Scheler erhoben worden, der die Wehrhaftigkeit liebt, den Krieg stark
und brutal bei seinem Namen nennt und die Kriegsgewichtigkeit von
jeder bloß ökonomischen Begründung loslöst. Der Kämpfer wird nach
ihm niemals aussterben. So gibt es gewiß einen höchst ursprünglichen
Trieb nach Macht. Er sieht gewiß nicht auf seinen Nutzen und kann
sämtliche hochgemuten Tugenden im Gefolge haben. Wir wollen hier nicht
weiter bemerken, daß auch der Tiger bei jeder anständig geführten
Jagd als heldischer Gegner geschätzt wird. Auch läßt sich leicht der
geschichtliche und etymologische Beweis dafür erbringen, wie sehr die
Haltung des Reiters, des Ritters, des ritterlichen Menschen vom Pferde
erlernt und deshalb genau so gut zoologisch wie ethisch verwurzelt
ist. Aber man braucht nicht einmal so weit zu gehen, da auch jeder
Schulmeister oder jeder Schurke von einem russischen Katorgadirektor
den Trieb nach Macht über Menschen zweifellos adäquat mitfühlen kann.
Und was die Kraft anbetrifft, die noch über dem bloßen Adel des
Gebietens liegt, so braucht diese hohe Gewalt zwar keine ökonomischen,
aber auch keine kriegerischen Hilfsmittel, sondern wird als Ausdruck
der inneren Rangordnung am reinsten innerhalb einer ethischen
Demokratie blühen. Das alles kommt nun bei Scheler nicht in Frage,
weder das Gemeine noch das Geistige, wie sollte sich aber gerade das
Machtpathos cäsarischer Art anders als ökonomisch durchsetzen können?
Gewiß ist in allem Starken, Strahlenden, sich selbst Verschwendenden
etwas, das niederwirft und eine Art von Unterwerfung unter sein
sittliches Phänomen erwarten darf. Aber wie soll es sich halten, in
dieser höchst gewinnsüchtigen und respektlosen Welt, die ja leider
nicht nur in den drei Jahrhunderten englischer Wirtschaftsgeschichte
so heftig den ökonomischen Idealtypus als Erklärungsmoment verlangt
hat; wie soll sich das Machtpathos halten, wenn es nicht an
wirtschaftlichen Sorgen, Interessen, Konflikten und Überlegenheiten
die Eintrittstelle seiner langdauernden, eigentlich sozialen
Verwirklichung findet? Wie sollen etwa weitere Kriege gegen Rußland
entstehen, wenn alles Trennende, alle Gegensätze der östlich-westlichen
Volksphänomenologie in der notwendig rein moralischen Sphäre des sich
nicht Verstehenkönnens schweben bleiben? Es gäbe keinen Sickingen
ohne Bauernkriege, und Bonaparte wäre auf sein gutes Zeugnis von
Brienne her angewiesen gewesen, wenn keine französische Revolution
losgebrochen wäre; die heldischen Naturen hätten sich auf Zweikämpfe
oder Donquichotterien beschränkt gesehen, wenn nicht immer wieder
wirtschaftliche Ursachen den breiteren Kriegsfaktor gebildet hätten.
Nun gibt es allerdings gegenwärtig eine Atemnot, in der man aufhören
muß, wirtschaftlich zu denken. Denn der vorliegende Krieg ist so
beschaffen, daß er selbst für die großzügigsten geschäftlichen Zwecke
zu kostspielig, zu riskant und verlustreich sein muß. Gewiß sind allein
die wirtschaftlichen Interessen daran schuld, daß sich eine Wehrmacht
im sozialen Raum ausgebildet hat. Aber es gehört offenbar nicht viel
dazu, daß danach die gegeneinander aufgestellten Heere plötzlich
von selber losmarschieren. Es ist ein Leichtes, und jede nervöse
Furcht liefert Beispiele zu der gefährlichen Möglichkeit, daß die
aufgespeicherte Furcht im Begründungsfall endlich als Freude frei wird,
daß also auch der Geist der bloßen Schutzrüstung schließlich umschlagen
und aggressiv werden kann. Man kann deshalb auch nicht nach den
Urhebern des Krieges fragen: keiner hat ihn gewollt, aber jedes Volk
war willenlos an die Kapitalbewegungen und dann, was vor allem wichtig
ist, an die zwangsläufig gewordene Maschine des stehenden Heerwesens
angeschlossen. Das heißt natürlich, daß -- jenseits der törichten
Frage nach den persönlichen Urhebern des Krieges und dem ganzen
reich gemischten Aktenstreit -- daß diejenige Regierung am meisten
mitgerissen wurde, die am konsequentesten bislang die Schiedsgerichte
ablehnte, gemäß dem frischen, fröhlichen Reitergeist ihres heimischen
Militärfeudalismus, bei dem sich, als Einrichtung, die Welt unterdessen
so ausführlich für Belgien und den Kriegsausbruch bedankt hat. Darum
mögen freilich, wie Lederer aufs Einleuchtendste gezeigt hat, die
Fürsprecher der heldischen Ursachen insofern relativ recht haben, als
dieser undiskutierbare Krieg nicht einmal die überlieferte ökonomische
Vernünftigkeit, also nicht einmal das bisher unumgänglich notwendige
Minimum an kapitalistischer Unternehmungslogik aufweisen kann, sondern
daß hier der Nutzen selber ideologisch für ein Anderes geworden
ist. Es liegt derart durchaus nicht innerhalb der wirtschaftlichen,
freilich auch nicht mehr innerhalb der herrscherfreudigen und in das
echte Machtpathos verliebten Interessen, wenn der ungeheure, nur
scheinbar ministeriell eingeordnete Heeresapparat mitsamt seinem
rücksichtslos abstrakt gewordenen Siegeswillen plötzlich von selber
zu arbeiten anfängt, sofern das Militär nicht dauernd nur Manuskript
bleiben kann. Aber all dieses Sonderbare kann doch nicht darüber
hinwegtäuschen, daß es ohne den wirtschaftlichen Geschäftsstreit ein
Leichtes wäre, jene dicke, tollwütige Luft zu vertreiben, in der
sich nicht lange antechambrieren läßt, daß der kämpferische Wille,
so sehr er es überholt, ohne sein wirtschaftliches Gebrauchtwerden
bloßer unmerklicher, ungefährlicher Gesinnungsmilitarismus bliebe,
und daß es auch keines besonderen Zauberspruches moralischer Art
bedürfen würde, um den Golems des europäischen Militarismus ihre
Lebenszettel aus dem Munde zu nehmen. Denn der Krieg, dieser Ausbruch
des primitivsten Triebs nach Macht, diese Ausschaltung des paradoxeren
Triebs nach Liebe, steht und fällt letzthin mit dem privaten und dem
syndikalisierten Wirtschaftsleben. Der frühere Kämpfer hatte nicht weit
nach seinem Gegner zu suchen. Es gab noch wirtschaftlich ausgelöste
Kriege zwischen Theben und Sparta, zwischen den oberitalienischen
Stadtrepubliken, zwischen den Städtebünden und den Ritterschaften, ja
ganz zuletzt noch zwischen Süddeutschland und Norddeutschland. Jetzt
ist das alles zur inneren Hetze und Erbarmungslosigkeit herabgesunken,
der Zivilprozeß sichert den Landfrieden, und die Machtmittel des
absoluten Zahlungszwangs reichen zur Beschränkung aller Spannungen
auf den inneren, privaten Wirtschaftskrieg aus. Wie zudem die
europäische Lagerbildung, vor allem die der Mittelmächte, während
des Krieges zeigte, neigt schon die kapitalistische Wirtschaftsweise
insofern zu einer Vereinfachung und immer schwerer beweglichen
Verdichtung dieser Spannungen, als hier die unverkennbare Tendenz
zur wirtschaftlichen Interessengemeinschaft koalitionsbildend wirkt.
Wenn schon dieses möglich ist, trotz der fortbestehenden inneren
Gegensätze kleineren Umfangs, trotz der Ausbeutung und Beherrschung
kleinerer Bundesgruppen durch die Bourgeoisie der Herrennation, und
mit der Selbsttäuschung eines allein darauf und vielleicht noch auf
das Wachstum der Sittlichkeit gestützten bürgerlichen Pazifismus: dann
kann nichts selbstverständlicher sein, als daß die wirtschaftlichen
Motive zum Krieg und darum der Krieg selbst in der sozialistischen
Wirtschaftsform erst recht verschwinden müssen, sofern hier andere als
die Erwerbstalente ausschlaggebend sind, sofern das Eigentum und alles,
was damit gegeben ist, Verteidigung und Angriff, Unselbständigkeit und
Selbständigkeit, Unterdrückung und Imperialisierung aufgehört hat,
Kraft und Alternative zu sein, sofern also der Staat selber zur völlig
internationalen Verbrauchs- und Produktionsregelung übergegangen ist.
Von hier aus ist auch der dritte, gefährlichste Einwand hoffnungslos
gerichtet. Er ist dem ersten verwandt und möchte von der großen
Fälschung leben, die die Einmütigkeit und dann die neue, scheinbare
Frömmigkeit des Irrationalen ringsum verbreitet hat. Aber wer ist so
unbedenklich in die bloße Gebärde verliebt, daß er sich durch das
vorübergehende Näherkommen von Menschen, Klassen und Ständen über das
letzthin wirtschaftlich Ephemere dieser Not, dieser heilig gesprochenen
Not hinwegtäuschen ließ? Der genossenschaftliche Trieb ist noch blind,
und so mußte sich gerade die suchende, verzweifelte, liebesverlangende
Kraft zur Verbrüderung ein falsches Stichwort geben lassen, das den
Haß voraussetzt, und das mit dem echten Aufruf zur Liebesgemeinschaft
so wenig gemeinsam hat wie mit der Geburt des neuen Menschen oder
den anderen scheinheiligen Christuslästerungen der Kriegsliteraten
und Simmels, des Patrioten aus Methodologie. Es ist noch weniger
schlimm, daß man unterlag, als daß man mit dieser Begeisterung
unterlag. Niemals sonst hätte die Arbeiterschaft, wären nur statt
der gewerkschaftlich praktischen auch prinzipielle Begriffe lebendig
geblieben, ihre Erstgeburt, ihr internationales Klasseninteresse, das
das Menschheitsinteresse ist, derart zu den Hunden gegeben, um sich
dafür von ihren regierungssozialistischen Parteivorständen ausliefern
zu lassen.
Das alles ist so leicht zu entblättern; es ist falscher Feuerlärm
und eine furchtbar gelungene Generalprobe teils der Herdendummheit,
teils der sozialistischen Moral gewesen und lief so im ganzen auf
einen höchst geschickt gemischten Bluff oder Kassenmagneten hinaus,
den die Unternehmerideologie mittelst der usurpierten Ideale der
Einmütigkeit und des Brudertums veranstaltet hat. Und die Rechtskraft
wird nicht stärker, wenn man den rohen oder auch den heidnisch
hochherzigen Menschen heranzieht, wenn der Wille zum Lagerfeuer und
ähnliche Atavismen als Ende aller Krämertugenden angepriesen werden,
wenn man die verschmutzte Kolumbusnatur im Unternehmer überpointiert,
wenn der Sozialismus als bloßes Produkt der Bourgeoisgesinnung
verdächtigt wird, wenn man den ungeheuren Prozeß übersieht, den die
mittelalterlichen Menschen von ihrer barbarischen zu ihrer»russischen«,
irrationalen Natur zurücklegen mußten, und daß die Tugenden der
Kriegerkaste, so sehr sie das höchst Erreichbare des natürlichen
Gut- und Hochgeartetseins darstellen mögen, doch letzthin vor dem
Wachruf, Friedensruf Christi nur wie eine heidnische Farce erscheinen.
So gelingt es weder dem Machttrieb, noch der falsch plazierten
Einmütigkeit, noch auch der unterschiedslosen Bewunderung des
Unkalkulierbaren überhaupt, der Kriegsgesinnung eine Idee zuzutreiben,
nachdem hier nichts anderes als unbeherrschte Primitive und die ebenso
unbeherrschte, nationalliberale Empirie des sozialen wie des übrigen
Daseins triumphierten.
Aber es beginnen langsam die Schuppen von den Augen zu fallen, und
kein Zensor wird sie wieder anheften können. All dieses bröckelt
ab, und auch die Helden haben es sich anders vorgestellt. Man wird
sogar wieder bürgerlich und sieht ein, daß es keinen Sinn hat, sich
für das fremde Geschäft, für die eigenen Ausbeuter oder auch für die
städtische Wasserleitung totschießen zu lassen, selbst wenn man den
Staat als die Summe sämtlicher städtischer Wasserleitungen begriffen
hätte. Es war nicht jedem gegeben, so zierlich und dabei so geistreich
zu schreiben wie die meisten Zeitungen oder auch wiederum so sangvoll
und dabei so tief wie Scheler, der sich nunmehr ebenfalls abwendende
Loki dieses Ereignisses, und die anderen Heroen des Gedankens; so
sagt man doch nicht umsonst schon im gemeinen Sprichwort: je fauler
die Sau, desto größer der Dreck, und man muß gestehen, der Krieg hat
es nicht anders gehalten, mag auch sein geistiger Unrat zunächst
als schwieriger klassifizierbar erschienen sein. Der Harthörigste,
Mittelständigste konnte lernen für die Lüge empfindlich zu werden,
als man diesen nackten Unternehmerkrieg und nicht einmal so, als man
diesen abstraktesten Militär- und Machtstaatenkrieg zu einem Kampf
für die Freiheit der Meere, für Frauenehre und hohe Tugend, für
die Menschlichkeit und Zivilisation und wer weiß noch für wieviele
Opernphrasen drapierte, als man gar am Schluß auf der anderen Seite
den Krieg selber nur als Mittel gegen Krieg und Militarismus zu
führen vorgab -- die Heuchelei ist, Wilson ausgenommen, der Tribut
des Lasters an die Tugend. Aber der Held kämpfte langsam im Lehm, der
abgesessene Reitersoldat in den Unterständen, der Säbel verschwand,
sogar die Regimentsfahne verschwand, und sollte das alles noch nicht
ausreichen, so waren die Granaten dazu da, und diese schnitten vollends
ins übertechnische Gefühl; die Artillerie tötete die Mystik. Genau
so sanken aber auch die Inhalte und magischen Ziele herunter: und
wir freuen uns dessen, der Denkstein ist im Fluß und regt bereits
die Flügel, hier ist wahrhaftig Grund zur Freude und ein herrliches
Rhodos, um zu tanzen, um die neue Nüchternheit zu begrüßen, diese
einzig heilsame von all den übrigen Nüchternheiten des Durchschnitts;
vor allem aber, um jedes falsche ideologische Darüber zu entgöttern
und so aufs Gründlichste den Abbau des hochkapitalistischen oder auch
neufeudalen Kriegs-, Militär- und Staatszaubers von Gottes oder auch
eines minderen Geistes Gnaden zu betreiben.
Man kann sich den Staat nicht unfeierlich genug denken. Er ist nichts,
wenn er nicht auf günstige Weise wirtschaften läßt und demgemäß
verwaltet. Man muß sich diesen Fall österreichisch zurecht legen, wo
mehrere Völker wohnen, die durch gemeinsame Wirtschaftsinteressen
und vielleicht noch durch die bestimmte Gewohnheit einer Verwaltung
zusammengehalten werden, während als die einzig wesentliche Kategorie
tieferer Gemeinschaft über diesem apparatlichen Generalnenner die
Nationalitäten bestehen. Es dürfte sehr schwer halten, in den übrigen
Ländern und im reinen Gedanken, dem Staat an sich höhere Weihen, eigene
ideenhafte Werteigentümer zu gewinnen.
Etwa nach dem, was er verbietet? Oder nach dem, zu was er verhilft,
hinsichtlich der öffentlichen Rechtspflege? Die Schwachen sind
schutzlos, aber die Geriebenen sind gefeit, das Volk mißtraut den
Gerichten. Es fehlt der inhaltliche Blick für Menschen und Fälle;
das Papier, die Pedanterie regieren, und das gesamte Zivilrecht ist
sowohl der Methode wie dem Gegenstand nach vom Horizont des Eigentums
umschrieben. Denn da die Juristen nicht anders als rein formal
geschult sind, so finden gerade die Fähigkeiten der Ausbeuterklasse,
das Rechnen, Mißtrauen und die hinterhältige Kalkulation in diesem
Formalismus verwandten Boden, noch ganz abgesehen davon, daß sich die
Inhalte jeder beliebigen Wirtschaftsordnung widerspruchslos in die
abstrakte Amoral der Jurisprudenz einsetzen lassen. Nicht nur, daß
die meisten Anwälte jeden annehmen, der gerade zu ihnen kommt, wie
Droschken und anderes mehr, nicht nur, daß der Richter im Zivilprozeß
einer schlechten Uhr verglichen wurde, die allein geht, wenn sie von
einer der Parteien angestoßen wird -- ohne eigenen Ehrgeiz, das Wahre
aufzuzeigen; das ganze Recht, zum weitaus überwiegenden Teil auch das
Strafrecht, ist ein bloßes Mittel der herrschenden Klassen, die ihre
Interessen schützende »Rechtssicherheit«aufrecht zu erhalten. Auch
dort, wo nicht nur die Geriebenheit ihre gewohnten Geschäfte fortsetzt
und »rechtlich«siegt, wo der Staat die Verfolgung und Untersuchung des
Delikts selber in die Hand nimmt, wird die Strafe, weit davon entfernt,
mit ihren groben Mitteln das Recht antithetisch wiederherzustellen, als
Vergeltungsstrafe zu einer unsittlichen Barbarei und als Schutzstrafe
zur verkehrtesten Prophylaxe und mißlungensten Pädagogik, die sich
überhaupt nur post festum erdenken läßt. Das ist die majestätische
Gleichheit vor dem Gesetz, daß es den Reichen wie den Armen gleichmäßig
verbietet, Holz zu stehlen. Oder soll sich der Staat vielleicht
umgekehrt in Geschenken bewähren? Soll er sich etwa in der völlig
leeren, wenn nicht pharisäischen, so lohnrechtlichen Anmaßung der
Gerechtigkeit illuminieren, die doch bestenfalls nichts anderes
bedeuten kann, als daß der rechte Mann an die rechte Stelle kommen
soll, während sie außerhalb dieses rein technisch Richtigen vor
jeder schwierigeren Einschätzung, vor Sokrates, Jesus und vor allem
geschichtlich-sozial Transzendenten mit Notwendigkeit versagen mußte?
Oder soll uns gar der mörderische Zwang der allgemeinen Wehrpflicht
die moralische Substanz der Polis beweisen, sofern wir hier mit dem
Staat als Licht eine der schmachvollsten Stunden der Weltgeschichte
durchschritten haben, und der Staat glücklich wieder als Sprungbrett
zur Natur, zu der von den Menschen wiedergewonnenen, wiedererrichteten
Logik oder eines Erdbebens benutzt werden konnte? Er ist damit so klug
geworden wie das Wetter, das sich auch nicht anders zu helfen weiß, das
erst ein Gewitter mit Blitzschlag und Erdrutsch als Mittel braucht, um
die Temperatur einige Grade herunter zu bringen.
So leer und roh ist hier also die öffentliche Befehlsgewalt geworden.
Das geht so weit, daß der Staat zuletzt sogar aus den unternehmerischen
Interessen, als deren geschäftsführenden Ausschuß sich der
kapitalistische Staatsgedanke fühlen konnte, herausgefallen ist.
Man braucht dazu nicht erst noch zu wiederholen, was von vornherein
auf der Hand liegt, nämlich, daß sich ein Krieg auch für den Sieger
wirtschaftlich kaum mehr rentieren kann. Aber gerade indem der Staat
selbständig geworden ist, verselbständigt bis zum Selbstzweck, indem er
positiv fordert, in rücksichtslosester Auspressung der Volkskraft, hat
er den ehemals liberal gemeinten Staatsbürgergedanken zur furchtbarsten
Knechtschaft unter einer abstrakten Machtstaatsautonomie verwandelt,
dergestalt, daß dieser völlig sinnlos gewordenen Mordauslieferung
gegenüber selbst die Unternehmerinteressen, der frühere kausale
Unterbau und einzige»bewegende«Realitätsgehalt der Geschichte, wie
eine Art von Ideologie erscheinen. Daraus läßt sich entnehmen, wie
äußerlich diesem neuen, nackten Staat erst das Volkstum zugeeignet
werden kann, mit dem er als Nationalstaat seit den Befreiungskriegen
seine letzte und oberste Idee vorträgt. Es ist selbstverständlich,
daß der ganze, dieses Mal noch wirtschaftlich bedingte Wechsel
von 1870: geschlossener Wirtschaftsmarkt, Gretchen, Vollbart und
heimischer Herd; bis zu 1890, als aus dem steigenden, nach innen
durch Kartelle halb lahmgelegten Konkurrenz- und Expansionsdrang des
Kapitals heraus der Zug ins Weite, die Herrschaft über alle anderen
Völker, die Mischung von Angelsachsentum und Hohenstaufenromantik, das
Alldeutschtum als Nationalgedanke kam, -- daß dieser ganze Wechsel
mit dem eigentlichen Volksleben nicht das geringste zu tun hat, mag
sich auch der Staat aus der Nationalidee noch so viel Gewürz und
kümmerliche,»vaterländische«Beschönigung entliehen haben. Wie es aber
gegenwärtig steht, so ist nur das Geschäft frei, die Erziehung ist ein
ökonomisches Vorrecht, und die Gedanken sind verboten oder, was noch
schlimmer ist, gleichgültig und kraftlos, in die bloße Trägheitssphäre
der»Bildung«abgeschoben. Was zu kommen hat und als Gedanke des Staats
lebt, ist nun nicht nur einfach eine Umkehrung dieses Verhältnisses
von Freiheit und Zwang, sondern das Eigentum selber, der Halt
alles Zwangs und aller bisherigen Rechts- und Staatshaftigkeit, muß
vermindert oder gänzlich getilgt werden; und vielleicht wird die
dadurch sehr erleichterte Erledigung der Kriegsschulden, die zunehmende
Geldentwertung und die ganze ökonomisch unmögliche, zum mindesten
unübersehbar schwierige Finanzsituation der Welt noch fünfzig Jahre
hinter dem Friedensschluß -- diesen Strich durch die Rechnung, die
Expropriation der Expropriateure auch solchen Kreisen empfehlenswert
machen, die ihr jetzt noch sehr fern stehen und im kapitalistischen
Wirtschaftssystem bislang wohl reüssierten; denn der Krieg mit seinen
Folgen ist eine Wasserscheide und ein furchtbarer Gebirgsstock,
wohl dazu geschaffen, die Neuzeit mit ihrer Geldwirtschaft und bloß
idealen Zweckhaftigkeit abzuschließen. Der Staat verwandelt sich
derart, weit entfernt von der tschechischen oder anders bourgeoisen
Zollideologie des »Nationalstaats«, in eine abendländische Schweiz,
in eine Weltschweiz, in eine völlig internationale Verbrauchs- und
Produktionsregelung, in eine große apparatliche Bundesorganisation
des Unwesentlichen, die nichts Bedeutsames mehr enthält oder an sich
ziehen kann und deren rein verwaltungstechnisches Esperanto unterhalb
und quer durch die einzelnen Nationalitäten gelegt ist, als welche
die einzig gültige Kategorie und das einzig substanzielle Bathos
sozialen Zusammenhangs bilden dürften. Das bedeutet also nicht, daß
irgendwie noch stärker als bisher befohlen, erzwungen würde. Nichts
könnte falscher sein, als die bloße planmäßige Regelung des Konsums
oder auch der Erzeugung mit der sozialisierten Gesellschaft zu
verwechseln. Jede solcher Regelungen bleibt Schikane, solange nicht
das Eigentum selber abgeschafft ist; und überdies: so wenig von den
Krähen zu erwarten ist, daß sie sich selbst das Auge des Gesetzes, des
ihnen wohlrentablen Gesetzes aushacken, so wenig besteht eine Gefahr,
daß dergestalt ohne weiteres, auf dem Weg halb militaristischer,
halb staatssozialistischer Evolution, die schlauen Vorgänge der
Reichsgründung wiederholt werden könnten. Daß nämlich gerade so wie
das verhaßte und reaktionäre Preußen die Ideale der Achtundvierziger
halb als Revanche, halb als Erfüllung aufgreifen konnte, so nun
auch der Gegenwartsstaat, wenn ihm das Wasser nicht bereits in den
Mund läuft, und die ökonomische Lage für alle Klassen unerträglich
geworden ist, -- aus Gründen notwendiger Produktionsvermehrung oder
sonstwie dauernd dazu gelangen könnte, die privatwirtschaftliche
Gesellschaft zugunsten planmäßiger, wissenschaftlich besser fundierter
Sozialkonstruktionen aufzuheben. Das wurde tatsächlich vielerseits
jetzt schon erwartet;»sie parieren ordentlich, die Deutschen«, sagt
Frau von Staël, und auch deren Sozialisten gegenüber hat sie Recht
behalten.»Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das
Unphilosophischste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der
Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung
verwandelt.«So war es gerade Lensch, einem der gründlichsten deutschen
Umlerner und Sozialpatrioten, vorbehalten, im Zwang dieser endlos
verfahrenen Staatseingriffe sogar den Vollzug der sozialistischen
Revolution zu feiern; jener oberflächlichen Geschichtsklitterung
zufolge, daß die Bewegung von 1789 auflockernd war, entsprechend ihren
liberalen Ideen, während die»Bewegung«von 1914 (eine wahrhaft schamlose
Parallele) zwangshaft sein mußte, entsprechend ihren assoziierenden
Ideen. Aber es bedurfte nicht erst des verunzierenden Fortgangs der
Hostilitäten von 1914, um die Falschheit dieser Ausgleichungen zu
erkennen und die starke Differenz, die immer noch zwischen einer
kapitalistisch, aus tausend Erwerbs- und Valutagründen monopolisierten
Staatswirtschaft und den ehedem als entschieden wärmer vorgestellten
Temperaturgraden sozialistischer Zukunftsgenossenschaft bestehen
dürfte. Denn nur der Erwerb wird in dieser gebunden, ja gänzlich
ausgetilgt, aber das Ich wird dafür frei, jenseits sämtlicher von
außen herangetragener Sorgen, Fragen und Reglementierungen, und sowohl
Engels wie Marx sind in diesem Sinn liberal, ja sogar»konservativ«,
das heißt vertragsfeindlich, unjuristisch, irrational genug, um mit
dem Staatssozialismus absoluter Art nicht verwechselt zu werden
können. Oder wie sich Engels ausdrückt, mit gutem Gegengewicht gegen
Lassalles wahllosen Spott über den»Nachtwächterstaat«: »an die Stelle
der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die
Leitung von Produktionsprozessen; der erste Akt, worin der Staat
wirklich nicht nur als Repräsentant einer Klasse, der Sklavenhalter,
des Feudaladels, der Bourgeoisie, sondern der ganzen Gesellschaft
auftritt -- die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen
der Gesellschaft -- ist zugleich sein letzter, selbständiger Akt
als Staat.«Wenn endgültig gesprochen werden soll, so bedeutet der
begriffene Staat schlechterdings nichts anderes als einen relativ
stillstehenden Ausschnitt aus der Wirtschafts-, gegenwärtig der
Militär- und späterhin der Verwaltungsgeschichte, der auf keiner
dieser Stufen irgend etwas Selbständiges, Geistiges enthält, sondern
der in dem entwirrenden und reibungslosen Funktionieren seiner mitten
ins unlogische Leben gesetzten Ordnungsmethode das einzige Recht, die
einzige, völlig reflexive, negative Logik, die ewige Notstaatslogik
besitzt, unterhalb der Individuen und Nationen, diesen zuliebe und
ganz und gar ohne eigene Metaphysik; denn das Andere, der Geiststaat
oder Vernunftsaat hat auch andere Mittel, Konnexe und ist dem Problem
nach Kirche. Was seit hundert Jahren dagegen geschieht, zuerst
nur»restaurierend«und dann in dem allgemeinen sich Verhärten der
Mittel zu Zwecken, ist der furchtbarste Hohn auf die Idee der Neuzeit
von der Würde des Individuums und dem Allgemeinen, dieses nicht als
gegenindividuelle Realität, sondern als ein offenes und durchaus nur in
der Verlängerungslinie der Individualität gesetztes Postulat gefaßt.
Und noch eine Einschränkung: so wenig sich der Staat an sich schon zum
bedingungslos Höheren machen läßt, so wenig ist es selbstverständlich
denkbar, das Volkstum, ganz gleich welcher Art, außerhalb seiner
jeweiligen Inhalte, absolut zu halten.»Aber wenn er nun doch unweise
wäre und fehlgriffe? Ich frage zurück: welches ist denn das Vaterland
des wahrhaft ausgebildeten Christlichen Europäers? Im allgemeinen ist
es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter derjenige Staat in
Europa, der auf der Höhe der Kultur steht. Jener Staat, der gefährlich
fehlgreift, wird mit der Zeit freilich untergehen, demnach aufhören,
auf der Höhe der Kultur zu stehen. Aber eben darum, weil er untergeht,
und untergehen muß, kommen andere, und unter diesen einer vorzüglich
herauf und dieser steht nunmehro auf der Höhe, auf welcher zuerst jener
stand. Mögen dann doch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem
Flusse, dem Berge, ihr Vaterland anerkennen, Bürger des gesunkenen
Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten, und was sie beglückt:
der Sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich angezogen werden, und
hin sich wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürger-Sinne
können wir denn über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns
beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen, bis an das Ende
der Tage.«Das sind Fichtes Worte aus den Vorlesungen über die Grundzüge
des gegenwärtigen Zeitalters; und sie mögen als das unbedenklichste
Argumentum ex auctoritate dafür stehen, daß auch das Volkstum,
diese echteste, farbigste und fruchtbarste Kategorie der sozialen
Objektivität ebenfalls halb reflexiv und auf Probe gehalten werden muß,
sofern auch das Nationalpathos seine konstitutive Kategorienhaftigkeit
durchaus nur bedingungsweise und von einer absoluten Idee zu Lehen
trägt.
Aber man darf hier nicht allzu lange nüchtern bleiben. Die kurze
freidenkerische Gesinnung ist bald zu Ende, und wenn das Falsche fällt,
braucht das Echte noch nicht zu werden. Vielleicht muß es taktisch
so sein, daß der Arbeiter alles, was über dem Achtstundentag liegt,
als private Erholung wertet. Jedoch daher stammt es auch, daß nun
alles Obere so gänzlich wüst und ungepflügt daliegt. Die bürgerlichen
Menschen lassen hier allzu bequem und scheinheilig verwischen, und nur
der Begriff ist klar.