schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den
riesigen, eleganten Mann. _Mille tonnerre!_ Das war nun wirklich ein
Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm
nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak
Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und
Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb
Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“
Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im
westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und
Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel
herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden,
mit Behagen die heimatliche Luft.
Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem
Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht von
Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock, vergnügt,
mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune auf dem Boden
hockte.
Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er
Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in
Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte,
war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe
Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein
gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein,
auf der Jagd. Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie
erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen,
Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in
Belgrad und im Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen
Regimentern, Ritter des goldenen Vließes.
In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er
fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung
von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und
das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die
serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte
auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine
Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die
Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr
von seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten
Gebiet war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als
irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.
Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war
es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche
Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als
kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und
Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin
von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der
gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf
vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere
Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen
Marstall nicht mit Schindmähren füllen.
Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und
Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den
Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen
Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die
Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers
hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt
waren sie schwierig, beinahe unverschämt.
Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er
kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in
Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann
Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft
geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer
Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde
Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß
machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte
Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die
neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer,
lebendiger Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief,
funktionierte sie um so besser, und der ganze junge Adel Europas
studierte in den staatsmännischen Zirkeln der Republik die Routine der
hohen Diplomatie.
Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen
vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule der
Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz aber
stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt
ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der
Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die
jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives
Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen,
täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten,
liebenswerten Menschen ungefährdet durch die Strudel des wilden und
bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln
bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit,
soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das
gab es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte,
liebte in den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte
offenbar gar nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine
offene, leicht überlegene Zuneigung.
Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden
Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen
mitteninne in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß
draußen an der Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter
General, von den Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und
wohlwollend belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging
behaglich und geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war
allein sein Geldmangel.
In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich
eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine
Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität.
Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten
lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf.
Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu
geben. Er versprach, den Fall zu überdenken.
Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park,
schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem
Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen.
Vielleicht könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich
sein. Sie schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche.
Sie hatten dem Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg
katholische Messen gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung
an Glanz und Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand
so viel zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit;
immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen
Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg
buchen, ohne ihn zu überschätzen.
Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht,
mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden
geübten Herren verständigten sich mit halben Worten; es war ja so
leicht, ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an
protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der
war durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war
kleinherzig, knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie
bestimmt ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den
Geheimrat Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird
das sicher zu Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt,
kahl, naiv erbittert über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man
eine katholische Prinzessin auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa,
die Thurn und Taxis, und die Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und
Weihrauch und Gloria.
Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die
beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis
schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten
Weinberge.
Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe aus,
und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu
sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu
erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben. Das
Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich
formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien.
Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld,
in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den
Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die
Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach
dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer
doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so
behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ,
kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen
Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin
anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm,
Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef
Süß Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen
den Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der
Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn
so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt
schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes
ungarisches Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur
des Prinzen zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß
durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der
Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er
guter Laune war, entschied er sich zu lachen.
Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die
Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller
aus, als er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm
Wohlgefallen und Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit
des Maskenfestes es erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen
– solche Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe
aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische
Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends
behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten
Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug
an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines
Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren
lustiger Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der
hochmütige sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab,
nur der junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm,
wollte zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die
Wirtin, die Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und
nannte ihn unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander,
den schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur
einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie
ein paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners
hatte er vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter
Strohhut seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der
Generalstaaten. Er schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem
Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese
offensichtliche Mißachtung in guter Haltung hin, lehnte bescheiden in
einem Fenster, sah zu. Der Prinz erkundigte sich nach dem Herrn.
Achselzucken: es war der Jud, der Frankfurter Faktor, Josef Süß
Oppenheimer.
Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette
Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist
gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er
lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn
aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele
Blicke folgen ihm: „Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit
Seinem Dukaten?“ Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt,
schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen schmeichlerischen
Frechheit ins Gesicht: „Da wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn
ich recht weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit
Prügel gekriegt und der Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht
schallend: „Hör’ Er, Er weiß Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in
Versailles gelernt.“ Die Florentinerin drängt sich herzu, eifrig: „Er
war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß, bescheiden prahlend: „Ja, ich
kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er spricht mit größtem
Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch Freunde Eurer Hoheit. Den
erhabenen Prinzen von Savoyen.“
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander
interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber
die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für
die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte
ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring
der Gäste zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später
saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es
Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös,
schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man.
Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas
benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er
hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis
gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten.
Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen
Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam,
gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der
Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben,
ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
* * * * *
Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die
Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte
er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst
schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß
staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin
in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre
Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert
waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte,
schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein.
Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte
schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er
nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die
Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt
doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den
Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“
Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen
das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die
Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller
Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel
imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm
auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange
kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb,
war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war
gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht
besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich,
dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück,
der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im
Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander.
Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt,
dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten
die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er
vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit
allem, was er war und was er hatte.
Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um
ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß
beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich
erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der
Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie
solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und
beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch
Süß geschlafen hatte.
Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und
ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem
er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm
der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends
dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie
hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede
kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine
Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm,
alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn
zu binden.
Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde
kommen.
Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten
nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion
Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des
Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur
mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch,
in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor
und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte
in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen,
Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde
Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so
altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und
unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar
wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien.
„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige,
mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er
hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose,
hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte
ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des
Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung,
schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen
prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem
dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten
halten mochte oder für einen Bürger.
Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend
hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf
und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und
schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt,
daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er
habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut,
wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so
tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei
Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich
auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch
das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim
besser verstehe als er.
Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft.
Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen,
blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht
über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er
sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den
Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu
erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen,
wissenden Augen, und schwieg.
Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das
Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und
unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen
Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas
Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er
sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so
unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote,
die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er
sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so
entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den
unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und
wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte,
sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag.
„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es
macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die
Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der
Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten
Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß
segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich
sieht.“
Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz
gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze
mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die
Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel
auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu
beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als
kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen
lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte
finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen,
unmodernen Rock.
Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein
sitzen wird wie jetzt.
* * * * *
In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger
Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges
Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen
Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern
schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus!
Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in
Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen.
Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht
fürs Bett getaugt hat.“
„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte.
„Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn
mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller
mehr herausgeht.“
„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich
Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein!
Schlag ihn!“
„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“
versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da,
quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene
Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt
mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes.
Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist
nicht wichtig.“
Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete,
brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach
dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war
schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei,
drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben.
Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des
herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie
bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und
ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die
Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um
die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze
Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig
züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß
des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
Der itzt den Feind vertrieben,
Nun danket Gott nach großer Not!
und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz
senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die
Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die
böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen
alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am
Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten,
bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das
herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das
italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux!
Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den
Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben
die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst
gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll
kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der
Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt
hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin!
Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und
schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er
ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf
dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er
ihr vom Blut des Herzogs verschaffe.
Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem
der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen
schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut
nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer
war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete
er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu
Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht,
daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die
achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und
sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben,
er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es
war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem
Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit
tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick
starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig
Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch
die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er,
er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel
betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke
von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom
Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte,
zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig
Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog.
Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde,
schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft
und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft
gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche,
rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende,
die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich
Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist
ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller
Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und
allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere,
Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an
keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg.
Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein
und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit
rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem
Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das
vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten
sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem
abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte
sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und
lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der
neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige
Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit
allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch
den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches,
wichtiges Gewese hub an.
Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in
dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten
alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem
Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die
Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen
tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz
sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz
sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete
gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich,
überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht
empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht
bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt
und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die
Frau Gräfin selbst zu sprechen.
Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene
Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst
salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte
mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich
scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei
reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der
Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und
er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann
werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte
sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer
Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen
müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch
sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst.
Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum,
verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als
der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand
zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher
Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich,
er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter
Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde
Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier
unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den
Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie
die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er
sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands
fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr
schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand
wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot,
ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie
in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag
wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem
Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden
hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und
Gut, und beteten für ihre Schützerin.
Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem
Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab
sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und
verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs
verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur
dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische
Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die
Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal
verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in
Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus
noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten
Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn
nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak
Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der
Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in
Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren
der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und
bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann
aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den
Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese
Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte
man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem
Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen:
Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner
Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben.
War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er
anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in
bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er
bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom
Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben
aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft
ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre
Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für
alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung
Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden
hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden
niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche
Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin
unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und
auf den Schindanger geworfen.
Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte,
eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie
ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der
Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er
eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei,
werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran,
ihr Vermögen anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an
günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt
hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes
Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter
des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in
solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten,
Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen
und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das
Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte
ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu
flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf
Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs,
als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre
Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter
ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der
Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
* * * * *
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat
und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast
eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs.
Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke,
weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs
mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler,
undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die
Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen
Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer
Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der
Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um
ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner
kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten
unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische
Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von
Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen
Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein
ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten
Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften,
wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg
Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis
jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über
Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im
landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl
erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit
und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein
Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner
Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die
Nerven hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und
schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig,
bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr
merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh
gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des
Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter
Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs
hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller
Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum
Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine
Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die
blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit
Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges
Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem
stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die
Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte,
auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der
Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft
vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt
in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle
teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem
dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön
mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen,
Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium
Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift
Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und
Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie
grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft
zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das
die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm
einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle
schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem
Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht
daran vergiften lassen.
Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und
sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten
Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär
und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie
es Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu
sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee
kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der
untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume
Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten
des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht,
soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die
Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei
des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt,
nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die
Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die
Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem
Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft.
Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei
es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu
gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam
der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht
ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch
alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet.
Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter
Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob
die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen
seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den
Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das
eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte
seinen Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht
verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das
Geld geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik:
„Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt,
nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche
Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll,
einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam,
war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die
Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe,
polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er
führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und
Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und
verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei
Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch,
das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die
paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der
andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen,
geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble
Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch
gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es
praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der
Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja
schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und
wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man
dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und
sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der
Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das
Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen
den sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel,
schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie
am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt
geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir
brauchen sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls,
Hoheit, wurde abgelehnt.
* * * * *
Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend
pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte
eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt
schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf
niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden,
Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom
ewigen Juden war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die
Papiere des gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war
legalisiert von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van
Straaten, er hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden
Vorschub zu tun.
Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast
gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam
den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an, wie er da so endlos auf
das Geld von der Landschaft wartete, und er begann sich zu langweilen.
Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele andere große Herren
mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund,
der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen.
Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt
an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz
verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten beibringen
und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte, Rabbi
Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich
fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen
Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich
zwanglos eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte
lachend sein Einverständnis.
Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins Schwäbische
bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus gefunden,
ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald, weitab von
den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen
Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und
deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst du,
daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit,
daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des
Süß, er sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war
zornig auf jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen
Menschen zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten
kreisen, bis aus diesem Stein Leben sprang.
Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in
Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah,
Er hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte
sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam
den Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen,
trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde
Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis
Süß es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg,
mein erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der
Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der
geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist,
kann Gold machen, was?“
„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den Schenkel.
Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten Nase
starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit
traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders
vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er
gewissen magischen Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so
dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer.
„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach
einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er
gebrauchte jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe
weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches
Jahrgehalt wird zu beschaffen sein.“
„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich
um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte.
Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt
zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge.
„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem
bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die
Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr
Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres
fleischig, fett, kurz.
Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können.
Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen
halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender
nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch,
erlaßt es mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in
Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten
gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um
Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich
kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der
andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr
Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die
Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß
der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei
Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher
Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt
zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein
vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend,
schrie er herrisch: „Rede!“
Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in
die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es
hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag
ich Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „_Mille tonnerre!_ Ihr
gebt’s dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie
sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so.
Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich
mein Vetter freuen.“
Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich
an Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem
Prinzen, ging.
„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und
versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn
entschuldigen, Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte
sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein
Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“
schloß er, wieder beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war
um so erfreulicher.“
„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien
des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für wichtig
hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das Leben
anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das
Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für
unsereinen und überhirnisch Zeug.“
„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit.
Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin.
Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und
denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau
Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder
mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine
Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut
lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich
stehe Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was
ich habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den
Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst
vor ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte
die Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und
strammte sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“
sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff
Er sie mir, Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht
hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“
Und er lachte schallend.
* * * * *
Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem
soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig
Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie
ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor
er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt
saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte
unmerklich von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften
Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis,
der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen
Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer
Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines
Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter,
Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit
gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben
ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die
weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger
Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht
spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick
des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen
gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme
Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden
Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung,
lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein,
ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen
Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine,
gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die
Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an
die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn
und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen,
ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre
Straße, die gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft
erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu
den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den
Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der
junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte
Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt
vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute
in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht
bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin,
dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene
Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit
ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem
leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die
Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung
gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher
Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler
Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in
seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze.
Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute
besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und
Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das
Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz
saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des
Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der
gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen
Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein
Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild
hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten
ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und
hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm
den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm
dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone!
Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen
Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich,
daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den
Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden
nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt,
machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er
trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte;
Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch
wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er
ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der
Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder
abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß
geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend
auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber
angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und
schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige
Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu
versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß
elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl
plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“
Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem
Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen
auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen
und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das
schallende Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten
solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man
mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte,
überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren,
ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der
unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am
Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von
der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr
Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche
und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und
hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in
seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen
abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger
dienen werde.
Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich
den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann,
neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen
schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit
der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im
römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine
insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz
katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit,
dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er
halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das
viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben
Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen
Kaffee.
Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel
noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch
das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch
wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute,
lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus
mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die
besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in
Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den
Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern
und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden
in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er
jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende
das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der
Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen
Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die
Regensburgerin auf alle Fälle.
Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune
entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“
erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn
ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“
„Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut
schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller
Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der
Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich
mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich
möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa
Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln
kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und
Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte
überschwänglich.
Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen
Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der
Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung
noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber
hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt.
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit
empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn-
und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm
von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr.
Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren
liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und
niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in
Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte
kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft,
stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen
Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander
gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht
soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon
Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm,
keinen Verstand.
Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem
taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen
artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des
mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus
feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den
Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter
Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll,
eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine
Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den
lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem
schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders.
Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen
Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem
er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“
bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl
Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube
nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die
Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von
ihm die Rede gewesen. Und alle lachten.
Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger
Geheimrat Kaffee.
Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin ausnehmend.
_Mille tonnerre!_ Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß einem Ball
präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn und all das
wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man Staat machen
konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten
mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs der
Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein
Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur
repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund!
Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich
halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der
kleinen, geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz
Donner, die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der
manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine
Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure
Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich
nicht erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie
gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn
aufzog und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und
die da. Da wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander,
brauchte sich keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib
wird schöner sein und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche
Mätresse und ihm den Beutel füllen, nicht leeren.
Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte hochatmen
vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich
ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden
andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden,
gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau
ohne große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin
tauchte ein in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
* * * * *
Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert,
vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben
Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der
dick und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis
durcheinandergewirbelt hatte.
So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und
der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um
wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich
trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und
selbst Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige
kleine Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen
suchte, mußte zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.
Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte,
bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber
fand er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er
veranlaßte den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen
Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem
Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich
installiert sei, und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem
als nach Versailles schmecke.
Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem
Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes
Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock
gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht
gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen:
Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an
Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt
lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine
Truppe in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.
Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß
ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors
hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum
großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem,
silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den
Gästen herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete
Neuffer.
Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die
Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre
Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern,
den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach
wenig. Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der
Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als
die Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige,
kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft
mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie
Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander
faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der beiden Damen
mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.
Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart
gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen.
Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium
ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den
Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte
nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe
bekam. Ein glückliches Zeichen!
Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen
Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die
Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere
Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer
dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der
Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den
Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von
lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der
fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden
wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter.
Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie
Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall.
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz
glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die
Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden
gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er
Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im
allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin
meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich
ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht
dabei gewesen, versicherte der Geheimrat.
Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich
und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus
ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn
vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist
ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl
Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und
Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während
er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes,
lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden
für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen
Kabinett in den Hauptsaal zurück.
Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl,
dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
* * * * *
Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die
Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und
jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander
bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt –
Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische
Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an
diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im
Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr
des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der
Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war
voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem
spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb,
ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich
voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich
Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel
werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner
Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen,
und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er
ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel
zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der
Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und
dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele
Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt.
Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt,
seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und
er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten
hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen
für späte Generationen.
Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf
den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und
Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem
ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven
Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu,
eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte
Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen.
Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt.
Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl
für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für
die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man
beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft
nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der
wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.
Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott
sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht
beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik
auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.
Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus
unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder
Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem
frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer
Freiheit die geringste Gefahr.
Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein
bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur,
unverbindlich nur. Immerhin.
Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng
verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte
schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der
äußersten Not. Nur dann, nur dann.
Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer,
wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges,
finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen,
war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter
Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl
Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die
Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus
und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er
knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach,
mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer
mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader
Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen,
wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er
hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm
ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das
mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle
Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen
Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das
Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen.
Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte
weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um
Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe
Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus
Evangelicorum habe man auf seiner Seite.
Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste
Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich,
machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als
Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener
Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen
Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten,
tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie
persönlich durch den katholischen Prinzen.
Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls
verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen
Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in
aller, aller Heimlichkeit.
* * * * *
In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut,
Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen
Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem
Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die
besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl
Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der
Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig
leuchtend unter der weißen Perücke.
Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine
Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen
Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz
alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die
Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in
blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des
päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone,
einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile
überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer
deutbares Lächeln in den Dom.
Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und
Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen
Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der
Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der
Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie,
daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur
auf seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der
Jude feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und
gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt.
Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr _à la mode_ wie die ihres
Mannes. Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt
der Jud mit seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren
Nacken unter dem Brautschleier anstarren.
Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der
Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.
Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen,
bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen
sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat,
Jägern, Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt,
Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die
Donau hinunter.
Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat
Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß.
Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich
gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker
heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern
Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der
Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was
sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant
und in einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.
„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so
elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute
Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich
kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes
Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er
ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu;
„er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und
schwarze Kunst.“ Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi
Gabriel. „Da hat er mich schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone!
Da sind noch zwei dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd
war er, wie er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob
seine Herzogin noch so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch
Kinder kriegen wie Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte
ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern
die blaugrünen Wellen hinunterglitt.
Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach
Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat,
das schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.
* * * * *
Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine
Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie
Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen?“
Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben,
unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.
Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er
hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut
über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen,
drohend, unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.