Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die

großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und

ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl

zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte,

ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.

Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht

überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein,

Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von

neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen

Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie

jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön

und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein.

Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu.

So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den

Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm

bleiben werde seiner Tage.

So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank,

fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in

warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre

weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber

ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie

galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend

Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des

Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines,

stilles Lachen.

Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub

des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er

wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn

bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten,

sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer

behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er

allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche

Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.

Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt

von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel.

Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel,

fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken,

warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung

war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei,

gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über

Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man

sich wie in Venedig so jung.

Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen,

die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht

regen konnte.

Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er

hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer

des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit

den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht

hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.

Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff,

ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er

sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.

Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig

hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte

vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt?

Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer,

kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr

Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick,

flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete

lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend

wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte

Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie

gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich

ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel,

nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie

mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann

die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach.

Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der

warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte

hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei,

der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den

Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor

an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald?

Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige

und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht

hinaus.

Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier.

Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein

Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit

gleitendem Schritt stieg sie ein.

Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe

heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und

Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den

Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze

Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand

enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die

schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den

Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen,

nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der

Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn

sie ihn auslachten.

Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß

schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs

Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und

erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“

Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete

stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die

Neuffer gewiesen.

Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind

hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief

sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie

nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück,

tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff

nicht.

Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der

junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg

aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den

Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in

Wind und Nacht.

Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es

Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er

Ursach dieses Todes.

Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer

so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders

angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da

brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß

Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was

antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins

Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.

Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden.

Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag

sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue

nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war

ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin

noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und

jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm

Erkalten.

Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen

aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es.

Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von

einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im

Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und

plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der

Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte

da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er

hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich

jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies

quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.

Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit.

Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je

nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und

dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war

Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr

Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere

und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er

der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben

blühte oder Tod einfiel.

Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen

lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er

jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken

werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich

zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird

er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller

Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren,

Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm

und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!

Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho!

Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er

die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten

hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man

dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du

Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht,

nie wäre das arriviert.

Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden.

Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in

die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und

auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen

wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch

wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und

niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war

schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte

Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß

mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen.

Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich

zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem

verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man

es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein

kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß

verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen.

Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich

mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht

bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm

wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es

jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war

tot.

Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes

Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich

alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird

ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!

Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles,

drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.

Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er

sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut,

brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die

Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das

tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der

aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus,

hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem

verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse.

Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd,

schnarchend, totenhaft tief.

Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif

und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl

Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus

verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des

Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die

Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und

damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie

nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der

Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der

sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster

waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des

Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand

Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich

nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts.

Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr

Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine

große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah

nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er

sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem

Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und

bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.

Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel

gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen

sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die

breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen

war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter

Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren

Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das

Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens:

Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das

Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das

Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens.

Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur

Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So

blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.

Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die

drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel,

der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke

konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war

noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt;

noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte

das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie

gestorben, eh daß er gekommen war.

Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum,

der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden,

verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner

knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war

ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte,

er konnte sie nicht halten.

Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie

überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift,

die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter!

Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“

Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als

er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so

schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in

grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die

Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand

war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in

herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.

* * * * *

Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen

war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während

er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig,

trank, zotete, jagte.

Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht

des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie

Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war

tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot;

entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud

war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud

war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und

verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat

es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn

mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das

Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im

Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin:

„Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“

Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog

sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen,

war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem

Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im

Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im

Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß

wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er

eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die

hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein

Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen,

Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die

verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-,

Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden

ohne Besinnung.

Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen

verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm

und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos

häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging

er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.

Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog

gestorben?“

„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.

„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in

die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“

„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.

„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.

Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren

der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt

ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben.

Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe,

stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten

gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er,

hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“

„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.

Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie

wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird

auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“

Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute

herauf, er rührte sich nicht.

Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht.

Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht

erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um

den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den

eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein

Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der

Frauen?

Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend,

sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in

Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich

spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr

viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines

Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“

Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte

der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“

Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm

lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog,

hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses

mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch

nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die

knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten

Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren.

Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er:

„Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es

eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und

kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden,

da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich

sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“

Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr

und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der

_coûte que coûte_ seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein

bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können,

ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt.

_Parole d’honneur!_ Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig

Spaß versteht.“

Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht,

wer hätte das denken können.“

Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er:

„Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn

um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns

soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste

wie bisher! Geb Er mir die Hand!“

Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des

Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne

Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum

andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen

regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war

im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen

Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.

Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „_Bien!_“ sagte er. „Bestatte

Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“

Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den

hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und

Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich

heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken,

pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter

Laune zurück in seine Hauptstadt.

Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen

lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind,

und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war,

und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann?

Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die

Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt

und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm

gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er

geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar

nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel

davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können.

Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen

wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod

seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war

ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war

ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil

losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes

Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn

er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist

er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt,

allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er

ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige

Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und

brät sie und kocht von allen Seiten sie gar.

Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne,

sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.

Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen

Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit

seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.

Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm

wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich

dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund

und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten

Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.

Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre

Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum,

und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael,

dem Linken.

* * * * *

Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht:

Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von

Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist

gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist

ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt.

Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.

Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd

und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter

Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und

von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan

Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und

Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.

Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner

von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er

drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich

freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht

mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem

häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah

er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr

es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich

fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den

rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.

Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines,

goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort

Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den

Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer

nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette,

schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der

Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der

dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der

milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in

seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen

sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen,

durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer,

sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie

weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber

nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß

Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt

Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in

keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige

Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr

ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges,

und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt

seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine

Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus

Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den

eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern.

Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind

Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet

hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.

In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von

Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß

im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott,

gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und

vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig

ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank

der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den

kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit

ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des

göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich.

Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie

sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die

Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den

Friedhof.

Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde

gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die

Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und

Herrn.

* * * * *

Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die

Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt,

riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches

lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit.

Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine

ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus

ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin

menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter,

spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen,

überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen

Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem,

nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer

kriecherischen Geduld.

Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen.

Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog

zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das

ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte,

leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er

bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und

zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter,

düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister

Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke,

suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen.

Doch der schwieg.

Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war

härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen,

und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es

anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter

strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle

Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie

nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die

wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich

sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl

zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein

feindseliges, gelblich dunkles Feuer.

Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug

sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn;

eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber

schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.

Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet

und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder

jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie

wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder

politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die

Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in

nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.

Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine

Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten

die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der

Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in

Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen?

Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu,

die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.

Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht,

schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren,

maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine

grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er,

der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig

schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch

des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den

Ausgehöhlten aufrecht.

Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der

Herr des Landes, scheute keine Grenze.

In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer.

Dieser Fall lag so:

Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war

der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht,

verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische

Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen

Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen

unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder

Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen

mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung,

einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen,

reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren,

humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß,

sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.

Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe

von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den

Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter

vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den

Jüngling.

Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die

vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung

seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie

des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden.

Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein

anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte,

höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge

Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der

Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die

Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen

anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in

Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor

Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land,

zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende,

zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht

sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich

spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle

Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die

Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und

Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern

wischen.

Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn

ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete

dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge

Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram

über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht

doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann

seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des

Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.

Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der

hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an

der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch

die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn

verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene

Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur

Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter

verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem

Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die

herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer

noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher

verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des

Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte

Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den

wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen

Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.

Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten

Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des

Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch

bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand

sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.

Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst

vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen

Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein,

sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der

Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den

Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine

müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des

Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen

werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.

In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah

der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war

die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde,

pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht

Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen

Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm

als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins

andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle

Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.

Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu

müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der

Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen

und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe,

seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem

Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn

Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen

verwiesen.

Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch

unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem

großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die

einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des

Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu

Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige

Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen

einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und

wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten,

seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche,

erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes

verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.

Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er

hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er

war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge

Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und

stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle

der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn

der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht

besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander

hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand,

versprach unsicher, er werde es überdenken.

Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war

alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und

der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité

not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche

Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren

oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte

abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner

Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu

refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere,

sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn

nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den

Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit

die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle

Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der

Herzog.

Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen.

Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl

Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der

Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau,

habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr

auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. _Mille

tonnerre!_ Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und

er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und

kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt

das Urteil annullieren.

Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch

einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach

Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte

drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine

Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein

Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des

Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.

Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig

machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr

befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn

vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der

hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.

Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei

begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser

Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf

zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf

gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser

marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht

geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem

Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte

sich, zu lächeln, und schwieg.

Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen

den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie

begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche

unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es

mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine

Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem

Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei

Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende,

ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären;

vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie

schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die

Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.

Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre,

sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die

Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere

durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um

seine Entlassung.

„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein

verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“

„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des

Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche

Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“

„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog

läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es

vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser

zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch

nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes

Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume

kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende

Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die

Finger gestreckt im Zeichen des Schin.

Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß,

er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem

Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann

einen schweren Stand haben.

Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war,

nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu

dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt

über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine

Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen

geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten.

Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine

Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen,

ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle

seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle

Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er

können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie

dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur

Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt

publiziert werden. Wir warten.“

Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig

gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der

Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die

Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander.

Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das

Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.

Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme,

unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen

waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm

und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander

erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.

„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der

Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen,

machtbewußten, bösen Lächeln.

Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich

wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm

zu jenem.

* * * * *

Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als

Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen

die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin

Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth

Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils

war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und

es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und

Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des

Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom

Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte

den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den

Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen

Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine

peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu

besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht

seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied

genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn

zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung

Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in

schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen

Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.

Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder

die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl

manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu

pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den

bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten

Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine

Brunst immer höher.

Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne

Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer

schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige,

dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und

melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und

auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen

Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er

an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen

Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen

und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und

backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.

Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht

und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig

gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der

Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie

pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht

Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig,

furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn

männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie

anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber

auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich

Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden

ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während

der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.

Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er

lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für

seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie

so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.

Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler

einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses

genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von

dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben.

Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein

seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür

zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte

der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob

keiner den Preis des Heiden überbiete.

Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders

rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt

feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise,

daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei

keiner Dame Gunst verschleudert.

Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die

Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl

Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was

er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit,

sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich

den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er

nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man

und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte,

wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.

Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die

begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das

gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! –

hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett

schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er

Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt

wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine

undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche

Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und

Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine

Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser

vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre,

den Stein zu erwerben.

Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu

dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein

Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs

unwahrscheinlich hoch überboten.

„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die

Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.

Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge

des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen

westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz

wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.

Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl

Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und

sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.

Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und

bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute

ihn an.

Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt,

Jud!“ sagte er endlich heiser.

Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.

* * * * *

Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen

besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der

Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt

werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein

Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt

sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die

Legalisierung der Militärautokratie.

Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das

jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten

Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge

begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich

gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde

man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit

und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die

Festung setzen.

Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare

Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine

umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag

und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte.

Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil

kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument

ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten

Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden;

mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr

hinauszugelangen.

Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben

wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen,

die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen

hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei

Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen,

gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr

bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den

österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die

Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte

straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische

Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.

Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb

selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das

katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm,

keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der

dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen

machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische

Projekt frei und los machen.

Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische

Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt

hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll

Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze

nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen _à la

mode_-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich,

einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese

Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel

besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war

es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten,

obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern

schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen

konnte.

Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein

Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als

praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten

schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann

sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu

vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die

Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie

Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten

geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der

Bräuche.

Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem

Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle,

unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten

erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus

politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende

Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen

und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er

den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich

belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.

Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und

annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das

erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den

Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer

Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald

auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist.

Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war

jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des

Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen

Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben,

zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg

nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter

seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte

Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb

dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht

wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig

lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem

Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem

Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja

die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht,

daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen

gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und

als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine

Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und

Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den

christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem

jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.

Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht

widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren,

die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch

in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in

das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz

vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren

zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die

Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin

jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt:

„Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit,

die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er

sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich

auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte,

knurrte sein Zorn noch leise nach.

Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den

Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle

gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da

Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen

in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig

auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß

verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden

Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl

Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher

Abwehr den Rücken rundete.

Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem

Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser

Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er

spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie

zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl

Alexander.

Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl

auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein

Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand,

saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar

lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber

ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und

Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen.

Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei

Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm

diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen

konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die

fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die

stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche,

wilde, zähe Hassen.

* * * * *

Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus

lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer

begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang

es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein

Gesicht, Josef.“

„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu:

„Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich

noch immer meines Vaters Sohn?“

„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein

zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch,

Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen

zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte

nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.

Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind

geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und

des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er

starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen

Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die

süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine

heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht

länger anschauen.

Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte

sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in

seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich

Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine

Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für

Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit

ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte,

durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in

sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach

einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei

Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren,

sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die

Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es

deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor

Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und

sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit.

Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt,

nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als

sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene

Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er

hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des

dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren

hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den

eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr

allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er

sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird,

wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige

Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden.

Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes

Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig

wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles

schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener

noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion,

sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei

Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete

nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und

mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von

Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen

wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der

altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald

verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch

einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und

unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort.

Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße

Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter

Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden

waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren

Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das

verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige

Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im

Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die

Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen

das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz

eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen

Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich

unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich

die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem

Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und

Horn und Pferdefuß.

Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes,

unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und

Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend,

bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob

Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg

gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte

auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen,

tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch

inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber

solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen

und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu

erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige

Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl,

die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß

er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens

in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg

gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit

einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die

vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie

dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen.

Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb

eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte

Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit

den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, /

Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er

dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen.

Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre

schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen

Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt,

wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um

für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer

Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand,

in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war.

Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige

rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder

Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und

finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine

angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der

pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und

streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas

Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu

bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen

Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi

unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht

ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon

zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der

heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine

eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden

suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte

unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe

machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er

bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu

hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.

Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige

Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er

den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse,

sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem

Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die

Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber

vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er

Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste

zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der

Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so

auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis

der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter

Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften

Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden,

ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im

Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er

gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam

das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.

In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts

von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen

Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz

gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen;

aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden

Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie

gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in

ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War

sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung

gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.

Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß.

Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle

noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des

Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann

aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so

beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum

Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun

mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor

schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten,

wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die

Hand gaben.

Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober

das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen

Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte

unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in

Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine

Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war

freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein

Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu

nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und

die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt

und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten

Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm

und Verdammter?

Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister.

Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung

hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu

werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so

grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der

schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele

retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund.

Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit

kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand,

über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.

Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug

auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in

Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter

verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez

das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der

Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen

Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und

arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in

seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.

* * * * *

Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander

die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut

hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem

Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich

Abwartenden an.

„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit

einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet

war.

Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die

Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud

recht hatte.

Jud Süß · 第 14 / 37 题