geistig erwarten wollen. Wenn wir es nicht zwingen, zu bedeuten,
bleibt alles Wirtschaftliche leer, und der Geist, den es erleichtern
kann, erhebt sich aus ihm nicht als Überbau, sondern als Sprung. Was
kam, das ist der türkische Überlandweg, die sicherste Verbindung
mit den Märkten fremder Weltteile. Was zu erwarten bleibt, das ist,
daran anschließend, vielleicht nur ein Wirtschaftskomplex ausgeprägt
südöstlichen Umfangs, mit Ausläufern bis zur Ukraine und dem
Pamirhochland hin. Damit aber dreht sich der westliche Strom wieder
um und bringt zunächst dem Balkan und Kleinasien Geld und Interesse.
Denn die serbischen Bergwerke verfielen einst in dem Augenblick,
als Blei, Silber, Kupfer und Gold von Amerika herüberkamen, als der
westöstliche Gürtel riß, und der europäische Schwerpunkt von Venedig
und Wien so entscheidend nach Amsterdam und London rückte, wie er sich
jetzt wieder anschickt, zurückzukehren und mit dem Balkan als neuem
Umschlageplatz die ausschließlich westliche, englisch-amerikanische
Orientierung zu brechen. Man hat das allerdings recht verengert,
sofern man einem schutzzöllnerischen, imperialistischen Mitteleuropa
das Wort geredet hat, das sich nur deshalb die Verteidigungslinie
zwischen der österreichisch-, unter Umständen auch zwischen der
balkanisch-reichsdeutschen Grenze erspare, um sie desto besser nach
Ost und West hin ziehen zu können. Aber es ist klar, daß man bei
dem schmalen Gesicht dieses Plans nicht stehen bleiben kann; soweit
sich wenigstens von hier aus schon vorherbestimmen läßt, nachdem die
eigentlich lenkenden, bewußt Geschichte machenden Subjekte fehlen, wird
die neue Linie nicht nur vom Südosten her verlaufen, sondern schon das
polnische Gebiet schiebt nach oben, und auch Rußland, das unbedingt
auf den Westen angewiesene Agrarland, geht mit, die ungeheure, zur See
nicht erreichbare Masse Chinas gerät in Fluß, ja selbst die Vereinigten
Staaten der anderen, westlichen Seite würden die Folgen dieses neuen
Stromkreises in der Art zu spüren bekommen, daß die Beringstraße zum
zukünftigen Hellespont wird, daß sich der stille Pazifik belebt und
das blühende San Franzisko die Entdeckung Amerikas von Asien her,
diese gleichsam mittelalterliche Entdeckung besiegelt. Freilich kehrt
auch diese Bewegung letzthin wieder zurück. Sie verläuft nicht ins
Breite, Östliche, um Frankreich oder Deutschland mit leeren Händen
stehen zu lassen. Sondern dieses kontinentale Europa bleibt durchaus
der Kopf des Ostens. Mag dann England die südlichste, schon lange
unterhalb des mittel- und nordasiatischen Gürtels gelegene Straße,
die ägyptisch-indisch-australische Wasserstraße l'iir sich behaupten.
Mag auch das östliche Nordamerika seinen bisherigen, durch die
ungeheure Finanzkraft dieses Landes wohlgesicherten, aber nicht mehr
ausschließlichen Rapport mit dem westlichen Europa weiter unterhalten.
Wichtiger als all dieses, das besteht, aber ausgedorrt und abstrakt
geworden ist, scheint das unendliche Hinterland, wie es sich östlich
von Paris und vor allem Berlin her ausdehnt; hier bekommt man Moskau
in die Mitte, hier tritt die Entdeckung Sibiriens und Chinas, zweier
unendlicher agrarisch-mineralischer Gebiete, der Entdeckung Amerikas,
also der westlichen, englisch-amerikanischen Wirtschaftsgeographie
kräftig zur Seite; hier kann Moskau zur Hauptstadt dieser neuen Welt
werden, und Deutschland, je nach seiner geistigen Kraft, entweder den
bloßen europäischen Wirtschaftsexponenten oder aber das Haupt, den
synkretistischen Mischlings- und Klärungsort, das große Alexandrien
dieses neuen Weltreichs bedeuten.
Wie anders? Denn stets ging der geistige Weg wieder östlich.
Auch die Griechen haben von hier aus begonnen. Sie beeilten sich zwar,
ihre mykenischen Lehrjahre rasch zu durchlaufen. Es kamen Handel,
großartige, aber unfromme Heldengesänge. Es kamen Liebesgedichte,
Nachdenken auf eigene Faust, zuerst jonisch, dann athenisch und in
allem neuzeitlich bestimmt, bis die Sophisten den Höhepunkt dieses
Ichgefühls erreicht hatten.
Unverstanden ragten die Orakel in die so bestimmte, völlig unreligiöse,
nur leicht sentimentale Wohligkeit herein. Aber schon bald hatte
Aristophanes warnend zurückgewiesen, und wie Heraklit oder Zenon
das Bindende, Mysterische niemals entschwinden ließen, so brachten
Äschylos, Sophokles, auch Euripides wieder die Moira ins Bewußtsein;
und Sokrates führte entscheidend, wenn auch noch mit rein logischen
Mitteln, zur Umkehr. Es ist bekannt, wie kräftig Platon und dann,
diesen ausführend, Aristoteles wieder babylonische und ägyptische
Quellen in das ausgetrocknete Strombett leiteten und so nicht nur
Breite, sondern auch theologische Tiefe gewannen. Lange blieb die
Kraft geschwächt. Aber die römische Zucht und zugleich ein neuer Ernst
dringt ein, das unbegreifliche Lächeln erlischt, das gottleere Leben
wird bewußt, und die Frage, was zu fliehen und was zu suchen sei an
Gütern, wird vor anderen philosophisch, ja sie rückt an die Stelle des
Philosophierens überhaupt, mit allen Elementen einer neuen, schwachen,
nur erst auf den Gedanken angewiesenen Sehnsucht untermischt. Freilich,
das bloße Entsagen, das gnadenlose, konnte nicht sättigen, und so kam
am Ende all dieses eitlen, phantasielosen stoischen Tugendstolzes
endlich das Erbe Alexanders: östliche Kulte und das christliche Licht
von oben her, ein von neuem erschlossenes Orakel.
So kehrten die Griechen zurück, der wieder mykenisch anlangende Kreis
wurde rund. Es begannen die strengen konstantinischen, byzantinischen
Formen, und Philon, Ammonios Sakkas, Plotin bedeuten ebensoviele
Vollendungen der platonischen Philosophie wie des griechischen
Mittelalters überhaupt. Als nun der Boden von Barbarentritten
wiederhallte, es war dunkel geworden, der heidnische Weltglanz längst
vergangen und leuchtete nur mehr wie eine fernhinziehende Abendröte,
aber in der Kirche brannte noch Licht und nicht nur unten, sondern
die Nacht war eingebrochen und so glühten die Sterne auch vom Jenseits
herüber, als der Feuerschein eines Glaubens, der nicht mehr an diese
Welt und von dieser Welt war, -- da nun zeigten die germanischen
Völker keine Kraft, um auch dem Geist mit Wildheit und Individualität
zu begegnen, um ihr lebendigstes Mut- und Besonderheitsgefühl gegen
den sterbenden Adam oder die maßvollen abstrakten Universalien
einzusetzen und derart ihr frisch aufgebrochenes Wesen gegen die
herrschende mittelalterliche Antike in Neuzeit und Individualismus
überzuführen. Oder vielmehr, die Kirche war wieder griechisch statt
hellenistisch geworden; sie ging von Plotin zusehends auf Aristoteles
zurück und verarmte so das griechisch-orientalische Mittelalter Plotins
um den eminent primitiven, eminent orientalischen Zug der betenden
Selbsttätigkeit, der Theurgie. So schwälte nur eine unaufhörliche
Ketzerei im Zeitalter der Gegenemigration, und lediglich in der Gotik,
aber nicht in der Scholastik ist das Problem des Nominalismus und des
Realismus zugleich -- als organisch sich eindrängende Abstraktheit
-- gelöst worden. Der griechische Mensch wurde hier zwar innerlich,
aber nicht grundsätzlich gebrochen, er wurde nur um den halben
indischen Menschen vermehrt. Wie es sich von da ab erst vergrößert
zeigte, war der Grieche niemals aufständisch, er blieb selbst dort,
wo er kämpfte, dem »Weisen«verwandt; selbst das Sterben ist ihm ein
philosophischer Akt. Das gilt nicht nur für das perikleische Zeitalter
und ist auch keineswegs eine bloße Empiretäuschung, die Weiß mit
Gold für antikisch hielt, sondern auch das wilde und das heilige
Griechenland sind befriedet und kennen keinen Sprung. Man sah, als der
Blitz während der Aufführung einer sophokleischen Tragödie in Olympia
einschlug, darin ein Zeichen göttlicher Zustimmung; und derart ist
in Hellas alles vereinigt oder konzentrisch, das Hier und das Dort,
Ich, Natur und Zeus, so bruchlos, abgrundlos, sprunglos, wie es nur
je der entwichenen, vor dem Dunkel wie dem anderen Paradox des Heils
ausweichenden Immanenz erscheinen konnte. Der Grieche ist entlaufen
und hält sich für befreit, er ist innerlich fast problemlos und wirkt
deshalb, als ob er die Problemlösung vorweggenommen hätte. Er dient
nicht mehr wie der frühe Jude und der Orientale, der sich sündhaft
fühlende Adam, mit der bettelnden Furcht vor dem Herrn; und ist doch
auch noch diesseits der Freiheit der Kinder des echten Gottes, die
den Stein zur Erde fallen und die Flamme der Seele zum Himmel brennen
lassen, ja selbst diesseits der sich unerhört hinüberdrängenden,
wenn auch gleichfalls allzu früh vollendeten Selbsterlösung und
parakletischen Karikatur Indiens. Und dieser selbe griechische Mensch
ist trotz des heftigsten Erlebens von Sündenfall und Bußfertigkeit
auch im Mittelalter, in dem stockenden Glanz des Mittelalters, am
Leben geblieben. Denn bald wird hier nicht minder schön gerundet, und
so schmerzlich auch die Wege sind, so sicher geht doch alles zu einem
freundlich feierlichen Ende: die Vögel fliegen in Kreuzesform, die
Gemeinde wird zur festen, verselbständigten, neuen irdisch-geistlichen
Polis, weltlich meta-physiziert als von Anfang an existent in Gott; und
die Auferstehung oder gar die Apokalypse wird zur gern unterschlagenen
Tautologie am Ende des wieder zugeschlossenen Weltalls. So liegt
neben der Frage auch die Lösung, dicht darüber, in einer, wenn auch
paradoxen, so doch unausbleiblichen, garantierten Verbundenheit.
Das Leid, die Gefahr, die Unentschiedenheit des Ankommens, auch das
Problem des Neuen, alle diese eminent christlichen Sorgen, sind
zeremoniell geworden, zu den bloßen Mitteln eines Gleichgewichts, das
die hellenische Einstoffigkeit der Welt nur aufgegeben hat, um dagegen
das reizvollere Gebilde einer heterogenen Harmonie einzutauschen. So
herrscht hier die Neigung, das Utopische bereits als seiend anzusehen,
entsprechend der Rezeption aristotelischer Philosophie mit ihren
reinen, abgeschlossenen, im Seienden und nicht in Zeit und Ewigkeit
gesetzten Sphären; und der christliche Sprung wird im offiziellen
Mittelalter ungestraft zur halb-antikischen Stufenleiter in einem
geistlichen Kosmos verwandelt. Freilich, daß hier das Griechentum so
kräftig umgedeutet bestehen bleiben konnte, auch dieses ist wesentlich
nur durch die Vormacht Asiens im europäischen Mittelalter gelungen,
aber eines niederen, besser gesagt, mißverstandenen Ostens, wie er
Europa zuerst in den Gesichtskreis treten mußte: als ein halb noch
buddhistisches Christentum, das nur mit der individuellen Stille ein
trübes, gemischtes, ruhendes Jenseits erreichen konnte, im Gegensatz
zum jüdisch, aktivistisch gefaßten Christentum, das der Tat und dem
Feuer der Individualität vertraut und gerade dadurch zur Transzendenz
emporgetragen wird.
Es war nicht lange so zu halten. Die Völker entliefen jeder Bindung und
trennten sich beim ersten geldwirtschaftlichen Anlaß. Das Ich erwachte,
das tätige Denken erwachte. Damit biegt also der geistige Weg scheinbar
noch mehr westlich, unfromm, traumlos zurück.
Das Ich geht hier, statt zu warten. Das griechische, aber auch das
pseudoorientalische als das ohne weiteres gläubig gebundene Wesen
bekamen einen Riß. Damit gerieten die romanischen und mehr noch die
germanischen Völker in das ihnen notwendige, vorenthalten gebliebene
Fieber der Besonderung, leider auch der neuzäsarischen, im Norden trotz
ihres heidnischen Charakters sogar religiös infizierten Staatsallmacht.
Ebenso traten hier auch endlich die rein auf sich gestellten,
subjektivistischen und rationalistischen Gedankenexperimente -- eine
wahrhaft verantwortliche, wahrhaft transzendente »Sophistik«-- ans
Licht.
Das ist übrigens nicht nur ein Verlaufen, sondern enthält auch Regel.
Sie ist selbstverständlich fortdauernd verschieden gefärbt, aber
doch nicht so stark, daß man nicht in all dem Wirren und Bunten des
geschichtlichen Ablaufs einen gewissen gleichmäßigen Pendelausschlag
bemerken könnte. Es gibt bestimmte einzelne Seelenzustände, die
wirtschaftlich anhebende, künstlerisch und religiös immer intensiver
fortschreitende und lau, gemischt, abgekältet, epigonal beschließende
Seele jedes Zeitalters, -- die das Ganze der Geschichte in Generationen
und Epochen aufteilen lassen. Und zwar: vom jonischen Handel bis zu
Aristoteles; von Alexander über die Stoa und Philon bis zu Plotin und
dem Christentum; von den Kreuzzügen bis zu Thomas und Duns Scotus;
von der beginnenden Stadtluft über Filippo Lippi bis zu Nikolaus von
Cusa, ein kleines frühes Vorspiel; von den Entdeckungen über Lionardo
bis zu Michelangelo, Shakespeare, Bach und Leibniz und dem sonderbar
überleitenden Abgesang des Rokoko; von der französischen Revolution
über die Romantik und die Goethe- und Hegelklassik, diese Klassik eines
literarisch eingeholten Barock, bis zu dem ebenfalls wieder sonderbar
überleitenden Historizismus des letzten Epigonenzeitalters. Es ist
dieses ein immer neu einsetzender Beleuchtungswechsel, eine immer
wieder spiralenbildende, epochenerzeugende Rhythmik, die sich derart
von der motorischen zur impressionistischen, romantischen, klassischen
(wobei das Klassische ein Ausdruck der Reife und kein Inhalt ist) und
dann wieder halb impressionistischen, halb formalistischen, das heißt
eben überleitend epigonalen Phänomenologie hin abspielt. Aber sieht man
genauer zu, so haben auch diese Einschnitte noch ein Höheres über sich,
dessen geistige Regel eine Mitregierung von Drüben her anzeigt. Es
gibt uns fremde und uns befreundete Tage. Das wird nicht von uns aus,
sondern von drüben, von den wechselnd wiederkehrenden Abgeschiedenen
und ihren wechselnd in die Zeit eintretenden Denkantrieben bestimmt.
Wie einem gelassenen, unmusikalisch gesinnten Menschen Phidias näher
und verständlicher scheint als Dante und das Parthenon weniger
Antiquität als die Kathedrale von York, so schiebt sich hier noch eine
zweite Trennung zwischen die Epochen oder über sie: nämlich Neuzeit
und Mittelalter, freier, individualistischer Komfort und das Bindende,
Substanzielle der Autorität, Tradition und Transzendenz auf der
anderen Seite. Ja, es liegt selbst über diesen umfassenden Rubriken
noch ein Weiteres, Drittes, zu dem hin und von dem her beeinflußt, das
menschliche Geschehen seine letzten Klangfiguren bildet. Man ist hier
gezwungen, sofern man die Geschichte nicht in der bloßen und eigentlich
kaum von der Stelle rückenden Springprozession von Reizsamkeit und
Lenksamkeit festhalten will, -- der großen historischen Steigerung noch
jenseits dessen, was die verschiedenen Stadien des westeuropäischen
Gesamtprozesses für die Realisierung von Neuzeit und Mittelalter als
den beiden alternativischen Werten geleistet haben, das Ihre an einer
notwendig unhistorischen, überhistorischen, diskontinuierlichen,
metaphysischen Begründung zuzuerkennen. Das ist nun freilich nichts,
das gleitet, und dadurch dieses, was vorher in der Zeit war, zugunsten
dessen, was nachher an schöpferischer Entscheidung kommt, vergißt
oder absetzt. Es gibt bei diesem Höheren überhaupt kein Aufsteigen
mehr, ja es gibt nicht einmal eine Urgeschichte, sondern der Sprung
steht am Anfang und nicht nur am Anfang, sondern genau so abrupt und
diskontinuierlich, was die ganz großen Wertbewegungen dieses Letzten
angeht, in der Mitte und am Ende des menschlichen Prozesses. Und zwar
liegt der Fall nicht so, daß es nur die Täuschung der Fernsicht wäre,
die diesen Sprung, dieses sich Abspielen und Verankertsein in anderen
Ebenen, an den Anfang verlegen läßt, wo die Quellen ausgehen oder die
Übergänge sich verwischen. Denn es gibt auch hier Unterschiede, und die
Steinwerkzeuge sind sich vierhunderttausend Jahre, durch vier Eiszeiten
hindurch fast gleich geblieben, bis plötzlich ein hoher Lehrer kam,
hier Kadmus, dort Krishna, dort Hermes, und die unbegreiflichen Wunder
Ägyptens fast über ein Nichts hin, über die banalste Prähistorie hin
beginnen. Das ist das Eine, aber war es nicht auch in der hellsten
Zeit, als sich in den Tagen des Kaisers Augustus das Gewölk des Mythus,
historisch mitspielender Transzendenz von neuem und unerwartbarer als
je über der Geschichte zusammenzog? Darum kann uns, wenn man die im
Tod vorgebildete und in alle Weissagungen eingeschlossene Apokalypse
überhaupt noch in die Zeit einbeziehen will, nichts gewisser sein,
als daß es mindestens drei große Diskontinuitäten gibt, in denen sich
der Geschichtsprozeß bewegt, und an deren Ineinander von Warten,
Würdigkeit, Neigung und Schöpfung seine oberen Substanzen den einzig
möglichen Ort ihrer Deduktion besitzen. --
So fällt auch über das späte Jungwerden des sechzehnten Jahrhunderts
neues Licht. Nur das russische Volk blieb unberührt, das heißt, wie
es sich nur wenig verschob, wie es keine eigentliche Völkerwanderung
in sich verspürte und notwendig hatte, ja nicht einmal ein
Mittelalter kannte, so liegt es auch außerhalb jedes neuzeitlichen
Sturzes und jeder barocken Kreuzproblematik. Es hat ihn vielleicht
schon ohne weiteres Aufheben hinter sich. Denn das russische Volk
scheint alle diese Bewegungen nicht als Haupt- und Staatsaktionen,
sondern ganz eigentlich unwerkhafter, in Moral und Religion zu
vollziehen. Ja es ist überhaupt die Frage, ob Rußland, das keinen
Achilles und keinen Siegfried kennt und die byzantinischen Formen
wahrscheinlich nur als Schutz- und Reifehüllen einer verborgenen,
völlig andersartigen Orthodoxie bewahrt hat, Neuzeit und Mittelalter
in dem griechisch-westeuropäischen Staats- und Werksinn zuläßt. Es
scheint aber um so eher möglich, auch in Westeuropa auf den Zustrom
eines neuen Mittelalters zu verzichten, als der Epizyklus, den die
antiken Völker zur Gebundenheit hin beschrieben haben, kein unbedingtes
geistiges Schicksal darstellt, das auch die europäische Neuzeit,
einen einzigen anachronistischen Krankheitsprozeß, zugunsten eines
zweiten Mittelalters mediatisieren müßte. Man kann hier nichts einfach
umkehren; die vier Jahrhunderte neuzeitlicher Geschichte sind kein
Geschwür und keine rückdrehbare Mechanik mit dem jederzeit wieder
erreichbaren status quo ante, sondern notwendiges geistiges Wachstum,
das überdies von selber im Barock, dieser unbegreiflichen Religiosität
der Gottferne, seine Gegenrenaissance, eine von sich aus direkte
Rückkehr des geistigen Wegs nicht nach dem stillen, sondern nach
dem echten, theurgischen »Asien«erzeugt hat. Und da das innere Band
nur deshalb entzweigerissen ist, weil sich der Himmel zugeschlossen
hat, der erbarmungsvolle, aber die Welt noch erhaltende Himmel der
Kirchenzeit, weil, tiefer gesagt, ein anderer als der Weltschöpfer
endgültig regieren wird, so wird es zu einer formalistischen
Oberflächlichkeit und Kopie, diesen unseren kranken, mit der Magie
des Gedankens, mit der Reichszeit schwangeren Modernismus durch den
bloßen Vater panlogistisch zu entbinden, noch ganz abgesehen von der
geschichtsphilosophischen Undenkbarkeit eines fertigen, hierarchisch
geschlossenen Gottessystems ohne Apokalypse.