Jesu selber überbringen. Und zwar nicht nur moralisch, sondern gerade
auch, ohne Paulus, als Verheißung tiefster logischer Gehalte. Dermaßen
kann der außerjüdische Paulinismus, wie er statt des Evangeliums
Christi das zweite Evangelium, das Evangelium über Christus gesetzt
hat, auch logisch außer Betracht gelassen werden, in dem immer noch
ungehobenen reinen Christentum nicht nur der Moral, sondern auch
der Erkenntnis. Es ist selbstverständlich dauernd fraglich, ob das
je ohne»Beiwerk«gelingt, aber es gibt auch hier so etwas wie eine
unkonstruierende Ontologie. Das ist: der ewige, von allem anderen
unterschiedene Rang der Menschenseele; die Kraft des Gutseins und
des Gebets, das zutiefst begründete sittlich Gute als Saatkorn, als
Lebensprinzip des Geistes; die Kunde von der möglichen Erlösung
durch Dienen untereinander, durch Hingebung, zum Anderen Werden,
sich selbst Erfüllen mit Liebe als dem Geist der Versammlung und der
universalsten Selbstbegegnung; die Kunde vom Vater als einer bisher
unbekannt gebliebenen Gottheit, vom noch schwachen, dämmernden Gott
der Geschichte, der Wiederherstellung, des Prozesses und des allein
prozessual getragenen Reichs des ewigen Lebens. So nur schließt sich
dieser unser verwundeter, heißer Tag, er faßt an dem, was anfangs
gesündigt worden ist, an der Sprachverwirrung beim Turmbau, an der
Vertreibung aus dem Paradies, am Sturz Luzifers aus dem Himmel --
die Gegenerleuchtung zu dem, was in uns und Gott geschehen muß als
Umkehr, als Weg zur einen heiligen Sprache, zur Rückkehr, Heimkehr
ins Paradies, zur Annahme und Erfüllung aller Sehnsucht nach
Gottähnlichkeit im Omega, dem endlich gutgemachten Alpha. Aber es muß
in uns geschehen, nur hier werden wir frei und können uns begegnen.»Und
ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn
es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden, denn wir werden
ihn sehen, wie er ist«, schreibt Johannes in der ersten Epistel. Nur
in uns schreiten die fruchtbaren, geschichtlichen Stunden, in uns
muß die Schlüsselblume blühen. Vieles, das entweder noch altjüdisch
oder zu schwach ist, das zu wenig Freude, Trotz der Innerlichkeit
hat, ist auch an Jesus, dem bloß Vorletzten, abgelaufen. Es gibt
noch ein anderes Frommsein als das sich Schicken, und die Hoffart
ist so wenig unbedingt verwerflich, so wenig wir bis zum Ende der
Dinge, gerade dem gegenüber, was uns von den bloßen Dingen mächtig,
tückisch genug droht, mit Jesus homogen imprägniert sind; mag die
Hoffart»widergöttlich«sein, es ist nicht alles Gott, nicht alles
Gott geblieben, was es einst war. Dazu kommt: selbst in Jesu Worten
eint sich das Trinken des Kelchs, den der»Herr«geschickt hat, also
die Hiobsche, der ganzen religiösen Antike eigene Ergebenheit, mit
dem Rütteln an den Stäben dieser demiurgischen Leids- und Todeswelt;
wie kann es aber eine Innerlichkeit geben, und woran kann sie merken,
daß sie eine ist, als Leid oder als wahrhaft paradoxe Freude,
wenn sie aufhört, aufständisch und trostlos gegen alles Gegebene
zu sein, besser gesagt, wenn sie ihre eigenen, fruchtbaren, das
unbekannte Heil beschwörenden Wege sogleich mit der traditionellen
Setzung eines bloß herangebrachten, innerlich undurchdringlichen,
innerlich in dieser angeblich gesicherten Realitätshaftigkeit
unauffindbaren, überinnerlichen Objekts versperrt?»Siehe, ich sage
euch ein Geheimnis: wir werden nicht alle entschlafen, wir werden
aber alle verwandelt werden. Denn ihr seid gestorben und euer Leben
ist mit Christo verborgen in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben,
sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm
in der Herrlichkeit«, predigt der wahrhaft»jenseitig«, wahrhaft
»hebräisch«eingeweihte Paulus in den Episteln an die Korinther und
Kolosser. So steigt es auf, sich zu bewegen und zu vernehmen, Seiende
geworden, mit aufgedecktem Angesicht, bei Jesus stehend, dem Erstling
unter denen, die da schlafen, Jesus-Luzifer-Christus entgegen, unserem
Haupt, der Seele der Seelen, der N'schammah der N'schammath, unserem
geheimsten Doppelgänger, dem Engel oder Fürsten des Angesichts, der
Auferstehung in das Himmelreich der Seele. Es gibt aber nicht nur
den trüben Adam in uns, dessen Sehnsucht nach dem Wissen, was gut
und böse sei, allerdings von Jesus, dem Heiland und Asklepios, der
wiedergekehrten, weißen, weißgewordenen Paradiesesschlange, gestillt
wurde. Sondern höher steht der trübe Luzifer, und dieser ist noch ohne
Wiederkehr und klärende Rechtfertigung, ohne den Gott selber klärenden
Triumph seines Eigentlichen geblieben. Erst in diesem, der in Jesus
schläft, dem noch allzu milden Helfer; der aber ruhelos geworden ist,
seitdem er zum zweitenmal verlassen wurde, seitdem der Schrei am Kreuz
wirkungslos verhallte, seitdem zum zweitenmal der Kopf der am Kreuze
hängenden Paradiesesschlange zertreten wurde -- erst in diesem großen
kommenden, allmächtigen, dynamisch-innerlichen ~Christos imperator
maximus Theurgos~ bricht das selbstische Ichdunkel zusammen,
der wesenlose Demiurg erzittert und das wahrhafte Menschenreich,
vielfältigste Selbstreich, die absolute Christförmigkeit über aller
Welt kann beginnen. Es muß also in uns geschehen, nach uns selber
verlangt Gott, daß wir ihn»preisen«, daß wir das Widrige vor ihm und
das Dunkle in seinem Kern zerteilen, mit uns als den Betenden, mit
uns auch als den Beginnenden und der Schlüsselgewalt über das Obere:
so werde dein Name geheiligt, so komme doch endlich dein Reich,»und
vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und
führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel«, lauter
Bitten an Gott, die den antithetisch panlogistischen Kausalitäten
des Paulinismus den Boden entziehen, Beschwörungen, doch endlich den
finsteren Molochsgrund in sich zu verlassen. Er konnte »Licht«sprechen,
nun fängt das andere Wort an zu glühen, er selbst, sein Name, der Name
der»Wahrheit«, des Ziels, zu dem hin alles geboren ist und zieht; denn
Sohn und Vater oder Logos und heiliger Geist sind nur das Zeichen und
die Richtung, in dem sich dieses große, den Uranfang lösende Stichwort,
kiddusch haschem, die Heiligung des Gottesnamens, das allerverborgenste
verbum mirificum der absoluten Erkenntnis bewegt. Da aber nicht nur
die Dinge, sondern auch Gott der Scheffel über dem Licht sein kann, so
wird die sehnsüchtige Seele auch noch hinter Gott selbst vordringen
müssen. Das Wir und das Überhaupt fallen zusammen; und so beginnt
letzthin das Wir, wie es sich in dem andauernden Fluß und Dunkel seiner
gelebten Augenblicke immer weiter durch die Schalen der Natur und die
Sachlichkeiten der Kultur zu fassen suchte, wohl auch noch den Gott der
Geschichte, sowohl des Zeuger- wie des Vatermythus, als bloße Realität
der ~Mitte~ des Prozesses zu überholen und mit brennender Liebe
bis in sein Innerstes, Letztes, Heiligstes hinein zu zerbrechen. Wie
er uns bereits wechselnd erschienen ist; wie wir die Furcht vor dem
Herrn, die Sündhaftigkeit vor dem Vater und jetzt die Verzweiflung, die
Melancholie unserer Bosheit und Leere vor der Liebe und dem heiligen
Geist durch erfahren, wie sich die göttlichen Scharen zuerst nur im
menschenleeren Sonnenriß versammelt haben, während seit Jesus der
Heilige über den Engeln und der Prophet zur Rechten des Vaters thront;
so zieht der Seele Wandel, der Gegenstand all dieser unwiderstehlichen
Bewegungen des mythologischen Bewußtseins vom Astralmythus zum
Logosmythus und darüber hinaus, -- am Ende der Geschichtsphilosophie
Gottes auch noch über diesen selbst, über Welt, Satan und Gott, diese
bloße Hilfsobjektivierungen des Seelengangs, über die letzte weltliche
Erscheinung in dem Gegenüber, in dem bloßen Erziehungszoll, in den
Assignaten der göttlichen Objektivität hinaus. Er zerbricht und geht
auf, Gott, als das Um uns, der Dritte, die beseelte Distanz, als
Mütterlichkeit und die warme Luft des objektiven Herzens, wie sie
uns schon in aller Freundschafts- und Liebesmystik umgibt, er deckt
sich endlich mit unserem Gold, das Buch wird verschlungen und der
schöpferische Raum der Versammlung bricht an.
Kategorien.
Denn wir tragen den Funken des Endes durch den Gang.
Und zuletzt schlägt deshalb auch das Denken gleichnishaft um. Das ist
es, was zuerst nur innerlich erschien, was dann als ontologischer
Begriff sich und uns selbst, ohne äußere Belege, erleuchtete,
was sich allmählich von der chymischen Hochzeit befreite. Hier,
wo alles offen ist und solange diese Welt steht, offen bleiben
wird, war grundsätzlich das stärkste sachliche Mißtrauen gegen
das Recken, Ableiten und Disponieren, gegen einen anderen als den
gesprächshaften, dialogischen, innerlich»existenziellen«Formtypus am
Platz -- es mußte sich letzthin an einem Anderen klären als an der
Form, wie denn auch die völlige ~Antwort~ der»Frage«gegenüber,
das gelungene»Werk«, über einem möglichen Buch liegt und bereits
ins apokalyptisch Verwirklichende hinübergriffe. Dafür kommt aber
eine gleichnishafte Sprache herauf, in ihren Bildern, in dem Tropus
unserer selbst, nur weiter nach oben, wahrhaft über das menschenhafte
Ich hinaus geschoben, als das, was in uns zuletzt verborgen treibt,
als echtes ontologisches»Symbol«. Man empfindet die Begriffe dieser
Art nur deshalb als zum Teil»herangebracht«oder historisch, weil
man sie an keinem Punkt des gewöhnlichen, unreligiösen, undefinitiv
gewordenen Denkens mehr gegenwärtig hat. Aber wenn auch die inneren
Augen noch so dicht geschlossen sind, so behält doch die Seele ihre
Fremdheit in dieser und ihren Zug nach jener Welt; und danach müßte
es allerdings bei einigem Hinweis ein Leichtes sein, gerade umgekehrt
die Steine und Milchstraßen, ja selbst die Blumen und Tiere als etwas
Fremdes, Entlegenes, uns von Grund auf Heterogenes, ganz eigentlich
erst»Mythologisches«zu empfinden, und die alten oder neuen Götternamen
dagegen wie ein Gespräch in der einsamsten Fremde von den fernen
Freunden in der Heimat. Daß wir hier unten stecken bleiben und mit
diesem da zusammen sind, daß wir Menschen nur mehr den Rücken der
Dinge statt der Gesichter der Götter erblicken, ist die erstaunlichste
Anomalie. Ihre zunächst denkerische Aufhebung ist demnach keine
gleichnishafte Sprache, keine Umschreibung des Erlebten und Einfachen
durch weite, abstrakte Allegorien, und ebensowenig das Mythologisieren
in einer vom Innerlichen, innerlich Offenen und Problematischen
wegführenden Symbolik traditioneller oder auch nur unsubjekthafter
Art. Sondern wir sehen hier unsere eigensten verborgenen Triebkräfte,
nichts blickt von uns weg, die Weite ist auch die Tiefe, unsere eigene
wundersam erleuchtete Tiefe, und der subjektive Gedanke trifft am Ende
mit Notwendigkeit auf die direkten Gestalten der Mythologie als seiner
obersten, prinzipiellen, das heißt eben apokalyptischen Region.
Denn die Menschen tragen den Funken des Endes durch den Gang. Wir
sind es, die von unten an sich alles bewegen lassen. Was wir sind,
wissen wir nicht, wir sind noch unruhig und leer, und wie uns selber
versteckt gehalten. Wir waren keimhaft, hatten zuerst die Steine
um uns, dann nahmen wir die uns gereichten, kaum weniger falschen
Kleider des Leibes. Die Augen schlugen sich heller auf, der Tod
versuchte sie wieder zu schließen, über uns blitzte der zu frühe
Morgen der Sonne, aber die beginnende Seele zog sich liebend, sich
fortpflanzend, seelenwanderisch besiegend, über die faulenden Leiber
hinweg, und auch der unfruchtbar weite Himmel wurde durchschlagen.
Nur wir haben uns derart heraus bewegt, allein von allen, die darin
nach unten hin verschlagen geblieben sind. Aber sofern wir das getan
haben, treibt das Untere seelenlos weiter, die Scheiben drehen sich
fort und ein blindes, leeres Zufallsgeschiebe ist die Regel dieses
Lebens. Nicht anders wie von Heraklit die weltbildende Kraft mit
einem Kinde verglichen wird, das spielend Steine hin und her setzt
und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft. Es kann uns beliebig
treffen, Vereitlung, Tod und Unglück bringend; so wirkt das Untere dumm
genug, aber oft auch schon wie rachsüchtig im verlorenen Brief, in
dem schlechten Arzt, der gerade in der Nähe wohnte, in dem Glas Wein,
das der Lokomotivführer vor der Katastrophe zu viel getrunken hat,
trotzdem wiederum der Dampf die Maschine treibt, Kraut und Rüben von
Dienstbarkeit und Unfall durcheinander -- so fremd beliebig ist uns
der Kausalnexus dieser Welt. Wir selbst sind mitten darin, ungefähr,
tausendfach gestört verflochten und Zufallsaffinitäten preisgegeben,
von denen man noch viel sagt, wenn man sie Zufall nennt; wenn man
zugibt, daß sie das Gemeine, Mittelmäßige und Absurde nicht liebevoller
pflegen als den Sinn; wenn man die Umsatzregel dieser Welt als so
unkräftig, so ebenenhaft definiert, daß ihr etwa Bazillenschmutz und
sein Nährboden Mensch, also das Sinnfremde und das eminent Sinnhafte
gleich weit entfernt liegt. Seit wir und der es schuf, unser erster
falscher, irrender Führer, nicht mehr darin sind, rollt das Ganze
dahin wie ein ungeheurer Stein, der der Hand entglitten ist, und der
nun seine wertfreie Bahn den Abgrund hinunternimmt, mit uns in seinem
Wege, vor den machtlosen Augen Gottes, der das alles vorher unter
sich»geschaffen«hatte, aber der nun, wo er sich mit uns, durch uns, im
Verlauf der menschlichen Geschichte, Geschichtserhellung aus der Natur
und dem Bewußtsein der Natur hinwegbegeben hat, dem wertfreien Irrsinn
seiner ersten »Schöpfung«machtlos zusehen muß, wie sie immer noch durch
die darin versteckt, zahllos verschlagen gebliebenen Individuen,
also Intensitäten, sowie vor allem durch unsere Leere, Ziellosigkeit,
Zielunkenntnis und Gottes eigene Abgetrenntheit vom sich selber
Schaffen real gehalten wird. Denn wenn wir auch frei, wahlfrei geworden
sind und uns willkürlich von innen bewegen, so sind wir damit auch
böse geworden, anders noch als die Raubtiere, abgetrennt selbstisch.
Die Menschen, die zu früh, noch unrein, nach oben wollten, gottähnlich
werden wollten, haben den trüben Rückfall der Sprachverwirrung und des
Sündenfalls erlitten, im selben Maß als Luzifer, ihr großer Genius,
selber aus dem Himmel Gottes verstoßen wurde. Aber wie sich das mit
Jesus deutlich heilte und abschwächte, so hat auch Gott seine Schuld
und seine Unreinheit an dieser, genau zwischen Biologie und beginnender
Geschichtsphilosophie liegenden Szene durcherfahren; freilich, da
Jesus mehr des Menschen als Gottes Sohn, mehr Luzifers als Zebaoths
Gesandter war, nicht so tief und in sich selbst gezogen, daß nicht
noch etwas in dem schweigenden Zebaoth lebte, ein böses Gewissen der
Abrechnung und des Endes, das nicht ganz Nein zu dem Verstrickenden
und Sinnlosen des alten Materialbestandes und Kausalnexus sagt. Das
bloß Trübe, Irrende Gottes, als er noch unter sich schuf, uns als
die immer wieder zerschlagenen Steine, sich als Naturgott schuf,
hat sich geteilt, als er durch uns und mit uns begann die Natur zu
verlassen und nun eigentlich erst»Gott«im werttheoretischen Sinn,
Gott der Geschichte geworden ist, als den ihn zuerst Christus und
der Geistesmythus gerufen, wenn auch noch nicht völlig, endgültig
herbeigerufen hat; und zwar hat sich das Trübe, Irrende des Naturgottes
historisch geteilt in die dunklen, verfolgenden Stunden, das heißt in
das Walten des Todes-, Zufalls- und reinen Naturdämons, und in die
freilich weit schwächere, nur als»Problem«,»Essenz«gegebene Schechinah,
oder bekannter gesagt, in den herunterdrückenden, aufhaltenden Satan
und die mit den Menschen wandernde, noch heimatlose Gottesglorie Els,
des Ziels. Wir ruhen also nicht, immer neu zu bewegen, von unten an
sich alles bewegen zu lassen. Wir schlagen um uns, rufen, schaffen,
beschleunigen, beten, befehlen, eingedenken, legen die Antwort so nahe
als möglich, die Krusten um uns herum aufzulockern und die Masken
an uns abzuwerfen. In uns arbeitet am meisten vorne, vertretend für
dasjenige, was einzeln noch dumpfer»ist«hinter uns, die Unruhe des
~sich suchenden ich bin's oder Jetzt~, sein Wort zu finden,
-- ~das motorische Element des Weltgangs~; es hört ihm aber
dann entgegen ~das dämmernde Dunkel des sich nicht Habens und das
Ortlose des immerdar wesenden, essentiellen Erstaunens~, die noch
ungediegene, aber namenlos schwangere Nacht der Selbstbegegnung im
Inneren aller Dinge, Menschen und Werke, getrübt, verdeckt von dem
satanischen Ritardando dieser krustenhaften Welt, aber bewohnt von der
den trotzdem ankommenden Luzifer krönenden Gottesglorie des Ziels --
~das lösende, kontemplative, substantielle Element des Weltgangs~.
So sind also nur wir selbst, das Viele und nicht die Welt oder Gott
gegeben und von Anfang an das Rätsel. Aber erst gegen das Weitere
und nicht gegen das Anfängliche hin wird zu erkennen sein, was wir
suchten oder »waren«, bevor wir in die zeitlichen Bewegungen eingingen;
durch welchen Akt wir eingingen und Zeit, Welt und Gott als Führer,
als»Objektives«setzten. Vielmehr, das waren wir alles noch nicht, denn
der Anfang wird tatsächlich erst mit dem Ende fertig geschehen sein,
und es ist nicht bedenklich zu sagen, daß er rätselhaft ist, denn da
wir es sind, deren Beginnen rätselhaft bleibt, da mithin das uns so
nahe Dunkel des gelebten Augenblicks immer noch das Anfangsrätsel,
das Weltdaseinsrätsel in größter Stärke enthält, so erklärt ja gerade
dieses den ganzen suchenden, das Rätsel lösenwollenden Weltprozeß
der Wir-, der Dunkelverdeutlichung, des sich als Antwort gewinnenden
Urproblems. Deshalb ist auch die alte Frage, wiefern das Viele aus dem
Einen abzuleiten sei, darin schief gestellt, daß nach ihr nicht wir
selbst, das Viele, sondern Gott als das schlechthin Eine, als causa sui
an den Anfang proponiert wurde, und so nicht nur das Bewegungslose,
prinzipiell Rätsellose, der alles besitzende Hort der Logik das größte
Rätsel einzuschließen hatte, sondern dieses Rätsel auch gleichsam
an Ort und Stelle verbleiben mußte und so von jedem ebensowohl
historischen wie metaphysischen sich Selbstbewegen im Weltprozeß
ausgeschlossen blieb, der eben gerade als fortlaufende reale Lösung
dieses Rätsels sein Ende erreicht hat, wenn das Problem des Anfangs
am Ende gestürzt und das tiefere Problem der Subjekte des Anfangs am
Ende dieses großen kosmischen Drehungs- und Objektivierungsprozesses
entschieden ist. Das Geheimnis der Erscheinung löst sich in ihrer
Geschichte; und so wird erst dadurch in diesem Aufrollen, mannigfaltig
gestützt durch das, was wir zu frühe wollten und uns versagt wurde, was
aber dem ~Erhalter~ gefährlich erschien, also durch die positive
Gegenerleuchtung zum Sündenfall, diesem Erweis der sprengenden Kraft
der Moralität (denn Adam ist nicht Kain, die Schlange ist nicht Satan),
überhaupt der Versagungsmythen, des versagten Guts zu erkennen sein,
zu was wir auferstehen werden und zu welchem Ende die letzte unserer
Verwirklichungen hinausführt, dem jüngsten Tag, dem Tag des Ingesindes,
dem siebenten Schöpfungstag entgegen, jenseits all der verschwindenden
Nebelrealitäten dieser uneigentlichen, unwahren, der Apokalypse
verfallenen Welt.
Darum also tragen wir den Funken des Endes durch den Gang. Wie wir
wandern, so will die Welt selber in unserer Wanderschaft zu Ende
wandern. Mit uns wachen die Dinge auf, völlig jenseits ihrer gerade
zuständlichen Logik, und treiben in der objektiven Phantasie. Wir
machen uns aber Licht, um zu sehen, um Licht zu schlagen und nicht
um zu zeigen, daß alles gut sei, daß alles unter allen Umständen zur
Philosophie komme. Es ist nicht zu verstehen, wie man den Abstand
nicht noch furchtbarer sah, wenn man die Idee hatte, wie man durch
die Idee nun gar noch zu Idealisten werden konnte, mag unserer Seele
auch der Funke ihres Endes noch so unauslöschlich, unbeirrbar zur
apokalyptischen und doch erst zur apokalyptischen Seligkeit hingeboren
erscheinen. Darum herrscht in allem, was wir gestalten, ewig gestalten,
endlich mit Erlebnis, Barock, Musik, Expression, Selbstbegegnung,
Reichszeit in der Philosophie, ein Sturm, der aus dem Maßlosen der
Menschennatur stammt und zu dem Maßlosen auf Erden, zu der Stichflamme
des Worts, zu dem ausgesprochenen individuum ineffabile, zu dem
Zerreißen der Vorhänge, zu dem Rauch und Donner der gesprungenen Türen
und dem Feuer, in dem sich das Wir und das Unsterbliche Gottes zur Höhe
trägt, zu dem über alle Maße und Begriffe hinaus Unbegreiflichen, zu
den Füßen des Messias und dem ruhend absoluten Pleroma der Liebeslust
hindrängt. Es gibt noch nichts, das dieses einfaßte, wo wir uns
unbekannt treiben, im Dunkel versunken. Es gibt noch nicht einmal
eine Einsicht in die schweren Vorgänge, die sich fast schon ohne uns
in der eigenen Form der Auflösung und Heraufkunft, in dein unruhigen,
richterlichen sich Umsetzen der Geschichte und Wiederaufrollen unserer
Aktualität abspielen. Aber ihr Gedachtwerden steht vor der Tür; denn
nur wir sind es, die wir uns unter allem, was sich bewegt und ballt,
dunkel, atomisch, individuell, subjektiv dahinziehen, als Traum, als
noch nicht Angekommen sein, als beständig umspielendes, unterwühlendes,
ungelöstes, utopisches Ferment alles Gestalteten, sowohl dessen, was
scheinbar bereits vergangen ist wie vor allem dessen, was scheinbar
als objektiver und absoluter Geist bereits alles hinter sich hat und
trotz der christlichen Lehre gerade in seiner Ichentferntheit und
allgemeinen»Realität«als Gottesort verehrt wurde. Dieses, daß wir uns
nicht weiter unterschlagen lassen, unser christlich-messianisches
Gedachtwerden in treibender Existenz, im Dunkel, im Urproblem des
gelebten, ~alles verbergenden~ Augenblicks, das Umgedachtwerden
der Welt auf»den Großen Menschen«in ihr steht vor der Tür, auf daß wir
uns endlich mit Ernst als das Prinzip erkennen, das alle Umsetzung der
Welt leitet, ohne das kein Prozeß und auch keine Hoffnung auf Gott und
das Himmelreich wäre. Es gilt einen Begriff zu finden, der sich müht,
alles Vergangene neu zu betreiben und das Zukünftige neu zu beraten,
von dem Einen den Druck des ungesühnten Vergehens, von dem Anderen
den Charakter des friedlosen, unbeherrschten Abenteuers abhebend, ein
motorischer und danach erst kontemplativer Begriff, der dazu hilft, ans
Ende zu sehen, überall in allen Teilen und Sphären der Welt die Pforten
Christi zu öffnen, das Ende der Geschichte zu entdecken, Gott zu
rufen, wie er am Ende der Geschichte sein wird, hinter dem ungeheuren
Problem einer Kategorienlehre der unfertigen Welt. Gerade dieses, daß
wir Menschen nicht entsagen können, gießt ein anderes Gewißsein aus
als das erloschene Hinnehmen des Glaubens und schenkt unserer Logik
endlich die wohlbesprechbaren Flammen einer Wahrheit, die nicht mehr
nimmt, sondern gibt, die nicht mehr begreift, sondern mit Werken und
Gebeten ernennt. Denn das Nichtwissen ist der letzte Grund für die
Erscheinung dieser Welt, und darum eben konstituiert das Wissen, der in
unser Dunkel und die unkonstruierbare Frage genau einschlagende Blitz
dereinstiger Erkenntnis auch den unausweichlich ausreichenden Grund für
die Erscheinung, für das Angelangtsein in der anderen Welt.
KARL MARX, DER TOD UND DIE APOKALYPSE.
Wie aber? Ist das nicht alles schon viel zu viel? Denn ich muß sterben.
Aber vorher will ich essen und trinken, denn morgen bin ich tot.
Der sozialistische Gedanke.
Deshalb wird um uns so leicht betrogen. Von unten bis oben drängt sich
die Ausrede ein, um alles zu beschönigen. Wer gerne tanzt, dem ist bald
gepfiffen, und der Krieg hat das Seine daran enthüllt. Er wäre nicht
da, wenn es kein Geschäft und keine Geschäftseimer gäbe, die am Ende
von selber laufen, und um ihn ist alles unecht gewesen.
Dem stellen sich freilich drei Einwände entgegen, die eine eigene
ideenhafte Kriegsgesinnung vorzuführen suchen.
Der erste ist mühelos zu entkräften. Er bezieht sich darauf, daß ein
Volk an sich kämpfen kann und daß ihm nichts wirtschaftlich bewußt
zu werden braucht. Aber ist dies irgendwo und irgendwie in Abrede
gestellt worden? Es gibt sehr viel gedrückte und nervöse Menschen, die
gerne Ferien machten, und denen es auch nichts bedeutete, frei und im
offenen Lauf zu fallen statt weiter die Kette ihrer freudlosen Tage zu
schleppen. Es gibt auch noch sehr viel junges und bäuerisches Blut,
dessen Rauflust und Abenteuerdrang sich in sich selber bezahlt macht,
und das gewiß nicht erst umständlich nach den anderen, das Ganze allein
freimachenden und zum Kriege formenden Motiven zu fragen braucht.