehr Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast

zärtlichem Spott sah Süß, wie sogar die beiden Sekretäre kamen, jung,

dumm, schlau, streberisch, ihr Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu

versuchen. Die Armen, Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich

heraufklettern wie junge Hunde und streifte sie dann sanft und lässig

wieder ab.

Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war auch

der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der

Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte ihn

spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm

die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe,

bittere Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von

Pflug atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte

leiblichen Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er

hielt es für seine Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der

Menschen immer neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in

der Schmach dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang,

machte ihn elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer

wiederzukommen. Süß schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der

adelsstolze Herr erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den

Heydersdorff zum Vater hatte, den Feldmarschall und Baron, seine ganze

Welt wäre zusammengestürzt.

Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu

führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel

höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem Angeklagten

einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt sehr

reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und

betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien,

den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der mußte

sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen,

wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle

sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion

eine leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger

Blonder mit rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein

redlicher Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache

verflucht ernst, lief, schwitzte, schrieb. Die Herren des

Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie ihn sahen, der Jude selber

lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen seine Arbeit sehr. Wichtige

Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die Protokolle der einzelnen

Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man sonst den Süß kaum

hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der arme Lizentiat sehr

schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich oder mündlich

kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten, sondern tat

redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht.

Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn herum

waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele und

Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer

sonderbaren, wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an

ihn.

Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam

nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte

sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung

einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der

Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug.

Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen,

harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen,

Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die

todeswürdigen Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet

begangen habe. Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den

fleischlichen Umgang eines Juden mit einer Christin. Es sei aber

männiglich bekannt, auf welch säuische Art der Inquisit christliche

Jungfrauen defloriert, vornehme Damen und geringe Frauenspersonen

profitiert habe. Es sei an der Reihe, die Untersuchung auch auf diesen

Punkt auszudehnen.

Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn man

hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht

kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr

reizvoll, Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und

Vorn und Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern

einzelner Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze

Römische Reich in diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte

gut überlegt sein. Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein

verstrickt waren, mit wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung

verfeinden konnte. Es war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre.

Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel

Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt

sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es

ein betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich

dem Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des

gewesten Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch

das Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese

Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei

jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und

Christ den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei

Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und

Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht etwan

allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des

Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung

prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen.

Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den

weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien,

hier Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte

es nicht staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person,

gerecht.

Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie

sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes

Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die

Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler

Frauen, wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte

Namen, es waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja

darauf beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem

Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch

nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach

Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete

solche Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs

an Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke

über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie

viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den

Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken

später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man

mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig. Das

zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene,

vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich

demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig

übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit

denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich

erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und

Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale

Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen

schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten.

Man beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.

Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die

Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter

geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien

breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder.

In die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken.

Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um

ihn.

Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt

habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das

solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so

außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich

bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man

hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm

weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher

herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren

aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte

sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das

solle mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn

Herr von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine

jüdische Frechheit zähmen.

Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des

Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst

genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte.

Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn

hinmetzgen, auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der

alte, glänzende Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche,

fliegende Blicke über die Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit

christlichen Frauen geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren

mich darum wollen zum Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische

Reich wird lachen. Nicht über mich.“ Während die Empörten

auf ihn losfuhren, über seine Frechheit keifend, gröhlend,

durcheinanderschreiend, stand Süß kalt, unbewegt. Er sah seine Richter.

Den tierischen, triumphierenden Haß, die Lüsternheit, die Grausamkeit,

die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte, erpresserische Spiel, das mit

den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die menschlichen Masken

abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und Säue. Doch ehe sein

geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich, Erbarmnis

überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das alte, milde,

listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich nicht. Da

müssen sich die Herren die Damen schon selber zusammensuchen.“

Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten

sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht

auf die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie

nicht hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß

sie, die hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als

ein Jud, daß der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer

Geheimrat. Nein, es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken,

eine Art jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf

hatten, nicht an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen

verbergen wollte. Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die

Sensation, den Kitzel, alles Drum und Dran, und nun wollte er es einem

aus purer Bosheit verhunzen. Aber man wird den Kujonen kleinkriegen,

wird dem Saujuden Respekt beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof.

Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen

Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den

Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen

Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der

Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der

nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der

Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot

gesetzt, durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten

trippelten widrig über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht

wehren.

Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige

Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den

früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern

gegenüber viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen,

wehrte sich auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er

allein saß, hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend,

dann sahen die Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal

sonderbar zufrieden den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor

sich hinsprach, mit häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien

es, als spräche er mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete

Antworten ab, gab Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den

Ratten. Die Wärter stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen

an, ihn für gestört und irrsinnig zu halten.

Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so

voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und

jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten

Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in

eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und

konnte gut lächeln.

Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem Major

hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum Bekenntnis der

Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann könne man ihn

gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen zerquetschen. Der

Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und zehn Uhr. Süß

gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der Major sagte,

das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier müsse doch

verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen werde. Der Major: was

einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen

stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter.

Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte

nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es

überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen

Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm

die Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede

Regung des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer

erbitterten Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie,

von dem Wärter Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für

giftig ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße

verschluckt. Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit

vier Tagen habe der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert

genossen und ihn in Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und

krepieren. Heute speise er wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe,

ihn lebendig zum Galgen schicken zu können.

In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an

seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben

bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar

nichts anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette

fünfzigtausend Gulden, daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter

johlender, schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er,

drohte, tobte, man solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes

Recht, er müsse nach Stuttgart, um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der

Kommandant kümmerte sich um das alles durchaus nicht, berichtete nur

jedes Wort an Herrn von Pflug, verhörte den Delinquenten täglich

zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach den Namen der Weiber, wobei

immer die gleichen Fragen und Antworten fielen, konstatierte die

Hartnäckigkeit dieses Schurken und Landverbrechers.

Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der

Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft

sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im

Habit des Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und

verfallen, aber mit stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm

und sie waren sehr einig und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte

Marschall und der gestürzte Minister, der Bettelmönch und der gefolterte

Häftling in seinen stinkenden Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie

gingen in gutem Gefühl auf und ab in dem engen, feuchten Geviert und die

Ratten raschelten über ihre Füße.

Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und

sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten.

* * * * *

Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer

Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte.

Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar

Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke,

Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem

hübschen Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der

junge, katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar

entwarf, an seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere

Pater Florian, der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste

griff überall mit blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein.

Der geschweifte, geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger,

wortreicher Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen,

modischen Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb

auch einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis

ebenso staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen

über die Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und

eleganten Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular

und seinen Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er

ihre Politik machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das

ging sehr ineinander.

Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte es,

daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste zu

durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für

allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht

auf, die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres

glücklich beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt

gemacht, die Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst

einzurichten. Das Perfide lag darin, daß die Herzogin zwar tausend

andere Händel angezettelt hatte, daß aber just an dieser Sache kein

wahres Wort war. Es war klotzige Ironie, sie gerade darüber zu Fall zu

bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die Gerüchte. Wilde Reden,

fliegende Blätter, auf der Straße, wenn sie vorüberfuhr, Stummheit,

freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei einschritt, etliche, die

den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die Kutsche der Herzogin

erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in den Häusern, in

den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie Auguste ertrug das

nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten große Summen

aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie merkte, daß die

Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian mußte an den

Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie Augustens

vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die freche

Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten brandmarken,

Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf erwiderte nicht.

Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe keine Zeit,

Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel seines

Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem Menschen

erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der nicht

einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne er

den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein,

doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er

gebe Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie

er, dann würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich

auch ohne Gage mit geziemender Huldigung begrüßen.

Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare

Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und

schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe.

Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin

Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der

ziervollen, beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von

der bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch

gab. Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen

kleinen Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern

ehrliches Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit

gebührender Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das

notwendige Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die

tölpischen, klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank,

bald im Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl

Rudolf, über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor,

über alle die grobe, ungehobelte Populace. Nur Eines bedauerte sie: daß

sie den treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg

sitzen lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten

Hausjuden. Den quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie

Auguste, konnte gar nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr

wichtigstes Gesicht auf – das hätte sie unpopulär gemacht und das hätte

ihr lieber Bibliothekar aus politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte

ja wahrscheinlich der Jud Kinder geschlachtet und weiß der Himmel was

für schwarze Kunst getrieben. Aber er war ein galanter, gut gewachsener

Mann und sicher der amüsanteste in diesem ennuyanten Stuttgart, und es

war jedenfalls ein Jammer, daß diese plumpen Bestien ihn torturierten

und verunstalteten. „_Hélas, hélas!_“ machte sie mit gespitzten Lippen,

wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte.

Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten an

Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche

Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde,

freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm

überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen,

fraulichen Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da

war er der Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen,

sondern sie dem Tier hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum

vor sie hingebreitet von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er

fremd und anders und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und

jetzt saß er auf dem Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die

Glieder. Sie aber trug ein Kind, es wird wohl ein braves Kind werden,

denn es stammt von einem braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es

wird groß werden in den friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim

und auf Wiesen mit gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem

Asperg wird es nie sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie

begegnen. Vielleicht wird es dafür Verse machen, brave, redliche Verse,

die jedem eingehen und manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird

es wohl nie begegnen.

Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht

vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe

ja ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin

und gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes

Abschiedspräsent. „_Cara mia!_“ sagte sie, „_cara mia Maddalena

Sibilla!_“ Es sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie

geheimnisvoll, rückte ganz nahe an sie heran, streichelte die große

Frau. Ihr selber habe es geholfen. Daß es bei ihr so leicht gegangen sei

und daß sie jung und ohne Entstellung geblieben sei, das danke sie nur

dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als Präsent verehren wolle. Sie

selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention habe, ins Kloster zu

gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen. Und mit süßer,

spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor, das Etui

des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis

geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen

Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof, den

beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und bedrohlich

hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie das Etui

von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte von

Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr

nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die

Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich,

unsicher, leicht übergruselt.

Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in

ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen

Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der

Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war

gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend

gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit

Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich.

Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner Frau.

Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt,

sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber

aus dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und

beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest

die Hand seines Weibes.

Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig

der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“

schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt

gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte spöttisch

überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt

sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte,

pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu,

der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich

schmunzelte.

Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur nichts

weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit

Christinnen verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte

sie peinlich nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch

Schlüssellöcher geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn

gehört. Das alles, wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her

besprochen, zerkaut, in die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden,

Nachttöpfe wurden berochen, der Befund in den Protokollen erörtert. So

kam man allmählich auf eine lange Liste von Frauen, hohen und niederen,

ledigen und verheirateten. Alle wurden sie umständlich ohne Erlaß des

minutiösesten Details von den gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie

oft, wie lange, welcher Art der Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann

verzeichnet, schwarz auf weiß, in dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als

Staatsurkunde im Archiv niedergelegt zu werden.

Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder einmal

fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit. Er

hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein

Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die

Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen

Jurisdiktion entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern

zurücktreten. Oder sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor

einer einen schiefen Blick wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen,

daß ihm der Spott erstickte. Dies war anstrengend, aufreibend, denn man

wird sehr viele, ja fast alle so anschauen müssen. Aber er war tapfer

und entschied sich dafür.

An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den Richtern.

Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die Tochter

zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der

Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu

verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des

blonden Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes,

einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß

sie, völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug,

gegen das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren

kamen nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen

Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen

Stein vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen

Fragen stellten. Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie

sich peinvoll unter der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen

sie viele überhaupt nicht verstand, duckte sich, rückte zuckend den

Kopf, den schamlosen Blicken ausweichend, bog und streckte krampfig die

schmalen, knochigen Finger. Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem

Kehlkopf, manche unhörbar; man beschied sich nicht, sie mußte sie

wiederholen, der schwerhörige Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“

und verlangte manches dreimal. Ebenso eingehend dann kam man auf ihre

Affäre mit dem Herzog zu sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ

nicht locker, er wollte daraus, daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust,

ein Majestätsverbrechen konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond,

lieblich, an dem unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle

drangen sie auf sie ein. Alle jagten sie. Voran der hagere, hochmütige,

scharfe Herr von Pflug, der, voll Haß und angewidert wie von Gestank,

immer wieder fragte, ob sie sich denn nicht vor dem Geruch des

Beschnittenen geekelt habe; sodann die Regierungsräte Faber, Renz,

Jäger, Dann, die strebsamen, karrierebeflissenen Beamten in mittleren

Jahren, die, gekitzelt von diesem endlich einmal anregenden

Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen wollten, erst genießerisch

umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen, dann plump eindeutig;

die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius Gabler, die mit übler

Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre Gutmütigkeit an

einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände beizubringen

suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit polternder

Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und

zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie

sich nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in

Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge

aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und

zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem

verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend

deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie

ihren Sinn verstand, in ihr Ohr.

Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene,

geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen

von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum

war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in

den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten

sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief

ihnen kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab.

Auch andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von

den längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die

Männer zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer

derben Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die

Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen

wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und

Glieder erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das

vielumraunte Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen.

Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach der

Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten den

jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der Verbannung

männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung gelitten, galt als

Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal. Vielleicht

wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an der

Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder starke

Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie dachten daran,

sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer Erbitterung und

ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für möglich,

daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen, tugendhaften

Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte. Michael

Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch auch kein

Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er war

durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das reine,

helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht um

die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit begonnen.

Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt hatte, war

jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit den

bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die Affäre

der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte Herr

besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war und

daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen

vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des

Jungen, überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es

nicht lange, rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den

Juden, gegen die Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem

Protokoll überklar, daß Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden

müssen. Aber Michael wollte das Mädchen mißbraucht sehen, er sah sie

mißbraucht. Er sah sie hell, zart, lieblich vor den rohen, massigen

Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es war wahrscheinlich

sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an sie dachte, er

konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt weitergehen. Er

rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte, andeutende Fragen

stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er alles Kühnes,

Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte, aber es blieb

ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte sich

dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik

entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der

Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie

ehelichen, sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue

und Dankbarkeit getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr,

auf dem Lande leben.

Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von

Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer

Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen.

Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur

Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen.

Die Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig

herum zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche,

schichtete, schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit

frivole Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas

durchaus Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton

gewesen, höfisch und galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat.

Ihrer Meinung nach sei der Jud der beste Mann im Schwäbischen und der

einzige Kavalier. Im übrigen gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach

Dresden und Warschau, dann nach Neapel und Paris. Und somit Gott

befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand, an der in verwirrendem Feuer das

Aug des Paradieses strahlte.

Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück.

Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das

Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand

sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune.

* * * * *

In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war

dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der

Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, er war verfettet

und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins

Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen

weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht

gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand

gebracht hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im

Herzogtum gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem

Juden Schweigen zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten

Unschuld offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine

unbehilflichen, verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte

schließlich: „Er ist ein guter Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“

Und nach einer Weile, zwielichtig lächelnd: „Wenn Er es durchaus will,

kann Er jetzt reden.“ Der Magister küßte ihm die Hand, ging beglückt.

Lief zu den Herren vom Parlament, denen er damals, autorisiert von Süß,

das katholische Projekt verraten hatte. Erklärte, setzte auseinander,

beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte man ihn an. Glaubte, er wolle

eine nachträgliche Entlohnung für seinen damaligen Verrat des Putsches,

für die Mitwirkung an seiner Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach

man ihm, sich für ihn zu verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im

Staatsdienst. Wie er eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er

habe mit Willen, ja im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart,

wurde man ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an

Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor allem der

Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten Verteidigungsplan des Süß

und bewirkte, daß man den Magister, als er nicht abließ und die Richter

immer wieder mit seinen Märchen behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der

Jude selber aber nichts in der Richtung der Schoberschen Aeußerungen zu

seiner Verteidigung vorbrachte, hielt man den Magister schließlich

einfach für geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte

seinen Irrsinn aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn

mit einer scharfen Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die

Verstrickungen und die Blindheit der Welt zog sich der Magister nach

Hirsau zurück und lebte der Tugend, der alten Katze und der Poesie.

Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee. Weißensee

hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren müssen.

Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; der Geheimrat

Heinrich Andreas Schütz etwa war im Grund viel enger verstrickt in das

katholische Projekt und hatte sich doch, der geschmeidige Mann, unter

dem Herzog-Administrator Karl Rudolf so gut behaupten können wie in

jeder früheren Regierung, und Weißensee war zumindest ebenso schmiegsam

wie er. Aber er war müde und ausgelaugt, er ließ sich fallen mehr als

daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr fremd

geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an

ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb

Verse, in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel und

Menschenhaß gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte Weißensee ließ sie

nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, sie war ihm in ihrer

Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre Schwangerschaft reizte ihn bis

zu leiblichem Ekel. Was hatte er mit dieser dicken Frau gemein? Er

fühlte nichts für sie, es kam nichts herüber von ihr zu ihm. Was sollte

ihm ein Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren,

unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leergesichtigen

Mannes? Nein, nein! Das ging ihn nichts an, rührte ihm nicht im

leisesten Herz und Blut auf. Dazu schämte er sich der albernen Dichterei

der Tochter. Ein medizinischer und poetischer Freund, der Doktor Daniel

Wilhelm Triller, hatte jetzt ihre Gedichte drucken lassen, der Göttinger

Pietistenkreis hatte erwirkt, daß der Prorektor der dortigen

Universität, der Professor Seldner, in seiner Eigenschaft als

kaiserlicher Pfalzgraf Magdalen Sibylle zur gekrönten Dichterin erhob.

Armer Kurfürst von Hannover, armer König von England, der für solche

Universität und solche Aesthetik, einen solchen Kritikaster und Marsyas

verantwortlich war. Nun zog das hin und her mit nüchternen, törichten,

gereimten Gratulationen und Dankgedichten, und die Frau, die das trieb,

dieweil sie ein Kind trug, diese armselige _Poeta laureata_, war seine

Tochter! Der alte, feine Herr, dessen Leben Takt und Weltgefühl und

Erlesenheit und Diplomatie war, schämte sich. Ihn ekelte, er zog sich,

arm, kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar.

* * * * *

Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr von

drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten sich unter

das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl Alexanders. Sechs

Pfund Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen alter Wein im Ausschank

sechs Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder Schweinefleisch fünf Kreuzer, die

Maß Bier zwei Kreuzer drei Heller, ein Klafter buchenes Holz zehn,

tannenes fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht eben

zum besten aussah, – Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit!

Autorität! und war nicht gewillt, dem Parlament gegenüber von seinen

fürstlichen Rechten auch nur ein Tipfelchen abzulassen –, so berief er

anderseits den klugen, festen, redlichen, umsichtigen Bilfinger ins

Kabinett, und solche Sicherung der religiösen und bürgerlichen

Freiheiten war zusammen mit der wirtschaftlichen Entspannung Ursach

genug zu allgemeiner Zufriedenheit. Man suchte altmodische Bilder her,

auf denen sich Karl Rudolf an der Spitze von Truppen in verschollenen

Uniformen mit pumphosigen Türken und krummsäbeligen Sarazenen

herumschlug, und wo der kleine, schiefe, schäbige Soldat erschien,

schrie manch Hoch.

Die biedere, sachliche Art des alten Regenten imponierte vor allem dem

Landschaftskonsulenten Veit Ludwig Neuffer. Aus einem düster glühenden

Anbeter der Macht war er ein ebenso düster schwelender Tyrannenhasser

geworden. Jetzt erkannte er, dies wie jenes war nur eine Farbe, eine

Fahne, nicht der Kern, nicht das Wesen. Pflicht! Gerechtigkeit!

Autorität! das war der Sinn aller Staatskunst, das Rückgrat guten

Regiments. Karl Rudolf fand Gefallen an dem mageren Menschen, an seiner

schäbig trotzigen Art, sich zu kleiden, sich zu geben, an seinem dürren

Fanatismus. Auch stand er in irgendeinem, freilich wußte man nicht recht

welchem, Zusammenhang mit der Erledigung des letzten, schlechten Herzogs

und des Juden. Karl Rudolf berief auch ihn ins Kabinett. Da saß nun der

trocken glühende Mann und regierte, eisern pflichttreu, eisern gerecht,

Autorität fordernd und Autorität gebend.

So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein strahlender

Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, jetzt neigte sich

ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und Süß stak noch

immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner Zelle. Er war jetzt

gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu ertragen, es war

vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es wurde mit jedem Tag

schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft zu atmen, das ekle Brot

dieser Festung zu schlingen. Sein Rücken war gekrümmt, seine Glieder

verzerrt, seine Gelenke wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war

Luft, draußen war Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser

und helle Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder

sprangen, Mädchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund voll

freier, wehender Luft, einmal sieben Schritte machen dürfen statt der

fünfeinhalb durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den

Herzog-Administrator. Der war ein betagter Herr; vielleicht hört er. Er

schrieb ehrerbietig, nicht servil, sachlich. Wies sachlich, ohne

Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen des Herzogtums nicht

schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und dort gegen die

Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von dem Herzog Karl

Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er nicht könne

verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, zu ersetzen, was

durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt sei. Bereits sei er

vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil geschlossen. Er sei auf

der Festung ein alter Mann geworden. Er hoffe daher, der

Herzog-Administrator, dem er sich zu Füßen lege, werde für ihn Gnade

haben.

Mit einer Spannung wie lange nicht mehr wartete er auf Bescheid. Morgen

kam und Abend und wieder ein Tag und noch einer und eine Woche und aber

eine Woche. Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und zehn

Uhr, nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar

Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt hatte,

fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog-Administrator

eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend zurück, ob er im Ernst

glaube, daß man den Regenten mit seinen jüdischen Frechheiten

molestiere; selbstverständlich habe man seine Expektorationen, als eines

verstockten Schelmen und Juden, nicht an den Herzog, sondern nur an die

Richter geleitet. An den Geheimrat Pflug berichtete er in seinem

täglichen Referat, der Hebräer, die Bestie, sei ganz klein geworden bei

diesem Bescheid.

Doch Süß hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder

angedreht. Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den

unglücklichen Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche

mehr empfangen, selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling,

wurde nicht mehr zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen Mann war

die alte Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um Verstattung eines

Geistlichen. Den konnte man nicht wohl verweigern. Den wollte er zur

Mittelsperson machen, um durch ihn den alten Regenten zu erreichen.

Allein seine Hoffnung war rasch vereitelt; man schickte ihm den

Stadtvikar Hoffmann, den er als alten Anhänger der Verfassungspartei und

erklärten Gegner kannte. Der Vikar glaubte natürlich, Süß in seiner

jetzigen Lage sei leicht zu bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch

und salbungsvoll ins Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch

diese unglückliche Wahl die letzte Hoffnung hinschwimmen, erwiderte, er

denke nicht daran, überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe ihn

nur rufen lassen, um durch seine Vermittlung Audienz beim

Herzog-Vormünder zu erwirken. Der Geistliche schnaubte, dies sei nicht

seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er danke für seinen Besuch.

Jud Süß · 第 16 / 37 题