Freilich gibt es noch ein Anderes darin, wohl zu gebrauchen. Man

darf dabei allerdings nicht vergessen, daß das alles nicht mehr

ganz wahr ist, daß sich viele derartige Erscheinungen aus Zeiten

her erhalten haben, die geistig fallen gelassen worden sind. Und

ebenso, daß Steiner vielfach auslegt und nach seiner Bildung

ergänzt, zurechtmacht, was er nicht»sieht«oder wenn er es sieht,

nicht»versteht«. Es wäre jedoch verfehlt und unsachlich, wollte

man nicht erkennen, daß hier zunächst und mindestens historisch

außerordentlich wertvolle Aufschlüsse vorliegen. Nur durch die

Mitteilungen der übrig gebliebenen, wenn auch kleinen Hellseher

kann der Gespensterglauben, können alle die dunklen Berichte über

Gebräuche der Vorwelt, über die jetzt noch bei sämtlichen primitiven

Völkern gang und gäbene Zauberei heilkundiger oder prophetischer Art,

über Hexenglauben und Magie erläutert werden. Wer darf sich rühmen,

den Opfertrank, die Grabkammer der Pyramiden, die Sternbilder, den

Tierkreis, die Erweckung des Lazarus, die Höllenfahrt Christi, das Tau

des Kreuzes oder das I. N. R. I., das Igne Natura Renovatur Integra,

ganz zu verstehen? Das ist alles ebenso fremd geworden, wie etwa

die Verspottung der alten, kaum mehr nachfühlbaren und doch damals

wahrhaft ungeheuren Streitfrage wohlfeil geworden ist, die ehemals

das Konzil von Nikäa als der Kampf um das Jota in der Homousie oder

Homoiusie Gottes bewegte. Es gibt keinen Religionshistoriker und

ganz eigentlich auch keinen Theologen mehr, der trotz der neueren

babylonischen und astralwissenschaftlich parallesierenden Forschung

die religiösen Symbole oder gar die Vorgänge bei den Mysterienkulten,

die doch noch etwas anderes waren als bildliche Einführungskurse

in die mathematische Geographie, adäquat in einer wie immer

vergleichenden Esoterik begreifen könnte. Dazu tritt eine Erwägung,

sachlich weitaus tiefer verpflichtend. Wir dürfen es uns freilich

versagen, auf das hilflos schwerfällige Bemühen einzugehen, mit dem

bei Steiner etwa eine Abfolge von je sieben Unterrassen innerhalb

der sieben Wurzelrassen das Ganze der geschichtlichen Entwicklung

einfassen soll. Es liegt hier ein Ähnliches vor wie dasjenige, was

Kant an Swedenborg zugleich abstieß und doch zugleich wieder anzog,

ja das ihm in seiner merkwürdigen, ironischen Bekenntnisschrift zu

Swedenborg dessen Theosophie als einen so wichtigen Hilfsbegriff

zur Lehre der praktischen Vernunft von dem Bürgertum zweier Welten

erscheinen ließ. Man kann dieses etwa in Husserlscher Sprechweise

derart formulieren, daß bei den Theosophen durchschnittlich sehr wenig

gewußt, aber trotzdem maßlos viel»gesehen«,»gehört«,»gegeben«ist,

und daß deshalb ebensowohl außerordentlich zahlreiche Meinungsakte

unkultivierter Zufallsbildung und Zufallsauslegung vorliegen, die

sich nicht»erfüllen«und so nutzlose, reflexive Kompliziertheit, wo

nicht gar Charlatanerie bleiben, wie auf der anderen Seite wiederum

eine große Anzahl möglicher »Materie«intentionaler Akte, die aber,

obwohl sie gesehen ist, blind bleiben muß, sofern sie nie adäquat

intendiert wurde, also niemals in den Fokus einer vorhergehenden,

ihrer würdigen Erkenntnistheorie eingerückt ist. So bleibt denn

auch hier schwer zu entscheiden, was unerträglicher an diesem

trivialisierten Rosenkreuzertum erscheinen mag: der Seelendunst an

Stelle des Pneumas, als ob man an einer sinnlichen Welt noch nicht

genug hätte, also die ganze so völlig unreligiöse, sich szientifisch

gebärdende Hineintreibung naturwissenschaftlicher Methoden in die

oberen Geheimnisse zwecks Erzeugung eines versetzten Materialismus

höherer Ordnung (und dies mitten im Zeitalter der reflexiven Physik und

der historischen Selbstbesinnung); oder aber die wahrhaft gymnasiale

Pedanterie, mit der sich das Einzelleben wie der Weltprozeß zu einem

abzuarbeitenden, fest vorgeschriebenen Pensum verwandeln, dessen

Ziele zudem trotz aller»geisteswissenschaftlichen«und letzthin auch

rein anthroposophischen Methodik immer noch von naturphilosophischen

Kategorien umspielt, wenn nicht diktiert sind. Aber wie dem auch

immer sei, schmiegt sich nicht allein schon im Märchen eine lebendige

Spur in alles spekulativ gesinnte Denken herauf? Haben nicht die

Gesichte der ägyptischen Priester die Arbeit aller großen griechischen

Philosophen begleitet, ja sagt nicht Aristoteles selber, der den

Sprung vom einzelwissenschaftlich klassifizierenden zum bildhaften,

ontologisch schöpferischen Denken aufs Genaueste verzeichnen konnte,

daß ein Freund der Weisheit auch jederzeit ein Liebhaber der Sagen

und Märchen sein müsse? Darum scheint es immerhin von Nutzen zu

sein, die besseren Bestandteile der neu erwachten Geheimlehre, unter

Absehung ihrer zufälligen minderwertigen Aktualisierung, vor allem

aber unter Berücksichtigung der gänzlich veränderten Organe des nicht

mehr empfangend gebliebenen, sondern schöpferisch selbst offenbarend

gewordenen Eingedenkens und des vollkommen veränderten Status der

Götterwelt ernsthaft zu rezipieren. Und zwar vor allem den ethisch

unumgänglichen Gedanken der Seelenwanderung, vielleicht auch Einzelnes

aus dem eindrucksvollen Lehrbegriff der Akashachronik als dem Blick

auf die auf- und niedersteigenden, das heißt sich verkörpernden und

entkörpernden Himmelskräfte, die sich die goldenen Eimer reichen,

und die damit die letzthin so unbegreifliche Bewegung der irdischen

Erscheinungen und Kausalitäten aufs Glücklichste nach obenhin in einer

ruhelos eintretenden und austretenden metaphysischen Impulsreihe

begründen. Es geht für einen Verstand, der auf das sittlich und

theoretisch Unbedingte drängt, derart freischwebend in allen diesen

letzten Fragen zu, daß die Fragestellungen und Lösungsfragmente

der wahrhaft metaphysisch gegenständlichen Theosophie endlich

eingeholt und überholt werden sollten. Was wir jetzt besitzen, ist

bestenfalls das gläubige Erlebnis, jenes innere Licht, das mit Recht

als die ärgste aller Beleuchtungsarten bezeichnet wurde, und seine

Inhalte mußten zwischen den Domen als der ästhetischen und der rein

konstruktiven Dogmatik als der philosophischen Werksphäre ihr stets nur

uneigentliches Unterkommen suchen. Sobald wir jedoch die geläuterte

Geheimwissenschaft besitzen, tritt zu dem religiösen Erlebnis der in

ihm von vornherein angelegte Ort hinzu, zwar nicht als ein Feld, in dem

nun alles befriedet und objektiviert wäre, denn erst die Apokalypse

ist das eigentlich adäquate religiöse»Werk«, aber doch als das Feld

jener unabgelenkten, das heißt nicht mehr konstruktiven, sondern

bildhaften, ontologischen Demonstrierbarkeit, die uns wenigstens den

schützenden Raum vor allen falschen, an diesem Ort ungültigen, aus

fremden Sphären stammenden Rationalitäten garantiert. Daß uns vieles

daran eben nur»bildhaft«oder gar in alten Mythen spielend erscheint,

bedeutet keinen historischen Analogiegebrauch, sondern stammt daher,

daß im modernen Sinn das Bildhafte zurückgesunken ist und dann vor

allem aus dem weniger wesentlichen Schwächegrund, daß den Meisten das

Ontologische nur noch die völlig reflexive Erinnerung an alte Mythen

hervorzurufen pflegt.

Die modernen Philosophen.

Es lohnt hier nicht, von den Kleinen zu sprechen. Sie haben ihr Brot

und ihr Amt und sonst nichts, freilich nicht immer zur Freude der auf

sie angewiesenen Jugend.

Denn eines daran ist klar. Daß nämlich die Sorge nichts oder fast

nichts von jenen lernen kann, die gegenwärtig auf den öffentlichen

Stühlen das Denken lehren. Hier mag die Enttäuschung nach allzu frühem

Liebesgenuß viel Ähnlichkeit mit dem Erstaunen haben: also so sieht ein

Philosoph aus, das also ist die alte Liebe zur Weisheit, aus der Nähe

und in Funktion gesehen?

[Sidenote: Die Versuchsleiter.]

Und solch es nicht nur, weil hier unten allmählich zu viele

Farbenkreisel laufen. Gewiß, die beliebigste Aussage wird durch

diese verpflichtend, wenn sie nur in einer Dunkelkammer geschieht.

Der eiligste Querschnitt durch zwanzig Dummköpfe kann hier die

Selbstbeobachtung eines ganzen Lebens belehren und korrigieren. Würde

dasselbe am abendlichen Biertisch gesagt werden, so möchte kein Hahn

nach den jungen Füchsen krähen, und der entsprechende Professor

müßte nachsichtig blinzeln: wichtig wird das alles erst, wenn es auf

Anfrage in einem Raum des psychologischen Instituts geschieht, als

ob sich dadurch die Versuchsperson von dem, was sie meint, gehört

und gelesen hat und das schon in das einfachste Konstatieren ihrer

Aussage hineinspielt, befreien und zum objektiv reagierenden Seeigelei

übergehen könnte. Desto schlimmer, wenn der Generalnenner solchen

Laientums auch nach oben hin übergreift und wertbetonte Vorgänge

bestimmen will, als experimentelle Ästhetik und ähnliches auf Tabellen

aufgezogenes Zeug. Die Fünftelsekundenuhr, sagt Weidenbach, ist die

Guillotine des Begriffs; oder was hat die Psychologie anderes mit der

Philosophie zu schaffen, als daß sie ihre Lehrstühle besetzt? Indem

sie das freilich tut, werden die philosophischen Kollegs für das

allgemeine geistige Bewußtsein allmählich so gleichgültig und von dem

Philosophieren genau so abgeschieden werden wie die Gymnasiallektüre

von den großen Dichtern. Was also die Denker der Rußmethode außerdem,

im Nebenfach, zwischen Gemüse und Rindfleisch, an Philosophie gezeugt

haben, ist abscheulich. Es gibt nur wenige bessere ältere Männer

in diesem subalternen Kreis; so der scharfsinnige Stumpf, und dann

jene langsam aussterbenden enzyklopädischen Köpfe, wie Külpe, dessen

erkenntnistheoretische Untersuchungen, so unphilosophisch hier auch

alles gesinnt ist, doch aus einem weit gediegeneren Zwang als dem

der akademischen Notposition stammen, zuletzt auch Wilhelm Wundt,

der freilich, da er so lange lebte, zu einem Lexikon geworden ist,

in dem alles steht, also unter dem Buchstaben P auch Philosophie;

indes bei diesen allen doch das Philosophieren in eine schmachvolle

Zwangslage geraten ist, die irgendwann einmal ihr ehrliches Ende nehmen

muß. Hier also ist der Zusammenbruch offenbar. Auch wenn sie weniger

windig und besser fundiert wäre, ja gerade dann erst recht, hätte die

experimentelle Psychologie ihren allein rechtmäßigen Platz in der

ersten Sektion der philosophischen Fakultät, als ein vorklinischer

Prüfungsgegenstand neben den anderen naturwissenschaftlichen Fächern.

Zu mehr reicht sie nicht aus, wenn anders Münsterberg, der klügste

und gerade erkenntnistheoretisch genaueste unter den Psychologen,

recht behält, daß nicht die geteilt beobachtende, sondern nur

die andere, fügsame, grundsätzlich unanalytische Psychologie der

Stellungnahme, jenseits des kausalen Begriffsgitters, für Lehrer,

Historiker und Richter nützlich werden kann. Es geht zwar die Rede,

daß das Tabellenschreiben unter dem unklaren Zustand nicht weniger

leide als die Philosophie, aber die Experimentatoren wissen nichts

von den philosophischen Leiden, und so bleibt das Eine sicher, gemäß

dem durchschnittlichen Ausgang beim Zusammenstoß des Alltäglichen mit

dem Ungemeinen, auch der willigsten Mediokrität Verschlossenen, daß

ausschließlich die Philosophie die Kosten dieses Duumvirats mit nur

einem Mann zu tragen hat.

[Sidenote: Die Werttheoretiker.]

Aber nun, mag sich das, was die reinen Philosophen unterdes produziert

haben, allzu sehr davon unterscheiden? Man kann auch hier sehr lange

unbelohnt herumsuchen. Man könnte nicht minder weit genug ohne jeden

Erfolg zurückblättern. Denn schon seit achtzig Jahre sind auch diese

Männer mit dem geistigen Niedergang beschäftigt. Wir beschränken uns

auf die letzten Jahre, die freilich gleichfalls bald genug vergessen

sein werden. Dann muß man sich allerdings fragen, wie können auch

diese Menschen bestehen, ohne selber an dem kümmerlichen Spaß ihres

Treibens Ekel zu empfinden. Es sind die Blinden, die von Farbe

sprechen, und ihr Sprechen ist danach, bei den Jungen noch mehr wie

bei den Alten. Auch diese Männer können sich nur deshalb von dem

Ausruf des alten Moor:»Gott sei mir armem Sünder gnädig!«dispensiert

fühlen, weil sie überhaupt nicht mehr wissen, wie die echten, die

legitimen Kinder aussehen. Wenn es schon immer so war, daß sich das

graueste, traurigste, durchschnittlichste Alltagsdenken nach Erlernen

einiger Fachsprache disziplinenhaft herauszuputzen wagte, so steht

man in diesen Tagen, nachdem schon so lange die gewaltige Gegenwart

eines echten Philosophen verschwunden ist, vor der Tatsache, daß sogar

das ganz allgemeine Bewußtsein darum, was Philosophie eigentlich sei,

also die einfache phänomenologische Intuition des Wesens Philosophie

verloren gegangen ist. Es mehren sich die lieben Schüler, die nichts

waren, bevor sie nicht ins philosophische Seminar kamen, und die

nun wunder wie szientifisch zu sein glauben, wenn sie auch nachher

nichts können, als was sie im Seminar gelernt haben. Und daraus eben

entnehmen die jungen, das heißt gar nicht mehr so jungen, sondern

prinzipiell unerwachsenen Durchschnittsdozenten den Mut zu dieser ihrer

langweiligen Mühe und Schuljungenexaktheit, in der alles bloß ihnen

Schwerfallende zum endlosen Schriftsatz wird, während die wahrhaften

Schwierigkeiten jenseits der Privatprobleme ihrer Begabung überhaupt

nicht geahnt werden. Zwar haben auch die bedeutenderen Freier längst

schon den Bogen des Odysseus weggestellt. Sie haben es sich einfacher

gemacht, legerer, wie man zu sagen pflegt und glauben, daß ihnen so

der Schuß gelingen möchte, die Kleinen und die Großen, Lask, Simmel,

Rickert, ja selbst Husserl, wie ist das alles Hekuba, wo es um

Metaphysisches geht! Lask, ein ahnender Mann, aber den großen Fragen

im engsten Rahmen zugewendet. Simmel, der feinste Kopf unter den

Gegenwärtigen, aber darüber hinaus völlig leer, ein zielloser Mann,

der alles will, nur nicht die Wahrheit, ein Sammler seiner vielen

Standpunkte um die Wahrheit herum, ohne sie jemals besitzen zu wollen

und zu können, kurz abbrennend und nur von Fall zu Fall, zumeist

nichts als geistreich, nichts als stets wiederholter methodischer

Schaum und Eiertanz und darum rasch zur Langeweile umschlagend,

kokett, ohne jemals Farbe zu bekennen, und im ganzen durchwegs außer

Willens, außer Stande, die Sensibilität seiner Methodologie, seiner

darumherum gehenden Methodologie jemals in die Sache selbst als der

breit, zusammenhangsreich begriffenen Objektivität einzusetzen; ein

sich überall hinein- und auch wieder herauswindender Psychologe, dem

man zu viel Härte des Begriffs antut, wenn man ihn als prinzipiellen

Relativisten bezeichnet. Dagegen ist nicht zu leugnen, daß Simmel,

gerade in seiner Anschmiegung und versuchten Lebensnähe, nervösen

Seelennähe -- den Lichtern seiner Untugenden -- dem Gedanken eine

Fügsamkeit und Temperaturerhöhung verliehen hat, die, wenn sie nur aus

den Händen der geborenen Kernlosigkeit genommen wird, der Philosophie

allerdings große und gegen Simmels Feinheit wohlverpflichtende Dienste

zu leisten imstande ist. Gegen ihn gehalten, ist Husserl ein sehr

viel ärmerer Denker, trocken und um seine Scheidungen doch nur der

Entscheidung zuliebe bemüht. Aber so brauchbar im Einzelnen auch

manche Begriffsbildungen Riehls, vor allem auch des scharfsinnigen

Rickert, und Cohens des Denkers aus dem achtzehnten Jahrhundert, sein

mögen, so ist Husserl doch, außer Lask, der Einzige der Zeit, der

wirklich selbständig gearbeitet hat, und der von dem bescheidenen,

mühevollsten Gebiet der Bedeutungsanalyse aus an die großen, nicht

nur historisch nahegelegten Probleme sachlich herangetreten ist;

so klein sich auch noch die ganze Husserlsche Welt darstellt und

so sehr vieles anderes, sogar ganz heterogenes Wasser noch diesen

Fluß hinunterfließen muß, bevor sich die Bedeutungsanalyse aus einer

klärenden Terminologieanlage nur halbwegs zur Schelerschen Philosophie

erweitert. Was im Übrigen vor vierzig Jahren die Freude war, daß

man nun Ferien habe und vom Überdenken tiefer Dinge neukantianisch

dispensiert sei, das ist allmählich, gemäß dem Umschwung der Zeit,

in der es ja aus allen Ecken und Enden symbolisch zu wehen beginnt,

in der jeder Salon die Teetasse für den Messias bereit hält und es

manchem zu passieren scheint, der Messias zu sein -- zur Pseudomystik

geworden, zum gehaltlosen Schönschreibenwollen über Leben, Vollendung,

Werterzeuger, Wertdeduktionen Religionsphilosophie, Metaphysik und

ähnliche Dinge, von denen die verlegenen Meister des Interregnums auch

nicht die leiseste Spur in sich vorfinden würden, wenn es nicht die

sie untereinander stützende Wirtschaft der schätzbaren Beiträge: das

Paternoster als Aufzug, Bethlehem als Munitionsfabrik, den Logos als

Lesezirkel, und vorher keine Geschichte der Philosophie gegeben hätte.

Es nützt hier selbstverständlich wenig, spekulativ»fortzuschreiten«.

Daß einer einmal weit aufs Eis hinausfuhr, heißt nicht, daß ihm alle

anderen wieder folgen können, auch wenn sie, die Gelernten, die ewig

seßhaft Geborenen noch so heftig an seinen Berichten herumkorrigieren;

und nur der selber Ausschweifende, Exzentrische, Produktive kann sehen,

an einem Lagerpflock, an einer unbeschriebenen Feuerstelle, wieweit

der Vorfahre gekommen und der Pol entdeckt worden ist. Wenn schon

die ältere Generation fast unlösbar mit allen Fragestellungen und

Denkmöglichkeiten im Neukantianismus verstrickt blieb, so wird es hier

noch hoffnungsloser, seine unerheblichen Gedanken an Hegels feurigem

Begriffswesen aufwärmen zu wollen und derart die philosophische

Renaissance vom sogenannten Neuhegelianismus zu erwarten. War es

Notwendigkeit, kantianisch zu werden, so ist es Untergang zu Hegel

zurückzukehren, zu dem vernichtenden Glanz dieses fertigen, jeder

Subalternität abwinkenden, und so wie es ist, keiner Weiterarbeit

bedürftigen Werks, das so völlig im Gegensatz zur Kantischen

Philosophie seinen Leib nicht begraben lassen kann, ohne daß auch der

Geist damit verloren geht. Darum insgesamt: wie ist es möglich, daß

erwachsene, sittlich gefestigte Männer, Lehrer, die sich über ihre

Begabung längst im Klaren sein könnten und was sie ihnen erlaubt, nicht

nur, wie es wohl noch denkbar wäre, Methodenlehre traktieren, obgleich

auch hier die metaphysische Gesamtanschauung alles ist, sondern an

das Ungeheure gehen, aus bloßer Erkenntnistheorie heraus Mystik,

negative Theologie, korrigierten Neuplatonismus, Geltungsmetaphysik

zu probieren, im gleichen Raum des Gedankens, wo bereits Symposion,

Ethica, Kritik der Urteilskraft stehen? Wenn schon künstlerisch nur

das Genie vorkommen darf, so kann das Talent in der Philosophie erst

recht nicht mehr als bloßes Dirigieren, bloße Exegese des Geniewerks

bedeuten, ja sogar noch weniger als in der Kunst, da in dieser auch

das Eigenartige, nichts zutiefst Betreffende ein gewisses Recht, das

Recht innerhalb der anderen virtuellen Bilder haben kann, während die

Leistungen der Genialität in der Philosophie seit Kant fortschreitende

~konstitutive~ Schöpfungsakte sind, in denen die Welt mit dem

Feuer übergossen wird, das hinter der Welt ist oder angezündet werden

soll, und das sich nur aus Personen, aber nicht aus dem zweiten Rokoko

historischer Lösungsfragmente ernähren kann.

Bergson.

Dazu nun sind wir seit kurzem weit weniger spröde geworden. Man bemerkt

vieles, das vordem nicht auffiel und schmiegt sich näher in jenes

Bunte ein, das um uns lebt und gleitet. Zu diesem ist nun das Erlebnis

selber als Gedanke hinzugetreten, als Bergsonscher Gedanke. Man kann

sich denkend in alles mitten hinein versetzen, und der Lebemann wie

der amerikanische Mensch scheinen, indem ihre Beweglichkeit rezipiert

wurde, überholt und von dem Gelehrten im eigenen Feld geschlagen.

Nun rauschen mit einem Male nie vereinte Dinge zusammen. Daß Stendhal

noch zwischen Frau und Buch wählen ließ, hat im neuen Denken keinen

Sinn mehr, denn der stärkere élan vital liegt gerade im Begriff,

freilich in einer völlig veränderten Art des Begriffs. Bergson sieht

noch in dem Vergehen eines Stück Zuckers das Leben und wieviel mehr

erst in den glänzenden, atemraubenden, namenlosen Aufschwüngen, die

gerade dem Verstand entgehen oder unter dem Ballast seiner Begriffe

ersticken müssen. So wird hier das sich Versetzen in den Fluß und der

intuitive Blick verkündigt, die alten Konfektionskleider der Begriffe

und Symbole werden weggeworfen, und die Skepsis ist zum ersten Male aus

Überschwang und nicht aus Not und Müdigkeit mystisch geworden.

Das sich hinein Versetzen besitzt jedoch bei Bergson einen doppelten

und zirkelartigen Sinn. Es ist einmal jenes beständige Wallen und

Fluten von instinktiven Kenntnissen, die sich aus dem Mienenspiel,

aus den Gesten, dem Gesang, der Klangfarbe, dem Tonfall und aus

der vor allem weiblich entwickelten Fähigkeit der blitzschnell

erschließenden, auf das Ganze gehenden Antipathie oder Sympathie

gewinnen lassen. Das ist ein Zustand, der gerade auf der Schwelle

zwischen dem Unterbewußtsein und dem geteilteren, wachen Bewußtsein

liegt. Wenn bisher schon die Türe zwischen beiden nur lose angelehnt

war, so sucht sie Bergson ganz zu öffnen, damit uns diese selber noch

im Leben versunkenen Kräfte zugleich das packendste Wissen von dem

schöpferischen Zug in der Welt vermitteln. Sobald wir die triebmäßigen

Bewußtseinsformen mit dem Verstand verschmelzen, werden wir ein

Bewußtsein gewinnen, weit wie das Leben selbst und fähig durch jähe

Rückwendung gegen den Lebensvorstoß, den élan vital, den es hinter

sich fühlt, von ihm eine, wenn auch nur dämmernde Totalvision zu

erlangen. Damit wird also ein ziemlich wirres Ineinander von Trieben

und Instinkten, von Unruhe, Unordnung und offen bleibendem Wissen

in dieser Intuition des ~ersten~, sozusagen psychologisch

methodischen Sinns verkündet und in das intuitiv durchleuchtete

Medium des Intellekts eingeführt. Es ist ein reines Anschauen. Nun

wäre freilich anzunehmen, daß das innige Achten auf das, was ist,

überall den gleichen Fluß antreffen müßte. Auch Husserl ist auf ein

bloßes sich hinein Versetzen tieferer Art zurückgegangen. Er hat

ebenfalls alle theoriehaften Gitter durchbrochen, um statt dessen

von dem freigewordenen Erlebnis der äußeren und inneren Wahrnehmung

her, aus der kategorialen Anschauung, aus der rein deskriptiven

oder phänomenologischen Wesensschau die Gestalten dieses Geistes zu

verdeutlichen. Aber was Husserl dabei fand, war überraschenderweise

nicht Bewegung und der Fluß einer absoluten Dauer. Es zeigte sich

vielmehr, daß das Mittel des sich zur Evidenz Bringens überall eine

feste Reihe von theoretischen Formen und eidetischen Beziehungen,

Sachgehalten und Beständen zum Vorschein brachte. Husserl hätte

jedoch trotz des Hintreibens unseres Bewußtseins auf diese Formen

unmöglich ihre Gegebenheit finden können, wenn er nicht bereits von

vornherein und malgré lui die Inhalte der reinen Logik nachkonstruktiv

von einer festen, vor allem mathematischen, aber außerdeskriptiven,

konstruktiv gefügten Gegebenheit her besessen hätte. So ist es nun

auch bei Bergson, es ist etwas nachkonstruktiv vorausgesetzt, aber ein

Anderes als bei Husserl, und dieses löst den sonst unverständlichen

Widerspruch in den Ergebnissen der gleichen Methode, die selber weder

das Eine noch das Andere der Lehrinhalte hätte finden lassen. Denn

mit der bloßen Intuition des ersten, überwiegend nachträglichen und

rezeptiven Sinns hätte nur Jakobis matte Glaubensphilosophie entstehen

können. Und ist es nicht im höchsten Grade lehrreich, daß Husserl dort

zur Ruhe gelangt, wo Bergson vermittelst des nämlichen, wenn auch

unvergleichlich breiteren Sichversenkens den thrakischen Taumel des

Lebens erblickt? Wie Husserl die ökonomische Begründung ablehnt, um für

die echte Form ganz konstitutiv sein zu können, so nimmt zwar Bergson

scheinbar Duhem, Poincaré, Mach und die pragmatistischen Grundsätze an,

aber gleichfalls nur, um dadurch um so stärker die reflexiv bleibenden

Hilfsbegriffe, ökonomischen Modelle und Symbole der falschen Form

abzulehnen und für die echte Form des Prozesses konstitutiv sein zu

können. Wie Husserl weiterhin seine Ergebnisse aus dem wechselseitigen

Einfluß von treibender Phänomenologie und nachkonstruktiv verwendeter

Axiomatik gewinnt, so ordnet Bergson, und dies ergibt die verschwiegene

Intuition des ~zweiten~, sozusagen systembildend methodischen,

halb geschichtlichen, halb biologisch-mystischen Sinns, die ganze

an sich richtungslose Breite seiner Erlebniswirklichkeit nach der

leitenden Fragestellung und der in ihrer historischen Endlosigkeit

verbleibenden Hypothesis einer Geschichtsphilosophie der organischen

Natur.

Geist der Utopie · 第 21 / 39 段