ist es überhaupt wünschenswert, einem solchen Mittel nachzuspüren?
Ist das äußere Leben so reinlich, daß es mit dem Vollzug und nun gar
noch mit dem lückenlosen Vollzug von Lohn und Strafe betraut werden
kann? Und vor allem: ist das Obere so moralisch, sind wir so weise
regiert, wollen wir überhaupt so weise und patriarchalisch regiert
werden, daß uns unser Karma wie ein Pensum zudiktiert wird, dessen
negative Posten, bei Strafe des Rückfalls und Unheils im späteren
Leben, pedantisch und schulmäßig auszugleichen sind? Ist es nicht
frömmer, sich an das ungeordnete Leben zu halten als an eine solch
erbarmungslose Zuchtmeisterschaft, wie sie die Leides-, Läuterungs-
und Glückskausalität undurchbrechlichster Art darstellt? Schließlich,
wenn wir schon eine gebrauchte Seele haben und das Individuum genau
dort die Fäden seiner Arbeit aufnimmt, wo es sie präexistent liegen
gelassen hat, muß daraus nicht für die unten Wohnenden, die doch
auch nicht später angefangen haben, eine unendliche Verzweiflung und
für die besser arrondierten Naturen, denen alles: Glück, Talent
und Auserwähltsein dann wahrhaft als ihr Verdienst erscheint, der
schlimmste Pharisäismus die notwendige Folge sein? Sodaß also nur
die mittleren Menschen, deren Leben lau und dämmerig dahinfließt,
aus Nacht und Tag zugleich gemischt, von der Karmalehre so etwas wie
bessere Zeiten und einen Trostgesang vernehmen können? Vieles an all
diesen Einwänden ist richtig, aber vielleicht kann der Gedanke zur
Lösung dienen, daß uns die Wanderung ja nicht von den äußeren Umständen
und einem Gott dazu gesetzt worden ist. Nicht nur, daß wir alle das
Sterben, lebendig, einbeziehen können. Wir atmen die Todesluft, in der
wir eigentlich erst reifen, von der ersten Stunde an geschichtlich
um. Das teilt uns das Leben, gibt Stadien und Farbe und rettet vor
dem unbeweglichen Kind oder Jüngling. Sondern das Einbeziehen geht
noch weiter: wir, der klopfende Kern in uns hat das Sterbenmüssen auch
auf weiteren Bahnen selbständig besiegt. Wir sind lebendig geworden,
haben uns in dem unerhörten ersten Sprung zum Atem und zur Freiheit
hinbewegt und sind dafür mit dem Tod geschlagen, einem letzten sich
Wiederherstellen des anorganischen Zustands. Dieser ist schmutzig
genug, aber es gibt nichts, das mir weniger zugehören kann als die
entleerte Leiche, und die man deshalb nach dem ungeheuren Stuhlgang
des Todes schmerzlos hinwegspülen mag. Wir sind hier nicht nur derart
entronnen, daß die zuschlagende Tür nur mehr unseren Mantel faßt,
der uns sowieso nicht anders wie eine Hülse oder Erzstufe zugehört;
denn es war schon zu spät zur Vernichtung, und der Sprung der Seele,
sogar zur individuellen, geschichtlichen Seele, war schon geschehen;
sondern wir waren sogar imstande, den gleich der Zeugung unableitbaren,
wenigstens rein organisch, einzelwissenschaftlich, kontinuierlich
unableitbaren Tod zur weiten, abscheidenden, überdenkungsreichen und
wiederkehrenden, also kräftig intermittierenden Streuung unseres
Ich über die ganze Geschichte zu rationalisieren. Wir gebrauchen
den Tod derart nicht nur, daß wir aus ihm schon in diesem Leben ein
Todesorgan gemacht haben, ohne dessen innere Sekretion das Leben nicht
vollständig funktionierte, geschichtslos wäre und monströs verfettet,
sondern wir haben aus dem Tod auch noch eine Reihe verschiedener
Leben, eine Intermittierung zu verschiedenen Ebenenexistenzen der
Seele gewonnen, jenseits der festgewurzelten Bäume, mit Stirb und
Werde und dem Traum der paradoxesten Reise; wir späte Gäste am
tiefen Abend dieser Erde. Darum ist hier alles nur ~innerlich~
bestimmbar; darum sind die Wanderungen und das Karma und daß wir
selbst die Ursache unseres zukünftigen, wohlverstanden, unseres
rein inneren zukünftigen Lebens sind, eine bloße Überlistung des
Äußeren und Oberen der feindlich gewordenen Welt und keineswegs, wie
es anfangs scheinen mochte, das sinnlos empörende System eines bis
zu Desdemonas Taschentuch herunter geschlossenen Panlogismus der
realen Zufalls-, Glücks- und Erfolgsmaschinerie. Denn man darf nicht
vergessen, soviel auch Gemeinheit und Zufall im Leben reüssieren, so
ist doch das abspiegelnde Bewußtsein immer noch die letzte Instanz über
das tatsächliche Eigentum, so daß nicht nur, wie Schopenhauer sagt,
das was ein Tropf an den Schätzen Ostindiens»besäße«, ein Bettelkram
wäre gegen das Besitzgefühl, gegen die eigentlich erst daseiende Welt
des Cervantes, als er im Gefängnis den Don Quixote schrieb, sondern
alle Früchte, die wir im Leben pflücken, unsere gesamte Umwelt, sind
letzthin immer nur von dem her, was uns gehört, nach dem Maß unseres
Inwendigen zum Genuß zu bringen, und der Berkeleysche Idealismus reicht
hier erstaunlich weit, mit Psychologie Realitäten zu umkleiden und
zu besiegen. Darum also zurückkehrend: so bauen wir uns zwar nicht
den angeborenen, wohl aber den ausdrucksvollen Körper zurecht, so
bleibt uns unser scheinbar unangreifbarer Charakter wie in der Zeit,
so in der Ewigkeit historisch sehr wohl zu verändern. So sind wir
imstande, gegen das harte, sinnlose Muß des sozialen Schicksals an
einer innersten Stelle frei zu bleiben, sofern uns nicht nur aus allem
Leid Tiefe zu ziehen freisteht, sondern auch der mit uns mitgeborene
Aktionsradius apriorisch weiter reicht als der Ort, den uns die
jeweilige soziale Differenzierung angewiesen hat, weshalb eben nur der
vererbte Eigentumsbegriff gleich dem materialistischen Mißverständnis
des sogenannten Adels zu verschwinden brauchte, um wenigstens hier das
Innere auch ins Objektive zu bilden. Wie dem immer sei, nichts ist
im Leben einmalig, nichts Zufälliges ist unwiderruflich, der status
viae liegt weit über dem Tod hinaus, der keineswegs den steinhart
prägenden status termini bildet; und bleibt auch, gemäß dem Ephemeren
aller hiesigen Verwirklichungen, der organische und soziale Pessimismus
letzterdings unaustilgbar, so ist uns doch das Bildenkönnen an unserem
eigenen Geistmenschen als unzerstörbare Enklave von Sinn, fortwirkender
Kausalität und wenigstens moralischer Logik sichergestellt. Damit
aber wird noch ein Tieferes, ideologisch genug, und Endgültigeres
gewonnen. Wir haben die Weichen zu stellen, auf uns liegt die Qual der
Richtung, aber wir gehen zugleich mit, wir gehen den guten lebendigen
Weg, den Weg des Ziels, zu Ende, da wir selber dieser Weg sind. Wir
leben durchaus das Weiterleben mit, wir leben, nicht jederzeit, aber
intermittierend und vor allem an seinem Ende das Leben als das ganze
Leben, als das breite, historische, der »Menschheit«insgesamt, als
einem dereinst sehr konkret vollzähligen, durchaus nicht nur abstrakten
Bedeutungsbegriff zuerteilte Leben. Oder anders gesagt, da wir
mehrfach in Erscheinung treten, so kann sich unser Dasein weit über
die Geschichte ausbreiten, ja es ist uns Menschen möglich geworden,
als dieselben Menschen in den verschiedenen Jahrhunderten zu leben,
eigene, wenn auch, da wir unser tiefstes Subjekt nie erfahren können,
von keiner Erinnerung an unsere Identität begleitete Geschichte zu
erleben und insofern, worauf ja auch die Auferstehung aller Toten im
einfachen Unsterblichkeitsdogma hinweist, am letzten Ereignis der
Geschichte subjektiv existent zu sein. Alles könnte vergehen, aber das
Haus der Menschheit muß vollzählig erhalten bleiben und erleuchtet
stehen, damit dereinst, wenn draußen der Untergang rast, Gott darin
wohnen und uns helfen kann -- und solches führt aus der Seelenwanderung
heraus auf den Sinn der echten sozialen, historischen und kulturellen
Ideologie. Es wäre schon gar nicht denkbar, vergangene Zeiten zu
verstehen oder gar die geschichtlich-rhythmische Wiederkehr lebendiger,
also individualistischer und»abstrakter«, also theologischer Zeiten
zu deduzieren, wenn es nicht ein wechselndes Eintreten, gleichsam
einen Polwechsel zweier dergestalt verschiedener Geistigkeiten in der
Geschichte gäbe, der uns jetzt etwa Griechenland und die Renaissance
wie die Arbeit der fremderen und die Primitive, Ägypten, die Gotik,
dieses christlich erleuchtete Ägypten, und vor allem das nur unfähig
unterbrochene Barock wie die Arbeit der Brüder, ja des eigenen
Selbst, wie die Lücken der eigenen Erinnerung, wie nur uneigentliche
Vergeßlichkeiten, wie bloße Maimonsche Differentialien des Bewußtseins
verstehen ließe. So wird schon die Geschichte in zwei Räume geteilt; in
einen unteren, irdischen und einen oberen, unsichtbaren, zwischen denen
sich dieser Rotationswechsel der zwei Gruppen und Zeiten vollzieht,
sofern in dem oberen Raum als dem Raum der Abgeschiedenen, als dem
Zwischenreich zwischen Hier und Dort, die Geschichte oder die Typologie
des nächsten Zeitraums jeweils ihre wesentliche kausale Prägung
erhält; aber darüber, über der Kausalität der Abgeschiedenen und ihrer
Seelenwanderung, herrscht noch die die großen, letzten, sprunghaften
Ereignisse regelnde Bewegung des überbleibenden menschlichen
Zentralichs überhaupt, dessen letzte Selbstbegegnung, dereinstige
noch nicht erlangte Selbstinvention die Hoffnung Gottes, die Geburt
und Einsetzung aller Dinge und Wesen in ihr Eigentum, das absolute
Zentrum der Realität darstellt. Was die Menschen treiben, ist das
Mannesalter der Welt, und ihre Zeit, die Zeit des Seelenumlaufs, die
historische Zeit, mit ihren weiten, mindestens im Subjekt, im cogito
ergo sum wohl und tief fundierten Zweckreihen, ist die wahrhafte,
konstitutive Mysterienbühne: das Wasser rinnt, der Feuerfluß der Erde
ist erloschen und auch die großen Mutationen der organischen Welt sind
seit langem entkräftet, aber die Menschen sind am Werk geblieben und
diese führen nun die breite, historische, subjektive Metaphysik zu
Ende, das Leben der alles überholenden, gegen den Himmel donnernden
Durchbruchsgeschichte in die Geistes- und Persönlichkeitssphäre und
ihres ruhelosen Exempels auf den Namen Gottes. --
Gestalten der universalen Selbstbegegnung oder Eschatologie.
Nun aber, letzthin, wir sind dieses noch nicht. Sondern wir gehen und
träumen, das Unterwegs ist dunkel.
Manches geschieht hier zwar, zu beenden, ~überhaupt~ zu werden.
Jedoch wir sind nicht nur selber sterblich, auch in dem unter uns
liegenden, uns tragenden Gebiet zeigen sich geheimnisvolle, gefährliche
Vorgänge am Werk.
Wir sind ihnen scheinbar völlig entronnen. Nichts mehr von dort reicht
noch zu uns herauf, wir haben uns längst auf einen anderen Weg begeben
und ein eigenes Reich gebaut. Vielerlei trug dazu bei, frei zu werden,
gegen den Störenden, jetzt irgendwie mehr als je, und die Gesichter
sind, ob sie es wissen oder nicht, in allen diesen Veranstaltungen der
Freiheit nach einer einzigen Richtung gewendet.
So wünschen wir, zweckhaft, zu ersparen, zu erleichtern, zu
vereinheitlichen. Freilich die Menschen arbeiten, ohne zu wissen, was
sie tun und mit versiegelter Ordre an der Wohnlichmachung dieser Erde.
Man bleibt entweder hier und überläßt nach dem ebenso kapitalistischen
wie kommunistischen Wortlaut den Himmel den Engeln und den Spatzen,
oder weist unkräftig, weltflüchtig, zusammenhanglos, doch ohne alles
alte Feuer hinüber, wo unsere irdisch finale Arbeit nichts mehr zu
bedeuten gewohnt ist. So liegt unserem heftigen gemeinsamen Mühen
kein anderer als der geldwirtschaftliche Zielgedanke zugrunde, ein
magerer barbarischer Inhalt, der sich bald genug an seiner eigenen
Unfruchtbarkeit totläuft. Es nützt demgegenüber wenig, daß sich auch
noch andere, idealischere Bestrebungen zeigen; denn solange ihnen
nicht die Kraft zugebilligt wird, entscheidend verändern zu können,
entscheidend eingeordnet zu sein, bleibt, wie das Geschäftliche
sinnloser Rekordbruch, so das Genossenschaftliche, das Geistige
beliebig, das eine eine bloße Magenfrage, das andere eine Lüge um
das Geschäftliche herum oder aber, nachdem der Hunger gestillt und
der Luxus frei wird, ein Sport, ein Possenreißen, ein Spaß und eine
Unterhaltung, eine beschäftigungslose Wahrheit an sich, Erforschung
der Mückenseele oder (worüber nicht nur die Amerikaner, sondern auch
Dostojewski spottet) eine Abhandlung über die hanseatische Bedeutung
Hanaus und über die besonderen und unklaren Gründe, weshalb Hanau zu
einer derartigen Bedeutung seinerzeit überhaupt nicht gekommen sei
-- mithin, der Geist wird zu einer bodenlosen und im Grund ruchlosen
Phrase.
Aber unsere Mühlen mahlen trotzdem langsam und sicher. Es kam
das rastlose um sich Greifen, das für sich Arbeitenlassen und
Ersetzen durch mechanische Kräfte. Es wird noch kommen die dadurch
geschehene Entlastung der Menschen mittelst der Technik, und ihre
nicht mehr aufzuhaltende Segnung des Lebens, nämlich die mögliche
Abschaffung der Armut und die durch das revolutionäre Proletariat
erzwungene Entlastung der Menschen von den Fragen der Ökonomik. Es
kommt weiterhin die fortschreitende und nicht nur kolonialpolitisch
festgelegte Einbeziehung fremder Gesittungen und Phänomenologien
in einen gemeinsamen Blickpunkt, gemäß den alten Absichten
des Missionsgedankens. Es kommt die nicht mehr zu vereitelnde
föderative Annäherung der Staaten selbst, damit die Verschwendung
der abgeschlossenen Kulturen aufhöre und der heilige Mitmensch,
der universelle Christus geboren werde. Es kommt schließlich der
alles Innerliche, Stille, Irrationale des Menschenlebens neu
pointierende Wiederaufbau der Kirche als der Erziehungs- und
metaphysisch zentralisierenden Heilsanstalt überhaupt. So geht das
zu sich Freiwerden, wie bereits zu sehen war, nicht dahin, leichter
einzuschlafen oder die genußhafte Bequemlichkeit der jeweiligen oberen
Klassen allgemein zu machen; es wird nicht erstrebt, bestenfalls
noch Dickens oder die Kaminwärme des viktorianischen Englands zu
erwerben, sondern das ist das Ziel, das eminent praktische Ziel, ein
Moment sozialistischer Ideologie: jedem Menschen außer der Arbeit
Zeit, seine eigene Not, Langeweile, Armseligkeit, Bedürftigkeit
und Finsternis, ein Leben im Dostojewskischen zu schenken, damit
er vorab mit sich, mit seiner moralischen Parteiangehörigkeit im
reinen sei, wenn die Mauern des Körpers, des Weltkörpers fallen,
der uns vor den Dämonen schützte, wenn also die Befestigungen des
irdisch eingerichteten Reiches abgebrochen werden. Und nun, zu allem,
der wahrhaft schöpferische Gedanke erwacht. Sein fernes Wehen geht
voraus, der Morgen einer neuen Parusie will erscheinen. Was sich aber
hier berufen zeigt, tätig einzugreifen, das kommt gewiß euchairôs,
geschichtsphilosophisch zurecht, zu Recht, auch wenn nicht die gerade
lebenden Menschen, sondern nur das, was der Zeit voransteht, sein
aufnehmender Zeuge sein sollte. Wie es sich in diesem Buche regt, zu
wissen, was zu tun sei und die Ichwelt aufzuschließen, so sind bereits
diese ersten Skizzen aus dem System nicht für das Publikum, sondern,
geschichtsphilosophisch diktiert, für den Menschengeist in uns, für den
Gottgeist im Zustand dieser Epoche, als Anzeiger seines Standindexes
geschrieben; und jedes Buch in seinem Gesolltsein, in seinem Apriori,
die Kraft dieses Utopiebuchs möchte zuletzt wie zwei Hände sein, die
eine Schale umspannen, wie zwei politische Hände, die die gewonnene
Schale zum Ende tragen, gefüllt mit dem Trank der Selbstbegegnungen
und der Musik, als den Sprengpulvern der Welt und den tropischen
Essenzen des Ziels, hoch emporgehoben zu Gott. Nur derart ist das an
sich Nutzlose, Anarchische und allzu Objektivhafte, Literaturhafte
der geistigen Gebilde überhaupt in den Rahmen, ins Relief zu bringen,
vermittelst eines geschichtlich-teleologischen Hintergrunds, der allem,
was die Menschen über sich an Werken erschaffen, Fluß, Strom, Richtung,
Heilswert und metaphysischen Ort zuweisen läßt, den Ort einer anderen
Probe, einer ruhelosen Mobilmachung, den Ort der echten sozialistischen
Ideologie, den Ort des großen Feldzugsplans der Zivilisation und
Kultur, gerichtet gegen die menschliche Gemeinheit, gegen die
alles durcheinanderschleifende Unordnung der Welt, gegen die kalte
Teufelsfaust des Mißlingens, des Zerstörungsdämons und derart gegen,
zugunsten des drohenden Problems der Apokalypse. Hier fließt allen
Nebenflüssen ihr letzthiniges Hauptsystem: die Seele, der Messias, die
Apokalypse sind das Apriori aller Politik und Kultur.
Nichts kann uns hier außerhalb der gewöhnlichen Todesmittel dauernd in
den Arm fallen. Aber gerade deshalb, weil uns innerlich, im Schatten
der von uns erbauten Türme, nichts mehr bedrohen kann, sucht seit den
vierhundert Jahren unserer völligen Wanderschaft und Emanzipation
das böse Gewissen des Endes den Prozeß zu verlangsamen. So kommt
uns das Böse nicht mehr als Hoffart nahe, sondern ganz im Gegenteil
als Schlaf, Ermattung, Verschleierung des Ich und Verzerrung des
Jenseitigen, in unendlich viel furchtbarerer Weise: denn daß man nicht
mehr an ihn glaubt, umgekehrt wie bei Gott, daß man den Blick für das
kassierte Transzendente verliert, dieses macht den eigentlichsten
Triumph des Widersachers aus und erleichtert sein rachsüchtiges
Beginnen. Es sind derart vor allem zwei Punkte, und zwar gerade
gegen die beiden Kriterien der philosophischen Objektivität als des
letzten Kulturbegriffs überhaupt, an denen sich die Bösartigkeit des
uns hassenden, rachsüchtig gewordenen, von uns überholten Moments in
Gott, Satans in Gott entfaltet. Es kann einmal die Herzen verhärten
und vor dem Nächsten sich verschließen lassen. Es kann sich noch
weiter einmischen und unser luziferisches Wesen selber, nachdem es
das bloß Scheinbare des ersten Sündenfalls, des Seinwollens wie
Gott, durch die Propheten und Christus durchschaut hat, verblenden,
falsch selbständig, unsubstanzial machen, und so das Schaffenwollen
oder Wissenwollen oder Seinwollen wie Gott so kurz abstecken, daß
die Schöpfung des wahren letzten Gottes darin ermattet und das Feuer
des Wir und des Überhaupt erlischt. Aber keines unserer Gebilde darf
mehr selbständig werden, die Seele darf sich nicht weiter von den
Mitteln und falschen Versachlichungen ihrer selbst aufsaugen lassen.
Es ist sowohl notwendig, daß die äußerlichen apparatlichen Hilfsmittel
von Maschine und Staat unten gehalten werden, im Zustand der bloßen
Entlastung, als auch, daß die künstlerisch, religiös und philosophisch
errichteten Werke als bloße Aufsparmittel oder Herstellungsmittel
von Seele, unter dem Druck der möglichen Zurückwandelbarkeit,
Zurückverwandelbarkeit, gedacht und begriffen werden. Alles menschlich
Entfremdete ist letzthin wertlos, sofern Gott, dem wir unsere Reinheit
schulden wie er uns die Erlösung schuldet, am jüngsten Tage nur die
Ethik als Goldwert anerkennt, während das gesamte formhaft Entäußerte,
Abgezogene, scheinbar für sich Objektive nur als Hilfe und Anweisung
darauf, nur als Erziehungszoll und Assignate zu gelten vermag. Und es
scheint, daß der giftige, dem Atmen feindliche Nebel der Kälte nicht
nur die Herzen soweit verhärten kann, daß in ihnen Neid, Verstocktheit,
Ressentiment, hämische Ablehnung des Oberen, weil es ein Oberes ist,
wohnen, womit die zweite, allein echte Erbsünde, das nicht-Seinwollen
wie Jesus, begangen wird, sondern auch den Geist soweit zu erschlaffen,
zu verhärten vermag, daß sich hier der weitere Teil dieser Erbsünde,
nämlich Blendwerk, Weltzufriedenheit, Staat als Selbstzweck,
Bildzufriedenheit und antichristlicher Panlogismus inszeniert und
derart das Ertragen des Abstands, das nicht-Seinwollen wie Gott als die
eigentliche und bewußte Formel des Antichristentums eingräbt. Aber das
alles ist noch nicht der eigentlichste Trumpf des Gegengotts: dazu ist
das Seelische noch zu zart, auch zu sehr mit Gegenkräften gemischt; und
nun zeigt es sich, welch andere, längst nicht mehr beachtete Pferde uns
noch auszuspannen sind, welch eine Kraft des Störens und des Vereitelns
in der Dummheit des einfach wertfreien, gottverlassenen Kausalnexus
noch zu wirken vermag, wie kräftig sich der am Anderen rachsüchtig
entbrannte Schöpfergott noch auf sein eigentlichstes mächtignichtiges
Machwerk, immer noch unseren Raum, zurückzuziehen versteht, und welch
eine furchtbare andere, absolutere Art des Sterbens und Todesmittel in
der physischen Natur noch bereit liegt.