Viertes Buch Der Herzog

Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital

Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der

Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister

sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der

Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer

vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.

Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie.

Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft

bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein

in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus

ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten

Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich

über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim

Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch

der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.

Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das

einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte

seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da,

er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So

fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der

Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer

sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des

Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern

Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst

im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.

Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht

enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen,

lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum

und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.

Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht

besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den

üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet

getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war

ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in

den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich

an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den

Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen

sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte

sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in

Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen

und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und

hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber

ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein

folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging

durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine

Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.

Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit.

In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche

Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und

Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und

Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz

des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp

seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von

Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher

nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen

taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und

der Macht.

Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria

Aschkinasi:

„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine

neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere

Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die

eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres,

die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines

gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie

durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich,

sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich

aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern

um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung

erleidet.“

Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des

Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre

sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach

Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre

entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf

dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.

Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land.

Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen

Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte;

alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün

auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe

des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche,

gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.

Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der

erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel,

der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische

Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer,

behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu

Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden,

gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in

einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf,

dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so

eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war

schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das

beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob

Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher

Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er,

Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine

diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche

Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm

tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war

katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen

eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die

venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge

war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott

sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und

Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau,

alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch.

Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das

war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den

Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war

ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle,

verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war

Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute

wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten

Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen

Welt. Aber, _gloria in excelsis!_ von diesen heiteren schwäbischen

Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil

dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die

ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten

Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl

war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er

scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem

Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen

im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein

feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.

Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender

Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war

nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land

umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft

waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die

höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst

wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt

widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand

das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud

den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die

Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller

menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus,

hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine

große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser

Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft

Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei,

Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein

kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut

vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und

stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den

Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die

Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein

ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht

man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie

jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt.

Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und

kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf

administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel.

Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag

in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die

Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den

Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja,

sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich

sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die

beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten,

während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem

April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.

Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der

Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des

Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen

Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den

Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich

ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten.

Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm,

grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und

Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung

in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf

den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend

und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem

Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus

lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und

meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um

die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war

ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es

war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche,

alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf

der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte

finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte

seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des

Volkes, des Parlaments, der Evangelischen.

Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder

mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die

Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die

mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen,

submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen

Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte

man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein

Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen

drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg

getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und

aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des

parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war

in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ

sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des

Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe

Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht

gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen

Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde.

Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere

Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim

erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging,

ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp

und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.

So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee

in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch

trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann;

hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein

Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit

der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an

hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit

siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn

hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog

Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in

Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener

Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor

Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es

war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging

nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten

Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald

wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück.

Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen,

es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede

und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann

Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther,

Arndt, Spener, Francke zu stellen.

Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser

Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser

Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach

und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen

und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen

zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner

Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet

disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum

Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf

eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief

unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ

sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt,

gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente,

Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte

Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der

Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten

aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel

im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht

behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten

innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der

Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das

die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik

beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den

Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der

schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft

entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir

kann selbst ich nicht helfen.“

Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt

in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so

günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die

württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten

Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und

Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen

Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens

schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin

von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.

Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in

ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven,

bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz

des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte

spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie

war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die

Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die

Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt

sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard

Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und

silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr

aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara

Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte

bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch.

Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt

gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt,

sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von

getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter.

Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen

solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den

guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche

empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen,

über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die,

Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling

abzwangen.

Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von

Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach,

Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen.

Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel,

Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s

Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen

Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen

Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr

da.

* * * * *

Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher

hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren

herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das

katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen

Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der

Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur

mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden

auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit

dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht,

sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim

Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde.

Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum

Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er

zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes,

gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend

und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten

wiederzugewinnen.

Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte

er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in

der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des

Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm

vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der

Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen

heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der

Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines

großen Coups.

Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch

Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies

dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt,

dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann

mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den

Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden

Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste.

Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des

katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die

Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den

eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem

Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben

Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik

gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite

Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen,

Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo,

Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen

Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten

müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten

Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ

die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.

Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er

abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem

Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines

Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche,

die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das

Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen

Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel

antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an

seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er

außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald

weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie

bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst

vergessen hatte, als teuersten Besitz.

Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär

Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und

unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so

ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß

dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch

andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die

sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß

jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu

Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem

blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige

hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen

anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.

Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr

saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher,

vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die

einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß

sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat,

daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in

ihm und ihr.

Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und

Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts

arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte,

Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins

Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während

Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des

Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen

Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten

den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede

Begleitung die Hauptstadt.

Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt

ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem

einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich

gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die

hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie

zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das

mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller

Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie

opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit

über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll

langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und

sinnierend zu schauen.

Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten

fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende

Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete

Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des

Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters

doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue

Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister,

als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht

recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder

drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem

reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des

Vaters.

Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und

Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal

sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt;

das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“

In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das

Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und

her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen

Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer

durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig

sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut

aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die

Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den

Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den

Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an

einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt,

aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß

ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an

Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?

Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter

Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die

seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen

Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der

kabbalistische Baum.

Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben.

Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er

war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer

keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen

schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm

schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm,

unterworfen, gezähmt.

Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der

Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem

höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben

können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein

gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die

Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im

Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er

fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur

herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus

dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.

Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und

Getragenheit.

Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender,

prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet

Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher

und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor

sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel

defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.

Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß

genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr.

Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der

katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller

Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu

erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden

Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der

Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des

Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger

und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen

Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.

Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß

genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe

auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise

sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später,

Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie,

so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze

Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den

Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen

machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen

Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen

werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen

war er durchaus nicht geneigt.

Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die

ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das

Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu

entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine

übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der

Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die

Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel:

„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an

seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller

aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät

Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“

Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte.

Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte

die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich,

sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig

gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er

denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot

angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und

her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei

und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die

die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des

Finanzdirektors befahl.

Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der

Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem

entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend,

vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers

Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern,

Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen.

Spähten, schnüffelten, schwitzten.

Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der

Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß

und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte

gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie

man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es,

löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit

gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.

So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas

Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige

Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den

trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und

rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu

Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was

jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten.

Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm

die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese

Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen

gehörte er wirklich nicht.

Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun?

Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei

irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren

herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster

zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine

Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher

fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für

ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht

zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die

Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit

allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen.

Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen?

Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt

war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten.

Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere

Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe

stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu

entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen.

Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt

dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort,

das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er,

nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern

wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der

Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in

der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der

Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der

Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand

den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen!

Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig,

vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch

seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts

dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden,

polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der

Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine

Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein

gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann

sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und

steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm

auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche

Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend.

Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme

gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos

keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten,

kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn

als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre

ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe

hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen

Christenschelmen.

Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen

Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel

krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen

Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer

fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo

man an seine Interessen streifte.

Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im

Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war,

wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon

zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter

verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der

Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden

Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident

Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte

es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.

So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch

trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er

herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche

Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten

erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner

gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an

von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam

dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm

plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.

Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht

mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant

geworden!

Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert.

Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein

Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich,

es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl

nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel,

könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem

er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu

lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das,

was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.

Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in

sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl

aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den

zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach

dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff.

Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu

tasten.

* * * * *

Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich.

Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte.

Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war

glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen

tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und

doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und

schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden

der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten

keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne

Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine

Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob,

die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme

eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war,

und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten,

tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser

über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle

Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie

lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.

Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch

heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag

stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede

Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle

Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses

Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte.

Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh

sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich

haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn

sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.

Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich

über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr,

es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen

sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke

Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus.

Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als

Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für

den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher,

von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres

weiten Rockes vorlugte.

Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller

Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles

begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien

nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich

nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten

widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann

Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale

dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten

Publizisten zu werden.

Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und

Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts

davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg

ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin

richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz

Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in

ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm,

dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im

Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der

Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten

diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der

schwäbischen Circe zu widerstehen.

Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede

Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß,

war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die

Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen

seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch

auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß

er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die

Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las

ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und

Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen

über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches,

Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er

rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck.

Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren,

während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant;

häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder

lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit

solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch

amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen

Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und

Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend

anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen

himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam

fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend,

schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit

vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie

sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz

gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und

betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede,

Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel

im Haus der Herzogin zurückzulassen.

Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine

einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich

an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine

Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war

sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem,

der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander

wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts

haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was

geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und

verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von

Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und

dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten

Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.

Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte

sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf

einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch

tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt,

Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt

lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine

Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?

Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde

geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und

unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der

straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie

war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und

empört zu lodern.

Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die

Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die

Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann

hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger

Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der

Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten

überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war

tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten,

war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.

Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten

Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und

hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm

willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine

Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und

unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf

gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm,

und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen

gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen

Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr

scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr

von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch

alle männliche Glut war verascht.

Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging

ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich:

sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht

sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf

seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte

sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war

nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie

damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten

nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber

weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr

ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der

einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war

durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach!

tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.

Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde

Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie

selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten

Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast

körperlich wie einen guten, warmen Mantel.

Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad

Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel

Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine

flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht

zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte

er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt?

Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie

kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward

durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie

zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem

Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große

Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er

geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt

solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die

blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen

Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend,

sich beschied.

Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn

sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer

Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen

Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen

Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen,

betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten

Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit

wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende

Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften

Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige

Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm

als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen

Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer

Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden

Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren

zu dürfen.

Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden

Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und

tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie

gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der

ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine

andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie

würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele

begabte Heilige, ihre Dornenkrone.

Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal

ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie

hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten,

dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle

lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der

dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel

und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in

ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger

weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit

großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und

Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste

Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des

Expeditionsrats still und friedlich zu.

Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so

selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof,

auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr

zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und

krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung

nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und

Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte

man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie

zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und

Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß

ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang.

Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes

freundlich ein.

Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und

leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der

Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und

dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch

in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die

glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer

Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet

worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete

sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die

Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie

eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe

ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch

die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem

Kopfschütteln.

Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und

erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie

nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die

Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war

sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als

die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene

Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach

zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und

urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte

menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle

aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes

natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie

seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er

wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war,

ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und

unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich

geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte

dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren

nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena,

unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.

Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr

verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste

Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes

Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die

philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer

Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus,

waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im

Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige,

höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin

geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben

an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der

braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht

zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht

die ihre sein.

Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen

Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht

überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die

feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im

gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine

Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er

einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule

hinauf, füllte ihn ganz an.

Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder.

Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine

Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen

lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen

Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der

mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch

tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener

Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung

als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den

Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und

Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die

Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem

Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht

ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt

zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des

Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so

betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch

tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als

Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und

Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und

ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.

Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt

bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All

seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders

einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend

wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die

frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des

Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der

Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung

und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und

gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat

Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann

geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so

schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als

Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem

Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er,

behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er

ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche

Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.

Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf

raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann,

der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost

vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation

schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat

verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber

in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm

welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den

vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam

war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft

sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften

Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt

nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das

Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und

verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil

seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu

den wenigen, die sie nicht leiden mochte.

Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er

wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen

künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß

regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft

jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein

Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der

Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es

wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß,

Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren

akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun,

wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre

es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen,

davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und

vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt

gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem

berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um

das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie

festgesetzt.

Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und

Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender,

seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen.

Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um

ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen

Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf

beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete,

schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in

sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend,

woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.

* * * * *

Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine

seiner einsamen Reisen.

Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs

stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch

angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog

nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein

lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße

folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben

auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten

Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.

Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen

Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und

fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist

überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in

großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach

einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche

Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.

Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er

bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen

gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten.

Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren

hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg

rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund

riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem

dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es

gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß

unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden.

Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte

offenbar dieser Gegend.

Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete

schwer, wanderte weglos und mühsam.

Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand

plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume

standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich.

Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände,

die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so

hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete

die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen

den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast

lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert,

man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.

Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum.

Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen

ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief.

Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den

Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner

Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der

verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener

verkettete, leichter atme.

Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser

Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten

Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen?

Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des

Hundes!

Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten

Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren

um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt

in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und

Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des

Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der

Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi

Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die

aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den

Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.

Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr

helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der

Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im

Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt

in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht

auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es,

Mann!

Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn,

aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen

des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus,

Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger,

angstvoller Beschwörung: „Hilf!“

„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen

nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das

Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da

waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht.

Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die

sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes,

unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln

die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen

Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es

herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den

Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen

Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine,

Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus:

„Hilf!“

Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab,

keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine

Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die

bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt

ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“

In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den

großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige

Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit

den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die

kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater

das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit

kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war,

die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken

Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht,

ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und

frostig war es erloschen!

In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner

Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und

gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander

fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen,

das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein

blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart

und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische

Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper,

die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich

können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins

Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber!

Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte,

_mille tonnerre_! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen

und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust

haben.

Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb

des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl

Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über

die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr

schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit

vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem

Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.

Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte,

war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem

Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was

wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für

solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!

Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem

Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er

rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann

werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine

Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs!

Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag

was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf

die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.

Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen

des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann

abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem

Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume

sperrten den Blick weiter.

Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen

noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter

stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts

verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte

voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter,

neugierig, angeregt, amüsiert.

Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen,

staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig,

Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in

dem schwäbischen Wald was anzufangen.

„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn

Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht

übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich

plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten,

holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit

schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus

steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit

einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“

„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem,

genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“

Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer

ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir

den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“

Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins

Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten?

– Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden,

setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig

anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der

Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.

„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte

zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu

befehlen, nur mein Herr.“

„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem

erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu

und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes,

des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das

magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der

unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und

gedämpft.

„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit

hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn

der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister

nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“

„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat

Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine,

lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle

Winkel.

Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen

Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke,

plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten

sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel

angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das

Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts,

des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß

dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So

was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou!

Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“

Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den

Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter

ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch

das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.

In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des

Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn

Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren,

liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“

„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der

Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner

Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an

ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern:

„Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein.

Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu:

Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei

doch noch besser als alle Geburten seines Hirns.

Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank

das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen

Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein

rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er

schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln

um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat,

gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein.

Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten

Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen.

Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser

mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr

Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und

heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für

kurioses Gesicht ziehen.

Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens

gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte

dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke,

den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die

Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und,

da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu

Ihren Füßen legen?“

Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor

Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese

Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder

fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn

dein Herzog dich fragt.“

„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in

ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir

nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie

nicht so zimpferlich!“

Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben,

dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit.

„Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl

Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und

Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“

„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen

wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und

pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie

Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie

sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und

mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.

Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen

Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten

sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der

Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten.

Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den

ganzen Leib und eiskalt.

In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von

Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach

Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und

nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist

weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten

Magus um sein Prestige bringt.“

Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee,

als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den

feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er

sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und

Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und

blaß werden.“

So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den

Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht

die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind

hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie

nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und

selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt.

Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu

bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer

ungestillt bleiben.

Jud Süß · 第 13 / 37 题