Zweites Buch Das Volk

Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert

Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im

römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter,

gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer

Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er

schlecht, so war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An

zehn Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den

herzoglichen Renteien.

War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen kam,

Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.

Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten,

von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.

In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück

Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet

eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß

die Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort

noch Letztes zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak

Landauer und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der

Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum

Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die

kaiserlichen Räte ertiftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken,

Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart nach

Wien, in Regensburg der alte Fürst Thurn und Taxis blinzelte herüber,

und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und Remchingen, sein

Freund und General, wogen große Pläne.

Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen

ihre großen, stummen Schatten über das Land.

Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag

gesegnet.

* * * * *

In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und

gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu

Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen

römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises

Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu

Fuß.

Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom

Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische

Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele

Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants.

Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und sauer

Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert;

und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß

erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt

dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die

Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer

künftig in Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik

wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau.

Aber sie war so ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur

mehr ein Geschäft auf der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu

kochen. Noch saßen die Verwandten der Person an den Futternäpfen des

Herzogtums, noch glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch

zog sie durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer

Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an

sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz mehr,

galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von neuem

peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und Reich. Die

Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem Erbprinzen,

sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die Herzogin, sich

jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht ablassen von

ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird nicht

schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer

Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und

drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten

aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die

Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.

Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen die

Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur

mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht,

Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und

ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das

Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man

fluchte auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie

das alte festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland

erschüttert und manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge

zu erlangen, verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof

nicht zu erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen,

auch habe gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und

immer tiefer in den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender

stieg der Herzog, und die Weiber wischten sich die Augen: Und so

prächtig war er, und so freundselig sprach er mit jedem, so ein guter

Herr, so ein schöner Herr!

Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da

wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände

und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große

Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie

fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der

dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich,

und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt

Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen

tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der

Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen,

hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein

Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich

seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett,

kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.

Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war

nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten

Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der

Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine,

eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war

schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in

goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in

Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden,

barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof

und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwölken zu sehen wie

Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke tragen, es war gegen

die Mode, aber sie wird es doch tun, und die Krone wird klein und hoch

und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die

nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme

eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war,

und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten,

tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein,

deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man wird

ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb bewundernd

die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die Herzogin

beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres Kreises stehen,

der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen. Ah, es war gut,

schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut, Herzogin zu sein.

Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und Kronen und

Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu leben.

Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl

Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe

Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem

schönen, kleinen Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er

eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die

Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen,

tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat

Weißensee zu ihm gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des

katholischen Bruders den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit

beiden Händen zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen,

daß der Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge

als Phantasien betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein,

mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden

Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die

Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte werden

können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der Feldmarschall

von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein unzweideutiges Schreiben

ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen

Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und verschüchtert

zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen zurück, ja, er

vermied in großer Angst jeden Umgang mit Weißensee. Jetzt, wie er den

Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte, phantastische Geträume

wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern, groß erregt, ging der

schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum, dichtete sich zusammen,

was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen mehr Initiative hätte,

wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister

bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an

das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das

Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken

wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert

über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen,

warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete

sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend, nachdenklich

und befriedet, wieder ein.

Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder

Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel

Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem

stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene

Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich

rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner

ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat

überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne,

verwarf, genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen

Intrigenzettlers und Projektenmachers.

Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem

bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und

Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung

und große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land

fest bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es

locken, gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird

abspenstig machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und

großer Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst,

seine Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß

das Volk fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr

Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten

Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot;

aber sie hatte große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor

Gott und den Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu

Gott, sie schlug die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand

nur den Spruch: „Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist,

was ihr nicht essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den

Sperber und den Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei

aller Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen

der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters

und dem Strauß und dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften.

Sie beschloß, das Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der

Erweckten, der blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst

aber betrachtete sie, Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich

kühnen Antlitz, den Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst

angeregt, das feine, lebendige Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung

auf und nieder ging.

* * * * *

Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich

die elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im

Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der

Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis,

man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht

hören.

Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach,

daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in

Dreck und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt,

an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war

durchaus kein Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an

stumme, blinde Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen

Räten durchaus nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit

seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war,

bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr und

Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein

Despot war wie nur je ein heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und

Höllensabbat haben mit diesem Leviathan.

Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von

seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten

den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da,

zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über

dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische

Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem

Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so

wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran

rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen

vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen

Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der

Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu

wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen

Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch

nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und

wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O

klares Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste

Verfassung und Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene

altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzogen solchen Maulkorb

angehängt.

Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident,

die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte,

erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob

Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge

Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron

übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner

und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte

beauftrage.

Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter,

dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege,

die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich,

den Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und

Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe

Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen

Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt

wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen

Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen

zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.

Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst

der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze

ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers,

anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde

sie in Ruhe prüfen.

Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch,

tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust

zettelten? Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast

unmerklich ein wenig von ihnen ab.

Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im

Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein

Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft.

Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat

ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen

Partei, ließ die Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen

Protestierenden auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm,

der Bruder der Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik

ausgeschaltet hatte, sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und

Ministerpräsident, in Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und

der Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und

Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau,

die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen

ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig

getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in

der Zelle und in dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.

Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram

Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold

und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft

übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen

ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits

habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion,

fürsorglich schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten

bestätigt habe.

Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person.

Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser

her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut

fahren.

* * * * *

In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von

dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz

auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick

weiter. Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein

alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die

Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene

kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den

Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet,

er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form

vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit

peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit

einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine

merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem

einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der

Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine

Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief

verwirrt sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die

Gegend für immer verlassen.

Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten

wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge,

gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich

gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen

Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge

trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu

molestieren.

Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der

dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm.

Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb

und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen

Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu

Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und

ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand

plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und

terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich

gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein

blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber

war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend

und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes

Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte

rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber

schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild

des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.

* * * * *

Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und

sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen

Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre

gutmütig, ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete.

Manchmal hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie

fernhielt, war es wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen

waren besser als die unten lebenden.

Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es

waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der

Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische

Baum, der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es

tanzten die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie

hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen

Gliedern die Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke,

es sanken die Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige

Stern. Aber die Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten

bedrohlich nach einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang

sich in vielwendigem, artigem Tanz.

Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift

hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte

vergleichst mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der

Buchstaben zu neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein

wenig Schwärze darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist

sprechender Mund für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder?

Vor vielen tausend Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der

Mund, der ihn zum erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn

zum erstenmal dachte. Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn

niederschrieb, strömte Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst

sie heute, nach den vielen tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist

Gott. Buchstaben leben, weben sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in

Ewigkeit. Was einer schreibt, das löst sich von ihm und lebt sein

eigenes Wesen fort und spricht zu jedem andern. Aber wer sich heiligt,

empfindet Gott in allem Geschriebenen.

So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die

heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen,

mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten sie

zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des

Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.

Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine

Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei.

Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der

Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine

Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß

mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn deine

Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.

Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die

großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie

das des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen

trugen uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft

rundeten sich aus zarten Gelenken die Arme.

Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der

Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge,

welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich

erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander

und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich

versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er

geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache,

süße Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei.

Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der

Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und

hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält

den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der

Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte läutet, die silbern

klingenden. Doch niemand kommt.

Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was Rabbi

Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit

ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war

Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war

sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften

Aegyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die

Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen

Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus.

Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten

die trübgrauen, steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase,

und sie redeten mit seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.

Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine

Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte,

beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so

selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das

war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden

der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug,

trug seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich

in seinen klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte,

wiegte sich in dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater

das letztemal gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf

artig gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit

einem heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume

sich verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des

Vaters, und wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er

mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen,

geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte.

Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein

Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte

unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig

der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen

Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden

Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte,

hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife

entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den

Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in

Württemberg ernannte.

Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. Hochamt.

Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war dem

Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden geistlichen

Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre Glückwünsche

bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der Fürstbischof

von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt

von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und herzlich,

tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.

Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon

zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die

beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der

Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen,

derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer

von Kerzen und Wein.

Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz

nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem

Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen,

daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren

Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren

lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst

solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er

solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und

gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und

siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein

gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl

seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf

Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat

einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie

es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja

blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm

und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der

Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem

größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn

man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits

des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im

Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine

exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an

den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil

die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig

wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht

wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß.

„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und

schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier.

Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des

Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht,

daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein

Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von

ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging.

Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.

Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl

Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben,

einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil

es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen,

vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich

nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem

Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd

die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken.

Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen.

Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war

manches Süpplein zu wärmen.

Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage

sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst

Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in

einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese

verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen

Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich

ramponiert in Fetzen hingen.

Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler

Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom

Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm

seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen

Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem _Qui vive_

gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und

jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß

sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat,

so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.

Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der

Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und

allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom

Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig

bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr

Rom und die Welt.

Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und

Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte

seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung

des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber

nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte

Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten

zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen

mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen

im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie

sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele

wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst

die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz

fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre

überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen,

ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in

den Schoß der Kirche.

Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof

versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel

Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten.

Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.

Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm

über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen

hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen

Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich

nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die

zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit

vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür

der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität

gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.

Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und

Volk auf beide Wangen.

* * * * *

Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze

Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben

wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel.

Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte

hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben,

aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln

gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein

einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung

gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer,

der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an

den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben.

Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle

taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt,

Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln

sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor

ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor

seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende,

vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt

bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte

zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und

wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen,

daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.

Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in

hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an

ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand

durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer

heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren,

ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf

umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich

entgegenzufahren.

Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich,

schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in

einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch

seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den

Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert

konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt

Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht

spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer

ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein

Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere

bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für

Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem

alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was

macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn

sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem

alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und

mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der

Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit

sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während

der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte.

So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen

hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz,

gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von

dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie

nichts, diese Flächlinge.

Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn

Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen,

altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen.

Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich

mich und allen mitten ins Aug schaun.

Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich

ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er

das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in

behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage

erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele

Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern,

Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt

ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen

antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von

Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit

Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch

in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte

sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und

töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der

willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.

In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben

noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in

seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt

zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese

leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß

der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde.

Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem

Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte

er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe

seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter,

nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter

zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald.

Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel

gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner

Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken

geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht

ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich

vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein,

und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein

Auftritt.

In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing

ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen

mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit

seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch,

der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden

nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon

seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte.

Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen.

Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem

mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige

Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die

kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und

preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes

hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre

Hand hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von

hemmungsloser, beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte

Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu

haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein arges

jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit und

giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.

Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach

der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber

Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive

Methoden seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag.

Sogleich stellte er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit,

Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit

gespannten Nerven, in Tätigkeit jede Sicherung. Drehte alle Räder seines

Kalküls an, zerteilte rasch und präzis für alles zu Sagende Gründe und

Gegengründe, rieb sie blitzblank, zählte, wog, rechnete. Holte den

Herzog mehr aus als dieser ihn.

Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk,

unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte

deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen

Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament

sich zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger,

querköpfiger, rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten

so ein, daß sie alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.

Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus

hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem

Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit

schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen

Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien

und stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt:

der Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die

Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste

an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und

schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht

spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um

dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu

krauen.

Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen.

Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit

seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog

schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm

verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz,

vor ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die

eine seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.

Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte

verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen

Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte

er ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen

Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen,

dunkelblonden, dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert,

belustigt, boshaft zu. Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen

an dem sanften Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte

maßlos, in seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude

kannte das Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie

vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen

Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe

Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war

offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud,“ lachte er. „Er

versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“

Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war

klar. Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor

Uebertreibung. Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber,

Soldaten, Gloire. Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen,

aber so viel schaffen, daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner

Teil kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen

gegen sie stellen. Sie _en canaille_ trätieren. Einziges Ziel: Geld für

die herzoglichen Kassen.

Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch

gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ,

dem Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer

Finanzrat. Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn

zu ihrem Schatullenverwalter ernannte.

* * * * *

In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten.

Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen

allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt

mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren

Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das

berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst

kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat

das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem

Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und

Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die ganze

Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei Meilen

lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd,

Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er

ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen

Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.

Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten

Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust

zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß, und

mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem

weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem

Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie

niederblickte. Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr

zujubelten, ei, wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der

Tübinger Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor,

der sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen

Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft

und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit

seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl

Alexanders Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und

anderen Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes

Volk an Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn

schließlich mit dem römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte

sie ihr Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig

in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor

sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der

kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit

seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.

Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke

beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes

Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus

bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem

Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts

herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen

Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem

er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner,

ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im

Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele

Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land

geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich

Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig

und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten

Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die

die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch

seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der

neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei

der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner

stolzen Uniform bescheiden im Winkel.

Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz

anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte

ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein des

Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen,

hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der

Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig

Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge

Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten

sich über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende

Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden,

hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des

Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon

bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen

waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich

gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen

Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder

Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen

dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem

feierlichen Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig

der Kerl dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen

Landschaft. Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores

beizubringen.

Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und

daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und

den Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph

und Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen,

fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse

Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so

mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht

widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein

Kabinett zu rufen statt eines Juristen.

Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der

Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das

eine groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd,

bunt, beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz

liefen Fäden von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem

Parlamentarier Neuffer zu seinem Bruder, dem Minister, von dem

ernsthaften, biedern, patriotischen Landschaftspräsidenten Sturm zu dem

ernsthaften, biedern, patriotischen Geheimrat Bilfinger und schon von

dem nervösen, feinen, neugierigen Diplomaten Weißensee zu dem

merkwürdigen, zweideutigen, glatten, eleganten, neuen Finanzienrat, dem

Juden, der hebräischen Exzellenz.

Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die angesetzte

Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer nicht die

Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die Türen

verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten.

Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die

Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die

Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten

Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War

es Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?

Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen

Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch

mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte

sie sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der

Freundin seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf

vergnügte.

* * * * *

Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor,

die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene Bestätigungen

und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz abgegeben hatte

und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard Ludwigs den Herren

vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar umständlich, vorsichtig,

langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit gleichmäßiger,

gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht französelnd, las

Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war überheizt, eine

Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern

ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl

Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten,

pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag

dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn

Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und das

näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht

dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam

aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut

des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles,

verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war

erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den

Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine

Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend

gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die

feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei

meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus

freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener,

das Rasierwasser sei nicht warm genug.

Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er

sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit

unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man

viel leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche,

verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie

lästig lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse,

die Akte beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für

dich kämpfen müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird

viel Aerger und Verdruß haben, dich zu wahren.

Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich, warf

sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie

sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase,

sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem

sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker,

und dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt,

begossen, würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.

Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß:

„Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der

Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und

schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.

* * * * *

„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation.

„Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von

Bittschriften brach herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir

und mir helfen,“ sagte er einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er

ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit von dem, was

zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums gereichen werde, abhalten

lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken ohne Schleich, Intrigen und

Verwicklungen nach der altberühmten württembergischen Treu und

Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine Beschwerde in solchen

Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in diesem Behuf ein

Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und ihm, dem Herzog, zu

eigenen Händen kommen lassen.

Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von allen

Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am Rathaus

jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ nicht

durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai

schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf

Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten

die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure

Herzogin-Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt

mit seinen Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das

Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott

gebühre solche Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage

drucken lassen, und es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im

Herzogtum, darin das Bild nicht am besten Platze hing. Und die Herren

vom Parlament machten schele Gesichter.

Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine

Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten

Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel;

aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen,

so mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin

anlangte, so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten

sie gegen den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak

Landauers löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen

württembergischen Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde

ein spezialiter verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der

erste Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen

in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David

Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten,

wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen

dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen

Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs,

Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein

besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien

gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er

gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an

hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer

noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte

wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen,

komplizierten Geld- und Vergleichshandel.

Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom

Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste

erlassen, die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der

polternde General Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der

schlaue Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle

Mißstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in

Deutschland gab es einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor

Gott, den Menschen und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den

Titel, mit dem eine Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den

Titel: treuester Hirt und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht

verdient zu haben, überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen

seinen Räten und fuhr, sich freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach

neuer Gloire, zur Armee.

* * * * *

Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor

Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen

in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank,

elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand

nicht gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der

Festung zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er

wollte seine württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten.

Auch das peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu

bestätigen nicht geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen

Ausgleichs. Dieser Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und

der herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der

greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke,

und eine so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit

einer hohen Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle

man ihm überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs

erledigen. Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese

Anschauung frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit

der Gräfin hatte, und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der

württembergische Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine

andere Lösung als ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als

jeder andere, und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche

und geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die

weiteren Verhandlungen führe.

Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen

über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den

beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der

Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge

rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und

Bilfinger, der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von

seiner Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt,

geneigt, die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte

Patrioten beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich

nicht der Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf

der Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die

Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten

Besitz, wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich

verschacherten; sie wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu

mißbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren

privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem tief und von ganzem Herzen

überzeugt, daß das Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten

die Pfeiler des Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen

Grenzfragen zwischen Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und

verantwortungsschweren Ernst heraus, aus dem der erste württembergische

Herzog, in kleinem Land ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung

testiert hatte. Sicherung der Volksfreiheit war sein erstes Prinzip

gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine Parole. Und daß der Fürst durch

die Verfassung manchmal vielleicht selbst im Nützlichen, das er

anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur ein kleines Uebel

gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und seine Schranken

vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.

Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des

Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war

der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte

allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von

Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu.

Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen,

gewölbten, süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen.

Gesehen hatte er sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was

waren vor diesen Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel

für etliche Jobber, emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln,

auf dem er saß, an seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser

Mann in der Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die

Konkurrenz, daß er sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten.

Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee

gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu

Dumme-Jungen-Träumen, wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich

albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach,

von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle,

farbige Larve hin; der andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das

heraus, was er für seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte

brauchen konnte. Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der

langsamere Bilfinger hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die

beiden Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem

unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.

Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer.

Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm

zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie einander auch

nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf an,

einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für den

Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd

rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen

Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die

Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von

dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte

der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu

zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin

dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und dem

Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere

fünftausend Gulden in Rechnung.

So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das

Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen

Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin

lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure

Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die

Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte

voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der

Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.

* * * * *

Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager,

ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches

Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen

Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht

wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn.

Schon standen wieder die Franzosen im Herzogtum, schrieben

Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee,

vor allem von Karl Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück.

Mit wildem Eifer betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der

Grenzen. Die Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu

hatte der Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes

Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit

Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an

einigen Stellen die Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen

aufwerfen; so war diese Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf

dem Schwarzwald wollte man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen,

bis an den Neckar, den Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung

dieser Befestigungen genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf

Schwadronen. Und mit so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein

schwäbisches Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel

einrennen mußte.

Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht

entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard

Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord

und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken,

sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten aus

ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den Rhein

zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand, wurden die

Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch mannigfache

umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine

Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der

Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken,

stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewußte

Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen

vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant wurde

ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben, die

Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren

erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten

zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief

seinen Juden ins Lager.

Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik

gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf

diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er

sich seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder

Zoll seines Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit

mathematischer Präzision ausgeführte Landkarte.

So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing

ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte

der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen

Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und

jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn

gegen die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich

verstärkt. Sie hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu

bewogen, der Landschaft jene Reversalien und feierlichen Urkunden

auszustellen, um bei der Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen

Heinrich Friedrich den Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die

Ausstellung und Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen,

und zudem hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im

Einverständnis mit der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man

habe aus der Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert;

die Reinschrift laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe.

Unmutig und erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden

an, die der Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er

zwang sich zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu

überzeugen, daß er nichts anderes unterzeichnet habe, als was die

Verfassung ohnehin von ihm verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag

alle seine Vorgänger beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige

Signierung nichts als eine schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber

zweckmäßig, ja unbedingt notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen

Einreden schwieg Karl Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß

beschränkte sich darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem

vieldeutigen Lächeln stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab

von dem roten, erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich

wandte sich Karl Alexander an ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend,

meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen Befehle

des Herzogs so schlecht und unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl

sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern

Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie

nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, Diffikultätenmacher,

Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte der Herzog. Nach seinen

Erfahrungen bei den österreichischen Kriegslieferungen, erwiderte Süß,

müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede passive Resistenz setzen. Mit

Geldstrafen komme man am weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am

Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er

werde es sich überdenken, Süß solle Spezialvorschläge ausarbeiten. Der

Jude erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und

Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den Argwohn

des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, langsamere Maßnahmen

zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann

von den geometrischen Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.

Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in

strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun

zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen

verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und

verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken,

empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes,

unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte

Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem

General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam

war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu

gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe,

selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine

Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur

im geringsten gegen ihn auf.

Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt

hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm

nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug

darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die

Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die

Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die

Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das

eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll,

strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall

Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und

rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen

Finanzienrates.

Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es

früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser,

für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last

fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete

Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine

ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der

Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte,

mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde

wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit

langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren

Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben.

Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs.

Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute

flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das

Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord

nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen,

die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte,

Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich.

Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose

Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und

Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen

und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten

weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach

Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen,

knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren

schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten,

glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen

saudummen Kanonen!

Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er

dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem

Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm

wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der

Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu

behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger,

demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische

Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als

wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die

Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen

unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine

Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre

nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte

das Land.

Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in

der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des

Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch,

er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah

man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen.

Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen,

Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die

sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus

auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust,

atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie

zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben

unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den

geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen

Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß

bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.

Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste,

schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum

Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm

vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ

den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit

feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes

Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten,

daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch

auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts

davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz

erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts

schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog,

wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in

Verruf komme.

Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er

einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem

durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war.

Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von

verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und

Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der

Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des

Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in

vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des

Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit

dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen

zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die

Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er

war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris

kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine,

klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und

Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die

Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba,

der _Bon jour, madame_ krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht

geschlafen zu haben? und _Ma vie pour mon souverain_. Seine Tafel war

erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es

war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln,

Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf

seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die

Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche

Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.

Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt.

Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer.

Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem,

unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der

Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er

auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der

eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle

zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der

Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe,

auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem

Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit

Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu

gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt.

Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels

ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte

grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel

brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen

Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren

aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart

feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen

Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen

kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen

Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem

kleinen Stein.

Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde

mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte.

Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den

eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute

Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa

hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er

liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie

prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah.

Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe

er fast aus wie unsereins.

Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete

viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz

bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er

war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat.

Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift.

Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug,

sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden

zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer

bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten

die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich

versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte

man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich

eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn

er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um

Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der

Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat,

ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich

offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen

Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister

Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von

Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des

Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie

Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der

Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht,

und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer.

Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten

Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der

Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige

Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß

auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als

grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden

ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge,

neugierige Weißensee.

Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten

neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle,

wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier

ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so

langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man

wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in

Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins

Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den

Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß

mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue

Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien

des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein

anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse

heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein

wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch

betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen,

und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen

Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen

und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und

heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des

Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte,

versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die

ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den

vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende,

und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die

verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen

Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit

die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken,

unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene

Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet

wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den

gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann,

ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen

Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.

Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine

dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin,

sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf

von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte

aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte

vor dem Papagei Akiba, der _Ma vie pour mon souverain_ krächzte,

klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den

Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht

sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen

an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und

reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß

befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine

Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser;

aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen

Schimmel, _santa madre di Loretto_, den konnte nicht einmal Versailles

aufweisen.

Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte

sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit

ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön.

Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat

Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges,

amüsiertes Lachen und fuhr davon.

Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß

sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den

wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen

in dem weißen Gesicht.

* * * * *

Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es

seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er

reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht

tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere

Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so

zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.

Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer

kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme

das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen

blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch

das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr

den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es

hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die

Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus.

Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr

Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine

Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.

Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es,

warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht,

das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte

lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein.

Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen

silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.

Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land

gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das

Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein

Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in

seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt

auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier

unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche

Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen

sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt

zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht

schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein

eigenes.

Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den

bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es

sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das

Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden,

fordernden, trübgrauen Augen.

Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten

war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte

fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle

begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem

Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und

Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah

den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel

dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides

neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des

jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute

sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des

Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den

Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist.

Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines

Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf

an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem

Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den

kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen

davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er

verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein.

Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die

Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem

Hals, vergehend.

Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm,

verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen

in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame

fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen

Fluß der Stunde.

Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr,

keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er

anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und

rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie

rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden,

herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte,

erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als

sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er

spürt ihr Leben in den Dingen.

War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand

zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie

hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum

versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine

Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt,

Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus

phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und

alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.

Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit

magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es

ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie

auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume,

mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich

Schleim und Ekel.

Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie

von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen

Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß

und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war

fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn

den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher

entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in

der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.

Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen

Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und

kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der

Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die

Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus

dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten

von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit

einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem

reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern

überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen,

lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte

nicht, was sie bewegte.

Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags.

Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle

stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an,

das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend,

getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte,

Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo

er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er

saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm

entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden.

Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage

her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre

Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die

Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug.

Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte,

Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit

halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm

lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die

feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel

sprang zu.

Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg

zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein

Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter

dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg

hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden,

sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war

schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen

Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst

als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn,

sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der

Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß

erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen

Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“

In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs

sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu

erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog.

Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in

Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und

unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war

Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall,

Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr

groß und glänzend in Frankfurt ein.

Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde

Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich

die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der

württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es

weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die

Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person,

keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken

des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer,

geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef

Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der

Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu

werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein

Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich

bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt,

als wäre er der Herzog selbst.

Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum

Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger

kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner,

nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen,

sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg.

Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau

breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen

Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden

Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte

berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus

versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd

seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des

weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten

Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück.

* * * * *

Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war

schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte

sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle

Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen

Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war,

daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee

rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und

weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in

seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt,

sein Asthma bedrängte ihn.

Jud Süß · 第 8 / 37 题