„Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen,
höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen
Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die
unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme,
mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma
wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige
Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander,
Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben
und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat,
wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir
sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig
zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben
Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist
ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte,
spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es
ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich,
daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende
führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände
nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem
fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe
lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge
zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das
katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige
Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß
dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war,
das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.
Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter
dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt.
Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts
weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung,
Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber.
Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber
werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber
oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird
das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land
hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen,
wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht
es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung.
Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das
schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er
ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.
So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit
kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das
gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort:
„Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es
geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog
steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut
und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes,
leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es
geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß
man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst
und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein
ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und
Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und
gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas
Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen,
das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das
Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude.
Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es
wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es
immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der
Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen
Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog;
sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des
Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und
nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit,
in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes,
fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte
gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich
einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf
Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus
diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar
grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes
und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum,
was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es
hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein
anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist,
es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt.
Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn;
nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst
gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den
tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde,
Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt.
Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht
schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf,
wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich,
beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte
dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung.
* * * * *
Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und
Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren
Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon
losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen
Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit
aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär
zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte
sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker
allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in
Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl
zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde
Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in
kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von
Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke
Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand
gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und
Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend
organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer,
besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die
Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans
Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen.
In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das
Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten
lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere
Kugeln.
Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von
Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter
Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab,
Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die
staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten.
Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon
nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der
Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter
verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von
Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie
vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der
unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem
Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur
Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit
Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt
entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und
Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals
Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten
Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz
ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog
seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu
seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen
Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl
Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische
Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem
Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber
das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der
Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man
mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des
Staatsstreichs warten.
Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter
Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant
dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder,
jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war
guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der
militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge
Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand
nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen
Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum
denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung?
Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit,
die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die
Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn
doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die
Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge
– so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul
voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und
schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten
Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten
Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher
Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden
Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine
plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen
und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen
Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk
ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn,
dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal
rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der
populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken,
daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu
Tumulten führte.
Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste
Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele
machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum
Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein
erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen
Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen
Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt
auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim
habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche
besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so
wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel
gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und
christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und
bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die
diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem
Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in
der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar,
wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten,
dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend,
zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der
weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher
Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und
in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum
Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen
wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie
verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den
Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her
ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen
Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus,
ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit
statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga.
Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach
aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht
hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich
träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von
seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die
ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm
dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im
Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die
Medizin die gewünschte Wirkung.
Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich.
Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in
diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche
Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon
gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er
holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter
Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und
stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es,
daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch
durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der
Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem
amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um
soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen
Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste
aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte
manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen
gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ
sich nicht aus dem Konzept bringen.
In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine
Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm
Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man
keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn
rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen
und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen
betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas
Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem
so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der
Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott
befohlen!“ sagte der dritte.
Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman,
der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des
Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach
endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren,
zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie
verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen,
bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen
die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen
sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen
schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und
aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir,
laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf
die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten
sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust.
Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte
gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl
Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war
eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von
Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus
hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der
uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der
fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen,
glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen
sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der
Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher
Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des
Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne,
nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten,
lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett
Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie
den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der
Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind
stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen,
als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden,
diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag
beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit
schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt
das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die
Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der
Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot
beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit
parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend
kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in
jaulendem, japsendem Vergnügen.
In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen
in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh,
daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam
Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock
stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes,
zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand,
schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin,
die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz
verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem
kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie
hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen
verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin
richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr
hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten,
kostbaren, hoffärtigen Schritten.
* * * * *
In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die
blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger,
sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen
Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr
schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die
starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle
Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine
Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner
Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien
daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter.
Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme,
gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an
dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor
der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er
sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den
schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens
hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So
tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen
Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner
Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt,
er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos
hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel,
der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders
hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug
des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts
unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen
Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast
matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände
lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah
diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam
sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige
Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare
und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre
ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so
schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird
resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und
gar frei lassen.
Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und
nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und
dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie
habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp
Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern
und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren
unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien.
Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen
sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger
liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.
Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der
schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da
raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem
andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats
feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme
fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit
sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene,
illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel
Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und
er war beglückt.
Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht
mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in
Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und
Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das
fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort;
das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen,
auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu
tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm,
sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man
sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche
Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das
Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten,
schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt
ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.
So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und
lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich
in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu
einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und
ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit
und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte
Begrenzung.
Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen
Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim
und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten
sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich,
spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch
überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie,
was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber
rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit
sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur
Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.
Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre
Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog
ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für
alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war
er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft
Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß
schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die
Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern
alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte.
War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und
Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die
Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und
gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz
folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen
Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln
ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen
Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann,
der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor
der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst
nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die
Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht
zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm
plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem
strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt
leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern
Hofjuden heiraten?“
„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang
aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und
wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten
aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
* * * * *
In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem
ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des
Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend,
verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in
brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte
der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall
sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden,
drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber
nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog
schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum
Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der
Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners
auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er
sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er
verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die
Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell
sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall
des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren,
dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten
Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit
setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem
Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam
–, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle
Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl
Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung
aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der
katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler
Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige
Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch
Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die
reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen
Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land,
als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog
sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf,
Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und
Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte,
ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller
jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als
einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das
konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten,
dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man
sich im Unrecht fühlte; das _Corpus evangelicorum_ wird über einen
herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und
enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die
Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die
geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die
anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal
zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall
gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem
Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem
Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte
er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt
wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn
sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und
Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem,
miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts.
Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder
dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm
auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht,
wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen
hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und
was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee?
Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt
mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder –
wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst?
Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak
höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel.
Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer
als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte
Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden,
unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins
Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die
unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt:
Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf.
„Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast
genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und
als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben.
„Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses
Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein
Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den
Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn
einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er;
denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen
Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl
Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete
Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle
der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen.
Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander
war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause.
Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet,
hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen
Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es
und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte
er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert
gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester
wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt,
alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi
Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf,
um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das
von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote
gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie
ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie
heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern,
auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus
dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und
die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt
sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit.
Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein
reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines
zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich
dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich
dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem
Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn
deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er
wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte,
er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher
persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen
nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht
aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das
nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber
jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war
jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett
und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu
zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach,
wie fern das war und wie nichts!
Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus
dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte
des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden
Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit
runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war
munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten
des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei
der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer
Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister
stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei
Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich
abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig,
schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch
eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur
Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen,
rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden
verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber
wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million
evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm
und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte
haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und
Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“
Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen,
wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle,
dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den
Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer
Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“
sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht
mehr als jeder andere.“
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der
Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer
überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer
seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu
haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma
heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die
Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die
Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt
zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann
sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken.
Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt
sie zum Herzog.“
Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn
hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit,
Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen
geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand
schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt
oder gar Ihn geschickt habe.“
„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich
versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie
erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber
wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie
es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die
Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark
_in politicis_, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß
Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu.
„Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein
evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den
lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim
machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“
Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock,
Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen
Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum
Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber
soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch
das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten
den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie
war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme
oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte
sie nicht.
Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte
die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch,
Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine
gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise:
„Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal,
wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“
Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und
Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen,
violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte!
Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig
betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten,
sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken,
ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger
drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des
Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel
des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben
Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch
sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu
leben!
In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft,
lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte
sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre
gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu
Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl
Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ?
Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres,
Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene
Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg
Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein
säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch,
er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter
her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß
Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die
Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.
Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war
das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert.
Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen
wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn
einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er
selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die
beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste
sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift
hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann,
der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg
schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander!
Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und
amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich
die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf
die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein
Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den
Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du
Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und
Mädchenschänder und Metzger und Schuft!
Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er
einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im
letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die
Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des
gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein
wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen
weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung!
Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr
Herzog!
Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden.
Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner
Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles,
des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte
Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus
den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten
Bauer der Papagei Akiba krächzte: „_Bon jour, madame!_“ und „_Ma vie
pour mon souverain!_“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle
wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von
seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.
Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich
im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte,
wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug,
gurgelte.
* * * * *
Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer
van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi
Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern,
Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten,
der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht,
daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer
wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu
sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber
auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn
der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in
Demut verehrt über weites Land.
Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land.
Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von
Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als
Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn
gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die
Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen
Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott
und Bannstrahl.
Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch,
keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun
des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend?
Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische
Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben
zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht?
Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger
und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend
im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den
Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder
schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen
Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde,
orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in
Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu
machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng
rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet
von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem
früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des
christlichen Evangels?
Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi
Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür
des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines
Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der
Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut
lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen
Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem
bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war
bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte
sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und
gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem
gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar
nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und
den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten
senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten,
bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens:
Schaddai.
„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“
begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem
Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und
sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende
Liebenswürdigkeit.
Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten
Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose
Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den
dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan
Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen
zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel,
die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes
gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden,
Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der
Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm
Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen
lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein
Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in
den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte
er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles
muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es
nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen.
Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi
Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung.
Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und
er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen,
milchig fließenden Bart.
Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du
die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen
Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum
läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen
Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du
Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast
du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann
getan?“
Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus
seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist
nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich
könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder
Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl
Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr
Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob
Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter
Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere
Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias
Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu
retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir
nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu
schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche
gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig,
Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee
willen.
Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er
stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den
mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten
Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich
räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es
gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich
hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern
zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes,
brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle
Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die
Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber
ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist
jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen
Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig
und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß
immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm
sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart
mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine
Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer
steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“
Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten
Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte
sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein,
Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber,
schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis
geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche
Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem
Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen
Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der
Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon
ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith.
Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der
Vollendung als dieser.
Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte
nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das
Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen
runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde,
leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen
Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an
seine Bücher und Pergamente setzte.
* * * * *
Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg,
um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen.
Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der
geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf
Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und
Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den
geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In
aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin
verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr
hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die
letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan
werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde
man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen.
Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau
hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze
mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als
lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden
Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war
doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf
dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm
Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es
ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern.
Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte
er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und
zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von
seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und
flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles
gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile
fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der
Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl
Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her
war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich
gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend,
gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde
gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das
jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.
Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den
entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger,
Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber
hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das
Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte
Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß,
schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des
Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall
im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein.
Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten
heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam
der Abend.
In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht.
Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von
Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß
es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers
hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender
Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief
in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte,
raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb
zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll
Bereitschaft.
In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der
Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den
Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich,
auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele
Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend
hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach
Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren
Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf
den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem
Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die
unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle
Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote,
geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der
riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der
verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er
witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen
strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden
Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere,
festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl
Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen
des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille
Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen
und Erwidern vom Aug des einen zum andern.
In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der
Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen
Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung
käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl
Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen
gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die
Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon
die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager
mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht
ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders
stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste,
befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.
Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast
des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte
durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an,
Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der
schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen
können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus
den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die
prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über
eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.
Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle
Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh
abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle
Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch
soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in
silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s
auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“
erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.
Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb
unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine
Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette
spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der
Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die
aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem
stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer.
„Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine
Depeschen nicht herhexen.“
Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete
das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug
eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut
mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du
mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige
Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut
sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit
Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen,
geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah
den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so
weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für
die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom
Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen
Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten
begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors
und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus
schossen.
Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist
da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten
zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu:
„Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß,
wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich
nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt
noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und
steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich
sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte
obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend,
schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung
der Jude, gingen sie.
Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille
Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem
andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs.
Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der
wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht
der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer,
die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und
schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem,
proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die
jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im
Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und
erhellt.
Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme
fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in
der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem
Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der
Kurier?“
„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig,
feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander
fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen,
schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“
Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete,
sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es
ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei
lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu
eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine
tiefsten Kasematten!“
„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen
Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er
verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht
allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird.
Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken,
und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer
Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und
wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist
darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen
Umständen halten.“
Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen
können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als
der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und
Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu
Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die
ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende
Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden
Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht
lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der
Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann
auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie
sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß
war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle,
verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden,
sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen
werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm
und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost
und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.
Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem
Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die
Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und
sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das
von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit
einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm
entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“
Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er
gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches
aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den
Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch,
oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben
hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der
erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche
Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und
Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam
nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch
nicht unwillkommen.
Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem
Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“
Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden
allein.
Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem
wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den
jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht
verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph
dieser heißen, flüsternden Stimme.
Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog!
Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren
zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören?
Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung
eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht
sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all
deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die
Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind
doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben
und mußt mich hören.
Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und
Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat
dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die
Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen,
dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du
geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl
Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das
geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht,
ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du
aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst
du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst
ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen
Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest,
deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst
nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und
ich hab dich lassen tanzen.
Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu,
ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in
dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können
wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich
hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom
Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab
ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich
hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du
reif warst.“
Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er,
verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können
dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich
gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du
aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und
Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“
Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin
Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der
Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der
Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger
Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den
Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen
Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich
hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten,
befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich
bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im
Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich
einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im
Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte
sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter
sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor
stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.
Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es
kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz
nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer
Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das
aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß
offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen,
sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren –
die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist
tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu
konstatieren.
Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust
hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener
_Spasmus diaphragmatis_, Steckfluß, _stagnatio sanguinis plenaria_, –
still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich
abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge,
flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den
Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure,
lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das
ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das
verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen,
bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie
dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle
zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem
einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar
der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte
er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit
einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte
leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so
weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das
Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel
nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen,
möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem
Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.
Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er
kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug
nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah
nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete.
Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe
Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er
saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.
Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick
kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie
kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die
heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er
erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte
hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu
tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem
Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in
welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem
Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich
nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war
ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau,
aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll
Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.
Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken,
überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter.
Es war sein eigenes Gesicht.
Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er
schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem
Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des
Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie
füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da
hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht,
gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer
künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen.
Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar
empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener
stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der
Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas,
verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen
Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an,
still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein
letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander.
Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so
ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So
mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz
langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden,
Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder
pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben,
Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal
Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als
entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er
sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.
So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer,
der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt,
wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange
fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich
matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es
sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend,
machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen,
ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner
Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an,
er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß
unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um
mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte
wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte
beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte
nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte.
Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er
Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“
„Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß
Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er
mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des
Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des
Schlosses.
Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts,
Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die
würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen
Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter
davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt
seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war,
ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends
verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in
dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten
ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.
Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über
die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als
die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr
Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe
an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr
liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie
sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast
konversierend.
Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre
Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude
hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn
festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut
zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange
Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten
fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und
alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die
Rettung! Der Jud muß hängen!
Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht
länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte
doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das
für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl
gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so
widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt
auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute
wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression
hinter sich und vergessen haben.
Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und
den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von
seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte
ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante
Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der
Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“
In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in
tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte
still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und
tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr
Inneres dringen zu lassen.