Dazu also mußten die Stimmen zunächst leichter werden, oft auch

pausieren, um in Schwung zu kommen und zu bleiben. Seitdem aber ist das

Gefüllte, Durchbrochene wieder selbstverständlich geworden. Das Andere

war ein Fehler des Anfangs, ein Straucheln und daß man nicht alles

haben kann oder gleich am Anfang der Sonatenentwicklung haben konnte:

das organisch ineinander gewobene Saitenspiel und das gewaltsame

symphonische Feuer mit Ermattungen, Höhepunkten und dem Geist der

Zukunft. Was jedoch Schubert begonnen hatte, das haben Bruckner und

die Wagnersche Polyphonie weitergeführt, und der allzu schmale,

klanglose, rein dem Betrieb ergebene, oft nur gepunktete Zeitverlauf

der Beethovenschen Symphonie ist gerade als das Unwesentlichste und

leichtest Eliminierbare an ihr erkennbar geworden. Seitdem konnte alles

wieder rechte Hand im Klavierspiel, und alles wieder Einzelnes, reich

erblühende Solostelle im orchestralen Zusammenspiel werden. Es hat

sich gewissermaßen herausgestellt, daß es ein Selbstverständliches,

eine kammermusikalische Feinheit, ein kontrapunktisches Minimum

gibt, das noch unterhalb der Fuge liegt, die nur ~eine~ seiner

möglichen Formen darstellt. Diese Feinheit ist dauernd nur ein Mittel,

dauernd nur eine chiffrenlose, nichts bedeutende, reflexive Formel,

genau so wie es die gesamte Harmonielehre war, aber die einzelnen

spezifischen Arten ihres Überbaus bilden entsprechend der Rhythmik

eine gegenstandsbestimmende Form. Macht man jedoch den fugalen

Gebrauch unbedingt, unterschlägt man alles, was die Sonate außerdem

an Nacheinander, an bedeutsamer Konkurrenz des Harmonischen mit dem

Kontrapunktischen, an dem Kontrapunkt der dramatischen Harmonie

gebracht hat, dann wird auch der Kontrapunkt der Fuge reflexiv: als

für alles und darum für nichts, nicht einmal mehr für sich geltend,

als eine aus einer einzigen seiner Konkretheiten abgezogene und darum

farblos gemachte bloße Geschicklichkeit, der gerade der transzendentale

Valeurwert im wohlgesammelten ~System~ der Kontrapunkte abhanden

gekommen ist. Wenn daher die bewegliche und doch gleichmäßige,

durchsichtige Anteilnahme der Stimmen wieder gekommen ist, wenn vor

allem Bruckner wieder melismatisch vielfältig spielen läßt und alle

übrigen Zeichen darauf hindeuten, daß die Musik einem stetig höheren

Grad von Durchbrochenheit, gotischer Durchgeschnitztheit und innerer

Mächtigkeit entgegengeht, so legt dieses nicht auch zugleich eine

kopistische Rückkehr zum Kanon nahe, als ob sich Haydn als Händels

Brokat ein bloßes Hausgewand zurechtgemacht hätte, als ob Mozart aus

dem Bachschen Barock zum leichten Rokoko und Beethoven zum kahlen

Empire abgefallen wären, als ob schließlich Bruckners und Wagners

polyphoner Symphoniestil den alten architektonischen Kontrapunkt

zugunsten eines kleinen Kunstgewerbes um ihr illegitimes Dramatisieren

herum abgebrochen hätten. Sogar die andere Forderung, daß die letzte

Musik zu dem melismatisch-kontrapunktischen Gleichgewicht der Fuge

eine Realisierungsbeziehung, die Beziehung der Wirklichkeit zum

Korrektiv aufweisen wird, bedeutet kein Überschlagen, kein Vorwärts

zur Fuge, sondern das Ziel ist ein Ankommen, der historische

Beethoven steht dem»realen«Bach näher als der historische Bach, die

allmähliche Übereinstimmung mit der alten Musik des Raums ist ein acte

accessoire, ein gründliches Beethovensches Arbeitsergebnis, ein rein

substanzieller, das vollendete System bekrönender Gnadenakt, und so

bleibt der gesamte dramatische Kontrapunkt als Bereitungsort auch vor

die letzte Musik, vor die Ontologie der Musik überhaupt gelegt. Es

gibt derart vier große Weisen, Kontrapunkt zu haben, und alle diese

besitzen an Ort und Stelle eine gegenständliche Beziehung zu ethischen

Tatbeständen. Nun wurde allerdings gerade der Musik eine ausgeprägt

geschichtlich exzentrische Rolle angewiesen. Aber sie ist ja gerade

nur deswegen nicht historisch konform, weil ihre bislang kurze, spät

eintretende Geschichte die Geschichte unseres Kerns wiederholt,

weil, mit anderen Worten, die Geschichte der neuen Musik, als

der»nachgeholten«Musik überhaupt, zu groß ist für den Raum der Neuzeit,

und demgemäß, wie bereits während der Darstellung der Rhythmik zu sehen

war, die ausgeprägte geschichtliche Exzentrizität dieser Kunst in dem

Ganzen ihrer kategoriellen Wiederholung der Geschichtsphilosophie

der Ethik der Innerlichkeit begründet liegt. Es gibt also vier

große Hierarchien, Kontrapunkt zu haben, und diese besitzen eine

konstitutive, wenngleich zuhörend, schöpferisch zu ergänzende, also

nicht einfach direkte und sprunglos demonstrierbare Beziehung zu den

metaphysisch-ethischen Ichsphären. Danach ist Mozart griechisch,

gibt das kleine weltliche Ich, leicht, der attische Kontrapunkt, die

heidnische Freude, die sich bewußte oder Gefühlsseele, die dritte

Stufe des Ich. Bach ist mittelalterlich, gibt das kleine geistige Ich,

kräftig und heilig geschlossen aufgebaut, ein Rubinglas von Musik, der

architektonische Kontrapunkt; erfüllt vom Hoffen und der Liebe, von

der sich erinnernden oder eigentlichen Ichseele, von der gesühnten

Seele Adams, mithin die vierte Stufe im siebenfachen Aufbau des

okkulten Menschen, hinter der sich die drei letzten, noch unbetretenen

Stufen des Manas, Buddhi, Atma oder des Glaubens, der Erleuchtung und

der Apokalypse erheben. Beethoven, Bruckner und Wagner sind barock,

gehen, führen in das große weltliche, luziferische Ich, sucherisch,

aufständig, trostlos an allem Gegebenen, voll von kämpferischen

Ahnungen eines höheren Lebens, unterwegs auf einem namenlosen

Entdeckungszug, noch ohne deutliche Beute: sie sind die Meister des

dramatischen Kontrapunkts und des Sturms auf den inneren Himmel.

Aber das, was noch aussteht, das große geistliche Ich, die oberen

drei Stufen des Menschseins, die völlig angelangte Musik wird die

Kunst der späteren Reichszeit sein; und das sprach- und sieggekrönte

Angekommensein dieser unvorstellbaren Musik wird den Kontrapunkt des

Nacheinander zu der Gleichzeitigkeit einer Aussage, einer verstandenen,

im gleichen Griff besitzbaren Satzbedeutung, einer musikalisch

überdeutlichen Prophetensprache a se, der völligen Selbstbegegnung, des

eingeatmeten, einatmenden Logos verdichten.

* * * * *

Wenn wir aber nicht mitgehen, geht überhaupt kein Ton. Er schreibt

nichts vor und wenn er es tut, so ist man bald verlassen. Daß ein Ton

Folgen hat, denen nachgegeben werden muß, ist durchaus nicht in ihm

selbst begründet. Daß es auszuhorchen gilt, wohin der Satz sich wenden

möchte, wie lange er das Bedürfnis hat zu fallen und wo der Punkt

ist, an dem er sich aufrafft, um emporzusteigen, das alles wäre gar

nicht möglich ohne eingefühlte, kräftig betätigte Willensspannung, die

behält, mitzieht und eben die Folgen, die tönend noch gar nicht da

sind, vorwegnimmt.

* * * * *

Selbst wo er beseelt ist, zeigt der Ton nur an, was in uns leidet und

erwartet. Dieses freilich hält sich an das noch hinter allem Bildhaften

wirkende Traumgesicht. Wer sehr ergriffen ist, dem gehen die Augen

über und er wünscht sich das Dunkel, den Abend herbei. Es ist schwer

zu sagen, warum; denn daß alle äußeren Stimmen schweigen, bedeutet

noch nicht, daß als einzige die innere wachbleibt, wenigstens sofern

sie ebenfalls eine natürliche Stimme ist. Aber das ist sie eben nicht,

dieses Fenster geht durchaus westlich, ja gegen Mitternacht, und der

beseelte Ton mit ihm.

Es bleibt so ein Gespenstisches um alles Tiefere in uns. Es flieht

den Tag und ist als Wehendes, Geheimes, Summendes dem unsichtigen

Wetter günstiger gestimmt. Nicht anders, wie die Geisterrufe und

Geistererscheinungen überhaupt die Dunkelheit der Nacht erwarten, in

der das sonderbare innere Traumwerk ungestört zu gehen und zu schlagen

vermag. Das ist sehr häufig schrecklich und wir fürchten darin uns

selber, die wahre Nahrung dieser schaurigen Einkehr, weshalb derjenige,

dem es vor solchen Erscheinungen graut, Gesellschaft zu sich nimmt.

Aber der andersartige Zauber der Musik löst diese Depotenzierung

des Gesichts ins Günstige, uns Naheliegende, in den leuchtenderen

Sinn des an sich so unheimlichen Begriffs eines Geisterreiches auf.

Sie bleibt aber Todeszauber, die Musik, und dem ossianischen Wesen

benachbart, dem Regen, Herbst und der tiefen Freudigkeit des früh

hereinbrechenden Dunkels, dem trüben Himmel und den schweren Wolken,

dem Nebel und den Helden, die auf der einsamen Heide reiten und denen

die Geister in Wolkengestalt erscheinen, nicht anders wie sie Bach

und Wagner erschienen sind -- der Himmelsrichtung zugewendet, in der

diese Welt ausgeht und untergeht. Man kann sich das so verdeutlichen,

an der Hand von Wagners und noch mehr von Schopenhauers Theorie

des Geistersehens, daß es hinter allen Träumen noch eine Art des

innersten Wahrtraums gibt, die mit einer Umflorung des Gesichts

anhebt und derart im fernsten Hintergrund der inneren Traumwelt die

Erscheinung der Geistergestalten ermöglicht. Wir sind nicht imstande,

das hier Geschaute dem Erwachen und erwachten Bewußtsein anders

als vermittelst eines zweiten Traumes zu überliefern, welcher den

wahrhaftigen Inhalt des ersten nur in allegorischer Form vermitteln

kann, weil hier beim vorbereiteten und endlich vor sich gehenden vollen

Erwachen des Gehirnes nach außen bereits die Formen der Erkenntnis

der Erscheinungswelt nach Raum und Zeit in Anwendung gebracht werden

müssen, woraus dann selbstverständlich ein den gemeinen Erfahrungen des

Lebens durchaus verwandtes Bild resultiert. Nun, die großen Dichter

und Shakespeare voran haben genau dort, wo die eingehülltere Klangwelt

in die offenbarere, aber niedrigere Lichtwelt übergeht, ihre bunt

erleuchtete Bühne aufgeschlagen. Es ist nach Wagner derselbe Traum,

der hier Shakespearesche Geistergestalten erzeugt, wie sie durch

das völlige Wachwerden des inneren Musikorgans zum Ertönen gebracht

werden könnten, und dort Beethovensche Symphonien, die ebenso das

entschleierte, weniger somnambul umflorte Gesicht des Hörers unfehlbar

zum deutlichen Gewahren jener Gestalten, der dichten, unvergeßlichen,

überrealen Geistergestalten der großen Poetik begeistern müßten. Das

ist alles unbedingt richtig, nur muß hier zwischen Traum und Traum

unterschieden werden: der eine sinkt herab und gibt lediglich eine

abgeleitete, eine Mondscheinlandschaft der Tagesinhalte, ein bloßes

sich Erinnern dessen, was schon war; und der andere zieht hinüber, ist

ein Dämmern und»noch nicht bewußtes Wissen«dessen, was sich dereinst,

drüben, im noch ungeschehenen Drüben zuträgt; freilich so, daß auch

hier ein Wiedererinnern, ein sich Zurückfinden in die Heimat wirksam

ist, aber eben in eine Heimat, in der man noch niemals war und die

dennoch Heimat ist.

Es ist derart nicht oder nur bedingt der Ton, an dem es hier hängt.

Denn wir sind schon als Kinder beständig unruhig, zu warten, zukünftig

zu sein. Es bleibt in uns, dieses Brennende, Rätselhafte, das uns

am Sonntagabend bei jedem Klingelzeichen draußen auffahren ließ, ob

nicht dasjenige gegen Abend kommen wollte, was von lange und weither

für diesen eben darum festlichen Tag gesendet wäre. Wir fühlen uns

schon im Aufmerken oder Meinen deutlich an die Zukunft angespannt

und nach vorwärts gerichtet. Es ist so, einfach gesprochen, daß der

Vorhang der Worte und der in ihnen festgelegten voraufgegangenen

Denkmöglichkeiten durchaus nicht alle unsere Gedanken verdeckt. Sondern

es gibt in uns überall dort, wo es sich um Pläne, Jugendlichkeit,

Fernsicht handelt, eine Stelle, wo offenes Wasser und Durchfahrt

liegt, ein dauerndes Fragen, Schäumen, Unabgeschlossensein, in dem

der sonderbare Erwartungszustand eines Heraufkommens und verwirklicht

Unwirklichen wohnt. Es gibt hier auch eine gemeinsame Geschichte, das

heißt, eine für alle gemeinsam erfüllte Zeit, in der die unsichtbaren

Scheiben oder der Stern unter dem Horizont sichtbar werden, in der

die psychische Vorbereitung und Kulmination vollendet ist und so für

die neu heraufziehenden psychischen Gestalten eben die Atmosphäre

des Erwartethabens oder der Bekanntheit schafft. Was wir derart als

heraufkommendes Wollen und Denken in uns spüren, müßte gegen denjenigen

Zustand hin, der neuerdings im engeren Sinn Bewußtheit genannt wurde,

am sichersten psychologisch durchforscht werden können. Es gilt

also dasjenige, was nicht hinter uns, herabgesunken, unterbewußt,

sondern vor uns ist, was in einem Menschen»steckt«, seine Jugend

als unruhevoll antezipiertes Alter und alles antezipierte Alter

überhaupt, mithin das Aufräumen und Suchen nach dem, was man nicht

jetzt oder nachher, sondern überhaupt meint, in all seiner Unsagbarkeit

psychologisch zu notieren. Besonders in der schöpferischen Arbeit

wird irgendeine eindrucksvolle Grenze überschritten, die sich als

die Übergangsstelle zum noch nicht Bewußten bezeichnen läßt; eine

neue Bewußtseinsklasse mehrfach differenzierter Art, die genau so wie

Leibniz die Wurzeln zeigte und dem Sturm und Drang, den Nachtseiten

der Natur den Fundus animalis der petites perceptions eröffnete, so

umgekehrt der intentionalen, von Unabgeschlossenheiten, mystischen

Karrieren umwitterten Seele das Unbewußte höherer Ordnung den Fundus

intimus, das prozessual Unbewußte unserer inneren Teleologie zugänglich

macht. Es ist hier nicht der Ort, diesen paradox»leeren«Zustand

in uns, in den Dingen, am überschlaghaften Beginn und dann auch

wieder am Ende, am letzten ichhaften,»existenziellen«Versagen alles

Logischen genauer zu diskutieren, sofern sich nämlich zwischen dem

Erwarten als der Zuhörermaxime und dem Erwarten, das heißt der

Sehnsucht, Beschleunigung, Gottverlassenheit und dem Eingedenken

als der philosophischen»Schöpfermaxime«deutliche kategoriale

Unterschiede zeigen, die mit der hier notwendigen Breite erst in

der Erkenntnistheorie einigermaßen abschließend zu erledigen sind.

Es kommt hier auch nur darauf an, von dem Erwarten überhaupt zu

sprechen, von jenen Stellen, an die wir noch nie hingekommen sind

und an denen alle unsere ungelebten Wünsche zukünftig warten. In

diesem sich nicht Beruhigen ist ausreichend genug der Zustand des

künstlerisch und religiös rezeptiven Menschen überhaupt gegeben,

das Element der neuen, geschichtsphilosophisch fälligen Frömmigkeit

überhaupt, als das Umschlagen der Welt und als das Hingeborensein auf

ein anderes Leben zugleich. Es ist aber nicht zufällig, daß der Ton,

wohlverstanden, nur der gebrauchte, von uns beseelte Ton, am meisten

zum Träger solchen Ahnens bestimmt ist. Denn nur dieser ist fähig,

jenes Neue auszusprechen, das sich vor uns, zukünftig, in unserem

tiefsten Inneren zuträgt oder zutragen möchte, sofern sich auch Gott

nicht mehr im Licht, sondern allein noch in der Wärme und im sich

Vernehmen zeigen kann. Von hier aus wird zugleich einigermaßen klar,

weshalb die Musik als das reinste Wie dieses Leidens, Sehnens und

noch nicht bewußten Wissens, noch ohne ein Was, solcher Rezeptivität

entgegenkommt, also verständlich ist, und dieses auf sich Zutreibende,

sich Vernehmende, »Rezeptive«auch im Schöpfer sich verständlich macht.

Das Tonbild ist nichts anderes als das Wie des Leidens, Erwartens

und sich Entgegensehens überhaupt und auf keinen anderen wie immer

selbstleuchtenden Goldgrund als den der rezeptiven Menschenlatenz

aufgetragen; wodurch diese vorläufige Adäquation der Sehnsucht mit

sich selbst freilich mehr gewinnt als die allzu raschen, allzu

objektivistischen Beschwichtigungskräfte der Dingklärungen oder auch

Menschenklärungen in den übrigen Künsten jemals konstruieren können.

* * * * *

[Sidenote: Nochmals der frei vorkommende Ton.]

Geist der Utopie · 第 18 / 39 段