neutral bleiben. Viel Feind, viel Ehr', gut für die Ritter, aber ein
arbeitenwollendes Land kann auch zu sehr geehrt werden. Der Gendarm
ist nicht das deutsche Gesicht, und das preußische Gift, das sinnlos
zu Tode organisierende, muß aus dem Reich verschwinden. Es kann zwar
süß sein und Manche täuschen, ja seine Propaganda liegt gerade dem
zuchtvollen Menschen zunächst verblendend nahe.
Sie ließe sich etwa folgendermaßen denken. Was kämpft ringsum gegen
die Deutschen? Es ist nicht das Volk, das freie Volk, das sich gegen
den Geßlerhut empört, der es ja gar nicht drücken konnte, da er doch
in fremden Landen hängt. Und wenn man den anderen Völkern vorspiegelt,
daß sie dennoch von Preußen, von dem unruhigen, eroberungssüchtigen,
waffenstarrenden Nachbar fortdauernd bedroht gewesen seien, so ist das
angesichts des imperialistischen Säbelrasselns in den eigenen Ländern,
angesichts des erlangten Tripolis, Marokko, Persien -- um nur von
den jüngsten, einseitig ententehaften Kolonialerfolgen zu sprechen
-- kein besonders starkes Argument. Er ließe sich sogar lieben, der
wehrkräftige Nachbar; vom wildwestlichen Rauhreitertum angefangen
bis zu der zuchtvollen Kriegerhaftigkeit der neuen französischen
Jugend müßten ihm alle noch unbürgerlichen, noch nicht zu Haustieren
gewordenen Herzen, die wilden, unverschnittenen Hengstherzen der
Männer par excellence zufliegen; und ein Überdruß ohnegleichen an den
eigenen Rechtsanwälten, an der ganzen Seßhaftigkeit und friedfertig
erheuchelten Anglikanersitte wäre wohl zu begreifen. Der Krieg ist dort
durchaus nicht abgeschafft, er ist nur ins Privatleben zurückgedrängt
und erzeugt in dieser Stockung -- da man Polemos Gift zu trinken gab
-- Ausbeutung und Lieblosigkeit ohne Maß, Haß, Neid, Hämischkeit
und alle übrigen Formen von Ressentiment; während in Deutschland,
wenn nicht tatsächlich, da England weithin vergiftet hat, so doch
prinzipiell, die Wehrhaftigkeit, oder wie Scheler einmal sagt: der
noch offen vorhandene Gesinnungsmilitarismus um seiner selbst willen
herrscht. Es ist das, was sich gegen alles Gezähmte, Berechnende
schlechthin wendet und es vertilgt. Es ist jene selbstverständliche
Wärme und patriarchalische Anständigkeit, die Treue gegen Treue gibt,
verantwortungsreiche Führung gegen vertrauenden Gehorsam. Es ist
dasjenige, was Friedrich Wilhelm IV. in den Verfassungskämpfen so ganz
vortrefflich als Idee seines absoluten Königtums gebrauchen konnte: daß
sich zwischen ihn und sein Volk kein geschriebenes Stück Papier drängen
solle. Es ist die Abneigung gegen alles vertraglich Festgelegte,
gegen alles kodifizierte Mißtrauen; die gute alte ungeschriebene
Anständigkeit und Frömmigkeit des altpreußischen Herrentypus, der
-- wohlabgestuft und sonach gerecht -- jedem das Seine gibt: dem
Volk Brot und väterliche Liebe, den Herren den scharfen Blick, die
sichere Hand, die bedenkenlose Kühnheit, Jägertum, Duellantentum,
Kriegertum, das todesmutige Herz, die Pflicht zum Schutz des Landes,
zum Fallen für des Landes Ehre, die alten mystischen Tugenden des
Hochgearteten, des Samurai und der Kriegerkasten aller Zeiten.
Es ist nicht zum Letzten dasselbe, was sich als die Spannung des
Geisteszigeuners zu dem Familieneremiten auf anderen Ebenen abspielt.
Es ist aber vor allem auch der Kampf der Selbstlosigkeit, der
organischen Staatsauffassung, des alleinigen Blühens der Individualität
in ihrer allgemeinen Pflicht -- gegen die liberale Fahrigkeit der
Weststaaten, gegen die Schlamperei ihrer Demokratie, gegen den
verantwortungslosen Dilettantismus ihres Freigeistertums, mithin
gegen die von der deutschen spekulativen Philosophie des neunzehnten
Jahrhunderts längst überholte contrat-social-Theorie der Aufklärung.
So ist Preußen-Deutschland nicht nur ein wehrhaftes, sondern auch ein
gebautes Reich, der Hort der Organisation, von Lenschs Sozialdemokratie
bis hinauf zu Rathenau und dem Chef des Kriegsamts. Und es ist nicht
nur ein mechanisches Gefüge toten Zwangs, sondern es wirkt auch
machtvollste Überlieferung, Geschichte, Mystik darin: derart, daß sich
in der spezifischen Organisierung Preußen-Deutschlands die westlichste,
modernste, rationalste Kalkulation mit dem Geist des Aufbaus, mit
de Maistres, Metternichs, Goethes, Hegels organischem Formgedanken,
organischem Traditionalismus vereinigen, mit dem Geist der Autorität,
mit dem Staatsglauben des Allgemeinen, Überpersönlichen, mit der
erblichen, geheimnisvollst verwurzelten, von Gott selbst gesetzten
Hierarchie. Sollte dieses auch besiegt werden können, so wäre ein
Großes und Schönes untergegangen, sich lange genug noch, überkräftig,
sperrend vor der flachen Majorität. Wilhelm II. wirkt wie der letzte
Herrscher, wie der Späteste, Stärkste im Erbe Chosrus, Hadrians, Harun
al Raschids, Justinians, Friedrichs II., Ludwigs des Sonnenkönigs, ein
Ragender in den Zauberreichen von Adel, Hofglanz, herrlicher Ferne,
Unbeweglichkeit, Erhabenheit des Zeremoniells, byzantinischer Magie;
versinkend noch gegrüßt von allen seinen Brüdern und Ahnen seit den
ältesten Tagen assyrischer Zarenherrlichkeit. --
So ungefähr könnte man sprechen und zufrieden sein. Man braucht dazu
nicht einmal das andere Gute zu bemühen, das sich sonstwie noch geistig
vorfinden ließe. Wird es doch so schon zuhause als ziemlich überflüssig
betrachtet, der Junker, die Pflicht, der Machtzauber genügen.
Aber nun ist die russische Revolution losgebrochen. Und vor ihr erst
zieht der Ernst herauf, die Werte an die richtige Stelle zu legen und
aus ihrem täuschenden Bündnis mit dem Unwert zu lösen. Es ist jedoch
die deutsche Schande, daß die russische Revolution losgebrochen ist
unter bewußter Loslösung von dem bisherigen deutschen Einfluß und
unter Mitwirkung der großen westlichen Demokratien. Das ist gewiß
nicht buchstäblich zu verstehen. Denn den Krämern und Ausbeutern aller
Zonen werden noch die Augen übergehen vor dem, was sich hier gegen sie
zuträgt. Unendlich war die Gefahr, daß der Kampf gegen die preußische
Militärherrschaft auch England und Amerika immer weiter militarisierte
und schließlich, wie er von vornherein, ohne Wilson, wenig Tieferes
als ein geschickter Vorwand war, zu einer hemmungslosen Steigerung der
imperialistischen Expansionspläne verhelfen könnte. Aber nun entstand
der Arbeiter- und Soldatenrat, fern und fremd aller Privatwirtschaft,
feindlich und die Ankunft des Ministers zu allen, die im Kerker
schmachteten, das Nein, das Veto, das Zerreißen der Geldwirtschaft, der
alles Böseste im Menschen preiskrönenden Kaufmannsmoral -- schon im
bloßen Und des Arbeiter- und Soldatenrats, dieses sonst stets erwartbar
gewesenen Gegensatzes aller früheren Revolutionen, ein Umbruch der
Macht zur Liebe. Trotzdem bleibt es erstaunlich, daß die westlichen
Phrasen von Menschlichkeit oder Kampf gegen die Militärautokratie,
hinter denen sich doch das überall gleiche raubgierige Bourgeoisgesicht
verbarg, plötzlich ein Ferment von Echtheit in sich enthielten oder
wenigstens von dem tiefen Rußland als solches mißverstanden werden
konnten; die Geburt des freien und nun gar erst des russisch freien
Menschen, im Bruch mit allem abhängig haltenden Feudalismus, jenseits
auch der Weiterungen liberaler Oberflächlichkeit, jenseits auch der
angelsächsischen Banalität oder des gottlosen Kleinbürgertums deutscher
Sozialdemokratie. Und doch, das Andere, das, was der europäischen
Bourgeoisie dereinst noch viel furchtbarer und radikaler erscheinen
wird als das deutsche Arsenal oder die von der ganzen Welt verworfene
deutsche Staatsmystik: stammt es nicht wiederum aus Deutschland, aus
einem anderen Deutschland, noch nicht in die Geschichte eingetreten
-- Karl Marx, der Sozialismus als Wissenschaft, die alte deutsche
Philosophie, alle die an der russischen Grenze vordem so sicher der
Zensur verfallenen Bücher, das System der organisierten Freiheit, den
Prätorianern gegeben, die jetzt in der russischen Revolution zum ersten
Mal Christus als Kaiser einsetzen?
Erst von hier aus wäre der deutsche Ruf wieder wohl zu verbreiten.
Von ihm aber scheiden sich, wiederum ernsthaft gesprochen, sowohl das
rüde Wesen wie der endlose Zwang der Obrigkeit deutlich genug ab. Und
zwar dürfte der hochfahrende Ton gar nicht deutsch genannt werden,
sondern die Engländer haben ihn viel gründlicher in den Muskeln und
Nerven, freilich ohne so viel Gerede darüber zu machen, da sie ihn
ja nicht erst nachzuahmen brauchen. Es ließe sich leichthin weiter
zeigen, daß sogar das trotzige und ungezähmte Wesen, das in der
milden Schreiberwelt scheinbar so einsam und wie ein letzter Rest der
festen, schön gerundeten Manneswangen des Zeus von Otricoli dasteht,
bei genauerem Zusehen nur sehr wenig eigene Barbarei enthält. Denn
auch diejenigen haben sich tapfer geschlagen und sind gefallen, die
vordem bescheiden genug zu leben hatten. Und die Ritter selbst haben
sich der allgemeinen Rechenhaftigkeit nur insoweit entzogen, als
sie sich durch bürgerliche Geldheiraten vor einem derartigen Beruf
zumeist zu schützen wußten. Ebenso dürfte sich der weitere Abscheu des
Adels vor der Solvenzmoral lediglich in der Richtung bewährt haben,
daß er die von ihm wohlbesetzte konsularische oder diplomatische
Auslandsvertretung deutscher Kontorinteressen nur in sehr mangelhafter
Weise auszuüben geneigt war. Was sich trotzdem an herrischen Gestalten
regt, pflegt in den meisten Fällen nicht aus ihnen selbst, sondern
eben aus der erwerbstüchtigen Organisation abgeleitet zu sein, die die
sogenannten ersten Kräfte, die routinierten, wo nicht gar seriösen
Persönlichkeiten, die Rayonchefs und Direktoren, die Unternehmer des
Erwerbs und nicht etwa des Charakters oder der weiten, persönlich
getragenen Idee bevorzugt und sich derart so durchaus domestizierte
Typen wie die Häupter der großen Schiffahrtslinien oder den Kaiser
selbst herangezogen hat. Sollten aber trotzdem unter diesen noch einige
Heldenseelen ohne Auftrag vorhanden sein, zusammen mit den wenigen
echten, gut konservierten Junkern, so dürften diese Konquistadoren
doch nicht ohne weiteres mit jenem Irrationalen verwechselt werden,
das in den großen alten Kriegerstaaten herrschte. Denn es ist so,
es ist zum Ekel, wie luftleer hier das Geistige schweben muß, wie
machtlos es zwischen den Klassen umherirrt. Nicht nur die großen
Menschen, schon die schönen alten Städte, Halle, Magdeburg, Frankfurt,
Köln, voll von uralter gewachsener Baukultur, sind in einer Weise
reglementiert und auf einen Generalnenner von Nüchternheit und
Traditionslosigkeit gebracht worden, der auf den alten Kulturböden
der übrigen Bundesstaaten, trotz des Maschinenzeitalters, nicht
entfernt seinesgleichen findet. Der italienische Bauer und Verdi, der
französische Jüngling und Bergson, der russische Mensch und Dostojewski
-- das sind insgesamt bruchlose Zusammenhänge, die man in diesem
neuen Preußen-Deutschland vergebens suchen würde, wie es bösartig
beziehungslos oder bestenfalls mit wurzellosem Snobismus an seiner
einsamen Intelligenz vorbeigeht. Darum also: während hier kaum etwas
Großes geschieht, das von oben her nicht mißbilligt und verfolgt worden
wäre, während Gerhart Hauptmann nur infolge eines Kriegsgedichts mit
Will Vesper zusammen zum roten Adlerorden vierter Klasse aufrücken
konnte, während die deutsche Kunst und Wissenschaft nach Lloyd Georges'
richtigem Bild offiziell bestenfalls wie ein Lanzenschaft gewertet
wird, dessen Spitze die Armee ist; während der Imperator Rex der
Deutschen, der sich das Instrument des Himmels nannte, mit den Tönen
dieses Instruments, ein zweiter Arion, nur die Architekturen der
Siegesallee um sich aufzaubern konnte oder den mäßigen Deismus der
anglikanischen Hochkirche: war es selbst kulturell so unfruchtbaren
Machtstaaten wie der Türkei oder Assyrien, von Rom ganz zu schweigen,
prinzipiell gegeben, eine geheimnisvoll verwandte Anziehung ihres
Irrationalen zu dem anders Mystischen großer Kulturen auf ihrem Wege
zu verspüren. Aber selbst, wenn auch der preußische Adel noch das
fruchtbar Große alter Zeiten besäße, selbst wenn seine Realität nicht
in einem solch niederschmetternden Gegensatz zu der frommen Feudalidee
bestände: -- die Herrentugenden haben keine Stunde mehr, der Adel
des Gebietens geht schon rein sozial seinem Ende entgegen, sofern
es in der heraufkommenden ethischen Demokratie niemanden mehr zu
beherrschen gibt, niemanden mehr zu beherrschen gilt, und die Kraft
zur Güte und Brüderlichkeit, die eigentlich erst mystische Liebeskraft
des Menschen eine völlig neue Rangordnung der Werte in die Welt
einstrahlen lassen wird. Was aber schließlich die Organisation selbst
angeht, diesen zweiten deutschen Fremdkörper, so ist sie einmal in dem
zentralisierten Frankreich viel früher zu Hause gewesen, und dann ist
sie von dem kleinen wendisch-vlämischen Mischvolk der Brandenburger
(also nicht Westfalens, nicht Rheinlands, nicht Schlesiens, nicht
unbedingt»Preußens«) aus der Gründlichkeit und Systemkraft des übrigen
deutschen Geistes einseitig herausgebrochen worden; als eine bloße
zum Selbstzweck gewordene Disposition, die sich beim Regenerieren
des gesamten deutschen Volkskörpers prinzipiell wieder auf einen
sinnvollen Formgedanken, auf den Sozialismus des Unwesentlichen und
das individuelle Apeiron des Wesentlichen zurückführen ließe. Wie denn
überhaupt nur deshalb eine täuschende Propaganda preußischen Wesens
denkbar bleibt, weil dieses alles, wie es hier lebt, herausgebrochen
und karikiert ist nach einem Früheren, ihm Fremden, ihm Erloschenen;
karikiert als hinaus Streben, als wildestes Stürmen, als deutsches
Amoklaufen, aber mit total ausgewechselten undeutschen Inhalten, als
Don Quixotterie ideenlosester Realpolitik und zuletzt als Pflichttreue,
Machtzauber, Organisationsmystik, jedoch ohne alle tiefere Sittlichkeit
und Transzendenz.
So also bleibt zu fragen, was das fremde russische Glück auf den
deutschen Ruf einzuwirken vermöchte. Es ist eine töricht schlaue und
echt bourgeoise»Ehrensache«, daß man von dem derzeit feindlichen
Ausland keine innere Reform, nicht die Früchte des eigenen
sozialistischen Einflusses annehmen dürfte. Der Fall lag anders als
die Bourbonen ehemals auf dem Gepäckwagen des Auslands wieder in ihr
Land zurückkehrten: einmal weil es Reaktion war, die zurückkehrte, und
dann auch, weil sie sinngemäß von den Feinden nicht nur Frankreichs,
sondern zugleich des französischen Volkes, des ganzen vordem neu in
die Welt gebrochenen Genius dieses Volkes diktiert wurde. Dagegen
die Revolutionen stecken frei und influenzierend an; sie gehen selbst
im Krieg nicht von den Feinden des Volkes, des eigenen Proletariats
aus, sondern reißen einen anderen Querschnitt, bei dem plötzlich die
eigene Regierung auf der Seite des echten, des endlich als solchen
erkannten Feindes steht, und der ungeheure Betrug des kapitalistischen
Weltkriegs mit einem Schlag vor die entblödeten Augen tritt. Bisher
sind erst wenige Männer der Arbeit in Deutschland aufgewacht. Es zuckt
und schwält nur im Inneren, der radikal demokratische Pulsschlag des
ganzen Erdkörpers teilt sich auch dem Land der Untertanen mit, das
sich in der tragischen Situation sieht, auf seinem Posten gegen eine
Idee kämpfen zu müssen, die es aus dem Tiefsten liebt, die sich aber
durch seine eigene Schuld wesentlich auf den Gegenspieler herabgesenkt
hat. Wenn es jedoch anders geriete: und ein unglücklicher Krieg
zu einem glücklichen Frieden führte, wenn mit einem Mal der feige
Selbstbetrug verschwinden würde, und die ungeheure Niveaudifferenz
zur demokratischen Welt keinen Schutz mehr hinter der Militärmauer
ringsum findet und an ihren Strebepfeilern im muffigen Zuhause: dann
wäre es allerdings eine berauschende Perspektive, daß die Letzten die
Ersten werden; daß die deutschen Bücher endlich leben, Taten werden,
daß, wie Hölderlin vorhersagte, der Blitz aus ihrem Gewölk bricht; daß
das schläfrig servile Land verunglückter Bürgerputsche wenigstens die
Früchte seiner eigenen proletarischen Theorie zu genießen versteht; daß
Reue komme, Umkehr, daß das Zentrum geistig schwunglosester Reaktion
zu einem anderen Zentrum, immer noch zu einem Zentrum werden könne;
daß die Deutschen ihren mißleiteten Hegemonietraum statt im Überbieten
Englands im tiefer eingeborenen Bestehenbleiben neben Rußland bewähren;
daß sich mithin -- wie die Zentralisierung später als in Frankreich,
aber desto gründlicher kam, so auch die demokratische Sozialisierung
in Deutschland herrlicher noch als in Rußland verbreitet; daß aber
auch, wenn anders der germanische Geist überhaupt noch eine Sendung
hat, jenseits des Drucks und der Karikatur seiner ablenkenden
Mandschu-Fremdherrschaft, -- Rußland das Herz und Deutschland das
Licht in der Tiefe erneuter Menschheit anzünden wird.
Denn es war nicht umsonst einmal ähnlich darum bestellt. Das
bürgerliche Leben um 1820 zeigt ein Bild von solchem weiblichen
Liebreiz und solcher schwärmerischen Nachdenklichkeit auch des
Durchschnitts der Männer, daß man gerne glaubt, hier nicht nur ein
Einmaliges, Zufälliges, sondern das endlich öffentlich sichtbar
gewordene deutsche Volkswesen überhaupt zu besitzen. Das war damals
gewachsen, bunt, anmutig, zart blühend und ganz und gar im gleichen
Takt mit allem, was sich geistig zutrug, im schönen Einklang mit der
noch völlig agrarischen Landschaft und den kleinen spitzgiebeligen
Städten; aber innen war alles noch viel herrlicher aufgebaut, die
Felsenriffe, engen Gassen, türkisgrünen Himmel des Mittelmeeres
waren hier die Seelenlandschaft des deutschen Menschen geworden, ins
Unsichtbare gewendet oder wie Schelling sagen konnte: die Natur ist
sichtbarer Geist, der Geist unsichtbare Natur. Man ist leicht versucht,
auch die früheren, volksmäßig unbekannteren Zeiten nach dem Anblick
des Biedermaier zu deuten und derart alles Seltsame, das sich hier
im deutschen Süden und Westen zeigte, als ein eingeboren Deutsches,
als das Ferment sittlicher und politischer Volkserneuerung, als das
wahrhaftige, niemals gänzlich auszulöschende, apriorische Genie der
deutschen Nation insgesamt zu begreifen. Dann müßte es freilich auch
möglich sein, seine Rückkehr zu betreiben. Es ist eine Tatsache für
den, der in Deutschland geboren ist und seine alte verschollene Kultur
in sich trägt, daß er in keinem anderen Volk und Land, auch in Rußland
nicht, das Erbe dieses krausen, überströmenden, weitstrahlsinnigen
Zuviel anzutreffen vermag, des spekulativen Blitzes von Aufgang bis
Niedergang, demgegenüber alles romanische Feuer noch nicht einmal
Irrlicht ist. Dagegen in ihm selber sieht man alles: man fühlt hier
Genua und Paris, auch San Franzisko, man fühlt des Gewissesten,
daß hier einmal die blaue Luft und die leichte, farbige, klingende
Mittelmeerkultur, wie vom Nordlicht beschienen, zu gewinnen war, und
daß man auch nicht allzu weit zu reisen brauchte, um dem russischen
Menschen zu begegnen: Herr Hoffmann, Student aus Deutschland, das
alte, vergessene, phantastische Reich, das Land jedes Grundes. Auch
jetzt sind wir arm und reich zugleich; arm, da wir verschleiert sind
und in einer stumpfen Luft leben, die alles zersplittert, die Laute
immer wieder abzubrechen zwingt und das deutsche Volk als solches
seine Seele verlieren ließ; begnadet, sofern sich bei den wenigen
jungen schöpferischen Menschen eine Kraft von solcher Ursprünglichkeit
und mythenbildenden Gegenständlichkeit zu regen beginnt wie nie
zuvor. Nicht um uns, aber vor uns in der Zeit liegt ein großer Schatz
verborgen und zu diesem haben wir die Schlüssel. Was drüben begonnen
wurde, sich auszusagen, das ist hier tiefer geworden als in Paris; die
Zeichnung der Geste, das bloße sich Hineinversetzen in den Elan lag den
Franzosen näher, aber die Expression, die große, rasende, singende,
kommandierende, in die Tiefe gestürzte Leidenschaft des Was, des
Inhalts, des Ziels ist deutschem Wesen urverwandt und kommt erst hier
zum offenen, zum gotischen Überschwang seiner Reife.
Exkurs: Der Alexanderzug.
Man ist freilich nicht einfach nur deutsch und war es nie gewesen.
Nur wie man es ist, griechisch zu sein, christlich zu sein, macht das
Deutsche aus, sein eigenes Was ist schwer zu finden. Und nun, wir
sind nicht mehr griechisch. Unser Herd ist nicht mehr so nahe und so
einfach nur südlich gelegen. Wenn wir die Augen schließen, bleibt uns
keineswegs die italienische Landschaft als Bild unserer genaueren
Sehnsucht stehen. Die Erziehungsmittel der italienischen Reise sind uns
allmählich zu eng geworden, uns, dem neuen phantastischen Geschlecht,
dem der Neger fast mehr zu sagen beginnt wie der Grieche. Damit reißt
sich das scheinbar verbrauchte Geschehen von neuem in seinen Zuflüssen
und seiner Tiefe auf.
Denn jetzt haben sich die Dinge auch wirtschaftlich umgedreht,
balkanisch gedreht. Fast alles Erstaunliche, das der Unternehmer,
ohne es zu wissen, gebracht hat, der westöstliche Schlafwagen, der
mitteleuropäische Verband,»unsere«Zukunft, die nun wieder auf dem Lande
liegt, das ganze Näherrücken des Ostens, weist in diese Linie. So ziemt
es, dem wenigen, das das expansionslustige deutsche Kapital an Gutem
gebracht hat, seine mögliche Güte zu bewahren und ihm vielleicht noch
die Fahne eines besseren, es selber austilgenden Zieles in die Hand zu
geben als das des bloßen Landweges. Wie der Unternehmer überall, wo er
festen Fuß faßt, auch den Proletarier hervorruft, so schafft auch die
neue, östlich befruchtende Orientstrecke, bei grundsätzlicher Ablehnung
jeder Annexion, möglicherweise eine Gesinnung, die den kalkulierenden
Bürger vermindert und die irrationalen Seelenteile endlich ergänzt.