am Unzulänglichen zu leiden, wenn nicht in uns etwas weiter triebe
und weit über alles Leibliche hinaustreiben wollte. Es wäre uns nicht
vergönnt (wie wir es dauernd tun), etwas zu erwarten, gerichtet auf
das vor uns, zu dem wir bestimmt sind, wenn wir uns nicht wie Kinder
fühlten, aber eines Tages öffnet sich die stets verschlossene Kommode,
in der das Geheimnis unserer Herkunft versteckt ist. So zeigt sich hier
eine gewaltige und unabgeschlossene Willens- und Apperzeptionsmasse
des Tendierens am Werk. Das ist mit daran schuld, daß der Schmerz so
stark und die Freude so sehr viel schwächer zu fühlen und so sehr viel
schwieriger zu gestalten ist. Das ist aber auch mit ein Grund, weshalb
die freudigen und wertvollen, die zum Gewinn gewordenen Elemente
unseres Lebens so genau und wesentlich in der Erinnerung, dieser
höchst metapsychischen Gabe, festgehalten werden. Freilich, das große
Maß zeigt uns nicht weniger wahrhaft furchtbare Lächerlichkeiten,
Unzulänglichkeiten und vor allem zuletzt die Blutleere des Definitivums
allzu weiter, allzu langsichtiger Zweckreihen. Denn darüber, so sehr
man des Gewissesten fühlen mag, beim Anblick der Geliebten: diese Seele
kann nicht vergehen, oder bei der Wesensanschauung des inneren Sinns,
daß der Mensch nach seinem Innersten zu nicht sterben kann, -- darüber,
über das Definitive, vermag auch die evidenteste Phänomenologie nichts
auszumachen.
Was rings umher liegt, ist, wie es ist. Aber wir sind eingeengt,
eingefaßt im sonderbarsten Rahmen. Wir tragen einen Leib, der
lächerlich an uns ist, ein noch brennendes Leichenwachs, nur
geschlechtlich und so indirekt zu lieben. Wir sind gezwungen, diese
erstaunliche Abart unseres Ichs herumzuführen, sie verdauen und sich
nähren zu lassen und unentrinnbar, als empfindendes Ich von ganz
anderem Tempo, in diesem verletztlichsten, hinfälligsten Gewebe,
in diesem einfach nur in unsere Nähe gerückten, dichter mit uns
zusammenhängenden Empfindungskomplex zu hausen. Und was soll uns das
sich Empfinden und unzerstörbare Sosein dieses Ich selber? Es ist für
die wenigsten erfreulich, mit diesem bösen Herzen und diesen festen
Begabungsgraden geboren zu sein, wobei zudem dem Selbsthasser das
Ressentiment gegen den scheinbar grundlos Bevorzugten noch mehr ein
Gift als ein Linderungsmittel zu werden pflegt. Das führt aber weiter
zu dem eigentlichen Rätsel, zur Empörung der individuell-sozialen
Präformiertheit. Den meisten Kindern, noch bevor sie geboren sind,
ist schon ihre Grabschrift aufzusetzen, so genau und unentrinnbar
werden sie im Durchschnitt von den Häusern festgehalten, in denen sie
scheinbar wahllos aus einem von allem sozialen Wellenschlag unberührten
Grund auftauchen. Die Empörung greift hier persönlich ins Leere:
weder die Eltern, noch irgendeiner der gestorbenen oder lebenden
Vertreter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung können in dem
jeweils vorliegenden Fall als schuldige Ursache dieser anscheinend
beliebigen Streuung in der sozialen Klassenschichtung bezeichnet
werden. Aber auch denjenigen, die besser weggekommen sind und diesen
erst recht lauert ein bösartiger Zweifel auf, nur vorübergehend noch
beschwichtigt durch die Gesundheit und Lebenskraft, genauer gesagt,
durch die versetzten Reste einer früheren, gegenwärtig nur noch bei
den leicht sterbenden Chinesen vorhandenen transzendenten Sicherheit.
Denn eben was rings umher liegt, bleibt, was es war. Aber wir werden
nur geduldet und haben Fäulnis zu erwarten. Der Sand bleibt, das
Glas bleibt, selbst von mir bleibt noch mein Schädel, warum muß das
Gehirn in ihm vergehen? Und wohin fällt die einzelne Arbeit zurück,
nachdem es hier keine Gruppenseele mehr gibt? Gewiß zum großen
Teil ins Gedächtnis der Menschen, in die der Länge nach gestreckte
gesellschaftliche Wirkung, Nachwirkung, Mitwirkung der Tradition.
Damit ist also der Tod wenigstens sachlich, was die Werke angeht,
besiegt. Aber wir machen dieses Weiterleben nicht selber mit, und der
in anderen, ja streng genommen, da diese ja auch sterben, der nur
in sich belebte, freischwebende Ruhm- oder Werkimpuls fällt nicht
nur bei den meisten Durchschnittsmenschen notgedrungen weg, sondern
auch die reiche, gänzlich dem Werk geopferte Seele kann in diesem
Objektiven schwerlich ihren Aggregatszustand empfinden. Auch ihr sind
die Erdklumpen, die auf uns heruntergeschaufelt werden, der letzte
irdische Laut. War dann nicht alles vorher schon viel zu viel, brauchen
also, wie wir fragten, die Leichen den weiten Faltenwurf der Fragen,
Sorgen, Schwierigkeiten, Staats- und Kulturprobleme, überhaupt der
Kulturglanz einer wie immer gearteten Ideologie? Es ist entsetzlich,
derart zu leben und zu arbeiten und dahinter wirft man uns in die
Grube. Kurze Zeit war es hell, ein rätselhaft verheißender Auftakt mit
starken, in ihm unvollendbaren Zweckbeziehungen, und dann wird das
Leben so über jedes Maß hinaus zu nichts, als ob auch vorher nichts
gewesen wäre, als ob, auch wenn man tausend Auftakte addierte, vor
diesem Nichts, vor diesem flachen und unergründlich tiefen Schacht
zugleich, überhaupt keine persönliche Geschichte bestanden hätte. Und
es ist ein so unvorstellbar Anderes, blind, kalt, faulig zu werden, mit
eingefallenen Augen und tief drunten im engen, schwarzen, luftlosen,
fest verzinkten Sarg, daß dagegen die schon im Leben bedenklichen
reinen Sachlichkeiten nicht gerade vollzählig als die Inhalte und der
Ort unseres weiterbestehenden»Bewußtseins«begrüßt werden können. Gewiß,
wir bleiben erinnerungsmäßig zurück, aber nicht einmal so wie alte,
gute Stöcke, Tische, Häuser auch zurückbleiben, die eben so wie sie
gehen und stehen, das Ende ihres bloßen Gebrauchswerts und den Beginn
ihres Galerietons erleben. Sondern die Geschlechter ziehen, und selbst
wenn man das sentimentale Interesse an unserem kurzen Tag, an der
Einsamkeit und gräßlichen Sepsis unseres Aufhörens beiseite läßt, so
bleibt doch immer noch dieses objektivere Problem übrig: wer lebt das
Weiterleben mit, wer oder was lebt das Leben, als das ganze Leben, als
das breite, historische, der»Menschheit«insgesamt zuerteilte Leben?
Lohnt es sich bei der erbärmlichen Kürze unseres Daseins, die Arbeit
nicht nur für die Kinder und die Familie und das schon gegenwärtig
über-individuell bestehende Staatsgebilde, sondern auch für all das
Breitere mit zu übernehmen, das von keiner einzigen Seele jemals als
~Ganzes~ aktuell zu erfassen ist, und das nur begriffsrealistisch
als Geschichte oder Menschheit oder als welche Objektivität immer
besteht? Vielleicht könnte das Arbeiten für die Kinder, die eben als
meine Kinder und damit als Teile meines Ichs erlebbar sind, noch ein
Arbeiten auf langsichtige Strecken hin begründen. Aber das Huhn ist
der Umweg des einen Eis zum anderen; und muß man auch sonst nicht
jenen müden Übriggebliebenen Recht geben, die Artzibaschew nach der
ersten verunglückten russischen Revolution geschildert hat, daß es
doch den hellsten Wahnsinn bedeute, sich zum Galgen führen zu lassen,
damit die Arbeiter des zweiunddreißigsten Jahrhunderts keinen Mangel an
Nahrung und Geschlechtsgenüssen leiden? Wozu sollen sich die Menschen
so heftig aufbrauchen und zur Pflicht verwandeln, wozu sollen sie aus
dem Wachstum die Moral des Schenkens, aus der Geschlechtsliebe die
Moral der Haus- und Gesellschaftsgesinnung, aus dem Sterbenmüssen, dem
Todbewußtsein die Moral des Dauernden, Überwölbenden, Überephemeren,
zuhöchst des Werks entnehmen, wenn letzthin das alles, im Großen,
Endgültigen gesehen und überdies nominalistisch aufgelöst, nur für die
Bewohner einer kaum erspähbaren, nur abstrakt zu liebenden, wie gesagt,
nur im Gehirn existenten, inhaltlich völlig unvorstellbaren Zukunft
geschieht, die überdies auch von uns nichts wissen kann, von unserem
Dienen im Ganzen und unserer Heterogonie der Zwecke, und nur noch
die allergrößten Helden dieser Gegenwart am Himmel eines objektiven
Ahnentums erblicken dürfte. Und was soll nun selbst dieses oberste
geschichtliche Dasein bedeuten, nachdem das gesamte Menschenleben auch
in der weitesten historischen Breite von der Möglichkeit bedroht ist,
daß sich Nietzsches kluge Tiere in irgendeinem abgelegenen Winkel des
Universums die Augen reiben, mit allerhand skurrilen Ehren behängen
und das Phosphoreszieren ihrer Gehirne für Erkenntnis halten, daß also
-- und dann ist der Tod alles andere eher denn ein Musaget -- auch
unsere einleuchtendsten Werke, auch unsere menschlich evidentesten
Selbstverdeutlichungen wie Trümmer in einem namenlosen Strom treiben
oder sinnlos in den reflexiven ad hoc-Bedeutungen umherstehen, die
unser kleiner Lokalpatriotismus von Kultur inmitten eines darum völlig
unbekümmerten Universums imaginiert hat.
Auf alle diese Fragen gibt es nur eine Antwort offenbarter Art.
[Sidenote: Über Seelenwanderung.]
Was wir sterben nennen, bedeutet, daß es uns erlaubt ist aufzusteigen.
Und zwar entweder dauernd oder nur so wie Nebel und Wolken, die sich
immer wieder entstürzen. Man kann daher entweder annehmen, daß wir
gänzlich abgetrennt werden und nie zurückkehren können oder daß uns das
junge Leben, das Leben von vorne an, immer wieder von neuem gewährt
wird. Das Erstere, Härtere, wie es bereits alles als endgültig setzt,
bildet den Inhalt der einfachen Lehre von der unsterblichen Seele.
Das Andere ist nicht eigentlich jüdisch und auch nur bedingtermaßen
christlich gegeben. Denn jüdischerseits ist von dem, was drüben
geschieht, überhaupt nur selten die Rede; Scheol, das Schattenreich,
deckt alle Geheimnisse zu. Aber was verborgener zwischen oder besser
in den Zeilen steht, kann allerdings gelegentlich auf dieses Andere,
auf seelenwanderische Gedankengänge hindeuten. So in Hiob 1, 21:»ich
bin nackend von meiner Mutter Leib genommen, nackend werde ich wieder
~dahin~ fahren.«Weiterhin 1. Mose 3, 19:»bis daß du ~wieder~
zur Erde werdest, von der du genommen bist,«5. Mose 33, 6 (nach der
aramäischen Übersetzung des Onkelos): »Ruben lebe und sterbe keines
~zweiten~ Todes,«Pred. Sal. 1, 4 und 9:»Ein Geschlecht vergeht,
das andere kommt -- was ist's, das geschehen ist? Eben das, was hernach
geschehen wird, was ist's, das man getan hat? Eben das, was man hernach
wieder tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.«Es scheint
auch, daß sich 2. Mose 20, 5: »denn ich, euer Gott, bin ein eifernder
Gott, der die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte
und vierte ~Glied~«-- am besten als für das gleiche Ich geltend
ausgelegt wird, vor allem wenn man sich an jenen Jehovah erinnert, der
doch Sodom um zehn Gerechter willen nicht vertilgen wollte und als
sich diese Zehn nicht fanden, Lot, sein Weib und seine zwei Töchter
durch Engel aus der Stadt hinausführen ließ. Freilich, das sind nur
wenige Stellen, die durch die Umbetonung des Dahin oder des Wieder
oder des Glieds der Seele nicht beweiskräftiger werden, noch ganz
abgesehen davon, daß zumeist das Weitere, der Nachsatz dieser üblichen
kabbalistischen Auslegung widerspricht. Da Jesus diese Fragen völlig
unausgeführt gelassen und nur von einem letzten Auferstehen am jüngsten
Tag gesprochen hat, so ist trotz mancher Andeutungen, wie Matth. 11,
14, wonach Johannes der wiedergeborene Elias sein soll, und obwohl sich
die Kirche später auf längere Zeitdauer einrichten mußte, auch nach
dem Neuen Testament die Unsterblichkeitslehre, diese ~abgekürzte~,
bei Jesus mit der unmittelbarsten Nähe des jüngsten Gerichts rechnende
Form der Seelenwanderungslehre das wesentliche Dogma der christlichen
Kirche geblieben. Aber überall sonst, wo bloß eingeweihte Männer und
nicht der freilich alles Geschehen aufhebende Messias sprechen, in
allen Geheimlehren der Welt, nicht nur in der buddhistischen, sondern
genau so gut im innersten Sudan, im druidischen Irland, bei den Sufis,
in der Kabbala, bei den Katharern, im ganzen alten christlichen
Rosenkreuzertum bildet das Zweite, Gerechtere, Liebevollere, die
Seelenwanderung, diese aufgeteiltere, kompliziertere Form der
Unsterblichkeit, wie sie die fünf törichten Jungfrauen auch nach
Mitternacht noch das Öl erlangen läßt, wie sie demnach nicht bereits
alles, was uns hier betroffen und gehindert hat, so zufällig und unrein
es auch sein mochte, als wesentlich setzt für das Schicksal der Seele,
-- sowohl das letzte Lehrstück der Neophyten als auch das regelmäßige,
vergleichend feststellbare Arkanum in den Mysterien selber, unberührt
von den Schwankungen des Astraldienstes oder Logosdienstes.
Zudem, das Sterben mag in der Lehre von der persönlichen Fortdauer
genügend begriffen sein. Aber wohin soll, um von allem anderen noch
zu schweigen, die Geburt verwiesen werden, das Herabsteigen der von
Anfang an geschaffenen Seele, wie sich doch selbst das Dogma der
Unsterblichkeit ausdrückt? Weshalb soll diese Verkörperung, wenn
sie schon ein einziges Mal zugegeben wird, in ihrer Einmaligkeit
festgehalten werden, und was zwingt dazu, solcher Einmaligkeit zuliebe
an der Konsequenz einer unbekannt fortrollenden Anzahl der Seelen
festzuhalten? Wenn es aber nichts gibt, das die Seelen begrenzt,
als der jüngste Tag, dann läßt sich freilich schließen: es hört
auf, wenn Gott will, oder vielmehr, daß es aufhört, war schon von
Anfang an göttlich vorgedacht, so daß es wahrlich zur rechten Stunde
aufhört und das Seelische insgesamt verbraucht und verkörpert ist,
sobald man es nicht mehr braucht; es läßt sich aber auch umgekehrt
und angesichts des Beliebigen in allem Geschaffenen vielleicht mit
mehr Recht argumentieren: wenn der jüngste Tag die Seelen begrenzen
soll, dann begrenzt die Seelenzahl auch den jüngsten Tag, das
heißt dieser ist dann seinem Begriff nach gegeben, wenn die nichts
bedeutende, undeduzierte, schlechte Endlichkeit der Seelenzahl durch
ihre einmaligen Geburten erschöpft ist, so daß sich hier der rein
mathematische Begriff eines erfüllten Quantums an die Stelle des
naturphilosophischen Begriffs der Katastrophe oder des metaphysischen
Begriffs: das weiß nur der Vater allein, mithin an die Stelle des
Sprungs im göttlichen Mysterium gesetzt hat.
Darum, wenn es uns erlaubt ist, die Erde zu verlassen, so bedeutet
es ein tieferes Recht, wieder auf diese Erde kommen zu dürfen. Wir
gehen zwar nackt und frierend, aber nicht hoffnungslos hinüber. Denn
wir nehmen uns mit, wie wir uns geworden und zu eigen sind, als
Innerliche, je nachdem, und noch Unfertige, und diese Nachklänge
erfüllen den körperlosen Schattenzustand des Drüben. Oft schwingt es
sich von hier aus schon soweit zum anderen, daß man, wenn auch ein
eigentlicher Vortod nicht zu erleiden ist, doch ein inneres Gepäck für
die furchtbare Reise, für das kohlschwarze Gewoge mit ungewissem Segel,
überdenken kann.»Die wilde Jagd des Lebens geht zu End' ... Komm! Seh'n
wir, ob im Herd ein Feuer brennt,«läßt C. F. Meyer den sterbensmatten
Hutten sagen. Es gibt überdies den Ton, der uns Lebende »überrieselt«,
und der die Sterbenden sich aufrichten und in die Höhe zu hören zwingt:
»Sie vernahmen's umher und wußten nicht, was sie vernahmen.
Aber der Seraph ergriff das seelenvolle Gewebe
Seiner Saiten, und noch in den süßen Qualen der Freude
Irrt' er mit wankender Hand die strahlenden Saiten herunter« --
singt Klopstock im zwölften Gesang des Messias vom Tod der Maria, der
Schwester des Lazarus, und sie starb, weil sie nicht die Entzückung
ertragen konnte, die die Stimme des Himmlischen in ihr brechendes
Herz strömte. Es gibt noch immer den alles überwältigenden Schein,
von dem uns so manche Zeugnisse der Bekehrung und Wiedererinnerung
berichten, und noch immer zeigt sich jenes delphische Weihgeschenk,
bei dessen Anblick Pythagoras halb ohnmächtig: mein Schild! ausrief,
und das der Schild des Achilles war, in jedem großen Ereignis
aufgehängt. Gewiß, es ist uns versagt, tiefer hineinzusehen oder
gar, trotz der fausse reconnaissance, uns als dieselben, als die
Wandernden zu rekognoszieren; aber schon das Gedächtnis ist eine höchst
sonderbare Gabe, und der Begriff der Seelenwanderung, als der Einheit
von Epimetheus und Prometheus, ist imstande, dieser Gabe auch noch
die Hoffnung, ein anderes metapsychisches Rätsel, ohne Widerspruch
hinzuzufügen. Deshalb rasen uns in Lebensgefahr alle vergangenen
Bilder vorbei, deshalb rühmte sich Perikles in der Todesstunde, daß
durch ihn keinem Bürger Unrecht geschehen sei, deshalb tritt nach der
tiefen kabbalistischen Überlieferung derselbe Engel, der zuerst als
Flämmchen auf dem Haupt der Frucht brannte und die Seele während der
mütterlichen Schwangerschaft in den oberen Reichen umhergeleitete,
dann, wenn es zum Letzten geht, als der Engel des Todes wieder ans
Sterbelager, und nun erkennt der Mensch seinen doppelten Hüter, er
erkennt an ihm, an diesem furchtbaren Pegel und Standindex von Anfang
und Ende, um wieviel er zurückgeworfen, um wieviel er näher gekommen
und wie groß die Schuld ist, die ihm sein Leben gegen sein Urbild
offen gelassen oder auch getilgt hat. Meine Tat ist mein Besitz, sagt
Buddha, meine Tat ist mein Erbteil, meine Tat der Mutterleib, der
mich gebiert; meine Tat ist das Geschlecht, dem ich allein verwandt
bin, meine Tat ist meine Zuflucht. Nichts anderes ist eben der Inhalt
aller alten Einweihungen: ich durchschritt die Pforten des Todes
(der scheinbare Sarg, der Sarg des Lazarus), betrat die Schwelle der
Proserpina (hier erkennt sich die von der Unterwelt, von Pluto, der
Vergangenheit, der Materie geraubte Seele als dieselbe wieder), und
nachdem ich durch alle Elemente gefahren war, sah ich in der Mitte
der Nacht die Sonne in ihrem hellsten Schein (Armut, Leid, drohendes
Erlöschen des Lichts, völlige Dezembernacht der Welt, Geburt des Horos,
Mithras, Christus, Messias) -- was hier Apulejus von den eleusinischen
Mysterien berichtet hat, gibt den Inhalt der gesamten vergleichenden
Esoterik, auch der des Christentums in diesem Punkte wieder. Aber
die abgeschiedene Seele will wieder jung und verkörpert werden, wir
werden von ihnen drüben gesucht, und die Brüste, der blühende Leib
sind ihre Mittel, uns anzuziehen, sich anzukleiden. Die Umarmung der
Liebenden ist die Brücke, auf der die Toten wieder ins Leben schreiten,
sie sind die Geladenen und auch die Wirte, oder wie dies Empedokles
anders als das indische Schauspiel sagt: die Geburt ist eine furchtbare
Zerstörung, welche die Lebenden in die Toten übergehen läßt, und die
eigentliche Grablegung der Seele; gemäß dem ungeheuren Umschwung des
Unteren in das Obere und des Oberen in das Untere, bis der Tag der
Reife und auch des metem-psychotischen Stillstands in der Apokalypse
erreicht ist. Niemand, auch die ganz großen Menschen nicht, sind von
diesem Weg nach abwärts befreit, bevor nicht alle ihre Brüder erlöst
sind; der Heilige opfert, sagt Buddha, indem er ißt; er übt die große
Entsagung, noch hier, noch ein Lehrer zu sein, noch auf den Ebenen
des nicht Wissens zu verweilen; aber auch schon die großen Genies
treten, gleichsam unzufällig, unsubjektiv geworden, als die Erben ihrer
eigenen, in einem einzigen Leben gar nicht zu gewinnenden, ganz und
gar diskontinuierlichen Reife auf den geschichtlichen Plan. Nichts
anderes meint eben wiederum der Mythus der Göttersöhne: und gerade die
Geburt Christi wäre die Verkörperung, die Grabwanderung, die alles
durchtränkende Erdenwanderung des dem Menschen zugewandten Göttlichen,
des Menschensohns in Gott selber gewesen, wenn nicht Menschen wie Gott
bei dieser höchsten Reinkarnation als der Berührung des ganzen Himmels
mit der ganzen Erde versagt hätten. So aber sind noch alle Dinge, die
ganze Welt, die Steine, die Sonne, die Pflanzen und Tiere mit uns
letzterdings nach unten hin verzaubert und verschlagen, -- eingemauert,
abgeschlossen in ihren Krusten und Leibern; sofern sie stehen geblieben
sind, als unser Boden, als Wächter der Nachhut, als Leiber von
werdenden Geistern, und ihre Seelenhaftigkeit keine Kraft besitzt, den
Körper, den trüben Irrtum der Räume, der Materie und des bloß äußeren
physischen Lichts abzuschütteln, durchzubewegen und als Organe jenes
~kosmischen Selbsterkenntnisprozesses~, zu gebrauchen, den der
verirrte, zerrissene, unbekannte Seelengott oder heilige Geist in der
Welt als seinem Zaubergrab und in uns Menschen, zurückgelegt, als den
Häuptern der Welt und dem schließlichen Bereitungs-, Auferstehungsort
heißem Problemumlauf der ~noch nicht gefundenen Weltidee~.
[Sidenote: Hoffnungen und Konsequenzen.]
Derart kehrt das Unzulängliche der körperlichen und sozialen Schicksale
neu bewegt zurück. Es handelte sich darum, gefangen zu sein in unserem
Körper und innerhalb eines unausweichlichen Charakters. Es handelte
sich um die so irritierend zufällige Geburt in einen der vorhandenen
Stände hinein, es handelte sich vor allem um die Kürze des Lebens
und das unüberblickbare, beziehungslose Fernere seiner Zweckreihen,
mit einem Wort um das Problem, wer dieses Leben insgesamt erlebe und
ob es möglich sei, über diesem so beschaffenen Leben einen weiter
verpflichtenden, versöhnenden oder wohl gar begründenden Subjekts-
und Finalkomplex aufzurichten. Dabei mußte sich die Lehre von der
Seelenwanderung, dieses hier eingesetzte religionsphilosophische
Bogenstück, als kräftigstes Gegenmittel gegen das metaphysisch
Undefinitive der körperlichen und sozialen Schicksale höchst
konstitutiv empfehlen.