Sie kann freilich öfter verwirren als aufklären, diese Kraft hörbar die

Pulse klopfen zu lassen. Man versteht von hier aus Wagners Haß gegen

den Rhythmus, der sich ja auch auf anderes als die italienische simple

Taktierweise bezieht. Hier wird uns als den bloß Sehenden gleichsam

die Hand zur Verständigung mit dem Traum gereicht. Dadurch, daß er

abteilt und phrasiert, durch die rhythmische Anordnung seiner Töne,

tritt der Musiker in eine Berührung mit der anschaulichen plastischen

Welt. In das bloße sich Erhellen, Verdunkeln, Verschieben, in das

magisch Fließende der Tongebilde schneiden die Taktstriche ein und die

Ähnlichkeit der Gesetze, nach welchen die Bewegung sichtbarer Körper

sich unserer Anschauung verständlich kundgibt. Die äußere Gebärde,

welche sich im Tanz durch ausdrucksvoll wechselnde gesetzmäßige

Bewegung festgelegt hat, scheint somit für die Musik dasselbe zu sein,

was die Körper wiederum für das Licht sind, welches ohne die Brechung

an diesen nicht leuchten würde, genau so, wie ohne den Rhythmus, ohne

das Zusammentreffen der Plastik mit der Harmonie, die Musik nicht

wahrnehmbar sein würde. Es ist nach Wagner die äußerste Seite des Tons,

die sich hier der Welt zukehrt und in der konsequenten Ausbildung

dieser ihrer Äußerlichkeit das wohlausgestattete Spektakel der Oper

verlangt, während sich die innere Seite als das von der Erscheinung

und den Relationen ihrer Rhythmik befreite unmittelbare Traumbild des

ruhenden Wesens aufschlägt. Das würde also bedeuten, daß das Zeitliche

zwar die pädagogische Rolle einer einzelnen, szenischen Verdeutlichung

spielen kann, daß aber genau so wie uns der Ring ins Grobe, Breite,

Untere und Sichtbare führt, während Palestrina und der Choralsatz den

Taktwechsel fast nur durch eine leichte Veränderung der harmonischen

Grundfarbe anzeigen, genau so auch die seraphische Musik insgesamt dazu

gehalten wäre, den Rhythmus nach altchristlicher Weise aus ihrem Reich

zu verbannen. Wir können dem nicht völlig zustimmen, so sehr diese

Einwände auch manches leere Geformtsein, manche gewisse, freilich

nicht nur zeitliche Körpereitelkeit an Quartetten zu treffen scheinen.

Wir brauchen zudem dem Zeitlichen nicht mehr unbedingt zu fluchen,

wenn wir es segnen; nicht nur, daß bereits Beethoven und die Synkope

gekommen sind, und gerade die Tristanmusik, dieses Wallende und so gar

nicht Faßbare, ihre äußerste zeitliche Geformtheit und rhythmische

Kultiviertheit besitzt. Sondern wir gehen auch philosophisch einer

Arbeitsweise entgegen, der die Zeit etwas anderes bedeutet als

unbedingte Diesseitigkeit, als bloßer Ablauf dieser Welt, als bloß

vorletzte, noch dramatische Aktion, sofern eben das Wesen nicht

mehr»ruht«und das Starre nicht mehr der einzige theologische Zustand

ist. Derart kann sich in einem neuen Gedränge, in einem an Beethoven

und Wagner immer tiefer geschulten intuitiven Rubato, in einem

geheimnisvoll bewegten und synkopisierten Adagio als dem organisch

abstrakten Rhythmus gerade das tiefere sich Selbstzählen der Seele

zutragen, ohne jeden Verrat an Plastik oder auch nur Biologie. Es gibt

jetzt schon Fälle, wo sich -- wie etwa in der ruckweisen Bewegung, die

dem Adagio des Priesters in der Zauberflöte, dem Erwachen Tristans,

der Heimkehr Parsifals und der mystischen Mittagsstunde, vor allem

aber auch dem ganzen Vorspiel zum zweiten Teil der achten Mahlerschen

Symphonie eigentümlich ist -- wo sich irgendeine Korrespondenz mit

dem okkulten Zeitmaß des Schreitens oder Aufsteigens einzustellen

scheint. Dort klingt auch zumeist die zweite Musik, jene andere Art von

Tönen, der geheime Atem, die geheime Atmosphäre von Musik, selbsttätig

schwingend und voll von dem Drüben wie die Luft in Tintorettos

Abendmahl. Aber nicht nur hier, sondern auch was den ganzen Verlauf

eines Satzes angeht, seine tiefliegende rhythmische Tonikabeziehung

überhaupt, wird die Zeitgestaltung substanzial: keine Formel, sondern

eine Form, keine Krücke auf naturalistischem Boden oder auch bloße

triviale Körperschönheit, sondern die Chiffre zu einer seelenhaften

Aktion, die sich wesentlich innen, in dem Gegenstandsgebiet der Musik

selber abspielt. Wie sollte man sonst Beethoven verstehen können? Er

treibt ruhelos, er läßt verloren gehen, um darin zu laden, er ballt

still und unmerklich zusammen, um es später desto furchtbarer zu

entzünden. Er führt, zerrt, schickt hin und her, er behandelt die

kleinen melodischen Gebilde wie leblose Wesen, er sieht Massen von

Musik vor sich und unter sich, der ungeheure Stratege der Zeit, aus

denen er die tauglichsten für seine Absichten auswählt. Ganze Gruppen

von Noten folgen aufeinander wie eine einzige dürre, aufsparende,

spannende Geschlechterfolge: aber nun, beim Jetzt, bei einem einzigen

rhythmisch-dominanthaft überbegnadeten Genietakt erfolgt der Blitz

der Verschwendung, und die riesigen Massen schütten sich aus. Indem

Beethoven das tut, indem er keine Themen komponiert, sondern einen

ganzen Satz, eine ganze Sonate, läßt er die wechselnden Zustände

unserer Kraft mitspielen, jagt er die Zeit in den bislang toten

Kontrapunkt herein und erzeugt mittelst dieser Ereignisform das Abbild

einer Geschichte, in der sich nicht nur die Folge unserer innersten

Lebensalter wiederfindet, sondern auch das vordem so gespenstische

Dasein der Zeit selbsttätig sein Haupt erhebt. Wenn romanhaft das

Zeitliche noch zwischendurch geschieht, höchst wichtig, aber ohne

anders als nur am Helden, an seinem Alter, Enttäuschtwerden, Reifen,

je nachdem, sichtbar zu werden, so ballt die Sonate die Zeit wie ein

Eigenes zusammen und läßt diesen rätselhaften Arbeitsschein selber

hören. Es glüht und stampft darin; es ist hier ein namenloses Rufen,

Warten, Klopfen, Eintreten, Ankommen, Zögern, überschwängliches

Zusammen wie sonst nur noch auf der Bühne des allerkonzisesten Dramas;

vorzüglich aber die Ankunft ist das Urgeheimnis der Musik, und dieses

ist wesentlich ein rhythmisches Geheimnis. Die leichte und die schwere

Zählung, die Gruppen, Halbsätze und Perioden der Phrasierung sind

hier eigene fließende Substanz: jedes Ding hat in der Beethovenschen

Sonate seine Zeit, sein nachprüfbares nicht-Andersseinkönnen gemäß

seiner Stellung im Augenblick, seine Schwere und Würdigkeit, seine

Geburt und Erscheinung im metaphysischen Termin; und das scheinbar

subjektive Schema dieser Zeit ist nicht nur einfacher Zusammenhang oder

bloße abgefeimte Formelregie, sondern, da aller Effekt ursprünglich

metaphysischen Grund hinter sich hat, zugleich siegelhaftes Gleichnis,

gegenständlichster Rhythmus und das innerste, realste Wirkungsschema

unseres luziferischen Charakters. Hier ist Flamme und geheimster

Uhrenschlag: der erste Satz drängt dramatisch hinüber, der zweite

ruht in sich selber, in der lyrischen Fülle des sich in Existenz

Verstehens, der dritte, vor allem die Coda, öffnet die innere Tür und

gibt sein spätes, dunkles, ekstatisches Bekenntnis -- ein allerletzter

Syllogismus der Entdeckung der Seele.

So ist der Taktschlag tatsächlich und ungesucht voll von

gegenständlich-psychologischen Abspiegelungen und Beziehungen.

Wir sind die Wandernden, es ist unser Gehen und Kommen, das in den

Dingen geschieht. Oder vielmehr, es ist bereits dinglich begonnen und

wir leben diese Zeit physisch und organisch entweder gerade noch mit

oder aber wir überholen sie, führend, ins real Ungeschehene stürzend,

als schöpferische Wesen. Dafür gibt es einen einzigen, zutiefst überall

verwandten, wo nicht identischen Zug, der gerade das symphonisch

eingefaßte und das übrige historisch-produktive Zeitgeschehen

strukturell verbindet. Denn hier wie dort treibt das Geschehen ins

Weite, und das Ende kann nur von innen her kommen, kann überhaupt nicht

anders als vom Geschehen her und als Ziel kommen. In Beidem ist die

Zeit durchaus Beharren des Vorher in dem Jetzt, also Sparen, Dauer,

Aufbau, Erbschaft, Vorbereiten und Sammeln, bis etwas erfüllt sein

kann, und derart die reingemachte, herausgehörte, gottempfindende,

musikalisch-historische, von Vernunft und Vorsehung bewegte Zeit,

der Rhythmus als die Musik in der Musik und als das Logische im

Kosmos zur Wirkung gelangt. Hier wie dort geht das sich Ereignen

bei einiger Kraft der Gestaltung und des Überblicks in ein neues

Räumliches ein, um derart das zufällige Nacheinander in das begriffene

Nebeneinander eines»entwickelten«Inventars überzuführen: hier in das

klanglich-kontrapunktische Raumsubstrat einer Fuge oder insgesamten

Symphonie, dort in den leuchtenden, qualitativ diskontinuierlichen

Geschichtsraum einer in sich abgeschlossenen Epoche oder auch der

völligen Weltgeschichte, sobald nur ihr Ganzes unerachtet des

Decrescendos der sich an ihrem jeweiligen Finale wieder aufrollenden

Aktualität genügend einheitlich und utopisch gebunden schwingen kann.

Schließlich, beim Einen wie bei dem Anderen treibt die tätige Zeit auf

ein unbekanntes Ziel hin; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß in

den kleineren Kreisen der Musik dasselbe Zielproblem gegenständlich

aufgeworfen wird, das den Gesamtprozeß der Geschichtssymphonie, tiefer

noch: der Geschichtsphilosophie der Ethik der Innerlichkeit bewegt.

Der Zug der großen Musiker in ein seelisches Gehäuse, in die ihnen

zugeborene Ichgegend, ist selbst nichts anderes als der Gang ihrer Zeit

in ihren Raum, und derart ein Umschlag ihrer spezifischen Zeitform in

ihre spezifische Raumform; wonach sich im Weiteren der letzte noch über

dem heidnischen, christlichen, luziferischen Wegtempo liegende Geist

des Sonatinen-, Fugen- und Sonatenrhythmus als der Geist der drei oder

vier Hierarchien, Subjekt zu haben, transzendental kontrapunktisch

beziehen läßt.

Indirekte Beziehungen des Kontrapunkts.

Denn wenn wir nicht mitgehen, geht überhaupt kein Ton.

Er kann zwar für sich einige kurze Schritte tun. Aber diese sind bald

zu Ende, der Quintfall bringt alles sogleich wieder zur konsonanten

Ruhe. Nur die Tonleiter führt weiter, und diese ist bereits ein rein

menschliches Gebilde.

Nichts ist freilich leichter als in ihr nun einen melodischen

Einfall zu haben. Fast jeder kräftige Takt, schon die schlagenden

Räder und Geräusche des Eisenbahnwagens ziehen ihn sich nach. Es

ist schon seltener, auf einen bewegungszeugenden, melismatischen

Einfall zu stoßen, und wie die ersten Singstunden schlechter singen

lassen, so dämpft das sich Ausbreiten dieses Einfalls in vielen

Stimmen, das keineswegs »schon«fugal zu sein braucht, sondern sich

auch mit kammermusikalischer Feinheit begnügen mag, zunächst allen

melismatischen Glanz ab, um den unechten zu vernichten und dafür den

echten ins rechte Feuer zu setzen.

Hat nun dieses mit uns anhebende, sich gewaltsam zusammenwebende

Beginnen Tiefe? Es entsteht hier ein Anderes als Töne und koloraturhaft

spielende, einreihige Melodie. Das Melos steht auf, das Thema regiert,

die Durchführung, der schöpferische Beethovensche Ausbruch über dem

Thema, mit dem dieses zur bloßen Gelegenheit und nicht zur einzigen

Betriebskraft wird. So liegt, sofern er nicht Mittel, Formel, sondern

Form ist, den mannigfaltigen Arten des Kontrapunkts die letzte

transzendentale Beziehung der Musik zur Last. Er ist es, harmonisch

angefeuert, von dessen bildenden Kräften alles entspringt; er geschieht

und das Große hebt an, man kann die Äste und Zweige auseinanderbiegen

und sieht nun, woher, aus welchem Gestrüpp sich die Blüten des

wundersamen Baumes zur Krone zusammengefügt haben. Aber wenn es noch

nicht einmal so steht, daß Schwefel, Phosphor und Reibfläche die Flamme

erklären, wie sollte es da gar einen Newton dieses Grashalms, dieses

Organischen höchster Ordnung geben?

Das Bachsche und das Beethovensche Kontrapunktieren.

So ist es gerade klanglich sehr viel freier und wärmer um uns geworden.

Wir hören seit langem nicht nur akkordisch, sondern es wird uns auch

von den Meistern erlaubt, so zu hören. Die Sorgfalt, die früher auf

die Sauberkeit der taktweise lesbaren Stimmführung verwendet wurde,

ist von Mozart bis Bruckner in steigendem Maße auf den Akkordaufbau

gerichtet worden. So haben sich die alten Mühen der Stimmführung zum

großen Teil auf dieses vertikale Hören und Überdenken zurückgezogen.

Aber man darf selbst diesen Verlust von stets gegenwärtigen Stimmen

nicht überschätzen. Er hat auch sein Gutes gebracht, und das flüssigere

Gefühl für harmonische Spannungen ist unerhört fruchtbar geworden.

Freilich hat man es noch kaum verstanden, was derart an glänzendem Fluß

und Wärme kam. Man setzt ohne weiteres voraus, daß der Schüler nicht

oft in die Lage kommen wird, eine Fuge zu schreiben, aber man schließt

trotzdem mit ihr die Schule des Gewissens ab. Das heißt, ganz spurlos

ist das metallische, instrumentenreiche neunzehnte Jahrhundert nicht an

der Theorie vorübergegangen. Man hat ihm, weil seine hohe akkordische

Leistung auf der Oberfläche liegt, die Harmonielehre entnommen, die

zwar zeitlich und auch in gewissem Sinn entwicklungstechnisch über der

Fuge steht, die aber doch, als bloßes einseitig betontes Spezifikum

eines ganzen Jahrhunderts von Musik, jeder Art von altem Kontrapunkt

der Sphäre nach den Vorrang lassen muß. So bleibt das, was die Sonate

gebracht hat, die spezifisch sonatentechnische Entwicklung, dennoch

ohne Theorie. Es reicht nicht aus, hier bloß harmonisch zu erklären,

denn Beethoven ist keineswegs auf seine modulatorischen Rückungen und

Künste zu vereidigen. Und was sollte es andererseits an der Apassionata

sein, ja selbst an der fugierten Ouvertüre zur Weihe des Hauses, das

sich mit den Maßen des alten Kontrapunkts erfassen ließe? Das alles

steht gerade harmonisch weit hinter Bach zurück, der ein begrenztes

Feld unendlich reich bestellte, und wenn Beethoven rhythmischer

harmonisiert, so ist der Deduktionsort dieser Rhythmik an einem anderen

als dem Bachschen Kontrapunkt gelegen. Die Befreiung der Stimmen

wie der Dissonanzen, das neue, zu großen Höhepunkten hinreißende

akkordisch-kontrapunktische Spannungswesen, das Nacheinander und die

thematische Zweiheit der Sonate wirkt nach wie vor außerhalb des alten,

wenn auch noch so verbesserten Gradus ad Parnassum. Die Sonate steht

zwar anerkanntermaßen mit der Fuge in einer Reihe, aber während die

Fuge auf ihre kontrapunktische Würde und Gesetzlichkeit gebracht worden

ist, bleibt die Sonate im Erzählungston der bloßen, außerakademischen

Formenlehre stehen, und der Aufbau ihrer Form, ihr eigener unentdeckter

Kontrapunkt, wie er mit der rhythmischen Harmonie anhebt, unterliegt

sonatentheoretisch der Willkür oder, was fast noch schlimmer ist, der

Diktatur des Programms als der fast durchaus musikfremden Logik, --

weit hinter der Fuge zurück und der bisher nur von ihr abstrahierten

höheren Mathesis des Musikalischen überhaupt. Es ist wichtig, blühend

und gefüllt, durchbrochen zu arbeiten, es ist ebenso sehr erforderlich,

zuzeiten auf die alte lineare Schreibweise zurückzugehen, um der in

ihren Ausdrucksmitteln leicht erschöpfbaren Harmonie neues Leben

zuzuführen. Aber Gesang, Begeisterung, Genie der Liebe, der neue Sturm,

der riesenhaft schlagende Ozean Beethovenschen Musikgeistes sind noch

wichtiger; und wenn die Stimmführung der Sonate löcheriger geworden

ist, wenn sie der Kultur des Einzelnen im Rausch des Ganzen noch

ermangelt, so können diese Fehler nicht mit dem alten, sondern durchaus

nur mit ihrem eigenen, spezifischen Kontrapunkt geheilt werden.

Die Frage des sonatenhaften Bauplans bezieht sich im wesentlichen auf

das Problem der Durchführung. Hier schraubt es sich rastlos aneinander

nach oben. Hier werden wir überredet, gezwungen, hingerissen zum

Unbekannten, zum fremdartig bekannt Wiederkehrenden. Nichts ist bei

Beethoven gegeben, rein thematisch gegeben. Was hier geschieht, umwölkt

geschieht, ist bei ihm keineswegs wie noch bei Haydn und Mozart und

nun gar erst in der Fuge dasjenige, was bereits thematisch zu hören

war. Die Durchführung kommt zwar auch schon in der Fuge vor, als

die eigentliche Entwicklung der Stimmen, als das Wandern des Themas

durch die einzelnen Notensysteme. Aber hier geht alles sorgfältig

vorbereitet und nach Regel. Es beginnt eine Stimme und sie trägt

ihren kurzen, prägnanten Gedanken vor. Dann setzt eine zweite Stimme

ein, um das gehörte Thema in der Oberquinte oder Unterquarte zu

imitieren, doch mit gewissen Rücksichten auf die Wahrung der Tonart,

deren wichtigste die gegenseitige Beantwortung von Tonika und von

Dominante ist. Während des Vortrags der Antwort fährt die erste Stimme

mit einem zumeist später noch ausgenutzten Kontrapunkt fort. Ist die

Fuge dreistimmig, so folgt die dritte Stimme wieder mit dem Thema in

seiner ersten Gestalt, dem Dux, und eine vierte nimmt nun wieder die

Antwort auf, den Comes, dergestalt, daß mit dem Augenblick, wo sich

alle Stimmen mit Dux und Comes eingeführt haben und so der Satz seine

volle Stimmenzahl erreicht hat, auch die erste Durchführung beendet

ist. Es können je nach der Ergiebigkeit des Themas noch vier oder fünf

Durchführungen erfolgen, alle durch genaue Regeln bestimmt, die den

Stimmen jedesmal neue Kontrapunkte, aber eben nur neue Kontrapunkte

erlauben, was nach Riemann auch nur insoweit gut ist, als dabei

wenigstens charakteristische Motive wiederkehren, bis endlich die

letzte Durchführung, das Stretto, das Meisterstück der Engführung, das

heißt der kanonischen Ineinanderdrängungen von Dux und Comes erscheint.

Es gibt hier, in der Fuge, nur Eintritt und kein Ereignis, nur Geduld,

aber keine Unruhe im Einschlag; alles Überraschende ist dem Thema, als

welches dazu bestimmt ist, häufig wiederholt zu werden, ebenso fremd,

ja von Nachteil wie dem ununterbrochenen Gang der Fuge selber. Denn

sofern diese gehalten ist, alle Stimmen zu berücksichtigen, bewahrt

sie eine gewisse mittlere Linie oder Neutralität, die daher auch im

Harmonischen und Rhythmischen eine gewisse Zähigkeit, Cäsurlosigkeit,

ja Schwerfälligkeit des Gehens und Fließens bevorzugt. Ganz anders

klingt Beethoven, das Durchwollte, Durchdachte, der Griff und Angriff

überhaupt. Hier erscheint, wie wir schon so häufig dargestellt haben,

das kräftige erste Thema, dem ein weicheres, gesangsmäßiges zweites

Thema gegenübertritt, regelmäßig in anderer, aber verwandter Tonart.

Gewöhnlich wird der erste Auftritt wiederholt, worauf dann nach

dem Doppelstrich der luftigere, geistigere, tonartlich aufgeregte,

zerschlagende und wieder gegensätzlich zeugende Durchführungsteil

erscheint (leicht beieinander wohnen die Gedanken); bunt, in reichen

Modulationen, Bruchstücke beider Themen kombinierend und durch ihren

Widerstreit mehr oder minder packende Steigerungen bewerkstelligend,

aus denen schließlich mit der Rückkehr in die mit Vorbedacht gemiedene

Haupttonart wieder die beiden Themen hervorgehen, aber das zweite

Thema in seiner Gegensätzlichkeit zum ersten gemildert durch Annahme

oder möglichste Annäherung an dessen Tonart. Sofern gerade Beethoven

der größte Meister dieser Kunst ist und der erste Satz der Eroika

ihr ewiges Muster, kann eben die Frage des sonatenhaften Bauplans

vor allem auf das Problem des Neuen, Unvermuteten, Produktiven im

~Durchführungsteil~ konzentriert werden, der damit für die gesamte

zu bestimmende Kontrapunktierkunst der Sonate überhaupt zu stehen hat.

In ihm treibt und erhitzt es sich, der Zug wird gewaltsam. Das Blech

klingt und prallt zusammen, ein feuriger Atem läßt es erglühen. Vor

allem ist dabei das bloße Auslegen, die rein thematische Abwandlung

aufgegeben. Nur das Eine besteht weiter, daß kein eigentlich neues

Material zum Aufbau der Durchführung herbeigeschafft wird, außer

jenem, das bereits in der Exposition vorgekommen war. Dagegen herrscht

in der Auswahl selbst volle Freiheit; der Komponist ist weder einem

einzelnen Thema als einem ganzen, mechanisch unteilbaren Gebilde

noch gar allen Themen des Anfangs irgendwie verpflichtet. Er kann

sich auf bloße thematische Motivteile beschränken, ja es darf sogar

der Leitfaden der Tonalität verlassen werden, wenn sich nur die

aufgegebene Tonart überhaupt wieder nach allen Irrungen herstellt,

die geheime und am Ende siegreich hervorbrechende Zweckursache der

gesamten, nicht nur bewegungs-, sondern dramazeugenden Harmonisierung.

Vorgeschrieben ist also nur das Thema, die Zweiheit der Themen als ein

Treiben und Keimen, das sich fortzeugt und kinetisch werden möchte.

Und es geht keinesfalls an, die Sache so darzustellen, als ob dieses

Thema lediglich ruhende Spannung wäre, die ihre Kraft aufgespeichert

erhält. Dann wäre es freilich leicht zu lösen und fortzuschreiten,

wenn auch nur mit dem Ziel, daß sich das Gespannte ohne jede neue

Einzahlung, wie sie gerade im Widerstreit der Themen liegt, wieder

zur bloßen Melodik zurückbildete; ein Anblick, der bei den noch

uneigentlichen, noch nicht zu sich gekommenen Mozartschen Sonaten

allerdings häufig ist. Aber weder Beethoven noch Bruckner noch gar

Wagner, bei dem das Thema nicht einmal am Anfang steht, sondern nur wie

eine fernher wirkende Hypothesis darübersteht, können für diese Feder-

oder gespannte Pfeilbogentheorie der Thematik als Belege angeführt

werden, und überdies gibt es im Finale das Thema fast durchgehends

nur als Produkt und nicht als tatsächliches Prius der Entwicklung.

Alles hängt davon ab, was man mit dem Thema anfängt; so wenig wie

Jean Pauls vergnügtes Schulmeisterlein Wuz, das kein Geld zum Kaufen

hat und sich deshalb selber aus den Titelangaben des Messekatalogs

die Bücher zusammenschreiben muß, um zu einer Bibliothek zu kommen,

-- so wenig wie dieser absolute Phänomenologe der Thematik dadurch

erfährt, wie es mit der zeitgenössischen Literatur steht, so wenig

ist das bloße krude Thema, mag es auch noch so gut erfunden, scharf

umrissen und bewegungszeugend komponiert sein, ein Kern, aus dem von

selber, oder auch im Bund mit anderen Kernen, der Wald der Symphonie

erwächst. Dazu leistet das zeugende Akkordleben schon bessere Dienste.

Und zwar nicht nur so, daß aus den Füllstimmen gewisse unwesentliche

Nebenflüsse entspringen, die sich in den auch ohnedies bestehenden

Fortgang ergießen. Sondern es gibt hier eine eigene formbildende Kraft,

die die Tonreihe umstimmt, umbildet, ja für den Laien sogar unerkennbar

machen kann; die unter einen ganz anderen Himmelsstrich führt und

derart vor allem im Durchführungsteil das Schweifende, Entfernte,

Entfremdete des Geschehens mitsamt der Sehnsucht nach der tonartlichen

Heimkehr höchst kräftig unterstreicht. Zudem hat sich seit langem das

Taktgefühl der Harmonie bemächtigt und seine rhythmische Dominantkultur

darüber gestellt. Der Atem des Rhythmus erlaubt nicht mehr, daß sich

die Stimmen zum bloßen Klangbrei zusammenmischen, so wenig wie er es

ferner noch möglich macht, daß sich in allen Stimmen eine einheitliche

Überzeugung im Sinn der reibungslosen fugalen Selbstdifferenzierung

eines einzigen Gedankens vorträgt. Sondern die Kraft, die rhythmisiert,

baut in die Tiefe: sie reißt, wie Grunsky richtig erkannt hat, ein

mehrstimmiges Geschehen dadurch an sich, daß sie die vertikalen

Schnitte zusammenfaßt, daß sie, ihrer Neigung zum durchbrochenen

polyphonischen Geschehen unerachtet, die sich einschichtig klärenden

Höhepunkte bevorzugt, die Stellen, an denen sich die Töne zu den

tragenden Tonsäulen der errungenen Herrlichkeit zusammenfügen und eben

dadurch die abenteuerreiche, sich steigernde, sich entscheidende,

dynamisch-rhythmische Harmonik in den Dienst eines neuen Gottes, der

Kontrapunktik des Nacheinander, zu stellen vermögen. So nützt sehr oft

schon Bach den Trugschluß aus, um melodisch und harmonisch erweitern

zu können; und liegt nicht bereits in der Herausschälung der Dur- und

Molltonart, überhaupt in der Freude, mit der sich Willaert, Zarlino und

alle Kontrapunktiker des sechzehnten Jahrhunderts wesentlich auch als

Harmonisten fühlten, eine Ahnung von dem kommenden Ritt, Sturm und der

Unruhe, dieser stärksten Sucherin der Ruhe, der harmonisch-rhythmischen

Dominant- und Tonikaspannung als dem Feld der symphonischen Musik?

Es gibt, wie wir gesehen haben, schon bei Bach durchaus ein Wollen

und die hindurchströmende, beziehungsreiche Flut seines Nacheinander,

seines gegensätzlich thematischen Nacheinander, mithin einen erst im

~Ganzen~ sichtbaren Horizontalismus, der sich häufig auf die

Wende-, Durchgangs- oder Eckpunkte, vor allem aber auf die rhythmisch

betonten Haltepunkte der Harmonie prinzipieller angewiesen sieht

als auf die entscheidungslose Stimmigkeit des architektonischen

Kontrapunktierens. So bleibt die Achtung auf den Akkord nicht nur

ein Zufälliges, das kontrapunktisch nebenher geschieht, sondern es

wird ehrlicherweise zum Prius des Komponierens; das kammermusikalisch

reiche Melodisieren gerät in die Mitte, und die prangende Weißglut

des Orchesters, das Prius der siegreichen, rhythmisch aufspannenden

Harmonie wird derart am Ende sogar zu einem proteron tê

physei, zu einem Prius nicht nur des Standpunkts, sondern auch

der Sache, der dramatisch bewegten Sonatensache. Allerdings, es

ist letzthin auch nicht das zeugende Akkord- und Rhythmusleben,

das die Sonate sich erweitern läßt. Denn dieses kann wohl das Neue

kennzeichnen, vielleicht auch weitgehend unterstützen, aber selbst die

noch so reichen Möglichkeiten der Dominantspannung und des rhythmisch

befeuerten Akkordlebens sind nicht imstande, nur aus sich heraus die

Einbrüche des Neuen, im Thema Ungesetzten und Ungeahnten, wie es hier

zur Diskussion steht, zu deduzieren. Wahrscheinlich bringt dazu erst

der Gegensatz in der Aufstellung der beiden Themen das entscheidende

Moment, -- die Zweiprinzipienlehre der Sonate, und jene den Gegensätzen

abgerungene Einheit, die sich als»Abstraktum«des Siegs gleichsam nur

zufällig mit dem ersten Thema deckt. In diesem vollends schrauben sich

die Töne reibend und rastlos aneinander erhitzt nach oben, der Flug

hat Halt. Es entsteht forttreibend und sich steigernd ein Anderes, der

Kampf oder die Seele der sich herausgebärenden Beziehung. Daher ist

bei Beethoven das Einzelne nichts und das Leben im Zusammenhang alles,

Kraft, Geradheit, ungeheurer Aufbruch und Heraufgebet des Lichts. Er

behandelt nicht, er verwertet, er kennt nicht die Gelegenheit zum

feinen, ruhigen, innerlichen Sichbereichern des Themas, sondern nur

das Pathos der Verwertung als die Tapferkeit, den Schwung und die

militärische Energie eines Dritten: des sich Zutragens einer in der

eigenen harmonisch-rhythmischen Substanz gegebenen Geschichte. Man

tritt bei Beethoven in das Zimmer und atmet die Beziehung, man fühlt

auf das Eindringlichste, wie sich hier alles wechselnd komprimiert

und erlangt so gleichsam durch den wechselnden Luftdruck der

Atmosphäre von der Höhe und Tiefe des Geländes Kenntnis, mehr noch,

man erlangt jene wahre Seemannsintuition, auch erotische Intuition

für Atmosphärisches und seine Gesetze: wie hier aus einem rasch

vergangenen Tonfall oder an einem scheinbaren Endpunkt ein winziges

Gebilde hervorwächst, fast unsichtbar noch und ohne Bedeutung, wie

es aber stark wird, Freunde wirbt, mit dem Alten den Kampf aufnimmt

und bald die gesamte Situation mit mächtigen Gliedern, mit alles

beherrschender Erfüllung überwächst. Es ist Auftrieb, Ermattung und

Unglück, Verlorengehen, Argument und Sieghaftigkeit in dieser Musik,

dicht hintereinander oder in großen Zügen gegeben, so sehr, daß bei

Beethoven alle Springböcke und Hebebäume, die scheinbar allein die

rhythmische Harmonie angesetzt hat, vor diesem seinem wütend entzweiten

Inneren und der am Gegendruck des Fremden sich objektiv entfaltenden

zwei Prinzipienfruchtbarkeiten überflüssig werden. Er hängt die Knospen

über die Lampe, damit sie schneller reifen, wie ja selbst die bekannten

Adagioblumen zwischen zwei Abgründen bei diesem so wenig pflanzenhaften

Meister niemals sehr natürlich aussehen. Daher spricht Beethoven auch

nicht eigentlich im Adagio oder im Cantabile der Variationen, in

seinem langsamen, eigentümlich beschwerten, agitatorisch schmachtenden

Satz, sondern weitaus typischer und allein definierbar im Beginn und

im Finale, dort, wo es sich um die sthenischen Affekte und um die

gewaltigen Ansammlungen seiner in den Menschen hineingehenden Strategie

handelt. Er ist schon durch die Geringfügigkeit seiner Themen, die

insgesamt nur als die allerleersten Zeugen eines dynamischen Zustands

gesetzt sind, dazu gezwungen, ein Neues im Fortgang zu schaffen,

das etwas anderes als bloße Entwicklung, Auswicklung oder irgendwie

kontrapunktisch rationalisierte Abwandlung des gleichartigen Themas

sein muß. Auch bei Bruckner, obwohl er Beethoven in der Liebe,

Ausführlichkeit und Erfindungskraft des chromatisch-Melismatischen in

und über dem Thema übertrifft, liegt das Steigernde weder in den Themen

angelegt, noch auch, wie wir sahen, irgendwie abschließend in der nach

thematisch gesetzten Harmonik und Rhythmik: sondern jenes Andere, der

Symphonie Ureigene ist heraufgezogen, das noch keinen Namen hat, wenn

es sich auch ungefähr mit dem beziehungsreichen Nacheinander oder mit

dem Wirken eines nicht mehr architektonischen, sondern dramatischen

Kontrapunkts umschreiben läßt. Es ist ein gewaltiges, mehrsätzig

ausgebildetes, zyklisches Breiterwerden, das ebensowohl die bisherige

Dominantspannung weniger Takte zu einem ganzen Satz ausdehnt, also

lotrecht gesehen, einen ungeheuren Vertikalismus schafft, wie es

andererseits die hintereinander gejagten Themen zum Nacheinander und

nur mehr erinnerungsmäßig festhaltbaren Nebeneinander, Übereinander

im Zusammenhang eines ganzen Schicksals in Musik verwandelt: zu einer

neuen, rein gedanklichen Wagrechte des Kräfteausgleichs, zu einem

erst im ~Ganzen der dynamisch-dramatischen Einheit sichtbaren

Horizontalismus~ von Blitzen, breiten Feuersbrünsten, verzauberten

Riesenworten, Magie des Marsches und unersättlich weitem Triumphgelände

-- als der nicht mehr linearen, sondern jeweilig in Spiralen

korrespondierenden, historisch-logischen Ortsexistenz des dramatischen

Kontrapunkts.

Geist der Utopie · 第 17 / 39 段