Drittes Buch Die Juden

In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden

groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und

Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe

nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika.

Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen

Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente.

Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten

Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden

erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben

worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem

saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert Deutsche kam Ein

Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten

sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war

ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der Aemter drängten

sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten

sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren,

steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in

engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten sie zu, Abend

um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht zusammengepreßt saßen sie;

sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht weiteren Raum. Da sie

nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in die Höhe,

Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter wurden ihre

Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum; ohne Sonne

standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem,

seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren

Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren

grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten

den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen

ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie

gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt

vom flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem

Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit,

jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie

sich, die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am

andern, einer des andern Feind, einer im andern verfilzt. Denn jedes

einzelnen kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden.

Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen

hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der

Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in

Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild,

zwischen lauter wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld.

Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos,

der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen

lächerlichen, spitzen Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten

ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz

und die schwäbischen Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß

und stattlich werden; es wuchsen in der Sonne des brandenburgischen

Kurfürsten die Lipmann Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers

die Oppenheimer.

Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen

Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die

die Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren

Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten,

verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die

jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des

Sultans von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und

Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers

des Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten,

und der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den

Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung

gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen

war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche

hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es

allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere

Bewußtsein von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der

Macht. Sie waren solange klein und gering gesessen unter den Völkern der

Erde, zwerghaft, lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben

und Macht erleiden ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten

nicht einer um den anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die

Gewaltlosen, hatten der Welt ihr Gesicht gegeben.

Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der

Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die

Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht

mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche

Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene

Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es

als zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter

davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und

ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn

des Buches.

Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie

zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame

Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen

Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune,

weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte,

gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken

und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über

die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches.

Vielfältig ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins

aber und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche,

Jahve. Manchmal wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es

stak in jedem, und in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich

ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es da, und was

von einem zum andern flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit

Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie

eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schlossen ihn mit ihm; als erstes

den Säugling lehrten sie das Wort, und der Sterbende verröchelte mit dem

Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft, die gehäuften Qualen ihres Wegs

zu überdauern. Blaß und heimlich lächelten sie über die Macht Edoms,

über seine Raserei und den Wahnsinn seines Geweses und Getriebes. Dies

alles verging; was blieb, war das Wort.

Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war

ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern

vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen

rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein.

Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn Buchstaben

hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen, geprüft und

erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten sich

martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch ganz ihr

eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen sie,

bekannten sie, die Stolzen, herrenhaft Schreitenden so überzeugt wie die

Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch.

* * * * *

Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke,

flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen,

spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein

Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er

betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam

der Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach

dem Befinden der Demoiselle.

Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging

stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt

die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie

sagte guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie

kümmerte sich nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem

Vater nicht, zu niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es

kam vor, daß sie ihren Vater tagelang nicht sah.

Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war

nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er

war flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen

vom engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit

Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann

war und sein Freund. Er wagte es nicht.

Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich

herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme?

Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte

keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang

zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl

Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren

seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran

dachte, ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam,

wußte sie nicht mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus

nicht haßte. Er war wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm

und mächtig groß und in sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den

Augen eines solchen Tiers, wie fremd und unerreichlich anders es war,

manchmal fühlte man sich ihm nah. Aber man haßte es nicht und niemals.

Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen

dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein

Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch

Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber

doch ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben

und Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches,

albernes Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine

Blume.

Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren

Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe,

nicht dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war

eben blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die

daherpredigte! Du hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig

beflissen, und war kein schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein

Tier, rot, weindunstend, schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt

seinen Schmutz und Glitsch in dich: und du kannst es nicht hassen.

Erklär das doch! Deut das doch aus!

Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee

sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam

nicht. Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der

Herzog ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld

und seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu

sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen

Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin

bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog

habe nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr

gefunden, und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit

hineinreden. Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem

Ahasverus. Magdalen Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde

richtete sanft und ohne Verständnis die erloschenen Augen auf sie.

Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es

war alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und

hatten sich wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig

und wichtig herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne

Verstand, hatte nicht mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein

Bub in eine Schachtel gesperrt hat.

Sie saß bei Karl Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die

Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie

zu einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie

tat, sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich

weiter um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein

Stier, wartete darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er

sie nehmen werde. Im Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war,

wurde er zornig. Gewiß, eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach

beleidigt zu tun, das war in aller Welt so. Aber schließlich war es doch

etwas, seine, des Herzogs von Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar

wie die hatte keine getan, so ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch

nie passiert. Er wurde heftig. Sie sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch

nicht mit Hoheit; aber es war ein so abgründiger, ätzender Hohn darin,

er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor wie ein heruntergeputzter

kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich, zärtlich. Sie schwieg.

Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen, ohne sich zu

wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe heruntergeleitete

an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den Gesichtern, so wie

eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie.

Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie

hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte

sich öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine

anständige, schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch

der Heiligkeit stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu

seiner schönen Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische

Mätresse hatte, versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es

machte manches wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die

Bürger zogen die Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch.

Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen

stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren

Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an

seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer

gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater

des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf.

Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück. Wie

wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt, wie

sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen

aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier.

Immer noch blieb Karl Alexander das gleichgültige, mit leichtem

Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und

ihre Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der

Herzog, bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für

sie. Man haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die

man ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war

verantwortlich, der wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog,

zählte genau, war hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles

Böse. Es war ein rechtes Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen,

die sie damals im Wald von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick

aufgeschüttert hatte. Er wußte sehr gut, der freche, glatte, gescheite,

ruchlose, eiskalte Teufel, der er war, wußte so gut wie sie, daß sie um

ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm hingeglitten wäre, daß alle

ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften Gott- und Teufel-Träume

sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst hätten, wenn er nur die

Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen, seine wahrhafte Neigung

nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen Brocken Geld oder Titel von

dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute einer nicht, so sprach und

neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht echt war. Wenn einer aus

einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine Untertanen verelendete, Frauen

vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war keine Verantwortung. Aber

jener andere, der sein Gefühl verschacherte, pfui! pfui! das war das

wahrhaft Jüdische und Teuflische.

Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend

anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er

wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur

sie gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen

zerteilt, war viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst

wenn er es gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines

Seins, seine Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen,

auch nur der Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen.

Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es

wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur

tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn

doppelt.

Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle

interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel

ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der

Herzog sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, sie ihn nur

kalt und leidend gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so

betastete sie doppelt neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren

Widerspiel der blauen Augen und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle

spürte das Wohlwollen, das von Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und

ließ es sich lässig gefallen. Die Herzogin, wie getrieben, schmiegte und

schmeichelte sich immer enger an sie heran, sie gab sich wie eine

jüngere Schwester, legte den Arm vertraulich um die Taille der andern,

zeigte, sie, die sonst an allen Frauen gern ihre selbstsichere, spitze

Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für die schöne Herzdame ihres

Mannes.

Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie

war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären.

Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen

beschäftigt wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der

philadelphischen Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu

haben. Sie, Marie Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie

wußte von Gott eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand

sich so recht nur auf gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel

müßte Magdalen Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe

die braunen, schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz

einverstanden.

Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen

Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie

übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot

verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel

Haare wie der Herzog.“

Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide

glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit

den länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war

harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet,

ihr einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße

Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und

mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr

geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der

wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat

nach ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt

anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man

einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner

Neigung gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er,

und das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es

stand an ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war

und mit seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor

allem über plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf

den sie sehr stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die

insolentesten Komplimente zu sagen wußte.

Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie

sah Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und

sie reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr

glücklich.

Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden

Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt

viel tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und

lächelt.

* * * * *

Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und

Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums. Es

war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall im

Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit

Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen

edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus

dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit zierlich

gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit Kornblumen,

gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr künstlich: „Süß

Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“

Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich

und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr

eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement

amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen

davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war.

Auch in dem Forst von Hirsau, in der großen Wiese der Lichtung nahe bei

dem Holzzaun des Hauses mit den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die

Inschrift gesät. Es war ein junger Mensch, und er saß in der

Brüdergemeinde des Magisters Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem

Bibelkollegium war es seit dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und fahl

geworden. Wohl waren es stille, demütige und bescheidene Menschen, die

da zusammensaßen. Aber daß die Tochter des Prälaten unter ihnen war,

hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging

es in dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so

merkwürdige Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und

wenngleich es den frommen Seelen fern lag, von ihrer weiland Schwester

Böses zu glauben, so trugen diese Gerüchte jedenfalls dazu bei, den Haß

und den Abscheu zu nähren gegen den Herodes, den Herzog, und seinen

Trabanten, den Juden, als welcher offenbar der leibhaftige Satanas war.

Aus solchem christlichen Abscheu heraus hatte der junge Bauer säuberlich

und gewissenhaft mit Blumen in die Waldlichtung geschrieben: „Josef Süß

Saujud Und Satanas.“

Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit Magdalen Sibylle

eine Tröstung und großes Licht erloschen. Bei aller Demut und

Niedrigkeit spürte er doch zwischen sich und Magdalen Sibylle ein

heimliches, einverstehendes Wissen, das ihn über die anderen hoch

hinaushob. Sicherlich ahnte ihr von seinem großen, seligen Geheimnis,

und so ging der fette, stille, pausbäckige Mensch sanft und gehoben

neben ihr her. Es war so schön gewesen, jemanden mit solcher Ahnung

neben sich zu wissen, es war gewiß kein unfrommer Stolz, sich auf diese

Art gewissermaßen bestätigt zu fühlen. Er liebte die Einsamkeit mit

Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm doch sehr ab, und jetzt erst war es

ihm so recht leid, daß an der Geldforderung des Gratialamts seine

Bewerbung um die herzogliche Bibliothekarstelle gescheitert war, und

jetzt erst hob sich in ihm neben dem allgemeinen Abscheu gegen Süß ein

höchst persönlicher, kräftiger Haß, dessen Unchristlichkeit er sich oft

zerknirscht vorwarf. Er konnte ihn aber nicht loswerden, und wenn er im

Wald seine sinnierenden Spaziergänge machte, so stand er oft in der

Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte befriedigt die Linien:

„Josef Süß Saujud Und Satanas“.

Einmal, wie es ihn wieder hingetrieben hatte, fand er, und das Herz

stockte ihm, einen andern Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das

blauschwarze, mattweiße, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem.

Sie lag hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von

gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie

ohnmächtig Hingestreckte.

Dem weichherzigen Magister schnürten sich die Eingeweide vor Mitleid. Es

war keine Frage: hier einzugreifen, war unbedingte Forderung

christlicher Nächstenliebe. Dennoch brauchte er lange Zeit, bis er die

Schüchternheit vor der ihm sehr jenseitigen Erscheinung überwand, und

ganz heimlich fürchtete er bereits, die Prinzessin könnte aus ihrem

Zusammenbruch auferstehen, eh daß er den Mut gefunden hätte, sie

anzureden.

Aber schließlich überwand er sich, trat, über eine Wurzel stolpernd,

näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen:

„Demoiselle! Demoiselle!“ Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die

Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die wo anders waren und ihn

nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß die

Verstörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und froh über

diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem zärtlichst

ergebenen Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe getreten,

Demoiselle, der arge Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber und

stinkender Satanas.“

Aber seine freundlich gemeinte Anrede hatte eine erschreckende Wirkung,

indem nämlich die Zarte aufsprang, ihn anflammte und mit unerwarteter

Gewalt rief: „Verleumder! Niedriger, giftiger, schleichender

Verleumder!“ Der Magister tat einen bestürzten, unbeholfenen Sprung

hinter sich; aber die Dame fuhr mit einer süßen, vorwurfsvollen Stimme

unter stürzenden Tränen fort: „Und Blumen, unschuldige Blumen

mißbrauchen zu solchem Gift und Niedrigkeit!“

Den Magister Jaakob Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem

Himmlischen Jerusalem so verloren weinen sah, überkam eine große

Unsicherheit und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war

keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch seine

Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, Demoiselle.“ Er

machte erneut etliche Reverenzen, während die Süße, Blauschwarze still

und strömend vor sich hinweinte und die dickliche Person auf sie

einsprach und sie wegzuziehen versuchte. Sie stützend, tröstend führte

sie sie endlich von den unseligen Blumen fort.

Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger

Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher,

gekränkt, sich immer wieder verteidigend, es sei doch bekannt in allem

Land, und es sei nicht böslich vermeint gewesen. Doch das Mädchen, und

ihre Augen standen groß und wild in dem sehr weißen Gesicht, eiferte:

„Satanas! Er! Er Satanas! Weiß und rot ist er, hervorragend aus

Myriaden. Sein Haupt feinstes Gold, seine Locken ringeln sich herab,

rabenschwarz. Seine Wangen ein würziges Beet, getürmte Wohlgerüche,

seine Lippen fließende Myrrhe. Goldene Ringe seine Hände, besetzt mit

Chrysolith, sein Leib von Elfenbein ein Schaft, eingehüllt von

Saphiren.“ Und heiligste Hingerissenheit und Ueberzeugtheit lächelte von

ihren Lippen, strahlte von der klaren Stirn, während sie so sprach.

Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte sich

sogleich wohler und gefaßter. Jetzt konnte er sich auch ihre

Verstörtheit zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die der Jude

mit seiner Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Es gab ja so viele

Liebestränke und arge schwarze Künste, die auch den reinsten Sinn

verwirrten und ihn dem Teufel zutrieben. Gegen die Mandragorawurzel

hatte kein noch so weißes Herz eine Wehr, da hätte er für sich selber

nicht einstehen können. Der Jude war arg aus auf Weiber; wenn auch an

den Historien über Magdalen Sibylle nichts Wahres sein mochte, daß der

Jude sie mit Zauberkünsten zu verlocken suchte, soviel war gewiß. Und

diese also, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem, war sicherlich

ein Opfer von ihm. Wie rein und lauter sie war, erhellte daraus, daß sie

jetzt noch, in ihrer Verstrickung und tiefem Fall, die Bibel zitierte.

Die heiligen Worte flossen süß und lieblich von ihren Lippen; bestimmt

war Beelzebub ihr in heiliger, englischer Vermummung genaht, als er sie

verlockte.

Den pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er

diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang Magdalen

Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. Jetzt

schickte ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, diese zarte

und feine Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und gefräßigen

Satanas zu retten. Er begann weitschweifig und behutsam von der Freude,

die im Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf die büßende Magdalena

und endete schließlich bei den feinen und schlauen Schlingen, vor denen

auch der Reinste und Zarteste nicht sicher sei. Denn der Feind, der

Satanas und Buhler –

Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch

viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte

sie, während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten

suchte. „Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“

Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und

fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte

sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der

Jude ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf.

Wie ihm langsam Ueberlegung und Verstand zurückkehrte, sagte er sich,

wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und

tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt

ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für

einen Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders

als unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und

demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne

Geld war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden.

Und wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr

viele andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit

Augen zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild.

Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“

rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist.

Fürchtet Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt

gegen seine armseligen Schwärzer und Verleumder.“

Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er

sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er

nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger

Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen,

Gott werde er doch immer die Ehre geben.

Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und die

Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit

ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn,

der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des

Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um

des Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister,

der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und

dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen

Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar

nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre

schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein

schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt

noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt werde,

verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter solchem

Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand mit der

Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme,

unschuldige Blumen!“

Um Jaakob Polykarp Schober aber war von jenem Tag an viel Wichtigkeit

und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und schwerer

Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die

Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche

Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man

nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der

Jungfrau zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden

selber gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs

ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der

Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn

das ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden.

In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war

voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in

seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle

mit einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern

keinerlei Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm,

seine Rede floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm

die Worte zu Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von

der Besetzung der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen

und Gottvertrauen“ betitelte, und das mit den Versen anhub:

Solang es anoch eine Krähe,

Solang es einen Sperling gibt,

Solang ich andere Tiere sehe,

Solange bin ich unbetrübt.

Wenn die nicht ohne Nahrung sind,

Warum denn ich als Gotteskind?

Und ein anderes hieß „Jesus, der beste Rechenmeister“ und bekannte:

Mein Jesus kann addieren

Und kann multiplizieren

Auch da, wo lauter Nullen sind.

Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die Brüder und

Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen Lebenslagen,

wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig verkauften und wenn

sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den Jaakob Polykarp Schober

befriedigte das bei aller Demut sehr, und es tröstete ihn über den

Weggang Magdalen Sibyllens.

* * * * *

Jantje, die fette Zofe, erzählte schuldbewußt Rabbi Gabriel von dem

unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, schwieg.

Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern mürrische

Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten über der

Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz ihn,

Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr lügen

konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er

hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten.

Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das.

Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen Mann.

Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen

schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg.

Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in

großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte ihm

nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften

schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die

Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er

war, und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde,

kluge, den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die

künftige Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit

nicht ein. Oh, wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor

seinen feuervollen Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des

dicken jungen Menschen.

Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria

Aschkinasi, des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem

Menschenleib nicht nur Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht,

sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem

Körper zu neuer Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist

ihre gegenseitige Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen

sie die neue Wanderung erleiden.“

Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder

zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der

maßlosen Berglandschaft, des Steins, der Oednis, des zerschrundeten

Eises. Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die

schattende Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis

verstreuten Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er

suchte die Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war.

Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in

jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die

kleinen, üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut

und Fleisch und Haar, nichts sonst.

Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete

schwer, knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht

weiter hinauf kann.

* * * * *

Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels.

Der Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller

Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war

der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie

seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als

württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame

Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes

nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm

er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg

weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der

Fürstbischof von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen

Höfen, er war auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche,

sehr in Sicht.

Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung an

das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit gebundenen

Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien ausdrücklich

auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das

Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen

Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an

Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er

feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der

katholische Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine

Privatandacht.

Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der

Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen,

geraden Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz

des Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr

und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt

blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß

einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und

kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern

erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in

Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten

Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer

setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine

Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu dem

Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann Jaakob

Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und

Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht.

Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten

Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse

stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die

Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am

Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche

gesetzliche Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem

Boden katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine,

bewegliche, hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf

dann nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen

Wirtschaftsgebäude. Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise,

erschienen. Der kleine Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das

sei seine neue Livree, er wünsche, die Mode möge recht bald überall im

Land im Schwang sein. Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach

Heilbronn ab. Erzwang schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten.

Schickte dem Grafen durch Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit

gemessenem Befehl, Kloster und Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen

damit zu beginnen. Der Graf schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab,

hetzte ihn mit Hunden den Berg hinunter. Da erschien Moser, der

stattliche, wichtige, komödiantische Mann, mit einem Detachement

Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen, zog erst ab, als der Graf,

heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die militärische Exekution auf

Heller und Groschen bezahlt hatte. Im Grundstein des Klosters fand man

eine Schrift, nach der dieses Kloster Stettenfels der Verbreitung des

alleinseligmachenden katholischen Glaubens und der Bekehrung des

ketzerischen württembergischen Landes geweiht sein sollte.

Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der

massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist

noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch

immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte:

„Viele Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen;

überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk

lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen

Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur

noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und

Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien

der Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus

gewußt. Sie hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen:

„Verflucht sei der Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht,

den Greuel des Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im

geheimen.“ Im Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich

dreimal hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober:

Jesus, der beste Rechenmeister.

Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen deutschen

Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte Aufsehen. Der

Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim Herzog durch

seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man habe ihn bei

seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt und

verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der

sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war

durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion

für später.

Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen,

mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich

nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte

zum Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit

dem Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte

er sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen.

Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines

Judentums vor Kaiser und Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch,

nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte,

durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines

Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend

Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament,

auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet

die Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich

unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat

unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins

Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs

Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend

kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors

bisher ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges

Gesicht. Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren

persönlichen Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den

Militärlieferungen. Dazu reizte Karl Alexander die immer gleiche

Festigkeit Magdalen Sibyllens, auch die beiden Damen Götz, Mutter wie

Tochter, von Süß aus der Ferne klug und unmerklich so geleitet,

leisteten unerwarteten Widerstand. Remchingen war langweilig, mit

Bilfinger wollte er nicht zusammensein, weil er sich über seine Haltung

in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der Franzose Riolles war ihm zu

affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach seinem Juden. Wäre der

dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser Handel anders gegangen;

es war eine Schande, daß seine Minister die christlichsten Affären nicht

ohne den Juden glatt erledigen konnten.

Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in Holland

gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in

Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne

so verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den

Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de

Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von

Ansehen und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den

Generalstaaten, sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es

nicht ab; Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle

wird sie ihn, und das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen.

Marie Auguste lachte stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem

Herzog war die geplante Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er

polterte, er erlaube ihm ja, sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst

mir sowieso in alle Teller,“ brummte er. Aber Süß ließ bei aller

lächelnden Ehrerbietung nicht von seinem Plan und erwirkte von dem

widerstrebenden Herzog ein neues Schreiben nach Wien wegen der

Nobilitierung. Karl Alexander schrieb eigenhändig und dringlich. Er

betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein weit mehreres als mit all

seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten könne, wie er seines

Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit halber zu allen

nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er, der Herzog, ihm

als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene Reconnaissance das

Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem Schreiben glaubte Süß

alles auf bestem Wege.

Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn

Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste

Kavalier. Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr

roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen

Haare drängten gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen

besetzt blitzte die Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die

fliegenden Augen. Die Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist

wieder da! Die Damen Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll

Ehrfurcht hinaufgrüßte: Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das

Volk, aber er gefiel ihm. Und Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand,

die seinen Gruß erwiderte, den riesigen, strahlenden Solitär. Er ist

wieder da! lächelte er mit den entfleischten Lippen, und über der

zeremoniösen Halskrause der altertümlichen portugiesischen Hoftracht

schickte er begehrlich und lauersam die starren, schmalen, wandernden

Augen dem entschwindenden Reiter nach.

Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell

und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen

Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da!

* * * * *

Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer

Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz,

der mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat

Süß. Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und

Schauspieler der herzoglichen Truppe übernommen.

_Théâtre paré._ Allongeperücke der Herren, nackte Schultern der Damen

Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der

mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten

Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden.

Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht,

der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil,

das in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie

sieht, stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der

Herzog kann sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge

Lord Suffolk wird ganz blaß bei ihrem Anblick.

Man spielt das Stück eines alten großen spanischen Meisters. Das Werk

ist durch viele Hände gegangen, italienische Komödianten haben es auf

ihre Wanderschaft mitgenommen und umgemodelt, man hat Arien und Ballett

eingelegt. Jetzt hat der Tübinger Hofpoet sich darüber gemacht, er hat

alles in gewissenhafte, säuberliche Alexandriner gegossen. Aber die

gelbe, kleine Napolitanerin, der naturgemäß die wichtigste und schwerste

Rolle übertragen war, hatte darauf bestanden, ihre Hauptszenen

italienisch zu spielen und zu singen. Da hatte sich der schwäbische Poet

grollend zurückgezogen, Süß, der Tausendhändige, hatte in aller Eile aus

dem Kreis seiner Mutter einen anderen Dichter und Regisseur beschafft,

und jetzt wurden einzelne Szenen deutsch, einzelne italienisch gespielt,

was von vornherein für Abwechslung sorgte und keine Langeweile aufkommen

ließ.

Aber es war überhaupt eine spannende und anregende Komödie. Ein Held

stand oben auf der Bühne, ein Kavalier und wilder Liebender. Sein Metier

war Krieg und Liebe. Er hatte bloß die Eigenheit, daß ihm jede Frau,

erst einmal genossen, sogleich zum Ekel ward.

„Die Schönheit, die uns lockt / Ist Huld und süßes Wunder;

Die Schönheit, die gekost’t / Ist wüster Dreck und Plunder,“

äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich

Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner

Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder

Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur

die Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab

es ihm immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe

Dame schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von

Riolles, der unter den Zuschauern das schärfste Aug für so etwas hatte,

merkte, daß sie heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte

Sprödigkeit, die sie spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch

lächelnd den Expeditionsrat Götz in die Seite: „Den hab ich fein

abfahren lassen, nicht?“ Der Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief

und respektvoll. Er war eigentlich bereits tot. Denn er war einer von

den Nebenbuhlern des Helden und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen

worden. Er hatte aber dem Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht,

denn er wollte, wie sich das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so

gutem Hause geziemt, durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte

alle seine Fechtkünste, hätte um ein Haar den Komödianten schwer

verletzt und mußte schließlich, sonst wäre das Stück nie zu Ende

gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne hinausgeschleift werden.

Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit der

Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin,

die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die

dort streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit

worden, und infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters

muß nun der Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie

entführen an Stelle der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt

er den Irrtum, schäumt, beschließt, die Unselige an die Mauren zu

verkaufen. Doch die kleine gelbe Napolitanerin, hingeworfen, jammert und

fleht zu ihm. Dies war die schönste Szene des Stückes, der große

spanische Meister hatte all seine Kraft daran gesetzt, und selbst unter

der Verschmutzung und Vernüchterung der langen Wanderschaft waren noch

Reste ihrer Schönheit geblieben. Die Napolitanerin also kniete vor dem

geschminkten, hochmütig und gelangweilt sich spreizenden Komödianten

zwischen Oellampen und drei braunen, primitiv geschnittenen

Versatzstücken, die wildes Gebirg darstellten, und sie sprach: „Du

schworst dich mir zum Gatten. So es dich verdrießt, gern lös ich dich

des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster! Oder mache mich, soll

ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich dir anderes als

Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir kochen, dir

die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib mich ihr

als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht klagen,

sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr,

zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will

ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin

sein, die der Geliebte liebt. Doch nicht verkaufen! Nicht den Mauren

mich verkaufen!“

Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte

Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie,

und sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur.

Es wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe

auf die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen

die Kerzen.

Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die

Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann

hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame

de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren

Vorsatz ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine

praktische Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte,

Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches

und überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie

einen haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn

heirate, werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was

er mir auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen

Eventualitäten auf meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das

Für und Wider noch reiflich überlegen.“

„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist

richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen

lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen.

Merkwürdig, daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist

die Magdalen Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den

Blick für die anderen zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch

nachholen.“

Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte

sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig,

hielt sie ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen

müssen,“ seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er

muß mich an den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte

Jud ist eigentlich an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß

sie einem nicht auf eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas,

das sie nichts kostet.“

Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht

und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um

nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die

Aufgelöste, Hingegossene. Und er konnte einen dunklen, heisern Kehllaut

nicht unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr!

Mein Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder!

Finde dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst

du’s nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und

Wald und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden

auf, empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor

Gomez Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach

Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden

Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in irgendwelchem

vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß die Komödiantin,

während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden Expeditionsrat Götz

dachte.

Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische

Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu

seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß

benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte,

rührte er die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er

äußerte:

„Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert,

Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“

Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen

maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren,

sehr glänzend aussah.

Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so

nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud

nicht so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da

deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für

sie gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da

würde er sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten,

entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein.

* * * * *

In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar

Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes

Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als

die Manufaktur an die Sozietät Foa-Oppenheimer überging, wurde der Mann

als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt,

schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische

Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber

höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die

ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung

aufkam, entlassen.

Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen. Verkam

mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen

Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht

gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch

gestäupt.

Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm zusammen

mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst behilflich war;

fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu, frech,

lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er

hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm

und blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind

wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ

sich nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste,

struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm

verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein

verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie

liebte ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie

wurde ihm allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen

und Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts

kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag

schließlich allein auf ihren Schultern.

Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte,

begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte

sie es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu

treiben. Immer öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos

liegenblieb. Ein paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu

ihm zurück, schließlich war er der einzige Mensch, über den sie eine

gewisse Macht hatte und der an ihr hing.

Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen herum,

stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar

Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land.

Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll

und männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte.

Kaskaden von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen

Schnurrbart vor, das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen

Augen, und das Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter

Laune, um die Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm,

mauschelte, versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den

Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag

aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf

herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend,

unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in

den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle

sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.

Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt.

Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude

der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen

Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der

Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte

als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche

Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer,

krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu

verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett,

das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er

ließ ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf

seiner Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr

und erschöpft aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu

Atem, ein japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den

Späßen des Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich

mit, aber sie kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine

Waren billiger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des

anderen. Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den

Jecheskel Seligmann, er beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und

zu treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei

dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte

vor Torschluß die Stadt verlassen.

Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das

Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie

froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger

Messe eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine

Einnahme, die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er

hatte ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte

sie, er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie,

schimpfte, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr

verdient habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie

genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm

sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund kläffte,

er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich trotz

aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute sie schließlich wuchtig

mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte sich, blieb

liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie liegen,

schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche.

Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend.

Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie

solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie

nicht antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer

nicht rührte, stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich,

seufzend, rülpsend, umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die

blinde, zerschlagene Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie,

Kiefer herunter, Augen groß auf, naß, starr.

Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne Sinn,

allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne hatte

sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an

dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten

Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart

tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie

und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war.

Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel

ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.

Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne

Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall

Schnitte in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit.

Er verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit

einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch

immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit

Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam

dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der

Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann.

Man ließ ihn passieren.

Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann

Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen,

gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen

Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff.

Lief dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während

nur die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen

notdürftig begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder

in das Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus.

Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe

doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel

Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem

Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm

zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts,

vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei sie dann auf einmal

doch weg gewesen. Manchmal müsse der Mensch auch schlafen; da könne er

dann den andern nicht halten, ja. Und jetzt habe er unter den Waren des

Juden draußen ein Bündel Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett.

Müßt das Kind jetzt wohl nackend herumlaufen, nur mit dem

Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr Osterfest.

Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige

Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu.

Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter

starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten

rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen

Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.

Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die

Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen

Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt.

Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße

hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel

über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den

Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte

Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die

Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat

arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und

Schande des ganzen schwäbischen Kreises.

Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau

dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr

erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern

davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts mehr

dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie die

Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von

Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von

ihnen mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt

verstinke. Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer

einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in

diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes,

die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den

unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen.

Aengstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere

Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann

morgen dem eigenen geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten

Würmer vor jedem Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern

und wilden Bärten träumen.

Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt

herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade

demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben

wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte

immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem

zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies

war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man

ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann

einsperren ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung

Christen um ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen

ihn übers Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der

dürre, zitternde, entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er

sah hundert erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen

ihn, er wurde zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden

ihm gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend

noch unter den Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den

Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein

Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer

Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor

die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.

Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude.

Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat.

Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken

geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins

versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen? Während

einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das Viehzeug die

Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger wilderten

– ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und

queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider

den Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße

gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist

nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des

Eßlinger Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst,

der freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma

natürlich nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den

Schirmvertrag mit dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud

nicht gleich, als nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe

es wirklich keinen Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde

behandeln! Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel.

Jedem einzelnen der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert.

Aber wart nur, Herr Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem

schwarzen und verruchten Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In

spanische Stiefel schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln

herausquetschen, ihn mit glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen

sich unter den Ratsherren die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn

dort solenn verbrennen wird, und versprechen den Verwandten und

Befreundeten Fensterplätze. Nur schade, daß man es bei einer einzigen

Hinrichtungsart bewenden lassen muß. Man sollte ihn können zugleich

hängen und rädern und vierteilen und verbrennen.

Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der

seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf

Altenteil in seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und

unrettbar hatte versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine Söhne

hatte verkommen und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies

war eine wilde und unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der

Brust holte er malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie

vor den Rat, einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den

großen, verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen;

heftig, als rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock

gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch

nicht zitternder Hand.

Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr

nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker

Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein

Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als

wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten

erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine

letzte Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte

er die Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden,

und alle starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die

wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war

ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in

der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden

umgebracht zu werden.

Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch

Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie

steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln.

Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart war

ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen

Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem

Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt,

zu heiraten.

* * * * *

Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer,

langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit

weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief

aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat

unzählige Male um Pardon, suchte seine Mitteilungen durch kleine,

schüchterne, unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein

schwieriger Patient, den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem

flachen Degen halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen

an den Köpfen seiner Aerzte.

„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin

Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich

Karl Alexanders zu bringen. „Eine _Goutte militaire_!“ wimmerte er dann

mit seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz

kleine, unbedeutende _Goutte militaire_.“ Da der Herzog finster schwieg,

fügte er eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie

und schwarze Gedanken darüber machen. Solche _Goutte militaire_ hat

nichts gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit.

Denn während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide

präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist

Eurer Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen

als ein leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen.

Euer Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon

befreit sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte

kleine Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang

und gäbe ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen

Generale Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“

Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter

vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück.

Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit dem

Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren

Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte

er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So

zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre

Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das

ganze Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und

hatte den Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber

er wird sie stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen.

Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu

lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt

waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe

Napolitanerin durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer

Fuhre Mist, ratlos und verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein

großer Zettel mit der Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger

schnalzten bedauernd, das hätte man eher wissen sollen; der Most wäre,

eh daß er sauer ward, einem gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man

sich gern sein Schöpplein geholt. Die Frauen aber spien sie an und

warfen sie mit Abfall. So wurde sie krank und ohne Geld aus der Stadt

gejagt.

Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General

Remchingen und der Schwarzbraune.

Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die

Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie

doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil

davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.

Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat Götz.

Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die

Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an

die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe

Herrin und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es

für seine unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht

sogar die Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft

respektvoll lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs

flüsterte, wie er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der

allerdemütigste und ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige

und schmutzige Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er

bei seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun

konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu

werden, warf ihn um. Er beschloß zunächst, sich zu erschießen. Später

indes sagte er sich, daß eigentlich die Napolitanerin an allem schuld

sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem gottgewollten

Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, wälzte sie auf

die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, wie sie ihre Fuhre

Kot schleppte.

Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden

Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht

dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch

die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen,

das Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne

Sinn jene Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte:

„Mein Herr! Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß

mich nicht dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von

dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird

er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp

und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er

auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.

Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den

Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man

erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen

müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese

kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der Tübinger

Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen die

Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber nicht

minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal

mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht vergessen

hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht hatte

sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und

Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen

welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend

gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand,

werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens Alexander

bald wieder Schwabens Paris sein.

Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. Noch

immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem roten,

primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem Hof

und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er

verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine

Frage von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte

nicht zu ihr kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte

sich des armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.

Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem Unstern

vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur

Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn!

hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung

mißtrauisch geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er

drang unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der

junge Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der

Herzog machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms,

zerschliß mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit

pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine,

eidechsenhafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die

Herzogin erzählte weinend und empört Magdalen Sibyllen davon, sie

beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald stahl sich in ihre

Empörung ein kleines, amüsiertes Lächeln, sie machte spitzbübisch die

lärmende Aufregung des Herzogs nach, divertierte sich an den

merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten, suchte sie ins Französische

und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei

seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu ihr kämen, sie sei gewiß,

die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht erwischt werden; aber der

arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und

nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.

Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage,

sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht,

Remchingen sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin,

eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es

ernster wurde, keine sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer

ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber

zweifelnd an Gott, sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen

mit sich und den Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er

konnte sich an nichts mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem

Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter Strumpfgürtel der

Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf,

Stellung in der Heimat zu gefährden.

Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt

handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen

Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut

über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie

Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig,

spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den

Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie

entgegen, drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren.

Worauf Karl Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle

Glocken läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und

Braten spendieren.

Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst

ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem

englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer

amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur,

aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor

allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen

Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu

machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn,

Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch

aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine

Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von

Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch

einzurenken.

Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr gelegen.

Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage der

Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er

wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben

und die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren

Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern

hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen,

stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in

Stuttgart.

Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte mit

Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich

immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als

an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße,

fleischige Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald

so weit, daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger

Wiederherstellung des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen

Erben schenken könnten.

Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen

Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl

Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen

unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde

den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem

Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er

ihm den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel,

den heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die

Würzburger Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse

berochen sich anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos,

fröhlich, unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem

schlauen, schlanken, und keiner kam dem andern näher.

In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte

ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen.

Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen

Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht,

in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der

Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels

reichlich wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den

Grund gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den

katholischen Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit

umfassend organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen.

Katholische Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen

vor. Es war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste

Detail ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und

knifflige juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die

parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich

die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der

lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der

Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt.

In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh

und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu Rom, was

alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht worden. Er

kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung des

Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und Bruder,

daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die

alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu

verbreiten.“

* * * * *

Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung

gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte.

Der Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig.

Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein

Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen

Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen

Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge,

rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.

Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die Laune.

Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen

der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der

recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten

Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man ihn den

einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte bei ihm

statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus, und

es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als ersten

Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf diesem

Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich

nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte,

kamen ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer,

sachlicher Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen,

Beseitigung der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des

Herzogs; er verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten

Politikern peinlich darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile

und umwegige Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren

viel geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr

weichen, langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht

einfinden. Er sah staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es

peinlich vermieden, die Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn

sie nur zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und

moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf

und sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende

Blicke in die Runde schickten.

So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte

Bestätigungen.

Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein

besonders kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen

persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der

Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern

und Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den

auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.

Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt. Goldene

Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den kostbaren

Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel dehnten

die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer

großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde

warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus

Gold und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige

Dienerschaft gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander

hatte eine offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen

konnte seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.

Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe.

Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation,

alles maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum;

das Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.

Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes

Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt.

Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit

gezwungen wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit

dessen Hof man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke

zeremoniös versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch

ausschweifende, muntere Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie

beizukommen. Sie hatte nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer

gepanzerten Frostigkeit nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders,

reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich

resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre

Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich nicht

enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, könne sie

auch das noch über sich ergehen lassen.

Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen lassen!

Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die Töchter

des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein Prunkschloß,

hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach Belieben, arme

Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!

Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er glaubte

offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da wieder

ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische

Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine

modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft,

daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht

simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was er ihr getan habe.

„Sie sind ja schuld an allem!“ rief sie, und in ihre bräunlichen,

männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine Flaum darauf belebte

sich.

Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er

hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte

er mit seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei

Seiner Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner

Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die

Ursache, und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und

ab, was er ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach

dem Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von

Welt. Ernstlich also, was er ihr Leides getan habe?

Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze

Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was

er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit

und Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen

Odem Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die

heiligen Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld

daran, Sie haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“

Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn und

warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze

klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie

denn?

Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle

so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien

doch nur Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der

Odem Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und

Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne

Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit

seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie

Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch

verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich!

Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange

Sie warteten.“

Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was

ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht

glücken, es hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen

Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht

zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die

erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht

der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie

zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang

das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher

schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch

verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme

Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief

sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden.

Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und

ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“

sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von

Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich

glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann

über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön

wäre, niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein

Herzog nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie

eben nicht Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem

entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte

er ihr, was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend,

er sprach es gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will

Ihnen etwas sagen, Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie

damals im Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles,

was Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und

Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur deshalb

getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich habe

seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und spürte.“

Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort

sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre

erhabenen Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott

hinüberzuziehen, alles nannte er bei seinem rechten, kleinen und

lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so einfach auf seine simple und

alberne Formel zu bringen: sie war eben ein kleines, dummes,

schwäbisches Landmädel, das sich in den erstbesten Kavalier vergaffte,

der ihr unvermutet über den Weg lief, und ihre Erweckung und Gottesminne

war nichts als ganz ordinäre, armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise

verging sie durchaus nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie

bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie

reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn:

Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und maskiert, aber er habe

das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun

könne, habe sein Gefühl verschachert.

Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit

gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte.

Und er wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu

paradieren. Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet,

entfaltete er denn auch sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie

ihm fangen mußte. Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie

hin: Wie sie ihm unrecht tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr

Gefühl in seine Hand bekommen können, so daß sie sich ihm willig gegeben

hätte. Doch er sei kein Freund der billigen Mittel. Mit seiner Macht und

seinem Glanz auf das schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei

ihm zu wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der

Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt

stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er

freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil

gedreht hatte.

Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante

Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange

gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte

sich an seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl

sich nicht zu sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich

gewachsenen, durch seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem

höfisch zeremoniösen, überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß

mit dem unter der Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches

genommen war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende

Mädchen zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer

Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig

gezügelt und eingeteilt, sie als gleiche unter die anderen herunterzog.

Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein

eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen

ist wie Sie, wer den Kopf wirft wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott

im Bibelkollegium von Hirsau fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter

seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich vor zu ihr,

sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, eingängigen Stimme,

die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was

es heißt Macht haben? Versuchen Sie es doch, kehren Sie doch zurück in

Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie

Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie können es nicht mehr!“ schloß er

triumphierend. „Sie haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“

Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das

Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich

sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt

stand sie ihm gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat

überfüllten Gemachs, von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen

großen Teil einnahm. Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen

Teppich kam er ihr nach und nahe.

„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die

waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg

Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine

gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“

Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke

drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es

beinahe selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von

Anfang an geneigt, sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für

solche Saat. „Magdalen Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem

Herzog überlassen, einen Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab

ich es getan. Sie auf den Weg zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg,

Magdalen Sibylle, Sie und ich: er heißt Macht.“

Jud Süß · 第 10 / 37 题