was ich fordere nach dem, was ich bin, wahr sein, wieweit reichen die
Kräfte des gesetzgebenden Denkens in das Leben herein? Wir werden doch
nicht nur geboren, um hinzunehmen oder aufzuschreiben, was war und
wie es war, als wir noch nicht waren, sondern alles wartet auf uns,
die Dinge suchen ihren Dichter und wollen auf uns bezogen sein. Es ist
immer nur halb geschehen, was geschehen ist, und die Kraft, die es
geschehen ließ, die sich in ihm ungenügend genug heraussetzte, treibt
in uns fort und wirft auch noch weiter ihren Schein auf all das Halbe
und Weghafte, immer noch Zukünftige hinter uns. Was vor uns, ohne uns
bloß zitterte, ist tönend, wärmend, leuchtend geworden; ~und wie
sehen jetzt die Kreuzzüge aus~? Sie haben sich doch gewandelt,
denn auch das, was»damals«, das heißt an seinem vormenschlichen,
physischen Ort Luft- oder Ätherschwingung war, ist für uns, durch
uns Ton, Wärme, Licht geworden: sollte also der jeweils gegenwärtig
gewesene Zustand in der Geschichte von uns unabhängig und unbeweglich
weiterbrennen? Was niemals vergehen konnte, muß zerschlagen werden,
was niemals ganz zu sich kam, muß gelöst und das nie ganz Geschehene
in neuen Atemzügen vollendet werden. Freilich scheint das Vergangene
fest geworden, eingeschlafen zu sein, da es sich, je länger wir
daraus herausgetreten sind, mit zunehmendem Dunkel bedeckt. Aber das
alles kann wieder erwachen, es ist fließend und schillernd geblieben
und läuft unterirdisch weiter, es hat nichts Unveränderliches an
sich wie Grabstätten oder bloße Unwiederbringlichkeiten oder auch
wie irgend ein fertig Logisches, nur zu begreifen. Es besitzt als
Vergehendes trotz der scheinbaren Fixierung zur Vergangenheit noch ein
Heimliches, ein Element des Zukünftigen in sich, genau so wie auch
die Fixierungen der Zukunft zur ruhenderen Gegenwart des Überblicks
oder Werts noch immer Unentschiedenheiten, Alternativen, auf uns
wartende, unbekannte Götter über sich haben. Dieses weiter zu treiben,
das Pochende, Unterdrückte, Zukünftige, das nicht werden konnte in
all dem zähen Teig des Gewordenen, es reumütig zu lockern, in immer
noch lebendiger, besserwissender Mitverantwortlichkeit, es vor allem
auch wertgemäß zu beziehen, zu erleichtern und einzuschließen, ist
die denkerische, geschichtsphilosophische Arbeit. Man steht dabei
genau so gut unten wie man oben steht. Man kann derart über das
Einzelnste sprechen, ohne es eigentlich zu meinen. Dazu ist bereits
das sonderbare essayistische, zur Gelegenheit Denken, um ebensowohl
anschaulich als beschleunigend und hinwegführend sein zu können, ein
vielsagender methodischer Beginn. Denn dieses ist dem essayistischen
Denken zunächst eigentümlich, daß es zwei überall sonst widersprechende
Gesinnungen verbindet: das liebevolle Betrachten des Einzelnen, ganz
gleichgültig, ob es eingeordnet oder gar abgeleitet werden kann, und
das schlechthin darüber hinwegstürmende -- gemäß der Gesinnung: was
habe ich, wenn ich nicht alles habe? -- Tendieren nach dem Zielgemäßen,
Sinngemäßen überhaupt. Es ist der kräftige Blick, allem verwandt zu
werden, sich der Ackerkrume, den Wolken, Wettern und Elementen zu
überlassen, von ihnen durchsetzt zu werden und dann wieder zu sich
als dem Traum dieser Dinge aufzutauchen. Es ist im weiteren jene
kühne und befreite Sachlichkeit, anzuschauen, sich auszugleichen,
widerhaltende Stärke und Nahrung gegen das eigene innere Traumreich,
gegen die ungelenke, ungelenkte Phantasie, gegen den zunächst bloß
jakobinischen Flug der Spontaneität zu sammeln; voll Pflanze, Stein,
Krug, Harfenistin zu werden, Gleiches mit Gleichem zu erkennen, das
Angeborene, auch Kompendiöse in uns durch die Welt zu erwecken, wie
es tiefer wieder diese erweckt; voll Welt zu werden, sich um die Welt
reicher und geheilter machen, ganz in das Einzelne, Individuelle,
Historische der Welt hineinzugehen und so, als lebendiges, eingebautes,
menschliches, soziales, musisches und gläubiges Ich, auf diesen sechs
Treppen, durch sechs Sphären hindurch steigend, auf dieser langen
Brücke zu sich, zum Corpus Christi selber hinzuwandern, immer wieder
aktuell untergehend, immer wieder durch die Geschichte in jeder Sphäre
relativ hindurchgehend und immer wieder am Ende jeder Sphäre medial
auftauchend, seine Wurzeln kennend, seine Krone intendierend, seine
Ilias durchlaufend und derart wenigstens halb gelichtet im Dunkel
der gelebten Aktualität. So geht es hinaus, ins Enge, ins Weite, ins
Tiefe, durch die »Theorie des Lebens«, die»Theorie des Weltbaus«,
die »Philosophie der Geschichte«, die»Philosophie des Staates«,
das»System der Ästhetik«, die»Logik der Philosophie«, die»Ethik und
Metaphysik der Innerlichkeit«hindurch, bis derart, in diesen sieben
Werken (aber die Logik ist nur der Sammelort des Methodischen der
Sphären und keine eigene Sphäre), bis in diesen sechs Empordrehungen
also unserer selbst, in diesen spezifischen Selbstbegegnungen und
immer hüllenloseren Objektivierungsprozessen, in diesen sechs großen
Herausschlagungen unseres Haupts und schließlichen Aufrührung der
mythischen Energien und Gegenstände des Endes, des Anfangs und des
Endes -- das»~System des theoretischen Messianismus~«: sturmreif
zu machen, für die Propheten, für den praktischen Messianismus,
vollendet vorliegt. Es ist mithin die wohldisponierte Fähigkeit,
nochmals begrifflich durch die auf sechs Stufen immer wieder
einsetzende Geschichte der Seele hindurchzuwandern, um solchergestalt
die darin neu beschienenen, bis auf ihren noch ungeschehenen Grund
hin beschienenen Dinge an ihre Orte zu stellen und damit -- als
allüberdenkender Philosoph gleichsam zum Erdgeist geworden -- dem
Einzelnen den Wald, den Hintergrund, die Tiefe seiner selbst und
seines Orts zu geben, das heißt also der zuerst so übel amorphen
Erlebniswirklichkeit der Welt ihre tiefere sphärenhafte Ordnung, den
Umkreis ihrer organischen, physischen, historischen, politischen,
ästhetischen, religiösen Entelechien zu bestellen; als unsere Reise
und Kräftigung, als die heilenden mentalen Kreise, als Sprossen zum
Namen, zu unserer verborgenen innersten Psychologie und letzterdings
zu dem eschatologischen Entscheidungs- und Wahrheitsproblem der Welt
überhaupt. Was einzeln ist, braucht also nicht zu bleiben, braucht
nicht in sich zu Ende zu gehen, aber es hört deshalb nicht auf, wo
immer es nur Farbe geben kann, ein zu Erlernendes zu bleiben. So
läßt sich das Einzelne rufen, um mit ihm zu schwimmen, überholender
noch als es selber, sich ihm hinzugeben bis an sein Ende, es in dem
gleichen aufständischen Zug mitzuwollen, mitzuwissen, ja ihm gerade
aus Aufstand verwandt zu sein und das Individuelle so in unserem
zu uns selber Treiben bis auf den Grund widerhallen zu lassen.
Aber das bedeutet nun nicht anzuerkennen, wie das Einzelne leben
muß, also nicht die derzeitig objektive Ordnung der Dinge; Natur
ist keineswegs alles mit einem Male, und so ist diese Fülle von
Intendierungen des Einzelnen gerade aus dem gleichen Mitwissen fremd,
überholend, schwärmerisch, ungoethisch, jesajisch, revolutionär
gegen den komparativen Regelstatus, und derart letzthin, paradox
genug, der stärkste Empirismus des Individuellen aus Gründen des
stärksten Utopismus seiner Ziele. Und nun zeigt es sich, daß das
Essayistische seinem eigentlichsten methodischen Verhalten nach eine
Vorstufe des Geschichtsphilosophischen bildet; nicht nur, sofern es
sich als die Neigung des Essays erweist, bereits Geformtes weiter
durchscheinend zu machen, sondern auch der anderen Eigenschaft des
Essays entsprechend, bei der Sache zu bleiben, indem man nicht bei
ihr bleibt; vorausgesetzt nur, daß man den entelechetischen Begriff
der Sache weit genug faßt, also das Einzelne und Intensive wahrhaft
als Intensives, als Historisches zu fassen und dem Überschäumen der
Merkmale über den Umfang ihrer Zusammenfassung zu seiner zurück- und
hinaufwirkenden Methodik zu verhelfen. Denn essayistisch, in der Person
des geborenen Geschichtsphilosophen, geht das sehr wohl zusammen: das
Einzelne zu erfühlen, wie es keiner noch so empirischen Einstellung
zugänglich ist, sofern diese stets zugleich auf seine derzeitige Regel,
auf eine ihm völlig unwesentliche, komparative, empirische Logik
ausgeht; und dann, aus dem Einzelnen, diesem Pochenden, Unterdrückten,
Zukünftigen, Überschäumenden, überkomparativ Geladenen, aus dem
Einzelnen, gegenerleuchtet mit dem Eingedenken, dieser integralsten
Erfahrung des moralisch-logischen, Subjekts selber, die geschichtlichen
Zielstrebigkeiten, die luziferischen Wesensanschauungen zu erlernen,
als deren mögliche Befreiung (im Sinn einer individuell-intensiven
Ausmalung, Brücke, Fundamentierung und Nachkonstruktion, vor allem
zum sozialen, ästhetischen und religiösen Wertsystem hin) dann der
vollendete Essay, der an seinen vielleicht engeren, aber vollkommeneren
Ort gelangte Essay, mithin die Geschichtsphilosophie erscheint, Goethe
plus Jesajas, die neugeborene, konstitutive Geschichte in dieser
Geschichtsphilosophie. Denn das, was ist, kann nicht wahr sein, aber
es will durch die Menschen zur Heimkehr gelangen. Was also darin wirkt
und arbeitet, fortarbeitet, nach dem Grundsatz aller kategorialen
Anwendung und transzendentalen Beziehung:»begonnen ist der Weg,
vollende die Reise!«, ist nicht mehr die Frage, was die Dinge im
jeweils Gegenwärtigen seien, in ihrer empirischen Verhaltungsregel und
deren einzelwissenschaftlicher Kodifizierung, sondern es ist, anders
betont und mit dem nicht Entsagenwollen religiöser Art, die Frage, was
die Dinge, Menschen und Werke ~in Wahrheit~ seien, nach dem Stern
ihres utopischen Schicksals, ihrer utopischen Wirklichkeit gesehen.
Sobald das erkennende Ich derart gereinigt ist, läßt sich gerade die
stärkste Abhängigkeit, vom erlebenden, das heißt qualitativ färbenden,
vom auffassenden, das heißt geschichtsphilosophisch beschleunigenden,
und vom utopischen, das heißt werttheoretisch erfüllenden Subjekt in
jeder Sphäre als Kriterium der philosophischen Realität auszeichnen.
Zu ahnen, daß man eher abstellen als begreifen sollte, und daß sich
das vorüberfliegend Wirkliche ohne utopische Bestandteile überhaupt
nicht erfassen läßt, dieses allertiefste Gewissen entartet freilich
leicht zur Posse seiner eigenen, in ihm angelegten Erleuchtung und
Weltverbesserung. Es gehört ein hochgradig sachliches, kanonisches
Ich dazu, um jene kämpfende Vernunft, die sich noch jenseits der
durch Schaden klug gewordenen Phantasie, also noch jenseits der bloß
aufzeichnenden, bloß kommentierenden Einzelwissenschaft erheben
möchte und muß, -- um jene besserwissenwollende Vernunft vom bloßen
Träumen, vom zufälligen, privaten, ephemeren Utopismus, von der
reflexiven Beziehungslosigkeit zum Wesen innerhalb ihres erweiternden
Messianismus a priori rein zu erhalten. Dann aber freilich leuchtet
überall und am stärksten in den vom Menschen bereits besetzten
Gebieten jene messianische Tageszeit des Logischen auf, die statt des
bloßen Kommentars der ~gewissen~, also beobachtend erweisbaren
Evidenz empirischer Kategorialdeckung und ihrer Tatsachenlogik die
~einleuchtende~ Evidenz, also die zweite Wahrheit und ihre
lediglich moralisch-spekulative Logik, den Primat der praktischen
Vernunft auch in der Logik heraufziehen läßt. Dieses Eingedenken hat
sein doppeltes Gebiet: einmal die Besorgung der intensiv gegebenen
Dinge, also die Mitwissenheit der bis zum Ästhetischen einschließlich
zurückzulegenden Enzyklopädie; und dann die letzte Drehung, das sich
selbst vor Augen Stehen, die Besorgung der eigenen Intensität und ihrer
Ziele, die gänzlich die Unruhe und Frage des Ichs nach Gott mit sich
selbst und seiner eigenen mythischen Gegenständlichkeit beantwortet,
eine Füllesteigerung der Welt, bis sich auch Gott die Krone der
Gottesglorie endlich aufs Haupt gesetzt hat.
* * * * *
Dorthin geht es hinaus, ratend, befehlend, erratend, was kommen soll,
zum veränderten Denken wollen, zum Umdenkenwollen der ganzen Welt. Wenn
wir uns danach kennen werden, dann sind wir mit allem unterwiesen und
bekannt. Es gibt nichts mehr, das nur zu entziffern wäre und es stünde
da, von unserem verschleiernden Auge befreit. Sondern wir selber sind
an dem Gang der Welt, die kernlos ist, ja die überhaupt nicht wahr ist,
mithandelnd, mitentscheidend, miternennend beteiligt. Fast alles ist zu
uns geflohen, es zu schließen und wesentlich zu machen; denn das fahle
Roß ist losgebunden, und was gegeben ist, beginnt stetig unwirtlicher
zu werden. Um vom zunehmenden Elend und um uns Unbekümmertsein
des»Laufs der Dinge«zu schweigen: rein wissenschaftlich gespiegelt,
ist Poincaré oder das Geständnis des bloßen Rechnungsansatzes nur
das letzte Glied in der Reihe objektslogischer Geistentleerung, die
sich schon früher, entsprechend der größeren Höhe ihrer Gegenstände,
bei Savigny oder dem historistischen Sturz des Naturrechts und
bei Luther oder der Subjektivierung des Gottessystems als das
transzendentale Verlustprinzip der Neuzeit gezeigt hat. Man fühlt,
die neue philosophische Stunde katexochen ist da; denn die Logik der
Tatsachen, dieser bisherige Hort reiner Realitätserkenntnis, schickt
sich zunehmend an, immer mehr zu sinken, »transzendent«zu werden, in
uns, das heißt ins reflexive oder utopische sich zurecht Legen, sich
ins Gewissen schlagen zu flüchten. Das bloße Denken, unabhängig vom
erlebenden und auffassenden Subjekt, die alte Intellektualität, das
gemütlich probierende Spiel mit dem Welträtsel, als ob es nur an uns
läge und auch sachlich weiter nichts auf sich hätte, wenn der Rebus,
der nur für uns, aber nicht an sich einer ist, einmal gelöst wäre --
das alles eilt einer Erschütterung, Auflösung und Umbildung entgegen,
die nicht geringer ist als die umgekehrten reinen Wissenstendenzen der
Renaissance. Denn diese haben zwar das Denken mündig gemacht, aber
doch, trotz Münzer, Kant und Schopenhauer, seine tiefere Spontaneität
nicht erkannt und den Geist nur insofern, nur um solchen Preis von
der unkräftig gewordenen Offenbarung befreit, als mit dem lumen
naturale, mit der Wiedergeburt der rein beobachtenden, rein theoretisch
abgezielten Methode zugleich der Fetischismus einer Tatsachenlogik
um ihrer selbst willen heraufzog, der die Philosophie zur Magd --
schlimmer noch, zum bloßen Sammelbegriff der Einzelwissenschaften
herabwürdigte und ihr derart den Advokatenberuf eines Panlogisierens
alles Empirischen aufnötigte. Das ist rettungslos vorbei, nur in
uns selber brennt noch Licht, nicht in der Welt. Gewiß, auch die
Seelen sind zu leer, um noch gläubig zu sein, um noch Mythos zu
haben; aber nichts fällt heraus, auch diese Leere ist nur ein Teil
geschichtsphilosophischer Zusammenhänge, auf den sie notwendig und
konstitutiv auftrifft, auch die Verlassenheit ist eine Art, eine
furchtbare Art, von Gott umfangen zu sein: er ist nicht, Gott gilt
erst, auch der»Atheismus«ist eine ungeheure Frömmigkeit, heißeste
Gottesliebe, kann sie bedeuten: die Entlastung, Reinhaltung Gottes
von dieser Welt und ihrer Regierung, von seiner Existenz in der jetzt
möglichen Art; auch die irdischste Selbsthilfe des Pragmatismus hat
ihren fernen utopischen Stern im Blut -- wohlan, entdecken wir den
Mythos dieser Leere am Mythos, und sie wird sich ebensosehr zur Hälfte
füllen wie den nächstfolgenden, den Mythos der eschatologischen
Menschheit erleuchten. Der Wunsch baut auf und schafft Wirkliches,
wir allein sind die Gärtner des geheimnisvollsten Baums, der wachsen
soll. Es hilft dazu die andauernde Traumkonzentration auf sich selbst,
auf sein reineres, höheres Leben, auf das innere Hellwerden, auf die
Erlösung von Bosheit, Leere, Tod und Rätsel, auf die Gemeinschaft mit
den Heiligen, auf die Wendung aller Dinge zum Paradies; immer und
überall -- die Apokalypse ist das Apriori aller Politik und Kultur,
die sich lohnt so zu heißen. Nur dieser denkende Wunschtraum schafft
Wirkliches, tief in sich hineinhörend, bis der Blick gelungen ist: in
die Seele, in das dritte Reich nach Stern und Götterhimmel, wartend auf
~das Wort~, der Erleuchtung hohen Alters zugewendet; der Drang,
sich gemäß zu werden, zieht Seele herein, er ist die Gedankenlösung
für den völligen Krystall erneuter Wirklichkeit, und umwollend
wegdenkender, schöpferisch dazu denkender Geist, stark wie ein Magnet
in unsere, in die Zukunft der Welt hinübergerichtet, wie sie beständig
nach uns blickt und allein der schlaffen Wahl Böses wie Gutes gleich
unentschieden vorbehält. Es geht um uns und weiß nicht, wohin es geht,
nur wir selbst sind noch Hebel und Motor, es stockt das äußere und
offenbarte Leben: aber der neue Gedanke bricht endlich hinaus, in
die vollen Abenteuer, in die offene, unfertige, taumelnde Welt, um
so, in dieser seiner Stärke, mit unserem Leid gegürtet, mit unserer
trotzigen Ahnung, mit der ungeheuren Gewalt unserer Menschenstimme,
Gott zu ernennen und nicht eher zu ruhen, als bis sich unsere innersten
Schatten unterworfen haben und die Erfüllung jener hohlen, gärenden
Nacht gelungen ist, um die herum noch alle Dinge, Menschen und Werke
gebaut sind.
DIE GESTALT DER UNKONSTRUIERBAREN FRAGE.
Es hat sich draußen grau und kalt um uns zugezogen.
Aber es ist uns morgendlich zumute, trotz allem. Es ist uns
weihnachtlich zumute, mitten in diesen dunklen Tagen, unter diesem
verhängten Himmel. Es ist irgendwie in uns selig, gottgeliebt, anders
gewiß, daß wir uns nicht zu fürchten brauchen, denn wir können
wenigstens wissen, was wir sollen. Es ist in uns, in der Zeit, wie ein
erleuchtetes Fenster, hoch oben in der Stadt, wie ein erleuchtetes
Bergschloß, mitten in der kalten, dunklen, winterlichen Nacht.
Denn wir können nicht verloren gehen, es ist so wenig, was wir tun
müßten: gut sein, endlich einander zu lieben suchen, helfen, Licht
machen mit dem herrlichen, rätselhaften menschlichen Verstand. Wir
werden erwartet, und wie die Menschen rufen, so wird nach ihnen
gerufen, der Tröster ruft draußen vor der Tür. Aber wir schlafen und
niemand öffnet; und doch, wir wollen daran festhalten, daß wir nicht
getrennt werden können, wir und der uns Ersehnte, in dessen Hände wir
unseren Geist befehlen, so dumpf und leer wir auch alle noch leben
müssen und so furchtbar uns selbst im Inwendigsten noch die Kälte des
unwirksamen, wo nicht gar feindlich gewordenen Himmels zusammenpreßt.
Irgendwie ist das Matte vorbei, ein uralter Sturm will sich erheben,
wie er zweitausend Jahre unter den Horizont gebraust war an unbekannte
Orte und jetzt wiederkommt, grau vor Macht und Feuer vergießend
ringsum, der Lichtbringer.
Es gibt freilich so vieles, das unten liegen geblieben ist, daß man
müde werden möchte, alles zu bewegen und sorgsam einzustellen. Aber
wer überschlägt, beraubt sich nicht nur jeder Hilfe und Einwirkung
von unterwegs, sondern versteht auch nichts von dem, was auf der
letzten Seite steht. Man muß gehen und ehrlich durchschreiten, was
endlich ist, um zu wissen, was unendlich sein kann; das Ankommen und
das Ziel, beides steht erst für einander, und der zweite Morgen, das
Wunder, glüht erst nach dem Tag. Denn ganz zuletzt, wo es nur um uns
geht, bleibt es vorerst noch andeutend und sprunghaft; hier kann sich
der Gedanke nur damit entschuldigen, wenn er sich heraussetzt, daß
er sich doppelgängerisch ins eigene Gesicht sehen will, wenn er sich
heraussetzt. Dazu muß das Ganze aber oben sicher stehen, als Licht
erst auf der Spitze des Baus, das nun freilich nicht mehr unter einem
festen Dach brennen kann, soll das Drüben angezogen und erleuchtet
werden.
* * * * *
[Sidenote: Von uns selbst.]
Wie bin ich allein?
Das ist die erste Frage.
Wie kann ich mich kennen? Wo schleudere ich und bin verderbt? Wo bin
ich gehalten und echt? Aber freilich, wir sind weder dieses noch jenes,
sondern schlammig, lau und ausspeienswert anzusehen.
Das ist wenig genug, und fast alles fliegt dabei mit. Selbst das,
was gut ist, weil der Mensch gleich unentschieden im Matten liegt
und nichts zur Farbe kommt. Freilich das Letzte ist klar: nichts zu
hören, ahnungslos am Anderen vorübergehen zu können, oder wenn wir
auch wissen, wenn uns auch irgendwie das Helfen, das zum Anderen
Werden näher kommt, werktätig oder sogar mit Einfällen, dann stellt
sich die üble Selbsterwärmung durch Eitelkeit ein, und der Blick
bleibt doch leer. Zudem sind die Meisten um uns, besonders seitdem
sie geldwirtschaftlich verstrickt sind, so träge schmutzig geworden,
daß fast keiner der dergestalt Verbrühten und Gezeichneten noch an
schwierigere innere Regungen herankommt. Und die Freigelassenen,
Geistigeren verfaulen bei lebendiger Seele, so fein sie auch das
Reden, das sentimentale Erlebnis, den geistigen Genuß, die sittliche
Empfindlichkeit, wenn es der Andere tut, wenn der Andere Hilfe will,
ganz davon abgesehen, daß sie je sein Schweigen verstehen würden, an
die Stelle tätiger Gediegenheit gesetzt haben. Wir frieren, es ist
kalt unter uns zu leben. Kaum daß uns die Geliebte von dem Nächsten,
von uns in ihrem Auge träumen läßt. Unser Spielen in Geselligkeit
macht das andere, Menschenbedürftige, zum Nächsten Wollende täuschend
erfüllt und zersetzt das kaum geborene, kaum erwachsene Organ der
Güte. Der Takt, die Höflichkeit des Herzens, das linde, schöne Wahren
der Distanz, das reibungslose Nicht-Verstehen, ist ein bloßes halbes
Surrogat dafür. Wenn wir uns auch abbrennen, es ist zu den Verbrechern
heruntergesunken, Angst, Reue, Schuld, das Regen des geistlichen Keims
in uns zu haben; und die Trägheit des Herzens regiert.
[Sidenote: Die innere Rede.]
Man darf hier nicht einzeln richten oder zuerteilen wollen. Was mir
irgendeiner sagen kann, ist nur gewichtig, wenn ich es mir auch zu
sagen habe und desgleichen umgekehrt, ich bin schuldig, nicht die
Anderen, und wenn sie dunkel sind, so habe ich ihnen nicht genug
geleuchtet. Nur vor sich selber gibt es ein Versagen, ohne daß man
darin jedoch wissen kann, was man ungeschehen besitzt, und so kann nur
der Einzelne vor sich aus dem, was ihm die ethische Rede an Zielen
gibt, sein eigenes Gericht entnehmen. Daraus erhellt, wie schwer es
ist, welch ein eigener, eigentümlicher innerer Reichtum dazu gehört,
die ethischen Gesichter einzeln auszugestalten. Freilich, nicht je
faltiger, sondern je tiefer es darin zugeht, desto mehr können sich
die Menschen darin finden. Das Weitsein hat eine genaue Grenze,
jenseits derer es in bloße sittlich gleichgültige Tonarten oder gar
in Laxheit übergeht. Nicht die Feinheit, eine höchst wünschenswerte
Gabe, sondern daß ein Subjekt darin sei, jenseits der lässig spaltenden
Analyse, die Leidenschaft und Tiefe scheidet, entscheidet letzthin
die Moral. Vielleicht gibt dieses, was Dostojewsky und Strindberg
an»Psychologie«getrieben haben, einen Weg dazu, wie denn, worin er uns
von neuem und aufs Tiefste verbunden nahesteht, Lukács, das absolute
Genie der Moral, einer Form von Rahmenerzählungen zuzustreben scheint,
jeder einzelnen Zerrissenheit aufs Innerlichste zugewendet und doch im
Ganzen durch eine Hypothesis begrenzt, die Kasten auf metaphysischer
Grundlage neu zu errichten, die endlich Fülle und Deduzierbarkeit
in der Ethik vereinigt. Sehe jeder, wie er's treibe, die sittliche
Rede ist keine Individualpsychologie, niemand sieht ins Herz, alles
Achten und Nichtachten bleibt letzthin widerruflich, nur sozial, unter
Vorbehalt, reflexiv, und das sittliche Inkognito des Einzelnen kann nur
vor sich selber, ja letzthin nur am Ende der Tage vor Gott enthüllt
werden, wie sich Gott selbst enthüllt. Aber trotzdem bleibt die Predigt
bestehen, aus der eigenen Unseligkeit ernährt, und neben ihr die
Begriffsbildung jener donnernden Ethik, der Ethik des Abstands, die nun
zurückblickt, wie es»ist«, die die conditio essendi betreibt, nachdem
die conditio cognoscendi des Sittlichen erledigt ist, die sich nicht
anders auf das Vorhandene, Empirische und die Psychologie zurückwenden
kann, wie sich Jesaja, Fichte und Moses zurückgewendet haben, als er
mit den Gesetzestafeln zum Volk herabgestiegen kam. Das ist es also,
was wiederkehrt, nicht nur bei den Sterbenden, denen ebenfalls alles
gleichgültig wird, außer der Vergebung und dem gereinigten Gewissen,
sondern auch angesichts der ausgehenden Welt und ihrer Philosophie.
Wir müssen durch jedes Feuer, das der Begriff angezündet hat, zuletzt
noch selber hindurch, damit das Feuer auch Licht werde. Es gibt daher
auch letzthin im Schreiben dieser Dinge einen schwer zu treffenden
Ton: nicht, als ob man schon selber der gute Mensch geworden sein
müßte (der Verfasser ist nicht das Ich, das hier spricht, sagt Fichte,
sondern dieser wünscht, daß der Leser es werde), wohl aber muß man den
verzweifelten Glauben an das Rechte und dann die Ethik des Philosophen,
die weite Spannung von der Intention zur leidenschaftlich einbezogenen,
hereingezogenen Intuition innehaben; und dieser schwer zu treffende Ton
kennzeichnet sich letzterdings darin, daß hier oben, im Innerlichsten,
wo die untere, bloß zwischenmenschliche, soziale Moral mitsamt allem
Formhaften, Disziplinenhaften abgelaufen ist, nur noch ein bloßes
Aussprechen jenseits des Gestaltens in Geltung ist, eine gelehrte
Tathandlung, ein so tiefes Hineinverlegen der Formkonstruktion in das
Wesen, daß nichts mehr von der Form an Vermittlung, Indirektheit oder
Sphärenbau erinnert, ein neuer Intuitionismus und jene direkteste Art
von begrifflicher Menschengnosis, die dem Inneren gegenüber dasselbe
zu gewinnen hat, was die alten Techniker der Orgiastik dem Götterleben
abgerungen haben. Hier aber gilt es stärker noch als je, das Schämen
von sich abzutun, die Scham zu verlernen, diese gefährlich verhüllende
Tugend. Sie hatte ihr Recht als sozialen Schutz und Haltung,
vielleicht auch noch als die bereits ethische Würde und Verwahrung des
Tieferen in uns gegen den Mißbrauch unseres»Namens«, vor jedermann,
an allen Orten, am beliebigen Punkt. Aber zu Beginn wie Ende jeder
existenziellen Selbstüberdenkung gilt es bekennend und russisch offen
zu werden: Demut hat die Scham der Eitelkeit zu überwinden, um unser
häßliches, geschwüreübersätes Ich, wie es ist, diesen ersten Hüter
innerer Schwelle, nackt zu sehen: Andacht hat die Scham der Kälte,
der Schuld an unser Ziel zu überwinden, um den vernichtenden Glanz
seiner Herrlichkeit, diesen zweiten Hüter innerer Schwelle, ertragen zu
lassen. Das alles taucht auf, wenn es zum Ende gehen soll, unaufsaugbar
für den äußerlichen, noch innerhalb der Welt enzyklopädisch bauenden
Begriff; denn sämtliche Fragen dieser Art bewegen sich im Kreis des
guten und sonach des tiefen Menschen: gut im russischen Sinn, im
Sinn der tieferen moralischen Parteiangehörigkeit über dem sozialen
Außersich, -- tief im Sinn eines erneuerten Überschlags des letzten
Ethischen in das letzte Logische, die Philosophie schließt als Logik,
jedoch von der zweiten Ethik her beleuchtet, und darin eben schlägt,
wenn es in die mythologieverwandte Tiefe des Endes gehen soll, die
Ethik der Innerlichkeit zur Metaphysik der Innerlichkeit um.
Grund in der Liebe.
Wir können aber gar nicht mehr zuviel an uns selber werden.
Zwar das Weib empfängt und muß in Schmerzen gebären. Der Mann zeugt,
geht davon und läßt den Preis sexueller Zeche unangefochten zurück.
Er ist sonst wenig besser als das was er öffentlich tut. Hierin aber
ist er geteilt und fast völlig berufsmäßig bestimmt. So steht er da,
verarmt und allzu sehr zugespitzt auf die Art des Nutzens, der von
ihm sozial verlangt wird. Der Rest hat sich zum Zuchthengst oder
darüber bestenfalls zu einem kleinen, unernsten Bedürfen nach Genuß
und unschädlichen Glanzlichtern auf den Ernst des Lebens verkümmert,
nur selten noch zu anderer, ungebrochener Sehnsucht zu erwecken.
Es drohte einige Zeit, daß auch die Frauen diesen Weg durchaus und
möglichst genau so, ebenbürtig, beschreiten wollten. Aber wenn die Frau
berufstätig wird, aus Not, worüber man sich dann nicht zu begeistern
braucht, oder aus einem unerwünschten Spezialistentum ihrer Begabung,
bleibt ihre Leistung ihr selber noch mehr unterlegen als die des
Mannes, weil sogar die meisten sachlichen Vorzüge fehlen. Die Frau ist
überall dort von der ängstlich genauen Farblosigkeit, nicht des Mannes
schlechthin, sondern des Schülers und Subalternen, wo nicht ihr Beruf,
selten genug, im Gebiet möglicher Wärme und innerlich ganzer Einfühlung
liegt.