subjektiver Art. Wir haben nichts, weder außen noch innen etwas,
das jeweils festzuhalten wäre. Darum bleibt alles so unendlich
schattenhaft, nichts zu erleben, bei nichts zu sein, höchstens
uneigentlich im Erinnern und, uns weniger preisgebend, im Hoffen.
So mühevoll es schon ist, einen Punkt, von dem das Auge absichtlich
wegsehen will, dennoch mit Aufmerksamkeit zu beobachten, so sehr wird
doch diese schwierige Aufgabe der Selbstbeobachtung noch überboten,
wenn es gilt, das jeweils Augenblickliche, ein durchaus nicht erst
begrifflich Atomisiertes, ganz im Gegenteil, aus dem Zustand der
melancholischen Schattenhaftigkeit seines da-Seins herauszuholen und
hell, persönlich, nicht mehr nur bewußtseiend, sondern ohne Schleier
und Gegenüber, seiend zu besitzen. Das ist nicht etwa nur eine bloße
Schwäche; gewiß, hier gibt es Unterschiede -- das Mädchen, das den
nachgesandten Brief seines Geliebten liest, indes dieser soeben
angekommen ist und den Brief viel besser »sagen«könnte, handelt
aus Schwäche und nicht aus dem Dunkel des gelebten Augenblicks; es
flüchtet sich, unfähig, das Unmittelbare leisten zu können, in die
Liebe als»Werk«. Sondern es ist die Klage, nichts erleben zu können als
das, was bereits vergangen ist oder erst heraufkommt; genauer gesagt,
jedes Erlebenkönnen ist, damit es überhaupt ein Erlebenkönnen sei,
notwendig gedanklich mit diesen erinnerungsmäßigen, vor allem aber,
übrigens rätselvoller Weise, mit diesen dem dunklen Ich nahe verwandten
utopischen Elementen gemengt, indes das Leben selber, gleich dem
zenonischen Pfeil als Stimme seiner Augenblicke gefaßt, ins Unwirkliche
dieser Augenblicke zerfließt. Wir wissen so überhaupt nicht, wer wir
sind; wenn etwas spukhaft ist, so ist es der, der sich den vorstellen
will, der vorstellt. Nur im Gemeinen leuchtet ein kleiner Besitz und
dann noch im Ekstatischen: aber das Eine ist mehr ein sich darin
Verlieren, ein sich Selbsttäuschen, daß man sich »wirklich«verhalten
könnte, wenn man gleichsam mit der Nase, mit allen seinen homogenen
Sensorien auf die Dinge stoße (und doch eben nur stoße, denn mehr noch
als das Räumliche steht das Zeitliche in, zwischen jeder Berührung);
und das Andere gibt noch weniger von mir erlebte, aktualisierte
Wirklichkeit, denn gerade das unmittelbare Nun, die letzte Gegenwart
des Mystischen ist so unendlich weit entfernt, daß das Individuum
zerbricht, Eros Thanatos, und alter Lehre zufolge lediglich das sich
selbst Schmecken Gottes prinzipiell übrig bleibt. Nur die Musik nimmt
schon hie und da an Beidem teil; sie läßt berühren und hebt zugleich
das Gegenüber auf, ohne daß das Ich als letzter Gegenstand verloren
ginge -- schon darin eine bedeutsame Verbindung zwischen dem Dunkel
des gelebten Augenblicks und dem Erstaunen der unobjektiven Frage.
Aber sonst, das Verwirklichen bleibt das Unwirklichste, das es gibt,
und die Gebiete des Erlebnisses sind allein durch die vorhergehende
oder nachfolgende Reflexion des Erinnerns, der Vergangenheit, auf
die sich vor allem die»Wissenschaft«bezieht, oder des Hoffens, der
eigentlich religiösen Sphäre zu erleuchten. Was in der Mitte liegt,
wir selbst, die sich bewegende, hindurchschwimmende Mitte der Zeiten,
auf der wir uns in jedem gelebten Augenblick befinden, ist ein
Schatten, der verborgene Keim, das fließende, halbe sich Beziehen
des Bewußtseins als Erlebniswirklichkeit, ein bloßes, blindes, in
sich versunkenes, indirektes Affiziertsein, eine dunkle Insel, auf
der trotzdem ebensowohl der ganze Antrieb der Bewegung der Welt wie
auch, nach dem sich selber Halten, Anhalten der Bewegung, also nach
ihrer Beschwichtigung, der eigentliche Seinszustand, die eigentliche
Realität und Logizität der Welt verborgen zu sein scheint. Das heißt
weiterhin, daß wir, um wenigstens etwas zu sehen, jedesmal außerhalb
unser gehen müssen; denn was unter uns, hinter uns liegt, könnten
wir, wenn wir es nicht schon dadurch, daß wir es erblicken, über uns
drehten, vergegenständlichten, so wenig betrachten, ja überhaupt ahnen,
wie sich der Stein oder das Auge selber betrachtet, und der Akt des
Bewußtwerdens, die Selbstanschauung des Ich ist eben nur deshalb ein
Problem, das Weltproblem überhaupt, weil bis zur Stunde des Prozesses,
des Weltprozesses, des Drehungs- und Objektivierungsprozesses
katexochen noch kein sich vor sich selbst Stellen, sich selbst über
sich hinaus Drehen, sich selbst Begegnen und Reflektieren gelungen
ist. Wir wissen so überhaupt nicht, wer oder was wir sind, denn
auch daß wir Menschen sind, ist nur eine mittlere, uneigentliche,
organisch oder sozial bestimmte Form, vorläufig genug anzusehen. Wir
haben kein Organ für das Ich oder Wir, sondern liegen uns selbst im
gelben Fleck, im Dunkel des gelebten Augenblicks, dessen Dunkel
letzthin ~unser eigenes Dunkel~, uns Unbekanntsein, Vermummt-
oder Verschollensein ist, wie denn alles Zerfließende darin aus dem
derzeitigen Zustand des Subjekts herstammt als der noch zerstreuten,
ungesammelten, dezentralisierenden, wenngleich nie abreißenden
Funktion des Bewußtseins überhaupt. Dieses aber wirkt entweder rein
punktuell indirekt, als eigentliche Augenblicklichkeit, oder, wenn
es dem Dabeisein näher kommen will, räumlich, sphärisch indirekt,
so daß das Bewußtsein des zerstreuten Subjekts prinzipiell nur die
Vergangenheit und ihre Gesetze, bestenfalls noch die matter of
fact-freien Geltungsgesetze überhaupt erreicht, ohne sich jemals in
die fließende Zukunft oder gar in die Gegenwärtigkeit, in die adäquate
Direktheit des wirklichen Lebens ebensowohl verwirklichend als mit
einem sich Verwirklichenden zusammentreffend begeben zu können. Das
verstärkt sich, sobald nicht nur wir, sondern auch die andere, gedrehte
Seite unentschieden bleibt, sobald wir uns also dem ~Zukünftigen~
zuwenden, das selber, sofern es vor allem logisch neu ist, nichts
anderes bedeutet als unser ~vergrößertes Dunkel~, als unser Dunkel
in der Ausgebärung seines Schoßes, in der Vergrößerung seiner weiteren
Geschichte; und ebenso verstärkt es sich Gott als dem Problem des
radikal Neuen gegenüber, der nicht etwa für uns nur sichtbar werden
muß, um zu sein, sodaß sich der ganze Weltprozeß eleatisch zu einer
Bewegungsbeziehung zwischen zwei»getrennten«Realitäten reduzierte,
sondern der sich ~selber~ nur als ~Hoffnung~, als nicht für
sich Sein, gleich uns im schattenhaft Ungeschehenen, noch Unrealen
innehat. Derart kann auch Gott, erlebt, ergriffen, im ~bloßen
sehnsüchtigen Zusammentreffen dieser beiden Dunkelheiten~ des
gelebten Augenblicks und bei dem Fehlen jedes vorherigen wenigstens in
der Zeit Seins dieses Objekts, nur mit dem sehr schwer verständlichen,
hier nicht weiter entwickelbaren, auch noch erkenntnistheoretisch
und nicht nur, was selbstverständlich ist, inhaltlich rätselvollen
Realitätsgrad des ~Keims~ oder der ~Essenz~ für sich fixiert
werden. -- Und nun scheint es, wie hier spruchreif wird, als ob das
Andere, das in uns wirkt, das Staunende, die große ursprüngliche Frage,
der zweite, bereits ausführlicher angedeutete Gedanke irgendwie an der
Lichtung des Dunkels des subjektiv Wirklichen beteiligt wäre. Vielerlei
weist auf diesen Zusammenhang hin: zunächst negativ, daß beides niemals
selbst zu sehen ist, also ungedreht, unobjektiv bleibt, und dann
positiver, daß beides nicht nur formal ein Novum in der Welt darstellt,
sondern auch gegenständlich dasselbe Ich meint oder mindestens in der
gleichen Gegenstandsbeziehung auf die herauszugrabende Subjektivität
und unser logisches Inkognito hin bewegt ist. Wie wir jedesmal zu
erschauern pflegen, wenn jemand über unser zukünftiges Grab geht,
so läßt sich diesem alten Volksglauben entsprechend mit größerer
Beziehungssicherheit behaupten, daß wir jedesmal die Symbolintention
der unkonstruierbaren Frage erleben, sobald ein Wort oder ein sonstiges
geistiges Gebilde, wenn auch noch so leise, über unser letztes Ich geht
und, alle Zukunft überspringend, an den inneren Herd unseres und darin
allen da-Seins herantritt. So nahe scheinen sich Dunkel des gelebten
Augenblicks und Gestalt der unkonstruierbaren Frage zu berühren, daß
gerade jene Begriffe, die nur aus uns kommen, die weder durch etwas
außerhalb unseres inneren Evidenzbewußtseins Liegendes veranlaßt noch
widerlegt noch bestätigt werden können, wie Held, Güte, Heiliger,
Erlöser, Reich, also die rein ontologischen Begriffe der zweiten
Ethik und Metaphysik, ebensowohl halb unsichtbar bleiben, an der
Steilheit des aktuellen Gesichtswinkels teilnehmend, wie sie imstande
sind, dem Sehnenden, Staunenden, Nahen und darin zugleich Fernsten
der unkonstruierbaren Frage in uns mindestens die Wegrichtung, das
subjektive System abzustecken. Es bereitet sich darin zur Überfahrt
in das letzte Antworten, in das sich selbst Essen, in sich selbst
Auferstehen, sich selbst Rezitieren der gnostischen Messe, in ein
völlig erlebtes, in uns zurückverwandeltes, das heißt mit seinem Kern
gedecktes Eingedenken, in ein intensiv und darin ontisch gewordenes
Gegenwärtigsein von Person.
Jesus.
So wird es wahrscheinlich, daß wir Fließende, Dunkle, die nirgends
vorkommen, irgendwie bei Jesus stehen.
Hier blutet zwar vor allem das Lamm. Gewiß, schon einmal waren die
Pfosten des Hauses mit Lammblut bestrichen worden.
Noch jetzt feiern die Juden das Fest der dadurch gleichsam
stellvertretend geretteten Erstgeborenen. Aber man erinnert sich, wo
das Andere, Weitere überall noch vorkommt: aufs Rad flechten, ans Kreuz
schlagen, das das Rad ist mit weggelassenem Reifen, Feuerbohrer und
das gleiche Sonnen- oder Rechtssymbol, Rad, Rat, Recht, dann Rotbart,
Ruprecht als Ruotperath, ein Beiname des höchsten germanischen Gottes,
der um die Wintersonnenwende erscheint, die Beweinung Baldurs und
alle die Opferzüge in der sehr tiefen Heraklessage. Das alles stimmt
zwar zusammen und man könnte glauben, wie Sigfried, der Stifter
der altgermanischen Einweihung, nur an der Stelle, die Brunhildens
Kreuzstich anzeigte, verwundbar war, und Jesus nachher an dieser
Stelle tatsächlich sein Kreuz trug, so sei hier das gleiche Heil,
derselbe Paulus, ein druidisch-germanisches Christentum, wenn auch
auf astralischen Umwegen, gesucht. Aber sieht man weiter zu, so waren
bei den Fidschi-Insulanern Sonne und Mond einst Mann und Frau, sie
haben sich getrennt, und nun will die Sonne den Mond verzehren, doch
die Sterne, ihre Kinder, fürchten sich nachts allein zu wandern, und
so haben sie der Sonne zu ihrem einsam gewordenen Lager Kängurufelle
geschenkt, und das ist die Morgen- und Abendröte. Und ebenso gibt es
indianische Sonnensagen von den Brüdern, die sich mit ihren Pfeilen
eine Leiter an den Himmel schießen, um die Sonne zu töten, die ihren
Vater, das Baumharz, an den Stamm festgeklebt hat, und nun wird der
ältere Bruder die Sonne und der jüngere Bruder der Mond, aber ihren
Vater konnten sie doch nicht mehr erlösen. Und noch großartiger steigt
der bunt divergierende Sonnenmythos an, wenn man Manis ungeheures und
sogar rein arisches System berücksichtigt, wonach Sonne und Mond zwei
Schöpfeimer sind, und zwar dergestalt, daß der Mond die abgeschiedenen
reinen Seelen und das Licht ihrer guten Werke in seine Barke aufnimmt,
also»voll«wird, um diese Materialien zum Aufbau von Ormuzds Reich an
die Sonne abzugeben, die sie darauf an den Säulen der Lobpreisung dem
höchsten Gott überliefert, bis endlich alles in der Welt gefangen
gehaltene Licht durch die beiden himmlischen Mittlerschiffe nach oben
in die Heimat gelangt ist. So sieht man bei einiger geographischer
Breite, wie hier doch eigentlich nichts zusammenstimmt, wie alles in
den Astralmythen hin und her schwanken muß, als einem Gebiet, in dem
das Menschensohn-Mysterium nicht geschehen und daher auch, selbst wo
es geahnt wurde, an einen zufälligen, illegitimen Ausdruck gebunden
bleiben mußte, der jede vergleichende Esoterik, sowohl die der einfach
breiten wie die großartige, genetische der Schellingschen theogonisch
deduzierten Art unmöglich macht. Nur in Einem gehen die alten Blicke
Hand in Hand; dort nämlich, wo es sich darum handelt, den Heiligen in
der Sonne und nicht die Sonne in dem Heilandswesen landen zu lassen.
Selbst wenn Osiris aufersteht, der große Sperber des Morgens, so
kehrt seine ewig kalendarische Gottheit doch immer wieder nur zum
Frühling, zum Größer- und Leuchtenderwerden der Sonne, zur Geschichte
des natürlichen Jahres zurück, ja sogar im Mithraskult erscheint die
Sonne weniger als Begleiter Gottes denn als der Gott selber, und wenn
sich auch von ferne so große Gestalten wie die Mutter, Typhon und der
Sohn heranbegeben, so bleiben sie doch Erde, Nacht und Sonne, so daß
umgekehrt das Menschliche symbolisch für das Astralische steht, in
dem schwerfällig geheimnisvollen Zug all dieser Naturgötzen und ihres
mit falscher, sehnsüchtiger Heiligkeit umgebenen Begriffs. Trotzdem
reicht das weit herüber, und umrankt auch das Leben Jesu. Oft ist es
kaum zu verspüren, sind doch selbst Rotkäppchen und Hänsel und Gretel
Sternmärchen, unmerklich begleitet nur die sorgfältige Angabe der
Sternzeiten den erhabenen Wandel des Stifters. Aber das reicht aus,
um außer dem Leben Jesu ein nachträglich konstruiertes ~Sterben
Jesu~, mit stellvertretender Genugtuung und dergleichen erkennen
zu lassen, wie es sich zum Teil aus den vorderasiatischen Kulten
des sterbenden und auferstehenden Jahrgottes, zum Teil auch aus der
Neigung des Paulus zur antithetischen Denkweise ergeben hat. Jedoch
bei genauerem Zusehen ergibt sich das Rettende, Wichtigste, wie es uns
statt des bloßen Weltengottes den Menschensohn sichert: dieses alles
ist unjüdisch und von einem Volksgeist hinzugefügt, dessen Mythen sich
nur durch größere Feinheit und Tiefe, jedoch nicht durch einen Sprung,
wie ihn der Prophetismus zurückgelegt hat, von der übrigen, vieldeutig
unreinen Völkerpsychologie und ihrem Sabäismus unterscheidet.
Gewiß also, hier blutet anscheinend vor allem das Lamm. Und ebenso, wer
mit Lammblut in der Exodusgefahr die Pfosten des Hauses bestreicht,
an dessen Erstgeborenen geht der Tod vorüber. Zweifellos ließ sich
daran leicht das andere Passahfest anschließen, aber sollte diese
Stelle nicht bereits heidnisch erkrankt sein? Selbst in die Erzählung
von Esther und Mordechai hat sich eine Sternsage eingedrängt, und was
dieses Passahfest angeht, so lagen Lammblut, auch das geschlachtete
Böcklein oder Josef in der Grube, der nach Ägypten Verkaufte, der
weiße Stier und auch der Horusknabe der späteren Erinnerung noch nahe
genug. Wenn man sich anderweitig auf die Schriften beruft, vor allem
auf den Deuterojesaja, so steht dieser Stelle vom Gottesknecht, die
überdies mehr aus der Weise des Sterbens als aus dem objektiven Akt
selber Erlösung ableitet, das spätere Wort Deuterojesajas oder auch
Tritojesajas, jedenfalls ein Wort aus dem gleichen prophetischen
Komplex gegenüber, daß wer den Stier schlachtet, ist so viel als
der den Mann erschlägt, und der das Lamm opfert, so viel als ein
Hundeschinder, der Speiseopfer darbringt, als brächte er Schweineblut,
der Weihrauch spendet als der einen Abgott preist. Es steht ihr
vor allem gegenüber, daß Gott, als er nicht schlief, aber noch in
den Zeiten Molochs und eines auch bei den Juden frühkabbalistisch
blühenden polytheistischen Gestirndienstes, bereits die Opferung Isaaks
verweigert hat, auf dem Berg Morija, auf dem Berg, da der Herr siehet,
wie der Text ausdrücklich sagt, und der Erinnerungsstätte an die
drei Schofartöne des oberen Versöhnungsfestes. Und schließlich, wenn
sich Jesus in nichts mehr vom gesetzmäßig sterbenden und beruhigend
wiederkehrenden Jahrgott, diesem eigentlichsten Inhalt der Sonnenmythen
und damit auch des solarischen Paulinismus, unterscheidet, dann muß
der gehorsame Judas notwendigerweise zum heiligsten Jünger und der
Karfreitag zu einer Zeremonie, wenn nicht gar zu dem obersten Jubeltag
selber werden.
Alles, was sich derart mit dem toten Umschwung mischt, ist vorbei und
Totentanz. Mit dem Einen läßt sich das Andere nicht mehr umschreiben:
das Salz ist verdorben, der mitternächtige Löwe ist sogar als quer
hindurchlaufendes Sinnbild verschwunden. Das laue Bad der Lilie ist
erkaltet, der Leib der Natur ist leblos, ohne Heilkräfte und ohne
Magie, ein abgeschiedener Koloß; Merkur, Sulphur und Sal, die edelste
Tinktur der Materie, die Planetenzeichen selber sind erloschen, und
zwischen der chymischen und geistlichen Hochzeit ist Trennung von
Tisch und Bett eingetreten; die Chemie hat aufgehört, das Heiligtum
des Naturreiches zu sein, und die Alchymie eine Anleitung zur
mystischen Theologie. Das möchte zwar so nahe liegen, wenn man das
Schweigen der Steine gänzlich durcherfahren hat, dem gegenüber das
Du des menschlichen Gegenüber zwar tief, aber nicht das Tiefste zu
enthalten scheint. Dann müßte also gerade das vollendetste Ich wieder
zu den Steinen zurückschlagen, und Makarie stünde in der Sphärenreihe
mystischer Anschauung hoch über Myschkin: als der Fürst Myschkin
der am schwersten zu durchdringenden Gruppenseele, des gleich Gott
schweigenden Massivs der physischen und Sonnennatur. Dann wäre auch
die Wendung unausbleiblich, daß der Glaube nicht nur bildlich, sondern
tatsächlich Berge versetzen müßte, um zu kulminieren, daß also der
Mensch und auch der Menschensohn nur einen Schlüssel, nur eine Methode
zu dem schwersten Riegel, zu dem einzig verschlossenen Schatz und
Mysterium, zu dem nicht nur heuristischen, sondern auch inhaltlichen
Bethlehem der Physik zu bilden hätten; und der Schlüssel selbst
brauchte keine Substanz. Jedoch, es kann nicht mehr, astralmystisch,
das Drüben, sondern allein noch, soterio-logisch, das Ende den
Problemkreis schließen, und dieser Schluß ist ohne allen Zweifel auf
den homogenen Gegenständen des Subjekts und der Geschichtsphilosophie,
auf den Gotterscheinungen der Musik und Ethik basiert. Das untere
Grundwasser ist seit Jesus verlassen, die Lampe des Menschensohns hat
auch das Kristallgewölbe durchgebrannt und das chaldäische mysterium
naturae ist entwichen, gemäß den Worten des Apokalyptikers vom neuen
Jerusalem: »und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß
sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und
ihre Leuchte ist das Lamm.«Darum also ist, so notwendig es auch sein
dürfte, sämtliche Korrespondenzen ~ewiger~ Art aus der Natur
herauszuholen, wie sie bewußtlos die christlichen Mysterien mitzufeiern
schien, -- darum also ist Mithras und der gesamte Niedergangs- und uns
miterrettende garantierte Aufgangsmythos des Sonnengottes auch aus rein
metaphysischen Gründen von Jesus fernzuhalten. Soll uns der Tod Jesu
überhaupt etwas verkündigen, an dem so viel Schmutz der wirklichen
Verhältnisse beteiligt ist, daß selbst das deutlich Widrige, Negative
an ihm nicht klar zu konstruieren wird, so ist es einmal, daß wir
uns mit maßloser Schuld beladen haben, mit der zweiten Erbsünde des
ausgeschlagenen Seinkönnens wie Gott und dann, daß drei dazu gehören,
um sich Sohn Gottes zu nennen, um Gott als unseren Vater zu rufen, und
daß zwei Glieder aus diesem Bund, die Menschen und Gott, taub waren,
versagten und den Propheten, der der Messias hätte sein können, dem Tod
durch Satan überantworteten; und zwar so, daß dieser keineswegs dadurch
besiegt, keineswegs das schuldlose Blut in den Haß der Welt gegossen
wurde, daß keineswegs die Menschen mit diesem Lösegeld Satan abgekauft
wurden, also durchaus nicht so freundlich, wie es ein Scholastiker
meinte:»Was tat der Erlöser unserem Kerkermeister? er stellte ihm als
eine Falle sein Kreuz und strich als Köder sein Blut darauf«, durchaus
nicht so zufrieden panlogistisch, wie es Gregor von Nyssa erklärt, daß
Satan, da er im Gottmenschen eben nur den Menschen sah, mit dem Köder
der Menschheit zugleich den Angelhaken der Gottheit verschlungen habe;
sondern nichts war in der Welt jemals vergeblicher und eine trostlosere
Dishomogeneität zu seinem Gegner als die stellvertretende Genugtuung
mittelst der Kreuzes- und Opfertodsmagie.