Zunächst können wir darin gleichsam tasten. Der Ton zieht nicht herab,

aber er füllt gut aus und läßt uns derart etwas als wirklich empfinden.

Wir sträuben uns deshalb nicht umsonst dagegen, ein stummes Lichtbild

anzusehen. Denn hier ist nur der optische Eindruck des Schwarz-Weiß

ausgeschnitten, und da er einfach so gegeben wird, wie er ist, so

entsteht gemäß der Ausschaltung des Ohrs der unangenehme Eindruck

einer Sonnenfinsternis, eines schweigenden und sinnlich verminderten

Lebens. Aber nun übernimmt das Ohr eine eigentümliche Funktion; es

leistet die Vertretung aller übrigen Sinne, es hebt das Knistern, sich

Reiben der Dinge, das Sprechen der Menschen irgendwie von ihnen ab,

und da es musikalisch in der Wirklichkeit nichts genauer, vergleichbar

Gestaltetes gibt, so wird die Klavierbegleitung zum Lichtbild auch

nicht als eigentlich kunsthaft, sondern nur als auf ihre Weise

photographisch ergänzend empfunden. Ebenso läßt sich nun behaupten, daß

der tönende Fries, den die Oper der Bühnendichtung untermalt, nicht

an sich schon wegführt, sondern lebendig, wirklich, charakteristisch,

sinnfällig macht, und zwar in desto umfassenderem Maße, je mehr sich

die Musik in die Weite der Handlung, der dramatischen Bewegtheit und

nun gar erst des sonst Entlegenen, Übersinnlichen hinausbegibt. --

Schon unten muß darum alles entsprechend ansetzen und verwirklichen.

Der Steuermann schläft leise ein, und der Ton, bis der Anker in den

Grund sinkt, darf ihn dabei nicht stören wollen. Das Singen ist

durchaus intensiv und dieses macht es auch erweckend oder real. Nun

muß der Ton freilich verschiedenartig und abgestuft verwirklichen.

Das heißt, er muß sich aufsparen können, er muß an allen Stellen,

wo nur das einfache, wenn auch bewegte Leben spricht, möglichst

leidenschaftslos zurückgehalten werden. Wer zuviel beweist, beweist

nichts; und es war gerade der, allerdings leicht erringbare,

Vorzug der geschlossenen Oper gewesen, rezitativisch zu begleiten

und erst dorthin die Arie, die regierende Musik zu setzen, wo es

dichter,»wirklicher«wurde in der Handlung, wo es sich zusammenzog und

die Menschen daher notwendig singen mußten. Die offene Oper läßt es

überall dagegen markiert zugehen; und nicht nur, daß dadurch vieles

rein Handlungsmäßige unverständlich bleibt, die Musik begibt sich

hier auch sehr oft der frischsten und schönsten Wirkungen plötzlich

eintretender Heterogeneität, deutlicher Mehrstufigkeit des Wirklichen.

Nur um diese nicht zu verlieren, sucht Wagner unermüdlich zu steigen,

zu fallen und wieder zu steigern, derart Niveauunterschiede in die

an sich gleichmäßig bergige Landschaft des durchkomponierten Stils

einfügend. Aber das macht oft unleidlich überheizt und pathetisch,

wo es dem Wort, dem Wirklichkeitsrang nach gar nicht erforderlich

wäre. Nicht als ob hier das fließende Aufsteigen verloren gehen

solle: jedoch man kann allein schon im Verdischen Othello, in diesem

ganz einzigartigen Geniewerk an Stille, Tiefe, Reife, Fülle des

Sprechtons (oft ganze Sätze entlang auf derselben Note) und dann des

Lieds, des Zwiegesangs, des wildesten Ausbruchs, des Heraufdonnerns

der Katastrophe, der Akkorde des Endes der Heldenlaufbahn, -- eine

Vereinigung des abgestuften mit dem durchkomponiert dramatischen

Opernstil erkennen. Es müßte hier lediglich paradox genug, wieder

dasjenige am Ende der symphonischen Entwicklung geleistet werden, was

die Mannheimer an ihrem Anfang als das sich Verdunkeln, Erhellen,

Verschieben, Diminuendo, Crescendo, mithin als Reliefbildung geleistet

haben, sofern eben die begleitende Polyphonie allmählich monoton

und aus lauter Übersteigerung schließlich zu einem neuen Continuo

ohne alle Ökonomie musikalischer Realisierung geworden ist. Nur ganz

oben läßt auch bei sparsamer Verwendung des Oben die verstärkend

ansetzende und verwirklichende Kraft scheinbar nach. Und zwar dort,

wo der Ton blumig macht, die Schärfe abstumpft und jede Entrücktheit

wohlig real, das heißt in diesem Fall mit dem musikalischen nach außen

Kehren des Inneren umkleidet. Das kann nach einem guten wie nach einem

schlechten Sinn hin ausschlagen; schlecht und flach realisiert ist

die Wirkung, wenn einfach nur zur Stimmung geblasen wird, wenn der

Held, wie Schlegel sagt, trillernd zum Tode abgeht, wenn wir, wie

im halb melodramatischen Schluß des Egmont, »aus der wahrsten und

rührendsten Situation in eine Opernwelt versetzt werden, um einen

Traum zu sehen«. Anders wird es uns aber an jenen Stellen zumute, wo

der Meister des besser Realen spricht, wo man die Primadonna und den

niedrig verdichtenden Schmelz des Heldentenors vergißt, wo etwa die

Wagnersche Musik wieder»lyrisch«zeichnet und sich in ihrem Adagio der

Mozartschen Märchenoper, diesem ersten Teppich des Ontologischen,

annähert. Das bedeutet jedoch auch dann in keiner Weise, daß damit

die verstärkende, realisierende Kraft der Musik, ihre ungeheure

Methode des Verwirklichens zum tönenden Schweigen, zur Realisierung

der Tiefe erloschen wäre. Sondern umgekehrt, nur ihr Gegenstand ist

tiefer gerückt; es ist der stillere, tiefere Kern, irgend eine letzte

entscheidende Peripetie und Schicksalsbegründung, die in den Schein der

musikalischen »Realität«gerät; in den Schein einer gleichbleibenden

charakteristischen Intensivierung, wie sie statt des Sinnfälligen das

Sinnhafte bringt, mythisch macht, das heißt eben die andere, tiefere

Realitätsschicht eröffnet und statt der veristischen Wirklichkeit der

Spieloper, Abenteueroper, Handlungsoper die utopische Wirklichkeit

der transzendenten Oper in Szene setzt: Spuk und Maskenspiele, den

Lachspiegel für die heitere, den Zauberspiegel für die ernste Oper;

die Musik, die erklingen muß, sobald das Übersinnliche in die Handlung

eintritt, damit nach Busonis guter Operntheorie das Unmögliche der

Musik dem Unmöglichen, Visionären der Handlung sich verbinde und derart

beide möglich werden. Vielleicht ist Jean Paul im Recht, wenn er

behauptet, daß sich jede Tragödie als ein wenn auch heterogener Teil

in ein weiterlaufendes Epos einsetzen ließe. Aber sobald das Harte und

Durchsichtige des bloßen Wortgebildes verschwindet, sobald der Schein

der musikalisch tiefdringenden Erweckung, Verwirklichung, Pointierung

das sich rein abstrakt Absetzende des klassischen Dramenstils aufhebt

und die Nebelatmosphäre des untragischen Dramas erzeugt, entsteht

auch jener mythische Musikraum der äußersten Realität, der der

transzendenten Oper mit dem Gnadendrama gemeinsam ist, und der als

der Mythos der Liebe oder der Heiligkeit die seelischen Ontologien

außerhalb jedes möglichen Weltschicksals, jeder weiterlaufenden

Weltepik erschöpft.

Es ist hier zum Anderen nicht allein so, daß die Tonfolge beliebig

ist und einfach, wie es sich beim einzelnen und undramatischen Melos

zeigte, der»Anschlag«, also diesmal der poetische Gebrauch schlechthin

entscheidet, sondern der dramatische Ton dichtet weiter und setzt sogar

einen selbsttätigen dramatischen Umriß, der freilich letzthin über das

Wort hinauszielt.

Das ist nicht ohne weiteres selbstverständlich und wurde mehrfach

scharfsinnig bestritten. -- Hier soll der Ton versuchen klein zu

bleiben, er braucht nicht zu wachsen. So trennt Pfitzner durchaus

das einzelne melodische Ausmalen von dem ganzen und begründenden

Zug dichterischer Art. Es klingt unzweifelhaft bestechend zu sagen:

wenn ich das Wesentliche einer musikalischen Arbeit angeben will,

so werde ich das erste Thema pfeifen. Wenn ich aber das Wesentliche

einer Dichtung erzählen soll, dann werde ich umgekehrt gewiß nicht

den ersten Satz zitieren, sondern die Grundzüge der Handlung oder den

Plan des Ganzen berichten. Gerade so unsinnig, wie einem derjenige

Komponist vorkäme, welcher sagte, er trüge eine Sonate oder Sinfonie

im Kopf, zu der er aber noch kein einziges Thema hätte, erschiene

derjenige Dichter, welcher Verse oder Sätze hinschreiben würde und

sagte, das gäbe ein Drama, von dem er aber noch nicht wisse, was darin

vorginge, von dem ihm also die große allgegenwärtige Idee noch nicht

aufgegangen wäre. Das Einzelne, Gegenwärtige ist die eigentliche

Sorge des Musikers: und dieses schön Geborene, die kleine greifbare

Einheit, der geniale Einfall als bei seiner Geburt schon fertig

entwickelt, ohne noch eines sinfonischen Auseinandergezogenwerdens

zu bedürfen, ohne überhaupt jemals durch einen anderen Zusammenhang

seine Wirkung zu verändern, ist das eigentlich wertgebende Element

in der Musik. Umgekehrt ist das Durchwaltende, Allgegenwärtige die

eigentliche Arbeit des Dichters: als das erst zu Erzielende, als

die große ungreifbare Einheit oder geniale poetische Idee, wie sie

sich allmählich, statt»komponiert«zu werden, von oben nach unten

niederschlägt,»verdichtet«und doch allein nur als bindende, das

Einzelne ~begründende~ Intuition des Ganzen ihren Wert besitzt.

Wenn daher diese beiden so völlig verschiedenen Arbeitsweisen verbunden

werden sollen, dann kann es nur insofern mit Gewinn geschehen, als

das der einzelnen Kunstart allein angehörende Elementare betont und

ergänzungsweise ausgeglichen wird. Es gibt daher ein schlechtes

Musizieren, das breit erzählend oder gar gedanklich werden will, und

es gibt ein schlechtes Libretto, das entweder zu stark im Einzelnen

ausgeführt hat oder aber das als bloßes Gerüst zum Aufhängen

von Duetten, Arien und Ensemblesätzen die sachliche Begründung

der Handlung verabsäumt. Die eigentliche Sendung der Musik ist,

akzidentiell zu sein: sie hat auf selbständige Formenbildungen, auf

den geschickt verteilten Kitt der sinfonischen Arbeit zu verzichten,

die die ehemalige Trennung von Einfall und herkömmlichen Tuttisätzen

zugunsten einer aus Einfall und Reflexion ununterscheidbar gemischten

Einheitlichkeit des Ganzen aufgehoben hat. Nicht umsonst ist die

Geschichte der Musikformen die chronische Verlegenheit geblieben,

musikalisches Einfallsmaterial unterzubringen. Die Sendung der Poesie

ist, substantiell zu sein: sie hat also auf das sinnlich Einzelne

zu verzichten, das heißt, der Musik Platz zu machen und dieser in

einer möglichst knappen, oft auf Symbole zusammengedrängten Handlung

sowohl die Stimmungsgrundlagen als auch die dramatische Begründung,

Notwendigkeit und Schicksalsidee aus dem nur der Poesie zugänglichen

Reich formhafter, komplexhafter Logik zu liefern. Deshalb liebt

Pfitzner sich und Schumann und spielt ihn gegen Liszt aus; deshalb

ist ihm der Freischütz und vor allem die Wolfsschluchtsmusik das

Urbild der vollkommenen Oper: die Grundfrage der Operndichtung ist

gelöst, und Pfitzner sieht das gefährliche Ineinander des dramatisch

erzeugenwollenden Musizierens in dem Begriff einer sowohl musikalisch

wie poetisch elementaren, also spezifisch musikdramatischen Konzeption

vermieden. Vieles daran ist nun so richtig, als es scharfsinnig ist

und es ist merkwürdig, wie scharfsinnig oft auch das Falsche sein

kann. Denn wäre es so, wie Pfitzner sagt, dann hätten gerade die

kleinen und mittleren Meister am instinktsichersten, mit dem besten

Einfall gearbeitet. Es gibt gewiß ein leeres, errechnetes Arbeiten

und eine Hochstapelei, die sich Beethovenisch gibt, wo nichts als

Hohlheit vorliegt, wo das thematische Gewebe nicht einmal Reflexion,

sondern was die Tuttisätze waren, nämlich Schablone geworden ist.

Es gibt nicht minder gewichtige Einwände gegen die Beethovensche

Art selber, klanglos, liedlos, allzu arm an Stimmen zu werden und

bei allem Schwung oft unorganisch zu kontrapunktieren. Ebenso ist

Pfitzner im Recht, wenn er manche tote Wagnerstelle anmerkt, in der das

Rezitativ nichts zu sagen hat, weil auch der Text schwunglos bleibt,

und in der das Leitmotiv nicht aus den rein symphonischen Gründen

der Wiederkehr, sondern nur gedanklich als eine Art pädagogischen

Orientierungspunkts in die Musik eingesetzt ist. Wenn man daraus aber

die Grenzgefahren zwischen Musik und Drama bestätigt sehen möchte,

so gibt es hier doch die Korrektur, daß nicht Schumann oder Pfitzner

oder ein anderes treuherziges, wenngleich höchst achtungswürdiges,

der Inspiration wohlvertrautes Musizieren, bei dem jedoch die kurzen

Augenblicke des Einfalls zum Einfall des kurzen Augenblicks pro domo

zurechtgemacht werden, sondern allein Bruckner und Wagner diese»Schuld

der Sonate an dem Ideal der Musik«gutgemacht haben. Es geht nicht

an, irgendwie Beethoven zu überschlagen; und zudem, es gibt sowohl

bei Bach wie bei Beethoven so etwas wie bewegungszeugende Einfälle,

deren Durchführung durchaus schöpferisch und inspirativ ist: als eine

Musik, die symphonischen Platz braucht und Weite, um diese Art Musik

zu sein, und der schon die vorwärtstragende, einbezogene Zeit eine

zeugende Gesamtvision mindestens des einzelnen Satzes, wenn nicht der

ganzen Symphonie nahelegt. Ebenso kann man sagen, wenn schon einmal

der Widerwille gegen die großen Formen musikalisch sein soll, dann hat

das symphonische Fortspinnen immer noch mehr Formen zerbrochen als

die Additionen der Musik als Einfall. Und schließlich muß Pfitzners

Nominalismus entgegnet werden, daß die Sonate und die ihr entsprechende

Geburt des Wagnerdramas aus dem Geist der Symphonie nicht nur eine

Hülse vorstellt, eine der nachträglichen, interessanten, chronischen

Verlegenheiten, musikalisches Einfallsmaterial unterzubringen, sondern

den völlig legitimen Leib eines eigenen Melos und seines ebenfalls

zeugenden, inspirativen, dramatisch setzenden Kontrapunkts. -- Darum,

um das Rechte zu sagen: hier zieht der Ton, wachsend im Flug, während

das Wort nur fällt. Wenn man darauf achtet, wie allein schon ein gutes

Lied entsteht, so bemerkt man augenblicklich, wie wenig hier das

Einzelne verlebendigt wird. So ist bei Pfitzner selbst, bei Hugo Wolf,

bei Bach, bei Wagner der Ton jeweils nur äußerlich dem Wort angepaßt

und weit davon entfernt, gleichsam nur atomistisch aufzutreten. Es

ist hier durchaus ein Gerichtetsein auf das Wesentliche am Werk;

dergestalt, daß nach der richtigen Bemerkung von Louis bei Hugo Wolf

das ganze Stück in einer überwiegend absolut musikalischen Entwicklung

herausgesponnen wird, die nur ungefähr auf das Einzelne des Textes

und die Jeweiligkeit seiner Stimmung geht, um sich statt dessen an

eine Grundstimmung im Anfang oder Verlauf des Textes zu halten, die

nun musikalisch umgesetzt und zur begleitenden Polyphonie dieser

wesentlichen Gesamtstimmung auseinandergelegt wird. Das ist freilich

eine Grenze, aber gerade eine gegen das Einzelne, und dafür eine

deutliche Beziehung hinsichtlich des Ganzen, in das nun die Dichtung

des Lieds oder auch der Oper umgekehrt ihr Einzelnes einzusetzen

hat. Nicht immer braucht hier ja, wie in Pfitzners Palestrina, ein

solcher Stilunterschied zwischen den lyrischen Visionen des ersten

Akts und dem bloß streitsüchtigen Kontrapunkt der Konzilszene des

zweiten Akts zu herrschen; es gibt Gemüt, es gibt aber darüber

eine Mystik der Reise und der Zeit. So wenig man also auch die

handlungssetzende Kraft symphonischer Begleitung überschätzen darf, so

gewiß gibt es hier doch vom Fidelio ab einen leisen direkten Zwang,

der mittelst der melismatisch-symphonischen Bewegtheit nicht nur

der Handlung nachfolgt, sondern selber Handlung, noch unbestimmte,

namenlose Handlung, die Luft, das Tempo, die Stimmung, den Bogen, das

Niveau, den Mythos der Handlung erzeugt, in die sich nun, einzeln

beliebig, insgesamt gebunden, die bühnensinnliche Anwendung und

textliche»Begründung«einzusetzen hat. Es ist selbstverständlich, daß

dazu ein knappes, übersichtliches, oft symbolweise versinnlichendes

Geschehen besser taugt als ein bereits in Absehung von der Musik

vollendet geformtes Drama; daß also Shakespeares Othello ein

bedenklicheres Textbuch abgibt als eine Strauß-Hofmannsthalsche

Beratungsarbeit oder die völlig secundum rem musicalem entworfenen

Wagnerdramen, sofern eben die eigene Fülle, prinzipiell auch die

geheimnisvollere Tiefe des Musikraums keine schon geformte, rein

poetisch, selbst in Shakespeares poetischem Ausmaß geformte Dramatik

erträgt.

Damit ist nun freilich das Wort überhaupt getroffen und ein echtes

Versagen sichtbar. Es ist nicht grundlos, daß hier fast alles zu

hoch gerät, daß in der Oper noch der ärmste Schiffer mit goldenem

Ruder rudert. Niemand kann all das Zeug mit dem giftgefüllten Ring

und Emmas Luftgestalt verstehen, aber die Webersche Musik macht

aus Euryanthe fast eine sinnvolle Dichtung. Ja die Täuschung geht

anderswo soweit, daß Pamina wie Beatrice wirkt, daß alle die billigen

Regiekunststücke der Zauberflöte wie okkulte Visionen erscheinen,

sofern eben die Mozartsche Musik das bloß Theatralische und äußerliche

Gegenspielertum vertieft und zu jenen theosophischen Tatbeständen

zurückführt, von denen im Schikanedertext selber nur mehr Wirrwarr und

dreiviertel Unsinn übrig geblieben war. Es ist auch nicht grundlos,

daß man zusammenzuckt, vor einem bloßen Trinklied von Studenten, als

welches sich scheinbar der wahrhaft höllisch treibende und stampfende

Eingangschor zu Hoffmanns Erzählungen darstellt, wie es überhaupt

fast nirgends in diesem einzigartigen Meisterwerk zwischen Ton und

Text»stimmt«, geheuer ist; oder wieder anders, wenn ein Gesell und

dann die Lehrbuben mitten im Tanz abbrechen und in harmonisch herrlich

folgenden Quarten die Meistersinger ankündigen, als ob es sich nicht

um bequeme Ehrenmänner, sondern um den Einzug himmlischer Heerscharen

handelte. Das kommt daher, daß der Ton das Wort überholt und so auch

dem Ganzen, dem gesetzten Niveau nach letzthin nicht ins Schwarze des

Textes treffen kann, weil dieses Ganze über dem Ganzen der Dichtung

hinausliegt. Deshalb kann man allerdings auch nicht sagen, daß sich

irgendeine Dichtung, gerade dem letzten Ganzen nach genommen, anders

als nur mehr oder minder beliebig und annähernd in den unbestimmt

fordernden dramatischen Musikraum einsetzen ließe; sie folgt wohl in

weiten Zusammenhängen der geheimen, übermäßigen Handlungskraft nach,

aber sie kann sich mit ihren entschleiernden, »logischeren«Mitteln dem

musikalisch geforderten Niveau nicht ohne weiteres als würdig erweisen.

Auch wo die Quarten weniger besonders klingen, auch wo die szenische

Basis höher gelegen ist als beim bloßen Aufzug der Meistersinger, ist

das vorhandene transzendentale Drama stets ärmer an Hintergründen als

die seine Schicksale, seinen Mythos zubereitende Musik; und dieses

ist erst die wahrhafte Grenze zwischen der symphonisch-dramatischen

Beziehung. -- Das schlechte Wort ist an sich schon leicht zu

überwinden. Es ist überflüssig und macht sich dem Ton gegenüber, den es

erklären will, lächerlich, wo es sich nur zeigt. Darum kann der Trieb,

sich das Entlegene in die alltägliche Sprache zurückzuübersetzen,

auch in programmusikalischer Hinsicht keine neue Bedeutung zuführen.

Hier vor allem wird endlos und unkeusch in den Tönen nach einer

Fabel herumgestochert. Es erinnert, wie sich auch Bekker, der

Beethovenbiograph, mit Recht sagen lassen mußte, an die schlimmsten

Erläuterungen»zu unserem Bilde«aus der Gartenlaubenzeit. Hier feiert

das Geschwätz von ausdrucksvoll flehenden Zweiunddreißigsteln,

vom heiter lächelnden Violintriller, von dem dreimal erklingenden

Unisono-Gis, das nach dem Scherzo im cis-moll-Quartett gleichsam fragen

soll: was tue ich in dieser Welt? -- seinen weitverbreiteten Triumph.

Hier werden die Hilfsmittel, mit denen der Klavierlehrer die lahme

Phantasie seiner Zöglinge zu verbessern sucht, zu der exegetischen

Wissenschaft der Musikpoesie erhoben: und das soll dann bei Beethoven

stehen, mehr noch, das soll der ausgedeutete, vorstellungsmäßig

klargewordene Beethoven sein, ein widerlich schmusendes Zeug, Takt

für Takt das Wörtchen bereit, dem gegenüber noch der banalste

Zeitungsroman wie eine Äneis wirkt. Man kann es so oder so sagen, und

wenn der andere Beethovenbiograph Marx den Gang der musikalischen

Handlung der Eroika als den einer Schlacht im Idealbild auslegt: der

erste Satz gibt die Schlacht selbst, der Trauermarsch schildert den

abendlichen Gang über das Schlachtfeld, das Scherzo ist die mit Lust

und Lied erfüllte Kriegslagermusik, und der letzte Satz schildert

die eilig beglückte Heimkehr zu den Festen und Freuden des Friedens,

-- so ist das auch gut, weil die Musik damit überhaupt nichts zu tun

hat und ihre Tiefe diesem nachträglich bildhaften Spiel auf populärer

Vorstellungsbasis weder verneinend noch bejahend zugänglich macht. Es

ist ganz gleichgültig, wieweit Beethoven selbst als Angeregter oder

nachträglich Genießender diese Fabelkunde unterstützt hat. Er hat gewiß

in späteren Jahren darüber geklagt, daß die frühere Zeit»poetischer«war

als die jetzige:»jedermann fühlte damals in den zwei Sonaten op. 14

einen Dialog zwischen zwei Personen geschildert, weil es gleichsam so

auf der Hand liegt«; und man weiß, wie sehr es Beethoven drängte, den

früheren Werken poetische Überschriften zu geben, eben im Zusammenhang

mit der Klage über die abnehmende Phantasie der Musikliebhaber.

Nicht minder finden sich auch bei Wagner, so in der sonst ganz

ausgezeichneten und rein musikhaften Schrift über das Dirigieren, die

anfechtbarsten Ausdeutungen zusammengetragen; wie etwa, daß das Andante

der Mozartschen g-moll-Symphonie mit dem endlichen Bekenntnis der

Seligkeit eines Tods durch Liebe schließe, oder daß die überraschende

Süßigkeit des Finales der Eroika die Vollendung des Helden in der

Liebe »symbolisiere«-- lauter Interpolationen zufälliger und der Musik

auch regional unterlegener Art. Wagner hat selbst nicht mit Unrecht

gefragt, was etwa die dramatische Handlung der Oper Leonore anderes

darstellte als eine fast widerwärtige Abschwächung des in der Ouvertüre

erlebten Dramas, ungefähr wie ein langweilig erläuternder Kommentar des

Gervinus zu einer Szene des Shakespeare. Etwas ganz anderes freilich

ist die schöpferische Beziehung Beethovens zu Leonore, Napoleon, Egmont

oder Coriolan, wo nichts bereits poetisch Vorgedachtes als Ziel des

musikalischen Ausdrucks fungiert, sondern der Name ein an sich völlig

außerpoetisches Thema ist, dem der Musiker nicht weniger verwandt als

der Poet gegenübersteht, wie ja auch in philosophischer Sphäre Hamlet,

Quixote oder Faust als direkte, genuine und nicht erst kommentatorisch

existente Probleme angesehen werden können. Nun ist dieser Unterschied

allerdings im Beethovenschen Schaffen ziemlich unwesentlich geblieben:

wenigstens gibt es keine größere musikalische Wertdifferenz als

diejenige, die zwischen den beiden Programmstücken über Wellingtons

Sieg und andererseits über die Erlebnisse einer Landpartie besteht,

wobei sich gewiß nicht die dichterischen Inhalte des damals übrigens

tonmalerisch und tonpoetisch oft behandelten Pastorale-Sujets an dem

größeren Glanz der sechsten Symphonie beteiligt haben. Wenn übrigens

Beethoven die Ouvertüre zur Namensfeier nicht komponiert, sondern

gedichtet haben wollte, so hängt diese Arbeitsverwechslung einmal

mit einem Drang nach dem»Geistigen«, der Wissenschaft Angenäherten

zusammen (demselben, der Goethe das Dichten geringer schätzen ließ

als die Erfolge in der Farbentheorie); und dann hat sich Beethoven

unter dem Poetischen sicherlich nichts anderes als jenes schweifende

Behagen in Stimmungen und Begeisterungen vorgestellt, das man so

unter »Poesie«im Gegensatz zur Prosa, zur Prosa des philiströsen,

traumlosen, unsymbolischen Lebens versteht. Aber Beethoven ist kein

Dichter, er ist weniger und mehr als ein Dichter; und was nun gar erst

die ihm scheinbar nachfolgende Programmsymphonie an blökenden Schafen,

Schwüle des Krankenzimmers, tickender Uhr, rauschenden Wasserfällen,

Kühle des Waldes und anderer, eng umgriffener, banal etikettierender

Photographie hinzugefügt hat, läßt das programmatisch Poetische erst

recht als bloßes Trittbrett zu dem inneren, bildlosen Pathos, zu der

innersten Wortlosigkeit der Musik erkennen. So muß man, auch ohne zu

denen zu zählen, die nichts als formal bleiben wollen und ihre epigonal

gehörten oder erzeugten Formresiduen für»absolute«Musik halten, mit

Hanslick-Herbartscher Grenzwacht vor der indirekten Linie, -- so

muß man aufs Entschiedenste gegen die programmusikalischen Essays

protestieren, die mit falschem Fleisch und Bein bekleiden, sofern sie

die banalste Reporterhaftigkeit als Sprache über Musik oder als die

Übersetzung dieser ewig nur fremdländisch vertrauten Kunst in adäquate

Kategorien ausgeben. Es verschlägt darum auch letzthin wenig, wenn es

Wagner so darstellt, als ob sich der Gang von der Wortvertonung zum

Instrumentalkörper umzukehren, begrifflich umzuschlagen hätte. Er läßt

den Ton, vor allem im Ring der Nibelungen und überhaupt grundsätzlich,

theoretisch, nicht zu Ende reden, sondern greift auf das Unbedingteste

zu den Krücken des Textes zurück, statt der noch ungeahnt»sprechenden«,

expressiven Zukunft der Musik zu vertrauen. Nach Wagner müßte sich

genau so wie aus dem Chor die Instrumentalmusik entstanden ist, diese

wiederum in das Drama um jeden Preis aufzulösen suchen, gleich als

ob die absolute Instrumentalmusik eine Gefallene wäre, die aus der

dialektischen Differenz des bloß metallischen Klangs nun wieder nach

der Rückkehr und Synthese des Worts, nach der Auflösung ihres bloßen

Logogryphs in den dramatisch wiedergekehrten»Chor«verlangte. Und doch

sagt Wagner selbst, der es so unerhört findet, wenn auf den Trümmern

der Operndichtkunst der Musiker als eigentlicher, wirklicher Dichter

erscheint, seine eigene Theorie desavouierend: daß im Hinblick auf

Beethovens musikalische und Shakespeares dramatische Behandlung des

Coriolan Shakespeare nur wie ein im Wachen fortträumender Beethoven

erscheint, über sich noch dieses Glühende und unertragbar Reiche als

Schein der eigentlich musikalischen Vision. Aber abgesehen davon ist

Wagner auch in einem historischen Irrtum befangen, der übersieht,

daß sich die frühesten Opern schon während der alleinigen Blütezeit

des Chors ausgebildet haben; und was später aus dem Chor entlassen

wurde und sich in der instrumentellen Sonderform weiter ausgebildet

hat, ist keine geschichtliche Mitte, deren chorischer Beginn nun mit

dialektischem Umschlag als dramatisches Ende wiederkehren müßte,

sondern der Chor ist unbeschadet der florentinischen und aller späteren

Opern, unbeschadet auch des Musikdramas und trotz der glänzenden

Ausbildung des ihm dienenden Instrumentalkörpers durchaus der oberste,

ausdrucksmächtigste Teil des Orchesters geblieben, mit steigendem

Verzicht auf die textliche, programmusikalische, dramatische»Logik«und

als der gewaltigste Höhepunkt der gerade mit ihm erblühenden reinen

Symphonie. Es ist und bleibt so das Schicksal des Worts, vor dem Ton

zum Bettler zu werden, zu der für alles Endgültige unzureichenden

Landung. O namen-namenlose Freude, singen Leonore und Floristan;

auf ihren einfachsten und rohsten Stufen schon überwindet die Musik

die Dichtung und erniedrigt sie zu ihrem Widerschein. Es gibt erst

recht keine große Musik, in der zuallerletzt noch ein Platz für

andersartig Gestaltetes und gesprochen Dramatisches wäre oder deren

Voraussetzungen nicht weiter hinaus liegen würden als die Endpunkte

auch selbst der meisterlichsten und arriviertesten Poesie; wie sich

denn das erhoffte Hellhören, das Erbe des erloschenen Hellsehens, von

dem bloß poetisch Mythischen formell und gegenständlich nicht weniger

unterscheiden dürfte als sich das Zungenreden der Jünger von dem bloßen

julianisch-literarischen Glaubenwollen an den Glauben unterschieden

hat. Zwar fragt uns Nietzsche, ob man sich einen Menschen denken

könne, der den dritten Tristanakt ohne alle Beihilfe von Wort und Bild

rein symphonisch aufnehmen könnte, ohne daß er vor diesem Wiederklang

zahlloser Lust- und Weherufe veratmete. Warum sollte er nicht? ist

dagegen zu fragen; die Musik ist nicht dazu da, um vor der Mystik

zu schützen oder geschützt zu werden; und das Lichtbild Apollons,

das»Die Geburt der Tragödie«über dem dionysischen Ozean aufgehen lassen

will, bleibt wie bei Wagner so bei Nietzsche eingestandenermaßen eine

Täuschung, eine holde Täuschung in Maß und Gestalt und universalibus

post rem statt ante rem, hinter der sogleich wieder die Urrealität

des Dionysos, tiefer gesehen, des Christus zusammenschlägt, so daß

der logische Zweck dieses Nietzscheschen Quidproquo vollkommen

unverständlich bleibt. Was wahrhaft symphonisch entworfen und zu Ende

gedacht ist, kennt auf die Dauer keine Zwischenräume seiner Welten, in

denen nun, wie bei Epikur die wirklichen Götter, so hier die Götter der

Poetik ihr wie immer hermeneutisch überflüssiges Dasein führten.

Die Deutung oder über das Verhältnis der absoluten und der spekulativen

Musik.

Das bedeutet nun freilich nicht, daß jedes Sprechen über den Ton

zuschanden werden müßte. Gewiß, der gute Zuhörer ist selten. Und noch

etwas muß hier bereits ganz entschieden betont werden, bevor wir ins

Einzelne der tonalen, harmonischen, rhythmischen und kontrapunktischen

Beziehung eintreten. Alles steht jeweils nur auf zwei Augen; es wird

nirgends möglich sein, aus diesen Mitteln direkt und ohne ein neues

Ich einzusetzen, auf dasjenige zu schließen oder dasjenige erschließen

zu können, das dem rezeptiven Menschen zugänglich ist und den Künstler

allein bewegt: Seele, Ausdruck und Inhalt.

[Sidenote: Grundlage der Ästhetik überhaupt.]

Geist der Utopie · 第 14 / 39 段