Es ist und bleibt zwar schwach genug. Man könnte das Hören dann erst

lieben, wenn man wüßte, wie man darüber zu reden hat. Das hängt mit

dem höchst unsicheren und abgeleiteten Fühlen der Menschen zusammen.

Denn diese sind so beschaffen, daß sie sich durchaus nur auf dem

Boden der Mitteilung zuhause wissen. Sie müssen Mittel haben, sich

ihr Fühlen zurechtzulegen, sofern dadurch eben eine weitaus geringere

Teilnahme, ein weitaus geringerer persönlicher Einsatz erforderlich

wird, und zudem das fehlende Verständnis eingetauscht, ausgetauscht

oder abstrakt ersetzt werden kann. Wäre es nicht so, dann wäre auch

das musikalische Zuhören weniger zerstreut und nervös. Dann würde

sich die Frage, weshalb gerade die zu spät Gekommenen vorzüglich

dazu geeignet sind, alle Aufmerksamkeit in einem Konzert auf sich zu

ziehen, weder stellen noch gar in einer für die davon Betroffenen so

peinlichen Weise beantworten lassen. Dann ließe sich vor allem bei den

großen natürlichen Neigungen, die jeder Mensch zur Musik mitbringt,

schwer faßlich machen, warum die erklärte Liebe zu dieser Kunst gerade

in der geistigen Hautevolée so selten anzutreffen ist. Die mittleren

Bürger leben mit der Musik, weil sie die Gemütlichkeit lieben und

zudem die Konzertberichte lesen, wogegen ihnen umgekehrt die Malerei

mit ihren schwerer zugänglichen Begriffen recht entlegen und wie ein

Feld erscheint, in dem man unwillkürlich Fehler schießt. Es gab jedoch

Zeiten, wo es auch für die geistige Oberschicht der Malerei vis-à-vis

so stand, bis endlich Winckelmann und neuerdings Riegl den fatalen Bann

der eigenen Teilnahmslosigkeit und Entscheidungsschwäche auf logischen

Umwegen gebrochen haben. Das Hörenkönnen ist und bleibt dagegen noch

schwach genug. Denn musikalisch gibt es leider keine alten Winckelmanns

und die neuen heißen Leopold Schmidt. Selbst der eine Halm macht bei

aller Breite noch keinen Sommer. Paul Bekker ist ein kluger Mann,

aber er läßt es uns sehr oft vergessen, und sein märchenerzählendes

Beethovenbuch ist nicht durchgehends eine Ehre. Grunsky, auch Hausegger

sind zu empfehlen, außerordentlich wichtig ist auch -- sehr außerhalb

dieser Reihe -- die Schrift Richard Wagners über Beethoven; aber zu

Riemann wird man greifen, um über alles»Theoretische«ausgiebig belehrt

zu werden, freilich leisten dafür Moritz Hauptmanns profunde Werke

noch gründlichere Dienste. Zur Opernfrage haben neuerdings Busoni und

vor allem auch, weitaus klarer, Pfitzner, schätzenswerte Anregungen

aus eigener Arbeitserfahrung gegeben. August Halm, dem wir manches

verdanken und den eine große und gebildete Schärfe auszeichnet, ist

darin bedenklich, daß er allzusehr nur handwerklich wertet, allzu

buchstäblich kritisiert und allzu durchgehends nur nach gut erfundenen

Themen und ihrer dynamischen Bewegung analysiert. Auch läßt sein Ton

Beethoven gegenüber manches zu wünschen übrig. Dabei gelingen ihm

freilich so bedeutsame und notwendige Leistungen wie die kritische

Analyse des ersten Satzes der Beethovenschen d-moll-Sonate; aber er

kennt und anerkennt nicht das naive, formkritisch unzugängliche,

expressive Musizieren, das einen Menschen und nicht eine Werkform

widerspiegelt und das wohl anders lauten kann als die Bekkersche

psychodramatische Auslegung. Selbst das ewige Leben wird hier nur

zu einer Welt von strengeren und höheren Gesetzen, in Halms allzu

weit gespanntem Formbegriff von Musikhaftem überhaupt, der durch

ein angehängtes Spittelerisches Mythologisieren nicht deutlicher

oder tiefer wird. Trotzdem ist sehr zu hoffen, daß sich auch die

intellektuellen Menschen bereitwilliger zum Genuß der Musik aufmuntern

lassen, sobald ihnen nur erst einmal feste, sachlich weiterleitende

Begriffe an die lenkbare Hand gegeben worden sind.

Der Gebrauch und die Tondichtung.

Nur müssen wir uns dabei selber bringen.

[Sidenote: Das sich Hören.]

Dann fassen wir sogleich, was uns gerufen wird. Der Blick, aber

vielmehr noch der Tonfall sind an sich deutlich ohne Umwege. Wir

fühlen, das sind wir; es geht auch um uns, auch wir würden so rufen

oder uns so verhalten. Der eigene, stets leise mitinnervierte Kehlkopf

läßt uns das, was uns hier zugerufen wird und spricht, gleichsam von

innen her sehen und verstehen.

Dazu kommt, daß wir uns auch in nichts besser zu äußern wissen als im

Tonfall. Er geht tiefer, und wo der Blick vergröberte und zurückweichen

ließe, wo das Schweigen beredter wird als das Sprechen, verstärkt der

Gesang noch die leiseste und unfaßbarste Regung. Er löst gleichsam

den Tonfall als das Flüchtigste und doch Kräftigste, um intuitiv sein

zu können, von den Menschen ab und sammelt ihn zum fortlaufenden,

verdichteten Gebilde. So vieles kommt hier also auf den von uns

angeschlagenen Ton an. Es ist wichtiger, was in ihm vom Singenden

selber umgeht, was also der Sänger oder Spieler in den Ton»hineinlegt«,

als was sein Gang an sich selbst melodisch enthält. Denn dieses ist

zumeist vollständig richtungslos oder setzt nur eine ganz allgemeine,

dem Belieben des Gebrauchenden weitgehend unterworfene Stimmung.

* * * * *

[Sidenote: Der Anschlag.]

Allzu wenig würde ohne dieses klar. Es bleibt ausschlaggebend, den zu

sehen, der hier musikalisch ruft oder anschlägt.

Darum eben läßt sich dasselbe auch so sehr verschieden singen.

Man weiß, wie oft ein Lied seinen Herrn gewechselt hat, ohne daß

irgendeinem Hörer das meist Ungeheuerliche dieser Veränderung bewußt

wurde. Wie ließen sich sonst auch die verschiedenartigsten Strophen

melodisch gleichartig vertonen? Man sucht dies zwar jetzt zu vermeiden,

aber auch der Schubertsche»Lindenbaum«hat diesen Fehler, also kann

er nicht ganz unbedingt sinnstörend sein. Überdies, wer kann hier

noch Ansprüche aufrecht erhalten, wenn er erfährt, daß es dieselbe

Melodie ist, die zuerst dem Volkslied:»Mein Gemüt ist mir verwirrt,

das macht ein Jungfrau zart«zugrunde lag, und die sich dann später dem

Text:»Herzlich tut mich verlangen nach einem sel'gen End«verbunden hat,

um zuletzt noch heute in der Melodie des Chorals:»O Haupt voll Blut

und Wunden«fortzuleben? Dasselbe b-fis-g, das in Susannens Schlußarie

für »sehnsuchtsvoll«steht, begleitet in der Ansprache Pogners, ohne

irgendwie rhythmisch verschoben zu sein, den Glanz des Johannistags,

mithin ein völliges jubelndes Erfülltsein, ohne daß sich das Eine in

Ansehung des intendierten Inhalts dem Anderen vorziehen ließe. Man mag

zwar einwenden, daß solches nicht beim gleichen Meister geschieht. Auch

daß Mozart gemäß seiner halb italienischen Eigenart kein vollkommenes

Muster sinngemäßer Zuordnung darstellt. Aber dafür ist Bach ein

durchaus deutscher Meister und der reichste, ausdruckskräftigste

Melodienbildner überdies. Trotzdem zeigt sich nun bei diesem, also

gerade in einem einheitlichen Gesamtwerk, derselbe Gesang, der in

der 179. Kantate Heuchelei untermalt, im Kyrie der g-dur-Messe als

Flehen um Erbarmung verwendet, und dieselbe Arie, die in dem dramma

per musica: »Die Wahl des Herkules«Wollust und ihre Abwehr (»Ich will

dich nicht hören, ich will dich nicht wissen, verworfene Wollust, ich

kenne dich nicht«) ausdrückt, im Weihnachtsoratorium einem Wiegenlied

der Maria unterlegt, wobei sich die Abweisung der Versuchung, nur eine

Terz tiefer gelegt und außer den Streichinstrumenten der opernhaften

Fassung auch noch von Holzbläsern und der Orgel begleitet, aber sonst

in nichts transponiert, zum eifrigsten Ratschlag (»Bereite dich, Zion,

mit zärtlichen Trieben, den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu

sehen«) verwandelt. Indem es jedoch anders gesungen wird, ist merklich

auch ein anderes, dem Text fügsames Bedeuten darin, und so wenig man

bei dem Wort: beten an das Bett oder den Beton oder den Bettler denkt,

und bei Ei an die Eidechse und bei Brot an die Protestanten, gemäß dem

leeren Überraschungsmoment des Kalauers, so wenig braucht selbst bei

einer rascher aufeinanderfolgenden Kenntnisnahme der fraglichen Stellen

die melodische Identität bei diesem Bedeutungswandel bewußt zu werden.

Es will demgegenüber wenig bedeuten, daß der deklamierte Gesang, wenn

er gut ist, wie fast stets bei Wagner, eine gewisse, natürlich stets

identische Doppelgängerei zu den Sprechintervallen, Sinnintervallen

betreibt, oder daß einzelne melismatische Wendungen der absoluten

Musik, vor allem absteigende Seufzermotive oder Sehnsuchtsmotive

mit dem Vorhalt, gewisse überall vorkommende, inhaltlich identische

Bedeutungen besitzen.

So haben wir es durchgehends nur von uns her und nicht aus dem

Tonschritt, was dieser bedeutet. Wird nicht vorgetragen, so bleibt

das Klingen blind. Zwar der Sprechgesang lebt das Klangleben des

gesprochenen Worts getreulich mit. Aber er ist doch nur von oben nach

unten gesehen verständlich, und auch das angeführteste Rezitativ

könnte nicht von selber darauf bringen, welches Wetter jeweils in

den oberen textlichen Regionen herrscht. Nicht anders, ja noch viel

ungünstiger steht es mit der Sprache des melismatischen Bewegtseins in

der begleitenden und absoluten Musik. Der Ton geht etwa in die Höhe

und sinkt wieder zurück, so oft bei Grieg, ein scheinbar klarer und

doch ebenfalls mehrdeutiger Fall. Er kann einmal bedeuten, daß wirklich

Resignation darin steckt, wie etwa in der wunderschönen Begleitfigur

zu den Worten des Sachs:»Schön Dank, mein Jung«nach dem Wahnmonolog,

aber er kann auch bedeuten, daß der Tongang ladet und sich nun,

oben angelangt, umwendet und die Überfülle ausschüttet, wie in der

jubelnden Straußschen Begleitmelodie:»Und die belohnende Lust«aus dem

Schillerschen»Hymnus«, und nichts ist dabei objektiv verschieden als

eine gewisse, an sich ganz unbestimmte Breite des intervallhaften

Rahmens, in welchem Aufschwung und raketenartige Rückkehr geschehen.

Man kann nun freilich entgegnen, die beiden hier angezogenen,

verwandten Beispiele seien melodisch nicht sehr prägnant; aber wo sie

das sind, wird der Spieler, das innere Klavichord noch viel wichtiger,

und seine eignen Klage- oder Jubelbewegungen sind den gegebenen

Tonschritten oft sogar gegenläufig, unproportional entgegengesetzt. Oft

ist das Sinken überhaupt ganz gleichgültig für die Stimmung, wie etwa

im Adagio des 5. Beethovenschen Klavierkonzerts, wo der Ton zweimal

hintereinander durch dritthalb Oktaven hindurch fällt, und statt der

Melancholie des Notenbilds lediglich eine gewisse Ruhe und Sicherheit

des Zielens und Auftreffens innerviert wird. Oft auch, wie in dem

Motiv:»Huldreichster Tag«aus den Meistersingern, das mit einem kleinen

Widerhaken in der Mitte genau die Dreiklangsoktave hinunterfällt, ist

der Ausdruck dem Fall genau konträr gerichtet; und wenn hier in der

Ouvertüre das aufsteigende Marschthema der Hörner das in den Violinen

niedergehende Jubelthema vom»Huldreichsten Tag«übergreift, so ist

es wahrhaftig nicht diese, im Orchester geschehende Gegenbewegung,

die über Glück und Unglück in der Musik entscheidet. Zwar was die

weiteren Deutungen angeht, so ist es möglich, daß davon manches den

Gebrauch unterstützt, konventionell unterstützt. Sei es, daß sie

einfach den Ton malen lassen: dann sind die tiefen Töne jederzeit

dunkel, schwer, massig, die hohen Töne jederzeit hell, leicht, luftig,

auch überirdisch, Engel, Sternenwelt, dann ist außerdem das dynamisch

Schwache an sich körperlos, schattenhaft, gespenstisch, das dynamisch

Starke an sich gewaltig, riesenhaft, ungeheuer, und zu alldem treten

noch die mehr oder minder bewegten, fließenden, stürmenden, zackigen,

ehernen Rhythmen hinzu. Sei es auch, daß die Deutungen noch gründlicher

werden und der Tonreihe eine gewisse wertbetonte Entwicklungsgeschichte

nach oben hin andichten, wonach die absteigende Bewegung in den Baß

das Aufhören und beginnende Verklingen darstellt, während, wie dies

Köstlin ernsthaft in Vischers Ästhetik ausgeführt hat, die aufsteigende

als eigentlich tonerzeugende Bewegung das Lebendige, Schöpferische

an der Musik, die Herauspressung des Klangs aus der an sich stummen

Materie vor Augen führt. Aber für diesen Naturalismus gilt dasselbe,

was für den Sprechgesang galt: daß es ohne den vorherigen menschlichen

Gebrauch keine solche Zuordnung gäbe, und daß auch die analogste

Gestaltqualität nicht von selber darauf bringen könnte, welche

Geister sich jeweils in deren oberen logischen Regionen verbergen. So

macht auch hier allein der Anschlag, der Vortrag des Redners Glück,

ein Redner zu sein, der Klang will sich nach dem Menschen wenden.

Überall wird es wichtig, auf den Ausdruck zu achten, den erst das

Gesungenwerden, der Strich der Violinen, der Anschlag auf dem Klavier,

vor allem aber jener schöpferische Gebrauch dem Notenbild hinzufügen,

ohne den weder Tonhöhe noch Dynamik noch Rhythmus irgendwie in ihrer

konventionell fixierten, das heißt nicht nach sich selbst, sondern

nach dem Gebrauchtwerden in der Mehrzahl musikalischer Literatur

fixierten Zuordnung möglich wären. Dieser Anschlag faßt sich zusammen

im Dirigieren; und zwar so, daß es sich zunächst aus Klangzauber,

Tonstärke, Steigerung, Temponahme, stimmungsmäßig kolorierendem oder

auch zeichnerisch, pedallos gestaltendem Kontrapunkt als den einzelnen

Elementen des mitgeteilten Willens verbindet. Jedoch das Dirigieren

enthält auch ein Anderes, das sicher, aber nicht buchstäblich,

geheimnisvoll angeregt, ja gezwungen, aber nicht einfach nur ausführend

(vielleicht die einzige direkte Vorschrift und Chiffre des Rhythmus

ausgenommen) die ursprüngliche Vision des Schöpfers wiederfindet,

wie sie in dem»Werk«als ihrer nur ungefähren Andeutung und bloßen

Kruste der Verwirklichung vorliegt. Es ist die Kraft des geborenen

Dirigenten, im Gegensatz zu den Zöpfen, die leblos, traditionshaft,

aber ganz eigentlich respektlos spielen, wie es dasteht; freilich auch

im Gegensatz zu den subjektiven Schwindlern, die hitzig, aber nicht

minder unsubjektiv und respektlos das fremde Werk zum Aphrosidiakum

ihrer sonstigen Unproduktivität erniedrigen --, es ist die Kraft

des geborenen Dirigenten, solange suggestibel zu bleiben, bis es

sich plötzlich von selber spielt, bis das Wunder der Verwandlung,

das Herren- und Gnadengefühl des Geniedurchgangs in ihnen geschehen

ist, und die Luft um sie herum, die Werkluft, der Gebrauch und die

Seele des Werks Beethovenisch aufglüht und verbindet. Dann ist die

geheimnisvolle Stelle erreicht, wo sich die toten Teile des Melismas

und auch der Harmonie und des Kontrapunkts wieder zur ursprünglichen

Vision zusammenfügen, und Bach oder Beethoven, also nicht dieser oder

jener scheinbare Typismus der Zuordnung, sondern die getroffenen

Meister selber als wesentlichste Chiffren und Gegenstände zugleich

verständlich werden. Man wird so ersichtlich am Ende stärker als zuvor

an den Tonfall, die Sprechweise und tönende Gebärde des Ausübenden

verwiesen, die als solche allein imstande ist, die nur schwache

affektive oder sonstwie signifikante Bestimmtheit der geformt gegebenen

Elemente oder analogisch aufzeigbaren Typismen zu verstärken. Nirgends

scheint es so sehr notwendig, das selber Mitmachen und im weiteren

den guten Interpreten zu fordern, der nicht nur alles zerstören oder

retten kann, sondern dessen rezeptiv spontane Zwischenform auch den

ewigen Erlebnischarakter der Musik, dieses nur Ungefähre, begrifflich

Unfixierbare und dauernd Prozessuale des musikalischen Gegenstands aufs

Sichtbarste unterstreicht und konserviert.

Denn es ist noch leer und unbestimmt, was musikalisch geschieht. Auch

mit dem Zuordnen zu bestimmten Gefühlen steht es schlecht. Nicht einmal

ob eine Melodie eindeutig Zorn, Sehnsucht, Liebe ~überhaupt~

ausdrücken kann, das heißt, ob es diese unsere bestimmten, schon

sowieso erlebten Gefühlsinhalte sind, auf die die Musik zielt und

worin sie eine Statue leichthin übertreffen könnte, läßt sich bei dem

Ineinanderschleifen ihrer Erschütterungen jedesmal genau unterscheiden.

Es liegt an einem Anderen als am Klang, wenn die Hörner nach Jägern,

die Trompeten nach Königen klingen, ja sogar wenn gewisse Rhythmen:

leicht beschwingt oder im drückenden Grave, -- Humor oder Majestät oder

ähnliche, von Äußerlichem assoziierte, ihr unterregionale Kategorieen

in die Musik herein bringen. Der Ton ist weder einzeln, denn dafür

ist er gleichsam zu hurenhaft; von der Poesie aus gesehen, was aber

reflexiv ist, und der gegenüber er keinen Ehrgeiz hat, nicht hurenhaft

zu sein; noch ist der Ton wieder einfach nur allgemein, denn dafür

ist er wieder zu eindeutig, zu stark, zu unabstrakt, zu auftreffend,

zu ontologisch; alles fordert hier nur erst im Ungefähren, und zwar

deshalb, weil sich in der Musik, die jeder versteht, ohne zu wissen,

was sie bedeutet, noch kein eigenes, zum Greifen klares Leben geregt

hat, das imstande wäre, bereits ganz genau bestimmte Kategorien statt

des sogleich zu besprechenden dramatischen Zwangs, mithin statt des

bloßen Umrisses symphonischer Dramatik und aufsteigender Ichsphären zu

geben. Sieht man ein Tonstück von der technischen Seite an, so stimmt

alles und besagt nichts, wie bei einer algebraischen Gleichung; sieht

man es aber von der poetischen Seite, so sagt es alles und bestimmt

nichts -- ein sonderbarer Zwiespalt, dem, wie Chamberlain richtig

betont, jede Mitte und jeder dem Verstand zugängliche Ausgleich

fehlt. Hier nützt es nichts, sich an das Technische zu halten, das

tot und Schablone bleibt, wenn man es nicht durch seinen Schöpfer

interpretiert, und es nützt auch nichts, sich an das Poetische zu

halten, um das »unendlich verschwimmende Wesen der Musik«, wie

Wagner sagt, zu Kategorien zu zwingen, die nicht seine Kategorien

sind. Hier hilft nur, gut zuzuhören und ahnungsvoll zu erwarten,

was sich in der Musik noch alles an Sprache und höchster, sowohl

überformaler wie auch überprogrammatischer Bestimmtheit bilden mag.

Schon Beethoven ist eine Faust, und seiner Kunst fehlt nicht der

deutliche moralische Wille, das ist der moralische Wille sui generis,

zuständig zur Musik: aber die Zukunft ist noch offen, und sie wird

jener grundfalschen Schopenhauerschen Definition, die hie und da

auf Wagner paßt, die jedoch im Wesentlichen den vorübergehenden

Zustand von einzelner Unbestimmtheit verewigt, um gleichzeitig eine

geschichtslose, subjektlose Bestimmtheit des gesamten Gegenstands der

Musik zu dekretieren, ein non liquet gemäß der Unabgeschlossenheit des

vorliegenden Materials entgegensetzen lassen.

[Sidenote: Die schöpferische Vertonung.]

Freilich, was von uns an klingt, kann irgendwie dennoch fordern.

Es macht einmal schärfer, eindringlicher, wirklicher und setzt sodann

rein tonal einen leisen, handlungsmäßigen Zwang.

Geist der Utopie · 第 13 / 39 段