Nun setzt das freilich noch immer voraus, daß ich selber an das Werk

glaube. Aber wir schwanken gegenwärtig glaubenslos in der größten

Verdunklung, sowohl des Inwendigen, als vor allem des Außen und Oben,

die jemals in der Geschichte vorkam. Denn: wie für die Fortpflanzung

der schwimmenden Wassernuß aufs Trefflichste gesorgt ist, während

Hebbel halb verhungern konnte und für den Menschen überhaupt, der den

Austritt aus der Natur, aus der Schalenwelt bedeutet, die organische

Fürsorge merklich nachläßt, so war das zufriedene, pflanzenhafte,

individuell relativ ungefährliche Mittelalter in dem Opalschein seines

garantierten Himmels geborgen, indes wiederum -- parallel zu Hebbel

-- die Neuzeit und erst recht dieser unser, in diesen Tagen wartende

Übergang zur Reichszeit, das heißt das Echtwerden, das Sichsagen,

das sich in Existenz Verstehen, die Kierkegaardsche Umrechnung der

Werke zum Papiergeld, zum bloß subjektiv-ethisch realen Reichtum,

sofern diese Expression den Austritt aus der Kultur, aus der Werkwelt

bedeutet, -- von der furchtbarsten, freilich auch vielsagendsten

Verlassenheit und Gottferne getroffen wird. Wir sind dazu bereit,

unsere Stunde wäre da, ein anderes Meer als das der Werke zu befahren,

weiter als je vorher in den vierhundert Jahren einsamer Individualität;

und wieder hält der Widersacher die Hand vors Licht, wieder erhebt

sich jener Nebel und durchdringende Verlust an Sicherheit, der einst

die Menschen beim Austritt aus der Natur empfing und der jetzt, beim

beginnenden Austritt aus der Kultur, angesichts des ferner gezogenen,

uns schwerer gewordenen, nur mehr als Zeichen bei uns wohnenden,

verdunkelten, selber ans Ende gezogenen Christus aufs Neue das Ziel

verschleiern und verdächtigen möchte; so stark, daß seitdem etwas

möglich wurde, was vorher überhaupt undenkbar war: der Zweifel an Gott

als der normale Zustand, und die Haltung des Atheismus, der sich an

Stelle der früheren Abgötterei als der dem Atheismus gesinnungsmäßig,

freilich weder regulären, noch inhaltlich korrespondierenden

Einstellung gesetzt hat. So bleibt es zu fühlen, daß uns alle Worte

und Feste allmählich unerlebt und bloß niedrig angewohnt worden sind.

Vielleicht glaubte Nietzsche an das, was er sagte, vielleicht auch

Schopenhauer, der gewaltig Erlebende, vielleicht auch Spinoza, der

nicht widerrief, aber allen fehlt das selbst »Gesehenhaben«, das heißt

selbst Erlebthaben, und der Tag von Damaskus ist nicht zu ersetzen.

Auch Kierkegaard glaubte nur an das Glaubenkönnen, auch Dostojewski

hat das Gift der Großinquisitorszene keineswegs überwunden; und wie

Luther bekennen mußte, nur zweimal an Gott geglaubt zu haben, so findet

sich in der Pascalschen Apologie des Christentums der ehrliche Satz,

daß es immer noch vorteilhafter sei, auf das Dasein Gottes und das

Gericht zu setzen als auf ihr Nichtdasein -- ein Argument der Wette,

das sich nicht so zuredend, abwägend, versicherungshaft, so ganz und

gar anders wie die mittelalterlichen Gottesbeweise an den Verstand

hätte wenden können, wenn nicht auch bei Pascal die Glut erloschen

gewesen wäre. Der Stoff ist lastend und die Seelen sind so schwunglos

und ungediegen geworden, daß uns Weihnacht, Ostern, Pfingstfest wie

ein einziger Karfreitag erscheinen, als unser trauriges Wissen, daß

der Erlöser gestorben ist, aber so, als ob er bereits in der Krippe

ermordet worden wäre. Darum bleibt nur zu hoffen, daß Fortleben,

Erlöser, Gott, Himmelreich auch wahr seien, zu ~hoffen~ in einem

sehr tiefen Sinn. Es bewegt und zieht erkenntnismäßig an, doch der

inwendige Mensch bleibt halb stehen, sein Emotionales setzt bestenfalls

nur den Begriff, nicht das Intensive daran. So sind wir wieder wie

Hiob, die wir streben, arbeiten, ringen müssen, um zu glauben, wie es

nur je einer Spätzeit auferlegt war, und doch nicht glauben können, bis

wir von Gott erhört werden, bis das Gebet unserer Erkenntnis: möchte

es doch so sein, möchte doch das Paradox des Genies an konstitutiver

Tragkraft dem Paradox der Güte in der Ethik vergleichbar sein, möchte

doch dieses den rechten Blick in das übermächtig rätselvolle Dasein

bilden! -- von dem Lebendigsten, Subjektivsten in uns beantwortet,

erfüllt wird. Es ist von vornherein anzunehmen, daß die tiefe

Glaubenslosigkeit, letzthin auch dem eigenen Werk gegenüber, nur am

Menschen liegt und nicht zugleich ein verändertes Drüben widerspiegelt;

jedoch nicht ganz ausgeschlossen und vielleicht auch transzendenter

begründbar ist die andere Annahme, daß das Nein nicht so stark sein

könnte, wenn es kein ihm gefährliches und bekämpfenswertes Ja gäbe,

daß mithin unter all dem Matten, Verlogenen, Verschleierten, unter

all dem Zurückverschlagensein und Rückschlag dieses auch innerlich

sonnenlosen Weltalters doch eine irgendwie sittlich und phantastisch

~konstitutive~ Kraft heranwächst, die endlich vollkommenen Ernst

macht, die auf das Unbedingte, auf das Überhaupt der Welt, auf mehr

als Fortleben, Erlöser, Gott und Himmelreich der ~Objektsstufe~

ausgeht und der sich deshalb Nebel und Hindernisse aller Art

entgegenstellen. Solange freilich auch dieses nur angenommen wird,

nur eine bloße Arbeitshypothese mit ferner, schwacher, oft verloren

gehender Rotglut und Gediegenheit bleibt, solange können wir nichts

als vorbereiten, als Worte und Begriffe leihen, bis der Prophet kommt,

der sie aufnimmt und ihnen tiefere Gewißheit schenkt; nicht anders wie

Philon, der auch nur im Abstrakten weissagte, vor aller Bewährung und

mit dem zuletzt sichtbaren, mit dem vollen Gramerlebnis des Schöpfers,

nicht nur nicht würdig, sondern auch nicht gläubig zu sein an das

notwendig Gefundene. Was hier spricht und vom Denken zurücktritt, ist

das ~zweite~ Gramerlebnis als dem Makel der nur halben Sorge, des

halb Spielerischen, oft nur denkerisch Artistischen des Werks, wie es

noch in Zwischenschichten schwebt, allzuwenig selbst gesehen, das heißt

selbst erlebt, allzu wenig ~intensiv~ ontologisch, ungegessen in

seiner lediglich objektiven Evidenz und allzu konstruktiv auch noch in

seinem dunklen Optimismus.

Zur Metaphysik der Innerlichkeit

Aber nun, es gibt jetzt schon zweierlei, das uns ungeheuchelt bedrückt.

[Sidenote: Das Dunkel.]

Zuerst, wenn wir uns vorhalten, wie wenig wir jeweils haben. Es ist

nicht zu sagen, wie wenig wir ganz eigentlich zu besitzen und zu

erleben imstande sind. Alles gleitet und ist augenblicklich, gleitet

in das nicht Erreichen, in Erinnern und Hoffen hinein. Also das ist

zu leben? so sieht das von innen aus, wenn man es selbst ist, was man

als Kind und Jüngling vor sich warten sah; so sieht das als ich selber

aus, wenn man dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt wird, so alt wie

damals die Mutter war, die fremden Gäste, alle die objektiv gesehenen

Erwachsenen? Nie dabei zu sein, halb und ganz verschlafen, auch nicht

bei den stärksten Erschütterungen, die sich vergebens bemühen, den

Alltag des Fließens und Dunkels zu brechen, das also ist das wirkliche

Leben dieser Frau, dieses Mannes, noch zwanzig Jahre und es war die

gesamte Verwirklichung gewesen? Wann lebt man eigentlich, wann ist

man selber in der Gegend seiner Augenblicke oder Verwirklichungen,

Wirklichkeiten bewußt anwesend? Aber, so eindringlich das auch zu

fühlen ist, es entgleitet immer wieder, dieses Schattenhafte, wie das,

was es meint.

[Sidenote: Das Staunen.]

Doch nun gibt es noch ein Anderes, Festeres in uns, ~fragend~,

leicht berührt, ein inneres, tiefstes Erstaunen. Es entzündet sich

oft völlig beliebig, ja unangemessen. Jedoch man weiß bei ihm besser,

woran man hält, denn es zeigt sich seltener, obwohl es locker genug

liegt, und wird darum ebensowohl eindrucksvoller als faßbarer im

Begriff. Vielleicht gibt es hier nicht einmal eine Regel, wonach im

gleichen Menschen dieselben Anlässe des Staunens zu folgern wären.

Aber wahrscheinlich ist das Staunen selbst jeweils identisch, sowohl

dem Akt wie dem tieferen Gegenstand nach, auf den es sich hinter den

Auslösungen bezieht, und nur den Stärkegraden nach verschieden. Ein

Tropfen fällt und es ist da; eine Hütte, das Kind weint, eine alte

Frau in der Hütte, draußen Wind, Heide, Herbstabend, und es ist wieder

da, genau so, dasselbe; oder wir lesen, daß sich Dmitri Karamasow im

Traum verwundert, wie der Bauer immer»Kindichen«sagt, und wir ahnen,

hier wäre es zu finden;»die Ratte, die raschle so lange sie mag! Ja

wenn sie ein Bröselein hätte!«, und wir fühlen, bei diesem kleinen,

schnöden, sonderbaren Vers aus Goethes Hochzeitslied, hier, in dieser

Richtung liegt das Unsagbare, das, was der Knabe liegen ließ, als

er wieder aus dem Berg herauskam,»vergiß das Beste nicht!«hatte der

Alte zu ihm gesagt, aber noch keiner konnte dieses Unscheinbare,

tief Versteckte, Ungeheure jemals im Begriff entdecken. Man sieht,

es sind ganz uneigentliche Anlässe und Inhalte, zu denen wir derart

wünschelrutenhaft inklinieren. Es ist auch nicht so, daß es bestimmte

wilder ineinanderklingende Worte wären: »der fremde Mann, die Mutter

und der Tod«, oder gewisse einfachste, tiefe Worte:»... indessen

droben der Heiland und die Mutter leise, leise sich unterreden auf

dem Brücklein. Er trägt sein Kreuz und sagt nur: ›Meine Mutter!‹ und

sieht sie an und sie sagt: ›Ach, mein lieber Sohn!‹ ...«; sondern

das alles ist ganz anders, weitaus unkonstruktiver, irrationaler

bestimmt, Emanuel Quints singendem Vogel auf der kleinen goldenen Dose

oder Tolstois Beifußstauden im Schneesturm entgegen gewendet. Das

einfachste Wort ist schon viel zu viel, das erhabenste Wort wieder

viel zu wenig, und vielleicht gilt von diesen kleinen durchdringenden

Symbolintentionen, was nur noch von dem Größten, Entferntesten gilt:

von der delphischen Sibylle, von dem Wunder der Heiligen Nacht in der

Missa solemnis, von den Urerlebnissen großer dunkler Dichtungen, von

der»Gespenstersonate«, von»Und Pippa tanzt«, vom Faust und seiner,

wie Goethe sagt, für Verstand dauernd inkommensurablen Produktion,

von allen diesen Gebilden kurz vor Tag, wie man sie insgesamt doch

irgend woher namenlos verstehen kann, als ~Antwort~, auch

wenn der nachträgliche Begriff, da er ja nur bei schlechten Poeten

das Rückgrat bildet, also die vom Zuschauer oder Dichter selbst

herangebrachte»Idee«noch so mager und unzutreffend versagt.

Man ist hier entweder mit oder bleibt draußen. Man muß hier entweder

bejahen oder verzichten. Denn gerade indem uns die Worte bloß

anklingen, fern, von Vorstellungen kaum noch umspielt, und doch

zugleich so, als ob wir mit in die Ferne genommen wären, sinnlich,

symbolisch und nicht minder direkt erhöht, wird der Kommentar zur

entbehrlichen Grobheit. Freilich, es gibt auch noch einen anderen

Verstand als den der schlimmen Mittler, die das Obere in das Untere

des Durchschnittshorizonts erweichen, und dieser darf letzthin,

grundsätzlich nicht versagen, darf nicht den faßlich-unfaßlichen

Komplex, den Erben der singularen Frage, für sich in Anspruch nehmen.

Das gilt vor allem für das philosophische Denken, für die Genialität

des Begriffs. Wenn hier das Aussprechen und sich begrifflich Annähern

das Gesagte flach macht, dann war das Flache von vornherein sein

Wesen. Es ist für den Begriff Pflicht und Schuldigkeit schlechthin,

aussprechbar, ausgesprochen zu sein, deutlich zu werden und das

Durchgesprochenwerden ohne Einbuße zu ertragen, mehr noch, erst

hinter dieser seiner ihm homogenen Äußerung aufzublühen. So gibt es

hier nichts, das das Nachträgliche, Kommentierbare zu scheuen hätte,

sondern die Auflösung ist im Begriff präsent und die Sache selbst.

Allerdings, der Begriff wurde nicht flach, wenigstens dort, wo er wert

ist, Begriff zu heißen, aber grotesk versagend: man suchte das Wesen

der Welt, und als man es hatte, war es Wasser oder später, als man

abstrakter sprach, irgend etwas Hohes, das nicht entfernt genug sein

konnte, um gutes logisches Gewissen zu geben und oberste Kategorie zu

heißen -- je höher, desto allgemeiner, desto mehr Ferne, desto weniger

Jetzt; lauter Gegenstände, die uns nichts angehen, lauter Ideale,

und Gott erst recht ein Gegenstand, der»oberste«Gegenstand wie im

byzantinischen Staat. Der bedürftige Mensch wünscht nur das Eine, das

Fließende, Dunkle, Leidvolle in sich gelöst, begründet zu erhalten,

und nun folgen die zahllosen davon ablenkenden, lediglich durch die

Weltgegenstände bedingten Probleme: Druck und Stoß, die Urzeugung,

die Fortpflanzung, die Entstehung der Arten, die catilinarische

Verschwörung, die Sohnschaft Christi, und wenn sich das ursprünglich

nur vom Selbsterstaunen bewegte Subjekt am Ende dieser immer nur

objektiv beleuchteten, objektiv aufsteigenden Systematik befindet,

so ist die Ichfrage vergessen und da kein Kläger mehr da ist, so

wird es dem System ein Leichtes, sich als Tag der absoluten Reife

und allumfassende Antwort auszugeben. Das hat man nicht gewollt und

nicht gefragt, man ertrinkt, so viel Fremdes zu wissen. Denn wenn

wir»gelernt«haben, wenn wir die begrifflichen Schleifen zurückgelegt

haben, stehen wir so klug da wie zuvor, oder schlechter, denn eine

falsche Sättigung ist gekommen. Wir bleiben noch stets draußen vor

dem, was wir schaffen; der Maler malt, was er sieht, aber sich sieht

er nicht, noch nicht; der Dichter sitzt am Schreibtisch vor dem Buch,

aber nicht im Buch, denn hier ist er, selbst bei der Ichform, bereits

verwichen und irgendwie überschlagen. Er kommt nur einigemale darin

selber vor, zumeist recht äußerlich, so in Grabbes alkoholischem

Lustspiel, aber hier doch kaum mit anderer Wirkung als im Don Juan-

und Meistersingertext, wo die Meister sich selbst, ihr früheres

Schaffen, nämlich Figaro und Tristan in rein werkmäßiger Reprise

zitieren. Tiefer ist das Problem berührt, und die unheimliche Wirkung

wird hier augenscheinlich, wenn der Herr in Hebels»Merkwürdiger

Gespenstergeschichte«unter der Spiegelrahme das Buch hängen sieht, in

dem eben diese ganze merkwürdige Gespenstergeschichte bereits steht,

und das er nun liest, um sich die Zeit zu vertreiben; wodurch eben mit

einem Male das Subjekt jedes Maß für Drinnen und Draußen verlieren

müßte. Alles war vorher so ganz anders (ach unsere Taten selbst so gut

als unsere Leiden, sie hemmen unseres Lebens Gang), es waren Seufzer,

Unruhe, Mondschein, Wind, das Ticken der Uhr, die Erzählungen des

Alten um uns wie um Heinrich von Ofterdingen. Aber nun sind wir als

wir selbst, abgesehen von diesen wenigen seltsamen Selbstbegegnungen

romantischer Dichtung und prinzipiell der Musik, in die Antworten nicht

eingegangen, in diese fremden und, auch wenn alles andere Tatsächliche

hineingearbeitet ist, teils allzu weltlichen, teils, gegenüber der

tiefsten Tatsache, allzu anhaltend konstruktiven Erledigungen des

Problems. Impavidum ferient ruinae -- dafür darf aber der Mensch nicht

selber gänzlich in den Orbus des Objektiven aufgeteilt worden sein.

So bleibt dieses als letztes Ziel: die Frage nach uns zu fassen,

rein als Frage, nicht als Hinweis auf die Lösung; die ausgesagte,

aber unkonstruierte, unkonstruierbare Frage selber als Antwort auf

die Frage. Statt ihrer wurden wir in der abstrakten Qualität des

Begriffs auf Fragen abgezogen, die nur im Hinblick auf vorhandene

Lösungsmöglichkeiten von Interesse sind, die uns gleichsam angepriesen

und dem widerwilligen Käufer ganz ohne Bedürfnis aufgezwungen werden,

weil sie einmal vorhanden sind, weil sie als lösbare vorhanden sind,

zurechtgemacht und in Spannung gebracht auf erreichbare Antworten,

aufgeteilt und deduziert als rein interne Schwierigkeiten und

Überwindungen aus dem System, als rein theoretische ad hoc-Probleme,

nicht anders wie die»Probleme«eines guten Detektivromans, die der

Autor aus der ihm von vornherein gegebenen Lösung aufwickelt und

nur zum Schein an den Anfang stellt. Freilich gab es immer wieder

Empörungen dagegen, nachhaltigster und auch instinktreichster Art.

So die Sucht nach dem Kinderglauben, der Triumph Schopenhauers

über die Hegelsche Abstraktheit, Stahl, der letzte»positive«,

gegenrationalistische Schelling, die ganze Theistenschule und ihr Kampf

für einen persönlichen Gott an Stelle des spekulativen Alleinen, der

ganze Drang nach Tat, Geschichte, Einzelnem, Realem, nach leidvoller,

erlebter Erfahrenheit, nach der Härte des Widerspruchs statt der

restlosen Auflösung der Welt und Gottes in logische Verhältnisse.

Aber wenn man genauer zusieht, so ist selbst das:»ich weiß, daß

mein Erlöser lebt«, wenigstens so, wie es diese sagten, die kleinen

Systematisierer der Spinnrockenphilosophie, so ist selbst die Erlösung

vom Übel, ja letzterdings sogar die Verneinung des Willens zum Leben

noch viel zu weit, allzu historisch abgemattet, begrifflich befangen

und ebenfalls nur als ad hoc-Problem auf vorhandene Gedankenantworten

hin konstruiert. Denn nur einer, Kierkegaard, hat hier völlig das

bloß Gescheite, uns letzthin Fremde hinter sich gelassen. Er ist der

uns zugeborene Hume, wie er anders, bedeutungsvoller als dieser aus

dem dogmatischen Schlummer erweckt. Wir sind, das allein ist unsere

Sorge, wo es um das wahrhaft Gründliche geht, wir sind gerade in

diesem Trüben des da-Seins zusammen mit dem Unendlichen; und nur

das Erkennen, das sich wesentlich zu unserer Existenz verhält, das

sich in Existenz Denken, ist wesentliches Erkennen mit dem Paradox

im Blick, existentielles Pathos, demgegenüber die ganze entäußerte,

leidenschaftslos systematische Prozession nichts als lügenhaftes,

wohlfeiles sich Herausreflektieren aus dem Unmittelbaren bedeutet,

aus dem uns allein die Wahrheit entgegensieht.»Sittlichkeit ist

Charakter, dieser ist das Eingegrabene, aber das Meer hat keinen

Charakter und der Sand hat auch keinen und abstrakte Verständigkeit

auch keinen, denn der Charakter ist eben die Innerlichkeit.«Dasselbe

meint Eckehart, auch Gott zum Sand werfend: nichts zu wollen, nichts

zu wissen, sich an nichts zu heften, auch an Gott nicht, weil

alles Erschaffene und auch das bereits göttlich so Beschaffene die

Seele ablenkt und trübt, wie sie allein nach dem ungeschöpflichen,

unerschaffenen Leben verlangt. Dasselbe meint auch Böhme, wenngleich

noch an Gott als Objekt gebunden und mit mosaischen Worten:»Willst du

wissen, wo Gott wohnet, so nimm weg Natur und Creatur, als denn ist

Gott alles. Sprichst du aber: Ich kann nicht die Natur und Creatur von

mir wegnehmen, denn so das geschähe, so wäre ich ein Nichts, darumb

so muß ich mir die Gottheit durch Bilde einmodeln. Höre mein Bruder,

Gott sprach, du sollst dir kein Bildnüß machen einigen Gottes. Und ist

das der nächste Weg zu Gott, daß das Bild Gottes in sich selber allen

eingemodelten Bildern ersinke und alle Bilde, Disputate und Streite

in sich verlasse und sich bloß alleine in das ewige Eine ersenke.«Und

nicht minder deutlich schließt Kant seine erstaunlichen Vorlesungen

über rationale Psychologie, zugleich weit genug den subjektlosen Trug

des indischen Weisen abweisend, als wäre auch die Güte noch ein Haften,

statt die Vollendung selber zu sein:»Gott und die andere Welt ist das

einzige Ziel aller unserer philosophischen Untersuchungen, und wenn

die Begriffe von Gott und der anderen Welt nicht mit der Moralität

zusammenhingen, so wären sie nichts nütze.«Alle drei meinen so die

Kraft zum Kern hin, wie er freilich nicht fest und rund hinter den

Schalen zu liegen braucht, mit süßem Geschmack, sondern selber voll

verworrener, mit dem Dunkel des gelebten Augenblicks verflochtener

Nicht-Existenz subsistiert; und diese Kraft mag sich darin bewähren,

daß sie die Wendung zur Subjektivität auch an die oberste Stelle,

an den Ausgang der Ethik des Philosophischen, also in die letzte

Logik selber einführt, worauf ja die Erzeugung ~unserer~ Welt,

der Welt als»Irrtum«, die durchgehende Abhängigkeit des Erkennens

vom erlebenden, auffassenden, utopischen Subjekt, der durchgehends

festgehaltene Primat der praktischen Vernunft auch in der Logik, für

Kant und gegen Platon, der Begriff der zweiten Wahrheit mit dem neuen,

inneren Evidenzbegriff, der sich so gar nicht davor hütet, erbaulich

sein zu wollen, mithin der endlich erwachte Wille zum Menschengeist

statt der Welt und ihres Weltgeistes --, worauf alle diese Pragmatismen

mit konstitutivem Anspruch ja schon von Anfang an intendieren.

[Sidenote: Die Anweisung des Dunkels auf das Staunen.]

Geist der Utopie · 第 32 / 39 段