Dieser aber hat entweder sämtliches auf Mark und Pfennig gebracht,

oder nach der anderen Seite: du sollst nicht widerstehen dem Übel.

Der Kaufmann lacht im Einen, Jesus ist im Anderen der Führer, der

schließlich gekreuzigte Heiland mit dem Irrtum der großen Reinheit,

die nur zu dem Letzten, Spätesten, leicht verloren Gehenden in den

Menschen sprach, und die das Kranke, Rohe, Sinnlose, Unlogische der

Welt durch den Kuß und das konstitutive Ignorieren zu heilen glaubte.

Das mag manchmal gelingen, das Ignorieren, wie es dem Reiter auf dem

Bodensee geglückt ist, aber es steht doch in der Regel so, daß die

Seele schuldig werden muß, um das blöde Bestehende zu vernichten,

und das alles, was jehovahisch, das heißt von dem unerleuchteten

Jehovah, dem bloßen unklaren Demiurgen, geschaffen ist, auch nur mit

jehovahischen Waffen, mit»verwandter«Kraft, mit der umgekehrten,

genau einschlagenden Gewalt und einer unseelischen, unchristlichen,

aber von Christus geführten Homogeneität bekämpft werden kann. Das

Herrschen und die Macht an sich sind böse, aber es ist nötig, ihr

ebenfalls machtgemäß entgegenzutreten, als kategorischer Imperativ

mit dem Revolver in der Hand, wo sie nicht anders vernichtet werden

kann; und danach erst des Herrschens, der»Macht«auch des Guten, der

Lüge der Vergeltung und des Rechts sich so reinlich als möglich zu

entledigen. Man braucht eine genügend komplizierte Gesinnung, um rein

wirtschaftlich zu denken mit dem Kaufmann, gegen den Kaufmann, wie der

Detektiv homogen ist zum Verbrecher, -- wo nichts als Wirtschaftliches

zu bedenken ist und danach erst ideologisch zu denken, sobald

der Raum und das Freigelassensein der Idee errungen ist, und die

maßlosen Lügen, oft sich selbst unbewußten Beschönigungen, Ausreden,

Überbauten, Variablen rein ökonomischer Funktionen zugunsten der

jeweils und schließlich echten Idee der Gesellschaft vernichtet werden

können. Das ist ein getrenntes Verfahren, das nicht mit seelischen

Mitteln, mit einem »Bund der Gerechten«wirtschaftliche Verhältnisse

bestimmen will, sondern das das Wirtschaftliche aus dem Seelischen

heraussetzt und das Seelische aus dem Wirtschaftlichen ableitet,

oder wie solches Marx als den dritten synthetischen Weg, kalt, tief,

unalternativisch, funktionell, als die eigentliche Maxime des durch

ihn gewonnenen wissenschaftlichen Sozialismus definiert: es ist

nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt

ihr gesellschaftliches Sein, das das Bewußtsein, den Nährboden, das

Akzept der Ideen bestimmt. Freilich kann der nüchterne Blick dadurch

allein nicht fruchtbar werden, der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Was wirtschaftlich kommen soll, ist bestimmt, aber dem Sittlichen

selber ist hier noch nicht die wünschenswerte Selbständigkeit in der

endgültigen sozialen Ordnung zugewiesen. Anders gesagt: wenn die

primitive Bedarfsdeckung, die feudale und dann die kapitalistische

Wirtschaftsweise nacheinander ein bestimmtes moralisches und

kulturelles Leben wenigstens der Sphäre nach determinierten, so

muß doch auch der Wegfall aller eigenen ökonomischen Komponenten,

also die»richtige«, apriorische Wirtschaftsweise des Sozialismus,

eine bestimmte moralische und kulturelle Konsequenz, eine

ebenfalls»richtige«, apriorische Gesinnungs- und Kulturweise nach sich

ziehen, als ihr theoretisches Prius, die nicht nur ohne weiteres, gemäß

dem sozialistischerseits übernommenen Haß der Bourgeoisie gegen die

feudal-theologische Ideologie, freigeistig und atheistisch schlechthin

bestimmt sein kann. Allerdings wäre es nicht möglich gewesen, den

Sozialismus zu fundieren, wenn Marx hinnehmend, fromm gewesen wäre,

wenn er an dem arkadischen Zustand der Welt festgehalten hätte, die

jedem bei vernunftgemäßer Verteilung alles gibt, was er braucht,

wenn also Marx nur die Konsumtions- und nicht vor allen Dingen die

Produktionswirtschaft organisiert hätte. Indem der große neue soziale

Prophet über die Konsumtion hinweggeht, um alle Organisation und

Logik an den Produktionsprozeß zu vergeben, wird der fertige und

letzthin prinzipiell arkadische, von Gott versorgte Panlogismus der

Welt abgelehnt, und ein das Leben selbst in die Hand nehmender und

total organisierender Atheismus usque ad finem als sozialistische

Arbeitshypothese gefordert. Aber eben gerade dadurch kann in allem

Oberen, Endgültigen unangemessenerweise immer noch Stahl verteidigen,

wo Marx zu predigen hätte. Ebenso kann es keinem Zweifel unterliegen,

daß die von Marx angenommene dialektisch-synthetische Wiederherstellung

des Zustands der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wie er

in den alten kommunistischen Gentes herrschte, der aufgewandten

sozial-konstruktiven Arbeit nicht als sonderlich klare und gewichtige

idealkonstruktive Pointierung gegenübersteht. Und schließlich ist es

in diesen Tagen, wo es schon genügend dunkel geworden ist, wo das

verzweifelte Abendrot Gottes in allen Dingen steht, und weder Atlas

noch Christus ihren Himmel tragen, kein besonderes philosophisches

Verdienst, wenn der Marxismus atheistisch konsequent bleibt, um der

Menschenseele nichts anderes als einen mehr oder minder eudämonistisch

eingerichteten»Himmel«auf Erden ohne die Musik zu geben, die aus diesem

mühelos funktionierenden Mechanismus der Ökonomie und des Soziallebens

zu ertönen hätte. Man kann darum sagen, daß gerade die scharfe Betonung

aller ökonomischen und die vorhandene, aber noch im Geheimnis bleibende

Latenz aller transzendentalen Momente den Marxismus in die Nähe

einer Kritik der reinen Vernunft rückt, zu der noch keine Kritik der

praktischen Vernunft geschrieben worden ist.

Erst dann aber werden die Betrüger ernsthaft zittern, es erscheint das

Rechte.»Ich stieß einen Fensterladen auf. Es war Morgen. Jetzt kam

auch der Magier aus seiner Betäubung zurück. ›Wo sind wir?‹ rief er

aus, als er Tageslicht erblickte. Der russische Offizier stand dicht

hinter ihm und sah ihm über die Schulter. ›Taschenspieler,‹ sagte er

mit schrecklichem Blick zu ihm, ›du wirst keinen Geist mehr rufen.‹

Der Sizilianer drehte sich um, sah ihm genauer ins Gesicht, tat einen

lauten Schrei und stürzte zu seinen Füßen.«Man kennt diese Stelle

aus Schillers Geisterseher, und sie soll ein bedeutendes Paradigma

bilden. Nur dieses treibt das falsche sich Verneigen aus, nur dieses

ist ein wahrhaftiges Apage male spiritus, so kräftig politisch als

metapolitisch gesprochen; die Lüge verschießt, es erwirkt sich die

Idee. Nur auf diese Art und nicht mittelst der flachen, abstrakten, aus

der bürgerlichen, ja sogar aristokratischen Ideologie des achtzehnten

Jahrhunderts entlehnten Ablehnung jedes Oben ist den Machthabern die

ideologische Luft abzuschnüren und der Vorratsraum ihrer ideologischen

Draperien zu sperren. Wer aber nicht nur von der Erde, sondern auch vom

fälschlich preisgegebenen Himmel dagegen redet, der wird erst das zu

nichts berufene Lügenspiel der bürgerlichen, sei es republikanischen,

sei es monarchistischen Staatsideologie aus dem Herzen der Tiefe, aus

der Allianz mit der Tiefe losreißen können. Dann wird nicht mehr länger

die Begeisterung für den gleichheitlichen Genuß, wie es noch Stahl

erschien, das einzig Erwärmende an diesen Sozialtheorien sein. Wenn

freilich das Genießen die Erfüllung der Bestimmung unseres Daseins

ist, dann bleibt nur das noch als Sittlichkeit, vielmehr als Schein

der Sittlichkeit übrig, daß des eigenen Genusses unbeschadet der Genuß

Sämtlicher angestrebt werden soll. Aber dann ist eben auch alles, was

Erfüllung eines höheren Gebots über den Menschen ist oder vielmehr was

Stahl als der Inhalt dieser Erfüllung erschien, die Ehe, die Handhabung

der Gerechtigkeit, die Sammlung und Erhebung des menschlichen Gemüts

zu einem Reich oberhalb der irdischen Zwecke, die Erhaltung der

Anstalten der Religion und der Bildung, die darauf hinführen --,

dann ist für alle diese Elemente der organisierten Geistigkeit eben

nur noch die konservative, so unrein gemischte Stahlsche Rechts- und

Staatslehre auf der Grundlage christlicher Weltanschauung der geborene

Zeuge und Deduktionsort. Wenigstens solange, als sich die bloße

Organisation des Genusses, der total durchgehaltene Materialismus

der»rationalistischen«Sozialtheorie von selber jeder Einsprache auf

diesem substanziellen Gebiet begeben hat und begeben mußte. Und

doch kann nur der Empörer, nicht der blinde, sondern der Empörer

aus verlorener Ehre fromm und positiv sein, also jene kalte, freie,

wirkliche, unbestechliche Wahrheit im Besitz halten, die anders als

Stahl oder auch Hegel verfährt, sofern deren Stab: die bitteren Wasser

in süße zu verwandeln, also die bestehende Gesellschaft zu heiligen,

nicht der Stab Gottes, sondern das alte, ebenso verruchte als unfromme

als ungenaue Werkzeug der Dialektik, mithin, geistig genommen,

der unpositivsten Sache von der Welt ist. Man darf dabei dieses

sophistische Treiben nicht mit der scholastischen Methode verwechseln,

-- wie es Stahl, der oft übel frömmelnde, der Verteidiger des Eigentums

als einer gottgewollten Institution, dieser -- da es überwiegend

aus Sittlichem heraus geschieht -- ganz absonderlich kraftlose, ja

verlegene Widerleger des Sozialismus, dieser Umkehrer der Wissenschaft

zum Kinderglauben, aber auch redegewaltige preußisch-protestantische

Imitator der Summa theologiae, wohl nahelegen möchte, -- wenn anders

zwischen der flüchtigen Tatsache des Gegenwartsstaats und der weit

langsamer bewegten, aber doch ebenfalls bewegten, weit metaphysischer

gesetzten Tatsache des ausgebreiteten Christentums der methodologische

Sphärenunterschied nicht verwischt werden soll.

Mithin, es ist noch nichts da, wenn nichts verschwunden ist als die

Not. Das heißt, gesellschaftlich ist damit schon vieles gegeben, aber

es gehört noch ein anderes dazu, um die Umfänge der echten Kreise

ganz zu gewinnen. Gewiß, man wird auch ohne Not arbeiten, ja sehr

viel besser und produktiver arbeiten, dafür ist allein schon die

Langeweile und Unseligkeit der Menschen eine Garantie, und dafür

wird sich, wie jetzt schon beim Lehrer, Beamten, Politiker, Künstler

und Forscher, die Dienstfreudigkeit im großen Allgemeinen für den

Gewinn als Motiv einsetzen lassen, zumal bei einer ausschließlichen

sozialen Bewertung nach diesem Motiv, gemäß der ungeheuren, den

Geldreiz vollauf ersetzenden Steigerungsfähigkeit der Ehre und des

Ruhms. Die meisten Menschen wären weniger böse, wenn sie weniger zum

Erwerb gezwungen wären. Es ist schade um die Menschen; wie den Juden

die Uniform, so sitzt ihnen die praktische Sorge schlecht am Leibe,

schlecht an der Seele. Gut ist schuldlos leben, dem Menschen nicht

mehr als Feind, Ausbeuter, Herr, sondern als Helfer zu leben; was

hindert: das Eigentum, das unendliche Verderben der Geldwirtschaft, der

Staat als Zwang und Eigentumsschutz ist vor der ethischen Demokratie

vergangen; oder wie nicht nur Strindberg, wie auch Sebastian Franck

sagt, wenn der Eigennutz nicht wäre, so wäre das Evangelium nicht

schwer. Derart kann das Ganze Utopias das Bild einer sich in nichts

mehr ökonomisch rentierenden Hierarchie bieten, die unten nur noch

Bauern und Handwerker kennt, und die sich nach oben hin vielleicht

durch Ehre und Ruhm, durch einen Adel ohne Leibeigene und Krieg,

durch von neuem, aber anders ritterliche und fromme Menschen,

durch die Autorität einer geistigen Aristokratie, als den alten

seelenwanderischen Anspruchsrechten, sonst aber nur noch durch die

Erschwerung der Arbeit, durch das Abnehmen des Eudämonismus und das

Wachstum der unnatürlichen, vielleicht schon dem Sprung und Paradox

benachbarten Energien auszeichnet. So nur also ist das neue, gereinigte

Rechts, das so radikal als orthodox gewordene Leben vollständig zu

verstehen. So nur mag sich die genaueste wirtschaftstheoretische

Ordnung und Nüchternheit mit der politischen Mystik verbinden und von

ihr aus legitimieren. Sie nimmt alles erbärmlich Störende hinweg,

um es unter Aufhebung der wirtschaftlichen Privatsphäre einer

genossenschaftlichen Gütererzeugung, einer Gesamtwirtschaft der

menschlichen Sozietät zu übergeben; aber sie läßt dafür das Leid,

die Sorge und die ganze sozial unaufhebbare Problematik der Seele

stärker als jemals hervortreten, um sie den großen, übermenschlichen,

überirdisch eingesetzten Gnadenmitteln der Kirche, der notwendig und

a priori nach dem Sozialismus gesetzten Kirche zu verbinden. Denn es

gibt letzthin nichts unter allen Dingen zu bedenken als die Seele,

das noch verhüllte innere Wesen, das Erste, Letzte und Freieste,

einzig Metaphysische und Allerrealste der Welt. Ihr zugunsten ist die

Gesellschaft klare Hilfe auf dem Weg, Entlastung und wohlberuhigende

Disposition, aber die Kirche ist die Trägerin weithin sichtbarer

Ziele; sie lehrt die inneren Zeichen, sie ist, apriori, das Prinzip

der lebendig weiterquellenden Tradition und Verbindung mit dem Ende,

und keine wie immer gestaltete Ständereihe kann dieses letzten Gliedes

in dem ungeheuren Beziehungssystem zwischen dem Wir und dem Überhaupt,

zwischen der luziferischen und der apokalyptischen Gemeinde entraten.

Dann werden endlich alle Menschen zu jenen einzig praktischen Sorgen

und Fragen frei, die sonst nur in der Todesstunde warten, und in

denen sich das Geheimnis der menschlichen Seele als das Geheimnis des

mystischen Raums der Liebe entschleiern möchte. Denn es ist so, wie

der Baalschem sagt, daß erst dann der Messias kommen kann, wenn sich

alle Gäste an den Tisch gesetzt haben; dieser aber ist zunächst der

Tisch der Arbeit und dann erst der Tisch des Herrn -- die Organisation

der Erde besitzt im Geheimnis des Reichs ihre unmittelbar einwirkende,

unmittelbar deduzierende Metaphysik.

Tod, Seelenwanderung, Apokalypse oder das Problem der echten sozialen

und kulturellen Ideologie.

Wie aber, war zu fragen, ist das alles nicht schon viel zu viel? Denn

ich muß sterben, mit kurzem Verzug. Vielleicht brauchen dazu die

Leichen keinen so weiten Faltenwurf, den Weg allen Fleisches zu gehen,

auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche.

Wir sind, gewiß. Aber danach schlägt alles um.

Ich male voraus, wir spielen uns in dasjenige hinein, was nach uns

geschehen mag. Aber kein Blick geht nach oben, ohne den Tod streifen zu

müssen, der alles an uns bleicht, allen unseren Erlebnissen und Worten

die Schwere entzieht, ohne eine andere zu geben. Nichts scheint mich,

wie ich bin und erlebe, über den Einschnitt hinüber zu bringen, hinüber

schwingen zu lassen. Wenn es zu sterben geht, werden die guten Wünsche

nicht einmal die Väter des Gedankens, wie viel weniger der Dinge, die

sind.

Man steht dauernd außen, die sonderbare Sekunde will sich von hier aus

nicht erhellen lassen. Manche, die noch zuletzt zurückgekommen sind,

schildern das, was den Umstehenden wie Krampf und gräßliche Zuckung

erschien, als farbigen, wo nicht glücklichen Traum. Aber eine alte

jüdische Wendung beschreibt den Tod in seiner sanftesten Form, als ob

uns ein Haar von den Lippen genommen wäre, und in seiner häufigeren,

schrecklicheren, als ob uns ein Knoten aus dem Hals gerissen würde.

So spinnt sich nichts herüber als Widerspruch. Dagegen können auch die

tröstenden Bilder nicht aufkommen, die sich rings um uns vorfinden,

und die doch nicht mehr wie bloß sprichwörtlich anzunähern brauchen.

Es ist an sich nicht viel anders, als ob ich sage: alle Höhe ist

einsam, wobei gewiß der sich entsprechende Zusammenhang zwischen einer

Bergspitze und Goethe nicht weiter verpflichtend ist, oder ob uns

Puppe und Schmetterling, Winter und Frühling, zu neuen Ufern lockt ein

neuer Tag --, ob uns diese Gleichnisse ein Fortleben bereits naturhaft

pränumerando vorzuführen scheinen. Aber bleibt auch das Sterben selber

unerfahrbar sprunghaft, so hat es doch den Anschein, als ob die

Aussichten des Dauernden, das heißt des diesseits und jenseits des

Einschnitts identisch Bleibenden, kontinuierlicher begründbar wären.

Denn wir gehen in uns deutlich fühlbar umher. Das ist uns bewußt,

die Schritte sind zu hören, wenn auch derjenige schattenhaft bleibt,

welcher umhergeht. Der Eindruck bleibt unabweisbar, daß in uns eine

Hand den Handschuh regiert und ihn vielleicht auch ausziehen kann.

Daß es daher mit dem Tod schlechtweg zu Ende sei, das bildet noch

nicht einmal die Feststellung einer Tatsache, der sich andere, uns

unbekannte Tatsachen anschließen könnten. Sondern daß es aus sei,

ist ein kleiner Augenschein und im Grunde noch nicht einmal ein

vorsichtiges Begrenzen, ein Kapitelschluß aus Mangel an Material,

sondern eine bloße Meinung über das folgende Kapitel, der sich zunächst

die anderen Meinungen mit dem völlig gleichen sachlichen Gewicht

entgegenstellen können. Und zwar nicht nur derart, daß wir es zwar

bald erfahren werden, so oder so, daß wir jedoch gleichmäßig über

das Drüben nichts wissen könnten. Denn das nichts Erfahrenhaben ist

gar kein Beweis, weder für das Nein noch für das Ja, während selbst

das geringste, das zu erfahren wäre, eo ipso auf die Rechnung des Ja

geschrieben werden müßte. Diesem zufolge stellen also die zahlreichen,

wenngleich unbeglaubigten Erfahrungsberichte und vor allem der völlig

übereinstimmende Lehrbegriff des persönlichen Fortlebens in allen

Religionen immerhin ein gewisses, obzwar nur regulatives Plus dar. Oder

wie Chesterton sagt:»Ich weiß gar nicht, wie die allgemeine Ansicht

entstand, daß die Skeptiker eine klare und objektive Auffassung des

Wunders haben, während die Gläubigen es nur auf Grund eines Dogmas

hinnehmen. Nun verhält es sich gerade umgekehrt. Die Gläubigen stellen

(mit Recht oder Unrecht) das Wunder nicht in Zweifel, weil sie Beweise

dafür haben. Die Skeptiker lehnen es (mit Recht oder Unrecht) ab,

weil sie prinzipiell nichts davon wissen wollen. Das Einfache und

Selbstverständliche wäre aber, dem Wort des Bauern, wenn er von

Gespenstern berichtet, ebensoviel Glauben zu schenken, als wenn er von

seinem Gutsherrn spricht. Da er ein Bauer ist, wird er wahrscheinlich

sehr viel gesunden Agnostizismus betreffs beider aufzuweisen haben. Nun

könnte man mit bäuerlichen Zeugnissen, die zugunsten der Gespenster

sind, ganze Bibliotheken füllen. Wer sie zurückweist, verletzt

entweder den demokratischen Grundsatz oder er bejaht den Grundsatz des

theoretischen Materialismus: die abstrakte Unmöglichkeit des Wunders,

womit er es ist, der sich in diesem Fall als der durch den Glauben

Verpflichtete, als der Dogmatiker erweist. Daß die Bauern leichtgläubig

sind? -- wer will es anders als durch den Zirkel beweisen, ›weil sie

an Gespenster glauben‹; oder daß die Geister das Dunkel vorziehen und

nicht unter den wissenschaftlich festgesetzten Bedingungen zu kommen

belieben? -- auch die Verliebten ziehen das Dunkel vor, ohne daß dieses

etwas gegen die Existenz der Verliebten beweist. Wenn mir einer sagt:

›Ich werde glauben, daß Fräulein Braun ihren Geliebten ihren Herzkäfer

nannte, wenn sie es laut und vernehmbar vor siebzehn Psychologen

wiederholen will,‹ so werde ich antworten: ›schön; wenn das Ihre

Bedingungen sind, so werden Sie nie die Antwort aus ihr herausbringen;

denn unter solchen Bedingungen wird sie es nicht sagen.‹ Es ist ebenso

unwissenschaftlich als unphilosophisch, überrascht zu sein, weil in

einer unhomogenen Sphäre gewisse außerordentliche Homogeneitäten

sich nicht bekunden.«Aber selbst wenn sie es sagte, so stehen wir

allerdings, joco intermisso, allen Bemühungen wissenschaftlicher

Art, also den Bemühungen einer womöglich experimentellen Erforschung

übersinnlich gelagerter Materialisationen ablehnend gegenüber. Es mag

sein, daß damit etwas festzustellen ist, übrigens jetzt weniger als

früher, da das Hellsehen noch gründlicher zu üben war. Die es jetzt

noch haben, die Seherin von Prevorst an der Spitze, und solchergestalt

die so gar nicht geistigen, geistreichen, sondern naturgemäß sehr

dumpfen, oft schlafenden Seelen erblicken, sind eben aus dem Grunde,

weil das Hellsehen nicht mehr die ganzen Zusammenhänge erschöpfen

kann, zu wenig eingeweiht, um hier jedesmal die bloß nervösen von

den wirklichen Gesichten, die bloßen unanalysierten Sternhaufen

von den realen Nebelflecken zu unterscheiden. Noch ganz abgesehen

von der beständigen Möglichkeit, auch in der okkult realen Sphäre

getäuscht zu werden, sofern sich, wovor schon Agrippa warnt, niedere

Elementels, die Gütchen, Kobolde und Klopfgeister der alten deutschen

Haussage, als die Seelen der Verstorbenen auszugeben pflegen. Und

selbst wenn diese Täuschung nicht zu befürchten wäre, vielleicht weil

die Experimentatoren durch ihren wenigstens gegen die Elementels

beibehaltenen Agnostizismus diese fernzuhalten verstehen, so ist

es doch ein übler Anblick, gruselig zu machen, wo es tief sein

sollte, oder alte, bestäubte Grillen zu fangen und jenes obere Reich

vernünftiger Wesen, mit dessen Anerkennung Kant die Metaphysik der

Sitten geschlossen hat und methodisch schließen mußte, zu einer

Sphäre transzendentaler Physiologie herabgewürdigt zu sehen. Mag man

ahnen, soviel man will, mögen auch manche Träume noch so überraschend

eintreffen, es ist sicher nicht das wirklich verborgene Wesen in uns,

das Lotterienummern vorher hellsieht. Ja man kann sogar eine beständige

Traumstadt haben, in der man sich aufs Genaueste auskennt, an allen

Brunnen, Erkern und Plätzen, und die Denver heißt: so ist dieses doch

alles höchst unwichtig im transzendentalen Gebrauch, weil es hier

nicht darauf ankommt, das Untere zu verdoppeln, und weil uns vom

Jenseits anderes als ein bloßer Pharusplan für Stadtreisende höherer

Ordnung zu verlangen bleibt. Das gilt selbst für einen so achtbaren,

zu Unrecht vergessenen Mann wie du Prel, der ebenfalls das als Ob, das

Aufgegebene und Moralische, den bedeutsam schwierigen Realitätsgrad

dieser Gegenstandsreihe mittelst einer groben Magie, einer sogenannten

experimentellen Metaphysik bestätigt sah oder sehen wollte -- der

transzendente Samen kann im Laboratoriumsstaub nicht Wurzel schlagen.

Wir fühlen uns sowieso schon innerhalb unseres Leibes nur wohnen.

Daher kann ein Fuß, ein Arm wegfallen, ohne daß unser Ich auch

nur das Mindeste an sich dabei verlöre. Man ist derart fähig, das

Entfernteste innerlicher zu haben und sich seiner irgendwo schon

phänomenologisch zu versichern. So wird es unvollziehbar, uns mit

irgend einem der Leibesorgane, weder mit den Geschlechtsteilen,

die fast ein eigenes Leben führen, noch auch mit den Stirnmuskeln,

dieses geistigsten Kapitels unserer Anatomie, irgendwie nur im

entferntesten zusammenfallend zu fühlen. Es mag fraglich sein, ob

wir das Sterbenmüssen in uns vorfinden könnten, wenn wir nicht

schon ringsum vorher den Tod gesehen und uns demgemäß empirisch

in dieses Ende eingeordnet hätten. Aber es ist gewiß, daß jeder

einzelne beziehende Akt von der Beziehung des»ich fühle, will oder

denke«nicht nur begleitet, sondern letzthin gehalten wird, so daß

das Ich, der synthetische Blickpunkt, stets als Akt- und in der in

sich bleibenden oder wieder auf sich zurückgewendeten Inwelt auch als

Gegenstandsbegriff von oben her hereinscheint. Hier liegt ein Keim,

der unzerstörbar ist, eben das verhüllte Ich, das Dunkel, die Frage,

schattenhaft nicht minder als Bewußtseinsakt wie als sich selbst

objektivierenwollender Bewußtseinsgegenstand, und doch der allerrealste

Halt unserer Persönlichkeit. Denn dieses ist uns durchaus von innen

gegeben und phänomenologisch auffindbar; dagegen das Andere, daß sich

die seelischen Erscheinungen in einem Körper und Gehirn abspielen, ist

empirisch vorgefunden, und zwar nicht einmal so brutal vorgefunden wie

der Tod, sondern durchaus nur über der Empirie einer durchgängigen

gegenseitigen Abhängigkeit als höchst vorsichtige und kausal zu nichts

verpflichtende funktionelle Abhängigkeit konstatiert. Man hat bald die

eine, bald die andere Seite mehr betont; aber während das Mindern der

seelischen Vorgänge zu einem bloßen Schatten der zugrundeliegenden,

allein verknüpfenden Gehirnvorgänge in die unerwünschte Konsequenz

ausläuft, daß man dann über das Bewußtsein disputieren könne, selbst

wenn es gar keines gäbe, ist die entgegengesetzte Annahme vereinzelter

oder gewisser seelischer Vorgänge ohne jedes physiologische Korrelat

nicht ohne weiteres absurd. Wenigstens wäre von dieser, der empirischen

Seite, wenig dagegen einzuwenden: denn die Seele besteht, sie ist

phänomenologisch selbständig gegeben, während der psychophysische

Parallelismus eine bloße, von außen herangetragene Arbeitshypothese der

Psychiatrie ohne weiteren Ehrgeiz in phänomenologisch konstitutiven

Gebieten darstellt; und mit dem Wissen um die letzthinige

Unabhängigkeit der Seele vom Leib ist auch zugleich ihre körperliche

Unzerstörbarkeit einleuchtend gesichert. Freilich, dieses: was man

glaubt und dafür hält, und daß man wüßte, was tugendhaft sei, auch

wenn man unter lauter Spitzbuben großgeworden wäre, hat nur unter

gewisser Einschränkung einen realitätsanzeigenden Sinn. Denn nicht nur,

daß sich auch der Betrunkene für frei und der Euphorische für selig

hält, ohne es zu sein, so bezieht sich selbst das phänomenologisch

adäquatest Eruierte doch immer nur auf Gegenstände, die den sinnlichen

und weltlichen Eingriffen oder Variationen im unzerstörbarsten,

prinzipiellen Punkt ihres Seins entrückt sind. Hierauf allerdings

gänzlich; pour être heureux ou malheureux il suffit de se croire tel,

und was der Wunsch, der feste Glaube keinem äußeren, unseelenhaften

Ding gegenüber vermag, nämlich realitätssetzend, in die erwartbaren

Zusammenhänge der Realität einfügend zu sein, dafür lassen sich im

eigenen, der Wesensanschauung homogenen Gebiet -- unter Absehung der

äußeren Bedingungen des Intensivwerdens und unter Voraussetzung des

Erlebten, innerlich Vorgefundenen, Intensiven der Evidenz -- keinerlei

objektstheoretische Hindernisse namhaft machen.

Geist der Utopie · 第 36 / 39 段