Damit ist nun also, auch wenn wir bewegter geworden sind, nicht

zugleich das östliche Lebensgefühl getroffen, wie es das Mittelalter

nur erst in uneigentlicher, indischer Form beherrschte. Wir suchen

weiter nach jenem Korn, das hier nicht wuchs. Es möge nochmals

aufblühen; es möge wieder das bunte, phantastische Muster wirken und

den Teppich unserer Zukunft bilden. Stets schon hatte sich die Abwehr

gegen den Osten als nutzlos erwiesen, er ist es, was das Auge an dem

Geliebten sieht. Europa wehrt sich nicht nur vergebens, sondern,

wie ein Mädchen, auch unecht und ohne rechten Willen gegen Asien.

Die Griechen kämpfen gegen die Perser, es gelingt ihnen Marathon

und Salamis, aber Alexander vermählt sich mit Roxane, entläßt die

mazedonische Leibwache und stirbt in Babylon. Scipio zerstört Karthago,

aber der semitische Petrus zerstört Rom, und die Buße des Kaisers

Theodosius vor dem Mailänder Bischof ist die späte, endgültige Rache

für Zama. Die Franken kämpfen gegen die Araber, es gelingt ihnen

Tours und Poitiers, aber der Papst befiehlt die Kreuzzüge, und mit

den Helden des heiligen Grabes wandern auch die Elemente der Gotik

wie der Scholastik, dieser spezifisch semitischen Gelehrsamkeit der

Exegese, vom Morgenland nach Europa herüber. Es war schon viel und

Schwieriges, was uns das zerfallene römische Reich hinterlassen hat:

im Osten den Balkan und im Westen das Kirchenproblem, aber das alles

ist lösbar, und der Norden braucht sich deshalb nicht aus seiner

Pointe herauszubewegen. Dagegen was den Orient angeht, dieses urbare

Chaos aller großen Religionen, so ist Europa vor ihm eine kleine

Halbinsel, deren Schicksal es bleibt, Kontakte zu suchen, um nicht

immer wieder in ihrer Kleinheit und rein denkerischen, unprimitiven

Haltung zu erkalten. Wir sehen nur deshalb die griechischen

Ereignisse so übermäßig vergrößert, weil wir sie wertbetont im

Hinblick auf die griechischen Künstler und Denker akzentuiert haben.

Was wäre uns sonst der nächtliche Überfall auf die spartanische

Besatzung in Theben, dieser bloße Polizeibericht? und was könnte uns

veranlassen, den Sieg, den das kleine Häuflein Bürgersoldaten bei

Marathon über das Expeditionskorps des Großkönigs erfochten hat, so

treu durch alle Geschichtswerke zu schleppen, wenn sich nicht eine

extrem-klassizistische, gegen das spätere: ex oriente lux ganz sinnlose

Urbanität als erwähltes Bedeutungsapriori dahinter wirksam machte?

Niemand kennt die einzelnen Kämpfe der italienischen Stadtstaaten;

und die politische Geschichte des Orients, der durchaus einmal ein

Ganzes bildete, und der in Teheran gleichsam einen Einheitspunkt, ein

von Tanger, Tunis, Kairo, Stambul, Bagdad, Delhi, ja sogar Peking

repräsentativ besuchtes mittelalterliches Olympia besaß, -- pflegt

nicht einmal in Umrissen bewußt zu sein. Aber Alexander lenkte

bewußt nach Persien ein, zwanzigjährig, der jugendliche Mensch, ein

seinen Träumen nachziehender Jüngling des Märchens, nicht nur so

eitel und substanzlos jung wie vor ihm Alkibiades und nach ihm, in

selbstverständlich viel reinerer Weise, etwa Otto III., sondern

mit Gesichten und Zielen, Griechenland nach Asien hinüberzurichten

und großen Logos in die Geschichte zu bringen, gewaltsam genug, den

gleichgültigen Zufall der sogenannten Weltregierung zu ihrem Logos

zu zwingen. Er zog gewiß nicht aus, um zu fluchen und dann wider

Willen segnen zu müssen, trotz des den Lakedämoniern und Athenern

vorgegebenen Zwecks, Rache an dem Erbfeind zu nehmen; er ging zum

zweiten Male nach Troja, aber nicht, um es zu zerstören, denn es

gab zuhause kein Tiryns und Mykene mehr, sondern Alexander, der

erwählte Bundesfeldherr der Hellenen, hat Griechenland aufgegeben,

um auf seine»Vorstufen«herabzusteigen, müde des ganzen künstlichen

Okzidentalismus, nicht anders wie schon Heraklit, Pythagoras und Platon

die allzu menschlichen Bildsäulen, die abgrundslose Euphrosyne und die

vollkommene Sphaira der Welt aufgegeben haben, um die Sehnsucht, das

Jenseits und seine Zweiweltentheorie auszuspannen. Wir suchen weiter,

auch unsere Seelen gehen wiederum nach dem tiefsten Orient, Zauber

und Patriarchenluft zu kosten, nach dem mütterlichen Land. Was der

echteste Grieche verließ, hat auch Michelangelo, haben Schelling und

Schopenhauer verlassen, und weder Rafael noch Winckelmann noch der

ganze scheinbar hellenische (denn dafür war es viel zu prozessual)

Kulturgedanke der Goethe- und Hegelzeit kann hier von dem winkeligen,

musikalischen, barocken, romantischen, gewaltsam mythischen Leben

abdrängen, als dem eigentlichsten Expressionsgeist der Neuzeit,

der zugleich total werden wollenden Orientzeit. Denn so sehr wir

auch unsicherer, johanneischer, um das Arbeits- und Zeitproblem

vermehrt worden sind, was den morgenländischen Geist erschwert,

hinausschiebt, aber dann um so leidenschaftlicher liegen läßt, so

stehen uns doch sowohl Morgenland wie Spätantike wie Mittelalter,

dieses wenigstens indirekt vom Orient durchwohnte Europa, immer noch

näher und immer noch mehr als Korrektiv vor Augen wie Griechenland

und das Mißverständnis der Renaissance; mit uns verbunden durch das

gleiche geheimnisvolle, nach oben weisende Lebensgefühl, das die ganze

Erde zu einem kategorialen Beziehungssystem zwischen Hier und Dort

verwandelt, in den Himmel eingebaut oder als eingebaut gefordert.

Wir werden daran nicht zugrunde gehen, und jederzeit mehr bedeuten

können als bloße Form zu fremdem Inhalt. Es liegt uns doppelt nahe:

in der russischen Wärme und Wundererwartung, die Ströme, die Ebenen,

ein Indien im Nebel, als das uns das ganze maßlose Rußland erscheint;

und dann im deutschen Denken, dieser Wünschelrute und Wunderlampe,

diesem Zerreißen der Tiefe und Kelch des Geisterreichs, aus dem uns die

andere schirokaja natura, die Unendlichkeit der Musik und des Geistes

entgegenschäumt. Ja der ganze Norden ist Osten, ein nicht gegebener,

aber erwählter Orient, der Osten als Traum, als Nordlicht, als Licht

im Nebel, das stärker und wie im Ausschnitt glänzt: Regenabend, der

Rangierbahnhof, das öde Haus, die Schiffslaternen, der Rauch des

Hemshofs, der tückische Bettler, der Laden in Basra, der weise Muley,

die ganze Traum- und Jugendgeographie, die vom Malstrom aus schneller

zu dem Prinzen Zein Alasman und den sieben Bildsäulen in Kahira reist

als von Athen. Aber in griechischer Sprache ist das Neue Testament

geschrieben; und so gewiß Griechenland ein westlich schönes, immanentes

Gift enthält, das das Christentum entspannte, so gewiß kann doch auch

Indien ein asiatisch quieszierendes Gift versenden -- und so fraglos

ist in unserem bewegten Wesen, in der Sehnsucht und der die Welt

verändernden, verbrennenden, umschaffenden, umdenkenden Geistigkeit

Europas eine Gottheit gegenwärtig, die, wenn sie nach Asien sieht,

doch immer nur den Teppich, die Frau, das Korrektiv unserer tiefsten

Ruhegegenstände und nicht seine Inhalte selber sucht. Das heißt --

und nun wird die eigentliche Bestimmung des östlichen Lebensgefühls,

Asiens fällig, wie es bisher nur erst im theurgischen Hellenismus und

nicht im Mittelalter, dieser uneigentlichen, indischen Form Asiens,

seine Hegemonie in Europa fand -- das heißt aber, es gibt darüber,

wie auch Scheler aus katholischen Gründen eingesehen hat, ein zweites

Asien, und dieses ist nicht nur stimmungsmäßig, sondern auch motorisch

dem nordischen Europa tiefer verwandt als es den Anschein hat. Denn

sehen wir dasjenige bei uns an, was vor allem westlich wirkt, Calvins

Lehre, so ist dieses nach unten hin lebhaft, aber gegen Gott hin

still, der Werktag ist vom Sonntag grundsätzlich getrennt. Sieht

man dagegen demjenigen im Osten zu, was vor allem asiatisch wirkt,

vom Zauberer, Schamanen und Medizinmann angefangen bis zur Kraft des

jüdischen Hohepriesters und dem davon zehrenden Mysterium des heiligen

Meßopfers, so ist dieses umgekehrt nach unten hin still, es schickt

sich in die Dinge und übersieht die untere Welt, es fängt überhaupt

erst vom kranken Menschen ab zu handeln, nach oben hin zu handeln und

kennt keine geheimnislos zu vermögende Zivilisation; aber es drängt

sich dafür aufs Stärkste beschwörend nach oben ein: als Regenzauber,

als tief konzentrierte Selbsterlösung, dienende Götter beim Tod

des Buddha, des Thatagata, als Bewährung der Gebetskraft, diesem

eigentlichen Charisma der chinesischen Kaiser, als der Diktaturzwang

des irdischen gegen den himmlischen Hohepriester oder Metatron -- und

der Berufsdienst ist hier so wenig vom Gottesdienst getrennt, daß

fast aller Gottesdienst zum Zauberdienst, Berufsdienst und Werkdienst

geworden ist. War Gott im europäischen Kreis das Tun selbst, wurde

vor ihm die Seele wie ein Weib, und erbte er alle Lebendigkeit von

diesem passiven Subjekt, die Sprechstunde des Sonntags, ein Tyrann

der Ostindischen Kompagnie in seiner eigenen Welt: so hört im

asiatischen Kreis diese Gnadenkraft und Gnadenwahl, diese alleinige

Weltlenkung und dem Subjekt undurchdringliche Offenbarung auf zu

wirken, und Gott wird hier stillste Ruhe, Unfähigkeit ohne den Menschen

auch nur einen Monolog zu halten, Gnade ohne Gnadenwillen, Kismet,

aber ohne vorherbestimmendes Subjekt darin, Seligkeit des Endes,

verschwebender Grenzbegriff des Urgrunds, wie man denn gerade die

echte, also nicht europäisch mißverstandene Buddhalehre mit Recht als

einen sehr sublimen Atheismus bezeichnen kann. Wir werden also daran

nicht zugrunde gehen und Asien gegenüber nicht nur jederzeit mehr

bedeuten können als bloße Form zu fremden Inhalten, sondern es ist

dasselbe vom europäischen Geist unten betrieben, was der asiatische

Geist oben zunächst so gänzlich motorisch, so gänzlich unkontemplativ

betreibt. Dergestalt, daß das Abenteuer, der Berufsdienst, die

Kolumbusseele nur auch noch Gottesdienst zu werden braucht statt

umgekehrt, wie im Calvinismus, die göttliche Aktivität zu den

unabwendbaren, unerforschlichen Ratschlüssen zu hypertrophieren; und

wir sind folgerichtiger auferstanden, auch das Mittelalter ist in

seiner uneigentlichen, mißverstanden indischen Form besiegt, Europa

ist wieder an dem hellenistischen Drehpunkt angelangt, und das derart

~völlige~ Europa ist bruchlos zu einem völligen, religiös aktiven

Asien übergegangen, zu einem motorischen Europa auch der Transzendenz.

Freilich, indem der hineinwirkende Westen in Asien sich selbst findet,

radikal, transzendent geworden, geht dieses Hineinwirken nicht wie

in der unteren Welt haltlos weiter, hebt sich nicht nur die Schranke

zwischen Ich und Drüben, zwischen Wille und Gnade auf, umgekehrt wie

in der engen Lehre Calvins, sondern auch der Gott des Orients bewegt

sich vor diesem vermehrten Ansturm der Menschenaktivität aus seinem

stillen Abgrund hervor, und es erscheint am Ende dieses motorischen

Durchschlagens und Rufens in die obere Welt zugleich auch die genaue

Korrespondenz zwischen Wille und Gnade, zwischen beschwörendem Subjekt

und wunderartig überschüttender Substanz -- soll das Gebet überhaupt

erhört, konstitutiv, wahrhaft weiße Magie und Theurgie gewesen sein:

und insofern ist Asien allerdings in seinem letzten Prinzip nicht nur

die Vollendung Europas, sondern doch auch der Teppich seiner Ruhe;

jedoch eben der bloße ~Teppich~ seiner Ruhe mit keineswegs auch

für das angelangte Europa absoluten Ruheinhalten, da schließlich das

vollendete, vordem motorisch lediglich giebellose Europa nicht noch

letzterdings wie das europafremde und motorisch wurzellose Asien die

Geschichte, das unendlich quillende Subjekt beantworteter Menschheit

aus der Substanz auslassen wird. Man darf nach alldem im Zweifel sein,

ob man das bunte, kühne, wunderartige Wesen durchaus morgenländisch

nennen will, nach dem allerdings fast physiologisch latenten Zustand,

den die motorisch transzendente Gesinnung dort hat: das Eine ist sicher

und außer Zweifel, daß Xenophon nichts davon bemerkte, als er durch

Persien zog und insofern den Typus des niederen Europäers darstellt,

während Alexander ebensogut Asien brauchte, um Alexander zu sein, wie

Jesaja und Paulus, im anderen Sinn hohe Europäer, dagegen nach Europa

wiesen: als nach dem luziferisch bewegten Land, als nach dem Unterbau

und Subjektkern Asiens, mit der Substanz nicht als Eigenschaft,

sondern als Problem, -- und daß deshalb Europa, der europäische Geist,

ebensowohl höher wie tiefer als Asien steht, freilich immer nur tiefer

als das Asien seines eigenen Traums, seines eigenen Rechts, seiner

eigenen fernsten christlichen Phänomenologie, und nicht als das

schlechtweg gebundene Asien der geschichtslosen, subjektslosen Substanz.

Symbol: Die Juden.

Zudem erwacht endlich der Stolz, jüdisch zu sein. Es treibt in uns

ruhelos, noch bleiben diese Menschen gemischt und zweideutig; es gibt

flinke und harte, darum herumredende und sachliche Personen darunter,

wie überall, nicht wie überall; aber das Flache und Unfruchtbare will

zusehends verschwinden. Wenigstens scheint bei den jüngeren Juden die

ausgeprägt händlerische und zugleich formalistische Neigung keinen

Boden mehr anzutreffen. Man sieht hier ein Warten vor sich, das schon

einmal bei diesem Volk Früchte getragen hat.

Seit langem ist die nur sozial bedingte Unterwürfigkeit und

Selbstverspottung verschwunden. Nun ist dadurch freilich zunächst

nichts Besseres gekommen als ein Greifen nach dem lang entbehrten

Genuß. So kam zu dem früh gewohnten Schachern eine Sucht nach

Wohlleben und Äußerlichkeit herauf und mit ihr ein Mangel an Demut

und eine Ungläubigkeit, die alles, was je ein anderes Volk an seiner

Begabung, an seinem eingeborenen historischen Halt verloren hat, weit

überbietet. Die westlichen Juden sind stärker an diesem freisinnigen

Gift erkrankt als die Juden Polens und Rußlands und an sich völlig

selbstlos geworden, gleichlaufende Zeiger, gleichlaufende Uhren in

der allgemeinen geschäftstüchtigen, amystischen Bürgerzeit. Man kann

hier zunächst nach keiner Seite hin übertreiben; das durchschnittliche

jüdische Seelenleben straft ihren fremdartigen Anblick Lügen; von

den mandelförmigen Augen, von dem Sulamithtypus, vom Stolz, der

edelsten Rasse anzugehören und der Verpflichtung daraus zeigt sich

bei diesen wulstigen Vitalitätsjuden, bei diesen mehr oder minder

geglückten Assimilanten keine Spur. Nun ist dadurch allerdings auch

vieles Falsche, Ghettohafte verschwunden, das den Ostjuden noch völlig

unjüdisch, ebenfalls modernistisch anhaftet. Überdies scheint bei

vielen jungen und ernst gewordenen Menschen statt der tief unwürdigen

Assimilierungssucht, statt der rein geschäftlichen Begabung, dem Wucher

und dem vor nichts Halt machenden Schachergeist, statt der lieben,

heiteren Mendelsohns und Heines, aber auch statt des selbst in der

Kabbala ungemein fühlbaren Formalismus eine eigentümliche Einkehr und

gleichsam unbedenklichere, direktere Strenge heraufzuziehen. Sie hat

derart viel gelernt, sowohl von den Antisemiten, die jeder stolze Jude

an Schmerz und Haß tausendfach überbietet, wie auch von den Strebungen

eines staatlich festgelegten Zionismus; dessen Schaden freilich ist,

daß er die gesamte Kraft des Auserwähltseins leugnet und derart mit

dem Begriff des Nationalstaats, wie er im neunzehnten Jahrhundert

ephemer genug kursierte, aus Judäa eine Art von asiatischem Balkanstaat

machen möchte. Aber dafür sind Kraus und Buber allmählich moralische

Atmosphären geworden: beides, der Judenhaß wie die Nationalflagge, sind

bloße Hilfslinien zur Selbstbesinnung des Judentums, wie es allmählich

sich selbst und nicht nur seinen Gott als eigenes, unendlich tief

verflochtenes, nicht minder religiöses Problem zu erfassen beginnt.

Denn immer noch sind die Juden nicht müde. Sie werden nicht

aussetzen, sie sind wie Herzzellen und lassen sich nicht entspannen.

Wie man die Juden zuerst sah, war es ein ackerbautreibendes,

leidenschaftlich-naives und von religiösen Impulsen durchschütteltes

Volk. Dann kam das sonderbare Erblinden vor dem, was in ihrer Mitte

geschah. Es folgte die vorhergesagte Zerstreuung in alle Länder

und, wenn man will, die furchtbar gezahlte Buße für das Blut Josuas

von Nazareth. Und damit begannen zugleich außer der unermeßlichen

Verinnerlichung, die das Studium des Gesetzes und noch mehr der

Geheimnisse des Gesetzes ergab, die Lehrjahre der jüdischen

Intellektualität. Zuvor blühten die Heldengesänge, die großen Predigten

oder Prophezeiungen, und noch Paulus schreibt mahnend, kräftig und

agitatorisch, freilich nicht ohne den deutlichen Einschlag der

beginnenden pharisäischen Dialektik. Aber nun tritt Philon bei den

Griechen in Schule und gibt ihnen dafür die ersten neuplatonischen

Verbindungen zurück, Gersonides und Maimonides werden zu den Jüngern

und Meistern der arabischen Kultur und damit der christlichen

Scholastik zugleich, und als der Weg nach dem geistigen Abendland

offen geworden war, bog Spinoza aufs Neue die kabbalistische und die

mathematisch naturphilosophische Denkweise zusammen, um derart Europa

sein starr strahlendes System als Ende der Lehrjahre, ja sogar als

einen, obzwar für die jüdische Seele recht verlustreichen Sieg der

jüdischen Intellektualität zu übergeben. Seitdem ist die Zeit der

intellektuellen Abhängigkeit von Europa prinzipiell beendet. Bald

darauf kam den Juden sogar das Abendland entgegen, ihr eigener Geist

kam ihnen aus dem Abendland entgegen, genährt von den zahllosen

gegenseitigen Beeinflussungen, die sich einerseits von der Bibel und

Spinoza, andererseits von Luther, Goethe und Hegel her ausbreiteten.

Vor einem großen Juden sind so die großen Männer aller übrigen Völker

gleichsam nur bürgerliche Genies. Denn diese können fast nur für

sich selbst sprechen, und wenn auch die Seele ihres Volkes darin

widerklingt, so hat doch keine Rasse die gleiche, alles überdauernde

Intensität und vor allem, die Geschichte keines Volkes brauchte nur

niedergeschrieben zu werden, um als heilige Geschichte zu scheinen und

als kanonisch-mystische Anthropogenie. Wenn wir versuchen können, das

jüdische Weltgefühl schematisch zu definieren, so scheinen drei Züge

letzthin wesentlich daran. Zuerst das eifernde, völlig willensmäßige

Verhalten gegen die Welt; danach der Drang auf die Verwandlung des

Lebens zur Reinheit, Geistigkeit und Einheitlichkeit, womit der

Gerechte die Schlüsselgewalt über das Obere erlangt; und schließlich

-- mit überweltengroßen Visionen -- das ebensowohl motorische als

prägnant historische, unbildliche, unnaturhafte Gerichtetsein auf ein

noch nicht daseiendes messianisches Ziel über der Welt. Damit stimmt

überein, daß schon das einfache Buch Daniel eine Begriffsbildung

pflegt, in der die Menschen nicht nur wie die Blätter wechseln, und daß

das Christentum gar das unerhört Neue einer selbständigen Beachtung

des Menschengeschehens, losgelöst und über der Physis, in die antike

Gedankenwelt gebracht hat, wo der eigene Zeitpunkt nie betont war, und

selbst die Buddhas tausendmal schon geboren waren und wiedergeboren

wurden. Überdies, größer als das erste ist das letzte Wunder, heißt

es in der Gemara, weshalb auch der Ursprung durchaus durch das

Überlicht, der Adam Kadmon durchaus durch den letzten, hermaphroditisch

wiederhergestellten Makanthropos, durch den Parakleten, und das Alpha,

weit davon entfernt, fertig, unbeweglich, vorhistorisch zu sein,

durchaus durch das erst motorisch-messianisch zu erringende Omega

definiert wird.

* * * * *

Nun aber erhebt sich aus alledem eine große Frage.

Warum haben wir uns abgewendet? Es kam der Mittler, zu uns zuerst. Aber

jeder Jude schlug bis vor kurzem vor ihm die Augen nieder. Und doch

lag er einst nicht gar so fern, als den Juden noch dasselbe nur ein

Ärgernis war, was den Heiden eine Torheit sein mußte.

Was ist hier geschehen, was kam dazu, daß sich der Haß gegen

den»Gehenkten«so rasend auswuchs? Wir fühlen uns sonst stolz auf das,

was zu uns gehört. Der dänische Dichter Pontoppidan hat in Jakobe

Salomon den Typus einer bedeutenden Jüdin geschildert. Alles ist in ihr

geblieben, trockenes, nervöses Wesen, zähe semitische Energie, Blick

mit Einsamkeit und weitschweifenden Gedanken. Aber als ihr Geliebter

in den steiermärkischen Alpen auf ein Kruzifix schießt, jauchzt sie

phantastisch auf, und der Freisinn hat selbst bei dieser aufs Höchste

rassenmäßig verdichteten Frau allen Traum und Transzendenz, erst

recht aber, obwohl die Bindung des alten Väterglaubens weggefallen

war, alle Blutsverwandtschaft mit dem nazarenischen Mysterium selbst

auszutilgen vermocht. Und das, obwohl, ja weil sie ihr Volk liebte

und bekannte. Aber das reicht nicht aus, um Jesus zu sehen, vielmehr,

er wurde ihr zum Zeichen und zur Schutzmarke der Verfolgung ihres

Volkes selber, so untrennbar hat in ihr sich die finstere Erinnerung

an blonde Brutalität und Christentum zusammengefunden. Noch tiefer ist

selbstverständlich die Abneigung gegen Jesus innerhalb des frommen

alten Judentums selber. Hier sitzen die Männer in der Nittelnacht

hinter verschlossenen Laden zusammen, spielen Karten und suchen das

verruchte Geburtsfest blasphemisch von sich abzuwehren. Hier ließ sich

der Rabbi Abarbanel alle Muskeln von der Folter zerreißen und brannte

eher als Himmelsfackel am Autodafé, als daß er dasselbe tat und annahm,

wofür Simeon den Herrn pries, was bei Nikodemus mindestens Scheu und

Ahnung erregte und wofür Paulus in alle Welt auszog, den Ruhm seines

Volkes und das Licht der Heiden zu verkünden.

Und abermals: was ist zum zweitenmal geschehen, daß jetzt plötzlich der

Haß gegen den Kruzifixus so spurlos und keineswegs nur opportunistisch

oder aus Gleichgültigkeit gegen die religiösen Inhalte verschwinden

will? Fast allen Juden des jüngeren Geschlechts gleitet der Name

Jesu leicht über die Lippen. Sein vergossenes Blut brennt nicht mehr

außen, aber innen; die abergläubische Scheu vor dem nazarenischen

Ereignis ihrer Geistesgeschichte verschwindet, Jesus kehrt endlich zu

seinem Volk zurück, und sein Name, sogar seine Symbole sind leise und

allmählich, ohne Riß und ohne alles Pathos in das Herz und die Gedanken

der jungen, ernsten, nachdenklichen Generation eingegangen. Sie fühlen

und verstehen, daß nur sie und niemand sonst, wie sie die Geschichte

Josefs und die Psalmen miterlebt haben, so auch die frühchristliche

Gemeinde und die Evangelien bilden konnten. Es hat den Anschein, als

ob die Juden an der Stelle angelangt wären, wo sie es wieder als

ihre eigenste Sache ansehen müssen, was als Christentum und in der

entweichenden Substanz des Christentums vor sich geht, nachdem sich

die anderen, die fremden Völker am Christentum müde und vielleicht

zu Ende gearbeitet haben. Das bedeutet nicht, seinen Glauben zu

verleugnen, der im Alten Testament ja doch nicht zu halten ist, sofern

dieses so deutlich, wie die römische Republik seit den Gracchen ihrer

Auflösung und seit Sulla ihrem Ende zugeht, so deutlich auch von den

Propheten ab zum Neuen Testament hin transzendiert, um darin der

Schöpfungsgeschichte als einen zweiten epizyklischen Höhepunkt die

Erlösungsgeschichte gegenüberzustellen.

Zwei Dinge haben dabei von jeher die Auslegung beschäftigt. In ihnen

verhaken sich gleichsam die Bücher des alten und des neuen Bundes zu

wechselseitigem einander Bedürfen.

Geist der Utopie · 第 28 / 39 段