gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer,
spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an
ihn glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier,
die Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte,
das war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie
wohl auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein
kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese
Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher,
schwelgend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche
preisgebend und Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen
geblieben wären. Auf und nieder ging er, sich berauschend an der eigenen
Rede, immer glänzender den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein
eitler Schauspieler seiner selbst.
Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir
gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel
der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn,
dieser Herzog?“
Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er
sich selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem
Ernüchterten bangte.
„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu
können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein
eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl der
Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines
Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück,
daß er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts
von Ihrem Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo
Sie jetzt stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um
Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering,
Griff um Griff, Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen
schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren dicken
Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen braven,
wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen,
der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und
verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie
Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht
gewesen und wie Betrug. Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie
sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich
gehöre zu dir, ich komme.“
In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen
Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in
kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich
selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand
küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.
Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er
hatte die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über
denen, die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der
plumpe Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die
Geburt, er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser
einzuholen. Er war der Stärkere.
Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter,
beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust,
ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.
* * * * *
Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen und
Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der Jude
dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen
gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu
tun habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende
von dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die
gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in
Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was
für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken
sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende
Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.
Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen.
Rottete sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen
wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen.
Der Handel stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den
jüdischen Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen
die Prozesse in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von
Rosenheim, an der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte
ein Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit
einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen
Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die
kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst
scharfe schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen der
Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende.
Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger
Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der
Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive
Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem
Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh
gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb
die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht
Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das
ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.
Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, lehmfarbene
Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten, stierten auf
das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen gepackt wurde
um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende,
verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde
Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um
sie eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem
Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen,
daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche.
Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer,
wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie
brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen.
Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an
ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses
Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das
teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für
die Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen
Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer
Horde von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die
Aemter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf
den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die
Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott,
gelobt sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen
Zelte Jaakobs!
Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch
alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis
Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen
Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe
geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen
über uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!
Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte,
verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre
schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit,
blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit
des römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen
sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden,
fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum
Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng
gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel
und in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend.
Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen,
verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner
erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre
Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht
unsertwillen! Sondern um der Verdienste der Erzväter willen.“ Sie
zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die
Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, die
Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten
von den Christen, die Märtyrer von den polnischen Gemeinden bis zu den
Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre
Leichenlaken, den Kopf bestreut mit Asche, sie standen den ganzen Tag,
alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie schacherten
und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn der Tag trüb wurde
und sich neigte, standen sie noch und schrien mit ihren häßlichen,
ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung
Isaaks!“ Aber auf hundert Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in
den wilden, gellenden Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist
Adonai Elohim, eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende,
Ueberwirkliche, Jahve.“
Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen.
Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf
einem Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und
töricht aus ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in
einem Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten
und andere fromme Legenden erzählten.
In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis
ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde,
wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit,
gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn,
gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben,
nur das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels,
das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte
sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel
Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen,
vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen
das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer,
zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres
Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im
Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der
Folter nicht hinausgediehen.
Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende
gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen,
rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn
der Graus losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre
Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer
Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den
Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben arbeiteten
ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu bewegen; in Wechseln und
Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals ins Ausland, in
Sicherheit.
Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene
Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre
Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren
Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen
Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und
verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die
lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate,
die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen
Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.
Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das
Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das
half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre
Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.
Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der
Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren,
gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste
Verfluchung, die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der
Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der
alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und eilig und mit halber
Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber die Augen des alten
Rabbi blieben kleben an den drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:
„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das
Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib
wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du
dir bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen
hingeben deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und
auf sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du
wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen,
daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und
Töchter, die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein
Feind dich engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und
sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu
treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig
schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter.
Wegen des Säuglings, den sie geboren zwischen ihren Füßen, daß jene
nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus Mangel an allem, im geheimen, in der
Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird in allen deinen
Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst
nicht rasten unter diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für
den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein
zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt; und du
wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht trauen deinem Leben. Am Morgen
wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du sprechen: Wer
gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du bangen wirst, und vor
dem Gesicht deiner Augen, das du sehen wirst.“
So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er
schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden
Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau,
die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür
und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug
vor Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu
stören.
Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden,
betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.
* * * * *
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt,
hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem
Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im
Reich, und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine
gelüstig schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt
hätte. Aber seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam
Lebloses, Mechanisches. Es kam vor, daß der gewandte, welt- und
redekundige Mann mitten im Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden
begann. Oder daß er mitten im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte,
mummelte, ganz schwieg. Dann wieder erschien etwa der peinlich nach der
letzten Mode Gekleidete ohne Kniegürtel oder machte sonst einen
unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den
Frauen. Er sprach und bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie,
aber es konnte geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas
dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber
stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen
bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise
bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch die Hände
des Süß gegangen waren.
An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn
in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr
so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte
Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen
Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor
nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu
sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der
argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich
vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet,
daß der Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß
Judentum hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn
etwa nach der Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß
sehr ablehnend betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen,
wiederholte er diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.
Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und
Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch
sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war
nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die
Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not,
blieben. Da saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei,
begabt von Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit,
geachtete Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die
beiden breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der
schlanke, elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches
sprach und fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu
lassen. Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar
gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian
Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien
doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr
des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen
Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser
gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens
über dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war
dies keine Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind
schmutzig, und es ist verflucht schwer, sich sauber zu halten.“
Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er vereinte
Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments, formulierte und
stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das Willkürregiment des
Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und
Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und
verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen
Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in
allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler
Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen Hebel und
Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen Betrieb,
dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen Geschäftigkeit. Der
Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand in jeder Aktion,
aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im tollsten Getriebe
zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein
verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.
Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien
der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den
gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die Studenten an
dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute Weile
dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt
haben.
Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in
die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die
Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen,
nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war;
bräunliche, flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in
seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der
Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte
er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in
Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel,
strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die
Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem Lächeln.
Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der
erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines
Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht
schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt,
wo seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle
Rücksicht fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus,
seine frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit
kurzen Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald
kriegte er seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt
hat, so wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er,
wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den
Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern im
Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn
bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher
Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter
wieder einmal sehen und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert,
sprach einfältig, herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie
der ganze Kreis diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse.
Weißensee hörte gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe,
daß er den aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe
ästimieren können, und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor
befriedete sich sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam
öfters mit dem Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame
Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen
Versen zu sprechen, er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und
Gottvertrauen“ und jenes andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als
Weißensee freundlich zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten
ließ, gewann diese Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den
jungen Menschen ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das
Herz fast bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem
Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.
Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang
streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den
Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder
erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel
Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen,
setzte sich aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu
zusammen.
Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht mehr
schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd,
jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume
füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt
lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl
sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: „_Voyons donc_, mein Herr
Geheimer Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend,
Exzellenz?“
Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das
Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man
bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte
wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer
noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler
supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich
in sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es
aus, Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten,
eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen,
raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den
Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten,
eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im
Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor
mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine
wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer,
ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war wohl
ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz _à la mode_
geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem
Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und
das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl
neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf
seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten
Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten
stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des
nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das
Rachepläne? _Fi donc_, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich
gemeinen Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig
war er, wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp
und alt sein wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert
wird das sein, höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als
was es gemeinhin in den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu
sehen gibt.
„_Voyons donc_, Exzellenz! _Eh voilà_, mein Herr Geheimderat!“ sagte der
feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann
setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit
abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der
Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten
Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.
* * * * *
Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in
Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer,
Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich
gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der
General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der
Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein Rudel
lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den
Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister Buckow.
Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war, der
Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen
Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann,
niedere Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den
Handschuhen. Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom
Bartelemi Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und
Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins
Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in
streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über
mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit
der Geiernase und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem
Süß äugend mit länglichen, starren, schmalen Augen.
Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener
Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit
er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben, großspurig
törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr
wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen
Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig
das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter
vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche
Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze
durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war
groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger
erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt
hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft
mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die
protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man sich
Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten
Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht; nur wer
mußte, kam.
Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu
erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen
Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen
Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen
gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst
Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung;
überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes,
Plebejisches, einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch
daran, die Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon
dem Doktor Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus
verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen,
entschuldigenden Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten
Stimme vom Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike,
erwähnte die Mutter der Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren
Sohn lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte.
Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des
Herzogs, gab Marie Auguste es auf.
Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß
gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die
langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem
Gatten; denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen,
wie sie es verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen
Gottesnamen und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers.
Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und
Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten
die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und
Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen sie sie
frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören müssen, keine
Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die durch die Namen der drei
Engel geschützt sind. Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr
Wochenbett durch Amulette mit den Namen der drei Engel.
Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den
Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne
er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit
ihrem Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und
dringlich. Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen.
Besser war besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in
einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in
leichtem Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider
gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei
überlegen amüsiert.
So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen,
hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors
der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch
züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den
Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen.
Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden,
seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt
hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und
wollte ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in
der Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In
ehrlicher Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr
hübsche Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine
ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst
fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit
beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten.
Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung
überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das
Amulett.
Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst
stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen
mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort
Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an
dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme.
Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui;
heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus,
betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen
Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich
beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive
Vögel.
Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen
aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er
sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der
Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den
evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die
evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die
katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er
freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung
dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die
Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und
spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem
Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an
seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine
Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium auch
des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten Textstelle
an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende
Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was die
Vulgata und die Katholiken richtig mit „_bonae voluntatis_, guten
Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem
Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und
danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre
sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt
hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des
Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor
der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische
Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten
den rechten Text.
Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er
sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder
andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit
ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am
Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und
Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit
Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee
verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen
Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften
Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild
verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend
Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich,
wie das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so
Feindseliges durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand
ganz kalt wurde.
Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und
stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr
wohl, mit ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des
Mädchens zu streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller
um den Süß. Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber
sie sah, daß er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum,
er kam ihr vor wie ein schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen,
zottigen Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen
ihm und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater.
Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem
Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu
heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit
beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes
Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm
willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden,
pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler,
die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen
Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem
Herzog noch immer weigerten.
Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem
plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich
angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach
dem Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im
Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel
klingen. „Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß
unser Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm
wird hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über
ihres Juden feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte
verstohlen das Etui mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die
Glöckchen der Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der
Burggraf Röder erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er
wandte sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht
so weit seien. Die Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts
zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin
wollte, und man sprach eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß
zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte
das Argument, daß das Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus
überzeugt. Nur Herr von Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn
wirklich die Juden die in der Christnacht Geborenen gefährdeten, so
hätte Jesus von Nazareth einfach eine andere Nacht sollen für seine
Geburt wählen; dann wäre ihm das Kreuz, uns allen das Christentum
erspart geblieben.
Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die
Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren,
blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase
vor die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte
er sie; dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose
Material der von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es
im Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im
Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der
Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen
Höhlen blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem
Ring. Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs
alles, was er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden,
lässigen, leicht spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und
sie erzählte die Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und
gekitzelt hörte man zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen
Vögel, die blockigen, unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis
endlich Karl Alexander mit lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung
löste, gutmütig und lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und
sie könne sich freuen, daß sie sich wenigstens nicht werde müssen
beschneiden lassen.
Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die
Schulter, war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen
Text, wie er da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen
können, das sei sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa.
Unvermittelt dann sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob
man den nicht einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von
wegen dem, womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich,
wich aus. Karl Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus
sei schwer beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse
der Süß ihm schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich
für die Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach
der Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin,
bei dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was
wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten
das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett
beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er
so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das
doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab
nach.
Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die
Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen.
Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war lau,
starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück, wie
seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im ganzen
Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald, wie
kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein
morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau,
habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen
Reden war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der
Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und
verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige
Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde
er sich die Ehre geben, dem Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein
Exemplar zu überreichen.
Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den
Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf
leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon
auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der
Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es
klang ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht
morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein
Hinterhalt?
Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit
der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen
Hauses mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging
auf und ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die
Glocken der Mette läuteten.
* * * * *
Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der
prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende
gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen
gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf
keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und
sagte: „Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist
also in vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders
unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen
Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen um
den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg, fuhr er
fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger Kindermord,
habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt gesagt:
Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt
springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“
Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen waren
von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich erkannt, daß
sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte zufahren, zwang
sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines Eingreifens
in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel Seligmann,
so gefährdete er seine Nobilitierung und die Mariage mit der
Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament
herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger
preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel
Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz
durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie
es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben.
Eisern schweigen.
Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame Schutzmaßnahmen für
die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und ihre etwas zweifelhaften
Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei und keinen Hohn aus
seiner Passivität herauslocken.
Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er
keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft
mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen.
Besteht sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen
Obligationen. Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu.
Aber man kann nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die
fröstelnden Hände. „Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und
Dummheit. Wenn es gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als
Geld. Und Ihr, Reb Josef Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein
Wort aus ihm herauszupressen war.
Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden
Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“
Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu schützen
wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem goldenen
Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen wissen!
Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das ganze
Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm machen
davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel Seligmann
Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem Gesicht des
anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins, Steinköpfe!
Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der Prophet und
Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie Eure weißen
Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu gehabt. Sonst
hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört durch das
gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin.
„Ein guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen
Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten
Trumpf aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“
und wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak
Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren
Bart strähnend, zu gehen.
Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden,
standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob
Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den
eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten
Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden,
gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal
zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische
Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht;
doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom
Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen
Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung
gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine
Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung
abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der
Heiligen Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie
geküßt, erregt und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen
an Herz und Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So
hatten sie mit Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder
Not und Andacht gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in
Schläfenlocken und schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf,
den Fleck am Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck,
Gobelins, Gold und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten
ein flüsterndes, heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle
Stunde und spielte eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie
warteten, bis der Geheime Finanzienrat sie vorlassen würde.
Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über
dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl.
Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute waren
töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen
wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur
kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst
nicht mehr beachteten, aber formal noch gültigen Gesetze hin, die die
Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen
Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr
erlangen können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die
von diesem zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht
binden; im übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die
Landschaft hatte daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten,
strengen Vorschriften neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht.
Seltsam war, daß an der Spitze dieser Agitation im Parlament Weißensee
stand. Wollte er seine katholische Intrige hinter dem Kampf gegen die
Juden verstecken?
Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation
überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die
angesehensten Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten;
er mußte sie wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so
hätte es ihm geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören.
So empfing er sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden
Bescheid zu entlassen.
Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd,
umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank,
elegant, gemessen stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden,
Sich-bewegt-wiegenden gegenüber.
Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben uns
zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und mit
Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr
verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist
wohl auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog.
Die Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf
gegen Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“
Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der Rabbiner
von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist keine
Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel Seligmann
Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch, daß Ihr
verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann
verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere
Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß
heranrückend.
Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud
Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen
Konsens von mir, er steht nicht in meinen Listen; es ist zweifelhaft, ob
er nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren
bei Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich
dreinmelieren. Es ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung
verlange.“
„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine,
welke, milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel
für uns getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch
diesmal, damit nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der
dicke, hitzige Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht
opportun!“ erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden
retten, der nichts getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“
„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er
blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen,
Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den Reb
Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen mit
Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche
Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip:
da ist ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach
handeln; ich muß rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen
Sorgen, ich hab tausend andere.“
Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der
Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und
Gut und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut
vergossen werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich.
Sperrt Euer Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von
Fürth fügte hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil
Ihr Angst habt vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in
der Landschaft?“
Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und
seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend
und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen,
braunen Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem
dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum
und erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan,
daß jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ
geworden, hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen
Kaiser wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig,
ich hab mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht
hinausgebrüllt, aber ich hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud
bin.“
„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend,
drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von
Fürth.
Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen,
messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den
Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten
Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr,
Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein,
schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in
seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht
entscheiden. Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen
Sturm riskiere wegen einer Lappalie.“
Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft,
öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich
überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame,
ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein
Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet
werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das
Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr
achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf
ihn ein.
Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr
alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb
Josef Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich
erhöht wie noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures
Fürsten wie Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten
vor der Not Eurer Brüder!“
Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit seiner
nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth schwieg.
Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang weniger
sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen. Bloß,
wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten sie
ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen.
Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer.
Allein geblieben, ärgerte er sich. Er war wärmer geworden, als er
beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe
gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben
sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen
hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar
vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen
sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie
stieren zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen
Jecheskel Seligmann salviert haben.
Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und
ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt
ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte,
ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute
gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des
war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert
und die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht
mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in
dem einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie
verstanden nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich
mit seiner Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß
Gott, weiß Gott, schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen
lassen.
Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine Allmacht
auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den Eßlingern
ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird er in
Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an ihm.
Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich
in Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber
seine Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und
feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann
Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah
hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug
unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute
spornte, er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte
heftig mit den Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm
gingen und gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem
entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen,
verschollenen Halskrause stand er vor ihm, sagte, wenn er den Solitär an
seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war,
schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom Finger
ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte, ja, da
müsse er eben die Hand abhacken.
Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er noch so
müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb Jecheskel
Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen berstenden Tage
nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen, unerfreulichen Nächte.
* * * * *
Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch
Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen,
senkrechten Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen,
vieldeutigen, bedrohlichen Worten.
Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte über
Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner Ruhe,
getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und Rabbi
Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte nichts.
Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen müsse er
das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind mehr
als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als
Fleisch und Haut und Knochen.
Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es,
den Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an
entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische
Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht.
Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend
von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man
sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem
Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und Zeichen
sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen lassen,
jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben
sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt
sein und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin,
wenn er sich jetzt dem Kind stellen soll, so ein Kind hat sonderbare
Augen, es sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine
Ahnung von menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel
und Schmutz, wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und
wenn bereits Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll
Angst und Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals
gründlich zu säubern, eh daß man vor sie hintritt.
Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend,
die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der
Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um
sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer?
Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart auf hart
und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß unten
bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor
murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor
keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in
diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger
Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch
ein Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein
winziges Staubkorn an einem finden.
Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war
sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel
Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes
wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die
Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er
stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und
Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine
kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.
Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem
ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich
bejammerte und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm
postuliere, war in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und
er hatte harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder
in ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen:
wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er
überall in Europa als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht
und gepriesen werden, wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu
Rand bringen, als einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen
verfallenen Menschen zu entreißen.
Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er Mühe,
sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses vorzuspielen.
Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als sonst,
war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich
nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so
ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den
kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl
Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen
blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem
Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt
solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit,
bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte,
trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte,
daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes,
gutachtlich gehört werde über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn
anders er, Süß, seine mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den
Herzog fortführen solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die
Eßlinger in gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um
Enthebung von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und
schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren.
Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase;
morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander
konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen
tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die
Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte
sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er
dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten
auseinandersetzte, polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer
Uniform mit Stern und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß
er hier mit dem Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart
gehört und wollte es machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun
da und füllte das Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe
er sich kostbar, schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder
ob er es überhaupt verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen?
Süß vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von
wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben.
Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur tastend, leise
andeutend; doch Rabbi Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg.
Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und
schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander von neuem an und fragte,
immer mit gemacht überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine
Frauengeschichten zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus
bei ihrem Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen.
Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete,
der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf
dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“
Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem
Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer.
Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun
habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin:
Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein Gutachten
aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz und lauter
Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche, entfernte
sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die Büste
des Moses.
Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den Juden
Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen Edoms. Was
bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß, jetzt
erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so eitel
und Haschen nach Wind ansehe?
Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß Leben
sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende
Zappelei.
Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den
Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus
allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen
edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt?
Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen
Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat
allein Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis
nur eine Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem
Punkt aus zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen,
jenseitigen Idee wäre?
Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester
an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen
Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt
aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die
erhebende Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos,
gar verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung
wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich
dem lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang
sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines
Lebens zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen.
Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner
geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen
fließenden, flutenden, ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der
Beflissenheit, mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er
vor dem Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab.
Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude
geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder?
Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering
und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an
der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher
Stelle.
Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie
sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem
Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als
vor dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun
ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder
Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er
jetzt so hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel
anspucken und mit Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an
einen Juden gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und
seinen Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über
dem Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und
wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und
Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter
Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein Leben?
Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden auch
seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz zu
Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum
schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie
schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.
Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche
Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst,
fahr nach Frankfurt zu deiner Mutter.“
Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer
gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte
von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit
seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das mit
Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die
Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine
Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise,
kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er
sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern.
Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter
reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.
* * * * *
In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten
und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat
Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige,
solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden
Staubflöckchen.
Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen
Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem Eifer
vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen
Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu
mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund
die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz,
könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß
eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich
denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses
Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche wir den
konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen Schlund
schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im ganzen
Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr Bruder,
ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt, wenn
ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium
verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und
wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und Kommentare um
seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und
wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen
Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins _contrarium_ kann
kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß
ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“
Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt hatten
das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein
Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich
schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht
anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich
doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht
er fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm
den Gefallen zu tun.“
Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich
eher die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort
hineinsetzt, das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich
von dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem
Händedruck.
Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder
an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in
die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt,
die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah
über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen
Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.
Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt,
und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in
den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie
sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht
hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich
laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen
Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden?
Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts
war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete
gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.
Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen
Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer,
in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm
gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden
im Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen
Herzöge und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden
Geschichte und Recht.
Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um
Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren
unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie
totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in
Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen,
Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man
solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen
Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl,
so verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal,
in einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten
die Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag
zwischen dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten
waren Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die
Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und
weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und
unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und
unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit
entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden
gescholten als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen
Ordnung gehässig, verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem
gemeinen armen Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und
sie wurden Gott dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen
hart und scharf des Landes verwiesen.
Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer
wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf
Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph,
Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig
wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott
verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor
ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen
Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar
widerlich und reizvoll in Einem?
Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden
Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des Herzogs
und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere rätselhaft
übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab es ein
Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht. Gegen
die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die
nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam,
Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die
nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden
fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich
spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.
Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier
war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit
ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie austreiben
nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst das
primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel
quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie
vermutete, tauchten sie neu auf.
Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich,
schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du
hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan
zu streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte,
weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der
lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten
Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke,
schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar weit.
Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger
Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und
beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem
verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur
beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein
Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.
Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann Daniel
Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der
vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die
Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend,
feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende
Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.
Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am
leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins
Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die
wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war
eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt
durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den
monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen
das Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe
des Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die
Juden waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen
komplizierten Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie
heraus, so brach Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und
Symbol der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude,
Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem
andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk,
einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern.
Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück zu
seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen das ekle
Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich,
gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.
* * * * *
Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen,
übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten, nach
außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die württembergischen
Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig,
irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der Folter, kehrte
Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem
Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken an,
schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich zappelnd hin
und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte er, heulte
leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer
Landes, nach Amsterdam.
Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm
vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre
Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den
Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu
schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut
geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den
Herzog, den der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel
weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den
Dank des Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in
letzter Zeit seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern
spreizte sich vor sich selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um
Dank, sondern nur aus reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.
Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten
sich in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten
Bewunderung, flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder
hoch, daß sie mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein
seliges und beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt
er über hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen
Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in
seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde
aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den
menschenvollen Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene
Schweigen der aus wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte,
ließ mit seiner zittrigen Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden,
alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf
ihn niederrieseln.
Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn
hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste,
seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl
fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und
reich und edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er
sei, wie begabt er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und
Schönheit der Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so
auf in ihm wie sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen
Gesicht wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm
weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen
Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die
schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen
ihre Art etwas Fahriges, Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.
Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi Gabriel
in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob wie
flehend und in leichter Abwehr die Hände.
„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die
Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“
sagte der Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand
starb. Michaele, mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging.
„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie?
Was wollt Ihr von ihr?“
„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind
hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine
Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“
Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack
Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten.
„Muß ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und
voll Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi.
Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften,
hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante
Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich,
verstand nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte
rasch weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung
von den Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war
allein im Zimmer.
Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell,
wieder dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht
überm Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig,
wie trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich
straffte, ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff,
stammelnd, zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein
Komödiant, der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in
alle Schlünde hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt,
sitzend, alle Arbeit tief innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos.
Eine lange, ewige Weile wie tot.
So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese
schattenden, düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte,
hexenmeisterische Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam
betrogen, daß man ihm das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es
war ein arger Possen und echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn
so lange an diese schlechte, niedrige, gemeine, lächerliche und
verachtete Gemeinschaft zu binden. Er hatte sich freilich, Gott sei
Dank, vermöge seines Genies und seines eingeborenen adeligen Blutes doch
nicht unterkriegen lassen. Sein Ingenium hatte strahlend floriert trotz
allen gemeinen Hemmungen und Bindungen. Aber wie viele empörende,
blutvergiftende Demütigungen, wie viele erniedrigende, krumme Schleich-
und Umwege hätte er sich erspart, wie viele bizarre, alberne Kanten und
Winkel wären glatt und gerade gewesen, hätte man ihn nicht
verbrecherisch in diesem falschen und pöbelhaften Stand und Glauben
belassen.
Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und
überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm?
Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein
Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von
Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus
schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht
willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine
kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges
Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen;
denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt
und Kavalier.
Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem
wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich
nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und
Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf
seinen höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte
seinen Vater, daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er
sich von der schönen Jüdin den Sohn gebären ließ.
Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner
Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er
kannte Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter
das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und
in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor
dem Bild des prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter
sprechen gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff
war mit das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte
aussprechen können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund
gesteckt, als er das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte
er das kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung,
und die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer
weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.
Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph
hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in
den Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn,
Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht
schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie
feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft
Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der
Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich
noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte
Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen
aufgestellt. Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also
sein Vater, der da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres
entlanggeführt wird. Eine endlose Front; die Soldaten schlängeln sich
das ganze Blatt hindurch in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf
dem Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden,
entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine
Knechte führen ihn.
Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen.
Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch
ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie
dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein
Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als
treuloser Schelm wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der
Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten
dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über
den Neckar geführt, in einem Nachen.
Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach
Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl
Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang.
Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held
gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der
Mönch.
Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal.
Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr
rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime
Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das
katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß
geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.
Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was wird er
jetzt tun?
Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung
verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er
selber nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken,
er wird dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des
Konseils. Dies also wird sein. Ja, und dann?
Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine
Hände in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von
Würzburg wird sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen
Mäuler unter den Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen
Besitz der Macht auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?
Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher
Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre,
Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er
der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter
diesem Lachen steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein
Aristokrat Minister wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam
hochklettert, das ist doch wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll
er das hinwerfen? Wofür? Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher
schon taufen lassen können. Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als
wenn er jetzt als geborener Christ sich offenbarte. Christ sein, das war
Einer unter vielen sein. Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur
Einen. Jude sein, das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber
auch einmalig sein, immer bewußt, aller Augen auf sich zu haben, immer
gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der
Hut.
Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo er
längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den
Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt?
Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und
verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?
Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man mit
Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst,
Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit,
daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei?
Wenn er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit
gewonnen? Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip,
daß bei jeder Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas
prellen wolle.
Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste
Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht?
Warum verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten
Gewinn? Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen?
Frömmigkeit? Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten
sein? Und war es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das
hatte, was sich hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es
denkbar, daß solch ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war,
für ein dunkles Drüben besser vorbereitet, als er in seiner
vielverschlungenen Klugheit? Er fühlte sich wie ein Kind unsicher und
ohne Rat und Hilfe.
Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder
hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen
Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der
Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so
Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen
des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es
kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu
verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön,
ihn den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu
werfen, es war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu
strahlen, aber der satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer,
in der Judengasse, vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man
behaglich, ohne Furcht vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg
kauen, seinen letzten Saft auskosten, und wußte, im Grund freuten die
anderen sich mit. Hier war man zu Hause, hier konnte man Miene, Geste,
Wort lockern, ausspannen. Hier war man in Frieden und wohlgebettet.
Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß
sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für
seinen Vater gehalten, der sanftmütige, höfliche, geschwinde,
liebenswürdige, betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl
verachten. Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen
konnte als Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben,
daß er sie den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort
gehört von ihm zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann
zeitlebens zart und einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken
anders als Vater zu nennen gelang nicht.
Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das Opfer,
das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber
vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt,
als er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und
Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein?
Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne
Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch
gehoben, aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es
doch geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn
man ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge
vor das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den
eigenen auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das
war nicht möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte,
Repräsentant Judas gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war
und unverfälscht. Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war
eben seiner Mutter Sohn, nicht seines Vaters.
Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu
Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm
schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand
wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters
rechtens überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er
sein Herz vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es
war Recht und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und
Verachteten, groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen
Namen, Erbe und Stellung.
Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An goldenen
Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den Verachteten zu
stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung abzutun; aber
auch in dem goldenen Panzer zu prangen, war Versuchung und starke Lust.
Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten
in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der
Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der
Feldmarschall, abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem
zerbrochenen Degen, winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der
Mönch dort hinten, der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater!
Sonderbar, daß man nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist
oder der Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne
lächerlich im Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart,
das ist Isaak Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern
Jecheskel Seligmann. Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich
albern, und er knickst tief und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch
und beklemmend aus, wie er immer wieder mit dem von der Folter
zerrissenen Gesicht lächelt und dann wieder knicksend mit dem Kaftan den
Boden schleift.
Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er will
jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit
Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese
Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen,
und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen.
Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel
entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger
scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut
scheint gelöster, bewegter, menschlicher.
„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere
nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen
gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“
Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit
deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr
danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“
Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann
dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes
Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben
grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein
Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede
ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein
Opfer, sein großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes
Erbteil prellen?
Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum
erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum
erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende
Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der
Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte,
sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich,
unumstößlich.