Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er hatte

wohl bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und er

vermeinte, in einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele stecken.

Süß lächelte, als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und mit

Aufmerksamkeit. Am Ende sagte er, kopfwiegend: „Religion ändern ist

Sache für einen freien Menschen und steht nicht wohl an einem

Gefangenen.“ Doch der Stadtvikar beschied sich nicht. Er hatte es sich

in den Kopf gesetzt, diesen Mann, dessen Fama durch das ganze Römische

Reich geflogen war, von den Wahrheiten der Augsburgischen Konfession zu

überzeugen. Er brachte sogar einen Helfer mit, den Stiftsprediger Johann

Konrad Rieger. Die beiden Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann

Konrad Rieger breitete allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin,

der Stadtvikar sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft

konnte nicht mehr und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein

verstockter Jud, verharrte dennoch in seinem Irrtum.

Die anderen Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden sehr

viel glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche Beziehungen

zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden sänftlich

geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der

vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat nach dem

Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche Vergehen; die

Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Zuerst wurde der Hofkanzler von

Scheffer freigesprochen, lediglich zur Bezahlung der Untersuchungskosten

verurteilt; mit Beibehaltung seines Geheimratstitels und voller Pension

zog er nach Tübingen. Dann wurden Bühler und Mez aus der Haft entlassen,

am spätesten Hallwachs. Sie wurden des Landes verwiesen. Vorsichtshalber

hatten sie von den großen Summen, die sie an den Unternehmungen des Süß

verdient, das Wesentliche ins Ausland geschafft. Es wäre nicht not

gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im Herzoglichen nicht an. Sie

zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des Süß anderthalb Meilen

weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in der freundlichen,

angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen Vermögen, ließen sich täglich

Besuch aus Stuttgart kommen, verfolgten als behagliche Zuschauer mit

wohlwollendem Interesse den Prozeß gegen Süß. Wohl murrte man in

Eßlingen zunächst gegen diese neuen Kömmlinge. Aber die veränderten

Läufte hatten viele Emigranten wieder zurück ins Herzogliche geführt,

man spürte in Eßlingen den finanziellen Ausfall und war am Ende froh,

statt ihrer die neuen, viel verzehrenden Flüchtlinge der Gegenpartei

innerhalb der Stadtmauern zu wissen. So fühlten sich also die Genossen

des Süß bald wohl und warteten ab, bis etwa ein Regierungswechsel sie

zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht ewig unmündig und Karl

Rudolf war ein alter Herr.

Das Vermögen des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden konnte,

vor allem auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die

Liquidierung der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des

Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi Pancorbo

mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der blasse, fette

Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner gleichmütigen Art

Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde Hand heran an Dinge, mit

denen sein Herr in leiblicher Berührung gestanden war. Sowie der

Portugiese hier anzutasten wagte, wurde Nicklas Pfäffle

sogleich widerspenstig, verwirrte die Fäden der schwebenden

Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und Dom Bartelemi mußte

die dürren Finger wieder wegziehen von den Dingen, die ihm der stille

Sekretär nicht erlaubte.

Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht

mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und

der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es.

Das Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich

rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer

überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb

entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets

enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne

Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin

auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot mußte

die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen reichen

Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem Osten, aus dem

sie gekommen war.

Auch den Papagei Akiba, der „_Ma vie pour mon souverain!_“ rief und:

„Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas

Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit

dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas

Pfäffle sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große

Finanzmann empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten

Privatkontor seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In

unschöner, unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor

dem fetten, blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel,

sprach schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein

Jud einen Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den

rotblonden, verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige

Blicke herum. Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch

noch einige Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und

gleichmütig der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig,

dringlich der andere.

Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas

Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den

gestürzten Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit

organisiert. Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten

europäischen Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den

württembergischen Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des

Süß, auch nicht auf die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten

vielmehr, wie willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl

wie gegen die Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten

Beamten ließ man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan

inquirierte man wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches

Reskript war da, das ihn vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt

schützte. Man setzte sich über diese höchste, heiligste Unterschrift

hinweg und prozessierte um Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte

man Rechtssicherheiten, Garantien in einem solchen Staat? Konnte man

verhandeln mit einer solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen?

Gegen einen einzigen Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er

hatte – ei du Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen.

Darum konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz?

Konnte man solch einem Staat Kredit geben?

So ging es an allen Höfen. Man hänselte die württembergischen Gesandten,

moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die das

Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits

ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den

Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf

des Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der

einzelne seine tausend Taler verdient hätte.

Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm über

den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und

geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes

Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu

betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es

gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart

physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen

und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die

anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die

politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich

wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden

weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern,

wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei.

Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte.

Man müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des

Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in

Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht

hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau

beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des

Staates, der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud

hätte sich all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens

wolle ihm der Jud, der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler

erscheinen als seine eifrigen Richter. Und man solle endlich aus dieser

Sauerei Hände und Nasen herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu.

Harpprecht polterte nur klar und hart heraus, was er selber schon dumpf

gespürt hatte. Pflicht! Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die

Inquisition wegen der Weiber einzustellen. Etliche von den Frauen ließ

er stäupen, die übliche Fuhre Mist durch die Stadt schleifen.

Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu behandeln.

Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion. Nicht

weichlich. Die Zelle des Juden maß nach wie vor nur fünfundeinenhalben

Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt Fleisch nur des

Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen Menschen. Das

Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam einen Tag über den

andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und eine Pritsche zum

Schlafen.

Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch wurde

ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren, klug

geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich nicht

so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen. Daß

Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch

andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst,

sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte

auf. Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und

der Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der

Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der

Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine

Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte

er sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und

schöner, so daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten

mit Schweiß und redlich.

Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische

Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich

gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte

sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen;

wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager,

bitter, besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich,

saß er herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des

Süß kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht

Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die

Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich

davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt. Das

Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen werden.

Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen, selbst

der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet,

schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen,

Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom

Bartelemi die Weisung aus. „Der Jud muß hängen!“ wetterte es im

Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk,

sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben,

konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die

Bauern.

Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den

Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten

persönliche Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen

mußte. Die früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt

hatte; der unter Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte

Ehrgeizling Andreas Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es,

daß auch der junge Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an

dem Verderber von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben.

Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß

viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie

waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die

Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger

legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles

geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt haben

konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die

Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des

Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift

des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich

die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der

Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre

Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß

ausschlossen.

Sie erkannten den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen

den Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze

Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und Mißtrauen

gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das Parlament und die

Verfassung – hier mußten sehr viele Verordnungen des Süß herhalten, vor

allem auch jenes Reskript wegen der Kaminfeger; und viertens gegen

Gemeinden und einzelne Untertanen. Sie erkannten ihn für einen

Majestätsverbrecher, Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter und

Landverderber.

Aus diesen Gründen verurteilte das zur Untersuchung seiner Verbrechen

eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, Juden und gewesten

Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. Diese Hinrichtungsart wurde

dem Angeklagten zuerkannt, weil sie ohnedies die gewöhnliche Strafe war

bei verschiedenen dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen;

insonders aber, weil sie die Mitte hielt zwischen der gegen

Majestätsverbrecher üblichen Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen

Falschmünzer zu verhängenden Strafe des Lebendigverbranntwerdens und

zwischen der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert.

Die Herren gingen geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form

gekleidet, die einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische

Juristen daran mäkeln, sie wußten, das Volk und sein gesundes Empfinden

war auf ihrer Seite.

* * * * *

Unbehaglich und mit unruhigen Gliedern saß der Darmstädter Finanzienrat

und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit Akten

überstapelten Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und töricht seine

Mutter, Michaele Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er nicht mehr Nathan

Süß Oppenheimer hieß, sondern sich zum Baron Ludwig Philipp

Tauffenberger hatte taufen lassen, hatte sie ihn nicht mehr besucht. Die

schöne alte Dame, ihr leeres Leben mit Toilettensorgen, Korrespondenz,

Theater, Protektion junger Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend,

hatte Darmstadt, den Sitz ihres älteren Sohnes, immer ängstlich

gemieden. Sie hätte es begriffen, wenn der jüngere, wenn Josef sich zum

Glauben seines Vaters bekannt hätte, ja, sie hätte es vielleicht gern

gesehen, sie suchte mit zärtlichem Schuldbewußtsein die Züge des Vaters

in ihm. Aber daß Nathan, der Sohn des Kantors Isaschar Süßkind, zum

Christentum übertrat, schien ihr ein großer Frevel, der sich gewiß

einmal bitter rächen mußte. Scheu betrachtete sie sein Glück und seinen

Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der den Jecheskel Seligmann

Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und unerhörter Versuchung

Jude geblieben war, daß der jetzt so grausam stürzen mußte, während der

Frevler und Getaufte üppig und in Blüte stand, machte sie vollends wirr

und hilflos.

Michaele Süß hatte ihren Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art

geliebt. Er war ein netter, betulicher Mann gewesen und ein großer

Sänger und Komödiant und vor allem auch ein sanfter, bequemer Mann, der

viel auf Reisen war und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau

zutrug, nicht hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer

Bewunderung ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem langen,

reichen, leichten Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate mit

dem strahlenden Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die Krone ihrer

Tage gewesen. Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit stürzte, war dies der

echteste Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt hatte. Sie hatte dann

in ihrem Sohn Josef den Vater wiedererlebt, atemlos und schwach vor

Bewunderung hatte sie seinen beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle

Jugend und Süßigkeit, allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie

schwamm selig in hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem

Stern, seiner Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel

grausiger Wendung und Sturz des Vaters.

Sie hatte erst geglaubt, die Haft des Sohnes sei eine List, eine

Vermummung, aus der er bald um so glänzender auftauchen werde. Aber

jetzt mußte sie sehen, daß es gräßlicher Ernst war. Das Urteil war zwar

noch nicht bekannt, aber immer drohender und bestimmter hieß es im

ganzen Reich, daß die Württemberger ihren gewesten Finanzienrat in den

allernächsten Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: „Der Jud muß

hängen!“ wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein

hinauf, hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht

aus dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte

Versuche, dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt

hinein. Wenn wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! Sie

schrieb einen drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wußte nicht,

ob er ihn erreichte; denn sie hatte nur die Vermutung, keine Gewißheit,

er sei in Holland. Sie schrieb ihrer verheirateten Tochter nach Wien,

schrieb mit ihrer flatterigen, marklosen Schrift eine ganze Reihe von

Briefen an die Wiener Oppenheimers, entschloß sich endlich zu diesem

Aeußersten, suchte ihren ältesten Sohn auf, den Getauften. Da saß sie

nun, den Mund ängstlich, erwartungsvoll halb offen, schaute mit

gescheuchten, törichten Augen auf ihn. „Was soll man tun? Was soll man

tun?“ jammerte sie.

Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, kramte

nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. Er war ein

fast kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr gepflegt,

die raschen Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die Finger

krümmten sich dick, weiß und beweglich, er war unelegant trotz reicher

und sorgfältiger Kleidung. Sein Christentum war ihm unbehaglich bei

aller gespielten Freigeisterei. Er moquierte sich gern über jüdische

Sitte und jüdisches Wesen, verkehrte auch mit dem Helmstätter Professor

Karl Anton und dem als Prediger nach Stuttgart versetzten früheren

Propst von Denkendorf Johann Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden,

jetzt konvertiert und fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren

waren. Aber er neidete es dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, daß

der es soviel weiter hatte bringen können als er selber und doch Jude

bleiben. Auch hatte Josef ihn als einen Getauften unverhohlen und

reichlich Spott und Verachtung spüren lassen, ihm, als sie einmal am

kurpfälzischen Hof zusammengetroffen waren, kalt den Rücken gekehrt.

Stießen sie geschäftlich aufeinander, so begannen sie ohne

Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den Getauften bis aufs

Blut, daß der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in importanten

Affären es verschmähte, mit ihm persönlich zusammenzutreffen, und

lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch Agenten erledigen ließ. Der

Sturz und die Schmach des Bruders traf ihn tief, auch wurde er darüber

gehöhnt und gehänselt; gleichwohl konnte er, wie jetzt die Mutter ratlos

vor ihm saß, für den geliebteren und bewunderten Sohn bei ihm zu

betteln, ein leises Triumphgefühl nicht niederdrücken. „Da habt Ihr’s,

da habt Ihr’s!“ sagte er mehrmals mit seiner hohen, hellen Stimme. „Es

geht nicht, daß einer da hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt sich

auch nicht,“ eiferte er, heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es

ist gegen göttliche Ordnung und menschlichen Fug.“

Aber Michaele ging nicht darauf ein. „Was soll man tun? Was soll man

tun?“ jammerte sie, immer im gleichen Ton.

Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte einen Stapel Akten

von einer Seite des Tisches auf die andere. „Es gibt nur ein Mittel,“

sagte er endlich. Da Michaele ihn gespannt und hoffend anschaute, nahm

er Anlauf und warf es wie gleichmütig und selbstverständlich hin: „Er

muß sich taufen lassen.“

Michaele überlegte. Dann sagte sie mutlos: „Er wird es nicht tun.“ Und,

nach einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht.“

Der Sohn höhnte nach: „Erlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht

erlaubt. Hätte ich ihm gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie

jener. Erlaubt es nicht! Erlaubt es nicht!“ ärgerte er sich, mit seiner

hellen Stimme vor sich hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes

weiß ich nicht,“ sagte er plötzlich, mit einem Ruck stehenbleibend. Und

da er die Mutter mutlos und erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu:

„Ich will gern tun, was ich kann, von seinem Vermögen zu halten, was zu

halten ist. Obzwar er es nicht um mich verdient hat. Was man in

Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn retten kann, ich will die Hand

darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht sparen, Versuche zu machen in

Stuttgart bei der Regierung, bei den Richtern, im Gefängnis. Aber wenn

er sich nicht taufen läßt,“ schloß er achselzuckend, „wird es schwerlich

gut ablaufen.“ Michaele setzte, als sie ging, die Füße schwerer als beim

Kommen.

In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas Pfäffle

für seinen Herrn. Große Gelder flossen an Regierungsstellen,

Gerichtsbeamte. Da der Herzog-Administrator angeordnet hatte, daß

peinlich genau untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, legitim

erworbener Besitz des Süß sei und daß dieser Besitz nicht angetastet

werden dürfe, hatte der Sekretär reiche Mittel zur Verfügung. Kostbare

Vasen, Teppiche, Steine gingen aus dem Haus des Süß in der Form von

Andenken an einflußreiche Parlamentarier, Hof- und Staatsbeamte, die

offiziell mit der Affäre nichts zu tun hatten, mittelbar um so mehr

wirken konnten.

Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: „Er hat

gerettet den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand

ausgestreckt und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt haben

sie sich zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind hergefallen über

ihn. Er war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz gestrahlt über die

Judenheit. Sind sie hergefallen über ihn wie Haman der Frevler und

wollen ihn totschlagen. Helft und rettet den Reb Josef Süß Oppenheimer,

der ein guter Jud war und seine Hand gehalten hat, wie er in Glanz war,

zu gutem Schutz über alle Judenheit.“ Da wurde gebetet und gefastet in

den Bethäusern, da wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da

wurde Geld gesammelt, viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles

zu Händen des Reb Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, der

bestellt war von den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen mit aller

Kraft und Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb Josef Süß

Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Isaak Landauer aber hatte

einen Plan, keinen besonders schlauen Plan, aber kühn und geradezu, für

den Fall, daß sie es wirklich wagen sollten, den Süß zu verurteilen. Zu

diesem Plan brauchte er Geld, märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft

viel Geld strömte in seine Kassen, blankes Gold, Wechsel,

Verschreibungen, der Geringe gab gering, der Große gab groß, aus allen

Ländern, aus allen Gemeinden, von den Juden aller Welt.

* * * * *

Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. Der

Herzog-Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht bestätigt,

hatte befohlen, ihn vorläufig geheimzuhalten, und hatte ihm, dem

Harpprecht, das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen riesigen

Aktenmaterial zur Begutachtung schicken lassen.

Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er das

Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte abgegeben, den

Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die nagenden Würmer hatten

abgelassen jetzt und sich verkrochen; die obenan aufringelten, die

fetten, gemästeten, der Herzog und der Jud, davon war der eine tot, der

andere lag machtlos und unterm Fuß, und es stand bei ihm, zuzutreten.

Ei, sie hatten gut genagt seither. Er, Harpprecht, war ein fester Mann

gewesen, jetzt war er ein Greis durch sie, und viel Land und Wald und

Acker und Menschenleib und Menschenseel war übel zerfressen und vertan

durch sie, und der Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte,

liebliche Elisabeth Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und

wenn auch jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es

wird wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte Gebäu

wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und sollte

judizieren, ob es rechtens sei, diesen nagenden und schädigenden Wurm zu

zertreten.

Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein treuer,

uneitler Regent, der arbeitete wie ein Roß und mit Erfolg. Die Arbeit

schlug ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der Gleichaltrige,

zehn Jahre jünger aus als Harpprecht.

„Wie steht’s, Herr Bruder?“ fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten.

„Ist es das gleiche,“ setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals

bei dem Juden Jecheskel?“

Draußen schneite es weich und dick. Es war sehr still im Zimmer. Von

nebenan hörte man den Schritt des jungen Michael Koppenhöfer. „Ja, Herr

Bruder,“ sagte Harpprecht. „Es ist das gleiche. Er ist formal, nach dem

Buchstaben des Kriminalrechts, nicht genug überwiesen.“

Bilfinger nahm von den Papieren, zerteilte sie, schichtete sie wieder

zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr Bruder,“ sagte er nach einer

Weile, „daß er sich im Verfassungsstaat Württemberg so viel Ausnahmen

permittiert hat vom Verfassungsmäßigen, daß er es sich muß gefallen

lassen, wenn man jetzt auch mit ihm eine Ausnahm macht von der

Rechtsform?“

„Das ist zu bedenken,“ erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom

Herzog.“

Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem Ende

entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische Oberst

wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen Hallwachs,

Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten in der

Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles

Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre,

Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und

trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest

zur Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte.

Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der

Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt

worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag

zugleich mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der

Prüfung und Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick

durch harte Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof

zu reizen, schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung

hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue

und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein

Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in

venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren

Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „_Innocentia

Remchingiana vindicata_“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten

Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg.

Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle Bluthunde

ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen entfernt,

lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie Remchingen Stank

und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch. Aber der

wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und Pancorbo

vornean, schürten, zahlten Demonstrationen. Wilder, heftiger, drohender,

drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“

So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein

Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil

nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende

Volk, das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte,

nicht durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments.

Der Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte

und Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert

hatten, müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte,

in keinem Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und

deutschem Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt

ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt

könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch

habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe

aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des

Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht

verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei,

abnehmen und ihn des Landes verbannen.

Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte

aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint also,“

sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den

Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den

Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart

geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er

endlich. Damit entließ er den Juristen.

Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu

Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land

gärt weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud

für Christenschelmen die Zeche zahlt.“

* * * * *

Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über

verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen

Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten

Dame beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein

großer, beklemmender, bedrohlicher Apparat. Der Korporal stapfte mit

raschen Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer

Atem, aber sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine

niedrige, häßliche Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles

Geviert, da saß auf einer Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm,

schlaff und übel verfettet, mit schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und

summte und döste vor sich hin mit einem abwesenden, törichten Lächeln.

Sie sagte zaghaft zu dem Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will

zu Josef Süß.“ Der Korporal sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud,

Frau.“

Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf den

eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die

braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß

draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche,

verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war

nichts mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm,

viel eher, merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes

dem Rabbi Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte

nichts von dem früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte,

wie er aus ihr glitt, wie sie leer wurde, es war ein fremder,

schmutziger, verwahrloster Mensch, mit dem man, versteht sich! Bedauern

haben mußte, denn er war eingesperrt und es ging ihm schlecht und zudem

war er ein Jud. Aber sie hatte sich schon wieder verkapselt und ihr

Inneres war umkrustet. Sie stand, eine fremde, elegante Dame, verlegen

vor dem ungepflegten, in den Schmutz gerutschten Mann.

Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu

ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und

streichelte ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines

seiner Worte drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr

Sohn! und war umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war,

die sie bei ihm bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder

abholte. Umschaute sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach

dem alten Mann, der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war

sie es, die den Schritt schneller nahm.

Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle,

neigte sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände,

melancholische, fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren

bläulichen Gesicht. Er sprach leise, mit einer beredten, traurigen

Stimme. Es war Johann Friedrich Paulus, früher Propst von Denkendorf,

jetzt Prediger in Stuttgart, der Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann

hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar hätte zwar gern selber der Kirche

diesen Verstockten gewonnen; aber er sah, hier war wenig Hoffnung, und

lieber sollte ein anderer das Werk vollenden, als daß es gar nicht

geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer hineinschmiegen,

hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele, sie

aufzuweichen.

Still und höflich saß der Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle

merkwürdig schattenhaft. Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen

in der kahlen Zelle. Sprach leise, konversierend. „Dies alles sind nur

Kleider und Masken,“ sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum,

mein Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, daß einer den Strom

Gott in sich spürt. Es ist dies, daß einer ein Schein im Schein, ein

Wort im Wort ist. Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, ich

habe Sie in Ihrem großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich bin ein

Freund und Schüler des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der wieder ein Freund

ist Ihres Onkels, des Rabbi Gabriel. Ich hatte oft Lust, mit Ihnen zu

reden, Herr Finanzdirektor. Nicht weil Sie mich vielleicht verachteten

um meine Taufe und mein Christentum und weil ich Sie besser belehren

wollte. Wie ich Sie jetzt sehe,“ schloß er und seine streichelnde Stimme

war noch leiser, und er war fast erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß

ich um unser beider willen gekommen bin, für mich nicht weniger als für

Sie.“

„Sie sind doch gekommen,“ sagte Süß, „um mich zum Christentum zu

bekehren? Der Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist’s nicht

so, ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?“

lächelte er. Der stille Mann an der Wand sagte: „Es ist nicht schwer und

es ist billig, zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten

mich, weil ich Christ wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. Ich

rühre mich nicht und wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan nicht

um Brot und Kleid und Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. Sie

haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre Idee. Ist es nicht vielleicht

richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht nicht verlöschen zu

lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das Kleid Christentum

anziehen muß? In solcher Zelle zu leben,“ – sein sanfter, fließender

Blick glitt über die kahlen Wände – „ist sicher hart. Aber wer sagt

Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?“

„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr,“ sagte

Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle zu

verpacken. Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, Rehrücken, alter

Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme Wahrheiten; auch

was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom Schein im Schein, klingt gut

und passabel. Aber sehen Sie, ich habe mein Palais in der Seestraße mit

dieser Zelle vertauscht. Man hat mich in jedem Stück angezweifelt; aber

nie hat jemand gezweifelt, daß ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muß

also wohl“ – er lächelte listig – „zu solchem Tausch meine guten Gründe

gehabt haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar,“ schloß er heiter und

verbindlich, „und sagen Sie sich selbst: Sie haben getan und geredet,

was einem Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich nur

an mir.“

Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an Michaele. Die

liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, schwerlos, angenehm müde.

Wie ein Kranker, wohlig im Bett, Genesung spürend. So saß er, dösend,

auf der Pritsche. Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu

ihm. Es war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine

Puppe, und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter und

zupfte ihn zärtlich am Bart und es sagte: „Dummer Vater! Dummer Vater!“

Sie blieb etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, aber lauter ganz

kleine Dinge, sie sprach mit der Wichtigkeit und dem Ernst der Kinder,

von den Tulpen, von der Auslegung einer Stelle im Hohen Lied, von dem

Futter seines neuen Rockes. Als sie fort war, atmete Süß wie ein

Schlafender, den Mund halb auf, glücklich. So gerufen hatte er sie, und

sie war nicht gekommen, mit wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen,

ein grelles, ungeheures Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht

gekommen. Was für ein Narr war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so

kleiner, sanfter, befriedeter Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen

mit seinen großen, grellen, schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber

jetzt, nun er ganz still war und sich schon beschieden hatte, sie nicht

mehr zu sehen, nun auf einmal kam sie, und es war ein großes,

anfüllendes Geschenk. Er ging die Zelle auf und nieder, seine

fünfeinhalb Schritte, und die Zelle war reich und voll und die ganze

Welt, und er streckte die Arme aus und lachte, allein und jungenhaft und

laut und glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang aufschrak und

mißtrauisch hereinspähte.

* * * * *

Der Major Glaser eröffnete dem Süß, er solle sich bereit halten, anderen

Tages in der Frühe nach Stuttgart zu fahren. Der Major wußte, der Jude

fahre nach Stuttgart, sein Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht

Ordre, ihm das zu sagen, und hielt es nicht für not. Süß, im linden

Nachschmack der Worte Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und

in die Freiheit. Er hielt es nicht im entferntesten für möglich, man

werde ihm gegen den klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen.

Gutmütig scherzend und in schwerloser Laune sagte er, er freue sich des

schönen Wetters für die Fahrt, fragte den Kommandanten, ob er ihm, der

ein großer Schnupfer war, eine Tabaksdose zum Andenken übersenden dürfe.

Gemessen lehnte der Major ab; doch gestattete er, das harte Gesicht kaum

vor dem Grinsen wahrend, daß Süß einen Galarock für die Fahrt anlege.

Auch vor dem Wärter erging sich Süß in leichten, schwingenden Worten

über Rückkehr und Freiheit und gab dem erstaunten Mann, der nicht wußte

was tun, eine Anweisung auf eine ansehnliche Summe als Trinkgeld.

Wie er sich des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz

entlastet und selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an

einen See oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest und ganz klein

und mild leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine.

Und bald wird er leicht und leise verklingen und unter den Menschen wird

nur ein dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von seinem

Gewese und der wird im Guten und im Bösen ganz anders sein und sehr

verzerrt; bald aber wird auch sein Name gar nichts mehr bedeuten, wird

nichts sein als etliche Buchstaben ohne Sinn; schließlich werden auch

die verklungen und es wird große, reine Stille sein und nur mehr ein

Schweben und sachtes Leuchten in der Oberen Welt.

Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, fuhr Süß

bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte schwach und

froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm gegenüber. Starke Wache

auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem Wagen. Er wollte erst mit seinen

Begleitern sprechen, aber die hatten strenge Weisung, nicht zu erwidern.

Ihn grämte es nicht. Er lehnte zurück, atmete, kostete, schluckte, sah,

tastete nach den vielen dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende

Gottesluft. Blick, nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter,

herrlich reiner Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich

in den Himmel mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt!

Luft! Freie, liebe Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten,

Entwöhnten, er lehnte ganz schlaff und schwach und erschöpft; aber er

war selig. Er hatte den roten, goldbestickten Taffetrock mit dem

zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst das grüne, goldbordierte

Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den braunen Beinkleidern

zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die auf dem schlecht

gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er abgenommen, er ließ wohlig

den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße Haar streichen.

Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, johlte,

als die Kutsche kam, schmiß Steine, Kot. Stürzte sich auf den Juden, riß

ihn heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem weißen Bart. Hob

Kinder hoch: „Lugt her! Da ist er, der Schinder, Judas, Mörder, Saujud!“

Spuckte, trat. Zerrissen der feine, rote Rock, in Kot getreten der

artige Samthut. Die aus dem Blauen Bock sagten in wehmütiger,

sentimentaler Genugtuung: „Das hätte der selige Konditor Benz noch

erleben sollen.“ Nur mit Mühe gelang es der Eskorte, den Juden

herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß er jetzt im Wagen, das graue

Gesicht zerschrundet, Rinnsel von Speichel und Blut langsam in den

zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, drohend gegen die Menge, die

Hand an der Waffe.

Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in dem Magdalen

Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. Der Expeditionsrat

hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem Land, auf ihrer schönen

Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; aber da sie aus unerklärlichen

Gründen durchaus in der Stadt bleiben wollte, fügte er sich. Da lag sie

nun in Wehen, eine geschwätzige, betuliche Hebamme watschelte geschäftig

herum, der Expeditionsrat ging blaß, dienstwillig, demütig und

schwitzend ab und zu. Trotzdem sie breit schien und gebärtüchtig, war

die Entbindung nicht so leicht, wie man gehofft hatte. Sie lag, schrie,

stemmte sich, preßte, keuchte. Jetzt war eine Minute der Erleichterung

gekommen, zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte sie, immer wieder

überschauert. In die Stille klang das Johlen der Volksmenge herein, ganz

deutlich hörte man den Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der

Expeditionsrat rieb sich die Hände. „Ein gutes Omen,“ sagte er, „daß das

Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird.“ Aber sie schaute voll

Haß auf den hageren, unscheinbaren Mann und betete unhörbar, ohne Reim

und Schnörkelei, dringlich und stark: „Herr Gott im Himmel! Laß es nicht

werden wie der da! Herr Gott im Himmel! Du hast mir soviel verhunzt. Das

gib mir, das wenigstens gib mir, daß mein Kind nicht werde wie der da!“

Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal war

gestopft mit Zuschauern, das Richterkollegium war versammelt, feierlich

in schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, massige Gesicht

des Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des Schütz, das harte,

grausame, hagere des Pflug, das des jungen Götz sogar, sonst leer, fad,

rosig, schien belebt von Haß, Rache, Triumph. Da erkannte er, daß er

nicht zur Freiheit, sondern zum Tod bestimmt war. Und da begann auch

schon der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, mit seiner harten,

dröhnenden, ungefügen Stimme, stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen.

Süß hörte in monotonem Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung,

Hochverrat, Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen und den Schluß, daß er

mit dem Strang vom Leben zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in

dem überheizten Saal die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle,

die Minister, Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll

Hochgefühl. Er sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich

hingestreckt hatte in freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen,

sich festbeißen, geschäftig übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch

sinnlos die Zähne hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war

plötzlich wieder in ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann zu

reden, der alte, verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem Kot der

Mißhandlungen, richtete sich hoch, erwiderte seinen Richtern. Kratzte,

eiskalt sachlich, schneidend, dem Urteil die pathetische Tünche

herunter. Lautlos hörte man seine ersten Sätze an. Dann aber, rot

angelaufen über solche Frechheit, stürzten sich, nicht anders als das

Volk, die vornehmen Herren auf ihn, brüllend, mit den flachen Degen auf

ihn einschlagend, und wie dem Volk konnte die Eskorte auch ihnen nur mit

Mühe den Delinquenten entreißen. Wie er abgeführt wurde, über den

tosenden Saal hin, packten ihn die harten, höhnischen Worte des

Geheimrats Pflug im Nacken: „Er hat gesagt, Jud, höher als der Galgen

ist, könnten wir Ihn nicht hängen. Wir werden’s Ihm weisen.“

* * * * *

Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van

Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf

der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie sahen die schaukelnden Schenkel

der Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das

vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber

nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein

tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten,

daß sie es erreichten, ehe es verlösche.

Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den

dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi

Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig

fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern

weltlichen Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis,

Gott. Die letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung

an. Es war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel,

ohne daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige

Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die

Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun

auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in

jenem, eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden

Männer, gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer

brütete um sie die Erkenntnis ihrer Bindung.

Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit viel

Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er hatte,

trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische

Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige,

verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk,

Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die

drei Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim

Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß sie

bei der Einfahrt nicht belästigt wurden.

Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es sagte

der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der ganzen

Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber sitzen

ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren Raub,

und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen ihre

Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen

Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie

gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt:

„Reb Josef Süß Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist

geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan

hat, wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird

aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man

sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß

und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht

sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud

ist nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die

Christen. Es kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die

Getretenen und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die

anderen. Wir bitten Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen

um Gnade für den einen und die ganze Judenheit.“

Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß Oppenheimer,

hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut der und jener und

das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld, kann gutgemacht

werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle Judenheit, und

haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld. Und so sind

wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig den Reb Josef

Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann haben gesündigt, wir

wollen es machen gut und aber gut, daß das Land Württemberg kann kommen

in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie lassen ledig den Juden Josef

Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von fünfmalhunderttausend

Doppeldukaten.“

Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die

Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das

Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel

größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums

gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten

wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte. Fünfmalhunderttausend

Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war eine Frechheit und eine

Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren Summe loskaufen wollen

war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner naiven Großartigkeit

verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer gerechnet, darauf baute er

seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt, mit Listen, mit Argumenten,

mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um Gnade war hier nichts

auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives Geradezu. Für Geld

konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh, Berg, Fluß und

Wald, Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum sollte man nicht

können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre Rachgier und ihr

albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe Gerechtigkeit,

diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer.

Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein kleines

Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen sogenannter

Justiz.

Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach

Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht

in Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde,

unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem

kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In

stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf

die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke,

sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß

Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches,

afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich,

hörte nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine

ausgewachsene Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine,

schiefe, schäbige Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo

reckte den entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause,

seine dürren Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger

widerstehen, streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in

dem endlosen Fluß. Isaak Landauer stand daneben in seinem

schmierigen Kaftan, die Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner,

unselbstverständlicher Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm

eng am Körper, die Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern

Hand strähnte er den rotblonden, verfärbten Ziegenbart.

Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten

Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war gezwungen,

vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den Süß, auch

gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn nicht

an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr

Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und

gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte

vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser

Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund.

In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von

Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die

Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan,

das Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl

erreicht. Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es

war nicht möglich, in diesen Läuften das Regiment nach solchen

Prinzipien zu führen. Er hatte müssen zusehen, wie man die todeswürdigen

Schelmen hatte laufen lassen, jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden,

trotzdem es unrecht war, aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und

müde. Er fühlte seine Leibes- und Geisteskräfte merklich schwinden. Es

sei ihm beschwerlich, schrieb er dem Kaiser, erklärte er den

Geheimräten, dem völligen Detail einer so verwirrten als wichtigen

Regierung nach eigenem Wunsche genugsam abzuwarten. Er sehnte sich, der

schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der bäuerlichen Ruhe seines

kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen Sterben.

* * * * *

Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und

widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur

Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne

Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er

war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden,

beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt

war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des

leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte

ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte,

hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn von

Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter. Andere

kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch

Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in

Gestalt Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und

die Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet,

knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem

reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das

Gesicht darunter sein eigenes.

Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der

Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession

anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er

glaubte, jetzt sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war

durchaus nicht gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe

Stimme verdrängte die sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von

ihm abzustehen; er wolle gern, lasse man nur von ihm ab, der

evangelischen Kirche zehntausend Taler für ihre Bemühungen

testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog sich der ergrimmte

Geistliche zurück.

Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr,

Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm

gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis.

Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden

hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben

lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand

gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht

offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte.

Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von

Höflichkeit, er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen.

Ein Mann, mit dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand,

Manierlichkeit gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung

kommen ließ. Der alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als

ein Baron Neuhoff. Er hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm

nie vergessen, daß der gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die

weinrote Livree seiner Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen

hatte. Es wäre geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen

des andern zu freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben,

daß das Milieu des Juden die eigene Repräsentation beschatte.

Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er

den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so

einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen.

Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten,

bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art

loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung

stellen. So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch

wieder nicht. Es durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird

da in seiner Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte

selbstverständlich übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die

katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker,

der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen

sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen.

Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der

Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da

hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War

das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber

schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit

einem ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“

Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß

gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich

den Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem

eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt

wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er

hatte das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und

vor den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht

und ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen

haben? Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht

daran, dem Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene,

skeptische Herr und Fürst, er läßt sich nicht bluffen.

„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt

und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten,

daß ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen

werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite,

mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte

er sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr

Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom

Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“

Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“

tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen

wollen. Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um

dann eine so glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig!

Die Stimmung ist gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht

soweit kommen lassen. Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! –

aufhängen mitsamt Ihren Trümpfen in der Hand.“

Da Süß noch immer schwieg, wurde er ungeduldig. „Exzellenz! Mann!

Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen.

Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher

Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“

Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan

und seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine

Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst

sich geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da,

refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst

fühlte sich plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr,

sagte mit gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren

verlernt. Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens

_Mille merci_ sagen.“

„_Mille merci_,“ sagte Süß.

Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern

sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als

persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte

er und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr

Stoizismus ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den

Historienbüchern der Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser

ein lebendiger Hund als ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König

Salomo.“ Er stäubte sich den Rock ab, schloß, schon unter der Türe:

„Lassen Sie sich wenigstens den Bart balbieren und ziehen Sie sich gut

an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase – „partout dahinauf wollen. Das kann

man verlangen von jemandem, den man so freundlich in seinen Kreis

aufgenommen hat. Sie haben ein zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr

ganzes Leben haben Sie gute Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem

Kavaliersruf nicht selber in den Schatten, wenn Sie von diesem

Welttheater abtreten.“ Damit ging er.

* * * * *

Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig

Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er

hatte schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische

Gulden gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als

der hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig

Fuß war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig

Zentnern und achtzehn Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer

ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den

Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb und

Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit

Gold verziert und der Honauer daran gehenkt.

Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von

denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein

Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus

Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein

anderer Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger

geblüht; er hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft

schwebenden Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der

Galgen lange nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen

auf den Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon

hatte er drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen

nächtlicherweile entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines

Verbrechens justifiziert wurde.

Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden.

Jetzt bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution

übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere

Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf

gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so

feiern, daß Europa es nicht vergessen sollte.

Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor.

Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung

christlicher, deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja

leider, sehr gegen seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle

finden dürfen. Jetzt bei der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem

Juden seine Wollust und freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am

Galgen wird er ihn hängen lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner

liederlichen Nächte mit populärem Wortspiel verhöhnend, in einem

Vogelbauer.

Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils

etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch

Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen

gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten

eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine

Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der

Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das Malefikantenglöcklein mit

einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue Uniformen.

Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des

Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist

könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man wird

einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen

hinaufziehen.

Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats

wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler

anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier

Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen

in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über

den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer.

Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig

tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das

monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der

Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur

Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt,

Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und

Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf

dem Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu,

bewunderte die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig.

Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die

Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse

ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln

flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte

man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei;

das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem

Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an

die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den

Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!

* * * * *

In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz.

Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer

van Straaten das Gefängnis ohne weiteres geöffnet. Nun saßen die drei

Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht,

Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein.

Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar,

über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei

Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens

Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit.

Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die

drei Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem

Ernst. Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum

andern. Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum

erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als

Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen

Strom wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und

die Welle trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug

das Zeichen des Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber

die Welle trug ihn nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die

Schnitten der Apfelsine mit Zucker und verteilte sie. Er schenkte von

dem südlichen, schwarzfarbenen Wein. Die Zelle war voll von

ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht, Gott. Doch an Rabbi Jonathan

nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte sich mit zynischem Witz

lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu haben, wenn man gehenkt

wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht, er fühlte sich, der

Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben Verräter. Und als er

den beiden anderen die Verse des Tischgebets zurückgab, prunkend in

seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem Bart, würdig, wissend,

hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann.

In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das Urteil

verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß der

milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische Rabbiner

von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich

lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder

verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich

neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf

seinem alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen

Rädern ragte kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in

grellen Farben um ihn herum.

Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden

verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf

nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden

Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es

lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende

Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die

beiden anderen.

Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und

gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von

Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des

Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja

selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben.

Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner

knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte,

Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß.

Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens,

schnalzte mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua

Falk, mit fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der

zornige Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche

gurgelte er hinter dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und

Frevler. Isaak Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes,

tierisches Heulen aus. Es war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen,

wie er den Kopf gegen die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne

Hemmung heulte. Nun begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn,

scharf, scheppernd mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch

die schneeige, dämpfende Luft, ins Mark reißend.

Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut

überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein

normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie

hörte das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie

schaute auf ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht.

Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit

Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte

Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf

sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“

Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß

auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem

scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem Finger, der

Herzog-Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes

beraube. Die Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die

Prozession schritt sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar

lautlos zu. Die Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß,

zu Pferd, zu Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der

blassen, nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke

war alles doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man

führte den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren

von weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von

jenseits der Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das

Schauspiel zeigen. Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif,

Schnee fiel auf seine Kleider, auf seinen weißen Bart.

An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und bedrückt,

daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er durfte

sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die _vox populi_

einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter

und schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne

juristisch zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich,

angefrostet. Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher

Weins hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal,

er blieb vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter

und wärmer.

Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin.

Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild,

das in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart,

Schnee auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer,

ahnte Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen

Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph,

auf den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre

länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark

schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch

höher.“ „_Sale bête!_“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den

flockenden Schnee.

An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er

begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische

Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte

sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund zu, bevor er zu Ende

war. Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas

Pfäffle, der blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes

Mal vorüberkam, grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas

Pfäffle, wie der Karren vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging

abseits, schluckte.

Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock

aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel

standen die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das

kleine Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er

wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das

alte Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu

seiner Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien

unansehnlich vor dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst,

das für ihn bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen,

vielfach gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde

schlang sich, den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit

Menschen. Das hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen,

Bäumen. Von ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf

dem Rock des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten

die kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart.

Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die

Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die

auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der

Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der

Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz

verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt

war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der

Verhaßte hochschweben, erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten

gierig unter dem Kragen des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den

Strick. Herrlich ist es, den Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für

die Augen, angenehm und lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das

Scheppern des Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr

genau kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung

entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt

waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er

hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er

konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar

und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich

selber schämen, daß man mit ihm im Bett gelegen war. Doch

merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. Gierig und gelockt schauten

sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er gleich tot sein, jetzt wird

er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei und ihre Verstrickung

sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern

und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich davor. Die meisten

von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die

Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen.

Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also wird

der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der

Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle

Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend

zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und

er hatte sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der

alte, krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und

bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge

Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer

Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester

ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn

niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat!

Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene

Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn

wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten

Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg

und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen

Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde,

höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen

Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und

wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor

dem Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was

blieb von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig

verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird,

was er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen

werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben

werden.

Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder

steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die

geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz

absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um

den Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte,

sichtbarlich vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung.

Ja, ja, es brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der

Welt zu schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige

Weiber, die Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu

schmatzen und zu knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig,

bestimmt, so leer und bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er

sah den Atem der Menge, weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen

Frost, die gierigen Augen, die gereckten Hälse, die sich vormals so

devot vor ihm gebeugt hatten. Er sah das Vogelbauer, den umständlichen,

schimpflichen Apparat seiner Tötung. Und während er dies sah, drang in

sein Ohr etwas Plärrendes, Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es

sich nicht nehmen lassen, ihn unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf

ihn einzureden, von Himmel und Erde, von Verzeihung der Menschen und

Gottes, von Sühnung und Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute

langsam den Stadtvikar auf und ab, wandte sich weg, spie aus.

Aufgerissene Augen, leises, empörtes, rasch verstummendes Schnauben der

Menge.

Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen Uniformen

an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen, ungefügen

Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg, er

schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es

war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den

Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den

Knechten herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten

in die Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und

anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden

fiel auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn

hart an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm

die Schlinge um den Hals.

Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden Hufe

der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf

Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit

auf, er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen

Atem und das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob

sich. Da, durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton,

gellende, gurgelnde Stimmen, schreiende: „Eins und ewig ist das Seiende,

das Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden,

der kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der

schmierige Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie

und sieben andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht

um das Volk, das vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die

Leiber, stehen und schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den

weiten Platz hin: „Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“

Weißliche Wolken in dem starken Frost ziehen die Worte von ihren

Mündern, in die Ohren des Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls

Heydersdorff tut den Mund auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve

Adonai.“

Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der

Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar

dem Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das

gelle Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem

Käfig tönt es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt.

Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo

erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung, reckt

aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig

hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in

ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des

Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft.

Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die Menge

den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur halben

Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs saßen in

dicken Scharen schwarze Vögel.

Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als

Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken.

Der junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des

Süß erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er

stülpte sich das Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf,

die vergraust kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch

kam die rechte Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man

hatte sich den Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang:

Der Jud muß hängen, man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder

stirb entweder! Doch das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die

Kinder spielten Hängen; und das Spiel ging so, daß einer oben stand und

Adonai schrie und die anderen standen unten und schrien, brüllten,

johlten, gellten: Adonai.

* * * * *

In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer,

großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der

Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee,

beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief

in einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte

zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als

beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die

beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie

hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten

leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in

dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden

Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog

nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte

unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie,

leise, an, als sie endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“

stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den

Stein gestohlen!“ bellte heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich

lasse euch den Prozeß machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen,

verängstet, versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein

anderer im Käfig. Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang

ungläubig, ließ schließlich noch in der Nacht durch Leibhusaren,

amtlich, den Käfig untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen,

ausgetauscht.

In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim

Herzog-Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt

hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte

an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie

gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast.

Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die

Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und Soldaten hätten das nicht

besser machen können. Er gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ

sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme

grausige Flüche vor sich hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in

seiner verschollenen Hoftracht.

Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von

Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden

geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak

am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger

könnte ihn stehlen.

In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen

gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im

Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens

Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde

Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter

bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde

beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt.

Aber es raunte von Mund zu Mund.

Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar

umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht

zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen

über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin.

Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der

Solitär. Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen

großen Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache.

Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht,

graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter

sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen

des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum.

An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme

den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“

Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da

schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte

zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand

zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines,

verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten.

Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte

beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am

Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der

Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und

vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig

ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen

sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras

welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir

Staub sind.“ Dann wuschen sie sich die Hände in fließendem,

dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.

Jud Süß · 第 17 / 37 题