Zwar, was einmal klingt, leitet sich fort und baut sich in verwandten

Schwingungen auf. Es erregt in dem obertonreichen Glockenklang sogar

entlegene Akkorde und in jedem anderen angeschlagenen Ton mindestens

die drei Teiltöne des Durdreiklangs. Der Ton drängt dergestalt von

sich aus weiter und besitzt eine ursprüngliche Bewegung, die nach

bestimmten anderen Tönen mit Kadenzzwang hingreift. Er verjüngt sich,

schlägt Brücken, schließt Quintverwandtschaften und setzt sich selber,

sofern er den Weg der Oktave, Quinte, Terz, also den Weg der ersten

Melodie beschreitet, gewisse Punkte in der Harmonie, zu denen es ihn,

ganz unabhängig von unserem Wohlgefallen, rein zahlenmäßig hinzieht.

-- Aber was ist das nun für ein Singen? Es ist nichts als das der

Bässe bei festgehaltenem Grundton, ein Zug und Fall wesentlich von

reinen Quinten, der dissonante Reichtum fehlt. Ist der Ton einmal bei

der Tonika angelangt, so bleibt er stehen; der Quintfall ist zu kurz,

die Tonika ist ein Becken und ihr Konsonantsein mehr das Grab als der

Schoß der Musik. So würde es überhaupt nicht eigentlich weitergehen,

wenn nur die natürliche Akkordfolge herrschte, wenn es keine neuen

Leittöne, Tonleitern, Vorhalte, Vorausnahmen, Bruchstücke fremder

Richtung gäbe, die zwischendurch gehört und sogleich intentional

weiter verfolgt werden. Entscheidend ist hier letzthin allein das

tonleiterliche Denken, das den Zwang des Quintenzirkels löst und

derart sowohl das gewollt akkordische wie das befreit kontrapunktische

Wesen setzt. Gewiß also, was gegeben ist, muß benutzt werden; auch

kann man zugeben, daß uns der summende Teekessel und der Sturm im

Rauchfang an sich schon so etwas wie eine wundersame Geistersprache

vernehmen lassen. Und ebenso bleibt bemerkenswert, daß der Reiz

der einfachen dreiklanghaften Urtatsachen sehr oft von Marschner,

Beethoven und Strauß mit großem melodischen Glück benutzt worden ist,

aber doch eben nur als Rohstoff, der an sich völlig nichtssagend,

außermusikhaft ist, und demgegenüber schon die sprengende Melodie der

Tonleiter, die siamesisch dreizehn und europäisch sieben Töne hat, ein

rein menschliches, unphysiologisches und erst recht unphysikalisches

Gebilde darstellt. -- So wenig mag hier also ohne unsere fruchtbar

vergewaltigenden Hände am Ton und seinen verwandten Schwingungen

gelingen. Er ist, um musikhaft zu werden, schlechthin auf das Blut des

Aufnehmenden und Ausübenden angewiesen, gleich den Schattengebilden,

die dem Odysseus Rede gestanden haben: nicht über sich, sondern über

den Fragenden selber. Derart ist schließlich, gerade während er

gespielt wird, das Leben des Tons und seine eigene Bestimmtheit, sein

Materialgedanke auch nicht wesentlich gemeint. Das ist etwas, was,

bisher wenigstens, bei jedem Maler unglaublich wäre. Denn er würde

sich aufgeben, wenn er nicht mehr aus der Farbe heraus abbildete, ja

modellierte, aus der alles an den gemalten Dingen, Leib, Leben und

Seele zugleich, zu entstehen hat. Anders der Ton, dessen Behandlung

in dieser Beziehung dem durchbrochen behandelten Stein, dem gotischen

Kampf mit der Blockeinheit verwandt ist. Aber während Meister Erwin nur

deshalb, weil er eigentlich in Holz denkt, die Steine des Straßburger

Münsters aufgibt (gewiß nicht nur deshalb, denn ~warum~ denkt

der Gotiker in Holz, nachdem er in Stein baut? aber eben, indem

er immerhin zum Holz zurückgreift und ihm treu bleibt, weicht er

der Schärfe der Entscheidung aus), -- ist bei dem Beethoven der

b-dur-Sonate oder der Diabelli-Variationen die prästabilierte Harmonie

zwischen Erlebnis, Material und allein darin erzeugter und getroffener

Dingmaterialität ernstlich gestört. Vielleicht bietet dazu nur noch

Dostojewskis»Flüchtigkeit«, die Wort- und Kompositionsverachtung, die

Betonung des Augenblicks, des Eindrucks, dessen, welcher Mensch, welche

Sorte Temperament und Moral hier spricht, eine gewisse Parallele. Man

hat oft von der Askese des Beethovenschen Klaviersatzes gesprochen

und es ist bezeichnend, daß Bülow, der so oft Beethovens»akustische

Scheußlichkeiten«zu mildern sucht, gerade von dem Alterswerk der

Variationen als den»erhabensten Evolutionen des musikalischen Denkens

und der Klangphantasie«spricht. Es ist nicht ganz unrichtig, wenn

Bekker bemerkt, daß die b-dur-Sonate und die Diabelli-Variationen

letzthin unspielbar sind, als für ein Instrument geschrieben, das

niemals existiert hat und niemals existieren wird, daß diese beiden

Werke nicht mit dem realen Klang, sondern mit körperlosen, rein

gehirnmäßigen Klangabstraktionen arbeiten, um sich der Klaviersprache

nur als eines ungefähren, prinzipiell skizzenhaften Schriftzeichens

zu bedienen. So dünn also auch der Ton schon an weltlicher Fülle

ist, an der Kraft, die Formen einer breiten und vielgestaltigen

äußeren Welt in sich aufzunehmen, so begrenzt bleibt auch das tiefere

Vermögen dieses überwiegend künstlichen Produkts, mit den Werken

seiner eigengesetzlichen Bestimmtheit vor den Thron des inneren, rein

innerlich erleuchtenden musikalischen Gottes zu treten. Man stellt

sich ein, man trägt sich herüber, man dreht den Klang zum Spiegel und

den Boden zum Gebälk, aber nur so, daß das alles in uns lebt und durch

den Ton nur angeregt wird, daß wir also viel zu großmütig sind, wenn

wir den Spiegel küssen, der uns doch nur mit unserem eigenen Bilde

überrascht; -- und nicht in der Weise, als ob das eigene, bedeutsame

Bewegtsein an dem Ton»empfühlt«, herausgefühlt wäre: als etwas, das mit

unserem Hören vielleicht erst erwacht wäre, das aber nunmehr, nachdem

es erwacht, von uns verdichtet und mit Qualität umsponnen ist, als

das Präludium einer außermenschlichen Tonphysik oder Tonmetaphysik

selbständig bestünde. Das ist schon deshalb nicht zu erwarten, weil

sich die äußeren Mittel steigend zu verschließen und zunichte zu

werden beginnen. Gewiß, wie hier endgültig besprechbar wird, es ist

nicht zufällig, daß gerade der Ton musikalisch einschlägt, daß gerade

dieser zarte, durchsichtige Leib zum Träger musikalischer Zustände

erwählt wird. Gleich dem bedeutenden Menschen, der mehr Fehler als die

Anderen macht, weil er niemals ganz ermessen kann, wie unbedeutend,

ihm unhomogen die Welt ist, kann auch der letzte Gott, das Wehen des

letzten Gottes, in keinen Rahmen der Sichtbarkeit und Bildhaftigkeit,

Materialwertigkeit mehr eingehen. Die Farbe haftet sehr stark am Ding

und kann deshalb mit diesem nichtssagend, von seinem, mit seinem

Geist gleichzeitig entleert werden; aber beim tönenden Erz schäumt

das Tönen über und bleibt nicht das Merkmal des Erzes, sondern hebt

sich als neues, menschenhaftes Attribut heraus; dergestalt, daß die

Mittel des sich Hörens und Vernehmens schließlich dem Geist näher

stehen als Farbe und Stein oder das fragwürdige Heimweh dieser

unkategoriell gewordenen Materie nach Gott. Man kann sagen, die Musik

verherrlicht seit alters die andere Wahrheit, die pia fraus, die

konstitutive Phantasie, die neue Philosophie unter den Künsten. Nur

der Ton, dieses Rätsel der Sinnlichkeit, ist unbeladen genug von der

Welt, von Vogelstimmen, ja selbst von dem an sich schon jenseitigen

Heulen in den Schluchten und Wasserklammen, von allen Konkurrenzen und

Halbfabrikaten der Naturschönheit oder eines anderen bereits realen

Gestaltetseins. Das soll durchaus nicht heißen, daß der natürliche Ton

an sich schon ein göttlicher Teil wäre oder auch nur eine seelische

Enklave in der Natur, aber die Beziehung bleibt insofern unabweisbar,

als das Hören des Tons, das sich in ihm Hören und Vernehmen, mithin

die Gebrauchsmöglichkeit des Tons zu seinen ihm fremden, unphysischen

Seelenkategorien allerdings eine bestimmte Ähnlichkeit dieses Materials

mit dem»Material«Gottes cum grano salis zu konstatieren erlaubt. Wenn

man jedoch weitergehend aus dem, was der Ton an sich ist und gibt,

irgend etwas ablesen will, fremdgesetzlicher und astralischer Art, so

wird dieses zu einer unzulässigen Zurückverlegung der Musik in die

mathematische Naturwissenschaft, wo sie so wenig vorzukommen pflegt,

als sich jemals in der Phänomenologie der musikalischen Wirkung

ein mathematisches Moment auffinden ließ. Und darum führt von dem

reingemachten Ton, im Sinn seiner Überwindung durch Grad, Maß und

Quantum, wie es einem psychologischen und physikalischen Gegenstand

ziemt, niemals ein Weg zu dem gewollten und musikhaften Ton, zu dem

rein akustisch völlig Unhaltbaren temperierter Stimmung, enharmonischer

Modulation, zu der Spannung seiner Melodie, der dissonanten Buntheit

seiner Harmonie, der willenshaften Prägnanz seiner Thematik oder dem

vielfachen, menschenhaften Schatten-, Licht- und Muskelspiel des

Kontrapunkts als des künstlichsten Gebildes der Welt.

[Sidenote: Die astronomische Musiktheorie.]

Trotzdem vermochten hier die heidnischen Spuren im weiteren nicht

zu schrecken. Man scheut sich, unfromm genug, den Ton nach oben hin

offen und dem Inwendigen entgegen zu halten. Es ist noch nicht so

gar lange her, daß man ut, re, mi, fa den vier Elementen und die

sieben Töne der Oktave den Planeten gleichsetzte. Nicht nur die

Weddas heulen ihre geheimen Regenweisen, nicht nur die Abstände des

chinesischen Saitenspiels sind nach dem Abstand der Himmelskörper

gestimmt, auch noch Dietrich Buxtehude machte sich anheischig, in

seinen sieben Klaviersuiten »die Natur und Eigenschaft der Planeten

artig abgebildet zu haben«. Kepler vor allem hat dazu verholfen, die

Musik direkt auf mathematisch gegenständliche Logik abzuziehen. Hier

sollen sogar die verschiedenen Stimmlagen verschiedenen Planeten

entsprechen, das Moll soll im Perihel, das Dur im Aphel seine Deckung

finden, ja das gesamte Tonsystem mit allen seinen Harmonien wird

als Abglanz des Sonnensystems beschrieben und nur innerhalb dieses

Systems auf den Begriff gebracht. Man hat wenig gewonnen, wenn der

Bezug seelenhafter umbenannt wird, denn auch dann landet der Ton

nicht im Inwendigen des Menschen. So wurde beispielsweise von dem

spekulativen Pater Singer ernsthaft versucht, das Moll in seiner

Trauer daraus zu deduzieren, daß es auf der Verminderung des zweiten

Tons im Dreiklang beruhe und derart auf Golgatha als dem Herabsteigen

der zweiten Person in der Gottheit hinweise. Solches klingt zwar

unbedeutend und skurril, auch täuscht die christliche Sprache über

Jesus als Sonnensohn und den bodenlosen Astralzauber hinweg, aber es

wiederholt sich hier und auch in der modernen Theosophie der Musik nur

jene unfruchtbar mystische Formalausklaubung par tout, die, wie Abert

gezeigt hat, die gesamte Musikanschauung des Mittelalters unter der

Botmäßigkeit der Astronomie, der Zahlensymbolik, Instrumentensymbolik

und Astralmystik halten konnte. Selbst bei Schopenhauer spiegelt

noch der schwerfällige Baß die Steine, der Tenor die Pflanzen, der

Alt die Tiere, der melodieführende Sopran das Menschenreich, und

das Orchester wird dergestalt zum Querschnitt der Welt. Selbst bei

diesem allerchristlichsten Philosophen also bleibt die transzendentale

Gegenstandsbeziehung der Musik kosmisch abgezielt; denn der Mensch

ist ja wiederum keine Pointe der Natur, sondern nur die stärkste,

mittaghafteste, deutlichste Willensobjektivation und als solche

gerade dazu berufen, den Schein der Individuation vor der Allnatur zu

zerstören. Gänzlich jedoch liegt für Schelling das musikalische Gold

in der Siebenzahl begraben, und der Keplersche Pythagoreimus feiert in

dieser Philosophie der Kunst, wo sie sich auf Musik bezieht, seinen

wahren ad absurdum-Triumph. Hier wird zwischen dem gesprochenen Wort,

das allmählich erstarrt und bildlich, welthaft wird, und dem Akt des

lebendigen göttlichen Sprechens selbst unterschieden. Aber der Klang

will nicht sterben und kann doch nicht leben, er bleibt auf halbem

Wege stehen und rangiert deshalb hierarchisch unterhalb der bildenden

Kunst, die sich ihr deutliches und konsequentes Teil erwählt hat, die

das in den Tod eingegangene Leben symbolisiert und derart vollkommen

die äußere und reale Seite des Universums in sich spiegelt. War bei

Weiße der Ton ein gestaltloses Schwärmen, über dem sich antithetisch

jene kräftige Sichtbarkeit der bildenden Kunst erhebt, die in der

Poesie wiederum zum gesättigten Klang, zu dem deutlichen und gebildeten

Wort zurückkehrt, so ist bei Schelling der Ton lediglich eine Art sehr

unvollkommener Architektur ohne jede geisthafte Beziehung, und allein

die Poesie zeigt sich der inneren und idealen Seite des göttlichen

Erkenntnisakts im Universum konform. Schelling kennt also nur die

Leier des Amphion, der Theben aufgebaut hat und nicht die Leier des

Orpheus; von ihm stammt das eigentlich Begriffliche des Satzes von

der Architektur als geronnener Musik, und danach wird es diesem

Philosophen freilich ein Leichtes, die Musik mit dem gequälten Unsinn

erloschener Astralbezüge zu ruinieren. Er liebt nur die griechische

Musik, die er als Melodie schlechthin wertet und danach auf die

geordnete Planetenwelt bezieht; und er verabscheut die neuzeitliche

Musik, die er als verworrene, unrhythmische Harmonie bezeichnet und

als solche auf die zentrifugale Kometen weit reduziert; womit also

der gesamten»unarchitektonischen«, nachgriechischen Musik die Heimat

im Planetensystem und damit nach Schellings soeben entwickelter

doppelter Logosdefinition die Möglichkeit einer gehaltvollen, logisch

gegenständlichen Disputierbarkeit entzogen wird. So weit nach unten,

ins Sinnlose und gänzlich Unsachliche führt der Ton mit seiner

naturphilosophisch anhebenden und durchgeführten Konsequenz. Es ist,

als ob die christliche Seele, diese musikhafte Seele schlechthin,

überhaupt noch nicht erwacht wäre, als ob die Feuer, die Lampen unserer

Sehnsucht und unserer Arbeit das astralische Kristallgewölbe noch nicht

durchgebrannt hätten und immer noch das Tiefste in der Welt nur als

das Objekthafteste kosmischer Art gedacht werden könnte. Aber desto

kräftiger muß die Mahnung werden, sich bei der Chiffredeutung des

Kontrapunkts durchaus nur an die menschliche Rezeptivität zu halten,

die nichts von aller Astralmystik in der Musik weiß, und an das

alleinige Wunder der Genialität, die ebenfalls keine andere als die ihr

homogene Seelentranszendenz setzt.

[Sidenote: Der transzendentale Kontrapunkt.]

Denn das Ohr hört mehr als der Begriff erklären kann. Oder anders

gesagt, man fühlt alles und weiß genau, woran man ist, aber das Licht,

das im Herzen brennt, erlischt, wenn es in den Verstand gebracht

wird; wozu uns gerade in dem bisherigen musiktheoretischen Bemühen

ein bedenkliches Beispiel anblickt. Es ist nicht möglich, hier etwas

rein verständig zu erklären und dann unmittelbar hinüberzubeziehen.

So wird etwa behauptet, daß Beethoven die Gewichte der ergänzenden

Themen mit größerem Verstand als Mozart einhängt. Aber wenn man nun

fragt, was es denn für ein Verstand sei, der hier ausspielt, ordnet,

Gewichtsfunktionen, Dynamik, Statik und Kräftesystem schafft, dann

wird sich schwerlich ein tieferer und tiefer verfolgbarer Ursprung

als eben jenes reichlich willkürliche Durcheinanderwerfen der

zerschlagenen, entzweiten und überraschend konfrontierten Themen in

der Ordnung des dynamisch-statischen Zeitraums feststellen lassen.

Das reicht ersichtlich nicht aus, um das gehörte Geschehen, um die

mystische Buntheit der Sonate zu erklären. Es ist auch nicht so, daß

lediglich das Geniefeuer hinzukommen müßte, als eine an sich nur

intensive Weise der Verwirklichung, um dem formell Vorliegenden Leben

einzuhauchen. Denn auch hier ist das zuhörend lösende, schöpferisch

schenkende Wie wichtiger als das Was, ja es ist das Was und verliert

sich in viel weitergehendem Sinn als bei der Fuge in jenes Irrationale,

in die Vernunft des Irrationalen, von der alles Formelle nur ein ans

Ufer geworfener Teil ist. Es ist nicht nur besser, wenn Beethoven

irrt, als wenn ein Theoretiker Recht hat, sondern auch dieses, worin

Beethoven strenge und weise ist, läßt sich letzthin nicht nach

dem Kontrapunkt, auch nicht nach dem zweiten, kaleidoskopischen

Kontrapunkt des Nacheinander, als Strenge und Weisheit reflektieren.

Es gibt keinen direkten chiffrehaften Anschluß zur gehörten und

spontanen Tiefe und es ist selbstverständlich nichts als Täuschung,

hier etwa mit dem Kämpfen, Siegen, Unterliegen oder mit bildhafteren

Aufbesserungen, etwa mit dem zwischen den Geschlechtern anhängigen

Prozeß, ausgefochten in der Form der Sonate, weiterkommen zu wollen.

Nicht minder dürfte das formell, das heißt hier stets, auch das der

~Form~ nach Gegebene versagen, wenn es gilt, nicht nur das

Woher, das zur Not noch aus der konträren Reibung und Läuterung der

Themen»erklärt«werden kann, sondern das Wohin, den Sturm, in dem diese

Musik dahinfliegt, das Wozu und Worauf des Sturms und namenlosen

Kampfes, das tiefere Wieso und Was des Beglückenden im Gewinn und alle

die übrigen geistlichen Kräfte dieses der formalen Chiffre nach so

dürftigen und ziellosen Spiels zu deduzieren. Hier geht alles hinüber

an einen hochgelegenen, jenseits des Sterbens gelegenen Ort, ganz

im Gegensatz zu den Künsten dieser Welt, die am Grabe Halt machen.

Aber was man am Gerüst ersehen kann, so ist das die Dorfbühne, auf

der Garrick den Hamlet spielt, oder es ist wie das Gehirn, in dem

man auch stundenlang umhergehen könnte wie in einer Mühle, ohne daß

sich von der Existenz des Gedankens überhaupt nur eine Ahnung fassen

ließe. Wie der psychologische, so ist auch der musikalische Gedanke

durch einen autogenen Sprung von seiner vorgelagerten, gelichteten,

wie immer transmissiven Nervenmasse der Form getrennt. Darum ist es

sinnlos, in der musikalischen Theorie als solcher auf eine Wissenschaft

ohne Beinamen zu hoffen oder aus dem noch so hieroglyphischen Gepolter

eines direkt, mathematisch-transzendentalen Kontrapunkts Erleuchtungen

über die logischen Geheimnisse der Musik zu erhoffen. Es ist besser

zu glauben, daß der Ton nur die Herzen zu schmelzen habe, daß er

nichts als aufzulockern und zu verwunden habe, um die Wallfahrt in

sich selber herbeizuführen. Es ist besser, nur an die Wechselbeziehung

zwischen der Tonbewegung und der Seelenbewegung zu glauben, in guter

Übereinstimmung mit den Kirchenvätern, vor allem mit Augustin und

seiner Lehre von der ausschließlich ethischen Gegenständlichkeit der

Musik. So wenig aber der Ton ehemals in der Astronomie landen konnte,

so wenig mag es auch gelingen, mittelst der flüchtigen Chiffren von

Spannung, Lösung, Abenteuer, monarchischer Unterordnung, Einheit in

der Mannigfaltigkeit oder wie immer in einem neuen christologischen

Quadruvium etwa die himmlische Jurisprudenz als werkmäßige, wunderbar

erreichte, direkte und geschlossene Gebietskategorie der Musik zu

installieren. Es ist ein Sprung da, freilich: der Satz, daß nichts im

Verstand sei, was nicht vorher in den Sinnen wäre: nisi intellectus

ipse, hat auch den Chiffren wie der von ihnen aus kontinuierlichen

Formtheorie gegenüber seine Geltung. Sie sind bedeutend für unterwegs,

aber wie über dem höchsten Gebirge noch der Adler schwebt und über der

am schwersten erreichbaren Pflicht noch die rechte Liebe gilt, so ist

nicht dieses geisthaltig und logisch im tieferen Sinn, von dem man

versichert, daß es am meisten mit sich als Richtigkeit oder auch mit

einem begriffenen Faktischen als empirische Wahrheit zusammenstimmte,

sondern vor und über allem steht noch ein Liebesprimat, der es bemerkt,

der sich hingezogen fühlt zu dem, was gegenerleuchtend in dem Wesen

der Sache treibt, und dadurch erst, jenseits aller bloßen Mechanismen

der Beweisbarkeit, die echte Beweiskraft der subjektiv-metaphysischen

Evidenz erkennt. Das ist aber dasselbe, wie wenn wir sagen, daß es

Bach oder Beethoven selber sind, die als transzendentaler Kontrapunkt

existieren; Bach und Beethoven allein und dasjenige in unserer

Rezeptivität, das Bach und Beethoven antworten kann, als dem Zeugenden

und Unableitbaren, als der lebendigen Kraft, vermöge deren allein alles

dieses geschieht, als dem einzig wesentlichen Halt diskontinuierlicher

Musiktheorie, als dem großen Irrationalen einer bestimmten, zu ihrer

Sphäre hinzwingenden Subjekthaftigkeit und als dem Bach oder Beethoven

benannten Individuum, das an Ort und geschichtsphilosophischer Stelle

so allgemein und kanonisch ist, daß es gleich den Engeln Plotins

als die wirkende Kategorie dieser einzig möglichen transzendentalen

Kontrapunktik stehen kann. Was bloße Satzanlage ist, umfaßt nicht das,

was man so genau vom Hören her kennt, den Spiegelsaal und die Gäste

der Musik, dieses Theaters der Zaubereien und Illusionen; und auch die

tieferen Formen des Kontrapunkts bleiben ohne den neuen, autogenen,

metaphysischen Einsatz eines das Bachsche oder Beethovensche Wesen

weiterbetreibenden Subjekts bloße höhere Zahlenstufen von Mechanismus,

die keineswegs zur Fuge oder Sonate im Stand der Idee kontinuierlich

überführen können. Mithin, alles steht auch hier auf zwei Augen, es

ist auch hier ein anderes Ich, das als erlebendes und wiedersehendes

die Form in Schmelzfluß bringt. Dafür darf er eigene Verfahrungsweisen

benutzen, der scheinbar indirekte und doch so sehr direkte Essayist

und wahrhafte Phänomenologe: er erlebt Musik wie kein anderer, und

wenn er über sie spricht, so sind es nicht mehr die Atelierurteile

und Kategorien der Akribie, in denen kein einziges bekanntes Gesicht

zu sehen ist, die nur die bewußte Qual der Vermittlung sind, und von

denen der Künstler selber oft genug zurücktreten muß, um den Geist der

Werksphäre nicht zu verlieren, sondern es ist das, was der Zuhörer im

Überrieseln besitzt und an der ungeheuren Überbewußtheit des Künstlers

ahnt; das erste genialisch flammende Licht, noch ohne alle Abbiegung

durch das rezeptive Mißverständnis des Eudämonistischen oder gar des

spontanen Schemas seiner Mitteilung, und doch auch ohne das Zucken

und die gefährdete Unfertigkeit des bloßen ersten Visionszustands. So

betritt man, gewiß nicht ohne von Formanalyse mannigfach gestützt und

belehrt, aber eben nicht eigentlich gewiesen zu werden, den schädlichen

Raum zwischen der musikalischen und der philosophischen Form. So

gelangt man durch den wahrhaften Hiatus zwischen Ton, Harmonie,

Rhythmus, architektonischem oder auch dramatischem Kontrapunkt

einerseits und dem bewahrten ethischen Antrieb, der bis zum Ethischen

reingewordenen Form oder dem Castel Merveil der abgehaltenen, im

Spiegel erreichbaren Menschentiefe des Kunstwerks andererseits ans

gute Ende. Was sich derart über den Kopf der Form hinweg deuten läßt,

hat in drei methodisch eingesetzten Dingen: in dem bedeutenden Ich,

in dem Verlorengehen des bekannten Alten und dem Auftauchen des noch

unbekannten Neuen (womit das Problem des verschwundenen Hellsehens

und der damit in Beziehung gebrachten heraufkommenden Musik gemeint

ist) und zuletzt in der Gegenerleuchtung des musikalischen Objekts

aus der auch andere Zusammenhänge mit einbeziehenden Metaphysik

seinen Ursprung. Das Verfahren besitzt so in gewisser Weise seinen

Vergleich in Kants Vorgehen, der ebenfalls Newton und die Kritik

der reinen, mathematisch-naturwissenschaftlichen Vernunft verlassen

und das Glauben und Hoffen des lebendigen Menschen einsetzen mußte,

um zur Spezifikation der Natur oder zur Achtung als dem moralischen

Affiziertwerden durch das Ding an sich zu gelangen; wie es niemals

mittelst der bloßen Verknüpfungsregeln des unemotionalen Wissens

zum Gegenstand der Erkenntnis werden konnte, wie es aber freilich

tiefsinnigsterweise auch in der Methodologie des Glaubens und Hoffens

nicht als erreichtes, real abgeschlossenes Sein, sondern lediglich

als Aufgabe, Geltung, ungelöstes Postulat oder Essenz objektivierbar

wurde. Was hier aber mit den feurigen Armen des sich nach Hause

Wünschens emporgehoben wird, ist keine zurechtgestellte Lüge des wie

immer erfreulichen Scheins, der eben als Schein unter der Wahrheit zu

stehen hat. Es ist jedoch ebensowenig, womit zwar der Schein zu einem

gewissen vertröstenden und irreführenden Widerschein umgewertet wird,

die Versprechung zu irgend einer menschenleeren Hinterwelt, zu irgend

einem sinnlichen Reflex der seit alters als menschenfrei gedachten,

allgemeinen Idee, sei sie als Nus, als Pneuma oder auch als Wille

zum Leben, als kontemplativ begonnenes Nirvana fixiert. Denn auch

Schopenhauer ist noch weit davon entfernt, das wahrhaft Apeironhafte

der Musik zu verstehen, sofern er diese nur passiv, kosmisch und nicht

im Individuellen, Heroischen, Christlichen verankert, sofern er mit

anderen Worten der Musik zwar die Kraft gibt, der Erscheinung das Ding

an sich hinzuzusetzen, jedoch dieses Ding an sich lediglich als ein

Metaphysisches unbestimmter, individuationsloser, vorutopischer und

bereits empirisch allerrealster Art definiert. Die Selbstbegegnung,

(und es ist in jedem wahrhaft Schaffenden eine tiefe Leidenschaft

erkenntnißmäßig zu beziehen), wie sie als das Grundproblem der

Wertphilosophie letzthin der Apokalypse als dem Grundproblem des

gesamten Systems der Philosophie entspricht, darf das Wahre weder als

einfach induktive Tatsachenlogik, noch auch als griechisch definitive

Umfangslogik eines Allgemeinsten und darum Realsten bestehen lassen.

Die Seele weint in uns und sehnt sich hinüber, setzt Gott und den

Traum; was aber das Dunkel der Nacht vor sich herjagt, wie Orpheus

die Schatten, ist rein aus der Seele geboren und hat nichts als diese

innerste Euridike zum Ziel. Es gibt, wodurch eben der verantwortliche

Künstler dem Philosophen näher steht als der subjektlose Empiriker,

noch eine andere Wahrheit, als diejenige dessen, was gerade existiert;

eine, die nur auf uns geht, auf den Umkreis der von uns gefärbt

erlebten, beschleunigend aufgefaßten und religiös vollendeten Welt,

auf eine durchaus»subjektive«und doch zuhöchst substanzielle Welt --

jenseits des bloß empirisch-komparativen Status des gegenwärtigen

Zustands und seiner einfach erreichten Seinslogik -- gerichtet auf

das Innere und unbekannte sich Vernehmen hinter der Welt. Und dazu

unterhält der Mensch in der Musik allerdings starke korrespondierende

Gegenstandsbeziehungen, zum großen Teil noch künstlerisch-spezifischer

und bei entsprechender Erweiterung des Begriffs auch immanenter

Art, vor und hinter den Regeln der transzendentalen Synthesis

künstlerisch-phantastischer Apperzeption; die sprunghaft indirekte

Beziehung auf den unsichtbaren Menschen, auf die im Klangbild

vernommene, sich annähernde Gestalt des Hauptes, des Ingesindes, des

eschatologischen Seelengrundes, der Wiederherstellung des Großen

Menschen aus dem Labyrinth der Welt.

Das Geheimnis.

Wir suchen, wohin das Hellsehen verschwunden sei. Ein Fluß versiegt

im Boden. Plötzlich taucht weit davon entfernt ein anderer Fluß auf,

der nie vorher an dieser Stelle zu sehen war, der mindestens in diesem

trockenen Gebiet keine Quelle hat. Kann man so bestimmt, wie man diese

beiden Flüsse in einen zusammenlegen darf, auch das Hellsehen und die

Musik in Zusammenhang bringen? Sie waren nie gleichzeitig zusammen zu

erblicken, aber als das Eine ging, wuchs das Andere langsam groß und

wie es scheint, genau aus den gleichen Kräften groß. Es ist freilich

unbekannt, ob auch zum gleichen Kräftegebrauch und sympathetischen

Gebilde. Wenn wir also fragen, was das früher gewesen sei, das jetzt

Musik ist, um eben dadurch genauer zu erkennen, was Musik sei, so

reicht selbst die erkannte Verwandtschaft an sich noch nicht zur

näheren Bestimmung aus.

Denn wir werden allmählich blind auch für das, was um uns herum liegt.

Für dasjenige, das über uns liegt, sind wir schon lange blind geworden,

auch das christlich aufhellende Licht ist vorbei. Die sinnlichen

Augen haben sich zwar später geöffnet als die übersinnlichen und

kamen, als diese sich schlossen, oder vielmehr, durch den sinnlichen

Augenaufschlag, den empörerischen, sich selbst eindrängenden, ist

die übersinnliche Welt steigend zurückgetreten und allmählich ganz

vergangen. Früher, in den Tagen, aus denen uns die Märchen erhalten

sind, waren die äußeren Dinge verschleiert oder ganz unsichtbar,

aber dahinter bewegten sich aufs Hellste ihre Gruppenseelen, die

Quellgeister, Baumgeister, Schutzengel, Sirius und der Jäger Orion,

die bunten Wolken des nächtlichen Himmels und die ganze Nähe der

anderen Welt. Jedoch man erinnert sich jenes römischen Admirals, der

das vorher Unausdenkbare wagte, die heiligen Hühner, die nicht fressen

wollten und so der Seeschlacht eine schlimme Prognose stellten, ins

Wasser werfen zu lassen: wenn sie nicht fressen wollen, so mögen

sie saufen! und das noch zur Zeit der sibyllinischen Bücher. So

bildeten sich bald die sinnlichen Organe schärfer aus, die sichtbare

Welt wurde dicht, erdrückend, abschließend real, und die unsichtbar

gewordene, übersinnliche, sank zum Glauben, zum bloßen Begriff, zur

platonisch-plotinischen Himmelsleiter oder Ideenpyramide. Selbst

die Orakel wurden zweideutig, ja unverständlich, und so verstärkte

sich die Diesseitigkeit, die Ausbildung der zunächst nur mehr mit

Militär, Jurisprudenz, Kalkulierbarkeit und realem Kausalnexus

rechnenden Gesinnung immer rationaler, bis endlich in den Tagen des

Kaisers Augustus jede sinnliche oder auch gedankliche Berührung

mit der Transzendenz verschwunden war. Da wurde Jesus geboren, die

Seelenwanderung Gottes selber, und die Menschen durften sich vor der

Gnade dieses auch in die Finsternisse scheinenden Lichts, das heißt

also, dieser wieder öffentlichen, auch den sinnlichsten Organen

erkennbaren Fleischwerdung, Erdenfahrt, Publizität des Logosmysteriums

aufs Neue des Überirdischen versichert halten, freilich um den

Preis der damit verbundenen halb griechischen Fertigkeit und halb

orientalischen Transzendenzhaftigkeit des Christlichen. Wir sehen aber

seit vierhundert Jahren, seit Luther und der Renaissance, trotz der

wieder hervortretenden Diesseitigkeit, selbst trotz der erneuerten

Gewalt, mit dem sich ein Freies, Männliches, Wirkendes, Luziferisches,

Vernunfthaftes bewegt und in Welt und Überwelt hineinstürzt, ein

Doppeltes am Werk. Denn es beginnt auch rings um uns allmählich

finsterer zu werden, nachdem es sich über uns schon lange zugezogen

hat. Die Nacht rückt weiter vor und nicht nur einseitig wie in der

römischen Zeit, sondern auch die sinnlichen Vordergründe beginnen

zu entweichen, so sicher wie die darin geschehene obere christliche

Transzendenz schon lange entwichen ist; und es läßt sich andererseits

nicht behaupten, daß mit dem Entschwinden der realen, welthaft

gebundenen Logik, als welches sich allein schon in dem zunehmenden

Reflexivitätscharakter der Einzelwissenschaft widerspiegelt, nun

auch so eindeutig wie in der vorrömischen, astralmythischen Zeit

die alte Durchsichtigkeit, der alte, völlig naive, transparente

Deskriptionscharakter der oberen Mysterien wiedergekehrt wäre. Gewiß,

wir sind, Gott verlangt nach uns, die Seele ist sein Faden, und an

sie ist alles gute Ende gewiesen. Wir dürfen noch immer warten, denn

wir sind das Einzige, das in allem äußeren und oberen Dunkel nicht

ausgelöscht werden kann, und daß der Heiland lebt und wieder kommen

~will~, dies ist nach wie vor unangreifbar verbürgt; aber er und

Gott selber haben wie alles Objektive die eigene Kraft, zu kommen,

und scheinend zu wirken, eingebüßt. So gibt es hier nur eine einzige

Rettung, und das ist die sich empörende, sich über allem Fremden

suchende Verbindung zwischen dem moralischen Ich, das allein noch,

obwohl auch in dieses die Nebel der Ermattung und Gottferne gedrungen

sind, in der Nacht des Äußeren und Oberen Licht brennen kann, -- die

Verbindung zwischen diesem Ich und dem schweigenden, uns verlassenden,

vor seiner Verwandlung zum heiligen Geist zögernden Gott, als die Rufe,

Gebete und die tiefe Ernennungskraft des heroisch-mystischen Atheismus

selber.

Geist der Utopie · 第 19 / 39 段