Damit ist nun freilich nicht Hartmanns Lobrede auf die induktive

Methode gemeint. Sie war es, die hier letzthin alles zufällig und das

Denken bloß abrundend machte. Oder auch»wahrscheinlich«, da der Denker

danach nichts anderes zu tun hat als mehr oder minder zusammenschauend

gewisse allgemeine Ergebnisse an den Beobachtungsgrenzen auszugleichen.

Das Beobachten und Abschreiben hat jedoch Hartmann in seiner Arbeit

wenig genützt, und gerade die Kategorienlehre zeigt, wie einflußlos

diese Selbsttäuschung auf die eigentlich philosophische Arbeit bleiben

mußte. Er sucht, ähnlich wie Husserl, aus dem Empfinden, Anschauen, aus

der Relation, dem reflektierenden und dem spekulativen Denken, vielmehr

aus den in alldem vorhandenen kategorialen Begriffen die unbewußten

kategorialen Funktionen der Logizität zu erschließen. Was ihn dabei

von Husserl, aber auch von Kant und Hegel trennt, ist zunächst die

Ablehnung, mit dem Bewußtsein selbst unmittelbar die vorbewußte

Entstehung des Bewußtseinsinhalts zu belauschen, also a priori die

apriorischen Funktionen erkennen zu wollen. Dabei wird möglichst auf

dasjenige geachtet, was bereits fertig draußen zu erfahren ist, da man

es ja selbst bewußt nicht erzeugen könnte und das Bewußtsein ein bloßer

kraftloser Schatten und Zuschauer kategorialer Netzbildungen ist. Das

ist nicht so zu verstehen, als ob wir es nur vergessen hätten, in der

Länge der unterdes verflossenen Zeit oder sonstwie, daß wir das Ganze

gemacht haben, gemäß der Maimonschen Deutung des »Gegebenen«als der

petites perceptions oder des Differentiale des Bewußtseins. Sondern

das Bewußtsein selbst ist und war jederzeit daran unbeteiligt; es ist

ein bloßes Intermezzo, eine bloße, nichts bewirkende Stupefaktion des

Willens, daraus stammend und darin beschlossen, daß ein Willensatom

auf das andere aufstößt, daß eine Willensregung noch etwas anderes,

Willenshaftes, außer sich vorfindet. So kommt es also bei Hartmann

nur darauf an, aus dem Bewußtseinsinhalt gewisse, bald einzelnere,

bald allgemeinere, fließende Beziehungsformen heraus zu reflektieren

und von diesen bewußten Repräsentanten aus die Betätigungsweisen

der unpersönlichen Vernunft mit möglichst zahlreichen, sachlich

induzierenden Seitenblicken zu erschließen -- ein rein aposteriorischer

Gewinn des Apriori unter Aufgabe jedes apodiktischen Erkenntnisgrades.

Aber einmal bleibt es doch eine bewußte Arbeit mit bestimmten Anteilen,

die empfindend, anschauend, denkend herauslösen und ordnen läßt.

Weiterhin ist zwar das Bewußtsein, aber auch der Stoff nach Hartmann

nur in der subjektiv idealen Sphäre vorhanden, als der noch chaotische

Rest nicht aufgeklärter Formkomplexe. Soweit die Begriffsbildung

selber vorgedrungen ist, hat sie es lediglich mit Formen und

ihrer Hierarchie innerhalb des natürlichen wie des geistartigen

Gebiets zu tun. So bezeichnet Hartmann etwa die morphologischen

Typen für das diskursive Denken als die Spuren und Marksteine der

natürlichen teleologischen Weltordnung und die gleichsam plastischen

Versinnlichungen der natürlichen Zweckidee. Es ist klar, daß dieses

nicht mit der Tatsachenforschung zu vergleichen ist, sofern eben Typen

und Formhaftes nicht mehr rein tatsächlich gegeben sind, sondern

zugleich irgendwie vorausbekannt, nachkonstruktiv ausgelesen werden

müssen. Es hebt zwar notgedrungen empirisch an, den Formprozessen auf

die apriorische Spur zu kommen, aber es geschieht nur am Empirischen

und weist darüber wesentlich auf die Selbstdifferenzierung der nicht

weniger übertatsächlichen als überbewußten Vernunft zurück. Und man

darf nicht vergessen, daß Hartmann selber alles Große, letzthin

Treffende, Geniehafte menschlicher Leistung außerhalb des Bewußtseins

in ein Unbewußtes, mithin sehr wohl in ein sich selbst genügendes

apriorisches Funktionieren und Objektivieren des Unbewußten und

Apriorischen verlegt hat. So wird aus Hartmanns eigenster Voraussetzung

klar, daß die empirischen Typen und Korrelate überwiegend nicht als

Induktionsgrundlagen, sondern im Gegenteil als nachträglich begrüßte

und erkannte, wenn nicht gar nachkonstruierte Zeugen, Erläuterungen,

Korrespondenzen apriorischer und auch a priori intuitionierter

Prozesse figurieren. Zudem muß Hartmann selber zugestehen, daß die

letzten Begriffe, die Begriffe des spekulativen Denkens, also Ursache,

Zweck und Substanz, in keiner Weise empirisch auffindbar sind. Sie

stellen keine bestehenden Beschaffenheiten dar, die man aus dem, was

erfahren ist, einfach denkerisch herausarbeiten könnte. Sie sind

vielmehr Beziehungen, die zu dem im Bewußtsein gespiegelten Bild

des Seinsinhalts erst nachträglich durch denkende, also erzeugende

Rekonstruktion hinzugefügt werden. Seltsamerweise soll nun trotzdem

auch hier eine Art von induktivem Verfahren, nur mit geringerer

Wahrscheinlichkeit vorliegen, obwohl Hartmann diese Hinzufügung

ausdrücklich eine Supposition des Denkens nennt, das der Wirklichkeit

seine subjektive Produktion als bewußtideale Reproduktion einer

explizite bestehenden transzendenten Beziehung unterstellt. Es

unterliegt keinem Zweifel, daß eine solche Hinzufügung, die am Schluß

doch wieder zu einer Spiegelung oder besser gesagt zum einfachen Dasein

des Wesens wird, den eigentlichen Herd des gesamten Wahrheitsstrebens

bildet, sowohl des induktiv-nachkonstruktiven Blicks für die vestigia

dei wie der deduktiven Antizipation der Prinzipien selber, und daß

deshalb in diesem auch von Hartmann gestreiften Begriff der Supposition

das eigentlichste Problem einer Erkenntnistheorie der Philosophie als

einer wesentlich geniehaften, aus dem Ganzen alles überschauenden,

wesentlich deduktiven Wissenschaft vorliegt. Letzthin geht überdies

Hartmann in der Verselbständigung eines Ganzen kategorialer Akte

und ihrer Abhebung von der ewig lückenhaften und unvollständigen

Induktionsgrundlage so weit, daß er gleich Kant und Hegel statt der

bloß bewußten, subjektiven und formalen Logik eine supraindividuelle

und absolute Logik erreicht zu haben glaubt. Allerdings wirkt dabei

die induktive Begründung scheinbar insofern nach, als die Kategorien

keine Schubfächer der absoluten Vernunft mehr darstellen sollen. Sie

haben kein Ansichsein in der Art präexistierender Formen, die im

ichhomogenen, apriori erreichbaren, absoluten Geist bereit liegen,

sondern sind, wie sich Hartmann mit einer interessanten Wendung zu dem

Problem offener Kategorien ausdrückt, logische Selbstdifferenzierungen

der logischen Determination, so daß die Kategorien erst an und mit der

absoluten Vernunft gesetzt werden und nicht etwa ihr Prius sind. Aber

Hartmann täuscht sich, wenn er glaubt, daß es der gebrochene, immer

nur hypothetische Charakter der induktiven Methode sei, der derart

die einzelnen Kategorien flüssig macht, obwohl er rätselhafterweise

das Ganze als »System«nicht stört: was hier zwingt, ist vielmehr

der durchgeführte Gedanke, die völlig ~apriorisch~ gegebene,

ontologische Maxime des»Prozesses«, die mindestens alle weltlichen,

enzyklopädischen Kategorien als bloße wellenhafte, übergleitende,

unendgültige Gestaltqualitäten setzen läßt, mag auch Hegel, trotz

seines prozessual angelegten Systems, noch inkonsequenterweise

auf Platons fixierten Himmel zurückgegriffen haben. Nun gibt es

allerdings einen letzten Punkt, an dem sich die geringe Anteilnahme

des Bewußtseins an sich selbst und das einzelwissenschaftliche Ghetto,

die empirische Bescheidenheit dieser Philosophie trotzdem gerächt

hat. Sie wäre gut gewesen, mit Maß verwendet und nur hier und in die

aufbauende Arbeit eingemengt. Nämlich überall dort, wo das Denken

erkennt, daß seine Gegenstände zunächst als individuell-intensive

einfach hinzunehmen sind, weil sie nicht rein logisch abgeleitet

werden können und doch da sind und gedacht zu werden fordern. Denn

es ist uns bereits vorausgewaltet, ja in gewissen Grenzen bereits

vorausgedacht und entschieden; es ist nicht nur etwas außer uns,

sondern auch etwas vor uns gewesen, das Geleisanschluß verlangt;

dieses zu wissen, wird zugleich eine gute doppelte Sicherung bei dem

Problem des objektslogisch Konstitutiven gewähren können, sofern

der Mensch und seine Gedankenwelt nur das Schlußkapitel der Welt

darstellen und so alle vorgearbeitete Logik, mag sie auch schwach oder

bedenklich sein, irgendwie in dem neuen transzendentalen Realismus

des Logischen berücksichtigt werden muß. Aber dadurch darf nicht das

Logische selber und total mit dem Glück des Aufreihens zusammenfallen.

~Daß~ ein Stein fällt, ist alogisch; ~wie~ ein Stein fällt,

sofern er fällt, das ½ g t^2 der Regel und Formel seines Fallwegs

ist freilich nicht mehr alogisch, sondern »logisch«; aber doch nur

logisch im einzelwissenschaftlichen, induktiven Sinn einer jederzeit

gültigen Berechenbarkeit und nicht in der anderen, philosophischeren

Weise, die vom Logischen letzthin und mindestens durchscheinend das

Gerechte, Lösende, Einleuchtende und religiös Ergreifende überhaupt

verlangt: dein Wort ist die Wahrheit oder Gott wohnt in der Wahrheit,

wie dieses seit jeher die Verwandtschaft der Apokalypse mit der

absoluten»Logik«bezeichnete. Alles, was bei Hartmann erschlossen wird,

ob es auch noch so scharf von dem bloß Kraftbegabten unterschieden ist,

bleibt doch nach der induktiven Erschließung und Aufeinanderbezogenheit

zum Inventar überbewußter Vernunft genau so unbegreiflich und einfach

nur gegeben, gleichgültig und unevident wie das Kraftbegabte,

Verwirklichende, bloß Intensive und Alogische selber. Daher kommt

auch Hartmann zu dem für einen Denker, der nur in der Ganzheit

leben sollte, völlig niederschmetternden Satz, daß man von seiner

induktiven Philosophie die Spitze weglassen darf, wenn man von einem

bestimmten Grad ab die naturgemäß abnehmende Wahrscheinlichkeit der

Ergebnisse des Systems nicht mehr mitzumachen wünscht -- Ergebnisse,

die am Ende nicht nur induktiv-naturwissenschaftlich, sondern gemäß

der rein gesetzhaften Fassung des Logischen, Entelechetischen auch

materialistisch abgestimmt sind. Wie bei Moleschott das Leben so eng

wurde, daß nicht einmal ein Kopf mehr darin Platz hatte, so wird bei

Hartmann das Bewußtsein zur bloßen Episode; wie dort die menschlichen

Seelen und Werke an der Materie lediglich phosphoreszierten, als

unkräftige, nichts bedeutende Begleiterscheinungen und äußerliche

Produkte, so ist in der Philosophie des wesentlich Unbewußten, wie

bereits zu sehen war, das Bewußtsein zum bloßen Stutzen, zur bloßen

vorübergehenden Stupefaktion des unbewußten Willens geworden: es haftet

lediglich an den ihm aufgenötigten Empfindungen, indes dahinter die

Verknüpfung und Ordnung der Empfindungen zu Anschauungen, Wahrnehmungen

und Vorstellungen auf ein unbewußtes Subjekt als Träger und Produzent

der Bewußtseinswelt zurückweist, und die Materie selber, der Baumstamm

der Welt, zum Geistartigen, ja sogar zur plotinischen Usia, aber

durchaus mit dem beibehaltenen, aus dem Materialismus stammenden

Charakter des Unbewußten, Unpersönlichen umgedacht wird. Immerhin:

zwei Dinge sind bei Hartmann wesentlich, und sie werden nicht mehr

aus der philosophischen Diskussion verschwinden. Das ist einmal der

wichtige Gedanke, daß es keine reinen Vernunftbeziehungen geben kann,

da mit ihnen keine eigentliche Beziehung, sondern nur eine ungespannte

Identität zustande kommen könnte. Alles logisch Erscheinende ist

zweiseitig, ist ein Beziehungsbegriff zwischen einem Daß als der Form

der Tätigkeit, das heißt der potentia oder des geistlosen Intensiven,

und einem Was als der Form der bloßen Möglichkeit, das heißt der

possibilitas oder des in sich kraftlosen unentfalteten Logischen. Es

ist hier nicht der Ort, um auch nur andeutungsweise die Hartmannsche

Entwicklung der Kategorien zu untersuchen; noch weniger, ob Locke und

der auch bei Hartmann verwendete psychologische Leitfaden oder Kant und

der formallogische Leitfaden der kategoriellen Aufreihung den Vorzug

verdienen; und ebensowenig, ob die überweltlichen, schlechterdings,

das heiß tempirisch konkurrenzlos geltenden, überenzyklopädischen,

paradoxen, wohl gar letzthin rein mythischen Kategorien, diese

entscheidenden Gegenstände der Gründlichkeit und Vollkommenheit, in

der von Hartmann eingesetzten dritten, metaphysischen Sphäre des

Kategorialsystems einen Ort finden könnten. Was aber zum Anderen

fortwirkt und Hartmann in gewisser Weise stärker noch als Nietzsche

und Schopenhauer teleologisch hervortreten läßt, das ist die

Leidenschaft, mit der wenigstens anfangs der Philosoph des Unbewußten

den Kulturprozeß apokalyptisch einzuspannen suchte. Es ist freilich

wenig daraus geworden, die Person und ihre schließlich unechte,

unfromme, philiströse, nur am Gedanken trunkene Grundgesinnung

reichte nicht aus. Hartmann spielt mit den Geheimnissen und macht aus

ihnen Unterhaltungen und wunderliche Pedanterien; trotzdem, es ist

nicht unbedeutend und letzthin von einer dem Subjekt des Philosophen

überlegenen Großartigkeit des Aspektes, wie hier Enttäuschung über

Enttäuschung sichtbar gemacht wird, wie unterwegs sogar die Absicht

einer Geschichtsphilosophie der fortschreitenden Desillusionierung des

Menschengeschlechts erscheint (gleichsam eine gedankliche Parallele

zu der Flaubertschen Tentation de Saint Antoine), und wie letzthin

ein Weltende durch Parlamentsbeschluß proponiert wird, als Frucht und

Majoritätsakt eines Pessimismus, der die allzu schmale Schopenhauersche

Individualerlösung mit allen Mitteln der Kulturorganisation zur

Universalerlösung erweitert. Dabei kehrt auch wider alle Abrede das

Bewußtsein wieder, und zwar als weltenwendende, willenswendende Kraft

katexochen; allerdings schlägt gleich dahinter auch der latente

Materialismus des Hartmannschen Systems wieder zusammen, sofern der

Passionsweg der Welt schließlich in dem lächerlichen und trostlosen

Epizyklus eines Unbewußten endet, das entsprechend der Pseudologik

seines Grundes, seines mehr aus Materie als aus Nirwana bestehenden

Substrats, die Auferstehung zu einem Grab und das Himmelreich zu der

höchst unabsoluten, labilen Möglichkeit neuer Weltelende degradiert.

* * * * *

[Sidenote: Nietzsche, die Kirche und die Philosophie.]

So bleiben hier selbst bedeutendere Denker instinktlos allein.

Denn die Lampen unseres gläubigen Ichs brennen gegenwärtig allzu trübe.

Wir schweigen von dem verdorrten jüdischen Gesetz, dem nicht nur

die schlechten, die hohlgewordenen Juden entfliehen. Wir schweigen

noch mehr von der wässerigen Feuerseele des sogenannten liberalen

Protestantismus, der ein einfacher Rechenschaftsbericht moderner

Lauheit, Glaubenslosigkeit, Dummheit und Gottleere ist. Daß es so

steht, macht diese Menschen auch noch überheblich und zufrieden. Aber

es wäre, wenn die Hoffnung auf sie sterben könnte, nicht minder das

Beste, auch über die große katholische Kirche mit Trauer hinwegzugehen.

Sie ist ängstlich und kraftlos geworden wie ein altes Weib und lebt

wie dieses fast nur noch in der Vergangenheit. Sie glaubt, wenn sie

mittelmäßig ist, korrekt zu sein und zittert vor jedem Studenten der

Chemie, daß er mit seinen Experimenten das Dasein Gottes erschüttere,

dieselbe Kirche, die einst so sicher war, daß sie sich von dem Heiden

Aristoteles ihren ganzen Lehrbegriff vermitteln ließ. Seit fünfzig

Jahren ist der Kirchenstaat verschwunden, aber statt das nach oben

hin offene Barock zu begreifen und zur Gesinnung zu erwählen, hängt

das Auge des offenbar zur Antiquität übergehenwollenden Katholizismus

an dem verderblichen Polisgedanken seines Mittelalters und an dem

fertigen Panlogismus des Allgemeinen überhaupt. So kann die Kirche

zwischen Voltaire und Kierkegaard keinen Unterschied mehr machen.

Sie kann nicht begreifen, daß der eine wie immer nur zu hassen und

zu verfolgen ist, während der Däne das Leben hält und berufen ist,

als echter neuer Kirchenvater verehrt und studiert zu werden. Nicht

anders steht es mit Nietzsche, dem wollenden, zielhaften Denker an

sich. Allerdings dürfte die blonde Bestie nicht als die entsprechendste

Lebensweise des Übermenschen beibehalten werden. Denn Nietzsche hat

fast jede Schranke zwischen dem Jetzt und dem Nu außer acht gelassen,

und Zarathustra verkündet eine zwischen der niederen praktischen

Gegenwart und der letzten mystischen Gegenwart schwankende und unreine

Aktualität. Er hat nicht nur die organische Kraft undeutlich zu der

ethischen Kraft emporgeschraubt, sondern auch jede Umrechnung und

qualitative Transzendenz des moralischen Ichs versäumt oder wenigstens,

mag er auch noch so heidnisch, noch so freudengöttlich, dionysisch

bleiben wollen, im metaphysisch Unklaren gelassen. Darum können alle

die Mittel, die Nietzsche nach oben richtete, um den Sturm auf den

zögernden Himmel zu ermöglichen: der Wille zur Macht und das Bild

einer aus endloser Wiederholung imitierten Ewigkeit, darum können

alle diese viel zu zeitlich, militärisch und irdisch, halb aus der

Welt und halb aus der Überwelt durcheinandergebildeten Imperative

nur den mißglückten Versuch eines dritten Testaments darstellen, das

an seinem zu niedrig und dann wieder allzu abstrakt gelegten Apriori

zugrunde geht. Und doch besteht an der Gewalt dieses veränderten,

zielhaften Denkenwollens aktivistischster Art kein Zweifel. Es ist,

wenn man will, aufs Neue der stoischen, rein menschlich interessierten

Bewegung verwandt, wenigstens wird Nietzsches Lebensarbeit, außer

ihrer schlechten Mitte, völlig erfüllt vom Kampf gegen den kalten,

undionysischen, unmystischen Menschen, gegen das Daseinsrecht und

die Wahrheit der wissenschaftlichen Wahrheit überhaupt, ohne Subjekt

und ohne Traum. Nietzsche ist so durchaus auf den Befehl oder die

Gesetzgeberschaft der Kultur eingestellt und von einer solchen

Erschütterung der Intellektualität, des unpathetischen, alles als

fertig begreifenden Rationalismus innerviert, daß sich mühelos die

Beziehung auf die umgekehrte Tendenz in der Renaissance ergibt. Darum

leuchtet hier zuerst die Ahnung eines noch nicht bewußten Wissens auf,

darum macht sich hier das nicht Entsagenkönnen, die Unersättlichkeit

der Forderung schöpferisch, um ihre tausend Flaschen und Essenzen

aus dem Essayraum der Hoffnung in das Werk hineinzugießen, darum

zieht hier ein umwendendes Wollen, ein motorisches Denken des Neuen

herauf, als die große, bisher noch völlig undurchforschte Bewußtheit

oder Bewußtseinsklasse eines Eingedenkens, wie es unter Abzug

aller bloßen Wiedererinnerung und alles bloßen erfüllten Alphas

des Platonismus oder Hegelianismus der Welt ihr Ziel geben möchte;

darum zeigt sich die Gesinnung dieses so bedeutsam pragmatistischen,

sowohl auf das zurück Wollenkönnen des Willens gegen das, was war,

wie auf das Neue, auf moralisch-metaphysische Einbrüche gerichteten

Philosophierens von einer Welt beleuchtet, die noch nicht da ist;

unmittelbar an der Brücke zur Zukunft, an dem von dem eigenen Willen

beherrschten Problem der Teleologie gelegen. Es ist derart gewiß,

daß Nietzsche, ja kräftiger gesprochen, daß Luther, Kant, Fichte,

Feuerbach, Kierkegaard, Dostojewski, Schopenhauer und Nietzsche,

daß alle diese zerstörenden, das heißt letzthin ehrlichen und guten

Geister der Neuzeit, diese gründlichen Humanisten und Atheisten, in

denen alle Schrecken des ausgelöschten Jenseits fruchtbar und mit

mehr oder minder moralischer Ausbiegung überdacht worden sind, -- daß

also auch der befehlende, prophetische, um das Wohin und Überhaupt

bekümmerte Nietzsche noch einmal vorkommen muß, wenn keiner von

allen systematischen Freunden und Erklärern des unteren, objektiven,

geschlossenen Systems, auch Hegel nicht mehr, diskutierbar geblieben

ist. Denn hier hört die gelehrtenhafte Ruhe auf, die ehemals indisch

oder gnostisch erlaubt gewesen sein mag. Hier wird eine andere

Selbständigkeit als die des lumen naturale verlangt, und die Welt

hat in der zweiten, gefährlicheren Epoche der Neuzeit aufgehört, ein

bloßes Rätselspiel für den begreifenden Intellekt zu sein. So wenig

also auch der Traum der absoluten Erkenntnis ausgeträumt ist, so sicher

ist doch jeder fertige Panlogismus vorüber und abgetan. Es muß auf

das Leidenschaftlichste darauf gedrungen werden, daß das Erbteil der

seelischen Müdigkeit und Gottferne, aber auch die Kraft der Sehnsucht,

die alte von Jesus verliehene Magie des Fürsprechens und der heiligen

Messe neu zum Begriff kommen; das heißt, daß auch in der Kirche, diesem

mit allen Kräften wieder zu gewinnenden Umbau aller Philosophie,

die Veränderung ehrlich reflektiert werde, die sich sowohl in der

einsameren, noch objektslos schwangeren Innerlichkeit wie auch in der

göttlichen Objektsreihe seit den Tagen der spätantiken und gotischen

Dogmatik, gemäß der Geschichtsphilosophie des Apriori selber, vollzogen

hat. Hier führt ein subjektiv-apokalyptischer Weg herauf, und den

müßte der allzu politisch, allzu korrekt und hellenisch-thomistisch

festgelegte Katholizismus allerdings zu Ende gehen, wenn der entartete

Individualismus der Neuzeit zu seiner ethisch-metaphysischen

Prädestiniertheit genesen soll, und wenn anders nicht die Kirche selber

ihre Führungskraft in dem neuen metaphysischen Zeitalter verlieren

will.

Innerlichkeit und System.

Fast alles in uns ist schon irgendwie bei Kant vorgedacht, sonderbar

und streng verschlossen.

Gewiß, wie er sich gibt, ist er nicht unmittelbar reich. Seine Inhalte

spielen sich allesamt in einem sehr zufälligen Rahmen ab. Wir sehen

englische Zweifel, preußisches Pflichtgefühl, Glaubenwollen, aber

nicht Glaubenkönnen, gelähmte Intuitionen und ein kümmerliches Leben

obendrein, sichtbar an der Mehrzahl seiner Beispiele und gewissen

unbeschreiblichen rechtsphilosophischen Bestimmungen, zum Beispiel

solchen der Ehe.

Damit arbeitet Kant, und es ist begrenzt genug, woran sein Denken

anhebt. Er fragt, wie die Formel der Massenanziehung möglich sei, um

daraus, daß sie möglich ist, das vernünftige Vermögen zu umschreiben.

Es läßt sich mit Recht bezweifeln, ob denn diese zufällig nach

Newton und nach nichts anderem orientierten Grenzsetzungen und

transzendentalen Beschaffenheitslehren des Geistes innerhalb einer

größeren phänomenologischen Weite des Bewußtseins überhaupt noch etwas

zu bedeuten hätten. Denn man kann ersichtlich genau so gut fragen,

wie javanische Tanzriten, indische Mysterien, chinesischer Ahnenkult

möglich seien oder, um westeuropäisch und, sofern man für Newton die

Scholastik setzen kann, auch szientifisch zu werden, wie der Opfertod

Christi, die Gnadenwahl, die Apokalypse und gewisse andere ähnliche

synthetische Urteile möglich seien, vor allem, wenn man nicht einen

Winkel, sondern den ganzen, uns Menschen zugeteilten Geist ausmessen

will. Darum will der Kantsche Spott gegen das Schattenreich, gegen die

Luftbaumeister des Gedankens so wenig besagen. Was soll es dem Anderen

ausmachen, daß das Verfahren des Einen, das als Muster gesetzt ist und

wirklich für alle grauen Enten gilt, für das Andere, das wegen seiner

Seltenheit, Aristokratie oder Höhe nicht als Muster gesetzt wird,

konsequenterweise nicht gilt, eben weil es ein Schwan ist und anderer

Regeln Lauf hat. Von hier aus läßt sich kritisch nichts beweisen und

so kann, wie es in gewisser Form schon Scheler und Hartmann sahen,

auch die transzendentale Dialektik, sofern man andere als die der

Kantischen individuellen Phänomenologie immanenten Zusammenhänge

sieht, nichts weiter als die banalste Ungerechtigkeit und Tautologie

bedeuten. Es bleibt also letzthin völlig unerheblich, wenn sich

die Verfahrungsweisen, die die reine Mathematik und Newtonsche

Naturwissenschaft als allein akzeptierte Erkenntnis möglich machen,

auf Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, mithin auf die moralischen

und religiösen Objekte nicht anwenden lassen und deshalb diesen

Erkenntniszusammenhängen auch den Charakter der empirischen Realität

entziehen.

Aber es gibt noch einen anderen Kant, und dieser Kant ist nicht zu

verbrennen. Es ist erschütternd zu sehen, wie das Gewaltige in ihm

der Schwäche seines Körperbaus nicht fremder und gleichgültiger

gegenüberstehen kann als der Enge seines individuellen

Erlebnisquerschnitts. Er wehrt sich zwar gegen sein eigenes Genie,

aber es zeugt von einer auf die Kniee zwingenden Gewalt dieses Genies,

wie hier die phänomenologisch fast unzugänglichen Akte der Genialität

jede Erklärung oder Beurteilung von den Zufälligkeiten, Gegebenheiten

der Phänomenologie aus zuschanden machen. Darum behält die Frage,

wie etwas allgemeingültig möglich sei, nur bei Kant ihre Größe.

Sonst ist sie zu zufällig, auch zu buchmäßig, eine Geschichte der

Wissenschaften, die in eine Theorie der Wissenschaften übergeht, und

alles Begrenzte, Zufällige des Stands der als kanonisch ausgewählten

Werke strukturell verewigt. Dasselbe gilt von den allgemeingültigen

Urteilen a priori sittlicher und ästhetischer Art, bei denen ein

Kant dazu gehört, um über dem begrenztesten inhaltlichen Material

trotzdem eine den weitesten Inhalt mitbetreffende Überinhaltlichkeit

der Formalerzeugung aufgehen zu lassen. Wie etwas a priori möglich

sei -- das läßt sich überhaupt nicht auf die Urteilsfunktion, auf

die»Logik«der Natur, der Sittlichkeit, der Schönheit einschränken;

mag auch bei der weitergehenden transzendental-realistischen

Beziehung auf die darin wirkenden, fortwirkenden Dinge, Willensakte

und Ideen die rein ~formale~ Vornehmheit des Apriori zugunsten

eines ~realen~ Bedingungscharakters aller »Erfahrung«, besser

noch: zugunsten eines Apriori als metaphysischer Deduktionsursache

des Seinsollenden,»Logischen«, Kanonischen in der Welt vertiefbar

sein. Aber Kant besitzt, wie gesagt, die folgenreiche Fähigkeit,

seine eigenen spärliche Inhalte durchscheinend zu machen und dem,

der es wünscht und soweit es der eigene Gang Gottes, also die

Geschichtsphilosophie des Metaphysischen erlaubt, sowohl die indischen

Mysterien wie die Apokalypse transzendental einzuordnen. So sind bei

Gelegenheit der englischen Astronomie alle die weiteren und prägnant

wissenschaftlichen Zusammenhänge der Tatsachenlogik getroffen, und so

sind weiterhin durch das Verbot, diese Kategorien auf den preußischen

Moralismus oder die gelähmten Intuitionen anzuwenden, also durch

das»unglückliche«Verliebtsein in das, was man bisher unter Metaphysik

verstand, einerseits die Wege zur Postulatslogik und andererseits die

Wege zu der ehrlichen, großen, subjektiv-ethischen Metaphysik des

Zeitalters der Gottesferne frei geworden.

Geist der Utopie · 第 23 / 39 段