Erstes Buch Die Fürsten

Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend,

verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen,

Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu

überall von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten

sie sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch

diese Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen

verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem und

Herzschlag.

Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne Polster,

ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren Wagen

der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig Meilen

im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe und

Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen,

und die langsameren Boten der Thurn- und Taxisschen Post. Es zogen

Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten,

hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng

schauende Mönche, verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen

der großen Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in

sechs soliden, etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den

süddeutschen Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es zogen, ein

endloser Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die Protestanten, die der

Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem Land verjagt. Es zogen bunte

Komödianten und Pietisten, nüchtern von Tracht und in sich verloren, und

in prächtiger Kalesche mit Vorreiter und großer Bedeckung der hagere,

hochmütig blickende venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es zogen

auf dem Weg nach Frankfurt unordentlich auf mühsam zusammengestapeltem

Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen Reichsstadt. Es zogen

Magister und Edelleute und seidene Huren und tuchene Referenten des

Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen Kutschen der dicke, schlau

und fröhlich schauende Fürstbischof von Würzburg, und es zog abgerissen

und zu Fuß ein Professor der bayrischen Universität Landshut, der wegen

aufsässiger und ketzerischer Reden entlassen worden war. Es zogen mit

den Agenten einer englischen Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund

und Kind schwäbische Auswanderer, die nach Pennsylvanien wollten, es

zogen fromm, gewalttätig und plärrend niederbayrische Wallfahrer auf dem

Weg nach Rom, es zogen, den huschenden, scharfen, behutsamen Blick

überall, Silberaufkäufer und Vieh- und Getreide-Aufkäufer des Wiener

Kriegsfaktors, und es zogen abgedankte kaiserliche Soldaten aus den

Türkenkriegen und Gaukler und Alchimisten und Bettelvolk und junge

Herren mit ihren Hofmeistern auf der Reise von Flandern nach Venedig.

Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte,

stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege,

lachte, erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der

Post, greinte über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche Fuhrwerk.

Das alles flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, hurte, lästerte,

bangte, jauchzte, atmete.

* * * * *

Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, schickte

Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die verwunderten Blicke

seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges Prusten. Da, wo der Weg den

sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten nun die Wagen, warteten.

Kammerherren und Sekretär krochen vor dem feinen, endlosen Regen ins

Innere der Kutsche, Jäger, Diener, Leibhusar sprachen gedämpft

aufeinander ein, tuschelten, zoteten, pruschten heraus.

Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig Jahre, ein dicker, großer

Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. Er stapfte schwerfällig,

den Samthut in der Hand, daß der feine, warme Regen die Perücke stäubte,

und er achtete nicht der Pfützen, die ihm die glänzenden Stiefel

bespritzten und den tiefschößigen, silbergestickten, kostbaren Rock. Er

ging langsam, beschäftigt, blieb oft stehen, in unmutiger Nervosität

durch die starke, fleischige Nase schnaubend.

Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied zu geben. War das

jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts gesagt. Die Gräfin

hatte auf seine halben Worte nur verschleierte Blicke gehabt, keine

Antwort. Aber sie mußte doch gemerkt haben, sie war ja so gescheit, sie

mußte, mußte gemerkt haben, was er wollte.

Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei gegangen war.

An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr zusammenlebte. Was hatte

seither die Herzogin gejammert, geschrien, gezetert, gewinselt,

intrigiert, ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine Geheimräte

angestellt, der Kaiser, die Prälaten, das verfluchte Gesindel vom

Parlament, die Gesandten von Kurbraunschweig und Kassel. An dreißig

Jahre war die Frau verhaftet mit allem, was das Land und er erlebt

hatten. Sie war er, sie war Württemberg. Dachte man Württemberg, so

dachte man: die Frau, oder: die Hure, oder: die Gräfin, oder: die

Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder hassend, wie immer interessiert,

jeder Gedanke an das Herzogtum war ein Gedanke an die Frau.

Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die Frau denken, gelöst von

Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er konnte denken: Christl, und es

war kein Gedanke an Soldaten, Geld, Privilegien, Zänkereien mit dem

Parlament, verpfändete Schlösser und Herrschaften, sondern nur die Frau,

allein, lächelnd, sich ihm entgegenräkelnd.

Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit der Herzogin

versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein großes Präsent

machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem schlaffen Kopf wackeln,

und der grobe, schlecht angezogene König von Preußen wird ihm

Glückwünsche schicken, und die europäischen Höfe werden den Skandal

vermissen, über den jetzt bereits die zweite Generation klatscht. Und

dann wird er der Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen

zweiten richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird

Wohlgefallen sein.

Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes Wüten stieg in ihm auf, wenn

er an die Freude dachte, mit der das Herzogtum, das ganze Deutschland

den Sturz der Frau feiern würde. Er hörte, hörte, wie das Land

aufatmete, er sah die fetten Bürgerkanaillen seines Parlaments, wie sie

triumphierend grunzten, breitmäulig, sich die Schenkel schlagend, er sah

die nüchternen, steifleinenen, korrekten Verwandten der Herzogin und

ihren magern, sauern, höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird

herfallen über die Frau wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die

Frau gehalten gegen das Gesindel; jetzt, wenn er sie läßt, er ist

fünfundfünfzig, wird es ihm das Gesindel als Greisenschwäche ausdeuten.

Er hat zahllose Reskripte erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen

die Gräfin schwer bestrafen, er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er

hat seinen Jugendfreund und ersten Minister aus dem Land gejagt wegen

eines frechen Wortes über die Frau, er hat sich herumgeschlagen mit

seinen Räten, seinem Parlament, mit dem ganzen Land um Steuern, immer

neue Steuern, um Geld, Geld, Geld für die Frau. Er hat sie gehalten,

gegen Land, Reich und Welt gehalten an dreißig Jahre.

Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich gleich

zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite Gemahlin neben der

Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete kaiserliche Bitten,

Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften wie tolle Hunde, die

Verwandten der Herzogin, die Baden-Durlachischen, sahen grün und blau

vor Wut und Verachtung, man wetterte von den Kanzeln gegen ihn,

verweigerte ihm das Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und

Strudel. Nun gut, er hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit

der Gräfin aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt.

Was freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche

Beiwohnung – er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase erinnerte, mit

der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der Gräfin hatte sie ihm

gedrechselt – die Zuneigung also und die daraus entstehende eheliche

Beiwohnung war eine Sache, die von Gott und ihm selbst abhing und zu der

ein Reichsfürst durch Fremde nicht gezwungen werden konnte. Und dann auf

frische, scharfe Befehle des Kaisers hin hatte er die Christl wirklich

weit außer Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel

Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber dann

– er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens – hatte

er durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von Grafen

auftreiben lassen, und mit dem hatte er die Christl verheiratet und ihn

zu seinem Landhofmeister gemacht, und als Landhofmeisterin kehrte die

Frau zurück unter dem Toben des betrogenen Württemberg, dieweil der

Kaiser ohnmächtig und bedauernd die Achseln zuckte: wer wollte es einem

Reichsfürsten verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof

zu haben? Und wie hatte die Christl gelacht, als er ihr für das Geld,

das ihm sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die

Herrschaften Höpfigheim und Gomaringen kaufte.

Jetzt war es ruhig geworden. Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill

gegen die Gräfin, aber seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre

eine gegebene Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände

knurrten, aber sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin

zugestimmt. Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im

Stuttgarter Schloß, ihre Verwandten, die steifleinernen Markgrafen,

hatten sich in ein ägriertes, hochmütiges Schweigen zurückgezogen. Man

fand die Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren,

man hatte sich hineingewöhnt, fügte sich.

Und jetzt also, eigentlich ohne bestimmten Anlaß, sollten alle

Verbindungen mit der Frau sich lösen, fallen, nicht mehr da sein.

Sollten sie? Er hatte nicht gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts

geschehen.

Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, in dem

feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh ab und

schlug ihn mechanisch gegen den Schenkel.

Oder war ein Anlaß gewesen? War ein Anlaß? Der polternde Preußenkönig

hatte ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen gemacht. Er

solle sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und sich einen

zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen des Erbprinzen

stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen der evangelischen

Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. Nein, das war es nicht. Soll

sich der Preuße nach Haus scheren, zu seinem Sand und seinen Kiefern,

mit seiner faden Nüchternheit und seinem kahlen, moralischen Sermon, der

in jedem dritten Satz von Tod predigte. Er, Eberhard Ludwig, mit seinen

Fünfundfünfzig, war Gott sei dank noch in Saft und Schuß. Mag doch nach

seinem Tod wer will das Land und seine Schulden auf den Buckel nehmen

und sich mit dem lausigen Gesindel vom Parlament herumärgern. Darum der

Christl den Abschied geben? Daß er ein Narr wäre!

Er nahm den Stapfschritt schneller, pfiff falsch und heftig eine Melodie

aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter angeführt? Die

Gräfin sei ein schlimmeres Unglück für das Herzogtum als alle

Franzoseneinfälle und höchst beschwerlichen Reichskriege. Alle Drangsal,

Jammer und Verwirrung in Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin.

Sie schröpfe und quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes

sei für ihre Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm

aus hundert Schmähschriften entgegen, die Sauce servierten ihm seine

Stände jede Woche zum Braten. Wenn Dürre war und Hagelschlag, war nicht

auch daran die Frau schuld? Sollten froh sein, die Querulanten und

filzig greinenden Pfeffersäcke, daß ihre lumpigen Batzen so prächtig in

Glanz und Herrlichkeit umgemünzt wurden. Sie brauchte Geld, ja, ja, und

immerzu, soviel Geld gab es im ganzen römischen Reich nicht, wie sie

brauchte, sie schmeichelte darum, bettelte, winselte, drohte, zürnte,

schmollte, trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung,

wenn er nicht wußte, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war

besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein Pfennig

zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, wo die

Schlösser und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie bunte Funken

verprasselten?

Nein, mit solchen Argumenten konnte man ihm die Frau nicht verekeln. Er

hatte auch dem Brandenburger fein heimgeleuchtet, und er wäre dem

Grobian noch viel schwäbischer übers Maul gefahren, hätte er nur die

paar tausend Soldaten mehr gehabt, die ihm seine Stände niemals, ach

niemals verwilligen würden. Nein, das alles hatte ihm gar keine

Impression gemacht, und wenn doch vielleicht der Knauser, der

ungehobelte, den Anstoß zur Verabschiedung der Gräfin gegeben hatte, so

war es mit etwas ganz anderem, mit einem viel leiseren Wort, auf das er

wahrscheinlich selber kaum Gewicht gelegt hatte. Sie waren, der König

und er, auf einen Aussichtspunkt hinaufgefahren, und wie der

Brandenburger das weiche, wellige Land sah, die sanften, grünen,

gesegneten Hügel mit Korn und Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor

sich hingeseufzt: „Wie schön! Wie schön! Und zu denken, daß ein altes

Weib darüberliegt wie Meltau und Nonnenfraß.“

An dem Meltau und Nonnenfraß wäre nun Eberhard Ludwig nicht viel

gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich ihm ins Herz. Er, Eberhard

Ludwig, einem alten Weib verhaftet? Alle Flüche, Drohungen,

Beschimpfungen waren an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper.

Aber: ein altes Weib?

Der Herzog erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz

scharfer Edikte hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe

ihn mit Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich

bis in jede Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wußte er

noch, Lampert hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger Urlsperger

gelaufen und hatte dem von gottlosen, widerlichen und hexerischen

Hantierungen erzählt, die die Gräfin treibe, um den Herzog an sich zu

ketten. Der Hofprediger hatte ein Protokoll aufgenommen, von der Lampert

unterschreiben lassen, versiegelt, das Geheimnis in seinem Sekretär

verwahrt. Der Herzog war darauf gekommen, eine Untersuchungskommission

hatte den Urlsperger seines Amtes entsetzt, die Lampertin mit Ruten

peitschen lassen, sie des Landes verwiesen. Aber der Herzog war

überzeugt, daß nicht nur das Volk, daß die Untersuchungskommission

selber den ruchlosen, scheußlichen Unflat glaubte, der in dem Protokoll

vereidet war. Darnach habe die Gräfin in Genf ein Hemd der Herzogin in

kleine viereckige Stücke geschnitten, in den mit Branntwein präparierten

allerfeinsten Wismuth getunkt und hernach auf freche und obszöne Manier

zu Wischläppchen gebraucht. In Urach habe sie sich das neugeborene Kalb

einer schwarzen Kuh bringen lassen und ihm eigenhändig den Kopf

abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen Tauben gemacht, einem

Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten, anderer ekelhafter und

unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch solche Mittel, hieß es,

habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine Gemahlin durchaus nicht

ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr habe leben können, indem er

Beklemmungen bekommen, sobald er von ihr entfernt gewesen.

Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s

nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann auf

die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel

schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm

entgegenlachte, damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or,

auf dem breiten Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott,

keine Kälber zu schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu

brennen. Aber jetzt? Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen,

Augen zu sehen. Sie war etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es

Teufelei und ruchlos hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie

kettete? Ihre grauen Augen waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß

zwingend, wie vor zwanzig Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht

verfärbt, und in ihrer Stimme läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag.

Freilich, die kleinen Narben, die ihn damals so ohne Maß gereizt hatten

– die Lästerer behaupteten, die Spuren einer schlechten Krankheit – die

versteckte sie jetzt hinter Puder und Schminke. Ein altes Weib? Sie war

diesmal so schwermütig gewesen, so elegisch. Sie hatte ihn nicht

verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht einmal Geld hatte sie verlangt.

Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre wie ein eintägiges Lamm: ein

altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard Ludwig, nicht. Da könnte er

gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren und dem Land den zweiten

Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und dem Reich und seinem

Parlament in Frieden sein.

Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, Eberhard Lux, und die Glocken

hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über die

Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und Herrschaften

die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder einzelne am

Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze Landschaft am

Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige, sackgrobe

Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle, kluge,

heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von

Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er

nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte.

Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er

wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach

Ludwigsburg. Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte

Ruhe haben, sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat

Schütz, mit dem wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals

durchsprechen.

Ein altes Weib?

Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort.

Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in

Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner

und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen.

* * * * *

Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in

Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse

Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft

geregelt hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben

dringlich zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen

Geschäftsfreund getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen

Oberhof- und Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen

Kurfürsten von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und

anstrengender Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem

Badeort ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit

nach Wildbad zu gehen.

Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß.

„Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“

konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak

Landauer. Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas

Pfäffle, ehemaliger Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter,

phlegmatischer Mensch, den er in Mannheim während seiner Tätigkeit in

der Kanzlei des Advokaten Lanz kennengelernt hatte und den er, den

Vielverwendbaren, seither für seine persönlichen Dienste auf alle Reisen

mitnahm.

Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan,

schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das

Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war,

ein Jagdhorn und ein _S_ darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht

hätte, von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der

Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war

der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine Verbindungen

reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des Kaisers, bis zu

den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der Levante bis

zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten, die die

Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht

natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche,

schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht

schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er

mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten.

Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft

gekleidet, saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes

Detail der Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem

Schleier lag.

Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den

Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock,

silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis

gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten

Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet

haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem

die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus den großen,

rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die neue Generation.

Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, die Löcher der

Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, Schmutz, Verfolgung,

Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. Und Prunk, Weite, Willkür,

Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur ganz wenige, drei, vier

andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie, übersah bis ins

Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des Regiments über die

Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für

die Zusammenhänge, und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen

Wissen um die feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte,

es gab nur Eine Realität auf dieser Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben

und Tod, die Tugend der Frauen, die Macht des Papstes, zu binden und zu

lösen, der Freiheitsmut der Stände, die Reinheit der Augsburgischen

Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten,

die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit,

Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde

alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer,

wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit lenken,

konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese

seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines,

seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner

Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und

Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des

Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen

Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche

Erörterungen und war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die

derartige Dinge mit elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis

kümmerte er sich nicht darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den

Sabbat wie den Werktag: aber in Tracht und Aussehen klammerte er

eigensinnig an dem Ueberkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner

Haut. So trat er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war

das andere tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte

Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, auch in

Kaftan und Haarlöckchen.

Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da

saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen

Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue

Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu

haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des

Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und

ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren

Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe

eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich

Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.

Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede

Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil

herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen

Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden

Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das

Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute

neugierig und geruhig zu, wie und wohin.

Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig,

das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es

mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit.

Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und

Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an,

mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber

Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ

zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem dummen,

gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der Rat Etterlin

aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen kannte, mit

einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht, die

Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und ihre

Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das

ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man

humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen.

Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter

gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s

überleben.“

Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen

Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er

kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen

Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der

hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen

Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine

Eidechse vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen

Rockelor, forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu

häufen, das Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld,

wenn man es nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende

Kleider, Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere

herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte

weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht zeigte?

Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn!

Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser,

gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß

er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter,

der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen Kaiser darauf pochen können:

wenn jetzt gegen die Türken die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so

war des er, der Jud Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die

kaiserliche Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in

bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur

nicht in alberne Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen

herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen

Diener und Kompliment gemacht.

Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend

uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn;

aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte.

Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen.

Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die

Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich

eine verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die

neue Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht

einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen,

Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die

Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota

abgelassen, und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit

einem Gewinn von zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich

dann nicht etwa Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten

sogleich weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ

ihm nur zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit

Hessen-Darmstadt hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein

Bruder, der Baron, der Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und

das Terrain genau kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer

hatte mit dem Kopf gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter

von Baden-Durlach, Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren

erbitterte Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere

Münze zu prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine

Stirn, eisern bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses

Geschäft mit Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt

sein Nachfolger mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war

gedeckt durch ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in

Gnaden, aus seinen Diensten entlassen worden. Jetzt hatte er sein

schönes Haus in Frankfurt, in Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse

Liegenschaften, von denen niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten

Teilen des römischen Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den

Ruf eines findigen Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß

Gott, Ruhe und ein Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt

zeigen, wer der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus

selbst seiner Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen

Herren.

So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu

gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene

Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen,

war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen,

von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und

sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte

also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen,

Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität.

Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die

Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den

Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit

zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten

hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die

Gräfin nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was

sollte er den Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit,

die Chancen des Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz,

klar, sachlich. Eine gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten.

Sie hat sich jede Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und

Privilegien zahlen lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er,

wenn er wiederkam, mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das

Geschäft hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel,

ein bißchen problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider

hat sie gehabt, wie sie an den Hof kam. Und was hat sie

herausgewirtschaftet? Die Gräfin von Würben, die Gräfin von Urach, die

Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin des Conseils. Die Oberaufsicht

der herzoglichen Schatulle. Achtzehntausend Gulden Apanage. Die

Stammkleinodien und Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und

Privilegien einer reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten

auf Prag, Venedig, Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der

Sekretär Pfau, dreihunderttausend Gulden. Sollen es nur

zweimalhunderttausend sein, ist auch mitzunehmen. Die Rittergüter

Freudenthal, Boihingen, die Dörfer Stetten und Höpfigheim, die

Herrschaften Wilzheim, Brenz mit Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine

gescheite Frau, eine liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es

ankommt. Sie verdiente, Jüdin zu sein.

„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit

ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe

dem Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf

ihn eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett.

Der Herzog ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“

„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von

England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist

assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb

Josef Süß.“

Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr

Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu

verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“

sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im

Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des ganzen

Landes gegen sich.“

„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte

den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten

Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was

taugt, hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die

anderen, hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“

Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen.

„Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu

fett und alt.“

„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort.

Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr

neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können,

ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß,

die Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie

weiß, was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer

und Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug,

sie riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und

es kommt was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu

fünfmalhundertundfünfzigtausend!“

Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor. Der

Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak

Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte

in den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz.

„Das sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er

gelassen und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen

half. Und schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die

Zimmer.

Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen;

aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der,

„auch vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit

seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte

sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.

* * * * *

Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere

Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen

Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend,

freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu

dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht,

elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme,

Hände hingen kraftlos, der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte

jäh und erschreckend.

Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu

sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht,

ihr aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende

Wort steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich,

war hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder

Zornausbruch oder beleidigtes Schweigen.

Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt

liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz

tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen.

Jetzt saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung

ausgeschöpft, auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf

ihrem Antlitz klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen

angezündet, losch hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten

Falten, und unter der kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia

– sie hatte die Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie

nach – unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche,

nußbraune Haar seine sorglose Frische.

Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der

schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr

Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische,

eiskalte. Er brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war

fest genug; es war klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz

hineinverwickelt würde. Sie war ein Hindernis, kostete Rücksichten in

der Politik gegen den Kaiserhof, kostete Geld, viel Geld, das man ohne

den Umweg über sie bequemer und reichlicher in die eigenen Kassen lenken

konnte. Oh, wie sie ihn durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen.

Pfui, pfui, pfui! Aber sie wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie,

lebte sie, der Herzog hatte noch nicht gesprochen, noch regierte sie,

sie, sie im Land. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe

gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den

Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu Gegnern

gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! Der

Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den wahren Grund

auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken umklammern, wußte

ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der Nadel dagegen, daß

er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick suchte den Spiegel,

mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer in sich

zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden Stoffen.

Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre /

In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere /

so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen

Spiegel, sie wußte den Grund.

Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem

Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf,

raste durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte

Kuriere nach allen Richtungen.

Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht

gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich

gezähmt. Uebermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie

hatte es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt

mußten sie ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen,

und jetzt war sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war.

Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard Ludwig

war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut, sehr gut

war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von

Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte sie,

was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte,

spazierenging. Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine

halbe Stunde. Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er

vor. Gut, gut. Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte,

wollte nicht weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen,

warteten auf seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach

wegen des Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen

Vergleich, der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog

war nicht zu erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen

über die Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein

Herzog, kein Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter

seines Hubertus-Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte

das Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten

Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise:

_Amicitiae virtutisque foedus_. Auch die ungarische Tänzerin mußte in

Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene.

All gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem

blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine

Intriganten.

Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und

Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften

den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue

Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese

Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in

die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem

ihr Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung

über Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht

hätten. Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen

Einkünften des Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld

außer Landes, große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig.

Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall

die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit

denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin

kreischt, die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher

Bewunderung.

Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak Landauer

nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im Arbeitskabinett der

Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln und goldenen

Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär, zwischen ihnen

in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute durch, prüfte,

die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier und dort noch

Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin, den zu fetten

Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu, machte

Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer Dörfer

ein ungeheures Darlehen.

Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll:

„Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für

einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud?

Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin

ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer

Exzellenz das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land

schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber

Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie.

Wollen Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute

vor sich hin, hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um

viel mehr ging als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste,

Hoffnungen, Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile.

„Glaubt Er, daß ich es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu

beleihen?“

Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine

gescheite, feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und

Verschleierung, es war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen.

Er schaute sie auf und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah

ihr entspanntes Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf

ihren dringlich fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen

und ein Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein

lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie

unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und

die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand

rührten, die sie noch stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte

sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert.

Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem

hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, hier in der Schublade hatte

sie das Papier, einander in günstigen und in widrigen Umständen nach

Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu schlecht für die Hölle und den

Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche

Verträge und Kumpanei.

Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen.

Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte,

röchelte, weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“

jammerte sie, „ach Jud,“ zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die

schwere, schöne Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe

hingen tot an ihr herunter.

Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte

den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte

vor sich hin, streichelte sie.

* * * * *

Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall

der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort,

aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches

Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete

gesprochen, man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen:

für eine gnädige Fügung.

Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde

härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein

neuer Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete

gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von

denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle

Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen

wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen Darlehen an die

Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der Gräfin schalteten

herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar ein scharfes

herzogliches Reskript erschien, das von neuem und nachdrücklich alle

übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen bedrohte, sanken auch

die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.

Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage

Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie

wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den

nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die

Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue

Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenizschen

aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht Mitglieder

des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der Vorsitzende und

Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem plumpen,

massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim, bis zu

dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von

Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die

Rechte und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten

Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land

gepeitscht werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu

Weinsberg, haute auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine

kleinen Kinder mit auf die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das

pockennarbige, von der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es

dröhnten stolze Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel

Freiheiten, nur Württemberg und England habe sich soviel

parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des

Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam

nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu

erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde Antworten

hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und blieben nach drei

Wochen vergilbende Akten.

Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter

Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört.

Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser

sandte ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in

besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen

der Gräfin über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der

verschlissenen Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen,

verzeichnete sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre

Hoffnung stieg nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als

sich der ersehnte Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet.

Dreißig Jahre saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog

ihr nur den nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt,

eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten

untertänige Besuche, aber sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man

zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog brouilliert war, ihn

ärgern wollte. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die

Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut hatte, als sie, die Herzogin,

verbissen in Stuttgart aushielt, Demütigungen, Drohungen nicht achtend.

Das Leben war drüben in Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz

verlegt hatte, wohin er die widerstrebenden Aemter, Kollegien,

Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort hatte er für jene, für die

Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das prunkende Schloß gebaut,

dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen

lassen.

Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in Gedanken

nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an. Sie

hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den

Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war

für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein

herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar

und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem

wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die

Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der

intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar

nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte:

sie hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm.

Ueberdies hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst

später bei einer Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte,

entzündete er sich. Sie sah noch die frechen, nackten Brüste, mit denen

die Person in dem koketten Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und

seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehaßt hätte.

Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja klar; sie

hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß ihr damals auf

die Schokolade so schlecht geworden war, da war das Gift der

Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung hatte sie vor

Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen lassen. Für

jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine verfluchte Hexe,

Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor der Zeit

eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs genesen?

Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und

Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß

mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches,

verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem

weiten, ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die

Nachrichten, die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig,

zäh, spinnwebfarben wie sie selber.

* * * * *

Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der Ewige

Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen durch

die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen haben,

zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von einem

seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und ein

merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen sei

um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so

höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung

von ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie

Reißen durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden

gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der

Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte

Instruktionen.

Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er

sei Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt,

verordnete, man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen.

Aengstlich neugieriges Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig

Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig,

gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz warf er sich nieder, heulte,

schlug sich die Brust. Im übrigen handelte er mit Kleinkram, und man

kaufte ihm viel ab, Amulette, Andenken. Schließlich vor den Magistrat

gestellt, erwies er sich als Schwindler, wurde gestäupt.

Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich

nicht der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt,

einen soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er

habe ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur

sein Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man

habe eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an

allen Ecken des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.

Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er

drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen

Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber

seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen

Dingen befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun.

Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow,

als Kind, war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der

Schäferin, die die Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse

Wetter hergewünscht. Sie hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte

sie hinausjagte, heimlich zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte,

und ganz im Innern war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre

bloß davon her, daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut,

das die zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen

hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den

Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn

sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte und den Freigeist, so

mischte sie doch in der Stille gespannt und schwer atmend manches Rezept

zur Erhaltung der Jugend, zur Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die

Juden ihre unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem

Finanziellen magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das

nicht zu durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von

Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern

verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie ihn

gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und drehte,

und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not verließ, so war

das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht von ihm.

Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz

gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln

zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem

Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle

keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen

– dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen,

der sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.

Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr

Ansinnen und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein

zuverlässiger Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld,

Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft,

wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen,

sprechende Papageien: aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden

hernehmen oder einen soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt

machen konnte? Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen

geschickten Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte

schließlich diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht

übers Ohr hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu

riskant. Die Landstände haßten ihn sowieso, sie hätten ihn mit größter

Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den Scheiterhaufen gebracht.

Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen seine Gewohnheit verstimmt und

mit einem widerwilligen halben Versprechen.

Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.

Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte

nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem

Nichtstun; er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn

er nicht Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung

auslösen, in Bewegtem wirbeln konnte.

Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon

als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in

Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem

Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer

jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen

mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von

Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog

mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele

Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen,

leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders

als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher

schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren.

Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege

stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr

Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war

verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war

stolz darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller

großen Damen von Angesicht zu Angesicht zu kennen.

Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier

Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der

Vater starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der

Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt

verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf

sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen

Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert

und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward

zwischen Stolz und Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo

er die Rechte studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen.

Mathematik und Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der

Jurisprudenz, die die Professoren sich in mühsamer Theorie

zusammenklaubten, stak ihm in den Fingern. Viel wichtiger war es ihm,

mit den adeligen Studenten zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine

Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür

die ganze übrige Woche den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und

mehr: dies war seine Profession, große Herren zu traktieren und mit

ihnen umzugehen, ihr Efeu zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen

und Lüste der Fürsten hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit,

zur rechten Zeit den Samen seines Willens in sie zu senken wie der

Obstspinner seine Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich

dem Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer Hand

auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr

Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung,

Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es ihn, wo seine Schwester in

stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, nicht in den Kontoren seiner

Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten,

nicht in der Kanzlei des Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus

seines Bruders, des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ

geworden, Baron Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue

Frauen, neue Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris,

Venedig, Prag. Wirbel, Leben.

Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte

nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak

Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische

Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut,

mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der

Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige

Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.

Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er

zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren,

Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle,

den er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker,

gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den

ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen,

Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.

Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin

auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war.

Er mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er

auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter

geerbt, pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen,

daß seine Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche

dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide;

häufig auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für

einen Herrn seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der

kleine Mund mit den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel

Lachen verzerre, und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit

der glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß

er auffiel, er brauchte Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und

eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs

Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen

unter den gewölbten Brauen fliegende Augen genannt hatte.

Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer anderes

Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett immer

neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis, ein

ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte, hielt

Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte

keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn

hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in

Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte

das Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken

gingen scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr

selten schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend

an.

Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen

lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar

Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland

als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber,

hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste

Konversation, man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und

Rauheiten abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz

zu vermeiden wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten

die leisen Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer

Schichten, wer hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war

hundertmal instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland

konnte man mit Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der _à la

mode_-Kavalier bei der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte,

wollte er nicht als rückständig angesehen werden.

Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese

auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum.

Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben

der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der

Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der

jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue,

elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war

der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er

renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die

Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern

Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er

durfte, wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der

Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr

zunächst sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere

Freiheiten nehmen. Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem

Amsterdamer Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei

einem Streithandel mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen

bayrischen Herrn, schnitt er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich

aus Wildbad trollen mußte, er erwirkte dem Gärtner Kredit für neue

Parkanlagen beim Badehaus und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er

hielt am Spieltisch, als alle deutschen Herren sich ängstlich

zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als einziger Widerpart und verlor

lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler,

der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte.

Er antichambrierte täglich beim sächsischen Minister – der sächsische

Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und tief gebückt, während

der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, grußlos

vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem Spott

der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung der

großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land

bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.

In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den

seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen

bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer

seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das

Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu

sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen

adeligen Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu

solchem Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom

Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß

die Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen

Magus oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei

sich zu sehen. Dann schwieg er, wartete.

Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich

zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub, warf

ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins Geschäft

zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das

Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein

eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die

Sicherheit verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen,

Trübungen weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt

aber, wie Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl

unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich

herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn

herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend

prickelnder Spannung.

Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung

unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab

gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“

Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau

und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er

zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang

ihn, sich damit auseinanderzusetzen.

„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete,

„ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er

sein.“

Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten

gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß

solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der

Kabbalist, der Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem

Nebel, der einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte,

der einfach durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte,

seine Wirklichkeit entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig

machte, auswischte, der sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht

gut, nein, nein, es war bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen.

Er wird an das Verkapselte rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck,

Zwiespalt, Dinge, die sich jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen.

Nein, nein, die Geschäfte waren hier, und jenes andere lag dort,

behütet, fern ab, und es war gut so, und es sollte so bleiben.

„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der

andre sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit

der Gräfin.“

Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer

Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie

und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen

Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der

Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt

an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog heran, von da zum Prinzen

Eugen war ein Schritt. Er sah hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites

rückte ganz nah.

Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man

preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den

Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er

glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich

in Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich

in einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle

Schwimmkunst vergebens.

Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh

überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein

Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber

ganz im Dämmer, nebelhaft.

„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig

weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb

Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja

nur Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß

auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der

Gräfin.“

Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die

Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit.

Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine

Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja,

damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen,

am kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche

Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es

nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise

Glanz, Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals

und hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der

Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge,

Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von

ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen,

verschachere. Wie hatte ihm da wieder seine Phantasie, die

galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er

den Alten, nichts weiter. Und dafür die Verbindung mit der Gräfin, dem

Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr wäre er, wenn er nicht zugriffe,

weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein wenig unbehaglich war.

Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an

sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun

forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere

unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen

sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß

zurück.

Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er

nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte,

sowie er den Diener weggeschickt hatte.

* * * * *

Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch

fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen,

versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma

seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen,

klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.

Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne

erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz

wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um

Wendung, unentrinnbar, unerregt.

Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als

sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug

sich in die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er

ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die

Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte.

Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart

von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten

sie ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh,

und langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei.

Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger

Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern

gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund,

wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie

sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht

zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen,

dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer

Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte

kenntlich machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht

zu fassen, und doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war

immer das gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war

gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen

zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler,

beklemmender Reifen um den Kopf.

Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der

Ursache. Ihm genügte die Fährte.

* * * * *

Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei.

Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.

Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete der

Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans

Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh,

erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee

schmerzte das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau,

schlossen in starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich,

vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche,

Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der

sperrende Bogen der vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher

die nackte, breite, zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein

anderer, alles endete in Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut,

bildeten geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem

leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte Schwung der

beschneiten Gipfel.

Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse

Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen

trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen

Kopf, sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende,

hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht

hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die

Hand gestützt, kauerte er, schaute.

War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern

Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung

haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein

menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer,

bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er

suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort

und Unendlichkeit.

Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig

gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen

Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale,

und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit

sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht

den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein

Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die

Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt,

es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid,

und wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische

Mensch innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und

wie am Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder

sind und uns das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der

Haut unseres Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind

die Sterne und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit,

und der Weise liest sie und deutet sie.

Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende

erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden,

haben sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im

Gesicht des Menschen.

Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein, man

zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen.

War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der

höhnisch blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd?

Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war

dies das Antlitz, das er suchte?

Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war

von dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über

der Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen

Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.

Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in

der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten

unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr,

ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals.

Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen

Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des

zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den

Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer

Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff,

begriff.

Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich,

erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer,

gefaßter Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal.

Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch

entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht

gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel

schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß,“ sagte er, so leichthin, als

wäre ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er

Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich.

„Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel.

* * * * *

Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten

gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett,

die energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie,

die sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren

Zofen sich massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ

in der Nacht die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende

galt; aber das schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht

ringsum, stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist,

den Isaak Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht.

Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst. Der

Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem

Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende

Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum

Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in

Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen

Elfer-Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die

Ungarin ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am

Abend gar empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den

stiernackigen Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin.

Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah,

Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins

Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige

Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem

Uebel! und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen

Deutschland herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den

populärsten Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr

empfangen. Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch

groben Späßen. Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem

Zusehen. Nicht einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in

rasender Hast: Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie

selber, nur mit einem Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte

sich nicht die Zeit zum Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans.

Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich

kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den

verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot,

flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die

Gräfin ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die

Frau! Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!

Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick

eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt.

Halten. Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende

Herz. Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner

Irrtum des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende,

Ausbiegende, Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand

kriegen. Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein

anderer dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen

einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.

Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte

über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin,

er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den

Osiander hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich

erlustieren an den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch

ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin

vor dem grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem

schweren Rock, schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt!

Kam da einfach angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein

zwielichtiges Nichtein und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit

der Herzogin, Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder

nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja, natürlich, es sei Geschwätz. Sie

aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein

Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen,

lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard Ludwig

ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die Teufelsfrau!

Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie

erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen,

hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich

grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten

Pferden. In Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war

fort, nach Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche

Prunkgefolge erwarte er außer Landes.

Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die

Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten

Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August

und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit

den Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen

Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas

Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum

Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform,

nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris

aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten die

mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und versicherte

in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem Französisch, ein

Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro Exzellenz

Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und seinen

untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu

speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot,

wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und

ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie gestikulierte

mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, er

sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können, doch er

sei an strikte Ordres gebunden.

Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr

den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf

ihre Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter

auf. „Er Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos

lachend. Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen,

hellen Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend.

Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen

klang, wie gut sie spielte.

Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen.

Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß

Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den

Befehl Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein

gedrechselten Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre

ihrer Gegenwart habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern

Aussicht allerhöchsten Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die

Mahlzeiten zusammen. Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der

sich unter jedem Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin,

für die Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den

komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden in

aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes praktizierten.

Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß er eine fette,

alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und Beflissenheit

hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit hundert frechen

Anspielungen gewürzte Konversation, und er wartete mit Spannung, wie

weit sie die Auflehnung gegen den strikten Befehl Eberhard Ludwigs

treiben würde.

Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin

mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch

Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten

von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit

seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin

den Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann,

mit einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel

ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ

er sich wieder bei ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie,

ganz stille Hoheit, erklärte, sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu

ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren dort hatte hinkommen lassen.

Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst

vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal,

lehnte ab.

Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der Geheimrat

stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre Pferde

anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die

herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu

höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog

ihrer Kutsche nach.

Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und

Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare

Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc

Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters,

das die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.

Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.

* * * * *

Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte

er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher

Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich

angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief

zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“

pflegte er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste

Sud des Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So

wollte er ihre Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie

früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.

Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des

ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte

Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen

Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein

Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen

mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild.

Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig

belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich

ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl.

Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem

interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten

der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.

Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas

abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das

offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem

schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in

der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein

Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses:

auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl,

ein Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug

erbeutet haben.

Jud Süß · 第 6 / 37 题