Damit aber, indem wir trübe und schwanger sind und uns dennoch

sonderbar schön zurückstrahlen, ist ein anderes Hellsehen

wiedergekehrt. Es war schon früher da und wirkt jetzt gleichsam

ricochettierend, aber alles daran ist anders geworden, einsamer,

unterstützungsloser, produktiver, Fremdes nicht mehr widerspiegelnd,

sondern in ein Leeres vor uns hineinstrahlend, schon in seiner

Funktion. Der treffende Blick hat sich gewandelt; die Perser und

Ägypter, die Griechen und Scholastiker, allesamt ohne jede nennenswerte

Tonkunst, diese Meister des Fertigen und Geschlossenen, der festen

Figuren und Definitionen, der Abspiegelungen statt der Erzeugungen,

haben ihren Lohn, den Lohn des bildhaften Hellsehens und des

garantierten Himmels voll lauter Sichtbarkeiten und Objektivitäten

dahin; aber den neuen Menschen ist statt des alten Bilderreichs, statt

des alten heimatlosen Überschwangs der Trostgesang der Musik geschenkt

worden. Darum wurden die großen Musiker in dem Maße bedeutend, als

sich die feste geistige Bindung des Mythos lockerte, und sie sind in

dem Maße gewachsen und konstitutiv geworden, als auch die Philosophie

gezwungen, begnadet wurde, auf Tathandlung, die Substanz als Prozeß,

die Wahrheit als Weltaufhebung auszugeben. Es ist derart ein anderes

Licht in diesem Hellsehen des Ohrs, der Musik und der Erzeugung, und

sein Planet hat sich, völlig im Gegensatz zur alten Mystik, die es mit

fertigen, an sich überklaren Realitäten zu tun hatte, noch nicht so

weit gedreht, daß sich auch seine andere, sowohl uns wie sich selbst

noch abgewendete Seite erkennen ließe. -- Wir brauchen hier aber nicht

zu fürchten, enttäuscht oder gar betrogen zu werden. Es ist nicht mehr

erlaubt zu sagen, daß so wie die Träume vergehen, sobald man erwacht,

so auch dasjenige, was nur im Ich lebt und sonst unbestätigt ist,

unbedingt wesenlos sein müsse. Das mag für unsere kleinen Erregungen

gelten; es mag sein, daß uns hier das dicht um uns gewickelte Zudeck

des Körpers eben die Qualen und Freuden des Lebens zuspielt. So wie

wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu ersticken glauben,

wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt, so wirft diese

Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen

Lichter und Klänge und Kälte, und er bildet sich daraus die vergrößerte

Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er erwacht, ist nur

wenig wahr gewesen, ja es läßt sich diesem Satz Jean Pauls hinzufügen,

nichts davon ist wahr gewesen, das alles ist reflexiv und hat mit der

sehnsüchtig bewegten Seele, die sich nicht nur vom Leib, sondern auch

von jeder Pflicht und sozialen Definierbarkeit hinweghebt, nichts,

nicht einmal den Gegensatz gemein. Wenn aber das, was der Ton sagt, von

uns stammt, sofern wir uns hineinlegen und in diesem fremden, großen,

makanthropischen Kehlkopf sprechen, so ist das nicht ein Traum, sondern

ein fester Seelenring, dem nur deshalb nichts entspricht, weil ihm

draußen nichts mehr entsprechen kann, und weil die Musik als innerlich

utopische Kunst über alles empirisch zu Belegende im ganzen Umfang

hinausliegt. Wir brauchen hier aber auch nicht darum besorgt zu sein,

daß sich dieses Hohe und Bessere als wir nicht in uns zurückbilden

möchte. So wenig wie wir vor der Musik, wie allerdings zumeist bei den

bildenden Künsten, empört zu sein brauchen, daß hier etwa eine Sperre

aufgerichtet ist und der Mensch dauernd an der Domestikentür der bloßen

Kontemplation zu warten hat. Man braucht sich hier auch nicht damit

zu trösten, scheinheilig zu trösten, daß wir unsere eigenen Tränen

leichter verwinden als wir den namenlosen Jubel der Engel verwinden

könnten, und man braucht in das uns in der Musik geschenkte echte

Symbol nicht erst noch mit verzweifelter Eifersucht einzubrechen wie

in die bildnerischen Gleichnisse und das Symbolische alter Zeit, das

menschenfremd, zum mindesten halb außermenschlich war, das uns, wenn

es gänzlich sichtbar geworden wäre, gleich dem ungemilderten Zeus

verbrannt hätte, und dessen im Sichtbaren, uns Zugeneigten immer noch

ungebrochene transzendente Unfaßbarkeit gerade seinen Symbolcharakter

konstituierte. Denn der Ton geht mit uns und zieht sich nicht am Ende

in seine uns fremde oder gar verbotene Heimat allegorisch zurück.

Wenn das Tonhafte nur andeutend, noch uneigentlich bleibt, so ist es

nicht etwa in Zeichen gestellt, so will uns seine Rätselsprache nichts

überirdisch Gelöstes verbergen, sondern die Funktion der Musik ist

vollste Offenheit, und das Geheimnis, das verständlich-Unverständliche,

das Symbolische an ihr ist der eigene, sich ~sachlich~ verhüllte

Menschengegenstand selber. Der Ton geht mit uns und ist Wir, nicht

nur so wie die bildenden Künste bloß bis zum Grabe mit gehen, die

doch vorher so hoch über uns hinaus in Strenge, Objektive, Kosmische

zu weisen schienen, sondern wie die guten Werke auch noch über das

Grab hinaus mitgehen; und zwar gerade deshalb, weil das Erhabene als

Musik, das neue, nicht mehr pädagogische, sondern reale Symbol in

der Musik, so sehr niedrig, so sehr nur bloßer feuriger Ausbruch in

unserer Atmosphäre scheint, obwohl es doch ein Licht am fernsten,

allerdings innersten Fixsternhimmel ist. Der gestaltete Klang bleibt

so kein Gegenüber, sondern es ist etwas in ihm, das uns die Hand

aufs Herz legt, das uns mit uns selber umstellt, und derart unsere

bedürftige, ewig fragende Rezeptivität mit sich selbst, zum mindesten

mit ihrer unabgelenkten, rein gewordenen, als sie selbst widerhallenden

Frage nach der Heimat beantwortet. So wirft der Ton sowohl einen

außerordentlich weit vorgeschobenen, überrealen als auch einen

unallegorischen, nur hinsichtlich der Unvollendung seiner Ichornamentik

symbolischen Wall des menschlich an Menschen Intuitionierbaren

überhaupt, des menschlichen Namenszugs vor sich auf. Wenn wir also

fragten, was das früher gewesen sei, in den hellseherischen, aber

musiklosen Zeiten, was jetzt, in der Neuzeit, anfängt, als Musik zu

erscheinen, um eben dadurch zu erkennen, wohin und zu welchem Ende

Musik sei, so reicht die erkannte Verwandtschaft des Hellsehens und

dann der Musik doch nur zur Bestimmung des gemeinsamen Niveaus, aber

weder zu der der gewandelten Funktion noch gar zur Inhaltsangabe des

weiter gezogenen Objekts aus. Es wäre hier die schlimmste Ablenkung,

wollte man wegen der Ähnlichkeit der beiden königlichen Wege auch das

alte Ziel mit herübernehmen, wollte man also den insgesamt tönend

geborenen Tag, den vordem nur für Geistesohren tönend geborenen

Tag, das ungeheure innere Himmelsbild der Musik, die uralt geahnte

Klanghaftigkeit der devachanischen Welt im Gegensatz zu der Farbenaura

der bloß astralischen Welt -- nun trotzdem mit den Gestaltungen des

Astralmythos oder auch des noch halbastralischen Trinitätsmythos

bevölkern. Sondern es kommt ein Anderes, Unnennbares, unsere geheime

Herrlichkeit selber herauf;»doch gehen wir, ergraut ist schon die

Welt, die Luft gekühlt, der Nebel fällt, am Abend schätzt man erst das

Haus«; und nicht ohne allertiefsten Grund sind erst die Wirrnisse, die

luziferischen und auch satanischen Zusammenstürze alles Oberen, die

paradox verfinsterten Adventsnächte der Neuzeit zur Geburtsstätte der

Musik geworden, zur Geburtsstätte unseres eigensten, geschichtlich

innerlichen Weges als der Erlösung nicht nur vom Leib, sondern von

jeder bloßen Pflicht und sozialen Definierbarkeit, als der Loslösung

von jeder Naturschönheit und tragischen Sozialproblematik, als der

Loslösung schließlich zu einer Ethik und Metaphysik der Innerlichkeit,

die die Rettung und letzte Heimlichkeit der Welt sein wird.

Mithin: das Hellsehen ist längst erloschen. Sollte aber nicht ein

Hellhören, ein neues Sehen von innen im Anzug sein, das nun, wo die

sichtbare Welt zu unkräftig geworden ist, den Geist zu halten, die

hörbare Welt, die Zuflucht des Lichts, den Primat des Entbrennens

statt des bisherigen Primats des Schauens herbeiruft, wann immer die

Stunde der Sprache in der Musik gekommen sein wird? Denn dieser Ort

ist noch leer, er hallt in den metaphysischen Zusammenhängen nur erst

dunkel wieder. Aber es wird eine Zeit kommen, wo der Ton spricht,

ausspricht, wo Klang und Licht in das obere Ich hineingestellt werden,

wo das, was Brangänen noch wie Hörnerschall klingt, Isolde im Schweigen

der Nacht als Quell hört, wo die neuen Musiker den neuen Propheten

vorhergehen werden: und so wollen wir den Primat eines sonst Unsagbaren

der Musik anweisen, diesem Kern und Samen, diesem Wiederschein der

bunten Sterbenacht und des ewigen Lebens, diesem Saatkorn zum inneren

mystischen Meer des Ingesindes, diesem Jericho und ersten Wohnort des

heiligen Landes. Wenn wir uns nennen könnten, käme unser Haupt, und

die Musik ist eine einzige subjektive Theurgie. Sie bringt uns in die

warme, tiefe, gotische Stube des Innern, die allein noch mitten in dem

unklaren Dunkel leuchtet, ja aus der allein noch der Schein kommen

kann, der das Wirrsal, die unfruchtbare Macht des bloßen Seienden, das

rohe, verfolgungssüchtige Tappen der demiurgischen Blindheit, wenn

nicht gar den Sarg des gottverlassenen Seins selber zuschanden zu

machen und auseinander zu sprengen hat, da nicht den Toten, sondern den

Lebendigen das Reich gepredigt wurde, und so eben diese unsere kaum

gekannte, warme, tiefe, gotische Stube am jüngsten Morgen dasselbe wie

das offenbare Himmelreich sein wird.

ÜBER DIE GEDANKENATMOSPHÄRE DIESER ZEIT.

Inhalt.

Seite

1. Die Genießenden 237

2. Die Geheimlehrer 238

3. Die modernen Philosophen 243

Die Versuchsleiter. -- Die Werttheoretiker. -- Bergson. --

Husserl und Hartmann. -- Nietzsche, die Kirche und die

Philosophie.

4. Innerlichkeit und System 271

~Kant.~ -- ~Hegel.~

5. Beschluß, Programm und Problem 295

Die Deutschen. -- ~Exkurs: Der Alexanderzug.~

-- ~Symbol: Die Juden.~ -- ~Zur motorisch-phantastischen

Erkenntnistheorie.~

Noch hat sich nichts geschieden. Wir suchen nach den deutschen

Menschen. Sie sind ausgiebig verschwunden, auch dort, wo man nicht

rechenhaft wurde. Wir reden nicht vom Händler. Der ist abgetan,

nicht tatsächlich natürlich, im Gegenteil, aber es hat keinen Zweck,

gedanklich über ihn zu reden. Hier wächst nur die Faust und desto

kräftiger von unten herauf, je kümmerlich schlauer und armselig

geriebener sich der Kaufmann ausweitet.

Die Genießenden.

Aber darüber sieht es gemischt und sonderbar aus. Fast nichts kocht

hier im eigenen Saft. Es ist schmerzlich zu sehen, wie weithin alle

die freier gewordenen jungen Menschen versagen. Die Eltern drücken

nicht mehr, die Schule drückt nicht mehr, man fühlt sich nicht mehr

wie noch Hans Vockerat über die Stränge schlagen. Sondern das, was

man eigentlich ist, erwachsen, die Träume früher Freundschaft, das

sich selbst Geloben jenseits des verruchten Unsinns der Schule wartet

darauf, erfüllt zu werden. Alles könnte ruhig kommen, man dürfte

phantastisch sein nach Belieben, man könnte zum mindesten an den

Sonntagen und auf dem Papier das va banque seiner Individualität

spielen -- und siehe, es ist nicht einmal ein ehrlicher Händedruck

übrig geblieben. Der Krieg wird nur eine neue Ausrede für das, was auch

ohne diese Störung seit Geschlechtern nicht mehr gelebt und geleistet

wurde. Das Volk ist klanglos und seine geistigeren Menschen sind

snobistisch und instinktlos geworden. So ist es der bleichste Mißwachs,

der, wenn nicht regiert, so doch den ressentimenterfüllten Durchschnitt

bildet. Sie wissen nicht, womit sie die Blöße ihrer melancholischen

Leere verdecken sollen. So verzerren sie das Echte früher schon als es

da ist, ein telepathischer Diebstahl. So greifen sie zum zweifarbigen

Tuch von Innigkeit und Strenge, eine gefährliche Fälschung der Echtheit

und karrikaturistische Verzeichnung ihrer Wege. Denn auch wo man sie

nirgends gerufen hat, setzen sich die Fliegen an den Tisch. Sie werden

von dem gestärkt, das sie töten sollte, sie machen alles wieder

gemütlich, besprechbar und phrasenhaft, was aktiv und Urerlebnis sein

sollte, sie ermatten den Geist, dessen einzige Sendung es werden

sollte, tätig zu sein, Tiefe zu proklamieren, sie reiten alles zu

Tode, die Schwätzer und Industrieritter, die Waschzettelgrößen,

Agenten und Literaturmacher dieser Zeit, mit dem gleichen schnellen,

amüsiersüchtigen Verbrauch. Nichts ist vor ihnen sicher, vor Nietzsches

koketten Wanzen, die solange nach dem Unendlichen riechen, bis das

Unendliche nach Wanzen riecht; und wie vor kurzem der Gedanke der

Freiheit, so wird bald auch das Geheimnis der Gebundenheit ausgesogen

sein, von der unüberbietbaren Trivialisierungskraft dieser Zeit.

Die Geheimlehrer.

Nur um wenige wird es jetzt schon eindeutig heller. Vielleicht gehören

die Männer vom tätigen Geist dazu, so wenig sie auch vorerst selber tun

und inhaltlich sind. Aber wir glauben an das, was in Marc brannte, und

ahnen darin dasselbe Licht, das von Strindberg, anders noch von Mahler

aus seherisch weiterbrennen wird.

Hier sind vor allem diejenigen zu zählen, die die religiöse Farbe der

Zeit bestimmen. So zunächst Stephan George, ein gewaltiger Lyriker und

dem, der an ihn glaubt, auch Priester. Es wäre oberflächlich, um ihn

herum nur eitelstes Mittunwollen, Mittundürfen lebendig zu sehen. Denn

dieses gilt nur für die zahlreichen streberischen oder affenhaften

Naturen, die nirgends fehlen, wo es um heraushebende Klüngels geht, und

die nirgends darüber entscheiden. Überall sonst hat der Georgekultus

zweifellos vieles Gute unter die Jugend gebracht, Demut, verecundia,

entsagenden, zeitfremden Sinn fürs Echte, Freude am schönen, am

formvollen Gewachsensein, Ablehnung aller frechen Verständigkeit, die

die Sprünge nicht ahnt, und der notwendigen Armseligkeit ihres Subjekts

dahinter. Aber, und dieses ist entscheidend, das alles könnte auch ohne

das Andere bestehen; denn es braucht das Tiefere, das aristokratisch

Magierhafte minus Christentum, wie es der Georgegemeinschaft

eigentümlich ist, nicht zu seiner Ableitung. Darum, wir wollen über

das Innere schweigen, zumal da ja dem Geist des Georgekultus alles

Proselytentum und aller Wille zur Disputierbarkeit völlig fernliegt,

und nur von weiter her einbeziehend, indirekt, von den Früchten her

erkennen: daß zwischen Gundolf und Dilthey nicht der Unterschied zu

bestehen scheint, als ob Gundolf etwas völlig Unerreichbares außer eben

der Lebendigkeit des gewaltigen Lyrikers begegnet wäre, und daß bessere

Hölderlinausgaben oder bessere Literaturgeschichten noch nicht auf

das Saatkorn deuten, aus dem ein anders großer Baum zu wachsen hätte,

geschweige denn, daß sie dieses mystische Saatkorn zu ihrer Erzeugung

notwendig hätten. Während es allerdings fühlbar werden kann, bei einem

so kleinen Menschen wie dem französischen Theosophen Schuré, wenn er

über Pythagoras schreibt, daß er aus einer anderen Quelle schöpft wie

Zeller oder Windelband.

Es ist nicht zu leugnen, daß diese Quelle Steiner heißt.

Das ist freilich trübe und bedenklich genug. Ein armseliger

Zeitungsschreiber, viel geschwätzig und viertels gebildet, hat hier

Geheimes zu versenden. Fast alles ist dabei problematisch, Mensch

wie Schrift, aber zuweilen macht gerade relativer Schmutz fruchtbar.

So ist denn Steiner, der durch seine Anhänger, seinen Stil und

den Bildungsgrad seiner Werke dreifach kompromittierte Mann, der

Einzige in diesen Tagen, der das alte theosophische Erbgut wieder

lebendig zu machen weiß. Es ist in ihn, wenn auch noch so getrübt,

etwas Wesentliches verschlagen, und es gibt bei diesem sonst kaum

erträglichen Mann einen Punkt, von dem aus gesehen alte, seit langem

gebrochen und tot daliegende Verbindungen wieder aufzuleben und sich

zusammenzufügen scheinen.

Nun ist es zunächst wichtig, das alles von dem eigentlich Wunderbaren

möglichst fernzuhalten. Vieles wirkt hier ähnlich wie bei den

tierischen Giften. Denn wir reagieren überwiegend auf solche Stoffe als

giftig, die bei der ersten Bildung des Leibes nicht in seinen Kreislauf

aufgenommen worden sind. Darum greifen sie später als zerstörende

Fremdelemente in die Gewohnheit des organischen Zusammenhangs ein.

Aber es erhellt, mindestens alle tierischen Gifte müßten unschädlich

werden, wenn man den Leib vorübergehend aufheben und um diese Stoffe in

einer neu zusammengeschlossenen Bildung vermehrt, wieder in Gang setzen

könnte. Ebenso scheint es nun mit allen Tatsachen der Fernwirkung wie

des Spiritismus und den meisten Lehrinhalten der Theosophie bestellt

zu sein. Wenn es sicher beglaubigt wäre, daß es Wahrträume gibt, daß

sich Sterbende telepathisch ankündigen können oder daß irgend ein Yogi

das Wunder der Elevation vollbracht hat, dann wäre dies, so aktuell

unerklärlich es auch sein mag, doch bei genügender prinzipieller

Weite des Weltbilds nicht viel weniger rätselhaft als die Vorgänge

bei der Befruchtung oder gar bei der Entstehung genialischer Gebilde.

Das alles kommt für uns nur deshalb zu seiner alle Begreiflichkeit

zerstörenden Bedeutung, weil wir seit Newton und Leibniz eine durchaus

mit Auslassung dieser Bestandteile aufgebaute Weltanschauung besitzen.

Dagegen würden wir ohne weiteres alle unteren, verstimmenden und

phantasielos phantastischen Partien des »Okkultismus«verschwinden

sehen, wenn wir die Wagen des Begriffs bis zu der Stelle wieder

zurückfahren ließen, wo die Pakete der»jenseitigen«Tatbestände

herausgefallen und liegen geblieben sind, um sie derart in die

Erwartungszusammenhänge des ganzen Zuges aufzunehmen und ein gegen

die fremden Elemente bereitwilliges Begriffsgebilde zu gestalten. Wir

sind überzeugt, daß sich dann an dem ganzen prinzipiell diesseitigen

Weltbild der einzelwissenschaftlichen Forschung, das ja sowieso

schon in der Geschichte Sprunghaftes und Diskontinuierliches genug

zulassen muß, nichts Wesentliches zu ändern brauchte. Das Grauen

ist kein religiöser Zustand, und das Hereinragen gespenstischer

oder auch»geistiger«Welten ist an sich noch kein moralisches oder

metaphysisch sprengendes Paradox.

Geist der Utopie · 第 20 / 39 段