Leise beginnt hier der Boden zu wanken. Wir sind ihnen durchaus nicht

völlig entronnen, den geheimnisvollen Vorgängen, die in dem unter

uns liegenden, uns tragenden Gebiet allem Anschein nach am Werk

sind. Diese aber lösen das Dichte in immer einförmigere Bruchstücke

auf. Was vom Helium bis zum Blei geschieht, dieser Gewichtsverlust

und diese abwärts gleitende Explosion bis zu den einfacheren

Zusammenlagerungen der elektrischen Ladungen, das ist eine genaue

Aufrollung, ein Desintegrieren des ehemaligen Geballtseins, und im

ganzen das erste chemisch faßbare Anzeichen jener physikalisch schon

längst wirksamen Entropie, die sich anschickt, den alten, kräftig

gewölbten physischen Bau abzudecken und zu nivellieren. Hier läßt

sich bereits ein warnendes Läuten des Endes vernehmen, ein leises,

fernes Zittern; eine kleine, sonderbare, noch nie gesehene Wolke

verkündigt den nahenden Sturm, und so bricht hinter uns irgendwie,

in den unterirdischen Vorgängen der Radioaktivität und des zweiten

Hauptsatzes der Wärmelehre, die physische Natur zusammen. Nun sieht

man das alles freilich ruhig und beziehungslos genug fortschreiten:

sollte aber nicht, in diesem so sehr dem Ende zugewendeten Vorgang, der

Sprung eine Stätte haben? Gewiß könnte die entropische Erkaltung nicht

allein zu dem physischen Ende beitragen. Hier fällt das Uhrgewicht

nur sehr allmählich herunter, es ist ein äußerst langsames Sinken des

Potentials, noch ganz in den Maßen der endlosen physischen Zeit,

und überdies an sich, als bloße Demokratisierung des Universums von

aller explosiven Sprunghaftigkeit entfernt. Aber ganz abgesehen

davon, daß die radioaktive Entladung erst jetzt eingetreten, also

geschichtlich geordnet ist, vielleicht sogar in einem funktionellen

Zusammenhang mit der Geschichtsstelle der derzeitigen menschlichen

Arbeit steht: ist es nicht gerade dann, wenn das Wanken des Bodens

so völlig beziehungslos zu unserer andersartigen Zeitgeschehen

sollte, dieses Diskontinuierliche, das grundlos macht, das die beiden

Zeitpunkte der entschwindenden Materie und des religiösen Reifetags

aufs Gefährlichste auseinanderfallen läßt und derart zugleich die

Natur, diese kaum noch gehaltene, diesen mühseligen, tödlich klaren

Trümmerhaufen von Welten, die Gott zerschlagen hat, verlassen mußte,

weil in ihnen der Mensch nicht vorkam, dieses nur fälschlich wirkliche,

abgesprengt intensive Schalenwerk, -- jedem bösartigen metaphysischen

Eingriff ohne möglichen Widerstand vom Himmel her zugänglich macht?

Man weiß, man kann definitorisch wissen, die Welt hat als Prozeß wie

einen Anfang, so ein Ende in der Zeit. Dagegen besitzt weder der

Einwand, daß es keine uranfängliche Bewegung geben könne, da nur

Bewegung wieder Bewegung erzeugen kann, noch das andere, weitaus

scharfsinnigere Argument des Aristoteles gegen die Zeitlichkeit der

Welt, daß nämlich das Bestehende ewig sein müsse, weil es notwendig

und darum dauernd, unnachläßlich, kategorisch aus der Gottheit

folge, irgendwelche Durchschlagskraft. Denn beides setzt sprunglose

Verhältnisse voraus und schließt vom innerweltlich Gültigen auf das,

was sich an den Rändern des Weltseins und darüber hinaus zuträgt.

Das würde freilich auch für die entgegengesetzte Behauptung ein non

liquet erzwingen, wenn nicht die Annahme einer Endlosigkeit der Welt

auch aus der diesseitigen, aber falsch erfaßten Rationalität des

Schöpfungsaktes ihre Konstituierung gewinnen wollte. Denn es gibt nicht

nur auch schon innerlich plötzliche, ursachlose, das heißt nicht von

außen angestoßene, sondern schöpferische Bewegungen, wie diejenigen

organischer Art, womit sich der Einwand gegen die uranfängliche

Bewegung erledigt; sondern, wie schon Maimonides gegen Aristoteles

anmerkt, auch die tiefere Deutung des causa aequat effectum, die der

zweite aristotelische Beweis für die Endlosigkeit der Welt unternimmt,

mit dem Regressus auf die Ewigkeit der göttlichen Natur und dem

Schöpfungsakt als einem notwendig inhärierenden Bestandstück dieser

göttlichen Natur, gilt nur unter der Voraussetzung, daß die Welt wie

im Einzelnen so im Ganzen ihrer Geschaffenheit nichts Zufälliges

enthalte. Sie stürzt überdies vollkommen zusammen, wenn man aus diesen

alten, sprunglosen Begriffsbildungen von göttlicher Absolutheit

heraustritt und Gott so wenig als Ort des eigentlich Seinshaften

betrachtet, daß man vielmehr den Individuen überwiegend die Neigungen

oder realisierenden Intensitäten und Gott, dem Führer, überwiegend

nur die Schöpfung, das inhaltliche Quale, die subsistierenden

Logizitäten, die projektiert moralische Weltordnung zuerkennt, wonach

dann ersichtlich nicht nur Gott selber in den Prozeß eingeht, sondern

auch jede Ableitung des weltlich Seienden, wie es einfach ist,

intensiv ist, aus dem göttlich Logischen gemäß dem Zweiseitencharakter

des Kategorialsystems unhaltbar wird. Wir sagten, man kann das

definitorisch wissen, daß die Welt zeitlich begrenzt ist, trotz der

Advokatenbeweise, die Kant dafür und dagegen zugleich ausgeführt

hat, und die sämtlich mit unreinen Begriffen der Sache spielen.

Denn es gibt auch auftreffende, wesentliche Begriffe und diesen

zufolge, wie sich schon bei der Setzung der Seele als eines dauernden

Gegenstands zeigte und womit sich der zuhöchst wesentliche Gebrauch

der phänomenologischen Methode in Ansehung ontologischer Objekte

sichtbar macht,-- gibt es auch eine postulierte, realitätshaltige,

nur selbst wieder ontologisch, das heißt mittelst der Kräfte aus

den höchsten metaphysischen Regionen durchkreuzbare Realsetzung als

notwendig erkannter Definitionen, bei denen sich der nervus probandi

zugleich als der nervus essendi herausstellt; das Esse gemäß der recht

verstandenen Kritik der praktischen Vernunft, die ja mit ihrer neu

einsetzenden transzendentalen Beziehung alle Antithetik der reinen

Vernunft aufhebt, im Sinn einer postulierten, utopischen Realität

genommen. So hat also die Welt wie einen Anfang so ein Ende in der

Zeit, weil sie nur als Prozeß begreifbar ist, weil allein Geschichte

die auftreffende, wesentliche Methode der Welterkenntnis bildet, und

die Geschichte, der Prozeß nur auf einer Strecke, aber nicht auf

einer endlosen Geraden konstruierbar wird, gemäß der einfachen und

notwendigen Übertragung des Relativitätsprinzips auf Bewegung und

Zeit überhaupt. -- Und darum greift also das Böse nicht nur in das

seelische, geistige Getriebe mit Neid und Mattigkeit herein. Sondern

dünn und schmal wird alles, was uns über den brennenden Dunst nicht

hinaushilft, der Schrecken des Jahres Tausend ist uns nicht geschenkt,

und die vielen unterdes aufgetauchten, stets wieder enttäuschten

Prediger des Untergangs können die Stichflamme des Endes, die Worte

Jesu vom jüngsten Tag nicht kompromittieren. Der Hauptschlag steht

noch aus, und wenn uns auch am Helium und den Entropien noch wenig

lag, so bereitet sich uns doch darin, die wir hier wohnen, die wir

uns auf dem Rücken dieser Dinge angesiedelt haben, die wir zum Teil

noch Wurzel in diesem Boden geschlagen haben, wonach der Riß zwischen

Natur und Geist mitten durch uns, durch unsere Arbeit hindurch geht,

oft dadurch nur undeutlich erkennbar, daß es eben ~unsere~

Wurzeln sind, die in diesem fremden Erdreich haften, und daß wir uns

schließlich gezwungen sehen, in diese gegebene Welt hineinzubauen,

in diesem wrackartigen demiurgischen Werk die Räume für ganz andere

Werke auszusuchen, -- so bereitet sich uns also in der Entropie eine

höchst seltsame und schließlich nicht mehr in unschädliche Rationen

aufteilbare Gegenbewegung zum Ziel. Damit zeigt es sich, gerade also

durch unsere Werkfreude, durch unser auch der Seele nur halb lösbares

Eingebautsein in den Kompromiß dieser Welt: daß wir ihnen durchaus

nicht völlig entronnen sind, den geheimnisvollen Vorgängen, die sich

in dem unter uns liegenden, uns tragenden Gebiet allem Anschein nach

am Werk zeigen, und welche furchtbare Einbruchsstelle in dem möglichen

Sterben des Stoffs, wie er zum mindesten noch hinter sich elementarisch

zurückfallen kann, in der Krankheit der Materie, in der menschenleeren,

vom wahren Gott verlassenen Natur für alle Vergiftung und Sprengung für

den eigentlichen unteren, mit dem Reifetag prinzipiell diskonformen

Naturakt, Weltuntergangsakt der Apokalypse offen geblieben ist.

Denn wenn wir sterben, auch wenn wir, wie stets, als solche sterben,

die noch viel Leben brauchten, um»fertig«zu werden, so bleibt doch

die Erde, und die Waffen lassen sich weitergeben. Aber wenn man uns

erwürgt und wir ersticken, die Berge und Inseln bewegen sich aus

ihren Örtern und der Himmel entweicht wie ein zusammengerolltes

Tuch; wenn uns Luft und Boden entzogen werden und alle Räume des

physischen Vorbei, wie es doch Erde, freundlich gewohnte Umschließung,

versinnlichtes Material der Pflicht geworden war, in den rasenden, vom

Teufel selber angeführten Gewitterstürmen der Weltmitternachtszeit

zusammenstürzen: dann stehen wir nackt vor Gott, halb, lau, unklar und

doch»vollendet«, im Sinn der tragischen Situation vollendet, wenngleich

aus ganz anderen Wünschen, Zusammenhängen und Zeitmaßen zerschlagen

als aus denen unseres Werks und seiner dem Satan mühevoll abgerungenen

Zeit; vielmehr jetzt herrscht Satans apokalyptischer Zeitpunkt,

und nichts fällt bei diesem verfrühten, satanisch beliebigen, aber

unwiderruflichen Werkschluß vor Gott ins Gewicht als die Fülle unseres

erlangten Reinseins und Gerüstetseins, unseres seelischen Besitzes

und geistlichen Eingedenkens, unseres ~überhaupt Gewordenseins~,

die Ahnung, die rufende Kenntnis unseres Namens als ~des endlich

gefundenen Namens Gottes~, damit nicht alles verloren sei, damit

nicht der Gang um sein Ziel betrogen werde, und alle seine Genesungen:

Leben, Seelen, Werke, Liebeswelten zugrunde gehen müssen, ohne daß auch

nur ein Keim davon im Staub des kosmischen Vertanseins übrig bleibt.

Nur der gute Mensch kann in dieser Nacht der Vernichtung den Morgen

herbeiziehen, wenn anders die unrein Gebliebenen ihn nicht hinabreißen

und wenn anders sein Rufen nach dem Messias stark genug ist, um die

errettenden Hände zu erregen, um in Gott die uns und ihn selber

herüberziehenden Kräfte, die atembringenden, gnadenreichen Kräfte des

Sabbathreiches zu erwecken.

Hier handelt es sich aber durchaus nicht darum, ob wir eingelassen

werden oder nicht. Wer soll uns einlassen oder nicht, wer soll uns

richten, nil inultum remanebit, damit er nicht gerichtet werde? Daß

wir und Gott vereitelt werden, ist das einzige Gericht, über uns und

ihn, und dieses ist grauenvoll genug. Darum, so bedürftig sich auch der

Blick zur Offenbarung wendet, das Tribunal in der Apokalypse des St.

Johannes fordert zur Gegenseitigkeit auf, um gerecht zu sein. Auch wir

wollen mit Iwan Karamasow lieber bei unseren ungerächten Leiden und

unserem heißen unstillbaren Zorn bleiben, als mit ansehen, wie alle,

und die völlig unschuldigen Kinder mit, leiden mußten, damit die ewige

Harmonie erkauft werde. Warum sind auch sie, fragt Iwan Karamasow, die

doch mit dem ganzen Komplex der Erwachsenen, mit Sünde, Vergeltung,

Versöhnung, nichts gemeinsam haben können, zu Material gemacht, um für

irgend jemanden die zukünftige Harmonie zu düngen?»Ich gebe zu, daß ich

nicht begreifen kann, wozu das alles so eingerichtet ist. O Aljoscha,

ich will nicht lästern! Ich begreife doch, wie groß die Erschütterung

des Weltalls sein wird, wenn alles im Himmel, auf der Erde und unter

der Erde in einen einzigen Lobgesang zusammenfließt, wenn alles, was

lebt und was gelebt hat, ausruft: ›Gerecht bist du, o Herr, denn

offenbar sind jetzt deine Wege!‹ Wenn selbst die Mutter den Peiniger,

der ihren Sohn von Hunden hat zerreißen lassen, umarmt und alle drei

mit Tränen singen: ›Gerecht bist du, o Herr!‹ -- dann, ja dann ist

die Krone alles Wissens und Erkennens erreicht, dann wird alles seine

Erklärung finden.«Aber wir wollen das nicht ausrufen, die Kindertränen

sind unausgekauft geblieben, sie sind gar nicht auszukaufen, weder

durch Rache noch durch Verzeihen, es gibt gar kein Wesen, das das Recht

hätte, in seiner Welt dieses zu verzeihen, und wenn die Leiden der

Kinder zur Ergänzung jener Summe von Leid, die zum Kauf der Wahrheit

miterforderlich ist, hinzugerechnet werden müssen, so ist die Wahrheit

diesen Preis nicht wert, und Iwan Karamasow lehnt als Mann von Ehre

die Eintrittskarte zur letzten Harmonie ab; das heißt, man kann alles

sehen müssen und selbst dabei sein, wie es geschieht, jenes Kostbare

des Weltfinales im Moment der ewigen Harmonie, das für alle Herzen

ausreicht, zur Stillung alles Unwillens, zur Sühne aller von Menschen

begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, zur

Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch der Rechtfertigung

alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist -- und doch lebt in

ihm und uns eine Kraft, nicht so sehr die Kraft der Empörung als die

der Liebe, die das nicht akzeptiert, die nach Dostojewskis unerhört

tiefsinnigem Satz an Gott glaubt, aber seine Welt ablehnt und das

Endresultat, den panlogistischen Gerichts- oder Versöhnungstag nicht

minder. Darum wollen auch wir nicht an den glauben, der ist, den

Zersetzten, sondern an den, der gilt. Man kann nicht die Welt, den

Herrn der Welt und den Herrn des Himmels zugleich wollen oder verehren.

Sie fallen unvereinbar auseinander: der Herr der Welt, der erste, uns

bald verlassende Führer, der Schöpfer, der erste gemischte Judengott

und spätere klare Satan der Schädelstätte, dieses böse Gewissen des

Endes; und der letzte Gott, der mit uns und Luzifer weiterziehende,

der Erretter, der zweite reiner gewordene, sich heraussetzende

Judengott der Liebe, der Geist der dereinstigen Himmelfahrt, die

verscheuchte, von sich abgetrennte, mit allen ihren Gottesstreitern

nach Hause verlangende Schechina oder Gottesglorie. Was uns hier

in seiner stümperhaften und dann rachsüchtigen Hand hat: hemmend,

verfolgend, verblendend, die Spinne, das Fressen und Gefressenwerden,

der Giftskorpion, der Würgeengel, der Zufalls-, Unfalls-, Todesdämon,

die Heimatlosigkeit alles Sinnvollen, der Mordgestank der Menschheit,

das dicke, banale, zu durchschlagende Trennungsgebirge vor aller

Vorsehung, der Zauberer des»frommen«Panlogismus -- das alles kann nicht

dasselbe Prinzip sein, das einst Gericht halten will und dann vorgibt,

uns schon längst auf unerforschlichen, übervernünftigen Wegen behütet

und uns, unerachtet des Sündenfalls der Welt durch unsere Hoffart, im

Herzen getragen zu haben. Es gibt hier ein Doppelich in Gott, zuerst

vermischt, unklar, ungeschieden, aber dann völlig klar aufgewacht

und herausgesetzt; und zwar in dem Maße, als sich die Menschen auf

den Weg des besser Wissenwollens, begeben haben, als die Schlange in

Christus wiederkehrte und, obwohl wieder zertreten: Asklepios, die

weiße Schlange, dennoch die wahre Offenbarung näher hörbar machte,

gegen den Zorn des Demiurgen, -- als mithin unser luziferisches

Wesen im Turmbau von Babel real und im Sündenfall und Engelssturz

ideal gegen den Gott des irrenden, menschenlosen, physischen Anfangs

der Welt rebellierte, und gar noch die Propheten, Christus und der

Vater in Gott selber das Schaffenwollen oder Wissenwollen oder

Seinwollen wie Gott, die ehemalige»Erbsünde«, als oberstes Postulat

verkündigten. Dieses aber stammt durchaus von dem Heldenhaften in

uns, von Luzifer, dem Aufständischen und endlich Heimkehrenden, dem

Besserwissenwollen des Subjekts, dem Rebell zum Ziel hin, dem Herzog

des verborgenen Subjektivismus, nicht mehr als ~Mittler~, sondern

als ~Überwinder~, als Keim des Parakleten erkannt, von dem Banner

Michaels und Heiligenschein Christi; wie sich in ihm zugleich der

schwache, weit entfernte letzte Gott, die utopische Idee, die Idee

des Guten, bewährt, die nicht mehr wie die geschwärzte Sonne, die

wahrhaft und allein gefallene Nachtgestalt des Demiurgen gegen Luzifer

kämpft und diesen statt seiner als Satan ausgibt. Aber das Ziel dieses

Kampfes ist allerdings, daß der Wegnahme der physischen Welt dereinst

mit reingewordenen Seelen, mit dem endlich gefundenen ~Überhaupt~

der Seelen, mit dem unzerrissenen parakletischen Genius des Innersten,

des Ingesindes, mit dem Wort aus dem Wesen, mit dem Stichwort jenes

heiligen Geistes begegnet werde, der an sich schon dieses beständig ins

Physische sinkende Sechstagewerk so völlig verschwinden lassen möchte,

daß man für die Bösen wie für Satan nicht einmal einen Leichenstein,

geschweige denn eine Hölle brauchte. Das seelische Leben schwingt

zwar über den Leib hinaus, es gibt ein seelisches Keimplasma und die

transphysiologische Unsterblichkeit wird vom Verlust des Leibes nicht

betroffen. Aber daß das seelische Leben auch über die Vernichtung der

Welt hinausschwinge, dazu muß es im tiefsten Sinn»fertig«geworden sein

und seine Taue mit Glück um die Pfosten der jenseitigen Landungsstelle

geworfen haben, soll nicht auch das seelische Keimplasma in den

Abgrund des ewigen Todes gerissen, und das Ziel, auf das es bei der

Organisierung des Erdenlebens vor allem ankommt, das ewige Leben, die

auch transkosmologische Unsterblichkeit, die alleinige Realität des

Seelenreichs, die Restitutio in integrum aus dem Labyrinth der Welt --

durch Satans Erbarmen verfehlt werden.

* * * * *

Wie also? Darf hier überhaupt etwas viel zu viel an uns werden? Zwar

wir leben und wissen nicht wozu. Wir sterben und wissen nicht wohin.

Ich kann leichthin sagen, was ich jetzt und nachher will, aber niemand

kann angeben, was er überhaupt will, in diesem doch so sehr zweckhaften

Leben. Mich wundert, daß ich fröhlich bin! sagt ein alter Türspruch.

Und doch, es bleibt uns hier, die wir leiden und dunkel sind, weit

hinaus zu hoffen. Wenn sie stark genug bleibt, rein wird, sich selbst

unabgelenkt inne hat, läßt sie nicht zuschanden werden -- die Hoffnung

läßt uns nicht zuschanden werden. Denn die menschliche Seele umspannt

alles, auch das Drüben, das noch nicht ist. Und das Denken ist ihr

Diener; es will nichts als die Seele, sie ist sein einziger Raum,

sein Sprachinhalt und Gegenstand, verstreut in allen Teilen der Welt,

verborgen im Dunkel des gelebten Augenblicks, verheißen in der Gestalt

der unkonstruierbaren Frage. Und darum, weil das, was ist, nicht mehr

zu denken, sondern nur noch umzudenken, auf Seelisches hin gebracht

werden kann, weil die guten Wünsche wie die Väter des Gedankens, so

auch der Dinge werden können, die allein wahrhaft sind, in erneuerter

ontologischer, dogmatischer Beweisführung, aus der Natur, aus dem

evident eingesehenen Begriff der Sache; -- wegen dieser schließlichen

tatsachenfremden, weltfeindlichen, weltaufteilenden Homogeneität

des Denkens und des nicht-Seins, noch nicht-Seins, zeigt sich dem

schöpferischen Begriff nur mehr das empirisch Tatsächliche und seine

Logik, aber nicht mehr das utopisch Tatsächliche, das phantastisch

Konstitutive als unzulänglich oder transzendent, als die von Kant

verbotene»Metaphysik«. Das ist nicht so zu verstehen, als ob sich das

Drüben bloß als»möglich«erweisen ließe; denn daß ein Fluß zufrieren

kann, ist möglich, bedingt möglich, oder daß die Pflanzen empfinden

können, ist hypothetisch bedingt möglich, unter Voraussetzung gewisser

noch nicht bestätigter Vordersätze, oder daß es Wüstengeister geben

kann, ist problematisch bedingt möglich, unter Voraussetzung noch

unbekannter Vordersätze, vielleicht gänzlich außerhalb des Umkreises

gegenwärtiger Erfahrbarkeit überhaupt; aber daß wir selig werden,

daß es das Himmelreich geben kann, daß sich der evident eingesehene

Trauminhalt der menschlichen Seele auch setzt, daß ihm eine Sphäre wie

immer bestimmter Realität korrelativ gegenübersteht, das ist nicht nur

denkbar, das heißt formal möglich, oder erfüllbar, das heißt objektiv

möglich, sondern schlechterdings notwendig, weit entfernt von allen

formalen oder realen Belegen, Beweisen, Erlaubnissen, Prämissen seines

Daseins, aus der Natur der Sache a priori postuliert und demnach auch

wirklich, das heißt von ~utopischer~, intensiver Neigung genau

gegebener, ~essentieller~ Realität. Der Gedanke kann so zum

Stichwort werden, mit dem sich die gottesträgerische Seele ihren Traum,

den Traum der Ahnung aufschließt, als welcher zuletzt die Wahrheit der

ganzen Welt sein wird. Darum zum Ende, wir selber schreiten derart,

indem wir das Leid und die Sehnsucht denken, in unseren inneren Spiegel

hinein. Wir verschwinden in der kleinen, gemalten Tür des fabelhaften

Palastes, den Messias zu rufen, und in Explosion fliegt auf das

Draußen, in den Weg Gestelltes, Satan der Todesdämon, das krustenhafte

Ritardando der Welt, alles, was nicht von uns, von dem vielen

Einzelnen, sich Erhoffenden, von unserer himmlischen Herrlichkeit

ist oder sie gar hindert; indes drinnen, in der gotischen Stube der

Selbstbegegnung, diese ganze weite und scheinbar so sehr reale Welt

dereinst nur selber wie ein Bild unschädlicher Erinnerung an den Wänden

hängt.»Wisse«, sagt ein altes Manuskript des Sohar,»wisse, daß es einen

doppelten Blick für alle Welten gibt. Der eine zeigt ihr Äußeres,

nämlich die allgemeinen Gesetze der Welten nach ihrer äußeren Form.

Der andere zeigt das innere Wesen der Welten, nämlich den Inbegriff

der Menschenseelen. Demzufolge gibt es auch zwei Grade des Tuns, die

Werke und die Ordnungen des Gebets; die Werke sind, um die Welten

zu vervollkommen in Hinsicht ihres Äußeren, die Gebete aber, um die

eine Welt in der anderen enthalten zu machen und sie zu erheben nach

oben. «Dorthin geht es, alles mit uns zu färben, zu beschleunigen, zu

entscheiden: bunt, abenteuerlich und heimkehrend, nichts ist fertig,

nichts ist bereits geschlossen, nichts ist innen gediegen; -- die

abgesprengten unteren Teile zu sammeln, unser Haupt aus der Geschichte

weiter wachsen zu lassen, den Staat zur Begleitung der Brüdergemeinde

zu zwingen und zuletzt das Korn der Selbstbegegnung zu dem furchtbaren

Erntefest der Apokalypse zu bringen -- nun aber spiegelt sich in uns

allen des Herrn Klarheit, ~mit aufgedecktem Angesicht~, und wir

werden verklärt in dasselbe Bild, von einer Klarheit zu der anderen,

als vom Geist des Herrn. Denn wir sind mächtig; nur die Bösen bestehen

durch ihren Gott, aber die Gerechten -- da besteht Gott durch sie, und

in ihre Hände ist die Heiligung des Namens, ist Gottes Ernennung selber

gegeben, der in uns rührt und treibt, geahntes Tor, dunkelste Frage,

überschwängliches Innen, der kein Faktum ist, sondern ein Problem, in

die Hände unserer gottbeschwörenden Philosophie und der Wahrheit als

Gebet.

Geist der Utopie · 第 39 / 39 段