amorphen Fließen der Augenblicke. Aber zunächst, haben wir selber
nichts mitbekommen, um mehr zu sein? Sind wir mit unseren aufbauenden
Kräften nicht lebendiger als das Leben? An uns allein ist es, zu
raten, zu befehlen, zu entscheiden, was an Neuem kommen soll. So
geht es hinaus, zur Tat, zum Handeln, zur verachteten Maschine, zum
Vergewaltigen des Lebens, damit es Leben sei. Es ist vergebens,
hier den demütigen Blick vor dem draußen so überreich Gegebenen
herauszukramen. Es ist schädlich und gefährlich, diese alte, ehemals
hochgeartete griechische, vielleicht auch gotische Haltung wählend
des Sturms und der Gottleere dieser Tage erneuern zu wollen. Wir
haben das Band verloren, furchtbarer als es Scheler und den anderen
sich schickenden Lebemännern hinter Bergson jemals zu Bewußtsein
kam, und nur mitten durch die besserwissenwollenden, revolutionär,
utopisch organisatorischen Energien hindurch ist der Anschluß wieder
zu fassen. Es nützt nichts, sich so zu verstellen, gönnend, liebreich
partout, betrachterisch vornehm, mit Demut, Ehrfurcht und der Gebärde
einer phänomenologischen Gottesruhe, als ob alles noch so wäre wie
einst, als ob uns nicht Fichte, der höchst Bewegte, der selbst aus
Gott das Sein austrieb, unendlich viel antibourgeoiser, dem Propheten
und seiner irrationalen Energie verwandter erschiene denn alle diese
behaglichen Mystiker zusammen genommen, wie sie sich von den Renten
der ihnen gewordenen, ihnen genügenden Welt ernähren. Wir stehen
fremd zu den»freien«und bedürfnislosen, religiös unbegabten Menschen,
aber wir werden gequält vom Anblick der Frommen aus dürftigster
Gewohnheit, die nie das Brennen gekannt haben, und es wird -- nicht
weil sie uns zu viel wären, sondern weil sie uns zu wenig sind -- zum
Bruderstreit, zum erbitterten, versöhnungslosen Kampf, der hier gegen
die eitlen, zurückblätternden, falschen Mystiker und Panlogistiker
des Neukatholizismus und seiner Unterschlagung der Priesterkraft,
der Zitation auszutragen ist. Nur durch die Tat und ihre Unruhe geht
der Weg zur neuen, echten Innerlichkeit und nur durch die weiteste
utopische Einstellung dieser Innerlichkeit kann an der Sphäre jener
Gnadenwirkung gesogen werden, die nicht mehr nur von Gott zu geben
ist. Wer sie herzlicher zu haben glaubt, die Gnade, wer die neue, ganz
andersartige Unseligkeit, wie sie Dostojewski und Strindberg zeigen,
mit dem common sense-distinguo der alten Beichtbücher oder auch mit
den erloschenen Spekulationen der Neuscholastiker zu analysieren
oder gar zu beantworten sucht, der verlegt den neuen, sich leise von
Rußland her einbildenden Ethisierungsweisen die empfindlichsten Wege
und verhindert derart, mitten in diesen qualvollen Adventsnächten, die
Reichszeit als das letzte Zeitalter der Offenbarung zu kommen. Sie
haben keinen Gott mehr, diese wahllos umarmenden Lebensfreunde und
arkadisch kopierenden Männer, oder vielmehr: Gott liebt einen einzigen
ehrlichen Atheisten, der weiß, was das heißt, mehr als Tausende
dieser Frommen. So bleibt das alles irgendwie bei dem bloßen kruden
Lebendigsein ohne unsere Manneshand darin stehen. Wenn aber der Weg zur
inneren Freiheit gesucht wird, so liegt es bei Bergson lediglich an
der ungenügenden Durchbildung seiner Methode, daß er die Maschine und
prinzipiell auch das Recht als geschichtliche Umformungsmächte ablehnt.
Er denkt hier inkonsequenterweise nicht in der Verlängerungslinie des
organischen Lebens, das gerade in den Erweiterungen des menschlichen
Aktionsradius seine höchsten Triumphe und Intensitäten findet. Darum
ist auch das pragmatistische Erbe schlecht angetreten, sofern Bergson
in dem hinreißenden Tempo der Maschinen oder in den Phänomenen der
Großstadt und des alles umformenden, sprunghaft ernennenden und fast
schon einer Wiedergeburt vergleichbaren Gedankens der Rechts- und
Gesellschaftsordnung nur Äußerlichkeit oder allzu inhaltliches Schema
sieht und nicht jene weithin beeinflussende menschliche Kraft, die
in diesen Vehikeln und Apparaten nur die weitere Ausbreitung und die
fruchtbare Bindung ihrer Gehalte betreibt. So gerät Bergson, was er
biologisch vermieden hat, gerade moralisch, wo der Dreifuß seines
allertiefsten Grundes stehen könnte, ins Schwärmen und in eine völlige
substanzfremde Beziehungslosigkeit. Man könnte sich denken, wie hier
die stets sich neu ergießende und gütige Seele gegen den starren,
grundsatzmäßigen Charakter ausgespielt würde; wie hier die großen,
gänzlich freien und schöpferischen Augenblicke des Beisichseins, ja
sogar die an zahllosen Wendungen und Erneuerungen reiche Autonomie
der sich selbst setzenden individuellen Einheit jedes Lebens gegen
die Armut inhaltlich fixierter Machtgebote gepredigt würde. Jedoch
gerade das selbstzerstörerische Glücksspiel des Flusses kann nichts
Sittliches beweisen oder garantieren: und wenn schon Kant wegen der
fehlenden Deduktion des obersten Prinzips der Moralität ins Leere
und Undeutliche gerät, so muß der Haß gegen alle Entspannungen,
capita mortua und automatisch gewordene Ableitungen dort erst recht
unkräftig bleiben, wo die nicht im mindesten hypothetische Strenge
der Kantischen Ethik und ihres zwar überinhaltlichen, aber auch
überhistorischen Prinzips fehlt. Sodann aber, endgültig genommen, was
soll das Achtgeben auf das Vergehen eines Stücks Zucker mit dem Leben
zu tun haben? Muß nicht jedem glühenden Menschen der Zeitablauf auch
in der höchsten Beschleunigung als etwas Unerträgliches und Stockendes
erscheinen? Ist es nicht so, daß gerade die reißendste Bewegung die
Zeit und ihr Leben tötet und ihren Ablauf feindlich und widersinnig
macht, ja fast zum Stillstand, zum einfachen Nebeneinanderrücken
zweier Orte zu verwandeln strebt? Wer lange wartet und nun plötzlich
von dem Trommelwirbel in der Ferne, von dem raschen Näherkommen der
Musik, von dem Auftauchen der Fahnen und Feldzeichen erschüttert wird,
dem kann das Anschwellen und der zeitliche Verlauf nichts als Mittel
sein und nur insofern die Reize einer ungewollten Regie enthüllen,
als hier ein großes Ereignis im Anmarsch ist, das die lange Zeit des
Wartens durch den Blitz der Erfüllung sprengt. Nichts ist matter als
auf jede beliebige Koketterie des Lebens einzugehen und nichts liegt
gerade dem feurigen, affektvollen, zielhaften Menschen näher, als
den zunächst grundlosen Elan endlich zum Stillstand, zur Farbe und
zur Konfession zu zwingen. Man soll nicht jenem horazischen Bauer
gleichen, der vergebens darauf wartet, daß der Fluß endlich einmal
abfließt, und man soll nicht vor den Türen der mehr oder minder großen
Augenblicke wie vor einer Theaterkasse antechambrieren, statt die Zeit
in jeder Sphäre zu überholen und den Mangel an Entelechie zu füllen.
Das völlige Mitgehen, das Raten und Suchen nach dem Ziel, das Gehen
um anzukommen, das tätige und helfende Mitbewegtsein vertieft sich
so gut und noch besser wie die Intuition in den Fluß, die Dauer und
das Wagnis des Prozesses; aber es nimmt ihm die Eitelkeit auf seinen
unabgeschlossenen Affektcharakter, auf seine ziellose Apotheose der
Unordnung und führt letzten Endes in eine andere Tiefe des Lebens, des
gestalteten, gebauten, beherrschten, zur Entscheidung kommandierten,
von dem Rationalismus des Irrationalen durchstrahlten Lebens, als sie
das bloße Bergsonsche Beteuern und stets antithetische Ausspielen
gegen den Begriff, die Automatie und Materie gewinnt. Man kann einen
Fluß nicht einmal denken, ohne die Mündung mit zu meinen. Indem aber
Bergson das Leben überhaupt nicht anders als polemisch zum Toten
erläutert (Kant brauchte sich nicht stets mit Wolff zu konfrontieren,
um an diesem Negativen zu zeigen, was Kritizismus sei), bleibt Bergsons
Lebensbegriff mannigfach in einer schwankenden Mischung zwischen der
bloßen Erlebniswirklichkeit einerseits und der Mystik des Organischen
andererseits befangen: zwischen jenem Leben also, worin Sämtliches
durcheinander und nie zu Ende geht, als dem bloßen amorphen Fließen
der Augenblicke und alleinigen ~Problem~ zu einer Erkenntnis --
und jenem Anderen, enger, präziser Leben benannt, das aus dem bloßen
aktuellen Querschnitt der Erlebniswirklichkeit bereits als der Genius
und Leitgedanke einer organischen Sphäre herausgearbeitet worden
ist. Sofern es sich aber in diesem letzteren bewegt, herrscht bei
Bergson schließlich allein die schlechte Freude an dem leeren, in sich
weglosen Akt des Schaffens, des göttlichen unter sich Schaffens, wie
es, eben gemäß der zweiten, wesentlich naturphilosophischen Hypothesis
der Bergsonschen Intuition, in den niedrig sprunghaften Gebilden der
gärenden Natur erkennbar ist. Das ist der merkwürdige Fall eines genau
wiederholten Schopenhauerianismus mit den reflexiven Gehirnfunktionen
und dem Ding an sich: ebenfalls als solches erlebt im eigenen Blut,
ja sogar hineingetrieben in Zeit und Geschichte, aber trotzdem bejaht
durch eine Philosophie, die kein Leid, keine Kraft, keine Menschentiefe
und derart auch keine konstitutiven Gehirnfunktionen über dem Willen
zum Leben kennt und anerkennt.
Husserl und Hartmann.
Dagegen gehalten ist Hartmann gewiß nicht seelischer, aber schärfer,
uninteressanter, gründlicher als Denker, und zudem spielt bei
ihm ein tieferer Schopenhauer mit herein. -- Auch hier kehrt ein
sonderbares Beschreiben wieder. So wird uns zunächst auch Husserl
von neuem mannigfach verwandt nahegelegt. Freilich zeigt sich bei
der phänomenologischen Analyse ein vielfaches und unter sich nicht
ganz vereinbares Tun am Werk. Das Beschreiben, das Verdeutlichen, das
wesensmäßige Aufzeigen des Gegebenen und zuletzt das anamnetische
Eingedenken werden durchaus nicht deutlich als die verschiedenen
Unterströmungen und Methoden der Phänomenologie auseinandergehalten.
Sie haben ihre Richtigkeit, jedes an seinem Orte und in reinlicher
Trennung eben des Pedantischen und Ekstatischen. Man weiß besser
seitdem, was Meinen und Denken ist, als es neukritisch möglich
war, wo es sich erst rückschließend aus seinen Früchten erkennen
ließ, die begrenzt und zufällig genug sein können. Weiter, aus
dem außerordentlich fruchtbaren Brentano-Husserlschen Gegensatz
zwischen Aktverdeutlichung und Gegenstandsverdeutlichung läßt sich
ein vollkommen neues Bild der Psychologie gewinnen, zum Beispiel:
»Grün-Empfindung«,»Gewinn-Streben«, also noch über die Stumpfsche
Unterscheidung von Erscheinungen und Funktionen hinaus, wobei
wahrscheinlich nur die einzelne Farbgebung, also der spezifische
Aktvorgang psychologisch bleiben wird, während die davon freilich
durchgehends gefärbte, determinierte Reihe möglicher psychologischer
Gegenstände einer allgemeinen Gegenstandstheorie oder, wenn man
den Nutzen dieser uferlosen Versammelbarkeit nicht einsieht, den
einzelnen Wissenschaftskomplexen zufallen wird. Drittens, und
das ist, verständig, formal angewendet, einer der Hauptgewinne
phänomenologischer Methode, es wird möglich sein, daß sich
scharfsinnige und mit sonst nichts beschwerte Forscher insoweit höchst
nützlich betätigen können, als sie die ganze begriffliche Sprache auf
ihr Meinen hin durchmustern, um uns alle Bedeutungen, sowohl die der
sinnlich dingmäßigen als vor allem die der gedanklichen Bänder, der
Gegenstände höherer Ordnung, in einer reinen, phänomenologischen Logik
klar zu legen. Nur darf das nicht gepreßt werden, man darf nicht den
Wortgebrauch, wie er geht und steht und abgestanden ist, geradlinig
weiter verfolgen wollen. Wer sich das Löwenhafte an sich verdeutlicht,
weiß nichts von den Löwen, sondern nur von gewissen Arten heldenhaften
Verhaltens; wer feststellt, was mit dem Wort Wille oder Aufmerksamkeit
gemeint ist, hat, wie man Külpe zugeben muß, diese noch nicht
psychologisch tatsächlich und gesetzlich erkannt, sondern lediglich
Bedeutungsanalyse getrieben und Bedeutungsrichtungen fixiert. Wird es
weitergeführt, sucht man Weiterforschung mittelst des Gemeintseins,
der kategorialen Anschauung oder wie immer zu gewinnen, dann ist
auch Eulenspiegel ein guter, wenn nicht der treueste Phänomenologe,
und seine wortklauberischen Exaktheiten, bestenfalls noch die common
sense-Philosophie triumphieren. Oder nicht einmal diese, sondern
die möglichen Meinbarkeiten werden gesammelt; und daraus entsteht
ein Bilderbuch, ein Bilderkabinett, ein stilles Obdach heimatsloser
oder heimatsfremder Gegenstände, ein Mosaik, völlig unbewegt und
ohne Zug (denn auch der Zug, der Zusammenhang ist ein für sich
stehender Gegenstand höherer Ordnung), und zwar kein byzantinisches
Mosaik, das völlig hierarchisch gewertet ist, sondern trotz der
sich in der Husserlschule allmählich durchsetzenden Phänomenologie
der Sphären, der regionalen Eidetik, ein innerlich totes Inventar
begriffsinhaltlicher oder sonstwie gegebener Mannigfaltigkeiten.
Wird aber dieses vermieden, wird zugegeben, daß das große Sehen, das
durch den Kopf des Phänomenologen gehen mag, nicht auch zugleich das
historisch Irrationale in den realen Objekten durchdringt und sich
zur Deckung bringt, dann erhebt sich die Bedeutungsanalyse sowohl den
einfachen Begriffen gegenüber wie im tieferen Hinblick auf Bedeutungs-
und Begründungseinheiten zu außerordentlichem Nutzen. Es ist sehr
wünschenswert zu wissen, was unter möglich, ähnlich, Stück, Moment,
Abstraktum, Vertrag, Verbindlichkeit und ähnlichen Spezies zu verstehen
sei; und wenn diese Sammlung von Bedeutungsanalysen vollendet wäre,
dann besäße man eine schöne Reihe von reinen Terminologien, eine Art
von Grimmschem Wörterbuch der Philosophie. Daß es notwendig ist, diese
klärende Terminologieanlage zu besitzen, zeigen die Definitionen,
die Spinoza jedem Teil seiner Ethik voraufschickt, zeigt vor allem
die Einleitung zur Kritik der Urteilskraft, die eine klassische
Bedeutungsanalyse des Zweckmäßigkeitsbegriffes enthält. Ebenso gibt
es sicherlich, obwohl dies Husserl ablehnt, eine noch genauer zu
untersuchende Beziehung aller reinen, d. i. der»Wesensanschauung«sich
unmittelbar und treu anmessenden Deskriptionen zu den ideal bestimmten
Begriffen der objektiven Wissenschaft, dem schwerelosen Faden,
dem homo oeconomicus, mindestens zu den einzelwissenschaftlichen
Idealtypen, vielleicht auch zu den Ideen im Kantischen Sinn. Viertens
aber hebt sich der Blick, gerade bei den bedeutenderen Köpfen, weit
über solche bloße Wortbilder hinweg auf die Sache selbst hin, sie
aufzublättern und phänomenologisch anzublicken. Dazu muß zunächst der
Akt selber verschwinden, weiter muß die Existenzsetzung eingeklammert,
ausgeschaltet werden; was dann noch übrig bleibt und keinem Zweifel
unterliegt, ist mein Erfassen des Dings, samt seinem Korrelat, dem
vollen Dingphänomen, das heißt dem in den verschiedenen Empfindungs-
oder Erinnerungsreihen sich stets als dasselbe gebenden Objekt. Es
wird in Husserls Schule mannigfach bezweifelt, ob die Beziehung auf
das reine Ich, dieser neukantianische »Rest«in der phänomenologischen
Fundierung, notwendig sei, ob überhaupt die Phänomenologie eine
Bewußtseinswissenschaft und nicht vielmehr eine Ontologie bilde.
Sicher ist jedenfalls das Eine, daß sie ein nach außen gewendetes
Bemühen ist wie noch nie zuvor, und zumindesten in diesem ihrem
vierten Sinn ein Verfahren reinster Objektivität; so sehr, daß
beispielsweise das Erfassen fremder Personen als allein konstitutiv
für die eigene Person definiert wird, daß weiterhin auch nach
Durchstrich des Aktes und nach Ausschaltung des Daseinskoeffizienten,
die dann beide späterer Akt- und Daseinsphänomenologie zur Last fallen
mögen, das volle, einladende Dingphänomen, Weltphänomen mit allen
seinen jeweiligen Schichten hintereinander übrig bleibt, ein völlig
neues Reich von wahrzunehmenden Gegenständen in einer strukturell
genau vorgeordneten, jeder Subjektivität entzogenen Wesenswelt. Nun
bleibt freilich dieses ganze unsinnlich sinnliche Aufzeigen weithin
innerhalb der bloßen Erlebniswelt stehen und kann daher auch, sofern
wenigstens die Phänomenologie einfach nur der Tendenz auf volles
Erleben, also den in dem Haben des Phänomens weiterschwingenden
Tendenzen nachgeht, lediglich das Ineinander, Durcheinander der Dinge
in dieser Erlebniswelt spiegeln. Sofern sie dieses nicht tut, und
sich aus dem wesensmäßig explizierten Phänomen eine von selber in der
objektiv kontingenten Sachlogik gnadenhaft gegebene Seinswissenschaft
herauszustellen scheint, sodaß die Phänomenologie also nicht nur
ein Verfahren, sondern vielmehr eine Inhaltswissenschaft, ein exakt
vollendbares System ~materialer~ Philosophie involvierte, wirken
hier stärker als es der Husserlschule bewußt ist, vorschreibende
Kräfte, spontane Energieen, aufweckende, kopernikanische Taten,
Baukünste der Ordnung, Kategorial- und Sphärenfunktionen freilich
nicht subjektiver Art, an deren Ende erst das Weltauge, die ideierende
Abstraktion und beantwortende Kontemplation der Phänomenologie
erscheinen kann. Endlich fünftens gibt es, wobei allerdings eine ganz
andere als die übliche, leidenschaftslos betrachterische Haltung
einzunehmen wäre, irgendwie eine Beziehung der Phänomenologie zu dem
Eingedenken, dem Gesolltsein, den ethisch-ontologischen Begriffen.
Hier ist zwar das Rote scheinbar immer noch nichts anderes wie die
Treue. Aber das Treusein ist doch etwas anderes, es sprengt das Meinen,
schwingt wahrhaft über alle Definitionslogik hinaus und bewahrt
Sokrates oder die Viktoriner davor mit Eulenspiegel verwechselt zu
werden. Einiges von dieser moralisch-religiösen Aktverdeutlichung
haben Plotin in seinen Aufzeichnungen über die Erinnerung und
dann vor allem die beiden Viktoriner in ihrer»Phänomenologie«der
cogitatio, meditatio und contemplatio geliefert. Wenn etwa gefragt
wird, ob man in sich den Tod finden kann, oder ob dieses, wie es
Richard von St. Viktor darstellt, der Prüfstein der vollkommenen
Liebe sei, daß beide Liebenden wünschen, es möchte ein Dritter an
ihrer gegenseitigen Liebe derart teilnehmen, daß dieser von beiden im
gleichen Maße geliebt werde, wie sie sich gegenseitig untereinander
lieben, woraus der Mystiker die Dreieinigkeit beweist, mittelst des
tiefsinnigen circulus in probando tatsachenfreier Evidenz, das heißt
also nicht nur Wahrnehmung, sondern Einleuchtung überhaupt: so sind
hier überall Stellen erreicht, an denen das sich Denken wahrhaft
gleichsteht mit dem sich Sein und ontologisch Realität setzt; an
denen das Ich einsam in seiner Welt nach seinen Wesensbestimmungen
sucht, durchaus über dem Niveau bedeutungsanalytischer und erst recht
natürlich realwissenschaftlich objektslogischer Forschung. Nun aber
wäre hier überhaupt zu sagen: soweit auch das Sehen hineinschwingt
und fortleitet, so darf doch das bloße passive Zusehen nicht mit dem
Sehen des Gegebenen verwechselt werden, wie es immer erst am Ende
steht und mühsamste, meinende Gedankenarbeit voraussetzt. Man hält
gegenwärtig vor der gewaltigen Umkehrung, daß das Anschauen nicht
mehr als zu Überwindendes am Anfang, sondern am Ende, und umgekehrt
der Begriff nicht mehr am Ende, sondern eben allein am Anfang steht:
als bloßes Geld, um Anschauung zu kaufen, als bloßes Einstellungs-,
Vorbereitungs-, Intentionserlebnis vor dem Vorhang der»Sinnlichkeit«,
als bloßes motorisches, wenn auch noch so wichtiges Vorspiel, erster
Akt, Explikation, um gesehene, eingesehene Wahrnehmung, Erfüllung des
Gemeinten, Deckung, Selbstdarstellung in Evidenz, Selbstgegenwart
Selbstgegebenheit des Objekts in persona, Füllesteigerung der
Augenwelt, Ohrenwelt, Seelenwelt ringsum zu erfahren. Aber so sehr
auch der Gedanke damit aufhört, oberster Wert und Ziel zu sein,
so gründlich werden, doch die Ergebnisse dieser Revolution aller
Erkenntnistheorie erweisen, daß man den konstruktiven Adam nicht zu
frühe ausziehen darf, daß also zunächst das realwissenschaftlich
erforschende und dann vor allem das Kantisch Konstruktive, das heißt
rufende, erzeugende, impassive, produktive Denken seinen sicheren Platz
vor aller schließlichen Adäquation des»Intellekts«mit der»Sache«als
dem erneuten scholastischen Wahrheitskriterium gewinnen muß. Wer das
Eine tut, darf das Andere methodisch nicht lassen: man kann mit dem
Sinnen nicht denken, sondern nur erfüllen und die gleichsam auf sie
aufgelegten Intentionen antwortend bestätigt hören; man muß also
erst motorisch-phantastisch gewesen sein, um kontemplativ werden zu
können, um danach Sehen des Einzelnen, Erläuterung der Anschauung
durch Kategorialnachfolge, Hellsehen, Hellhören, sich Vernehmen des
Utopischen, je nach dessen Rang, zu gewinnen; gemäß dem noch Finsteren
und Verschlossenen in den Dingen, gemäß der harten, alogischen Kruste
des zunächst Gegebenen und dem fernen, auf die rufende, spontane
Menschenlogik, auf den»naiven«Realismus wartenden Schlaf in allem
zutiefst Gegebenen überhaupt. Daraus erst könnte das Fünfte, der
fünfte Sinn der Phänomenologie entstehen, nämlich total gesprochen:
das sich entgegen Sehen, bis das Ding sich darin entgegen sieht, oder
wie Malebranche es ausdrückt, die Aufmerksamkeit als das natürliche
~Gebet~ der Seele, das Eingedenken, die Entdeckung einer
ontischen Phänomenologie, wie sie lediglich auf das keimende Innere
der Dinge, auf eine universale Selbstbegegnung, Christusbegegnung in
allen Teilen der Welt, zutiefst auf das moralische Innere, gerichtet
wäre: -- bis zur aufgehobenen Berührung, bis zur völligen Deckung
Makariens in den»Wanderjahren«mit dem Sonnensystem, bis zum Sehen
des Du in natürlicher Größe, bis zum unmittelbarsten Durchgang der
menschlichen Intention durch den ontischen Seelenraum. Das wäre dann,
wobei also die übliche, leidenschaftslos betrachterische Haltung
einer Liebeskraft sondergleichen gewichen wäre, die vollendete
Beziehung der Phänomenologie zu dem Eingedenken, dem Gesolltsein,
den ethisch-ontologischen Begriffen als der eigentümlichen Schicht
keineswegs nur privat reflexiver Akte, obwohl ihnen die objektiv
reale Erfüllung, zutiefst auch Erfüllbarkeit überhaupt noch fehlt.
-- Mithin, zusammenfassend, hält man sich an das, was bei Husserl
offen gegeben ist, dann bleibt vieles denkpsychologisch und bei
entsprechender Feinfühligkeit vorab terminologisch wertvoll. Dagegen
dürfte sich das Aufblättern der Dinge, die Ansicht jedes Phänomens
als exemplarischer Unterlage einer Wesensbetrachtung des an ihm
Gegebenen, nicht ohne Mitarbeit an seiner Bewegung, nicht ohne
spontan konstruktive, seinem historisch Prozessualen verwandte Kräfte
betreiben lassen. Auch das Eingedenken ist ohne vorheriges Denken
und ohne die leidenschaftlichste, Kierkegaardsche Lebenssorge des
Subjekts nicht zu erreichen; wie denn überhaupt der Gottesgarten reiner
Wesensbestimmungen nicht außerhalb des Problems der realen Bedeutung
des Logischen, sondern erst hinter dem komparativen Gesetzesstatus und
dessen allein geschichtsphilosophisch aufzuschließendem Theoriegitter
seine Stätte hat.