Nun aber kann sich der Mann zuweilen durch die Ehe retten, im Kleinen

wenigstens ganz zu sein. Und solches nicht nur, weil die gemeine

Erschlaffung, Ermattung des Mannes und die Frage, was mit den beiden

Menschen nach dem Geschlechtsakt geschehen soll, durch die Ehe am

vornehmsten gelöst wird -- als dem beständigen Gast im Hause, als

der vollen sexuellen Mitverantwortlichkeit, als dem aristokratischen

Altwerden erotischer Beziehung, wieder Verlassenwerden von den Kindern,

zu sich Entlassenwerden, zu dem Altersstil der Liebe. Sondern auch,

weil hier der bedürftig leblose Mann gerade an der Wärme des Weibes

und abendlichen Herdes, an dem Duft, der Fülle und Melodik ihres Seins

grundsätzlich teilnehmen und derart von dem bürgerlichen Tod seines

Wesens genesen kann. Allenthalben klingt im guten Hause, soll sie

schon Alltag, Sorge, Geschäft und Streit noch so trübend überlärmen,

die sieben Uhr-, die Dämmerungsmelodie aus Straussens Symphonia

domestica. Zwar macht es sich vorher schon leicht genug, rasch und

geduldlos zu lieben. Es hebt an, an den bunten Frauen, in begierigen

und phantastisch gemischten Träumen, die das vom Leib verlangen, was

die Seele noch nicht geben kann. Man wird in verschiedenem Tempo

reif zur Liebe, und die Luft zwischen Mädchen und Mann ladet sich

erheblich früher mit dem jäh verbindenden Blitz, als die Seele, trotz

aller neu erregten Weichheit, Schwärmen und Ritterlichkeit, solche

physiologische Ladung zum Tisch begreifen kann. Aber da die früh

Geliebte niemals gänzlich verlassen wird, da es ihr gegenüber eine

Treue, eine Dankbarkeit, ein tiefstes seelisches Gedenken geben kann,

das feste Bilder schafft und unzerstörbar heilige Orte in ihnen, so

haben diese Lehrjahre der Liebe, diese Überwindungen des falschen

Morgens der Virginität, für die Besseren eine beständig quellende,

wehmütig fruchtbare Schönheit, die durch nichts zu ersetzen ist oder

gar mediatisiert werden kann. Trotzdem, an sich, außerhalb der grün

ausgeschlagenen Erinnerungskammer mit den abendroten Vorhängen, ist

das frühe Glück zumeist kein Wert, der als erlebter Dauer brächte

oder erlangen dürfte: es ist dafür nicht frei genug, sondern viel

zu eitel und auftrumpfend, das erste gemeinsame Frühstück im Hotel,

die phantastisch zurechtgestellte Saskiapose, die erste gründlichste

Entfernung vom abhängigen Sohn in sich, zu stolz auf das Gesehenwerden

und im Ganzen nicht mit jenem anderen Glück verwandt, das als Anzeichen

tieferer Verwirklichung aus dem Zusammentreffen des Wunschs mit dem

Ziel, des Intensiven in uns mit dem Sinngemäßen außer uns resultiert.

Denn gerade das»Neue«solch früher Liebe ist beliebig und zeigt nicht

das Rechte; wohl aber wird es, wenn sie nur unablenkbar bleibt, der

beständigen Sehnsucht genau gegeben, Fernes herbeizurufen, den töricht

und brutal komplizierten Zufall zu zwingen und derart immer wieder der

apriorischen Geliebten, der zu sich paradox identischen Verklärung,

in dem jeweiligen Leben zu begegnen. Es gibt hier, nach dem, was man

an Kraft dazu gewonnen hat, sehr wohl eine -- vom Charakter stammende

-- Absichtlichkeit im Schicksal der Einzelnen. Darum, auch der

weit bestimmte, produktive Mann findet erst, wenn die Geliebte zur

Gefährtin geworden ist: die lichte, anmutige Seele, rasch und stark

entflammt, mit dem stillen, frommen, tiefen, vollkommen innerlichen

Leben im stahlblauen Blick: den Eingang aus den Abenteuern zu einem

tieferen, erotischen Komplex, der Breite und Dauer braucht, um sich

aufzuschließen, und erst hinter diesem Steg, jenseits der zerteilten

Landabenteuer, schlägt die offene Übersee, trägt ihn der ungeheure

Dampfer zu jener totaleren Reise in den unentdeckten, sich weithin

rundenden Kosmos seines Lebens.

Nun bleibt dieses merkwürdig genug, daß sich Weib und Mann nicht

deshalb zu vermischen scheinen, damit das Kind geboren werde. Noch

die Bienen kennen jungfräuliche Geburt, und grundsätzlich ist bei

jedem unbefruchteten weiblichen, ja sogar, wie es experimentell in

einem Fall gelungen ist, an der männlichen Keimzelle die Teilung und

Furchung mit ausreichenden Chromosomen einleitbar. Niemand könnte

aus wissenschaftlichen Gründen widersprechen, wenn sich auch die

Menschen, die Männer, als reine Stecklinge, als traumlos nüchterne

Arbeitswesen auf lange hinaus vom gleichen Reis ohne jede Befruchtung

vermehren würden, so wie etwa die von Napoleon gepflanzten Pappeln

auf den rheinpfälzischen Landstraßen; und nur alle fünfhundert Jahre

zur Auffrischung Liebespaare, Liebesmenschen »geboren«würden, die Glut

einer völlig erotischen, unvernünftigen, phantastischen Rauschzeit,

die wahrhaftige Komposition, von der ein halbes Jahrtausend lang die

abhängenden Geschlechter psychophysiologisch zu zehren hätten. Das

Eine steht jedenfalls ernsthaft fest, daß die Liebe rein organisch,

im Umkreis rein organischer Zweckursachen, nicht genügend erklärt

werden kann. Daraus erhellt weiterhin, so unabgeschlossen hier auch

alles Material sein mag, daß die Liebe, wenn schon ihr körperlicher

Vollzug organisch nicht unterzubringen ist, auch in ihren Lustreizen

und weiteren, seelischeren Konsequenzen nicht mehr als bloße künstlich

gefüllte Blume, als bloße, langsame, vielleicht kostbare, aber zutiefst

geistfremde Retusche des sexuellen Akts betrachtet werden kann. Damit

möchte sich aber auch die eigentümliche Banalität beheben, wenn

nicht im Erlebnis, so doch in fast allen bisherigen Formulierungen

des Pessimismus; wie er sich stets nur auf Gier, Geilheit und das

ihr entspringende ungebildete Leid bezieht statt auf so sehr viel

Tieferes: Körper, Tod, Welt, Bosheit, Dunkel des Ichs und der Ziele

--, das furchtbarer wirkt als die unbefriedigten Gewächsprobleme der

Sexualsphäre, hinter denen doch mindestens Goethes mögliches Leben und

der Tristanmythos erschienen sind.

Freilich steht hier vieles unten, bei den Tieren, bereits genau so wie

bei uns oben. Oft genug sind auch wir hier roh und allzu getrieben.

Der nackte Vorgang schon, rauschhaft uneingehüllt, ist lächerlich und

gemein. Er scheint vom Rückenmark völlig ausreichend versorgt werden zu

können; wenigstens geht bei Fröschen, denen das Gehirn entfernt wird,

die Kopula ungestört weiter, diese Art Liebe ist nicht anspruchsvoll.

Auch der weibliche Molch schluckt den Samen, auch das hassende oder

ungeliebte Weib empfängt die Frucht, in einem Körperteil zudem, der

wie von woanders hergeholt die weibliche Leibesschönheit unterbricht.

Der Gedanke an den Mann ist bei vielen jungen Mädchen, bei vielen,

keineswegs frigiden Frauen weitaus schwächer als der Wunsch, aus dem

gleichviel befruchteten Leib ein Kind zu gebären; und das Rätsel

individueller Liebesnacht tritt dazu, anscheinend ohne Schaden für

das Kind, kaum anders als operativ ins Bewußtsein. Zudem bleibt es,

wenn schon tiefer geschürft werden soll, um das Zweigeschlechtliche

der Befruchtung zu erklären, wie desgleichen mit Berufung auf einen

Goethesatz mehrmals versucht wurde, -- bleibt es schwer verständlich,

warum bereits Fliegen, Kröten. Panzerechsen, Grönlandwale und ähnliche,

unter sich völlig vertauschbare Anverwandte vom Vater die Statur,

von Mütterchen die Frohnatur variabel zu mischen nötig haben. So ist

es nicht ableugbar, daß die bereits allzu früh vorhandenen doppelten

Phiolen der überorganischen Erklärung starke Verlegenheit bereiten.

Denn auch das glühende Liebessterben der Johanniskäfer wirkt mystisch,

indes nicht jedesmal die Seelen der zwei sich umarmenden Menschen auf

Posten sind, im Biß und Vogelschreien, Raubtierrufen, inter urinam

et faeces, Leib und Leben, Drang und Taumel, der wenig genug von

unerweckter, unindividueller Brunst oder darüber von dem kümmerlichen

Hochschlaf, den das Rückenmarksganglion zu spenden vermag, entfernt

sein dürfte. Umgekehrt bleibt dazu zu halten, daß die gebärende Frau

nicht nur das Kind, sondern -- was seelisch wichtiger sein dürfte --

auch sich als Mutter auf die Welt bringt, ja daß der Isoldetypus nicht

einmal dieses Kind, den Ruf der ungeborenen Geschlechter, braucht,

um sich in, hinter des Geliebten Ruf zu vollenden, -- daß also die

Liebe letzthin überhaupt nichts, sei sie noch so metaorganisch

gefaßt, ja gerade dann, mit der gelungenen Befruchtung, mit dem

Kind zu tun hat. Das würde bedeuten, daß die Liebe, gerade wenn sie

also seelisch interpoliert wird, in dieser ihrer Seelenfülle tiefer

reicht als alle noch so weit gespannte, bis zur Geburt des Messias

hin gespannte metaorganische Bedeutung, dergleichen ohnedies schon

alle Mal vom Eros Thanatos gründlich genug abgeschnitten wird. Damit

stimmt zuletzt überein, daß hinter dem völligen Erlöschen des sexuellen

Drangs -- entweder gewaltsam, mit der Askese als trockenem, rein

formalem Ziel, oder als Geschenk, mit dem sich Aufschließen anderer

Zeugungs-, Gebärungsorgane -- erst recht die Liebe, im christlichen

Sinn, ein anderes Erwecken, der geniale Eros zum Anderen hin ohne

wesentlichen Sprung aufzuleuchten vermag. Aber: wir ziehen uns doppelt

an, warm und frei erwählend, und dieses bleibt nicht zu umgehen,

soll überhaupt zu uns hin geboren werden. Mag es auch bei den Tieren

noch verschwendet sein, mag es sich selbst bei vielen Menschen zum

bloßen Genuß sexueller Spannung herunter gebracht haben. Es ist sogar

zunächst gleichgültig, wenn das daraus geborene Durchschnittskind

von der doppelt reichen Mischung unberührt geblieben ist. Wenn

aber nun schon der Leib nicht ausreicht, die Flamme der Liebe zu

ernähren: so dürfte noch weniger dieser so gegebene, weit über alles

physiologische Gebären hinausweisende Liebestraum den doppelten und

seelischen Anteil an der»Geburt«widerlegen, soll überhaupt ~Seele~

geboren werden. Indem wir uns geschlechtlich umarmen, sind wir gewiß

zuerst nur begierig und zerreißen wollüstig das Weib, uns selbst

als Fressende, Schändende leer genießend. Jedoch: bald wird der Weg

weiter, und die Begierde, der der Liebe fremdeste Beginn, schlägt um;

die Liebe wird stärker als das Ich, ja stärker als selbst der Tod,

der ja gleich der Befruchtung aus dem bloßen tierischen Organleben

nicht völlig erklärt werden kann. Dieses indessen bedeutsamster Weise

aus verschiedenen Gründen: denn wenn die Befruchtung auch dumpf und

krampfhaft bleibt, so hat sie doch schon bei den Tieren einen Sinn,

der weit über die bloße blinde, unindividuelle Erhaltung der Gattung

hinausweist; mindestens derart, daß mit der Befruchtung gegen das

beständige Zerstörtwerden des individuellen Lebens gekämpft wird,

daß mit ihr also der unsterblich gebliebene Zellkeim keimplasmatisch

über den Tod des an ihn angeschlossenen individuellen Zellkomplexes

hinweg gerettet und weitergegeben wird -- wonach also bei den

Tieren bereits die Befruchtung auf das Individuelle geht, und nur

der Tod aus einem es austilgenden, unindividuellen Haßkomplex

des»Allgemeinen«, Anorganischen stammt. Die Liebe ist menschlich und

der Tod ist teuflisch, aber die Liebe kennt auch den glänzenden Zug,

der sein brutales Matt überwindet; zunächst fortpflanzend, den sich

neu verkörpernwollenden Seelen einen Leib schaffend, polar auf sie

zubereitet, damit die Menschheit nicht aufhöre, bevor Er geboren und

ihr letztes Wort gesprochen sei; und dann als solche überwindend,

die ihn tiefer noch einbezieht, den Erzfeind, der zuletzt aufgehoben

wird, ihn verschlingend in ihren Sieg: sofern hier im rauschendsten

Effekt der Sinnlichkeit der Drang und selbstische Wahn abstirbt, und

der echte Tod, die Nacht vor Tag, der am tiefsten einbezogene Tod

zur Wiedergeburt hin, der Umschlag des noch individuell motorischen

Wollens zum mystischen, um das Weib vermehrten Paradieseswollen --

der Liebe sich verbindet. So zieht sich über den Geilen, den Eitlen,

den läppischen Glückseligmacher, über den sich jedesmal anklingend

fühlenden Lustmörder, zuletzt noch über Don Juan, diesen kalt und

bedeutend das Werben und Überwinden an sich Genießenden, bis hinauf

zum genialen Erotiker, der die Frau sich selber gibt wie sie ihm

als seine Seele, als seine Fürbitte, als Ende seines Lebens, als

sein ewiger Kern, als die apriorisch Geliebte, als Bewegung und Ziel

der Liebe durchaus erscheint -- ein deutlicher Prozeß luziferischer

Lichtung, aus schmutzig bedürfendem Fraß, aus wahnhafter, generell

kommandierter Brunst zur völlig persönlichen, Gnade bedürfenden

Wallfahrt nach Innen. Bald also wird der Weg weiter, lang und

märchenhaft gestreckt, verträumte Vögel singen, bunte Gestalten,

wunderlich vertraute Spiegelfiguren jagen über die Mondscheibe,

durch die Mondwildnisse der Liebesnacht; und man kommt nicht mehr

als derselbe an, einfach nur gesättigt, als der das begierdenhafte

Ich ausgezogen ist. Das macht, daß der einzelne Wille, wenn auch

nur vorübergehend, eingeschlafen ist und so nicht nur das Kind, das

ausfallen kann, sondern der Liebende selbst den Schoß, die nochmalige

Geburt, das Weib, diese farbigste Verdunklung des Bewußtseins, das

Ende seiner und der Welt durcherfahren hat. Das doppelte Blut zieht

sich an, -- liebend mit dem anderen ausgetauscht zu werden, hoch

über aller Freundschaft und der doch immer nur vorletzten Mystik der

Männerbünde; und ebenso bleibt die Vermischung zwischen Weib und Mann,

der zwischen den Geschlechtern anhängige Prozeß letzthin aus dem Grund

nicht zu umgehen, weil nicht so sehr die Frau als der Mann und hier vor

allem der bedeutende Mann durchaus übermännlich, zweigeschlechtlich,

so konstruktiv als kontemplativ geboren, wiedergeboren werden muß,

von Jesus und Maria zugleich beschienen, soll die vollständige

Seele sich verkörpern, sich vollenden können, in ihrer Rückkehr zur

hermaphroditischen Urnatur des absoluten Menschen begriffen.

Denn zu empfangen bin letzthin nur ich, und nicht nur das Weib, auch

der bedeutende Mann empfängt und muß in Schmerzen gebären. Er ist,

wie er kindlicher ist, so schon hier dem Weib angenäherter als das

durchschnittliche männliche Arbeitswesen; er wird zehnmal jung und

alt, er ist fruchtbar wie die junge Erde und noch viel ausführlicher

kommt ihm das Weib am Ende des Werks in beständiger Vision entgegen.

In allem zuletzt ist ihre gute Hand, winkt die Stimme. Mein Haar

wurde naß von seinen Tränen, singt das Mädchen in einem litauischen

Volkslied. Aber vielleicht ist dieses noch zu weich empfunden, weniger

männlich als mit Kleinkinderlächeln und dem bloßen unfertigen sich

Verkriechen unter die alte Brutwärme gesagt. Darum mag solches tiefer

führen: mich hat Gott verlassen, klagte der Geliebte, aber das Mädchen

sagte: ich verlasse dich nicht; derart schon dem abgetrennten, magisch

besitzlosen Mann die Quellen eines ungebrocheneren, der Welt und

den Göttern traumhaft überlegenen Seins erschließend. So ist gerade

dieses, was sich das Weib, wenn es zurecht geweckt ist, an Großem,

Vollkommenem, Lösendem, Tiefem ersehnt, für den schöpferischen Mann die

farbigste Verkörperung des kategorischen Imperativs seiner gesamten

Produktion: daß er, daß es ihrer würdig sei, daß er ihre Farben trage

und für sie kämpfe, als des Maßes aller Seele und des dem Schaffen

aufgegebenen absoluten Apriori. Nichts kann völlig falsch sein oder vom

Weg abführen, wohin eine Frau mitging, hineinsah, was sie bekränzte,

was sie hell vorausfühlte, was ihre tiefere Phantasie erregte,

worin sie sich adäquat wiederhallend gefunden hat; und wenn jener

französische Gesandte den Utrechter Frieden auf den blühenden Lenden

seiner Geliebten unterzeichnete, so ist dieses eine frivole, aber in

allen höheren Situationen völlig parallel wiederkehrende Allegorie

der Schutzes-, Besiegelungs- und Symbolkraft weiblicher Sinnlichkeit,

Hingebungsevidenz aller Entscheidung gegenüber schlechthin. Drei Dinge

sind es, sagt Mohammed, die mich beständig mit Andacht erfüllen: die

Wohlgerüche, die Frauen und der Trost meiner Augen im Gebet -- womit

im tieferen Verstand ersichtlich nichts anderes behauptet wird, als

was Kant dem bestirnten Himmel und dem moralischen Gesetz überwiesen

hat. Aber solches nicht nur, weil die Frau, einmal befruchtet,

die früher Vollendete ist. Gretchen verschwindet freilich und ist

befreit von allem sich Bewegen am Kaiserhof, Griechenland, mystischer

Demokratie, um dennoch früher im Himmel zu scheinen als Faust und den

nicht mehr Getrübten zu höheren Sphären zu ziehen; der Mann ist ihr

also durchaus nicht endgültig vorgelagert. Aber sie erhebt sich nur

auf Geheiß der Madonna gloriosa; denn in dem Weib wirkt das reinste

Staunen, ahnend und erfüllend, zutiefst erfließend, Jungfrau und

Mutter zugleich. Sie hält den Kranz: Muse, Sibylle, weil sie als

Frau stets schon und wieviel mehr erst nach der erotisch gelichteten

Nacht ihrer Individualität, reinste Frage ist, der träumende Schoß,

das unerfüllte Nichts inmitten aller Dinge und die Ampel in diesem

zugleich, das sich Sorgen, sich Freuen an sich, die stärkste, als

das Ziel an sich gegebene Menschenfrage, die orgiastisch erstrahlende

Ursehnsucht der Welt, die nur dunkel zu verstehende Heimatweise des

Drüben, Eigentlichen, Letzten, das Wärmeland, Mutterland, Traumland

und mindestens im gleichen Maße, als man in Napoleon das Gehirn zu

Pferde, die reitende Weltidee sah, das sich selber lebende Grundproblem

des Seins. Was der Mann ist, sieht er vor sich ziehen; aber wenn

es wieder in ihn einkehrt, zurückkommt und mit ihm, dem Erhörten,

Gewonnenen, produktiv Angetroffenen, letzthin wieder adäquat wird, dann

ist es weiblicher Natur: er hat das Ideelle nicht nur nach Goethes

geheimnisvollem Wort in weiblicher Form konzipiert, sondern das Letzte,

das den Menschen überhaupt erwartet, die Antwort, die ~Seele~

Jesu, der transzendente Ichraum, Kybele, Maria, die große Mutter,

das Um uns und der innerste Name alles Eros, die Taube des heiligen

Geistes, der Phallos, von einem Kreis umschlossen, dieses uralte Symbol

Gottes -- das Letzte, das den Menschen derart jenseits aller Welt und

im ewigen Leben erwartet, ist ~nach Gestalt und Wesen das Weib~. --

Wir können darum gar nicht mehr zu viel an uns entbrennen. Geht man

weiter in sich, so erleben wir nicht, daß wir zu viel, sondern daß

wir zu wenig an uns selber sind. Denn das Ichsein ist gereinigt und

steht nicht mehr in seinen gleichsam formal schon bösen Schatten.

So erscheinen die Lauen, die Schlechten, die Bösen, dann die

Verzweifelnden, die Gütigen, die Erneuerten, diese drei Letzten, auf

die es ankommt, jeweils innerlich zwischen dem Heldischen und dem

Mitleidenden, Mitwissenden bewegt. Aber die jetzt mögliche Selbstsucht

ist kalt, schnöde und so wenig hoffärtig, daß sie klein, müde und

armselig bei all ihrer eingeengten Brutalität wirkt. Ja, das kräftige

Sündigen steigt sogar gleichzeitig, luziferisch, mit der Weite, Güte

und bußfertigen Einkehr auf: und über einen reuigen Sünder, sofern nur

dieser wahrhaft den Weg zum Guten zurückgelegt hat und den spezifischen

Gehalt des Heißen, Kräftigen, Wagemutigen, Subjektiven der Sünde

mitbringen kann, ist im Himmel mehr Freude als über hundert Gerechte.

So ist es gerade der Kampf gegen das innerlich Kalte, Lieblose, gegen

die wahrhaft subjektive Mattigkeit in uns, gegen die Mattigkeit des

Subjekts in uns, der nach dem jetzigen geschichtlich religiösen

Status der alten Furcht und vor allem der mittelalterlichen Askese

entspricht, sofern damals das Ichhafte, auf den Menschen Dringende,

Luziferische noch unterschiedlos im Schatten der Unreinheit und der

prinzipiellen Häresie lag, so sonderbar auch bereits die Mystiker

diesen Fanatismus des Objektiven gelockert hatten. Gewiß bedeutet das

nicht, daß wir letzthin wahrhaft in uns ankommen können, wenn wir

nicht im Anderen ankommen, aber das muß auf unsere Weise geschehen,

sich dienend im Anderen zu gewinnen. Denn daß ich Ich bin, ist heilig

und sowohl das Mittel der Hilfe wie der eigentliche Spiegel des

Reichtums im Wir, wenn auch das im Anderen Sein den unumgänglichen

Aggregatszustand und sofern der Andere das über mich gedrehte Wir

repräsentiert, den wesentlichsten Inhalt des Sittlichen bildet. Es

wirken hier, bei den an sich Verzweifelnden, bei den Gütigen, bei den

heilig Erneuerten, die drei großen ethischen Gebietskategorien der

Hoffnung, der Liebe und des Glaubens: als des an sich verzweifelnden,

ringenden Ahnens, daß es Güte gibt; als des warmen, glücklichen, den

Anderen verstehenden Menschen, der in der Güte und Liebe lebt; und

als des in sich versunkenen, von weither gesandten, nicht mehr für

sich wiederverkörperten, den Anderen durchdringenden, verwandelnden

Menschen, der die Stufe des Glaubens und der Erleuchtung betreten

hat. Aber daß man in sich bleibend zum Anderen werden kann, ist das

summum bonum der Sittlichkeit, und nur das Ich, der weite, den Anderen

spiegelnde, innere Ichraum ist der Ort aller sittlichen Kategorien. Das

Ich steht fest, sofern es nur auf seine Weise den Anderen spiegelt,

wodurch es eben sein bloßes, abgetrenntes, leeres selbstisches Freisein

bricht, und nicht minder dazu mithilft, das Ganze des zu Spiegelnden

zu bilden; oder anders gesagt, das Ich ist imstande, über sich in ein

alle fassendes, aus vielerlei Rangordnungen aufgebautes Multiversum,

in einen Vertikalismus von möglichen, inhaltlich wohldefinierten,

wohldeduzierten Subjektivismen hineinzusehen, der gerade dadurch, daß

er das Einzelne als Spiegel wie als Gegenstand festhält und gleichsam

mit Distanz summiert, die Anderheit, das Wir, die intelligible

Menschheit,»das Reich der Zwecke an sich«, das Ingesinde als Inhalt

wie als Ziel des Sittlichen gewinnt. Es ist geheimnisvoll genug,

derart liebend außer sich zu gehen und doch sich selbst zu gewinnen,

zwar nicht seine Seele, aber mehr als dieses, das Heil seiner Seele.

So kann man auch nur scheinbar zum Anderen werden, wie er ist; die

Liebe wandelt zwar den Menschen in das, was er liebt, aber eben, indem

der Liebende am Anderen den Bruder sucht, indem er in ihm, gütig,

aber eifernd, die besondere Art, jedoch nur diese, -- den vielfach

unablässig verteilten Reichtum des Menschengesichts anerkennt, zu

sein: blüht der Andere in dieser Wärme zugleich zu dem auf, als was er

gesegnet wird, zieht der Liebende zugleich in die geliebte Seele ihren

Christus hinein, wiederum das Heil ihrer, das Heil aller Seelen. So

ruft das Leid, so ruft aber auch die als vollkommen sehenwollende Liebe

den Messias herbei; von unten her helfend, um dieses dem geringsten der

Brüder und gerade dem Dunkelsten am intensivsten zu tun, was man Jesus

tun möchte, um mithin in der Nächstenliebe für sich und für den Anderen

das Werk der verwandelnden Selbstbegegnung mit praktischer Mystik zu

vollenden. Es wäre nicht sehr schwer, schauend stehen zu bleiben und

drüben die Idee zu lieben, als welche uns nicht wieder liebt; es wäre

auch kein besonderes Wunder zu erklären, wenn der liebende Mensch

gemäß der indischen Alleinheitslehre keine Seelen, keine Icheinheiten

anträfe, sondern in dem Leiden an sich, in dem breit dahingestreckten

tat twam asi namenloser Weltkausalität mit transzendentalem Idealismus

unterginge. Aber nicht allein, daß der wahrhaft Liebende nach unten

und durchaus nach den Einzelnen sieht, um zu helfen, er verläßt sich

auch nur kurze Zeit, als ob die Selbstverleugnung ein bloß Vorläufiges,

ein bloßes Dunkel der Mitte, ein Tunnel und eine Methode wäre und

drüben wirkt wieder der eigene Tag. So ist dieses das metaphysische

Grundphänomen wahrhafter Liebe: daß sie den Liebenden gänzlich in dem

Nächsten leben läßt, ohne seine Seele oder die des Geliebten anders als

zu ihrem Heil, zum Heil dieser Seelen aufzuheben, zu dem bewahrten Und

und Um uns, zu jener Spannung in Jesus, zu jener Vielheit im Einen,

die das Menschenhaupt braucht, um Weinstock zu sein und dereinstiger

blühender Spiegelglanz himmlischer Monadologie. Es ist derart Jesus,

der aus dem Anderen, aus dem Geheiß, den Anderen zu lieben, zu uns

spricht, weder zur Eigenliebe noch auch im Grund zur Nächstenliebe,

sondern zu einem unbeschreiblichen Freudengefühl jenseits beider

aufrufend; und der danach: als das Heil, als das Paradies der Seelen,

als der Mitmensch, als der Grund der Kindheit und auch des Todes,

der sich ihrer über allem Erwachsensein wiedererinnernden Seele, als

der unbeschreibliche Reichtum jenseits des gänzlich Subjektiven wie

des gänzlich Objektiven zugleich -- die Reinigung des eigenen in dem

anderen Selbst ohne jede fremde Objektivierung der Liebe ermöglicht.

* * * * *

[Sidenote: Von der sachlichen Gediegenheit.]

Wer bin ich, daß ich schaffen kann? Das ist die zweite Frage. Bin ich

so geliebt? Es ist nicht überall zu verspüren, tief sinkt die innere

Kälte unter das Maß. Woher sonst mag das stammen, was ich kann, nachdem

man in sich nichts entdeckt, das zu ihm hinführt? Ja es schlägt sogar

zurück; und wer ich sonst bin und nicht bin, glüht an dem, was ich kann

und weiß, noch viel stärker auf. Mögen die anderen so hohl und unecht

sein wie ihre ihnen zugänglichen Worte, so macht es den Schöpfer noch

viel schwerer, verantwortlicher, durch verdienstloses Geliebtwerden

bedrückter, daß seine Worte objektiv nicht so unecht sind, eingedenk

der Worte Jakobi, wer da wisse Gutes zu tun und tut es nicht, dem

ist es Sünde. Etwas Ähnliches mag Haydn empfunden haben, als er beim

ersten Anhören des Lichtakkords in der Schöpfung auf die Kniee fiel

und Gott dankte, daß er dieses Werk geschaffen habe. Das ist nicht

Stolz oder braucht es nicht zu sein. Es ist das erste, zuerst sichtbare

Gramerlebnis des Schöpfers, der zerbricht, wenn man ihn nach diesen

Maßen mißt, und der sein erdrückendes Können Gott übergeben möchte.

Geist der Utopie · 第 31 / 39 段