Von hier aus wird auch klar, wie sehr die rein zurückkehrende

dialektische Bewegung unwirklich ist. Es gibt zwar etwas in uns,

das sich mit ihr wohlfühlt. Nur wer krank war, weiß das Glück der

Gesundheit zu schätzen, nur bei ihm hat die Gesundheit unterwegs

etwas erlebt, sich am Anderen erlebt. So bildet die Bereicherung, das

Wiederfinden auf dem Umweg den Grundsatz dieses Verfahrens. Es kommt

scheinbar aus dem, was ist und sich durchführt, und versinnbildlicht

trotzdem, wenn man es wirklich nimmt, nur einen geschäftigen Müßiggang

oder den Selbstgenuß des Stillstands. Wie es Hegel darstellt,

ergibt das bloß verständige Denken die ungeschichtliche, abstrakt

klassifizierende Thesis, der unvermeidliche Umschlag zum Widerspruch

ergibt die weitertreibende Antithesis oder die weltliche existenzielle

Sphäre der Differenz, und der nochmalige Umschlag, das Aufheben im

dreifachen Sinn des elevare, subtollere und conservare, mithin die

nochmalige Verneinung, ergibt den positiv vernünftigen, konkret

allgemeinen Standpunkt der Synthesis. Aber es bedarf keiner Begründung,

daß weder die einzelnen Tatsachen noch auch ihre Gesetze mit den

einzelnen Elementen dieser Umschlagsreihe gleichgesetzt werden können.

So klar, so lehrbuchhaft beweisbar, so logisch ist die Welt nicht

beschaffen. Es ist zwar denkbar, daß ihre Erforschungsweise dialektisch

verläuft, aber dann darf der Gang von einem ersten Überschlag zur

Erforschung der Tatsachen selber und zur schließlichen, den Überschlag

empirisch modifizierenden Theorie nicht über seine heuristische

Bedeutung hinaus ausgedehnt werden. Daher muß Hegel, so geschickt er

auch die fünf Sinne oder die fünf Erdteile in die Dreizahl einzufügen

verstand, in der politischen Geschichte eine Vierzahl der Weltreiche

bestehen lassen. Auch die rechtliche Formel, die -- in dem sonderbaren

Nacheinander von Recht, Verbrechen und strafend wiederherstellender

Gerechtigkeit -- durch das Verbrechen die in sich identische Thesis und

Synthesis voneinander abtrennt, kommt in der juristischen Wirklichkeit

nirgends vor und stellt sich lediglich als die verfrühte Anwendung

einer allein im menschlichen, methodischen Denken sich zutragenden

Behandlungsweise oder auch logischen Werttheorie dar. Darum verändert

sich auch die wirkliche Erkenntniskraft des dialektischen Verfahrens

in dem gleichen Augenblick, wo die weiteren und eigentlichen, auch

sachlich, ipso facto konstruktiven Gebiete erschlossen werden. Auch

hier sind zwar bei Hegel nur die Teile der einzelnen Gruppen, aber fast

niemals die einzelnen Disziplinen seines Systems selber unter sich, mit

Ausnahme der ganz großen gewaltsamen Rubriken des Ansich, Außersich

und An- und Fürsich, in eine dialektische Beziehung zu bringen. Aber

man braucht nur darauf hinzuweisen, was Weber, Vaihinger, Meinong

als idealtypische, fiktive und gegenstandstheoretische Annahmen,

Vorbegriffe oder soseiende Objektive in die Diskussion eingeführt

haben, um die eminente Fruchtbarkeit der dialektischen Methode auf

allen rein werttheoretisch konstituierten Gebieten zu erkennen, so

vor allem auch in der Entwicklung der Urteils- und Schlußfiguren

und weiterhin in der Abfolge der ästhetischen Kompositionen vom

formalen Korrektiv bis zum erfüllten Korrektiv der transzendentalen

Synthesis hinauf, ja zuletzt in jeder nicht nur einfach erzählenden,

sondern Durchführungshaft metaphysisch konstruierenden Erfassung des

Geschehens überhaupt. Doch gerade in dieser obersten, methodologischen,

aber reflexiven Fruchtbarkeit liegt das Gericht für die absolute

Anwendung der dialektischen, panlogistisch befriedeten Methode zur

Erzeugung des Weltinhalts oder auch seiner empirischen Umsatzregeln

und Kategorien. Gewiß braucht nicht überall das Leid herbeigerufen

zu werden. Es zeigen sich auch so manche einfache Dinge fertig und,

gleichsam ohne daß es sie etwas angeht, zerlegbar. Ganz anders liegt

jedoch der Fall, wenn das Leid, die Gefahr der Vereitlung auch in

allen höheren realen Zusammenhängen geleugnet wird. Bei Hegel fehlen

so die Tat, der Kampf, die den handelnden Menschen aufrufende Sorge

oder Verzweiflung auch im Ganzen der Geschichte und Kultur. Darum

wird, sofern sich der Begriff überschätzt, wirklich zu sein, das Leid

zur Würze und das Schmutzige, Sperrende des Lebens zur ungefährlichen

Zeremonie. Darum erkennt auch Hegel, genau betrachtet, nur insofern

einen realen historischen Fortschritt an, als hier die Völker den auch

ohne sie fertigen Geist in ihr Bewußtsein treten lassen, und ihre

Aufeinanderfolge das eigene zeitliche Begreifen der zeitlosen, an sich

völlig unbewegten, vielleicht leereren und weniger fugierten, aber

gleichwohl bereits beschlossenen Selbstbewegung der Idee darstellt.

Nirgends wird der Begriff der Entwicklung anders gefaßt, als daß

ihm eine innere Bestimmung, eine an sich vorhandene Voraussetzung

zugrunde liegt, die sich zur Existenz bringt. Es ist ein belehrendes

Auseinanderlegen und wieder Zusammensetzen fertiger Würfel zu einer

fertigen Pyramide. Wie ein Lehrer an der Tafel mathematische Lehrsätze

oder philosophische Schemata»entwickelt«, die wesentlich fertig

sind, so kommt auch bei Hegel ersichtlich nur dem Begriff und nicht

dem Wesen eine»Entwicklung«und Metamorphose zu. Man erkennt, wie

hier das unaufhörliche Ankämpfen der Individuen gegen jenes fremde,

dunkle, stockende, erbarmungslose Fahrwasser, das das Leben und die

Welt bedeutet, zur bloßen Schwierigkeit innerhalb der menschlichen,

bestenfalls noch der eigenen göttlichen Rezeptivität abgeschwächt

wird. Man kann sich also keine harmlosere Herabsetzung aller Gefahren

oder Fruchtbarkeiten denken, als die Art, mit der Hegel einmal die

Verwirklichung völlig aus Gedankenstoff bestehen, ja als den bloßen

Umschlag des abstrakten Gedankens herausspringen läßt und andererseits

zu einer durchaus im Dienst der konkreten Idee stehenden Funktion

verwandelt. Und wenn das sich Besondern des Allgemeinen schon an den

Fällen der unteren Wirklichkeit, an der unteren Schranke des Logischen

scheiterte und nur im Konstruktiven eine gewisse methodologische

Bedeutung besaß, so kann ermessen werden, wie heftig das sich

Aufschließen und nur scheinbar negativ geschehende Konkreszieren des

Abstrakten zum konkret und real Totalen an den Fällen der oberen

Wirklichkeit, also an der oberen, existenziell-moralischen Schranke

des abstrakt Logischen versagen mußte. Hier hilft der unsittliche

Glaube an einen bereits fertigen Fachwerkbau der Welt und das im

Alpha bereits völlig entschleierte Omega der absoluten Idee, dieses

oberste Deduktionsprinzip der dialektischen Methodik überhaupt,

nicht weiter. Wir fangen gewiß nicht von vorne an und leiden unter

dem, was vor der Kultur an Dunklem geschehen ist. Darum kann man den

Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies, damit also auch das

Paradies selber als eine irgendwohin anfänglich gesetzte Gesinnung,

mithin als eine im Plancharakter verharrende Thesis betrachten. Dann

muß unsere Aufgabe in der Sühnung und Aufhebung bestehen, was von der

menschlich-luziferischen Seite und von der göttlichen substanziellen

Seite vor der Kultur gefehlt worden ist. Wie schon die Menschen vor

Christus dunkel durch diesen schattenhaft geschehenen Plan bedrückt

waren, so hat sich seit dem wieder ferner gezogenen Christus der

Widersacher in Gott erst recht real auf das Verderben des Keims, auf

die endgültige Ausschließung der Menschen aus dem Paradies verlegt,

freilich nur mit dem Ergebnis, daß sich daran die Richtung der Liebe

genauer gewinnt, daß sich daraus eine weitgehende Gegenerleuchtung

des verborgenen Ziels entwickelt, und daß das uralte Zeichen der

Vertreibung aus dem irdischen Paradies, umgekehrt, positiv gelesen,

desto besser und inhaltlicher die Idee des himmlischen Paradieses

erläutern kann. Zweifellos bildet also für das auseinandergesprengte

Wir das langsame sich Reinigen und Sammeln seines luziferischen

Wesens und die ganze Theogonie von Herr, Vater und heiligem Geist,

mithin die gesamte Arbeit in der Kultur eine ~Mitte~ und das

Ziel der Apokalypse einen ~Syllogismus~. Aber das ist, sofern

eben die Vertreibung wie das Paradies nur als Gesinnung, nur als Plan

des Endes vom geahnten Ende aus irreal an den Anfang gesetzt ist,

wiederum nur als»methodologische«und nicht als reale Logik haltbar.

Man sucht bei Hegel vergebens nach jener allein nach oben weisenden

und neuzeitlichen Gesinnung, die sich in Fichtes Worten ausprägt, daß

es außer der bloßen Wiederholung dessen, was da ist oder da war, ein

tatbegründendes Wissen oder ein zum Handeln treibendes Gesicht aus

jener Welt geben muß, die nicht da ist, aber die da sein soll; daß

man also die Welt nicht zu ertragen habe um Gottes Willen, sondern

anders machen soll um Gottes Willen, der, existenziell-moralisch

gefaßt, ganz entgegen der dialektischen Methode durchaus nicht der

Wille zur Restitution eines bereits dagewesenen und genau gekannten

Alphas der Kultur ist. Bei Kant war das Denken ein einsames Licht, die

Nacht dieser Welt zu verbrennen. Bei Hegel wird der Gedanke zu einem

Schulmeister oder wahllosen Advokaten des Seins, das ihn beauftragte,

und die Nacht der Welt rückt in das bloß unbelehrte Subjekt zurück.

So breitet sich hier also die schöne Wärme der Lehrstube aus, damit

all das Schmerzhafte, Unerträgliche und Ungerechte des Lebens, die

andauernde Notwendigkeit seiner Widerlegungen, die Selbstverbrennung

der Natur und die gesamte herkuleshafte Passionsgeschichte der Idee als

ein Ungefährliches, immer Geschehendes, nie Geschehendes entwickelt

werden kann, dessen eigentliche Auseinanderlegung entweder nur auf der

Tafel steht oder aber gemäß der ewig beschlossenen, ewig fertigen

Logosruhe der eigentlichen Realität eine bloße Zeremonie ist, dessen

Prozeß sich also lediglich in einer transzendental pädagogischen

und nicht in einer transzendental-produktiven Deduktion begründet

zeigt. Das ist eine wahrhaft gegen Kant gerichtete Restauration; aber

so wenig der schwindelhafte Schnaps in Goethes Bürgergeneral ein

Jakobiner ist, so wenig hat Hegel das Kantische Sollen widerlegt, so

wenig bildet die laue Zufriedenheit des dialektischen Verfahrens,

sich alles zurechtzulegen, den Geist der philosophischen Methode, und

so wenig bewahrt diese dreitaktige Logik den wahren Formcharakter

der Kantischen Philosophie, der Philosophie überhaupt als eines

praktisch-transzendentalen, transzendentalrealen Methodismus zugunsten

des ernsthaften Logos, wie er sich in der Welt bestenfalls mittelst

mehr oder minder vorgearbeiteter, mehr oder minder indirekter Anzeichen

und Symbole realisiert. Wenn hier also die Spannung zwischen dem

Erreichten und dem Gesollten durch wechselndes Mischen und unmerkliches

gegeneinander Ausspielen verschwunden ist, so haben doch unerachtet

aller mehr oder minder uneingestandener Nachkonstruktionen des

Realen zum Utopischen, des Utopischen als Reales -- konstruktionen

das Sollen und das Gelten den größeren Preis für diese bedenkliche

Weltlichkeit, Weltrealität des Geistes bezahlt. Es waren sicher nicht

nur die Einflüsterungen eines guten Geistes, die zu diesem Fieber des

bloßen Begreifenwollens, zu der als Real gesetzten bloßen Dialektik,

zu dieser Küstenschiffahrt der bloßen Systematisation, rings um die

sicheren Kontinente herum verleitet haben, um derart so völlig im

Gegensatz zu dem echten, weit ins Dunkel hineingreifenden, sich seiner

als konstituierend bewußten Methodismus der Kantschen Philosophie, den

inneren Gott als äußerlich und sein utopisches Apriori als mögliche,

bereits in jedem Alpha dialektisch realierte Empirie erscheinen zu

lassen.

* * * * *

Und dennoch zum Letzten: es streiten hier zwei Typen, zwischen denen

nicht nur zu wählen ist. Kant bleibt innerlich und unendlich, seine

Forderungen verdämmern bewußt uninhaltlich in der Ewigkeit; Hegel wirkt

dagegen als die glänzendere, großartigere, machtvollere, an Händel

und Beethoven gemahnende Erscheinung, als ein Denker der Weite und

wahrhafter Weltbesitzer mit dem unermeßlichsten Zug unterworfener und

durchdachter Objekte im Gefolge des Systems.

Aber nicht alles, was innerlich ist, braucht schmal und schwach zu

sein. Auch weiß man bei dem weiteren Rundbild nicht, ob sich dies alles

noch bewegt oder überhaupt bewegen will. Andererseits aber kann man

bei Hegel weiter sehen als bei Kant, weil er gebaut hat und derart

auf Zinnen stehen kann, weil er eine Steigerung und vor allem statt

des ungegliederten, unmittelbaren Gefühls ein vermitteltes Denken

kennt. Zwar teilt auch Kant und leitet ab, es wird noch verschränkt

genug zu sehen sein, wer mehr»baut«, Kant oder Hegel, es ist nicht nur

einfach regellos nebeneinander liegendes philosophisches Material, und

daß das »Wollen«nach dem»Erkennen«folgt, bildet wahrhaftig nicht nur

einen einfach zeitlichen Zufall. Zunächst ist schon das: wie es zu

vermögen sei, also die Kraft und Leidenschaft des Deduzierens, dieser

ironische Essay, der an dürftig Gegebenem Absolutes meint, die gesamte

Einheit der transzendentalen Methode in den drei Kritiken, ein großes

systematisches Band; und dann, daß das theoretische Sein abhängig

sei von dem ethischen, die ganze Weiterbildung Kants im Fichteschen

System, ist bereits bei Kant latent und ein systematischer Grundgedanke

prinzipiellster hieratischer Ordnung. Aber das wirkt nicht bis zum

Einzelnen herab, auch ist gerade die Dreizahl der Kritiken keineswegs

deduziert, schon die Dreiheit selbst statt der theoretisch-praktischen

Zweiheit ist reflexiv (denn die Urteilskraft ist nur sehr ungefähr

ein»synthetisches«Drittes zwischen Natur und Freiheit), nach der

Dreizahl eines veralteten psychologischen Grundrisses gebaut; und

so bleibt die Kantsche Anordnung doch im wesentlichen eine bequeme

und sonst reflexive Notizendisposition, während das Hegelsche System

konstitutiv ist, sein Inhaltsverzeichnis bereits die Kategorienlehre

und sein Baugedanke eine wesentliche Wasbestimmtheit des Geistes.

Das ist um so wichtiger, als eben durch Kant das Denken frei und

versuchend geworden ist, ein neues, nicht mehr empfangendes Medium

der Selbsttätigkeit; und so gerade der Mensch als Frage die Welt als

Antwort in Bewegung setzt, so auch gerade die kopernikanische Tat

nicht anders gelingen mag als durch das Weiterbauen der Welt, durch

die Ausbreitung des noch objektlosen unendlich-inneren Kompendiums

zur Weltarchitektur, zur Breite und Fülle kräftig vollendender

Sphärenbildung und Systematik. War es gesellschaftlich und in der Kunst

so, daß das Mittel zumeist wenig ist, und das Ich und sein Gegenstand

wesentlich über das Schwach oder Stark, über das überwerkhafte Gewicht

des Werks entscheidet, so bleibt dieses zwar auch in der Philosophie

nicht anders zu halten, aber der Unterschied ist doch der, daß hier

die Form, das Anhaltende, Knochenbildende der Form, der Horos im

Gegenstand selbständiger als bei Staat und Ästhetik innerhalb der

Gegenstandsreihe gegründet ist; sodaß also Kant in diesem Punkt durch

Hegel vollendet wird. Aber andererseits wiederum ist das innere Buch

letzthin weder Welt noch überhaupt ein Buch. Denn das Denken ist zwar

dasselbe, weswegen der Gedanke, aber nicht dasselbe, weswegen die

Welt ist, und noch weniger ist es in der unemotionalen Hegelschen

Fassung dasselbe, was über der Welt ist oder sein soll; und selbst

wenn es dieses wäre, bliebe die Kategorienlehre, nicht nur, weil sie

noch unmaterialisch ist, weit davon entfernt, die ganze Philosophie,

das letzte, rein ichhafte, moralische Zentrum der Philosophie zu

bilden. Das reine Denken kann daher auf keinen Fall den wesentlichen

Seinsinhalt des Universums dialektisch reproduzieren, sofern nicht das

Denken»subjektiv«geworden ist, und der wesentliche Seinsinhalt auf

das zur Welt und auch noch zu ihrem mit sich selbst abschließenden

System schlechthin Paradoxe eines»subjektiven«, ethisch-religiösen

Mysteriums reduziert wird. Davon ist bei Hegel letzthin keine Rede: das

Bewußtsein, das bei sich angelangt ist und seinen Schleier ablegt, mit

Fremdartigem behaftet zu sein, ist, sofern seine geschehene Darstellung

selbst mit der Natur des absoluten Wissens zusammenfällt, durchaus

das Ende der Philosophie; der Kreis von Kreisen, der Selbstbegriff

der Philosophie ist nichts anderes als die einfache, noch einmal als

Logik des Logischen identisch gesetzte Ganzheit der Philosophie selbst,

ohne alle Rückkehr und Einkehr aus den entfremdeten Objektivitäten des

Systems in die Philosophie der Innerlichkeit.

Nun aber ist Kant zwar seelisch und innerlich und es fehlt ihm das

Weite, das sich vermittelt und welthaft ergießt. Indem jedoch Kant

wesentlich meint, produktiv, spontan ist, liegt ihm, wie bereits

angedeutet, zugleich rein sachlich der Bautrieb paradoxerweise näher

als Hegel, der, soviel er sich auch auf sein»vermitteltes«Wissen

zugute tut, dennoch goethischer, direkter ist als es den Anschein

hat. Denn wenn auch Kant noch so sehr innerlicher und existenzieller

ist als Hegel, so sieht dieser doch ebenfalls an, ja sogar mit mehr

Erfolg als Kant, der das sich Fühlende zunächst hinter dem Rufen,

hinter dem Bautrieb zurücktreten läßt, um dieses sich Habende am

Ende der begrifflichen Intentionen zwar in einem gewissen sich

in Existenz Verstehen, in einer gewissen Intensität rein auf das

Individuum bezogener Begriffe, wie der Achtung, aber noch nicht

in angeschauter, völlig»subjektiver«Evidenz, sich Selbstsein des

Subjekts zu erreichen. Freilich hat es Hegel leichter als Kant

phänomenologisch zu sein, sofern ihm die angeschaute Weite noch nicht

die Seele als Weite ist, sofern sich also Hegels Evidenzerlebnis nur

erst auf ein gewisses Weitschichtiges, Marschierendes, historisch

Ausgebreitetes,»Logoshaftes«bezieht, wie es bestenfalls bloße

Vordergrundsmaterie der Erfüllung, bloße Selbstgegenwart des kosmischen

Aggregatzustands der Seele zu liefern vermag. Insoweit allerdings ist

bei Kant die Gliederung primärer als bei Hegel, der entweder rein für

sich nur ordnend oder aber versetzt, uneigentlich systematisiert;

und umgekehrt bei Hegel die Wesensschau primärer als bei Kant: die

einheitliche, im tiefsten Grund über aller Gliederung projektierte

Verwandlung Myschkins in das Du, Makariens in das Sonnensystem, des

Subjekts in die Substanz. Das zeigt sich (wie es der Säule gleichgültig

ist, wo man sie hinstellt) überall dort, wo das Teilen von Hegel wie

eine zufällige Ansicht an das phänomenologisch weite Eine herangetragen

scheint. So wenn etwa die Anschauung des Griechischen, der Griechheit

in allen Sphären wiederkehrt, juristisch so gut wie ästhetisch wie

religionsphilosophisch wie in der Geschichte der Philosophie, ja

selbst in der weit weniger geschauten Hegelschen Naturphilosophie

dürfte ein dem Urphänomen der Griechheit Entsprechendes aufzufinden

sein. Hier hat Lukács mit großem Scharfsinn bemerkt, daß selbst bei

Marx ein solches Hegelsches Querschauen, das heißt eben ein an sich

ungeteiltes Schauen weiterwirkt, sofern nämlich auch im ökonomischen

Materialismus eine ungebrochene Anschauung, ein einheitliches

Dasein gleichsinniger Urphänomene mindestens in jedem Zeitalter

vorausgesetzt ist, das dann erst in die einzelnen Sphären und die

kausale Prävalenz der ökonomischen Sphäreninhalte auseinandergelegt

wird. Nicht minder dürfte gerade die Beobachtung, daß Hegel nur

gedanklich, aber nicht real»entwickelt«, auf die Einheit einer

phänomenologischen Gesamtanschauung zurückweisen, so wie ja auch in

Goethes Wahlverwandtschaften das Schicksal der handelnden Personen

nur scheinbar frei und in der Zeit geschieht, während dahinter die

fertige Notwendigkeit eines mit einem Male seienden Schicksalsplans,

eines gelassenen erotischen Urphänomens vorliegt. Ebenso scheint

die erstaunliche Disposition, wonach im Grunde in jeder Trias der

dialektischen Methode dasselbe stehen möchte: Tasten-Hören-Sehen; oder

Anschauung-Vorstellung-Begriff; oder Obersatz-Untersatz-Schlußsatz;

oder Afrika-Asien-Europa; oder Fichte-Schelling-Hegel; oder

Kunst-Religion-Philosophie; oder An sich Gottes und Plan der

Welt-Außer sich Gottes und Differenz der Natur-An und Für sich

Gottes und Erfüllung des Universums -- gerade dieses wenigstens

ungefähr Verwandte und Austauschbare der einzelnen Syllogismen,

jedoch bezeichnenderweise nicht der einzelnen, sie übergreifenden,

prinzipiell von Kant und weiterhin von Christian Wolff übernommenen

Disziplinen, weist deutlich auf die Einheit einer aller Sphärenbildung

voraufgehenden»Phänomenologie«des Geistes hin. Das tritt noch klarer

und völlig einleuchtend hervor, wenn man die Hegelsche Terminologie

beachtet, in der ja nichts ohne Bedeutung bleibt: daß nämlich zwischen

der Erscheinung und der»Erscheinung«zu unterscheiden sei; wobei

das Eine, das bloß erscheint, zwar den Sinnen, aber auch dem bloßen

Verstand zugewiesen wird, also zugleich als die noch unbestätigte

abstrakte Thesis betrachtet werden kann, während das Zweite, das sich

erscheinend zur Erscheinung, zur konkreten Manifestation bringt, in der

Synthesis seinen Ort hat, die den Verstand»erfüllt«, das heißt also

seine Thesis als wirklich, als real fundiert aufweist, und die, wenn

auch nicht die Sinne, so doch»die Vernunft«als Erfüllungsgrundlage, als

das evident bestätigende Adäquationsmoment der andern Seite, als das

phänomenologisch Reale, Substanzhafte schlechthin der Welt besitzt.

Nun aber sagten wir bereits, daß sich Hegels Evidenz nur erst auf

ein gewisses Weitschichtiges, Vorstufiges, historisch Ausgebreitetes

bezieht, dem der Klang der Seele, die Seele selbst als Breite, Kosmos

und Realität noch fehlt. Damit stimmt zunächst überein, daß hier alles

eigen Gebaute schwach und beliebig ist, daß die dialektische Dreiheit,

mag sie auch tausendfach korrespondierend wiederkehren, doch nur als

hilfskonstruktiv bedeutsam erschien, ohne genaueren Bezug auf das

wirkliche Geschehen. Damit verbindet sich weiterhin die Einsicht,

daß wenn es schon um Reales gehen soll, die Marxsche, das heißt zwar

Hegelsche, aber prinzipiell Kantische, von Hegel nur unausgeglichen

übernommene Sphärenbildung, Sphärenrelation dem realen Geschehen

zweifelsohne näher steht als die Wesensanschauung der querlaufenden

Urphänomene oder der damit nur lose verbindbaren dialektischen

Dreiheit. Freilich braucht sich nicht alles ohne weiteres sichtbar mit

der einfachen Anschauung oder auch ihren einfachen Regelgehalten zu

decken, um doch erfüllbar zu sein; es ist schon schwer zu sagen, wo

sich etwa »bald«oder»und«oder»etwas in die Wege leiten«und ähnliche

höchst wichtige kleine Meinensakte erfüllen, und so wäre es auch sehr

wohl denkbar, daß die dialektischen Dreiheiten eine adäquate Erfüllung

hellseherischer oder anders evidenter Art besitzen. Es hat jedoch nicht

den Anschein, als ob die dialektische Methode auch nur anthropologisch,

geschweige denn kosmisch fundiert wäre, indes bei Hegel allerdings

die Sphärenbildung nicht nur von außen herangetragen bleibt wie bei

der Schopenhauerischen Definition des »Systems«als eines gegen den

Sphärenaspekt gleichgültigen »Organismus«, sondern sich gerade bei

Hegel wesentlich aus einer noch unentschieden bleibenden Verbindung

der ~Kantischen~ Sphärentheorie mit einer tieferen Konsequenz

der Welthaftigkeit konstituiert, nämlich mit der Wesensanschauung

des Hegelianismus gegenüber dem eigenen, über sämtlichen einzelnen

Urphänomenen gelegenen Total-Urphänomen des ~Prozesses~ der Idee

und seiner Hierarchie. Das Ganze reduziert sich dergestalt auf die

Frage: ob die Sphärenbildung überhaupt, wie sie sich über der bloßen

Erlebniswirklichkeit erhebt, lediglich auf die Seite der intendierten

Hilfskonstruktion fällt oder ob ihr, die sich dann nicht nur über die

amorphe Erlebniswirklichkeit, sondern auch über jede Mannigfaltigkeit

der Urphänomene regelnd, gemäß dem harten, kein Überlaufen duldenden

Bauprinzip der Kantischen Philosophie erheben würde, eine Erfüllung in

der Realität entspricht. Gibt man das letztere zu, wie es außer Marx

allein schon die Tatsache wahrscheinlich macht, daß der Unterschied der

Wesensanschauung und Sphäre bei Hegel fließend ist und durcheinander

geht (denn auch die Säule korrespondiert sich als solche griechisch

und gotisch, wonach also die selber querlaufend korrespondierende

Griechheit ihr gegenüber wieder»enger«und wie eine Sphäre, etwa

herausgeschnitten aus der Menschheit wäre), daß weiterhin Kant und

nach ihm auch Hegel die Sphären brauchen, um jedem Ding seinen Platz

zu geben und es danach zu erkennen, um überhaupt Mannigfaltigkeit der

Wesensanschauung und vor allem ihre letzthinige Einheit in der Idee

zu gewinnen: dann scheint entsprechend die ~Gliederung~ bei Kant

nicht nur primärer zu sein als bei Hegel, sondern auch, als Gliederung

nach Disziplinen, das heißt eben nach Sphären, konstitutiver; dann

scheint bei Kant vor allem auch, so sehr er die Aufgabe unendlich

macht und die Adäquation des Intellekts mit der Sache als»eine elende

Diallele«ablehnt, das letzte Anschauen, das wieder Hervortreten

der Sinnlichkeit über den Verstand, des Inhalts über die Form, das

geheimnisvolle Paradox eines ~produktiven~ Anschauens, die

Wesensschau am Ende der ~konstitutiv aufteilenden Sphären~, also

die Achtung als Affiziertsein durch das moralische Ding an sich und

das einheitliche Auftreffen sämtlicher Sphärenkonstruktionen auf

den archelypischen Intellekt -- weitaus tiefergehend und ebenfalls

konstitutiver zu sein, als in Hegels sowohl reflexiver gegliedertem als

auch intentional kürzerem, welthafteren System der Weite und lediglich

prozessualen Hierarchie. Zwar, wer mit Zungen redet, bessert sich

selbst, wer aber weissagt, der bessert die Gemeinde: jedoch es ist noch

wichtiger, daß das sich bessernde Ich in der Welt nicht verloren gehe.

So scheint es dieser Orts nötig, Kant durch Hegel hindurchbrennen zu

lassen: das Ich muß in allem übrig bleiben; mag es sich auch zunächst

zu allem entäußern, durch alles nochmals begreifend, vollendend sich

hindurchbewegen, um die Welt aufzuschichten und gesammelt vor Gott zu

bringen, so ist doch das wünschende, fordernde Ich, die uneingesenkte

Postulatswelt seines Apriori die beste Frucht, der einzige Zweck des

Systems; und Kant steht deshalb letzthin so sicher über Hegel, wie

Psyche über Pneuma, die Ethik über der Enzyklopädie und der moralische

Nominalismus des Endes dem noch halb kosmologischen Realismus der

Hegeischen Weltidee übergeordnet ist. Das Ziel wäre dann erreicht,

wenn es gelänge, was bisher nie ganz zusammenkam: das Zungenreden und

das Weissagen, das Seelenhafte und das kosmisch Totale, zu vereinen;

dergestalt, daß das Rufen und Erarbeiten durchgehends vor das Antworten

gelegt würde, daß weiterhin alle unteren, bereits realen Formen der

Vermittlung systematisch wohl durchlaufen werden, daß schließlich

auch die Befreiungsmächte der Gesellschaft und die Erziehungs-,

Theurgiemächte der Kirche sorgfältig objektiv aufgebaut und durchdacht

werden: um daraus erst, von diesen großen Observatorien her das

Innerliche, die Seele als echten Kosmos, die Selbstbegegnung als den

Inhalt aller Kulturwerte, die Feinde und Genien der universalen,

absoluten Selbstbegegnung in der Apokalypse zu systematisieren, als

welche allein den völligen Mechanismus des Erwachens und der mystischen

Selbsterfüllung in Totalität vorstellt.

Beschluß, Programm und Problem.

Es will um uns anders werden.

Aber noch hat sich nichts geschieden. Wir sind arm und reich zugleich.

Kaum, daß genau zu sagen ist, wieweit wir das Eine oder das Andere sind.

Man ist abgetrennt und findet sich allein zusammen. Es ist nicht sehr

leicht, hier zu leben, in dieser übermäßig frostig gewordenen Luft.

Noch schlimmer, daß es uns im Ausland wieder schwer gemacht wird

deutsch zu sprechen, sofern man sich damit falsch zu bekennen scheint.

Daß wir so sehr preußisch statt zu uns hin russisch geworden sind, das

ist unser Unglück und unsere wahre Erniedrigung.

* * * * *

[Sidenote: Die Deutschen.]

Es darf aber so nicht weiter gehen.

Geist der Utopie · 第 25 / 39 段