Hier, mit Kants tieferen Denkantrieben tritt alles Leiden und

Abgetrenntsein von den Mitteln der Erkenntnis ins Bewußtsein. Wir

sind nicht mehr imstande, einfach nur zu sehen. Wir sind nicht mehr

so glücklich, daß sich irgend etwas sinnlich oder eingeboren einfach

empfangen ließe. Und so zeigt sich in dem Kantschen Begriff der

Erzeugung auch die platonische Lehre von der Wiedererinnerung, von

der bloß versteckten Existenz der transzendenten Verknüpfungsformen,

innerhalb des neuen, nordischen Mühe- und Arbeitsbewußtseins endgültig

aufgehoben. Statt dessen führt Kant den Nachweis, daß sich der Vorgang,

nach dem die synthetischen Erfahrungsurteile notwendig gemacht werden,

jenseits unserer Empfindung souverän vollzieht. Freilich formt sich

auch dieses Erzeugen letzten Endes als ein Abspiegeln und Besinnen

hinsichtlich der apriorischen Aufdeckung einer Regel oder einer Reihe

von allgemeingültigen Beziehungskonstanten, die in einem abschließbaren

Inventar der reinen Vernunft als das unbedingte Prius vor aller

Erfahrung zu fixieren sind. Jedoch, es handelt sich bei Kant letzthin

gar nicht um Kepler oder Newton und die objektiv gültigen Verknüpfungen

zwischen den Erscheinungen, sondern um jenes unbedingte Ganze der

Bedingungen, um jene prinzipiellen Grenzbegriffe, die nur gewollt und

gedacht, aber nicht erkannt werden können, weil sie zwar unmittelbar

praktisch zu»erleben«aber noch nicht»anzuschauen«sind, weil also ihr

Gegenstand kein Sein ist, und die nun in einer Metaphysik der Aufgaben

als die regulativen Vernunftideen des Unbedingten ausgebreitet werden.

Hier werden wir frei und der Ring springt; die Hoffnung macht auch wohl

erdichteten und sonst unbelegbaren Gedanken gegenüber parteiisch. Denn

wir vermögen uns selbst und unserer erscheinungsartigen Daseinsform

insofern zu entrinnen, als wir intelligible Charaktere bilden. Hier

werden das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens getrennt

sichtbar; die Welt im focus imaginarius, in unserem verborgeneren

intelligiblen Subjektteil, beginnt in die Erscheinung der Hoffnung

der Zukunft zu treten. Wir bewegen uns durch die Zurücklenkung

derselben Funktion, die uns zuerst mechanisch beengte, ~auf sich

selbst~ so stark aus dem Erzeugen und Erzeugtwerden eines bloß

reflexiven Mechanismus heraus, daß die Achtung vor dem Gesetz als ein

Affiziertwerden von dem moralischen Ding an sich definiert werden

kann und die Bürgerschaft in einem Reich höherer und auch inhaltlich

produktiver Intelligenzen sichergestellt wird. Dabei bedeutet dieses

Affiziertsein selbstverständlich keine Anwendung der hier ja verbotenen

Kategorie der Kausalität, sondern, als verstandesmäßig Unbegreifliches,

Paradoxes, das rein geltungstheoretische Mitbetroffensein von dem Zug

des göttlichen Geistes, ja das produktive Auftreffen, Mitbeteiligtsein,

die Adäquation an ihm selbst als der schöpferischen Form an sich

oder der moralisch archetypischen Funktion und ihres Inventars. Wir

sind derart hier mit uns allein gelassen und aller Sicherungen vom

an sich realen Jenseits her entblößt. Wir müssen gut handeln, obwohl

wir nichts von der realen und, genau betrachtet, nicht einmal etwas

von der inhaltlich idealen Legitimierung des Wertes wissen können.

Wir sind einsam und stehen in dem Dunkel einer unendlichen, bloß

asymptotischen Annäherung an das Ziel; selbst der ferne Stern leuchtet

nur in einem sehr ungewissen, nichts sonst am Himmel erhellenden,

kaum als konstitutiv erfaßbaren Licht, und doch muß alles, was nicht

ganz in den allgemeinen Formen einer Kritik der reinen theoretischen

Vernunft untergeht: das Einzelne, die Spezifikation der Natur wie

das sich Entschließen der Individuen zur Kultur, dem Primat des

Sittengesetzes untergeordnet und zugeordnet werden. Was aber hier als

Glauben auftritt, ist nur fähig, die Freiheit, die Unsterblichkeit

und die sittliche Weltordnung in Gott als bestimmte, einleuchtende

Postulate einer zweiten Wahrheit auszusprechen, die sich nur auf eine

Geltungssphäre, auf ein noch nicht erschienenes Übersinnliches der

Bürgerschaft intelligibler Welten beziehen und daher dem offenbaren

heroischen Atheismus dieser Lehre keinen Abbruch tun. Es ist also

keineswegs darüber zu klagen, daß Kant derart das Gelten immer

noch leise ~inhaltlich~ beibehält. Er tut sich nichts auf ein

freischwebendes, keinerlei Sein enthaltendes Sollen zugute, und

die Absichten eines nichts durchbohrenden Methodisierens finden

in einer gewissen sonderbaren Rezeption Swedenborgs ihr Gegengift

und den Widerpart eines doch irgendwie realhaften, metaphysisch

objekthaften Rahmens. So greift bei Kant eine unerhört ehrliche und

großartige Gesinnung durchaus zu den ~Gegenständen~ des Hoffens

als dem einzigen oder wenigstens eigentlichsten philosophischen

Interessengebiet. Hier ist alles hypothetische oder relativistische

Wesen getilgt, und wenn die sichersten Werte und Ideen trotzdem eine

regulative Akzentuierung erhalten, so bezieht sich dies überwiegend

nur darauf, ob die Idee ~existiert~ und nicht, ob die ~Idee~

existiert. Es ist mitten in der deutlichsten Wiedererinnerung und

Aufdeckung der letzten Gegebenheit das große christliche Pathos der

Gefahr, das hiergegen das einzelwissenschaftlich geschlossene System

der Physik oder Jurisprudenz so gut wie gegen jede Versicherung, daß

Gott bereits im Himmel sei, also gegen jede in der Neuzeit unerlaubte

Kopie des platonischen Panlogismus zu Felde zieht, -- ohne daß jedoch

das beständige Problem des ~wirklich Bedingenden~ auch noch

des kategorischsten Imperativs, des moralischen Als Ob als eines

theologischen Noch Nicht verloren gegangen wäre. Vielleicht wird

dabei eher noch, wie Hegel richtig fühlte, des Guten zu viel als zu

wenig getan, sofern man unter dem Guten die inhaltliche und reale

Unbestimmtheit des Postulats erblickt. Denn so wichtig es ist, daß

der Wille den einzelnen Zwecken enthoben und dem Überhaupt zugewandt

wird, so dringend erhebt sich doch die Verpflichtung, in dieser inneren

Form, in diesem Überhaupt des sittlichen Willens eine Sonne aufgehen zu

lassen und einen realen Himmel zu wölben. Daher wäre vielmehr darüber

zu klagen -- im Gegensatz zu den rein formalistisch transzendentalen

Auslegungen Kants und Begründungen der »Objektivität«--, daß Kant das

Gelten endlos macht, insofern es in einen unendlichen Prozeß mit einem

nur im Ausblick des Geistes gesetzten, nur als Idee gesetzten Ziel

verlegt wird, und Hegels Abneigung gegen diese Art des Kritizismus,

gegen die mit Bescheidenheit, Nüchternheit oder Begeisterung, je

nachdem, unternommene Perseverierung der Methode an sich hat einen

gewissen, wenn auch seinerseits selbst reichlich bedenklichen Grund.

Man muß einsehen, das Sollen oder Gelten ist ein bloß pädagogischer

Begriff. Es gibt kein Gelten ohne ein wenn auch noch so bedrohtes Sein,

wie es auch kein Symbol ohne Realität gibt, und wenn es auch nur die

Realität der objektiven Hoffnung und Essenz wäre. So bezieht sich das

Sollen oder Gelten allein auf den abstrakten Abstand, auf die bloße,

noch unverwirklichte, vielleicht erstrebte, aber noch uneingesenkte

Essenz eines Gesetzes oder Wertes, so dunkel auch seinerseits der

Realitätsgrad dieses logischen Überschusses erscheinen mag. Es gibt,

logisch betrachtet, von einem die Zeit überholenden, utopisch-absoluten

Subjekt aus, überhaupt keine eigene Geltungssphäre, sondern nur

eine für uns zu predigende, für uns noch geltende überweltliche

Sphäre, eine utopische Wirklichkeit oder eine noch nicht erreichte,

wohl aber geltende Realität der Idee, so daß das»Sinnliche«und

das»Übersinnliche«, die untere empirische Welt und die obere, vom

apokalyptischen Überhaupt erfüllte, überempirische Welt, im Ernstfall

durchaus die einzige Alternative für den Ort der Idee bilden.

Hegel.

Nun gibt es allerdings keinen besseren Totengräber als den völlig

inhaltlichen Begriff. Es ist Hegel wesentlich, alles Innere nach

außen gebracht und alles Kantisch Offene abgeschlossen zu haben,

zugunsten des gewiß vorhandenen, aber auch bedenklichen Gewinns eines

ausgeführten Systems.

* * * * *

Wem es gut geht, der hat es leicht, gut zu sein. Auch Hegel tut so,

aber am falschen Platz, nicht gut seiend, sondern alles gut findend, um

nicht gut sein zu müssen.

So hört man hier auf, zu leiden und zu wollen, menschlich zu sein. Das

prägt sich darin aus, wie schlecht Hegel auf alles Fordern zu sprechen

war. Er will sich ausgleichen, ohne daß auch nur ein Stachel in allem

übrig bleibt, was ihm an der Welt wesentlich erscheint, was der kalte,

klare, leidenschaftslose Begriff auf der Seite des objektiv Seienden

entdeckt. Sich besser als die Welt dünken, sagt Hegel in einem dafür

bezeichnenden Wort, heißt nur besser als die Anderen die Welt verstehen.

Hegel ist sowohl zu ärmlich als zu reich, um noch fordern zu können.

Seine wahre innere Stellung ist von Fall zu Fall verschieden und läßt

sich auch im Ganzen schwer entscheiden. Es bleibt jedenfalls dunkel,

wer und welche Gesinnung hier so anhaltend und konservierend, aber

auch so absolutistisch spricht; ob es das fühllose, geheimrätliche

Wesen in ihm ist oder aber der sehnsüchtige Freund Hölderlins und der

überschwängliche, gotische Phänomenologe des Geistes, der mit dem

vollkommenen Jetzt keine irdische Gegenwart mehr denkt.

Zunächst freilich verlieren wir uns gänzlich, nichts an uns wird

beantwortet und gelöst. Ob wir leiden, ob wir selig werden können,

ob wir als einzelne existierende Menschen unsterblich sind, darum

bekümmert sich der Begriff nicht. Denn der Denker ist auf dem Wege kein

Mensch mehr zu sein, er überläßt uns das Schlimmste und geht stolz aus

einer Existenz, die so wenig das Interesse der Abstraktheit berührt.

Aber nun besteht, wie Kierkegaard sagt, die Not des Existierens gerade

darin, daß den Existierenden die Existenz unendlich interessiert. Es

ist daran leicht zu erkennen, ob man mit einem geprüften Manne spricht

oder mit einem Münchhausen. Wer nur erzählt, etwa: wir verließen

Peking und kamen nach Kanton, am vierzehnten waren wir in Kanton, der

verändert nur den Ort, nicht sich selbst und daher ist die unveränderte

Form des Erzählens in Ordnung. Aber hier, im Geistigen, heißt den

Ort verändern, sich selbst verändern und darum ist alles direkte

Versichern, dahin oder dorthin gekommen zu sein, nur ein Versuch à la

Münchhausen. Es ist die Aufgabe des subjektiven Denkers, sich selbst

als existierend festzuhalten und sich selbst in Existenz zu verstehen.

Wir und immer nur wir werden von den christlichen Gleichnissen

angeredet und fremdartig selbsthaft erleuchtet. Es ist der Mensch,

das Erste, Letzte, Freieste, oder noch hüllenloser gesehen: das Wir,

das den Messias sucht und auf den Messias wartet. Aber der abgelöste

Denker unterliegt der Versuchung, dies alles als einen Anlaß ins

Bewußtsein zu nehmen, um sonst ganz unberührt zu bleiben, ja sogar auf

dem leichten Weg des Ausschmückens, darüber Redens und Spekulierens zu

guten Tagen, zu Ehre und Ruhm zu eilen, je schwieriger die Sache des

sich Findens der Seele, des Sprungs und der Innerlichkeit wird. Darum

ist es, wie Kierkegaard sagt, bei weitem vorzuziehen, ein Geärgerter zu

sein, der doch fortwährend in einem Verhältnis zu Jesus steht, als ein

Spekulant, der ihn verstanden hat, der aus den Leiden der Herrlichen

theoretisches Material macht und das Christentum bis zu einem gewissen

Grade wahr findet. Wir werden noch erkennen, wie wenig wir besitzen,

wenn wir uns auf die Ablenkungen jenes Begreifens eingelassen haben,

das gar nicht verlangt wurde, das aber dem Menschen als Frage die

bloße Welt als Antwort aufbürdet und jedes andere als das ad hoc von

der enzyklopädisch-logischen Lösungsmöglichkeit her bestimmte Problem

erlöschen läßt. Der abgelöste, abstrakte Denker ist imstande, selbst

die furchtbaren Forderungen des Christlichen in der Entfernung seiner

wurzellosen, nirgends bodenständigen Gescheitheit zu erledigen und alle

Sprünge oder Dunkelheiten zu bloß vorläufigen Paradoxien zu machen,

bei denen der Gang der Spekulation nicht stehen bleibt. Wir sind nun

freilich so matt und seelisch verschleiert geworden, daß wir unsere

Armut kaum mehr fühlen. Wir sind tiefer als die alten Völker gesunken,

die sich vor ihrem Gott noch fürchteten, und erst recht menschlich

tiefer als die mittelalterlichen Völker, die durchmachten, was heute

nur noch ein Bankerotteur vor dem Selbstmord erlebt, die sich selbst

und ihre Sünde als das nicht Bezahlthaben einer ganz klaren Schuld vor

einem ganz klaren Gott begriffen und nach der Seite der Verdammnis wie

nach der Seite der Erlösung alle Folgen dieses drohenden Zusammenbruchs

kannten. Jedoch wir heutigen Menschen sind leer, ungläubig, ungediegen,

dumpf und gänzlich verlassen, wir leben in dem durch unsere Hohlheit

selbstverschuldeten Dünkel einer Verlassenheit, die trotzdem im selben

Maße ungefühlt, ja, wenn sie genannt wird, den heutigen Menschen im

selben Maße paradox erscheint wie der Sprung und die unserem und

Kierkegaards tiefem Atheismus entsprungene Paradoxie der christlichen

Postulate selber. Dazu, zu dieser Ermattung und Verschleierung,

hat zweifellos der abstrakte Denker mit allzu ichentferntem, von

der subjektiven Erhitzung befreitem Konstruktionszauber das Seine

beigetragen.

Nun ist aber zum Anderen Hegel scheinbar fertig, überschlagend und

gewohnt von oben her zu begreifen. Denn nur so lange erscheint das

Denken in der Zeit, als es nicht seinen reinen Begriff faßt. Es

ist, wie Hegel ausdrücklich sagt, nicht nur die höhere, sondern die

höchste Stufe, auf der der Geist seine Bildung wieder anfängt, von

der Weihe des Endes bewegt. Darum ist bei Hegel der Gang von dem

ungebildeten Standpunkt über alle seine eingehüllten Erinnerungen

hinweg zum absoluten Wissen nur propädeutisch und nicht systematisch

von Wichtigkeit. Wir, also die kleinen Inhalte des Lebens, das

Mitreden des psychologischen Ichs und der substanziell ungebundene

Einfall des Subjekts, sind von vornherein ausgeschaltet. Es kommt auf

nichts als auf die Vorsehung an, schon die Geschichte wird zu einer

heiligen Geschichte verwandelt, und der Denker, der gehalten ist,

die Ordres des Weltgeistes mitzuschreiben, gibt im Wesentlichen nur

die erneuerte Leistung dessen, was vor alters im Gegensatz zum bloß

frommen, sich unmittelbar verhaltenden Menschen als die höchste Stufe

des Mysten galt, nämlich die Erkenntnis des vermittelten Lebens Gottes

bis zur höchsten Stufe hinauf. Er erschleicht nicht, wie man zu sagen

pflegte, sondern Hegel verbessert die Tatsachen, ohne deutlich zu

bemerken, wie wenig hier bereits wirklich ist und wie wenig das Leben

schon die Siebenmeilenstiefel des Begriffs anhat. Es verhält sich

bei Hegel so, daß der zuletzt übrig gebliebene, späteste Mensch sich

freundlich gewisser bereits gediegener Gestaltungen aus dem erledigten

Prozeß erinnert, während das Ganze, auch das empirisch Brauchbare und

erst recht das Geistige dieser Vorgeschichten vom Ende des Apriori

her ausgewählt oder auch vom Gedankengegenstand her in das Objekt

eingesetzt wird; wonach also jedes Wünschen und Gesolltsein, jedes

Bloßlegen der Falten seines Herzens, jedes Pochen auf die subjektiven

Ideale und ihr antihistorisches Raisonnement unterschiedslos verfolgt

wird, und dieses alles aus dem gleichen, mit uneingestandener

Endweisheit in die Empirie zurückgeschobenen Vollkommenheitspathos

panlogischer Art. Deshalb, infolge dieser Verwandlung des Subjekts

in die Substanz, werden auch die Mittel des Begreifens, also die

innerlichen formallogischen Beziehungen der Urteilstheorie hemmungslos

auf die reallogischen Beziehungen einer Objektstheorie übertragen.

Bezeichnenderweise kommt die formale Logik selber erst am Ende der

Hegelschen formal-metaphysischen Logik zum Vorschein, und der Lauf

dieser formal-metaphysischen Logik enthüllt sich nochmals in der

Abfolge der Religionen und Philosopheme am Ende des Systems. Als der

Gedanke, der weiß, was er ist, existiert er bei Hegel nicht früher

und sonst nirgends als nach der Vollendung der Arbeit. Er ist ganz

und gar Beziehung auf sich selbst, er ist nicht vorbei und nicht noch

nicht, sondern wesentlich jetzt, wesentlich Denken des Denkens, in sich

zurückgebogen, geschlossen und ganz gegenwärtig, nicht historisch,

sondern schlechthin metaphysisch präsent, seiner absolut sicher und

als wahrhafte Unendlichkeit oder absolut gegenwärtige Tiefe sämtlicher

Momente ein in sich geschlungener Kreis, ja ein geschlossener Kreis

von Kreisen. Die Seele geht verloren, aber das Denken verliert sich

bei Hegel jedenfalls während des Prozesses so wenig aus den Augen,

daß es sich in seiner formalen Einleuchtung vielmehr gekräftigt,

großgezogen und entfaltet am Ende des Prozesses als völlig reale und

absolute, als die Weltlogik wiederfinden kann. -- Daran ist freilich

zunächst das eine bedenklich, daß Hegel trotzdem dieses Vollendete in

den Weltzustand fälschlich hineinsieht. Wie kann er hier der Tugend

bestreiten, sich gegen den irdischen Lauf, der nichts von ihr weiß, zu

sperren? Dazu tritt unvermeidbar zugleich das andere Bedenkliche, daß

Hegel die Kreisläufe seines dialektischen Verfahrens ebenfalls bereits

in den Weltzustand mit völlig»erscheinendem«Schlußglied einverleibt

hat. Noch bei Kant wurde das Sollen als ein Etwas definiert, das

in der Natur nirgends vorkommt, weshalb auch die Geschichte nicht

in der Tatsache, sondern durchaus nur in dem Problem eines Reiches

sittlicher Zwecke ihren Leitfaden a priori besitzen kann. Nun hat

Brunstäd äußerst scharfsinnig bemerkt, daß die Phänomenologie des

Geistes nachträglich dasselbe für die praktische Vernunft leisten

will, was die Newtonsche Naturphilosophie als ein bereits Vorliegendes

für die theoretische Vernunft geleistet hat, daß also die Hegelsche

Geschichtsphilosophie das historische Erfüllungssystem für den Primat

der praktischen Vernunft darstellen möchte. Nur bemerkt man bei Hegel

nicht, wo das Empirische endet und das Logische anfängt: er will alles

recht finden, was ist, er fühlt noch einen Idealismus in den blauen

Husaren, einen notwendigen Stand in den Feudalherren, einen tiefen

Sinn in der Erbsünde, aber weder ist das Subjekt namhaft gemacht,

das diesen utopischen Frieden doch erst stiftet, noch ist vor allem

die (besonders in der Hegelschen Geschichte sehr lebhafte) Mischung

der logischen Halbfabrikate der gediegenen Erfahrungskenntnis mit

der Abgeschlossenheit und werttheoretischen Deduktion des Systems

irgendwie im Sinne des erkenntnistheoretischen Realitätsproblems zum

Untersuchungsgegenstand erhoben. So tritt bei Hegel der sonderbare

Fall ein, daß einmal zu wenig wirkliche Welt, das heißt zu wenig Gang,

Widerstoß und individuelle Differenz, und andererseits wieder zu viel

Welt, das heißt zu viel Gesammeltes, als real Ausgegebenes, zu viel

bereits eingestellte Wahrheit der Sache, zu viel logisch bereits

abgelaufener Weltzustand anerkannt wird, und daß deshalb die ganze

gediegene Erfahrungskenntnis, der ganze Hegeische Empirismus nur in dem

ungefähren Ausmaß des scholastischen Realismus als solcher verstanden

werden kann. Daraus eben entwickelte sich zugleich das weiter

Bedenkliche, eine letzte Bestätigung der Armut des Hegelschen Geistes,

daß Hegel die Seele und Freiheit Gottes zerstört hat, draußen, innen

und oben, zugunsten eines bloßen Intellektprozesses, eines sprunglos

vermittelten, nichts Neues bringenden dialektischen Intellektprozesses

mit restaurierendem, kalkulierbarem Ausgang. Was soll hier also die

Redensart bedeuten, daß Gott im menschlichen Bewußtsein, das die

wiederholte Geschichte ist, zu sich kommt? Es klingt freilich stolz

und nach der erschütterndsten häretischen Vermessenheit alter deutscher

Mystiker, aber wenn man genauer zusieht und vor allem den schwachen,

intellektualistischen Gott betrachtet, dann zeigen sowohl das denkende

Ich wie der gedachte Gott entthront und in den Umkreis eines allzu

weltlichen und enzyklopädischen Bewußtseins verbannt. Man muß sich

hier die tiefen Worte Baaders ins Gedächtnis rufen, daß nur der Teufel

die stofflichen und psychologischen und weltlichen Vermittlungen

braucht, um völlig existenziell zu werden. Denn als die abgefallenen

Seelen unaufhaltsam nach abwärts sanken, hielt Gott die Erde in ihrem

Höllensturz auf, schuf aus Mitleid die Materie und rettete dadurch

die verirrten Menschen vor dem hoffnungslosen Verderben, daß er

mittelst der Schöpfung der gesamten anorganischen, organischen und

psychologischen Natur ein versinnlichtes Material der Pflicht schuf

und andererseits durch den gewaltigen Ätnasturz der gesamten Materie

und Natur auf den Teufel diesen selbst nur mehr durch sie hindurch

zum Menschen kommen ließ, also die direkten Schädigungen des Tartarus

fernhielt. Es ist hier gleichgültig, wieweit diese Begriffe stimmen,

wichtig ist nur das Eine, daß sich an das gelehrte, bloß gelehrt

arrivierte, methodologisch aufsteigende Bewußtsein nicht der höchste

Zustand Gottes anschließen läßt, daß es eine andere Innerlichkeit

und»Subjektivität«als die des bloß intellektuellen Welthistorikers

und Absolutisten geben muß, um die Wahrheit zu sehen, und daß allein

der Sprung, der moralische Einsatz gegen jeden scheinbar in der

Weltenzyklopädie erschöpften Gottesrealismus, zu dem Überhaupt Gottes

und seiner personhaften, in nichts pantheistischen Realität berufen

sein kann. --

Geist der Utopie · 第 24 / 39 段