Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen

Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl

Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase

unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm,

als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh

schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten

in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine

rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch

viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich

Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er

aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr

er weiter.

In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte

ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in

ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes

in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem

französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe

bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief

gewurmt.

Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und

Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer

zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem

Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte

ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit

Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis

schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und

Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die

Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.

Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander

empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den

lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab

und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan

auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht

sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen

Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen

Abgeordneten verstärkt werden.

Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen

Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden.

Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher

Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale

Gesinnung gegen den Herzog feststehe.

Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf

nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art

die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft

in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte.

Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß

rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte,

den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in

seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den

Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander

stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen

Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd,

erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger

Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande

über die Grenze jagen.

Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der

Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß

zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten

Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische

Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit

fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der

andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte

nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog

sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem.

Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der

Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob

er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem

diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in

Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat,

griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei,

nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu

sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die

Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste

aller denkbaren Welten, wie gewisse _à la mode_-Philosophen wollten, es

war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige

konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz

abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum

Verräter werden.

Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste

des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht

beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem

Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch

Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die

Deputierten.

Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf

Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die

Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte.

Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine

Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren

Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß

unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von

Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken

Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten

Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach

einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade

ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister

lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige

Antworten gaben.

Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs

genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von

allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die

bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer

wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen,

vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel

zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung

bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der

Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben,

wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die

Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses

wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine

Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament

solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude.

Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp

Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.

* * * * *

Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem

Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich.

Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend,

hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte,

verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen

Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei

mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten

Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten

Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine

einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die

kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals,

drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du

kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde,

phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den

Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk

groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der

Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau

feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie

einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über

allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran

verzehren und sterben.

Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister

Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die

Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine

Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des

Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der

Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die

Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie

wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf

zertreten.

Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt

schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das

blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose

Schreiberei.

Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf,

hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die

Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur

Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende,

verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt

gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.

Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht

wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs.

Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die

Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen,

die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in

Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt

eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß

den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene,

die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines

Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher

vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und

Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen

Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament?

Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen

Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren,

das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen

Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern

bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer,

Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg

ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch

genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich

in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und

schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen

Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können.

Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das

Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot

und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich

an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er

diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem

plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer

Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem

Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder

durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich

selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel

geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem

vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem

Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den

kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer,

dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem

Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so

gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout

nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre

der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn

fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin,

schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader,

beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben

Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem

Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.

Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche,

schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt

rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig,

in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß,

die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen

entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie

besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts

als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch

Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war,

und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch

ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum.

* * * * *

Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus

der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten.

Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit

Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen,

festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die

Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett.

Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird

man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben,

kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon

glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den

Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht

verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr

Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung,

Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen

hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber

im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo

die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen,

Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und

Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden

Wolken.

Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als

die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die

Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung

brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges,

aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier

belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien

kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern.

Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter

Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch

gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt

eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen

Offizieren und ihrer Brutalität.

Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im

Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl

Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es

jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte

von Tag zu Tag.

Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er

eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu

scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt,

jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu.

Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das

gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus,

seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles,

auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens

werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder

auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.

Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen

verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene

Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht

an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem

Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat

bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und

besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene

Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld

hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland

fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus

Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt,

daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem

mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme

Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in

Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete

schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus

allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen

Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei

Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere

Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als

wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals.

Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie

versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer

Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer

Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er

wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem

nützte das bestverbriefte Recht nichts.

Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander

seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin

vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur

Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese

Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus,

dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus

diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott

Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen

Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten

die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht

versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man

ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben,

schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den

Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die

geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse

instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.

Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und

Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde

grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur

des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht,

bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine

Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt

wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm

die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der

bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum

Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht,

drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde

Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern

entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein,

ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei

alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun

wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn

verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter

beschlagnahmte das Fiskalatsamt.

Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese

Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon

berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine

halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte

Preziosen.

In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt

innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde,

auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom

Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so

harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen

wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von

dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus,

knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein

Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen

Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und

wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen

oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in

ewiger Nacht.

Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter

ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das

Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur

zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder

ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und

die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor

Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden

Backen.

Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs,

Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit

seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte,

zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen,

sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.

* * * * *

In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten

sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie

getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der

scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In

Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs

und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner

Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen

Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel.

Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er

durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher

Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie

hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der

vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen

also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde

zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber

seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die

Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich

trieb.

Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau

zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie

im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem

Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott

herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie

immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites

Mal.

Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im

Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der

Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht

geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel

zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in

ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in

dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste

Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott

zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die

Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.

Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den

kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen

Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was

waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und

wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben

wird.

Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den

Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich

hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz

auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen

aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang.

Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im

Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet,

mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals

schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch

ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen,

widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild

verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann

später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich

um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran

gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die

Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so

konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus

herumträumen.

Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine

merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten

demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der

Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum

gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen

Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen

durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und

erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.

* * * * *

Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte

sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben

nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes

nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe

des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner

Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen

Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn

es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es

nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm

selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm

sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber

waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es

nicht.

Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres

Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während

sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er

ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von

mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln.

Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu

ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte

rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut

klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und

ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den

Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden

Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er!

Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her

und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des

Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers

haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und

widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen,

hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten

Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so

sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem

Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe,

Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher

Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt

diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff

durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier,

die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.

Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu

sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem

allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte

seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree

schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten

hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr

als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim

leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen,

Auspeitschen, Untermgalgenbegraben.

Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche

Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich

ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der

jede Schranke niederbrach.

Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte

sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen

Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes

Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus

dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten.

Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr

beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man

von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat

seines Finanzdirektors.

Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich

selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes,

starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch

er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines

Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der

Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten

oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor

ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war

elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte

ihm kein leises Zucken nachspotten.

Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der

Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und

immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener

Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit

großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des

gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert

Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur

Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin,

dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu

allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen

Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle,

pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der

Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen

Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender,

taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger

Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand

behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands

zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und

Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen

Vermögens lief durch seine Kassen.

Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof

etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten.

Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den

Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das

Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem

aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen

fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein

Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo,

ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler

Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel

verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten

Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender,

schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er

hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen

beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen

Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den

verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und

mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere,

unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen

war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des

Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine

jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene

Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.

War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke

Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen

und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in

ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu

leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war.

Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt

vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar

durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und

kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende

Judengroschen.

Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an

mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen

Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und

gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel

übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten

Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter

allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem

aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde

mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen,

hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er

andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer

steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu

beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven

Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden

Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen

Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der

endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd,

wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es

sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.

Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen.

Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein

fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die

fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem

privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien

privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld

aus allen Taschen.

So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers

Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm,

als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann

hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn

eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich

schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel

hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich,

machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch

viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig

possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem

ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.

Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke.

Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins

Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das

Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war

da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.

* * * * *

In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte.

Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen,

jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten

eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine

Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als

die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie,

Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft

durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert

überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das

Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft

Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und

ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte

Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit

Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz

zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien

Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet.

Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.

Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete

jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann,

mit der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine

Französin zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im

Oberamt Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen

Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter

Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter

rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr

nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu

leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz,

meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland

geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber

Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und

Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von

den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor,

wen er für gut hielt. Und er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er

liebte, und sein Haus und Tagewerk gedieh.

Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa in

Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und

Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht.

Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine

Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll

gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann,

hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien

in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische

hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart

auf die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in

diesen Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner

gern gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht

daran, diese Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der

Schertlin wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert,

ihre Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht,

daß sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der

Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine

Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die

Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es wurden

von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben erhoben.

Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte

unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er

sich nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem

sie hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph

Adam freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran,

und auch an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die

Hand des Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und

Johann Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts,

an der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem

Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können,

den er für sie träumte.

Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu

fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach

Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück.

Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung

von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf

Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen

Menschen herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief

Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den

Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war

Kriegsverbrechen, Hochverrat.

Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst

wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren

zu stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er

aufgehoben, auf den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein

Militärgericht werde ihn aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.

In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid der

Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten

Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten,

die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein

ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig

Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur

immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung,

spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in

ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den

Süß aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart,

das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.

Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst

nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.

Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition

französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle

des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen,

Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin.

Das war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus

einem Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens-

und Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm.

Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr

lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten,

redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie

nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen.

So aber, wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug

von ihrem Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile

reglos, totenhaft fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich,

daß sie nicht eh bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf

er sich glatt und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief

verneigte: „Dann also nicht!“ sie höflich zur Tür geleitete und ihr

Abschied nehmend die Hand küßte.

Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre

durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer

Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für

immer erlahmen mußte.

In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte

sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie,

daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie

nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er

nicht Glanz und Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie

hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen

lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden war. Sie

verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß

zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann Ulrich

war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich kein Wort,

nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte gegen den Süß,

schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es war hohles

Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter, hochmütiger

Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er zerknickt und

ohne Kraft war und nie etwas tun werde.

Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert,

versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner

erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in

seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht

die Frau, den Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz

abgelehnt. Auch die anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz.

Verkauft die Häuser in Urach und Stuttgart, verkauft die Weinberge und

Felder. Nur der alte Christoph Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den

großen, verwitternden Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem

Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit

dürrer, doch nicht zitternder Hand.

Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß von

Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem

Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die

Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er

schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in

Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich,

fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische

Wirtschaft. Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer

strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt

in jeder Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher

Stelle einen Wink bekommen haben.

Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie

früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine

Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie

karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in

Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur

stockend.

* * * * *

Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen

Kaftan, aufdringlich am Aermel trug er das württembergische

Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das _S_ mit dem Horn. Die

glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild

zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem

schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein

Haus. Der Mann im Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden

Pagoden, sah mit aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph

des Merkur, klopfte mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute

Assjadah, schritt durch die beiden Pagen, die Söhne des

Domänenpräsidenten Lamprechts, die in Haltung am Eingang zu den

Privatgemächern standen. Prüfte mit den Fingern die kostbaren Stoffe der

Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis die Preise. Stand

kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles,

äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen.“ Aber

aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht

geschlafen zu haben?“

Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein

Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er

lauerte auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem

Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende,

quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die

fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“

Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des

Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine

erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß,

üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der

Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die

Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.

„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig

Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt dreißig

Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich

begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites

Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“

Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war

nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was

kein Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der

schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein

lustig über ihn. Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er

konnte nur schweigen. Sicherlich wird er auch wieder von den

altmodischen Geschichten anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn

und Bezug sind, dem Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei.

Und er, Süß, mußte das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu

machen ohne Isaak Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden

Burschen beiseite drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er

einen an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.

Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich,

schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte

viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues

wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch

so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles

Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er das

schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der

Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger

füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der

andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.

Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf

den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere

jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache

mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte

jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und

seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen

Juden mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem

aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des

großen Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu

ihm, wies alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und

ungnädig zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen

Osiander aus dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen

groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte

doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet,

der Rest nackt und bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht

mehr ins Herzogtum gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“

sagte Isaak Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt,

nagt. Einer nagt am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt,

nagt, solang sie Euch dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes

Lachen.

Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich

verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige

Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem

Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen

Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie

sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach

gelegentlichen Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs

ausgemalt.

Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats

ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe

gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es

sei nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von

der Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug,

daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle

Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an

dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter

gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit

ihm nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der

Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre

Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei

seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit

ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.

Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise

Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den

andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem

Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war,

schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene

Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident

zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater

erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten.

Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu

sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel

lebendig werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen,

gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild

und gekitzelt.

Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah,

daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure

Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der

ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große

Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn

das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken

Brauen. Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte

er, ob er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem

alten, servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.

Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu

dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und

Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um

sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das

holperichte Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem

bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt,

breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur

Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort

zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre

Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die

Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul

schleifte das blonde, üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig,

schief, gehässig nach Magdalen Sibylle.

* * * * *

Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von

Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder

peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die

Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des

Süß.

Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das

Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum

Oeffnen der Wagentüren.

In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an

denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von

Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste

der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval

aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen

Sitz für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als

sonst in Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der

privaten Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die

ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs

waren zu diesem Fest geladen.

Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt

sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas

von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die

Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der

spanischen Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber

Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken,

pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger,

wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener

vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der

internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und

Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber

pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den

mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt,

doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu

possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten

Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der General

klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen; aber er

weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn

wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern

schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.

Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk,

undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und

Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige

Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich

alles Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der

Fürst ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer,

eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines

genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er

besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat

offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen

Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat

jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot

gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß

jedenfalls sein weinrotes Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch

neben dem verärgerten Fürsten watschelt klein, dick und unscheinbar der

Geheimrat Fichtel, mit Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in

Stuttgart; er steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt

unter dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der

kleinen, fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu.

Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf

in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg

heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt

durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom

Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß

veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler

einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten

Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender,

verschollener Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor.

Karl Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held

mächtig und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem

üppigen pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich

züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen

artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer

feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer

die Eule.

Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen,

schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man

sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite

seines Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von

Wuchs, im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel

abnehmend, sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf

einen Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche

Wangen, starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten

Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick

einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm

den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken

Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder

vorgenommen hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“

sagte sie. Da kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem

Kostüm, sie einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die

Demoiselle Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude,

„die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die

Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste,

Fanfaren klangen.

Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der

Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“.

Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella

Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett,

gelbes, hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte

sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst

Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der

Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem

Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot

sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß

er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl

Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte

was wie: Auf später, auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für

heute eine andere im Sinn lag. Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre

strahlende, beflissene Maske zu wahren, und als sie dann den Süß allein

zu sprechen kriegte, sprang sie ihm fast ins Gesicht.

Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum abgenommen.

Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das nervöse,

zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater

hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den

Teufel zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz

zerrissen und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben.

Wäre sie dem Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem

Bissen und kann ihn nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war

Eitelkeit und Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott

hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat

sie eine nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber

Gott schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier.

Sie starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft

bleibt leer, kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist

schlaff und kahl und dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie

klingen nicht und sie packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der

Heiligen, Blinden, aber sie kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist

ein armes, krankes, altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft

ist um sie her.

Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals nach

ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den

Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn

gesehen, auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah,

sehr glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des

Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm

nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte,

ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.

Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun

war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte

sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher

Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge

Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm

die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden

Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine

Niederlage.

Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte

Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die

starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen

Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war

eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das

hätte Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein

feines Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der

vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war

ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte

die Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm

vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge,

besondere Schwäbin.

Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll

Pracht. Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen

aus den Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte

Speisen, starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem

Wunderwerk von Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die

drei Göttinnen, aber Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der

Herzogin den Apfel. Der Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem

türkischen Kostüm, bringt einen Toast aus, in ganz pfiffigen

Alexandrinern, voll von feinen, boshaften Spitzen gegen die Landschaft,

und die katholischen Offiziere huldigen lärmend dem Herzog.

Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen

possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt

hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein

um Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange

Mensch, die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote,

entfleischte Gesicht auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der

altertümlichen Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid

die länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft.

Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten

Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und

Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die einzelnen

Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß

die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine Offerten so oft unterboten,

ihm so manchen Handel gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar

gemacht hatte. Angewidert sah er und kalt überschauert die ausgeglühte

Leidenschaft, mit der Dom Bartelemi die flirrenden Steine durch seine

langen, dürren, blauroten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie

beschielten sich, zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer

erfahren der eine, der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder.

„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen

den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und,

den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner

kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für

den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß.

„Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese.

„Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom

Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich

mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“

Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein

herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht

schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus

Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte,

und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des

Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte.

Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den

bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit

Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen,

beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter

Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor,

Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat

Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee

ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen

läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den

Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen.

Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat

stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein

Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf

irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es

fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das

erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem

Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr

jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man

brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein

einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von

ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß

erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und

Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos

ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er

mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die

Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel

und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch

nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und

nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut,

und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte

dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation

machte, jovial und gnädig zu.

Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre

Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner

Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse,

ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den

schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript

unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung

sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die

Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung,

habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine

Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen

Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel

für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen

Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl

Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine

Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst

wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt,

auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu

glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig,

und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott

verwarf sie.

Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle

nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe

er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen

Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen

Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation

mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen

Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben

Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei

nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen

drangen zügellos auf sie ein.

Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und

Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm

erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen

und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes,

Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen,

geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an

der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen,

gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick,

erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer

Durchlaucht aufzuwarten.

Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von

Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond,

dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm,

mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth

Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich

ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und

langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen,

schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich,

in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen

Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen,

ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg

und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne,

üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten,

ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich,

offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des

Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in

seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen;

gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin

sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine

Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu

erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen;

die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er

lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus

seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die

zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend

entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von

Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme

Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes

Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden

beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein

stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber,

Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser

Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und

zärtlichen Interesses zu ihm auf.

In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt,

wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das

Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen

Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie

näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend

die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle

hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich,

wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war

wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das

Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die

gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem.

Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos

konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung,

Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die

Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen,

Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand

die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die

Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die

Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte

der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder

keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin,

unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und

konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe

vorbeiführte, ihm zublinzelte.

Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man

aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das

Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett

mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen

allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg

gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit

dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach

den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren

Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.

Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster

die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von

all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich

vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt,

daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu

schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.

Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann

an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen

Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im

besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte

Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat

keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu

Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit

sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich

zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja

nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.

„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner

dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner

Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück

hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie

vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer

Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo

ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben,

meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem

schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist

meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder

sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr,

die groß und gerötet auf dem Diwan saß.

„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich

mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich

weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen,

daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu

unterwerfen.“

Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er

verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede

kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum

erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß

Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach

einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube,

Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein

ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn

dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie

befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem,

sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte

ihm im Eifer die Hand hin.

Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische

Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch

präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als

plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt,

hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend.

Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und

auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: _Ma

vie pour mon souverain_, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht

stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer,

unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes

Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich

verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst.

Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung,

wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen.

Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den

kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem

hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre

Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig,

behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie

fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte

sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten

Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend

flatterte der Papagei.

Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener

Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte,

halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz,

selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen

nicht höher.

Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen

Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem

kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte,

und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der

Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der

Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in

einer Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die

zynischen Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd

erwiderten. Die kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und

verderbt, hatte sich an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht.

Sie tat, als wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle,

schmeichle sie nur wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und

Geweses um ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der

gleichfarbigen Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein

Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die

Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit schon

verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, alten,

reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der

Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von

Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und während

sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie noch

Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den

jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu

zwingen.

Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat Fichtel

waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt trank

der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von dem

schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei Süß

zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit

düsterer Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen,

zusammengestapelten Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die

absolutistischen Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter

Selbstverständlichkeit entwickelte.

Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er

schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den

und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte

Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen

Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.

Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei

anderen Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt

hastig auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin,

die Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres

und kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich

aus der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten,

die Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus

selbst sich um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem

unentwegten, frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu

zittern, mußte sich setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte

unvermittelt, immer lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen

Kirchenratspräsidenten ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und

Orden würden wohl nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte

ein paarmal auf eine seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit

höflichem, leicht verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann

sehr plötzlich, die Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß

anzuschauen, von seinem geräumigen Haus in Hirsau zu erzählen. Er malte

den behaglichen Landsitz: Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof

wohlbestellt, dörflicher Friede; wie er dort an seinem Neuen Testament

gearbeitet, in Muße, die Händel der Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab

und zu ein bißchen Schaum, man genießt ihn kennerisch; und wie zwischen

all dem schlicht und still und sachlich und erfüllt seine Tochter

herumgegangen sei.

Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete,

verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus,

der elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie

zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend vor

dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf und

ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein

Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so

sentimentalisch sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte

eifrig, sich zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am

Leben, Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine

Tage nicht. Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz

eingerichtet.“ Er versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es

muß ein sehr rastloser Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat

mich nie stille stehen lassen, hat mich durch viele Länder und übers

Meer gejagt und hat mich heißen allen Kreaturen Gottes und des Satans in

die Töpfe gucken. Ah, meine Souvenirs!“

Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es,

daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten

braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er

plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer

versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden

Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren

bräunlich kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem

dunklen Haar sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht

hinein hörte er die sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die

Dinge heute abend liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit

aller Bestimmtheit in Aussicht stellen.“

Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen und

verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte

bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und

zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor

ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie immer, nur war alles,

was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus

gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich,

freundlich, er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht

und diplomatisch mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine

abgründige und sehr feine Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere

und obszönere. Aber alle diese Stimmen klangen seltsam mechanisch und

scheppernd und die Menschen gingen puppenhaft und sehr künstlich und

alles war wie aus Wachs. Auch der Herzog, der jetzt wieder schwer und

groß und mit müden, schlaffen und gelösten Gliedern, mehr hinkend als

sonst, im Saal war, schien ihm wie eine Wachspuppe, wie hinter Rauch und

Nebel.

Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue

Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen

stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen,

flatternden Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog

in den Weg, der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen,

ob es vielleicht doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn

nicht, er wollte ihn offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er

ging, trotzdem Weißensee ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich

hinschauend an ihm vorbei, mit einem merkwürdig scheuen und

gewalttätigen Rülpsen.

Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine

stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß

und soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn

Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein,

zeremoniös auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann

saßen die beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der

junge, plumpe, in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde,

enttäuschte, und sie waren stumm und starrten in das festliche und

überhitzte Getriebe und tranken.

Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl

hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl

ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über

seine Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß

jeder es sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner

Frau, die ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie

mühelos als ein stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den

Pharaotischen vorbei, wo glühende und über die Störung im geheimen sehr

erboste Spieler sich ehrfürchtig erhoben, und versicherte, daß er sich

heute abend außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er

stürzte durstig zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr

betrunken. Er machte sich an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in

der Napolitanerin aufging, was Karl Alexander anerkennend und gönnerisch

zur Kenntnis nahm. Er fiel dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte

zärtlich: „Euer Liebden! Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden

so jung fühlen.“ Dann prahlte er eitel und sentimental mit seiner

italienischen Jugend, seiner lombardischen Kampagne, seinen

venezianischen Aventüren. Cassano hat er zwar mit dem lahmen Fuß

bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher Preis. Ah, Venedig, Venedig!

Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht, und Frauen und Duelle und hohe

Politik und Alchimisten und Geisterseher und die Lagune und die Paläste

und über allem die heimliche Hand der Zehn. Sie, die Graziella Vitali,

ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein wohliges, rasches, welsches

Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen die Napolitanerin ab,

eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden nicht schlecht,“ lallte

er, „es geht mir auch nicht schlecht. _Suum cuique! Suum cuique!_ Der

Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf ein Plätzchen

gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er tätschelt

anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin und

gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im

Begriff sei.

Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl

Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern,

klotzig und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der

Laune, sich von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten,

erzählen zu lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in

den hohen Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist,

seinen Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese

Tafeln und prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen

Herren gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland

stand ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders

dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum

Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr

verpflichtet, muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein

Narr wie Isaak Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen;

aber er denkt auch nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige

Mittel eines Glaubenswechsels Titel und Rang zu schaffen. Durch sein

Genie, nur durch sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er

hat rechtzeitig auf den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz

gering. Er wird auch die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu

steigen sind. Er wird Jude bleiben und wird trotzdem, und gerade das

wird sein Triumph sein, adlig sein und Landhofmeister und den rechten

Platz im Herzogtum einnehmen in aller Form und vor aller Welt.

Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten, huldigenden

Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der Geigen, die

Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der Frauen, der

seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein Fest,

träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein

verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein

Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz.

Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt

rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er

hört keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern

nebelhaften, grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend,

schreitet sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand

schleift, stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber,

durch viele Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der

kopfwackelnd, dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine

setzt?

Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen

Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen

langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige,

makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der

Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab,

den Solitär?“

Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas

Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten

Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke

mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer

Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen,

streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem

herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr

anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido

auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut,

immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.

Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer

kleinen Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand

auf einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend

um ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch

hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen

Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord-

und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.

Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in

Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe

zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern

besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt

zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“

worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann

Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht,

denn jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und

verachtungsvollen Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war

schließlich in das Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen.

Etliche von seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun

draußen im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die

Straße fiel, die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt

vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun,

mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache

geführt würde. Der aber stand eben inmitten der seidenen Gäste,

schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, maßlos und unflätig

schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei übergeben; doch Süß, wie er

hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, ihn für diese Nacht ins

Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen seiner Frau nach Urach

heimzuschicken.

Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der

Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt

endlich gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt

sich abseits mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu

reden. Er schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat

das Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt

warm, weindunstig, rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem

ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater

Bissen!“ schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er

mir die hat eingeladen. Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht

mangeln lassen. Ein deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein

delikater Bissen!“ Er schilderte Magdalen Sibylle, malte mit seinen

roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem schmalen Rücken und dem

kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste.

„Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und

ist eiskalt, wenn sie sich dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine,

gelbe, geschwinde Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten

Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im

Mundwinkel. „Das da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag

Seine Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er

gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine

Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und

knickt einem nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und

sentimental zurück. „Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit

einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte

er lallend, sank ein wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.

Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da

begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat

sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst

du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm,

still zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter:

„An deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat

sie, das Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte

ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte,

hintertückische! Soll er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und

ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!“

Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine

abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam,

betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze,

statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den

siebenhundert Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir

kann einer prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich

wag’s! Ich bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von

Gottes Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von

Gottes Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.

Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt.

„Wie ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte,

röchelte, schlief ein.

Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und

Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo

Johann Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane,

ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das

schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf

auffuhr, vor sich hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und

weitertrug.

Jud Süß · 第 9 / 37 题