lassen. Desgleichen auch das völlig Gleichgültige, daß die Galiläer
ein halbarisches Grenzvolk gewesen sein sollen. Warum auch nicht; die
blonden Juden sind heute noch nicht die vornehmsten, und es ist ein
anderer als der Blutadel, der bei ihnen heilig wirkt. -- Die eine der
zwei Bibelstellen nun müht sich, den lange Verheißenen zu schildern.
Es ist das Stärkste und Sprengendste, was der so rätselhaft gebliebene
und mit seinem wahren Namen völlig unauffindbare Prophet Deuterojesaja
gegeben hat. So spricht er von dem Gottesknecht:»er wuchs auf wie ein
Schößling und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Keine Gestalt hatte
er und keine Zierde, daß wir ihn ansehen und keine Schönheit, daß wir
sein begehren mochten: verächtlich und gemieden von Männern, ein Mann
der Schmerzen und vertraut mit Krankheit, ja wie einer, vor dem man das
Angesicht verhüllt, verächtlich, daß wir ihn nicht würdigten. Jedoch
unsere Krankheit hat er getragen und unsere Schmerzen, die hat er auf
sich geladen. Wir aber achteten ihn für einen Gebrandmarkten, von Gott
Gegeißelten und Gepeinigten. Er aber ist durchbohrt von wegen unserer
Sünden, zermalmt um unserer Missetaten willen. Mißhandelt ward er, da
er sich doch beugen ließ und tat seinen Mund nicht auf. Dem Schäflein
gleich, das zur Schlachtung geschleppt wird und dem Lamme, das vor
seinen Scherern stumm bleibt, so tat er seinen Mund nicht auf. Aus
Haft und Gericht ward er hinweggeholt und wen aus seinen Zeitgenossen
bekümmerte es? Denn abgeschnitten wurde er aus der Lebendigen Land;
wegen der Sünde meines Volkes wurde er zu Tode gepeinigt. Und so gab
man ihm bei den Verbrechern sein Grab und bei den Missetätern seinen
Leichenhügel, wiewohl er nie Gewalt geübt und kein Betrug in seinem
Munde gewesen ist. Aber Jahwe geruhte, ihn zu zermalmen durch jene
Krankheit: wenn du zum Schuldopfer wirst geweiht haben seine Seele,
wird er Nachkommenschaft sehen, lange Tage leben, und was Jahwe gut
findet, wird durch seine Hand wohlgeraten.«Man hat diese seltsamen
Worte jüdischerseits auf das zerstreute und mißhandelte Israel
bezogen. Aber nicht nur, daß der Knecht Jahwes deutlich in Vers 49
Israel entgegengesetzt wird, auch die ganze Beschreibung ist für ein
solches Kollektivum zu individuell gehalten. Mag selbst der jüdischen
Deutung das Ihre gegeben werden, daß immer wieder Jesus in jedem Juden
gekreuzigt wurde, so hat doch dieses Volk nur Jesu Leid und nicht seine
schuldlose Größe in sich einbezogen, wie denn überhaupt die Stelle des
Deuterojesaja vom geknickten Rohr, das er nicht zerbrechen und dem
glimmenden Flachs, den er nicht auslöschen wird, den stärksten Sprung
von der altsemitischen, noch in der Apokalypse fortlebenden Grausamkeit
zum vollkommen neuen Inhalt der Liebe und Segnung darstellt, weshalb
also gerade der Knecht Jahwes sicher nicht die Realität, sondern
höchstens den guten Genius des Volkes Israel bezeichnen dürfte. Zudem
haben viele anerkannte jüdische Lehrer die Erwähnung und weissagende
Beschreibung des Gottesknechts im Deuterojesaja auf den Messias
bezogen, in guter Übereinstimmung mit der Haggada, die sehr wohl
einen leidenden Messias kennt, wenn auch unter der Einschränkung, daß
man den leidenden, den Sohn Josefs, durchgängig von dem herrschenden
Messias als dem Sohn Davids unterschied. -- Das Zweite aber, das zum
Alten Testament zurückkehrt, um den fernsten Bogen in die Zukunft,
zum »dritten Testament«zu schlagen, ist jene merkwürdige Stelle bei
Paulus im Römerbrief, die zugleich einiges metaphysisches Licht darüber
verbreitet, warum die Juden so seltsam vor den Toren ihrer eigenen Welt
gelitten haben.»Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um
Gott, aber mit Unverstand. Ich sage aber: haben sie es nicht gehört?
Zwar es ist je in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt
ihre Worte. Ich sage aber: hat es Israel nicht erkannt? Der erste
Moses spricht: ich will euch eifern machen über dem, das nicht mein
Volk ist und über einem unverständigen Volk will ich euch erzürnen.
Jesaja aber darf wohl sagen: ich bin erfunden von denen, die mich nicht
gesucht haben und bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt
haben. Zu Israel aber spricht er: den ganzen Tag habe ich meine Hände
ausgestreckt zu dem Volk, das sich nicht sagen läßt und widerspricht.
So sage ich nun: hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!
Denn ich bin auch ein Israeliter, von dem Samen Abrahams, aus dem
Geschlecht Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er
zuvor ersehen hat. Oder wisset ihr nicht, was die Schrift saget von
Elia, wie er tritt vor Gott wider Israel und spricht: ›Herr, sie haben
deine Propheten getötet und haben deine Altäre ausgegraben; und ich
bin allein überblieben, und sie stehen mir nach meinem Leben?‹ Aber
was sagt ihm die göttliche Antwort? ›Ich habe mir lassen überbleiben
siebentausend Mann, die nicht haben ihre Kniee gebeuget vor dem
Baal.‹ Also geht es jetzt zu dieser Zeit mit diesen Übergebliebenen
nach der Wahl der Gnaden. Ist es aber aus Gnaden, so ist es nicht aus
Verdienst, sonst würde Gnade nicht Gnade sein. So sage ich nun: sind
sie darum angelaufen, daß sie fallen sollten? Das sei ferne! Denn so
ihr Fall der Welt Reichtum ist, und ihr Schade der Heiden Reichtum,
wieviel mehr, wenn ihre Zahl voll würde? Ist der Anbruch heilig, so ist
auch der Teig heilig; und so die Wurzel heilig ist, so sind auch die
Zweige heilig. Denn so du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, bist
ausgehauen und wider die Natur in den guten Ölbaum gepfropfet, wieviel
mehr werden die natürlichen eingepfropfet in ihren eigenen Ölbaum. Ich
will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis (auf daß ihr
nicht stolz seid): Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren so lange,
bis die Fülle der Heiden eingegangen sei, und also das ganze Israel
selig werde. Nach dem Evangelium zwar sind sie Feinde um euretwillen;
aber nach der Wahl sind sie Geliebte um der Väter willen.«Es war
vergebens, diese Worte judenfeindlich umdrehen zu wollen. Das Ganze ist
ein schwieriges Kapitel für die heidenchristliche Kirche geblieben.
Neuerdings sind zwar die plattesten Exegesen beliebt geworden. Die
Juden kommen danach am Ende ebenfalls an die Reihe, weil kein Volk der
Heilszeit entgehen kann. Man hat, besonders protestantischerseits,
das pas Israêl, das selig werden soll, auf die letzte
vollzählige Gemeinde Christi, also auf das Israel im sogenannten
geistigen Sinn geschoben, vor allem, nachdem Luther seine anfängliche
Meinung, daß Paulus hier von der mystischen und sogar apokalyptischen
Zukunft Israels gesprochen habe, antisemitisch reduzierte; freilich
ohne sich genauer auf das Weitere einzulassen, das Melanchthon als
ein Gott zu überlassendes Mysterium erklärte. Auffallend ist auch
der Ton, in dem hier Schelling von dem Judentum zu sprechen beliebt.
Sie sind neidisch auf Jesus, der ihnen nicht angehört, der mehr für
die Heiden als für die Juden war und wirkte; oder: wie die Hülse
verweht wird, wenn das lebendige Korn, das sie in sich trägt, heraus
ist, so wurde das jüdische Volk auseinandergeweht, und hat seitdem
keine eigene, selbständige Geschichte mehr, es ist im eigentlichen
Sinn exsul, ausgeschlossen von der Geschichte. Sie sind hoffnungslos
gezeichnet, denn die göttliche Gnade ist ironisch, das heißt, die Worte
Pauli werden in jener dem Pathos des Apostels höchst unangemessen
kontrastierenden Weise ausgelegt, daß die Juden zwar immer noch
vorbehalten sind, vorbehalten dem Reich Gottes, in das sie zuletzt,
aber nichts entscheidend, sondern nur am spätesten einzugehen bestimmt
sind, damit auch hier jene erhabene göttliche Ironie sich behaupte,
und die die Ersten waren, die Letzten seien. Es wäre unverständlich
und wie ein böser Scherz, daß sich hier Schelling für gut genug
hält, das Vorbei und Abgetansein, mit dem ihn die Hegelsche Schule
zurechtkonstruierte, nun gleichsam auf das Judentum zurückzuschieben,
wenn man sich nicht erinnerte, mit welch komischem Stolz andererseits
der Philosoph der Offenbarung die dem Judentum fremden Potenzen des
Heidentums schon zu Jesu Zeiten als das Wesentliche am Christentum
herausgehoben hat, wodurch eben Schelling, ein Prophet aus anderem
Blut, die Problemlage mit Ressentiment und irrationaler Sinnlosigkeit
verdunkelte. Nicht alle bibelgläubigen Protestanten gehen hier mit,
und die katholische Kirche steht unverrückbar auf dem Standpunkt
einer dereinstigen allgemeinen Judenbekehrung durch Elias als einem
der Zeichen der herannahenden Apokatastasis. Wie dem auch immer
sei, die Juden sind von Paulus dauernd angesprochen, und es kann
nur mehr eine kleine Weile dauern, bis sie die lange und rätselvoll
sekretierten Worte auch vernehmen. Jesus ist seit alters latent im
jüdischen Volk; denn alles ist schärfer und übertriebener bei ihnen
geraten: der Wucherer und Hillel, Schmutz und Seele, der Profitgeist
an sich und die Erzeugung des Sozialismus, die zehn verworfenen und
die zwei erwählten Stämme, der niedrigst sündhafte Mensch und die
Forderung: ein heiliges Volk, ein Volk von Priestern sollt ihr mir
sein! -- und so ist für den Juden, den moralisch intensivsten Menschen,
Jesus entweder seine Angst oder aber, indem er ihn mitlebt, jedoch
nicht nennt und als noch nicht realisierten Messias anerkennt, das
gute Gewissen seiner dem Endziel treuen Verstocktheit, für die das
dergestalt radikale Judentum wohl gar noch den Lohn erwartet, nicht
anders wie beim Widerstand gegen Baal und Astaroth. Deshalb läßt sich
auch nicht so leichthin sagen, wie es Weininger tut, daß Beides, der
Jude und der Christ, als Gesichter, religiös typisch schon entschieden
seien. Nichts ist nach ihm leichter als ein Jude, nichts schwerer
als ein Christ zu sein; früher war alles gemischt, nun ist alles
zerfallen, Jesus war im alten Israel die eine Möglichkeit, die andere
ist der Jude, die völlige Ichlosigkeit, Vieldeutigkeit und Gottleere,
der Abgrund, über dem das Kreuz Christi errichtet ist; und das Geld
ist noch das einzig Reale, an das sich dieses Gespenstervolk, außer
seinen endlosen Religionswechseln auf Wohlergehen im Himmel wie auf
Erden, festhalten kann. Jedoch die bestechende Schärfe, die auch
hier Weiningers Antithesen auszeichnet, ist eine zwischen Begriffen
und nicht eine zwischen Objekten: es ist durchaus nicht nur, daß es
Simson gab und Josua und danach Jesus und dann nichts mehr, sondern
die Juden konnten sowohl vorher wie nachher, trotz des Ekels der
Diaspora, intensiv böse und intensiv gut sein, das Volk der Psalmen und
Propheten lebte in seinen Liedern, in den wehmütigen, fern hinhallenden
Melodien, in spaniolischen Tempelgesängen und dann im Chassidismus
weiter; und zudem basiert das Ganze auch dieser Deduktionen letzthin
auf der oberflächlich antisemitischen Kirchenlehre von der Spreu
und dem Weizen, um derart den von dem Judentum niemals aufgegebenen
Gedanken des Trösters, des Dritten über Jude und Christ, des
Messianismus und des Tertium Testamentum zu überschlagen. Freilich,
alles bringt dem Juden Europa entgegen, doch das eigenste Geheimnis
der jüdischen Geschichte selber, das unter alle Heiden getragen wurde
und nacheinander die römische, die mittelalterliche und die Welt des
lumen naturale bezwungen hat, ist dem Judentum das alte Ärgernis und
Paradox geblieben, das Paradox nicht nur des kreatürlichen, sondern
durchaus des bereits beschnittenen, jüdisch geistigen Menschen, der
synagogalen Weisheit selber geblieben. Und das, obwohl, womit zu Jesaja
und Paulus ein ~Drittes~ hinzukommt, obwohl gerade die jüdische
Geheimlehre von Hinweisen auf die christlichen Mysterien überfließt:
dem Gedanken der Schlüsselgewalt, des Mittlertums, der großen Mutter
Malchuth, ja der ganzen Dreieinigkeit selber; letztere zum mindesten
zahlenmäßig und dann auch inhaltlich in der Form, die ihr der spätere
Hamburger Kabbalist Eibenschütz gegeben hat, und woran sich deshalb der
Baaderianer Molitor in seinem judenchristlichen Kabbalawerk leichthin
anschließen konnte, so sehr diese Berührungen bereits durch den Einfluß
Philons auf die spätere Dogmengeschichte wahrscheinlich gemacht worden
waren.
Nach alldem ist es gewiß, daß man der Lösung der Frage, worin sich die
Juden und Jesus versäumt haben, nicht näher kommt, wenn man nicht,
was stets verfehlt wurde, aus der ethnologischen Frage die eigentlich
treibende theologische Antithese herausgewinnt.
Was ist es also, das hier so fremd und schroff abgehalten hat? Was
ist es zum Anderen, das die Juden, die so lange vor den Toren ihrer
eigenen religiösen Welt gelitten und gewartet haben, nun plötzlich
beim»Christentum«eintreffen läßt? Es ist dieses, daß die Seele jetzt
letzthin darüber hinaus sieht und deshalb die Mitte begrüßen kann.
Es regen sich andere Kräfte, und so ist Jesus, paradox gesagt,
ungefährlich geworden, so kann also die Mitte, die hemmte, solange sie
endgültig zu sein schien, gefahrlos in ihrer ungeheuren Menschentiefe
verehrt werden. Denn das Leben, sagt ein alter Schriftgelehrter, wird
denen ausgeblasen, die das Ende berechnen und nicht erwarten können.
Aber die Juden sind erhalten geblieben, ein zu Großem aufgespartes
Volk, und ihr Glaube ist grau geworden. Sie haben unverzagt ihr Schema
Jisroel ausgerufen und bei dem alten Herrn Jehova, dem Gesetzeskaiser
und eifernden Ritualgott ausgehalten; ja das Judentum ist noch
hinter die lindernden, seelisch machenden Propheten zu einem bloßen
formalistischen Traditionalismus und reichlich nüchternen, abstrakten
Deismus erstarrt. Freilich, die Kirche hat ebenfalls und noch viel
gründlicher die Welt zugeschlossen und wie die alten messianischen
Hoffnungen so die Apokalypse selber unterschlagen oder vermittelst
des Pfingstfestes zu einer bloßen universalen Wiederholungsszene und
Tautologie des bereits Geschehenen abgeschwächt. Aber die Freude
ist größer als das Gesetz, und wenn auch die Synagoge dieser Lehre
der Chassidim fernsteht, so ist sie doch keine mysterisch gemachte
Kirchenorganisation, sondern offen und gleichsam auf ihren Abbruch
hin konstruiert, auf den Messias, auf das Rufen des Messias und
den motorisch, moralisch, metaphysisch erst zu bewerkstelligenden
kiddusch haschem als der Heiligung des Namens Gottes. Insofern kann
man sagen, es lebt in diesem auf die Auflösung, auf die letzte Stunde
hin gerichteten Glauben ein latenter Gnostizismus, eine bei den
Propheten und Jesus, ja schon früher, an den wechselnden Psychologien
Jahwes selber sichtbare Entgegensetzung des Guten und Erleuchteten
gegen alles Kleinliche, Gerechte und Harte -- eine Entgegensetzung,
die keineswegs erst durch das außerjüdisch rezipierte Christentum
erzeugt worden ist. Gerade indem Marcion, ein großer Mann, den Gott
als Geschichte konzipierte, steht dieses sich Abheben, diese Antithese
zwischen dem Demiurgen und der bisher unbekannten, durch den Christus
offenbarten höchsten Gottheit, -- steht dieser scheinbare metaphysische
Antisemitismus der messianischen Geistigkeit näher als die ganze
spätere, auch das Alte Testament versteinernde Heilsökonomik, die die
Abfolge der Offenbarungen zur bloßen pädagogischen Maßnahme abschwächte
und so den eigentlich theogonischen Prozeß vom Himmel selber fernhielt.
Die Seelen müssen weiter in sich suchen und rufen, es gibt noch
andere sittliche und auch geistige Kräfte als wie Jesus verkündigt
hat. Denn die Menschen sind, was sich im weiteren Verlauf der Neuzeit
immer stärker und furchtbarer zeigt, ~letzthin~ nicht jesuanisch
durchtränkt, geschützt, imprägniert und vorbereitet, der ferne Messias
ist noch nicht gekommen, die allkräftig beherrschende Idee der Welt
ist noch nicht gefunden. Jetzt ist auch Jesus deutlich aus der Zeit
gewichen und aus der Geschichte, ja aus der Welt dazu, in deren Mitte
er fälschlich hineingestellt wurde, als ob nicht schon die kürzeste
Handauflegung des wirklichen Messias diese Welt vergottet hätte. Die
Menschheit ist von ~dieser~ Seele Kanaans ~letzthin~ noch
nicht metaphysisch betroffen worden, ihre Macht reicht nicht aus gegen
die Gottleere des Endes und zu dem heiligen Geist hin. So beginnt
Jesus, gut wie Hillel, als Rabbi, als Prophet, größer, auch kleiner
denn Moses, als Zeichen der Liebe und der Innerlichkeit ~auf dem
Wege~ verehrt und erkannt zu werden, die zwar, eine ungeheure und
wahrhaft hineinwirkende Tat des Propheten, den Herrn zwang, an dem
Sohn zum Vater zu werden, die aber auch, da Jesus nur ein Helfer, kein
Erlöser war, da die anders ungeheure und anders»wahrhaft«hineinwirkende
Tat des Messias, der zaubernde Wunschtraum, der alte Titanen-»Frevel«,
sich zum Messias zu ernennen, nicht gelingen konnte, da die letzte,
unbekannte, wahrhaft sprengende Essenz der Welterlösung fehlte, --
alles in uns Menschen, was kreuzigt und das Kreuz bespeit, und alles
in Gott, was kreuzigen ließ und am Ende den Opfertod verlangte oder
wenigstens nicht abschlug, noch stärker, erbsündenhafter aufglühen ließ
oder wenigstens in der alten Niedrigkeit und wesentlichen Entfernung
Gottes von sich selber, von seiner dritten Stufe als dem heiligen Geist
zurückließ.
* * * * *
Es ist nur selten gestattet, zurückzugreifen und vergangene Gesichte
zu erneuern, als ob nichts geschehen wäre, als ob nicht auch die
Götter ihre Gezeiten hätten. Aber Eines gibt es, nach dem man nicht
erst zu blättern braucht, weil es von selber unaufhörlich auf uns
zurückgreift, sofern es als Weissagung, als die verzweifelte, immer
wieder abgebrochene Weissagung des Messianismus unserer Aktualität
bedarf. In ihm lebt zwar ein Dienen untereinander, aber auch trotzigste
Selbstheit gegen Welt und Gott; es lebt darin keine Knechtsgestalt,
kein alliebender und allwissender Vater, kein sichtbarer, bildhafter,
unmusikhafter Gott, kein Opfertod, kein Gnadenschatz, überhaupt keine
Garantiertheit und vorhandene absolute Definiertheit des Ziels, wohl
aber die furchtbarste, moralische, Kierkegaard mit den Propheten
vereinende Kategorie der Gefahr -- die Menschen sind noch immer oder
wieder, im Endgültigen schutzlos und ohne Himmel, aber in unserer
Kraft zu wenden und zu rufen, in unserem tiefsten, noch namenlosen
Inneren schläft der letzte, unbekannte Christus, der Kälte-, Leere-,
Welt- und Gottbesieger, Dionysos, der ungeheure Theurg, von Moses
geahnt, von dem milden Jesus nur umgeben, aber nicht verkörpert. Nun
aber, hier werden sich die Juden und die Deutschen ewig begegnen, die
leicht vertrocknenden und nach langem wieder aufblühenden Jerichorosen,
als die ebenso motorischen wie vernehmenden, spekulativen Nationen;
und so ist es immer noch denkbar und aus der Kurve der bisherigen
Geschichte zu begreifen, anders, es muß wieder denkbar werden, es gibt
keinen Zweifel daran, daß durch die tausendfachen Energien, durch
die äonenweite Optik einer neuen Proklamation das Judentum mit dem
Deutschtum nochmals ein Letztes, Gotisches, Barockes zu bedeuten hat,
um solchergestalt mit Rußland vereint, diesem dritten Rezipienten des
Wartens, des Gottesgebärertums und Messianismus, -- die absolute Zeit
zu bereiten.
Zur motorisch-phantastischen Erkenntnistheorie dieser Proklamation.
Wie wirkt das ein, das jetzt ist? Denn wir wollen handelnd und
selbsttätig vorgehen. Nicht etwa um zu träumen oder einfach nur
beliebig umzudenken. Denn im schöpferischen Kopf löschen alle bloßen
Traumlaternen aus. Er ist aufs Strengste gebunden, sowohl von unten
herauf wie nach oben hinüber. Er muß, wenn überhaupt, zum kanonischen
Träumer werden, dem das, was den anderen bestenfalls sehnsüchtig und
noch nicht bewußt anklingt, zum Eingedenken wird; zuerst nur mitwissend
oder»weltlich«, enzyklopädisch, dann, mit wiederkehrender, völlig reif
gewordener Ahnung, zum Eingedenken der eigenen Tiefe.
Man kann sich freilich auch vergessen und derart betrachtend, das
heißt einzelwissenschaftlich arbeiten. Dann bleibt alles auf dem alten
Fleck stehen und das immer wieder aus dem gewußten Leben auftauchende
gelebte Leben bleibt ohne Licht. Denn hier soll gedanklich nichts
aufgewendet werden, das von der erläuterten Anschauung, von dem
Verstehen der darüber hinaus jedoch unerweckten Anschauung wegführt.
Man hat sich dem Lauf der in den Dingen, Subjekten und Werken bis zu
dem Forscher hin vorgearbeiteten Welt zu unterwerfen. Darum bleibt
auch der Tonfall in einem vorsinnlichen oder wenn auch sinnlichen,
menschlichen, qualitativen, so doch wertfreien Indikativ beschlossen,
der mit dem»Früher«oder »Jetzt«nur adjektivisch verziert ist, ohne
Einfluß des Vergangenseins oder der Neuheit. Es mag noch gleichgültig
sein, wo der Chemiker innerhalb seines fast gänzlich ausgeschalteten
Zeitbegriffs ankommt. Aber es ist problematischer, wenn sich das
Geschehene unmerklich mit dem Geschehenden mischt, wenn das, was
draußen saß, lebte und schrieb, plötzlich am Ende im Buch stehen
muß, wenn sich infolgedessen sowohl der Historiker wie seine Epoche
selber wieder entgegenkommen und dem wieder gegenwärtig Werden
im rein tatsächlichen Fortgang der Geschichte ausgeliefert sind.
Man kann schwer den Punkt angeben, wo diese peinliche Erhellung,
diese allmähliche Steilheit des Gesichtswinkels und dieses aktuelle
sich Wiederaufrollen oder Decrescendo der immanent feststellbaren
Zusammenhänge, Wichtigkeiten und Historien beginnt, wo sich mit anderen
Worten das politische dem historischen Urteil wieder unterschiebt.
Noch schlimmer als mit der Geschichte ist es mit der Physik und am
schlimmsten mit der einzelwissenschaftlich verdorrten Theologie und
theologischen Metaphysik bestellt. Wir wissen nicht, was gelb oder
blau oder was ein Blitzschlag als solcher ist. Denn die physikalischen
Begriffe tauchen weder mit ihren unsichtbar bleibenden Trägern, noch
mit ihren komparativen Gesetzen aus der Reihe des vorsinnlichen und
damals gegenwärtigen Geschehens auf. Wir wissen noch weniger wie die
religiösen Verheißungen, also die Inhalte einer fernen, im Zukünftigen
verborgenen Gegenwart zu fassen sind. Denn da im theologischen Denken
die gleiche Schwunglosigkeit wie in der Physik herrscht, so kommen die
theologischen Begriffe nicht weiter als gerade bis zur Gegenwart ihres
Trägers und seiner Geistigkeit. Die Kräfte des suchenden Ichs werden
unterdrückt, das obere Leben wird bei dem Vater festgehalten, statt das
Ernte- und Pfingstfest zu begreifen und Gott durch den heiligen Geist
definitiv werden zu lassen, und die theologischen Begriffe werden trotz
der weiterdrängenden Apokalypse innerhalb einer höchst ungereinigten
Aktualität ihrer Wertordnung entspannt. Daher bleibt das farbige,
flutende, von uns abhängige Jetzt der Welt brüchig und zu jeder mehr
als privaten und relativistischen Funktion der Werttheorie untauglich.
Wir gebrauchen zwar die menschliche Sprache für einzelwissenschaftliche
Ergebnisse, aber was in ihr laut wird, ist doch nur die um den
menschlichen Geist unbekümmerte, ihm oft schlecht entgegengeltende
Wahrheit der Tatsachen. Die Wissenschaft baut unseren Anteil ab, sie
zieht die Wurzel, wo die Kunst potenziert und die Philosophie mit dem
letzthinigen Subjekt integriert. Was hier also im Ganzen hervortritt,
ist, wofern sich der zunehmende Zwang, bloß ökonomisch, reflexiv denken
zu können, gemäß der steigenden Unlogik der Gegenstände, nicht allzu
fühlbar macht -- jenes einfache Aufschreiben der Geschichte der Welt,
das die Unabhängigkeit vom erlebenden, auffassenden und utopischen Ich
als Kriterium seiner Wahrheit und empirischen Realität besitzt. Es ist
-- und daran scheidet sich aufs Deutlichste das einzelwissenschaftliche
von dem philosophischen Streben -- die bloße Stufenfolge von toten
Gegenwarten und die bloß organisierende Verdeutlichung der jeweils
aktuellen Tageszeit der Tatsachenlogik in den einzelnen Sphären.