Denn was suche ich, wenn ich zuhöre? Ich suche, wenn ich zuhöre,

inhaltlich reicher und vermehrter zu werden. Es wird mir aber nichts

gegeben, wenn ich bloß formell erleichtert mitschwinge. Es sei denn,

daß ich es mir selber hole, weitergehend, inhaltlich, über die Form

hinaus. Selbst der Künstler wird nicht rühren, nichts besagen,

sofern er tatsächlich während der Arbeit nichts als das Formen im

Kopf hat und nur die Mittel will. -- Aber man kann auch künstlerisch

verkünden und predigend sein. Wichtiger, als daß die Außenstehenden

Gesang hören, wenn ein Mann im heißen Bauch des pharsalischen Stiers

schreit, und erst recht wichtiger als der Mechanismus, vermittelst

dessen Schreie in Gesang verwandelt mitgeteilt werden, sind die

Schreie selbst, ihre unabgelenkte Echtheit und Tiefe. So geht es auf

die Dauer nicht an, die gestaltende Gesinnung in ihrem bloß formellen

Niederschlag aufzusuchen. Dergestalt, daß alles dilettantisch wäre,

was sich nicht nach außen drängt und nicht im Technischen so sehr

befriedigt fühlt, daß die Vision erst in diesem Äußeren des Werks

ihr vollkommenes Wachstum und die Bestätigung ihrer Echtheit erlebt.

Nichts kann falscher, zufälliger und kunsthistorisch begrenzter sein

als dieses; es liegt allem, was sich aussagen muß, gleichmäßig fern,

dem malenden Kind und dem schnitzenden Bauern nicht ferner als dem

großen Künstler. Man sieht zwar bei Lukács diese ästhetische Meinung

vollkommen dargestellt, aber sie stammt hier irgendwie aus einer

Sprechweise, die sich an Werken und Formen festhält, um letzthin doch

nicht diese, sondern bei Gelegenheit von --, also ironisch, indirekt,

essayistisch den fernsten, eigenst gewonnenen Tiefsinn zu meinen: ein

Verfahren, das im einzelnen zweifellos außerordentlich fruchtbringend

wirken kann, das aber im ganzen, als Methode eines Systems, als

Zeichendeuterei der Werkheimaten auf Grund durchgängiger Formanalyse

doch das Unbedeutende überlastet, die inneren Grenzen chiffrenhafter

Formbeziehung nicht ohne Willkür festsetzen kann und das Mühsame,

Uneigentliche, Flaubertsche des neuzeitlichen, bloß stilhaften,

undeskriptiven Schaffenmüssens verewigt. Man hat als der, wie man ist

und nicht vermöge dessen, wie man es macht, sein vollauf bestimmtes

künstlerisches Was, noch ganz abgesehen davon, daß die nüchterne,

rein technische Atelierdefinition dem Bedürftigen, Überschwanghaften

des künstlerischen Willens und seines Objekts nicht gerecht zu werden

vermag. Lustig, häßlich, schön, bedeutend -- das sind alles die kurzen

Fühler und Gefühlstöne eines noch flachen Zuhörertums. Grün mit Rot,

Figurenkomposition in der Landschaft, Spielbein, Stehbein, Kontrapost,

Querstände und neapolitanische Sext -- das sind gleichfalls kurzatmige

Dinge, wie sie freilich unten, nicht zu lange dazu gehören, wie sie zur

Mitteilung, zum pädagogischen Horos des prinzipiell unabgeschlossenen

Kunstwerks notwendig sind; Bäume, die den Wald anzeigen, die aber der

Wald nicht sind, und die sich nicht einmal chiffreartig mit dem Geist

des Waldes, mit dem durchaus schon als Inhalt künstlerischen Gehalt

der Werksphäre decken. Man darf auch nicht glauben, den einzelnen

Darstellungsweisen dadurch einen jeweils selbstbedeutenden Hintergrund

geben zu können, daß man sie geschichtlich aufträgt; daß man die

Formen des Romans, des Dialogs oder anderer Talentmittel wie auf einem

sich drehenden Firmament von geschichtsphilosophischer Geistigkeit

fixiert erblickt, der die möglichen Aussageformen kommen und gehen

läßt; daß man also die Geschichte der künstlerischen Wer- und darin

Washeiten zu einer Geschichte mittelalterlich-realistischer Wieheiten

umdeutet. Es handelt sich hier nicht nur um Farbe, Stein, Sprache

als den Stoffen, die schon abirrend genug wirken, sondern eben um

das Formen, um die Sorgen der Akribie, um die Fragen des Wirkungs-,

Vermittlungswillens, die sich für den Künstler selbst vor die Aussicht

auf die einzig zu bedenkende Gehaltsphäre schieben; und daß der

Künstler nicht immer so rein werkhaft an sich zu sein braucht, daß

seine Erlebnisse in ein unzertrennliches Bündnis mit den technischen

Formen der spezifischen Kunstart des Werkes einzutreten haben, um ja

nur die prästabilierte Harmonie zwischen Vision, Form und darin erst

gewonnener Dingmaterialität zu erreichen. -- Die zuhörenden Menschen

gelangen anders nach Hause. Gerade von jetzt ab mag das Künstlerische

wieder als eine versetzte seherische Begabung erscheinen. Gewiß, was

nicht ausgesprochen ist, besteht nicht, aber es ist der Wille, der

Inhalt, der über die Mittel gebietet. Und es scheint, daß man das

Gesagte in diesen Tagen nicht mehr so strenge, werkhaft von sich

abzuhalten braucht, um es als Ausgesagtes zu vernehmen. Irgendwie ist

es dem neuen Künstler wieder möglich geworden, auch ohne daß sich die

allzu sehr genäherten Regenbogen und Wolkenzüge als Nebel um uns herum

legen, ein Kunstwerk, das Wesentliche des Kunstwerks ohne aufhaltenden,

distanzierenden Formbegriff zu schenken. So wird das Ungekonnte oft

sonderbar tief; kein guter Autor, sagt Jean Paul, zeigt sich im

Hemd, was wir dafür halten, ist's Chorhemd; die Mittel selber sind

agitatorisch, sie treten nur als das eine oder andere, dem Belieben

des Künstlers anheimgestellte Verwirklichen ans Licht, ohne daß dieses

Formen im geringsten inhaltlich determinierte. Es ist das andere Ich

und der andere Gegenstand, der Künstler und Kunstgemäßes determiniert;

und nicht eine das Jenseitige etwa zur künstlerischen Immanenz

auffangende Form. Wenn der wesentliche Wille steigt, so vermehrt sich

freilich auch das Geformtsein seiner Gegenstände, der Wohlklang regiert

viele und wahre Bilder. Aber es ist hier das geschaute Wesen, das sich

seinen Körper baut, und wenn dieser, die Form der Verwirklichung,

die äußere Wirklichkeit des Werks, als denaturalisiert oder im hohen

Grad abstraktiv erscheint, so ist dieses ein nachträglicher Eindruck

und überdies hauptsächlich nur abstrakt in bezug auf das natürliche

Vorkommen des dargestellten Gegenstands. Denn an sich ist die neue

expressionistische Wesensbildung genau so»naturalistisch«und bloß

deskriptiv wie die Grabsteine mit dem Horusnamen, das Relief des Bel

Merodach oder die Flügelstiere Assyriens und des Propheten Ezechiel.

Hier ist ein neues Direkt- und Absolutsein an der Arbeit, das die

scheinbar selbständig aufsteigende Formarchitektonik: den guten

Satz, die Flaubertsche Mystik der Niveauausgleichung, als Prius im

geschauten Gegenstand besitzt und nicht etwa, um damit den Widerpart

einer formhaften Hierarchie gegen die flüchtigen Tiefen des Inhalts zu

gewinnen. Das wird nur dort notwendig, wo das Werk genau so lang ist

wie die Aussage, und diese nicht länger; wo man also nicht anders in

die hinteren Reihen hereinsehen kann als mittelst der betrügerischen,

verzweifelten, transplantierten Kraft des Stils, so in Griechenland

und dann wieder in der zu so viel Höherem geborenen Barockkunst; aber

auch hier, wo immer nur große, persönlich expressive Arbeit vorliegt,

ist es der Wille, das Subjekt und sein Inhalt, der letzthin allein

aus den Mitteln, den wertlosen, hintergrundslosen, herauszuhören ist,

und die Form bleibt weit davon entfernt, ein Ziel oder auch nur einen

wichtigen, beziehungsreichen, transzendental brauchbaren Ruhepunkt

zu gewähren. Nur in einer Weise läßt sich über Form gegenständlich

sprechen; dort nämlich, wo das Formelle keine Vermittlung, sondern ein

gegenständlicher Teil selber ist, wie vor allem in den Bühnenwirkungen,

im Rhythmus, irgendwie auch in den verschiedenen, die gestaltenden

Subjekte zu Kategorien ihres Soseins determinierenden Arten des

Kontrapunkts, überhaupt in allen Zeit- und logischen Ortsproblemen der

Kunst. Hier hat sich das gestaltende Subjekt wahrhaft in eine»Form«als

seinem tieferen Aggregatszustand hineinbegeben, die demnach den

unteren, sozusagen erkenntnistheoretischen, sich metaphysisch

knochenbildenden Teil der Gegenstandsreihe selber darstellt, wie er

freilich von dem eigentlichen Leben, Inhalt, Tiefsinn der ästhetischen

Gehaltssphäre immer noch durch einen Sprung an Ich und Wahrheit

geschieden ist. Es ist nun gerade die sonderbare Kraft dieser Tage,

daß man die Zügel anscheinend lockerer, genauer gesagt, bewußtloser

halten kann und doch dem echten Haus zufährt. Es ist die erstaunliche

Barbarei dieser Künstler, daß etwa das rein Malerische, wenn es

innerlich notwendig wird, beliebig schlecht oder rein musikhaft

werden kann und ähnliche»Dekadenzen«mehr, unerhört vom Standpunkt der

Akribie aus, so wie man früher, zur Zeit der beginnenden Gipsabgüsse

und Ornamentenschätze des Unwesentlichen, tadelnd zu sagen pflegte,

dieses oder jenes alte Bauwerk sei nicht besonders rein im Stil. Man

betreibt hier jenes Kühne und so gar nicht Sturm- und Dranghafte

(denn dafür ist es viel zu sehr bekümmert, viel zu wenig Freude am

bloßen Kraftüberschuß, viel zu strenge Verantwortlichkeit gegen den

Gegenstand), -- jenes höchst Direkte, das bisher nur und gerade die

allergrößten Stilisten, reuig und hellsehend, in ihren Alterswerken

exekutiert haben: subjektiv, überformell, Deskription des Wesens zu

sein. Derart geht auch das»Werk«vorüber; die Augen sind stark geworden,

man braucht nicht mehr seine heilsame Dämpfung und vielfältige

Umleitung, die die überschwelligen Himmelsreize abschwächt und auf

eine große Fläche verbreitet, damit sie nicht auf einmal herüberdringen

oder wie anders man aus der produktiven Schwäche eine olympierhafte

Pädagogik machen will, gemäß der klassizistischen Idolatrie der Form.

Es kommt mit anderen Worten eine neue, bewußtlosere, urbildliche

Betonung des etwas zu sagen Habens herauf, die keineswegs den Vorwurf

des Dilettantismus scheut, ja bei der das Dilettantische, das

apriorisch Dilettantische, rein»Inhaltsästhetische«, sofern nur die

eigentliche Stümperei der individuellen Armseligkeit, der negativen

Expression ferngehalten ist, einen metaphysischen Grad erlangt: den des

Abschubs alles Genießens; den Gewinn der Ichaussage statt des Werks;

den moralischen Nominalismus gegen alle verselbständigte Indirektheit;

den deskriptiven»Naturalismus«oder, besser gesagt, expressionistischen

Realismus des»Subjekts«; und schließlich die Kraft der Ansage oder

wie es war und wie es hätte sein können, sein sollen, die Würde der

Erkenntnis, der spezifischen Erkenntnis einer»ästhetischen«Wirklichkeit

und des möglichen Ideegebots, der compunctio cordis, ihrer Sphäre.

Darum eben kann von hier ab das Künstlerische wieder als eine versetzte

seherische Begabung erscheinen. Wie weit war in ihren ersten Blütetagen

alles von der Absicht des Zeigens und der schönen Wirkung entfernt:

es war verboten, sich den Masken zur Unzeit zu nahen, ja es gab

Götterstatuen, die überhaupt nur in einem vollkommen verdunkelten

Raum verehrt werden durften; wie in der schweigenden Muschel die

Perle ringt, so haben das primitive und auch gotische Kunstwollen und

die gesamte Musik mit dem Wollen der Kunst als eines beabsichtigten

Wirkungsbegriffs, als des kleinen, wesenlosen Ausschnitts einer Welt

ohne Enttäuschung nicht das Geringste gemein. Es handelt sich dabei

durchaus nicht um die objektiven oder auch normativen Bedingungen

des ästhetischen»Gefallens«, das die unwichtigste Sache von der Welt

ist, sofern allein schon der Begriff»Aisthesis«nicht gefühlsbetonte

Empfindung, sondern durchaus dasselbe wie Wahrnehmung, adäquate

Erfüllung bedeutet. Wenn es uns jetzt als kunsthaft erscheint,

dasjenige, was hier an Heiligem dargestellt ist, so bedeutet dieses,

daß es fiel, daß es unterdessen sein Letztes, Heiliges verloren hat

und derart, wie es als Bildzauber innerhalb eines seit langen Tagen

passierten, überholten Geschichtsabschnitts gelegen ist, so auch

mit seinem transzendent gewordenen Bestand in die Welt und deshalb,

als ein bloß noch Vorletztes, in die ästhetische Gegenständlichkeit

einrücken mußte. Den heute zuhörenden Menschen ist das Letzte nicht

mehr so leicht gegeben, wie in den seligen Zeiten der Götternähe; aber

dafür lassen ihre Künstler die Pfeile, die langsam gewordenen Pfeile

des Ausdrucks wenigstens wieder nach dieser esoterischen Richtung

fliegen; und wie das Heilige nicht tiefer als bis zur Kunst herabsinken

kann, so läßt sich auch umgekehrt das farbig verdunkelte Hellfühlen

expressionistischer Kunst mit ihrer radikalen Gegenstandsorientierung

als der nächste Raum vor dem Haus der kommenden Parusie verehren.

Nur bleibt, abschließend zu sagen, der Künstler, auch der, welcher

künstlerisch am Ausbrechendsten ein Predigender, ein Erkennender, ein

Inhaltlicher sein will, stets im Diesseits stehen. Es sind aufregende,

aber vorerst nur gemalte, nur in sich selbst gefärbte Fensterscheiben,

diese Wachträume besser gewollter Welt; und solches ist das Kriterium

der ästhetischen Erhellung, auf ihre letzten Kategorien hin angesehen:

wie könnten die Dinge vollendet werden, ohne daß sie apokalyptisch

aufhören; wie könnte jedes Ding und jeder Mensch an seine oberste

Grenze, dem Sprung entgegen, getrieben werden, dargestellt, das

heißt immer noch, wenn auch mit expressionistischer Abkürzung und

Direktheit, gespiegelt und doch, was darüber das Wichtigste ist,

vollkommen erleuchtet, solange das innere-obere Licht noch verborgen

ist und der Sprung seiner ganz anders verwandelnden Einsetzung des

Herzens Jesu in die Dinge, die Menschen und die Welt noch aussteht.

Früher, als man noch nahe war, das heißt bevor sich die Augen

verdichtet hatten, bevor es die neuzeitlichen Stile, Stilisierungen

gab, hatte man Flügelstiere, obere Säulenstellungen, das Geheimnis

des Querschiffes, Märchen, die transzendentalen Bindungen der Epopöe,

das göttliche Leben selber nach seiner gegen die Welt zu gelegenen

Glanzseite im künstlerisch-deskriptiven Blick: dasselbe, was jetzt

anders, trüber, dunstiger, abendlicher, wärmer sich erhellend, im

engeren Raum des Subjektivismus uns nahestehend, -- die Dostojewskische

und Strindbergsche Sphäre einer reinen Seelenwirklichkeit, einer

rein moralischen»Transzendenz«der Begegnungen, der Haßkonflikte, der

Liebesfülle, des völlig übersozial Menschenhaften bilden dürfte.

Farbig, am farbigen Abglanz haben wir dieses Leben, diese Predigt;

blickt man aber in die verborgene Sonne selbst, so ist das nicht mehr

Kunst, ein immer noch geformt, virtuell zurückkehrender Symbolwert,

sondern ich bin's, inneres, bildloses, ja ganz eigentlich werkloses

Gottsuchen, in dem das Objektive so wenig mehr als Hilfskonstruktion

vorkommt, daß nur noch ich allein, die Wiedergeburt, die Einrichtung

des Herzens, als Werk erscheine: Moral und Metaphysik der

Innerlichkeit, ein neues, mediumloses zu sich in Existenz Stehen der

Subjektivität, das deutlich die Immanenz des künstlerischen von der

Transzendenz des dergestalt direkten oder religiösen Gegenstandes

trennt.

[Sidenote: Die Form in der Musik.]

Trotzdem bedeutet auch dieses noch nicht, daß jedes Sprechen über

die Musik, gerade also wenn es tiefer geht, zuschanden werden müßte.

Ein Gleiten ist nicht zu befürchten, der gute Zuhörer hat seinen

bestimmten, immer noch künstlerischen Platz. Es kommt nur darauf an,

einen Punkt zu finden, von dem aus ein Blick auf die gleichsam in den

Fenstern des Werks liegenden utopischen Bedeutungsländer zu werfen ist.

Dabei bleibt es freilich die Frage, ob man überhaupt ein solches, wenn

auch rein prädikativ vollzogenes Weitergehen für nötig hält. Denn der

Bogen eines großen Werks ist rein ästhetisch durchaus geschlossen oder

vielmehr, er besitzt, woran bei einer engeren ästhetischen Betrachtung

kein Zweifel ist, in seiner künstlerischen Formwelt selber den

ausreichenden Schlußstein, ohne einem transzendentalen Deutungsgebilde

überhaupt noch Raum zu lassen. Aber nun stehen wir hier und das Werk

steht dort, es ist uns, so sehr wir auch vorübergehend gefangen

genommen worden sind, ein Leichtes, wieder von dem Werk wegzugehen, um

für neue, darunter- oder darüberliegende Zusammenhänge frei zu werden,

und so muß es daher einer Gesinnung, die noch nichts für sich beruhigt

sein läßt, der der Apparat in jeder Sphäre ein Elend ist, wohl erlaubt

sein, auch die Gebilde der Musik als bloße befestigte Unterwegs zu

betrachten und solange als bloße vestigia anabaseos zu verfolgen,

bis sie mit in dem Reigen der geschichtsphilosophischen Sternbilder,

ja des ganzen Weltprozesses erscheinen. -- Es ist schwierig, hier

hineinzukommen. Denn dem Zuhörer ist außer seiner Lust zunächst nichts

als die Ahndung gegeben. Auch diese ist zumeist nur genießerisch,

willenlos, ausruhend; sie legen sich in die musikalische Wärme wie in

den Schlaf und die Liebe. Aber nur das, was geformt ist, besteht, womit

freilich nicht nur die technische Form gemeint, noch gar der Kreis

des Seinsollenden völlig geschlossen werden soll, jedoch immerhin so

geschlossen, daß nichts dezidiert Formloses in der Musik existiert,

und es so nicht angeht, das übertechnisch Persönliche und Geistige

dieser Kunst in ein laxes, unabgeteiltes Ergriffensein zu verlegen.

Gewiß kommt es nicht darauf an, hier die Läden zuzuhalten, um ja nur

das kleine, umzirkelte Leuchten in der Ritze formkritisch nachzeichnen

zu können. Aber was dahinter wirkt, der volle Tag, ist auch Form,

erst recht Form, wenn anders es möglich ist, geschichtsphilosophisch

über die Musiker zu denken und die Prophezeiung der nächsten Kurven

zu übernehmen. Es wirkt der Schöpfer und sein Was als jeweilige

Form, nicht beliebig, wie es nun einmal da ist, sondern er ist

nicht anders da denn in einem geschichtlich-periodischen System der

musikalischen Ichgegenstände und Ichsphären. Nur geht, wie zu sehen

war, der große Schöpfer in sein Was, ohne die unteren Formeln der

Vermittlung zu verspüren. Diese dürfen nicht mehr weiter mit der

Form als Gegenstandsbestimmtheit verwechselt werden und man soll aus

ihrer nichtsbedeutenden Kompliziertheit kein Geheimnis machen. Nur

das, was sich bereits bei der Opernmusik als sinnhaft bestimmende,

genauer gesagt, sinnhaft vorbereitende Formbeziehung herausstellte:

das besondere Rhythmisieren, der graziöse, der stimmige, vor allem

aber der dramatische Kontrapunkt, ist mehr als ~Mittel~, mehr als

~Formel~, nämlich ~Form~, ist keine Mittelgesinnung, kein

Werkfaktor, sondern eine, freilich ebenfalls nicht endgültige Art von

Gegenstandsbestimmtheit. Mithin und jedoch, um auch hier wesentlich

weiterzukommen, muß ein besonderes sich Erfahren eingesetzt werden.

Es liegt auch hier an einem Anderen, wenn es bedeutsam klingt, als

daß zu den Längen der schwingenden Seiten von 1: 2 oder von 3: 4

oder auch zu kontrapunktischem Wenn und Aber gegriffen worden ist.

So wenig man einen Menschen verliebt machen kann, so wenig läßt sich

bewirken und beweisen, daß das, was die Stimmung mehr oder minder

eindeutig vorbereitet, nun auch das geistige Weben, die Erfahrung

Musik selber erzeugt. Zumal da es sich letzthin weder darum handelt,

das Erlebnis des rezeptiven Menschen zu beschreiben, das sich ja

sowieso, wo es nicht bloß eudämonistisch ist, gegen Ende im Nebel

der Symbolintentionen verliert, noch auch den Schaffensprozeß des

Künstlers zu verdeutlichen, der erst recht nicht zu Ende geht (wenn

er auch noch so unentbehrlich sein mag, um an seiner Hand zum Ende zu

kommen), der aber in einer absolut gemachten Phänomenologie seiner

Akribiezustände, des Tons, der Harmonie, des Rhythmus, des Kontrapunkts

an sich, überhaupt vergessen läßt, daß hier von Kunst die Rede ist.

Wie das verschlungenste Gewebe durchaus noch nicht dichtet, was es

ja auch nicht soll; wie die dramatisch-symphonische Bewegung nur

einen Raum der sehr allgemeinen Bereitschaft setzt, in den nun das

poetisch ausgeführte Musikdrama»beliebig«eingefügt werden kann: so

klafft auch zwischen der gegenständlichsten Formvariable und dem

letzten, eigentlichen Gegenstand der Musik ein leerer, schädlicher,

den Übergang erschwerender Hiatus. Es ist nicht möglich, selbst in der

echten Formverfolgung direkt zu jenem zu kommen, das dem weinenden,

erschütterten, zuinnerst aufgerissenen, betenden Zuhörer an Ahndung

gegenwärtig ist; anders gesagt, ohne dieses Besondere von sich

Erfahren, sich ausgesagt Fühlen, menschlichem Überholen der Werkform,

wie es erst am Ende dieser Untersuchungen als Interpolierung eines

neuen, freilich dem Musiker zutiefst verwandten Subjekts und seiner

geschichtsphilosophisch metaphysischen Vision diskutierbar wird, stehen

sämtliche transzendentalen Formbeziehungen zu dem Apeiron still. Dabei

ist freilich das Ahnen nicht erzwingbar. Treu und Glauben regieren,

nicht nur, weil man letzterdings durchaus auf die Erlebniskraft des

Einzelnen und, wie in allen Evidenzsachen, auf die kanonische Macht

des Deutenden, deutend Konstatierenden zurückgehen muß, sondern auch,

weil bei dem Hellhören und den anderen metaphysischen Aufstellungen

tieferer Musikdeutung niemals von der gegebenen, sondern stets nur von

der utopischen Musik die Rede sein wird und kann. Dann allerdings,

beim intuitiven Menschen, behebt sich jedes Schwanken. Er fühlt

sich gelöst, es kommt ein: ja dieses ist es, was ich meine, das

habe ich hinter allem Musizieren geahnt, es wirkt plötzlich, vom

guten Zuhörer aus gesehen, das Aha-Erlebnis des gelichteten Nebels,

es erscheint der vollkommene Künstler selbst, und aus dem Schleier

der rezeptiven Symbolintentionen tritt das erträumte, das utopisch

weiterwachsende Schloß der Musik ans Licht. Wo also die Dichtung

die musikalischen Kreise störte, kann sie die Deutung zwar nicht

vollenden, aber doch eingedenkend und fern von jedem bloßen Kommentar

auf die urbildliche Landkarte einzeichnen. Zwar,»unsere Taten selbst,

so gut als unsere Leiden, sie hemmen unseres Lebens Gang«; aber es

gibt noch ein anderes Blut, das mitarbeitet, einen weitertreibenden

Begriff des künstlerischen Wesens, den»letzten«Künstler als

Metaphysiker der Kunst, das ist als letzten Bewahrer des künstlerischen

Gegenstands, als Schöpfer des Gesamtkunstwerks ~inhaltlicher~

Art, im homogenen Medium des spekulativen Begriffs; es gibt eine

von selber schöpferische, nicht nur kommentierende, sondern

spontane, spekulative Ästhetik, jenseits aller Material- und

Konstruktionsversperrung, und erst in dieser ihrer Deutung errichtet

sich die wahrhaft»absolute«Musik.

Mittel, Formeln und Formen der transzendentalen Musiktheorie.

Nichts mag hier also von selber klingen.

[Sidenote: Der freie Ton.]

Es kann nur in uns erwachen. Der Ton wird von uns verdichtet,

qualitativ gefärbt und verschwebt sogleich. Nur wir sind es, die ihn

erheben, mehr noch, die ihn feststehen und mit unserem Leben sich

beseelen lassen. Zwar es ist nicht zufällig, daß gerade dieser zarte,

durchsichtige Leib erwählt wird. So gewiß auch die Trunkenheit nicht im

Wein, sondern in der Seele steckt, so fühlbar wirkt doch im natürlichen

Ton ein hinüber Schweben und Sprechen, das ihn allein vor anderem

als musikalischen Stoff geeignet macht. Aber schon, was die Quinte

angeht, so ist das alles nur schön, weil es ausgewählt ist, weil es

zu weiteren, unnatürlicheren Bezügen veranlaßt, und erst im Bruch mit

diesen direkten Neigungen vermag der Mensch zu singen.

* * * * *

[Sidenote: Die beliebige Harmonielehre.]

So gilt es darum, sich weit hindurch zu fühlen.

Geist der Utopie · 第 15 / 39 段